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The Travel Episodes

The Great Calusa Blueway, Fort Myers, Florida

100 Meilen auf den Spuren der Calusa

Der Great Calusa Blueway ist ein fast 200 Meilen langer Paddel-Trail vor der Golfküste von Fort Myers. Dirk Rohrbach folgt dort den Spuren der Calusa-Indianer, die die Region im Südwesten Floridas einst besiedelten.

„Hier sind wir auf dem Gipfel! Ein netter, sonniger Platz.“, sagt Mike Hammond. Wir haben nur ein paar Minuten bis hierher gebraucht. Ein kurzer Pfad durch dichten Mangrovenwald führt vom Wasser auf den Hügel. „Das ist der höchste Punkt in ganz Lee County“, sagt Mike. „30 Fuß über dem Meer.“ Keine zehn Meter sind das. Und die werden auch nur erreicht, weil die Calusa den künstlichen Hügel mit unzähligen Muscheln über viele Generationen aufgeschüttet haben. „Je bedeutender du warst, desto höher durftest du hier leben“, sagt Mike. Er ist der Koordinator des Calusa Blueway und begleitet mich auf der ersten Etappe. „Außerdem konnte man von hier oben die Feinde sehen, wenn sie sich näherten. Es weht immer eine leichte Brise. Und bei einer Sturmflut ist man besser geschützt.“
 

 
Mound Key ist die erste Station auf meiner 100 Meilen langen Reise auf den Spuren der Calusa, denen ich eine Woche lang folgen werde. Die kleine Insel aus vielen Tonnen Muscheln ist heute ein State Park, etwa einen Kilometer im Durchmesser und nur vom Wasser aus erreichbar. Mike und ich sind mit unseren Seekajaks am Morgen auf dem Estero River gestartet. Nach einem kurzen Flussabschnitt erreichen wir die Estero Bay, eine kleine Bucht, die durch eine Reihe schmaler Barrier Islands vom Golf von Mexiko getrennt wird. Es ist sonnig und windig, so sehr, dass wir Mühe haben, Kurs zu halten.

Anfangs fremdle ich noch ein wenig mit dem Boot. Bisher bin ich fast ausschließlich im Kanu gereist, habe eines aus Birkenrinde gebaut und bin damit vor Jahren den gesamten Yukon River von den Quellseen bis zum Beringmeer gepaddelt, 3000 Kilometer. Jetzt sitze ich in einem Kajak, mit Schwimmweste und Spritzdecke, die das komplette Cockpit überzieht. Sie soll Spritzwasser von Wellen oder vom Paddel abhalten. Für die Ausrüstung hat mein Boot zwei Luken, durch die ich beladen kann. Außerdem gibt es ein Ruder, das bei Bedarf ins Wasser geklappt wird und mit dem ich über ein Pedal den Kurs korrigieren kann.

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Noch gewöhnungsbedürftiger ist die Landschaft. Hinter Mangrovenhainen und kleinen Inseln flankieren Wohnhäuser und Hotelanlagen die Ufer. Ein paar ausladende Brücken am Horizont verbinden die vorgelagerten Inseln mit dem Festland. Paddeln war für mich eigentlich immer eine Flucht in die Wildnis, raus aus der Zivilisation und zu Orten, die man sonst nicht erreichen kann. Hier wird das Paddeln auch zu einem urbanen Abenteuer.

Auf Mound Key aber betrete ich eine andere, verwunschen wirkende Welt. Die Insel war das zeremonielle Zentrum der Calusa, als die Spanier im 16. Jahrhundert zum ersten Mal versuchten, die Gegend zu besiedeln. Und anfangs blieb es auch bei dem erfolglosen Versuch. Denn die Calusa galten als fierce people, als wütende Krieger, die die Eindringlinge zurückdrängten. Im Gegensatz zu anderen Stämmen im heutigen Florida bauten sie kein Getreide oder Gemüse an, sondern lebten primär vom Fischfang. Und sie sammelten Muscheln, mit denen sie dem Meer auch Land abtrotzten. Dutzende von Muschelinseln entstanden über viele Jahrhunderte, ehe die Calusa, wie alle anderen Stämme, vor der Übermacht der Europäer kapitulierten und Ende des 18. Jahrhunderts ihr Territorium aufgeben mussten. Heute gibt es keine Nachfahren mehr. Aber ein paar ihrer Inseln sind geblieben und werden von Archäologen untersucht und geschützt.

„Die Calusa lebten hier mehr als 600 Jahre lang“, sagt Alison Giesen vom Mound House, das Mike und ich als nächstes ansteuern. Es liegt auf Estero Island, einer schmalen, der Küste vorgelagerten Insel. „Mound Key, wo du vorhin gewesen bist, war so was wie ihre Hauptstadt, wo auch der Häuptling lebte. Und hier hatten die Calusa eine kleine Siedlung“, sagt Alison weiter. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Auf dem Grundstück am Wasser steht ein knapp hundert Jahre altes Haus, das die Stadt Fort Myers vor ein paar Jahren kaufte und restaurierte. Dabei wurde auch der nachträglich gebaute Swimmingpool wieder entfernt. So stieß man auf meterdicke Lagen von Muscheln, die die Calusa ursprünglich aufgeschüttet haben.
 

 
„Viele Historiker und Archäologen bezeichnen die Calusa als die Muschelmenschen, nicht nur wegen der Hügel, auch weil sie die Muscheln für Schmuck, Werkzeuge und sogar Waffen verwendet haben“, sagt Dexter Norris. Der Biologe arbeitet ebenfalls für das Mound House, das vor kurzem in die Liste historischer Gebäude aufgenommen wurde. Auf einem Picknicktisch neben dem Haus hat Dexter große Muscheln, eine Halskette aus kleinen Muscheln und eine krude Messersäge gelegt. „Das sind Zähne von einem Hai am Endes des Stöckchens. Die raue Haut der Haie haben sie auch verwendet, als Schmirgelpapier“, erklärt er. Daneben steht noch eine kleine geschnitzte Holzskulptur auf dem Tisch. Sie zeigt einen Calusa auf einem Einbaum, der sein Boot mit einem Stock anschiebt. „Die Calusa haben die Boote aus Kiefern oder Zypressen gefertigt“, sagt Dexter. „Der Baum wurde gefällt, von Ästen befreit und nach Hause gebracht. Die ganze Gemeinde hat dann mitgeholfen, ihn auszuhöhlen. Und nach zwei Wochen hatten sie ein fertiges Kanu.“
 
 

 
 
Das war im Schnitt fünf Meter lang, wie mein schnittiges Seekajak. Ich schiebe es am Nachmittag wieder ins Wasser, Mike verabschiedet sich hier von mir. Ich schließe die Spritzdecke und paddle zurück in die Mangroven. Der Wasserweg durch das dichte Labyrinth verengt sich zunehmend. Die Landschaft hier scheint sich seit der Zeit der Calusa nicht verändert zu haben, bis auf ein paar wenige Marker im Wasser, die den Weg weisen.

Mangrovenwälder zählen zu den wichtigsten und bemerkenswertesten Ökosystemen der Erde. Mehr als 100 verschiedene Arten soll es geben. Sie schützen die Mündungsgebiete an den Küsten vor Erosion und sind Lebensraum für unzählige Fische, Krabben und Vögel, die in Wipfeln der Bäumchen und Sträucher nisten.
 
 

 
 
Am späten Nachmittag paddle ich aus dem Tunnelidyll der Mangroven zurück aufs offene Wasser und kreuze die Bucht nach Fort Myers Beach. Dort werde ich die erste Nacht verbringen, in einem Motel, zu dem man paddeln kann. Über einen Steg in einem der kleinen, künstlich angelegten Kanäle lande ich direkt vor meinem Zimmer. Im Westen versinkt die Sonne im Golf von Mexiko. In den will ich in den nächsten Tagen auch noch paddeln. Morgen aber bleibe ich noch in der Bucht, eine weise Entscheidung, wie sich bald herausstellen soll.
 

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Zweiter Tag

Zwölf Meter Luxus

Dirk strandet nachts bei Dauercampern, die sich direkt am Wasser eine Oase geschaffen haben.

„Ich sehe mich nicht als snowbird, dafür bin ich noch nicht alt genug!“ Becky lacht laut und heiser. „Aber ich liebe es zu reisen, Menschen zu treffen. Ich fühle mich endlich frei.“ Sie meint vom Job und der Familie. Die Kinder sind alt genug, haben längst ihr eigenes Leben. Und seit Beckys Mann Billy vor ein paar Jahren in Rente ging, reisen die beiden mit ihrem luxuriösen, zwölf Meter langen Wohnmobil durch Amerika. Klimaanlage, großer Kühlschrank, Gasherd, Geschirrspüler, Toilette, Dusche, Internet, es fehlt an nichts. „Ich kann sogar während der Fahrt fernsehen“, sagt Becky. Eine Viertel Million Dollar hat der Bus gekostet. „Und in dem Moment, wo du mit ihm losfährst, verliert er an Wert.“ Anders als bei einem Haus, meint Becky. „Aber das tolle ist die Gemeinschaft“, sagt Billy. Ich treffe die beiden in Matlacha, zwischen Cape Coral und Pine Island, Floridas größter Insel. Bis Anfang der 1990er lebten die Menschen hier vom Fischfang. Dann wurden die Netze verboten, um die Bestände zu schützen. Heute ist Matlacha ein beschauliches Künstlerdorf mit gut 600 Einwohnern, Galerien, Boutiquen und Cafés. Der kleine RV Park von Becky und Billy hat nur neun Stellplätze, belegt von Dauercampern, die mehrere Monate hier bleiben, um dem Winter zu entfliehen. Das kostet fast 2000 Dollar im Monat, inklusive Strom, Wasser, Internet und Kabelfernsehen.
 
 

 
 
Als ich in der Dunkelheit hier endlich ankam, wies der Steg mir den Weg. Am Morgen war zum Wind noch die Ebbe gekommen, ich musste mein Kajak streckenweise sogar ziehen, um überhaupt voranzukommen. Das kostete Zeit, und weil jetzt im Januar die Tage kurz sind, paddelte ich bis lange nach Sonnenuntergang. Immer noch besser als draußen auf dem Golf zu sein, wo die Wellen zu gefährlich gewesen wären. Mitunter tauchten im Licht meiner Stirnlampe Marker auf, die die grobe Richtung vorgaben. Aber erst als ich in der Ferne die Leuchten des Stegs erkannte, löste sich die Anspannung.

Mittlerweile war es stockfinster und ich dankbar für Billys Einladung, auf dem schneeweißen Sand am Strand zu übernachten. Vorher wechselte ich die klatschnasse Kleidung und durfte mich am Dinnerbuffet bedienen. „Wir haben eine Mexican Night, eine Italian Night. Und wenn jemand abreist, feiern wir vorher auch noch ein wenig“, erzählt Becky mir am nächsten Morgen in ihrem Wohnmobil. Sie und ihr Mann sind gerade die campground hosts, kümmern sich aushilfsweise um den RV Park. „Das ist ein gutes Rentnerdasein“, sagt Becky und lacht wieder.
 
 

 

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Dritter Tag

Robinson auf der Muschelinsel

Ranger Ed lebt seit vierzig Jahren ohne Strom und fließendes Wasser mit Moskitos, Eichhörnchen und Hurricanes.

Der Wind ist zum Sturm geworden, der die Wipfel der Palmen zerzaust. Ich lege trotzdem ab, will heute noch weiter zu einer weiteren Muschelinsel. Calusa Island liegt ganz am Nordrand von Pine Island. Gut zehn Kilometer offenes Wasser muss ich paddeln, halte mich nah am Ufer, bevor ich in eine geschützte Bucht einbiege, die Calusa Island von der Hauptinsel trennt.

„Archäologen haben kürzlich hier Proben genommen und die Artefakte dabei auf 1200 vor Christus datiert“, sagt Ed Chapin. Er lebt seit 40 Jahren auf Calusa Island, allein. „In der Zeit ist der Strand um 40 Fuß geschrumpft, weil der Meeresspiegel steigt.“ Bei der Erosion werden aber eben auch zunehmend Artefakte freigelegt, die den Wissenschaftlern wichtige Erkenntnisse über die Calusa und möglicherweise auch über die Menschen, die vor ihnen hier an der Küste gelebt haben, geben können. Ed stammt aus Ohio, kam aber schon als Teenager nach Florida. Ich hatte mich telefonisch mit ihm verabredet, treffe ihn am späten Nachmittag am Nordstrand der kleinen Insel. Er trägt eine Armeehose mit Tarnmuster, ein ausgewaschenes Hemd, das ursprünglich mal rot gewesen sein mag, und eine blaue Kappe mit der Aufschrift Calusa Land Trust. Die Stiftung hat Calusa Island und andere Ländereien gekauft, um sie vor der Erschließung durch Investoren in möglichst natürlicher Form zu bewahren. Ed arbeitet für sie gewissermaßen als Ranger und haust in einer kleinen, zweistöckigen Hütte mit Loft. „Ich lebe seit 40 Jahren off grid, ohne fließendes Wasser. Ich habe ein Plumpsklo, sammle Regenwasser, habe Batterien für die Lichter und Ventilatoren. Das ist nichts für jeden.“ Auch wegen der Moskitos und der Hurrikane.

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Besuch bekommt Ed nur selten. Am Wochenende legen manchmal ein paar Paddler und Motorboote an. Mit denen verdient er auch seinen Lebensunterhalt. Ed hat sich als mobiler Motorbootmechaniker einen Namen gemacht. Am liebsten aber ist er allein auf seiner Insel. Gesellschaft leisten ihm ein paar Eichhörnchen, die er mit Erdnüssen füttert. Einsam wird es ihm nie, sagt Ed. Er genießt sein Robinsonleben, die Ruhe und das Alleinsein. „Ich will Dir was verraten, Menschen sind nicht meine Lieblingsspezies.“

Ed fasziniert mich, wie eigentlich alle Menschen, die losgelöst von Konventionen ihr Ding machen. Und manchmal scheinen sie glücklicher und zufriedener je karger die Lebensbedingungen sind.
 

 
Ich steige zurück in mein Boot, das mir inzwischen fast so vertraut ist wie mein Birkenrindenkanu. Es liegt genauso stabil im Wasser, ist aber wesentlich weniger windanfällig und trotzt selbst den höchsten Wellen. Hier in der Bucht werden sie von den Barrier-Islands wie Cayo Costa in Schach gehalten. Dort will ich als nächstes hin. Die Insel ist gut zehn Kilometer lang, nur vom Wasser aus erreichbar. Am Nordende von Cayo Costa liegt ein kleiner State Park, in dem ich heute übernachten will. Dichte Wolken ziehen auf, für später sind Gewitter vorhergesagt. Ich paddle deshalb nicht schnurstraks nach Westen, wo Cayo Costa in einer Entfernung von etwa zehn Kilometern liegt, sondern will mich lieber von Insel zu Insel hangeln. Das bedeutet zwar einen Umweg, aber das rettende Ufer wäre im schlimmsten Fall schneller erreichbar. Ich peile Useppa an, auch eine Muschelinsel der Calusa, die heute ein luxuriöser Privatclub ist. Von dort dauert es keine Stunde mehr bis Cayo Costa, trotz Gegenwind. Ich erreiche das Ufer gerade noch vor dem Gewitter.

„Das ist eine der letzten unberührten Inseln in Florida“, sagt Ranger Bill Nash. “Hier nisten Watvögel und Meeresschildkröten. Der Staat hat das Land gekauft, um es zu bewahren.” Für Besucher gibt es einen kleinen Campground, ein paar Cabins, Trails und mehr als fünzehn Kilometer Sandstrand, wie er so auch vor Jahrtausenden ausgesehen haben mag. „Wenn man durch Fort Myers fährt, sieht man vor allem Wohngebiete und Golfplätze“, sagt Bill, der zusammen mit drei anderen Rangern auf der Insel lebt. „Wir wollen, dass die Menschen auch das ursprüngliche Florida sehen.“ In der Tat macht das den Reiz meiner Reise hier aus. Selbst wenn ich auf dem Wasser nie ganz in der Wildnis bin, mich Motorboote, Segler und die Häuser am Ufer an die zivilisierte Küste erinnern, bringt mich mein Kajak doch immer wieder zu undurchdringlichen Mangrovenhainen, idyllischen Buchten und menschenleeren Palmenstränden.
 
 



 
 
Die ersten schweren Tropfen prasseln auf die Erde, als ich das Zelt aufbaue. Ich flüchte unter das Palmendach einer nach allen Seiten offenen Schutzhütte des Campgrounds. Auf den Bänken lege ich die gesamte Ausrüstung zum Trocknen aus und erhitze auf dem Campingkocher Wasser für eine Tütensuppe. Dann stapfe ich durch den Regen zum Waschhaus. Zwei Duschen sind draußen hinter dem Gebäude durch einen Sichtschutz getrennt. Das Wasser ist kalt und erfrischend. Müde und halbwegs sauber krieche ich in den Schlafsack.

 

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Vierter Tag

Hammerhaie, Mollusken und wilde Wellen

Floridas Westküste hat mehr zu bieten als weiße Traumstrände.

Der Wind hat den Regen über Nacht vertrieben. Dafür gibt es jetzt selbst in der Bucht white caps, weiße Schaumkronen auf den Wellen. Normalerweise ein sicheres Indiz dafür, dass es fürs Paddeln zu stürmisch und gefährlich ist. Ich will es trotzdem probieren, vertraue auf mein Boot und bleibe im Pine Island Sund. Das offene Meer auf der anderen Seite wäre zwar verlockend wild und schön aber wahrscheinlich auch zu riskant. In Ufernähe kämpfe ich mich gegen Wind und Wellen nach Süden.
 
 

 
 

Bald aber ist das Ende von Cayo Costa erreicht. Jetzt muss ich den Captiva Pass queren, eine knapp einen Kilometer breite Öffnung zwischen den beiden Barrier Islands Cayo Costa und Captiva. Hier peitscht der Wind ungebremst hohe Wellen vom Golf von Mexiko in den Pine Island Sund. Dazu kommen die Gezeiten, die das Wasser noch weiter aufwirbeln. Die Folge sind wirre Querströmungen und gigantische Wogen. Brecher rollen übers Deck und die Spritzdecke. Ich versuche die Balance zu halten und muss gelegentlich beidrehen, damit die Wellen mein Kajak nicht umwerfen. Zermürbend langsam komme ich voran, muss an Ranger Bill denken, der mir von Hammerhaien erzählte, die in den tiefen Gewässern der Pässe nach Tarpunen jagen. Diese Sportfische glänzen silbrig und können über zwei Meter lang werden. Mein Boot ist zwar mehr als doppelt so lang und glänzt weißlich, aber im Eifer des Gefechts kann das ja auch mal fehlinterpretiert werden. Unbeirrt paddle ich weiter und halte gleichzeitig nach dreieckigen Rückenflossen Ausschau. Zum Glück sehe ich keine und erreiche nach einer zähen halben Stunde endlich Captiva Island.
 
 




 
 
Die Insel wurde früher von den Calusa bewohnt, heute drängen sich Ferienhäuser und Resorts an die Strände. Florida wie aus dem Hochglanzprospekt. Schneeweißer Sand, Palmen, Sonnenschirme. Familien tummeln sich im smaragdgrünen Wasser, Kinder sammeln Muscheln. Dass die hier so reichhaltig vorkommen wie an kaum einem anderen Ort liegt an der Geologie. „Die Westküste von Florida hat ein ziemlich breites Riff, das ins Meer ragt“, sagt José Leal. Der Brasilianer ist Meeresbiologe und der wissenschaftliche Leiter des Bailey-Matthews Shell Museum auf Sanibel Island, des einzigen Muschelmuseums in ganz Amerika. „Unter Wasser ist Florida noch mal doppelt so groß. Dort leben viele Mollusken. Und wenn ein Sturm kommt und sich die Strömungen ändern, werden die Muscheln an die Strände gespült.“ Mollusken sind Weichtiere, die die Muschelschalen produzieren, um ihre verletzlichen Körper zu schützen. „Das ist die artenreichste Gruppe von Tieren im Ozean. Sie spielt also eine wichtige Rolle in der Nahrungskette und für unseren Planeten“, betont Dr. Leal. 80.000 verschiedene Arten von Mollusken soll es schätzungsweise geben. Tintenfische und Kraken gehören genauso dazu wie unsere heimischen Schnecken. Die meisten aber leben im Meer, besonders gerne in Floridas flachen Gewässern.
 

 

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Fünfter Tag

Ding Darling

Wie ein Cartoonist aus Michigan zum Vogelschützer in Florida wurde.

„Es war ein traumhafter Tag, blauer Himmel, spiegelglattes Wasser, als der Riffhai auf mich zu kam“, sagt Mark Melancon. „Er hat mich genauso erschreckt wie ich ihn. Und dann ist er blitzschnell davongeschossen.“ Knapp zwei Meter lang war der Hai, in der Regel ungefährlich für Menschen. Im Gegensatz zu einem Bullenhai. „Ich war mit einer Gruppe unterwegs und wollte ein Foto von ihr machen“, erzählt Mark weiter. „Also bin ich ein Stück weggepaddelt, habe mich umgedreht, als mein Brett plötzlich aus dem Wasser katapultiert wurde.“ Auch die Geschichte ging glimpflich aus. Denn statt des aggressiven Hais, den Mark zunächst im Verdacht hatte, war ein manatee, eine harmlose Seekuh, für den überraschenden Angriff verantwortlich.

 
 

 
 
Mark ist mein guide an diesem Morgen. Wir wollen fischen, er von seinem Paddleboard aus, ich in meinem Kajak. Das wird hier in Florida immer beliebter, als Kontrast zum Hochseefischen in teuren, PS-starken Booten. Wir paddeln aus der kleinen Bucht im Norden von Sanibel zunächst nach Osten, zurück in den Pine Island Sund, den ich seit meinem Start vor ein paar Tagen inzwischen fast umrundet habe. Mark stammt aus Louisiana, lebt aber seit Jahren hier auf Sanibel, betreibt ein Fitnessstudio und einen Verleih für Stand Up Paddleboards. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich es hier liebe. Das ist der erste Ort seit meiner Kindheit, an dem ich Wurzeln geschlagen habe“, schwärmt er. Am Nachmittag werfen wir die Angeln ein letztes Mal aus. Von einer Aussichtsplattform am Ufer winken uns Menschen zu. Wir haben das Ding Darling National Wildlife Refuge erreicht, ein Naturschutzgebiet, das einen großen Teil von Sanibels Ostküste umfasst.

„Zu uns kommen im Jahr mehr als 250 verschiedene Vogelarten“, sagt Ranger Toni Westland. „Die meisten sind Zugvögel, die den Winter bei uns verbringen.” Toni begrüßt Mark und mich, als wir an einem kleinen Strand im Schutzgebiet anlegen. Wie die Vögel wurde auch sie vom warmen Wetter angelockt. Ursprünglich stammt Toni aus Wisconsin. „Als Kind war ich da eisfischen, habe Rehe und Bären gejagt, immer in der Kälte. Bis mir klar wurde, das kann ich alles auch im Warmen machen.“ Seit sechzehn Jahren arbeitet sie nun schon hier im Ding Darling Refuge. Benannt ist es nach dem Cartoonisten Ding Darling, der vor hundert Jahren mit seinen Zeichnungen für Zeitungen berühmt wurde.

 

„Außerdem liebte er es, nach Enten zu jagen“, sagt Toni. „Deshalb beschloss er, die Ressourcen nicht nur zu nehmen, sondern sie auch zu schützen.“ Darling wurde zum Aktivisten, gilt als Initiator der sogenannten duck stamp, 1934 zeichnete er auch die erste. Diese Marken müssen Jäger seitdem kaufen, bevor sie auf die Pirsch nach Wasservögeln gehen. Die so generierten Gelder werden fast ausschließlich in die Schaffung und Erhaltung von Schutzgebieten gesteckt. „Nach seinem Tod wurde das Schutzgebiet dann umbenannt, um ihn zu ehren.“, sagt Toni. Ein Paradies nicht nur für die Vögel selbst sondern auch die zahlreichen birder, die regelmäßig hierherkommen, um sie zu beobachten. Nashornpelikane, Fischadler, Reiher, Rosalöffler oder den seltenen Mangroven Kuckuck. Die Liste der Vögel, die man hier sehen kann, ist lang. „Im Sommer, wenn die Gezeiten stärker sind, sehen wir außerdem Stachelrochen, Haie, Delphine und Seekühe“, sagt Toni. „Es ist wunderschön hier draußen.“
 

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Sechster Tag

Endspurt mit Polizeisirene

Dirk paddelt die letzten Meilen durchs Tropenparadies.

Mein letzter Tag auf dem Wasser. Susan holt mich am Morgen ab, mit ihrem Dienstfahrzeug, einem bulligen Einsatzboot mit zwei genauso bulligen Motoren und Polizeisirene. Sie arbeitet für die Marine-Einheit des Sheriffs von Lee County, dem Bezirk, zu dem Fort Myers und die Inseln gehören, die ich besucht habe. „Wir unterstützen die Fischereibehörde und sorgen dafür, dass die Gesetze eingehalten werden“, sagt sie mir. „Außerdem arbeiten wir Hand in Hand mit der Küstenwache.“
 

Heute aber wird Susan mich bis zum Ausstieg am Sanibel Causeway eskortieren, unter Einsatz der Sirene natürlich. „Damit auch jeder weiß, wo wir langfahren“, sagt sie und wirft den Motor an. Dass Susan hier ist, verdanke ich Nancy McPhee, die den Calusa Blueway initiiert hat. Sie begleitet mich ebenfalls auf der letzten Etappe, zusammen mit Mike. Der hat sein Kajak gegen ein Stand Up Paddle Board getauscht, dafür darf Nancy sein Holzkajak paddeln. „Die Calusa sind vor langer Zeit auf diesen Gewässern gepaddelt, haben sich aus dem Wasser ernährt, gefischt“, sagt Nancy. „Und mit dem Blueway wollten wir eine Möglichkeit schaffen, hier aus eigener Kraft unterwegs zu sein und völlig einzutauchen in die Landschaft. Egal ob du in einen Mangroventunnel paddelst oder in einen Schwarm Fische. Du sitzt quasi direkt auf dem Wasser und Seekühe und Delfine besuchen dich.“ Und Mike ergänzt, „Das Wasser verbindet uns noch immer, wie schon damals zur Zeit der Calusa. Ich liebe es.“

 

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Infos & Empfehlungen

Allgemein:

The Beaches of Fort Myers & Sanibel (Lee County) sind ein tropisches Inselparadies in Südwest-Florida. Die Region umfasst neben der Stadt Fort Myers auch Fort Myers Beach, Sanibel und Captiva Island sowie Cape Coral und Bonita Springs. Hunderte von teils unbewohnten Inseln im Golf von Mexiko mit unberührten weißen Stränden, exotischen Wildtieren, Mangrovenwäldern und Wasserwegen, Golfplätzen und Fahrradwegen machen die Region für Naturliebhaber, Vogelbeobachter, Golfspieler, Radfahrer und Familien zu etwas ganz Besonderem.

Anreise: 

  • Mit Eurowings dreimal wöchentlich nonstop von Düsseldorf nach Fort Myers (Southwest Florida International Airport RSW)
  • Vorteile: Schnelle Einreise, kostenfreies Wifi, deutschsprachiges Personal
  • Weitere Anreisemöglichkeiten über alle großen Flughäfen Floridas & der USA
    Entfernung von
  • Orlando: ca 3 Stunden
  • Miami: ca 2,5 Stunden
  • Lauderdale: ca 2 Stunden
  • Tampa: ca 2 Stunden
  • Naples: ca 1 Stunde

Reiseveranstalter:

Alle renommierten Reiseveranstalter wie TUI, Meiers Weltreisen, Dertour, Airtours, FTI, Canusa, America Unlimited, Hotelplan und Kuoni.

Beste Reisezeit:
Frühjahr, Herbst und Winter

Hilfreiche Links:

Deutscher Lonely Planet Reiseführer zum Download
Deutsche Website The Beaches of Fort Myers & Sanibel
Facebook https://www.facebook.com/FtMyersSanibelGermany/
Instagram https://www.instagram.com/ftmyerssanibel/
Estero Outfitters
Great Calusa Blueway
J.N. „Ding“ Darling National Wildlife Refuge
Bailey-Matthews National Shell Museum
Edison & Ford Winter Estates
Lovers Key State Park
Cayo Costa Island

© Video Tag 5: Matt Steeves

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Dirk Rohrbach

Dirk Rohrbach ist Reisender, Fotograf, Journalist und Arzt. Er erzählt von seinen Reisen in preisgekrönten Livereportagen, bloggt Weltgeschichten, schreibt Bücher und engagiert sich für die Rettung der Sprachen der amerikanischen Ureinwohner. Seit 25 Jahren bereist er intensiv Nordamerika. Gerade befährt er im Kanu den Yukon. Dirk pendelt ohne festen Wohnsitz zwischen Amerika und Europa.

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