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The Travel Episodes

Auf den höchsten Berg Amerikas

Aconcagua, 6962 Meter

Von Dominik Mohr

Ein Bergkristall entsteht über tausende Jahre. Seine Reinheit hängt von vielen Faktoren ab und ist in vielen Kulturen der Erde von großer Bedeutung. Er soll durch die Symbolik der Vollkommenheit von negativen Energien befreien und heilende Eigenschaften haben. Nun ist ein Gedanke in seiner ersten Instanz meist nur eine Andeutung von etwas Großem. Mit der Zeit wächst aus einem Gedanken eine Idee, ein Traum, ein Ziel – es wächst womöglich ein kleiner Bergkristall!
 
 

 

Die Seele des Berges

Den genauen Moment des ersten Gedankens nachzuvollziehen ist nicht immer einfach. Eine Reise zurück in der meine Geschichte lässt die Möglichkeiten fast unendlich erscheinen. Da war ich als Kind in den österreichischen Alpen, fasziniert von kleinen Klettereien die über Baumhäuser und Klettergerüste hinaus gehen. Da ist die Weite des Meeres, die mich immer wieder auf Gipfel treibt, um einen Versuch zu starten, dahinter zu schauen. Da ist die Herausforderung und noch viele kleine Dinge. Ein Meer aus Gedanken schwirrt ungeordnet durch den Kopf. Ich suche meine Vollkommenheit, mein Wunsch negative Energien abzulegen und positive Erfahrungen in mich aufzusaugen. Es ist ein Meer aus flüssigen und flüchtigen Gedanken und Ideen, die den Grundstoff für den Bergkristall bilden – gefüttert von Erlebnissen, von positiven und negativen Gedanken, von Bildern, Geschichten und Träumen.

An Bild 1

Drei Leuchttürme in meinem Meer ragen besonders hervor. Es ist der April 2013, nur wenige Wochen vor meinem Wanderurlaub in Nepal verletzte ich mich so schwer, dass ich meinen Urlaub absagen musste. Es folgen Monate in Reha. Immer mit dem Ziel, meinem Körper danach zu beweisen, dass es weiter gehen kann. Nur sechs Monate später hebt mein Flieger ab. An Bord sitze ich mit viel Unsicherheit. Wird die Wanderung im Himalaya gut gehen? Ist es nicht zu viel und was passiert wenn? Das Meer der Gedanken füllt sich und negative Verunreinigungen werden langsam an den Rand gedrängt und der Wunsch nach mehr wächst.
 
 

 
 
Etwas über ein Jahr nach meinem Unfall, es ist der 13.08.2014 sitze ich in einem Café. Mir gegenüber sitzt eine Dame, der ich viel Bewunderung entgegenbringe. Ihr persönlicher Einsatz auf allen Ebenen ihres Lebens, ihre Risikofreude, ihre klare Linie begeistern mich. Wir essen einen Salat und trinken Café. Die Sonne scheint und eine frische Brise weht uns um die Ohren. Ich erzähle von meiner letzten Tour in den Bergen und sie von ihren Erfahrungen. Sie pflanzt mit ihren Erzählungen eine Idee in das Meer. Eine einsame Ideeninsel, scheinbar unerreichbar von allen Seiten. Vage Vorstellungen von dieser Insel lassen mich träumen. Aus der Idee wächst über die Zeit ein kleiner Bergkristall, gut gehütet und verborgen hinter der mächtigen Fassade des Alltags kann er sich entwickeln – es ist mein Traum von diesem einen Berg – dem mächtigen Aconcagua!
 
 

 
 
Es dauert fast zwei Jahre, bis ich den Kristall aus meinen Tiefen bergen kann. Und wieder ist es ein Gespräch. Dieses mal mit Christian. Wir vereinbaren lose eine Absichtserklärung – das Ziel ist geboren.

Schmelzendes Eis

„Kristall“ stammt von dem griechischen „krystalos“, dem „Eis“, das niemals schmilzt. Der Kristall steht nun in Schaufenster meines geistigen Auges. Er wird beleuchtet durch die Sonne und glänzt wie das Gletschereis, das ich mir an den Flanken des Aconcagua vorstelle. Aus dem Ziel entwickelt sich ein Plan und es wird schneller Oktober 2017, als dass ich sehen kann. Das ganze Jahr haben Christian und ich geplant, mit Orten wie auf dem Bazar gehandelt und Kontakt gesucht – immer unser Ziel vor Augen. Ich taufe die Reise „Expedition 6000“. Es wird eine Expedition an unsere Grenzen und zu unserem Ziel dem Aconcagua. Wir steigen langsam in die Höhe. Erst 4000m, dann 5000m und Ende November überschreiten wird die 6000m-Marke. Es sind Grenzgänge für unsere Motivation und Leidensfähigkeit. Mit jedem Höhenmeter steigt der Respekt vor unserem Ziel.

Bild 2

Wir sind weniger als zwei Wochen vom Aconcagua entfernt, da erreicht uns eine E-Mail von unserem lokalen Partner „Mallku Expediciones“ aus Mendoza. Die Parkverwaltung des Aconcagua hat die Regularien geändert und wir müssen eine Extremsportversicherung vorweisen. Die Unsicherheit ist uns anzusehen. Uns wird nochmal direkt vor Augen geführt, dass eine Expedition zum Aconcagua kein Zuckerschlecken ist. Wir stellen uns einer Frage, die wir schon vor Monaten diskutiert haben. Wie sicher ist das Ganze? Während meine Einschätzung eher positiv ausfällt, ist Christian zunehmend unsicherer. Wir geraten unsichtbar aneinander. Das Thema beschäftigt uns und wir stellen uns die Frage, wie es weitergehen soll. Mein Bergkristall sieht fast so aus als würde er wie Eis schmelzen.
 
 

 
 

Die Grenze der Entscheidung

Nur noch wenige Tage trennen uns von Mendoza und somit dem Aconcagua. Nach unserem ersten 6000er, dem Acotango, steht die Organisation für den zweiten kräftezehrenden Gipfel, dem Parinacota. Mit über 6300 Metern ist er unsere Messlatte für den Aconcagua. Die Anspannung schlummerte den ganzen Tag zwischen uns. Wir entspannen in den Thermalquellen von Sajama, bereiten unsere Ausrüstung vor, diskutieren den Inhalt unserer Rucksäcke von Kleidung über Snacks. Definitiv keine Routine, aber aus welchen Gründen auch immer, habe ich keine Angst vor dem Berg. Es scheint machbar. Eine Tagestour ohne Abgründe. Die Gedanken sind verloren und Konzentration gewichen – so scheint es.

„Knack“ – das Eis bricht – der Bergkristall wird augenblicklich matt. Christian bricht die Stille mit einem Satz:

„Ich werde nicht mit auf den Aconcagua kommen!“

Ich sehe ihm an, dass ihm dieser Satz schwer gefallen ist. Schwerer die Entscheidung! Die Unsicherheit, die Gefahr und der Berg hat ihn beschäftigt. Ein Satz in einem Erfahrungsbericht hat ihn beschäftigt. Es sind die letzten Meter zum Gipfel des Aconcagua die ihn beschäftigen. Ich möchte am liebsten den Satz verdrängen, hoffe auf einen erfolgreichen Tag am Parinacota und darauf, dass es nicht an den letzten Metern scheitern wird. So lange haben wir uns auf diese Expedition vorbereitet, bis ins letzte Detail alles geplant und mit Freude die Reise genossen.

Selbst als unser Flieger La Paz verlässt und am nächsten Tag in Mendoza landet, fällt kaum ein Wort über seine Entscheidung. Ich schaue in einen matten Kristall. Wir stehen beide an einer Grenze der Entscheidung.

Stille

Wir sind erschöpft von dem Nachtflug und sind überfordert von Natalia, die vor Energie und Motivation nur so sprüht, als sie uns am Flughafen empfängt und uns noch im Auto die Registierungsformulare für die Expedition überreicht. Wir wissen nicht was wir sagen sollen, geschweige, was wir uns sagen sollen. Ich stehe unter Schock, hoffe und bange immer noch, dass Christian sich umentscheidet. Überreden und zwingen schließe ich von Anfang an aus. Ich bin dennoch ohne auch nur zu überlegen immer noch Feuer und Flamme für die Besteigung. Ich will diesen Berg, meinen Bergkristall, bezwingen.
 
 

 
 
Als wir zu Fuß zum Büro von Victor, dem Gründer von Mallku Expediciones, gehen, müssen wir wohl oder übel sprechen. Aber weit kommen wir nicht. Es bleibt eine unsichtbare Grenze. Mit Motivation und voller Elan begrüßt uns Victor und stellt uns Herman unseren Guide vor. Er sprüht nur vor Freude, uns zu sehen.
Die Stimmung kippt augenblicklich, als Christian Victor einbremst und seinen niederschmetternden Satz wiederholt. Victor und Herman versuchen verzweifelt Christian zu überzeugen, während ich einen stillen Tod sterbe, als Victor bezweifelt, dass die Expedition ohne Christian stattfinden kann.

Wir gehen in Unsicherheit auseinander. Christian hält an seiner Entscheidung fest und ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich halte an meinem Traum fest!

Herman begleitet uns zurück ins Hostel und prüft trotz aller offenen Punkte unsere Ausrüstung auf Vollständigkeit und Tauglichkeit. Als er uns verlässt, fallen wir zurück in eine Art Schweigen. Wie soll es weitergehen? Wir schweigen uns zu dem Thema an. Und so sitzen wir im Hostel zusammen und warten einfach nur auf eine Nachricht von Victor mit Optionen. Und eine der Optionen öffnet uns die Tür für unsere sich trennenden Wege.

Getrennte Wege

Der Druck der letzten Tag fällt mit einmal ab, als wir wieder in Victors Büro sitzen. Wir werden getrennte Wege gehen. Ich werde in Richtung Aconcagua aufbrechen und Christian in Richtung Buenos Aires. Während Christian zum Hostel zurück kehrt und seinen neuen Pfad plant, führen mich Herman und Natalia durch die administrativen Schritte, die am Ende mit der „Permit“, der Aufstiegserlaubnis, belohnt werden. Mein Bergkristall scheint wieder, die Risse der letzten Tage sind einer glänzenden Oberfläche gewichen.
 
 

 
 
Als ich am nächsten Tag zum Höhepunkt der Expedition 6000 aufbreche, sind alle bisherigen Sorgen vergessen. Die Aufregung weicht der Vorfreude auf 15 Tage am Berg mit Aussicht auf einen Gipfelerfolg. Ich bin zurück an dem Punkt, an dem ich vor sechs Jahren schon einmal hinter einem Holzgeländer stand und auf die mächtige Südwand des Aconcagua blickte, ohne auch nur die geringste Idee zu haben, dass ich diesen Berg je besteigen werde. Die Hochachtung, die ich damals den Bergsteigern entgegenbrachte, die diesen mächtigen Berg, einen der Seven Summits, besteigen, ist nun meinem Respekt vor dem Berg gewichen.

Ich genieße den Moment und die ersten realen Schritte auf dem Weg zum Gipfel…

 

* * *

Zweites Kapitel

Von Vertrauen

Wissen und Nichtwissen liegen selten so nah zusammen wie in dem Wort „Vertrauen“. Auf Vertrauen basieren Zusammenarbeiten, Partnerschaften und als reinste Form der Glaube an uns selbst. Die Überzeugung zu etwas fähig zu sein, gehört ebenfalls dazu – das Zutrauen.

Ich stelle mir die Frage nun schon seit Monaten – traue ich mir den nächsten Schritt zu? Mein Weg vorwärts besiegelt die Antwort und unterschreibt mit einem sanften staubigen Schuhabdruck am Fuße des Aconcagua den Motivationsvertrag mit mir selbst.

Ein Schritt

Es ist ein lang geplanter Schritt in eine Welt, die ich noch nicht wirklich kenne, die ich seit Jahren zu verstehen glaube, aber noch nie in dieser Exzessivität ausgeführt habe. Meine Ausflüge in die Welt der Berge war noch nie so weit weg von der gewohnten Infrastruktur. Dementsprechend unwohl könnte mir jetzt zu Mute sein, aber es fühlt sich gut an. Trotz aller Unwegsamkeiten im Vorfeld, die das Scheitern der Expedition schon so nahe erschienen ließen, trotz aller Unsicherheiten, die ich noch vor Antritt der Reise hatte und trotz meiner beschränkten Kenntnis in mich selbst.
 
 

 
 

Alleine traue ich mir das Ganze nicht zu. Den Weg zu finden ist hier das Einfachste und das mit der Einschränkung auf gutes Wetter. Schon in den Alpen kann schlechtes Wetter eine Tour in ein unvorhersehbares Risiko schicken, aber der Aconcagua ist 6962 Meter hoch. Auf über 5000 Metern ist man auf sich alleine gestellt. Kein Helikopter kann einen hier runter holen und aus einer misslichen Situation befreien. Schon ab 3000 Metern nimmt das Risiko von Höhenkrankheiten zu. Wer schon mal etwas höher unterwegs war, kennt vielleicht die Kopfschmerzen, die ein erstes Anzeichen sind. Der Schmerz ist irgendwann nicht mehr auszuhalten. Schon mehrfach habe ich Menschen absteigen sehen, weil sie an Höhenkrankheit litten. Alles was über leichte Kopfschmerzen hinausgeht, kann mitunter lebensbedrohlich werden. Jetzt ist der Aconcagua aber einer der sichereren Berge. Die Infrastruktur ist auf die knapp 3000 Bergsteiger im Jahr ausgelegt, ärztliche Untersuchungen in den Basislagern sind Pflicht und dennoch kommt es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen.
 
 

 
 
Um das Risiko so zu minimieren braucht es einen erfahrenen Partner. Lange habe ich gesucht und bin auf Victor gestoßen. Seine kleine Agentur hat sich auf den Aconcagua spezialisiert. Er ist seit über 27 Jahren Bergführer und sieht sich und seine Unternehmung als Freund am Berg. Während ich mich in den größeren Expeditionsgruppen eher als Ware fühle und der persönliche Faktor etwas verloren geht, habe ich sofort Vertrauen in Victor. In Mendoza stellt er mir Herman an meine Seite. Herman wird in den nächsten Tagen mein Bergführer sein. Und mit ihm unternehme ich auch die ersten Schritte am Fuße des Aconcagua.
 
 

 
 

Der Aufstieg

Die Fahrt von Mendoza führt aus der Ebene in ein breites Tal. Ausgewaschen von Wasser schlängelt sich der Río de las Cuevas in die Anden, in Richtung der argentinisch-chilenischen Grenze. Nicht nur die Straße folgte dem Tal, auch die alte Bahnstrecke des Trasandino nach Chile. Im Jahre 1984 stillgelegt, sind die Schienen meist gut erhalten, aber auch oft von Erdrutschen unterbrochen. Am Kilometer 159 ist der Bahnhof von Puente del Inca. Hier entspringt eine heiße schwefelhaltige Quelle und färbt den Boden in gold-rot.
 
 

 
 
In den 1940ern wurde hier ein Thermalbad gebaut, welches aber schon 1953 wieder von einem Erdrutsch zerstört wurde. Weltweit bekannt ist aber der natürliche Felsbogen, der den Fluss überspannt und ebenfalls in gold-rot schimmert. Nur wenige Meter von dem alten Bahnhofsgebäude entfernt, liegt das Camp der Maultiere, deren Services wir uns nun bedienen. Neben unserer persönlichen Ausrüstung, wie Zelte, Schlafsäcke, dickster Winterkleidung und Steigeisen, übergeben wir den rustikalen Herren mit ihren Maultieren auch Essen für die nächsten Tage. Wir werden sie noch öfter sehen und von Mendoza aus wird uns Victor immer wieder frische Lebensmittel schicken.

Bild Hirte

Nur wenige Kilometer sind es bis zum finalen Einstieg in das 24 Kilometer lange Tal, das uns bis in das Basislager führen wird. Hier in Horcones registrieren wir uns im Informationszentrum des „Parque Provincial Aconcagua“. Hier bekomme ich auch zwei dünne Plastiksäcke, deren Rückgabe mir Strafen bis über 1000 Euro erspart. Es ist ein Müllsack und ein Sack in grell-orange für meine Toilettengänge. Bei über 3000 Bergsteigern, die ihr Wasser aus Schnee in den Hochlagern beziehen müssen, ist diese Art von Sauberkeit unabdingbar. Dafür sind die Camps auch angenehm sauber. Die Toilettenbehälter in den Basislagern werden auch via Helikopter ins Tal geflogen und entsorgt. Nichts bleibt am Berg.
 
 

 
 
Nach der Registrierung am Parkeingang passieren wir den Helikopter. Agenturen und die Parkverwaltung nutzen ihn für Versorgungsflüge, aber auch für medizinische Notfälle steht der Helikopter jederzeit zur Verfügung. Danach beginnt der Pfad auf 2900 Metern sich an Lagunen vorbei zu schlängeln. Diese Oasen in der sonst trockenen Umgebung sind ein Blickfang. Im Hintergrund ragt die legendäre Südwand hinter niedrigeren Bergkämmen hervor. Ein Parkranger prüft noch einmal unsere Aufstiegserlaubnis, bevor wir den Bereich für Tagesausflügler verlassen und den reißenden Strom der Quebrada de los Horcones überqueren. Die erste Etappe führt uns nur knappe sieben Kilometer bis in das Camp Confluencia. Der Pfad ist gut, aber steinig. Herman und ich kommen aber gut voran, auch weil wir nur mit leichtem Gepäck unterwegs sind. Auf halber Strecke, zu unserer Mittagspause, überholen uns die Maultiere mit unserem Gepäck.
 
 

 
 
Die Aufregung des Tages legt sich etwas, als wir im Camp ankommen, uns beim Parkranger registriert haben und von Christian und Sol, den beiden Campmanagern von Victor, empfangen werden. Es erwartet mich eine ausgezeichnete Infrastruktur von Kochzelt, Essenszelt und Schlafzelt. Hier treffe ich auf vier Argentinier. Ihr Weg folgt in den nächsten Tagen dem meinen. Wir werden uns jeden Tag zum Frühstück sehen, uns am Berg begegnen und abends wieder im Essenszelt über den Tag philosophieren. Mit dabei sein wird immer der Mate Tee. Ein typisch argentinisches Heißgetränk, welches mit jedem Aufguss von Person zu Person weitergegeben wird. Ein sozialer Akt, der Menschen zusammen bringt und selbst auf 6000 Metern noch funktioniert.
 
 

 
 

Im Süden

Nach einer sternenklaren Nacht beginnt der Tag kühl und frisch. Wir sitzen im Essenszelt zusammen und frühstücken Rührei und Müsli. Nur wenig später stecken wir schon wieder in den Wanderstiefeln und sind auf dem Weg zum Aussichtpunkt auf „Plaza Francia“ und die legendäre Südwand.
 
 

 
 
Von hier aus starten die anspruchsvollsten und gefährlichsten Expeditionen zum Gipfel. Eis, Lawinen und Klettereinlagen bis über 50 Grad sind ein Risiko, dass nur die erfahrendsten Bergsteiger eingehen und bezwingen können. Die über 2800 Meter hohe Südwand wurde erst 1954 von einer französischen Expedition zum ersten Mal durchklettert. Am Fuße dieser Wand bildet sich ein Gletscher, der in wilder rauer Formation sich durch das Tal in Richtung Confluencia zieht. „Confluencia“ heißt es nicht umsonst. Hier treffen sich das Nebental und das Haupttal, das von der Straße aus bis zum Plaza de Mulas, dem Basislager führt. Wir lehnen uns zurück an einen Stein und genießen den Ausblick auf die mächtige Wand. Herman holt seine Flöte aus dem Rucksack heraus und spielt lokale Klänge, die sich im Tal fortsetzen.

Es ist Anfang Dezember. Noch ist nicht viel los am Aconcagua. Die Saison hat gerade erst begonnen, dennoch passieren immer wieder einige Bergsteiger unseren Rastplatz, um sich langsam an die Höhe anzupassen. Ein unerlässlicher Tag in der Höhe. Herman erzählt von seiner Passion, seiner Leidenschaft in den Bergen. Als Kind hat er angefangen immer wieder Leute durch die Berge seiner Heimat bei Cordoba zu führen und er arbeitete sich langsam aber stetig in Richtung Professionalismus. Er ist ausgebildeter Bergführer und überlässt nichts dem Risiko. Als ich ihm meine Sorgen bezüglich der anstehenden ärztlichen Kontrolle schildere, holt er seine eigene Ausrüstung heraus und kann mich nach kurzer Untersuchung beruhigen.

Als ich dann am Abend vor dem jungen Arzt stehe, der mit Leggings, kurzer Hose, blondem Bart und kleinem Zopf einen eher lockeren Eindruck macht, ist die Welt in Ordnung. Mein Blutdruck ist im normalen Bereich, meine Sauerstoffsättigung im Blut ausgezeichnet und mein Atem ohne Rasseln. Ich bekomme die wichtige Unterschrift mit der ich am nächsten Tag weiter aufsteigen darf.

Dieser Tag brachte mir neues Wissen und Einblicke in die nächsten Tage. Meine Motivation für die nächsten Tage und der gute Draht zu Herman bildeten neues Vertrauen in meine Expedition auf den höchsten Gipfel außerhalb Asiens – den Aconcagua.

 

* * *

Drittes Kapitel

Von Willen

Die Natur des Willens ist auf vielen Ebenen betrachtet eine Reflektion des Selbstbewusstseins.

Um einen Willen zu entwickeln, sind Ziele unabdingbar und dieses ist für die anstehende Expedition auf den Aconcagua klar definiert. Die Umsetzung dieses Willens wird in den nächsten Tagen viel Willensstärke, Leidensfähigkeit, Durchhaltevermögen und Konzentration erfordern.
 
 

 
 
Immanuel Kant würde vielleicht über die nächsten Tage philosophieren und sie als „eine Art von Kausalität lebender Wesen, sofern sie vernünftig sind“ bezeichnen. Dabei sind, wie in seiner Erörterung, die Freiheit und der Wille miteinander verschlungen. Diese Idee von Freiheit erlebe ich gerade an den Flanken des Aconcagua. Ob das alles hier vernünftig ist? Manch einer würde es als verrückt bezeichnen, als lebensmüde, als etwas, das nicht greifbar oder verständlich ist. Für mich ist die Besteigung des Aconcagua ein Traum, der sich endlich erfüllt; ein Ziel, das ich mir vor langer Zeit gesteckt habe und auf das ich Monate lang hingearbeitet habe. Jetzt zurückweichen vor der Herausforderung wäre definitiv ein Schritt zurück. Ich stelle mich meiner Herausforderung mit ungebrochenem Willen, Vertrauen und Respekt.
 
 

 
 

Das Leben

Von Confluencia, dem ersten Camp entlang der 24 Kilometer von der Zivilisation zum Basislager, windet sich der Pfad zuerst durch einen Canyon. Tief gegraben durch den ständigen Abfluss des Gletscherwassers verbindet eine kleine Brücke die beiden Ufer. Danach steigt es steil aus dem Canyon heraus an bis der Weg in einer langen Ebene mündet. Zur rechten und linken Seite steigen die Bergflanken steil an. Die Geschichte der Berggesteine lässt sich an den Flanken minutiös ablesen. Für Geologen ein Einblick in die Erdgeschichte, für uns als Wanderer nur eine kleine Abwechslung in sonst mittlerweile tristes rötlich-grau des Untergrundes. Ein starker Wind weht uns entgegen und zwingt unsere Blicke gegen Boden. Das Gesicht und der ganze Körper ist verhüllt, um uns vor Staub und den starken Sonnenstrahlen zu schützen.

Vild

Unmerklich steigen wir an. Ab dem „Piedre Ibanez“, einem Felsen am Ende der langen Ebene geht es merklich steiniger und hügeliger weiter. Nach etwas über sechs Stunden Fußmarsch erreichen wir das Basislager „Plaza de Mulas“ auf 4350 Höhenmetern. Matias, der Campmanager, empfängt uns mit einem kleinen Nachmittagssnack aus Wurst und Käse.
 
 

 
 

Ich fühle mich in der Zeltstadt schnell wohl. Im Camp ist an alles gedacht. Zwar ist das Leben simpel, aber unser Team ist hochmotiviert. Auch Herman, mein Bergführer, behält den Überblick. Wir schlagen unsere Zelte auf und verstauen unsere Ausrüstung. Obwohl die Saison erst begonnen hat, ist in der Zeltstadt schon viel Getümmel. Maultierkarawanen erreichen täglich das Camp und bringen neue Zelte, Ausrüstung und Verpflegung. In der Hochsaison stehen hier über 200 Zelte. Jetzt ist noch Platz.
 
 

 
 
Hier treffen wir auch wieder auf die vier Argentinier, die wir schon aus dem Camp Confluencia kennen. Wir sitzen zusammen, trinken Matetee und unterhalten uns. Es ist eine unmittelbare Freundschaft, die entsteht und hier am Berg, in der Abgeschiedenheit alles zusammenhält und in allen Situationen Unterstützung sichert. Von Kleinigkeiten aus der Küche, über die Übermittlung von Funksprüchen bis hin zu der Gewissheit, dass man am Berg nicht alleine ist.
 
 

 
 
Als der Tag zu Ende geht verabschieden wir uns in unsere Zelte. Der Wind hat weiter aufgefrischt und rüttelt an der Zeltplane. Ich krame meine Ohrenstöpsel heraus und versuche, in der Höhe einen erholsamen Schlaf zu finden. Als mich meine Blase drückt und mich aus dem warmen Schlafsack holt, steht der Vollmond über dem Camp und die Sterne sind klar erkennbar. Ein Anblick, der mir leider aufgrund der Kälte nur kurz zusteht.
 
 

 
 

Der Rundweg

Am Pausentag erreicht uns eine Wettervorhersage und schwere Entscheidungen liegen vor uns. Mit einer anderen Gruppe zusammen beraten wir über unsere Optionen. Viel Spielraum bleibt uns nicht. Es holen uns mindestens drei Tage schlechtes Wetter ein und werfen die ursprüngliche Planung über den Haufen. Wir entscheiden uns, alle Vorkehrungen zu treffen, nicht das normale Programm zu laufen, sondern den Gipfeltag um drei Tage vorzuziehen. Da sich das Wetter aber immer wieder ändern kann, wollen wir noch die Wettervorhersage vom nächsten Tag abwarten.
 
 

 
 
Wir schultern jeweils 10 Kilogramm Essen, Gas und Benzin und machen uns auf den Weg in die Hochcamps. Wir passieren Canadá, das erste Hochcamp auf 5050 Metern, und steigen weiter zum zweiten Hochcamp Nido de Cóndores, dem Nest der Kondore, auf 5570 Metern. Hier werden wir von einem starken Wind empfangen, der unsere geplante Mittagspause zunichte macht und wir nur schnell unserer Gepäck ablegen und mit Steinen vor dem Wegfliegen sichern. Zurück im Basislager treffen wir die Entscheidung statt eines geplanten Pausentages, den Aufstieg am nächsten Tag wieder zu unternehmen und im Nido de Cóndores das Lager aufzuschlagen.
 
 

 
 
Auch treffen wir die Entscheidung, nicht weiter ins dritte Hochcamp aufzusteigen, sondern den Gipfelversuch von Nido de Cóndores aus zu wagen. Eine mutige Entscheidung, da dies am Gipfeltag bedeutet, 300 Höhenmeter mehr und mindestens ein-ein-halb Stunden länger zum Gipfel zu brauchen. Alles wertvolle Kraft, die ein Scheitern wahrscheinlicher macht. Aber unser Wille ist stark und erholt sich am letzten Pausentag vor dem Gipfel, soweit man sich auf 5600 Metern und einem kleinem Ausflug in Richtung drittes Camp noch erholen kann. Über Funk kommt ein letztes Mal die Nachricht über das Wetter: 15 bis 20 km/h Wind und klar. Perfekte Bedingungen für einen Gipfelversuch.


 
 

Der Gipfel

Es ist drei Uhr als der Wecker klingelt. Herman gibt mir einen kleinen Stoß und ich bin sofort wach. Ich habe zwar gut geschlafen, aber nicht wirklich viel. Im Schlafsack war es ungewöhnlich unbequem. Heute mussten Trinkflaschen, Batterien, Schuhe und Kleidung mit im Fußraum übernachten. Wer will schon mit eingefrorenem Wasser, kalten Schuhen und klammer Kleidung einen Gipfelversuch starten. Zum Frühstück gibt es etwas Müsli mit Milchpulver und Tee. Danach schlüpfe ich langsam in die Klamotten – Fleeceunterhose, Expeditionssocken, Hose, Thermohemd, Fleece, Regenhose, Regenjacke und am Ende noch in die dicke Expeditionsdaunenjacke. Zum Schluss noch die inneren Handschuhe und darüber die dicken Daunenhandschuhe. Die Mütze sitzt mir tief im Gesicht, als wir uns um 4:20 Uhr den Rucksack auf den Rücken schnallen und das Zelt hinter uns lassen.
 
 

 
 
Um 5:55 Uhr erreichen wir fit, aber leicht kalt, Berlin, das dritte Hochcamp. Wir genießen den Sonnenaufgang und beobachten den Erdschatten mit seiner kleinen Ausbuchtung mit dem Schatten des Aconcagua. Das erste Mal Sonne genießen wir während der Pause an den Piedras Blancas, bevor es im ermüdenden Zick-Zack zu der alten Schutzhütte Independencia auf 6350 Metern geht. Im richtigen Atemrythmus fällt der langsame Aufstieg noch verhältnismäßig leicht.
 
 

 
 
Gegen 9:45 Uhr verlassen wir Independencia mit Steigeisen unter den Füßen. Sie machen jeden Schritt zu einer Konzentrationsübung. Hängen bleiben, sich vertreten oder stolpern sind ein Leichtes und können hier schnell zu einem Problem werden. Der Kopf arbeitet auf Hochtouren, der Wille wird hart beansprucht und Herman gibt sportliche Zwischenziele aus. Mittlerweile hat die Kraft nachgelassen und die Traversia, eine lange Querung, ist mühsam. Irgendwo müssen die letzten 600 Höhenmeter herkommen. Ich hatte mich eigentlich auf eine angenehme Querung gefreut, aber es geht stetig bergan. Erst an der Cueva, der Höhle, gönnen wir uns etwas über sieben Stunden nach dem Verlassen des Zeltes eine längere Pause. Meine Fersen tun langsam weh, aber ein Blick in den Schuh beruhigt. Es ist nicht so schlimm, wie es sich anfühlt, aber dafür ist es eine Qual den Schuh wieder anzuziehen. Statt Bilder zu machen und die Aussicht zu genießen, bin ich mit mir selbst beschäftigt.
 
 

 
 
Die letzten 300 Höhenmeter werden zu einem Balanceakt. Mit Steigeisen quälen wir uns den steilen Hang, der Canaleta, hinauf, balancieren über größere Felsen und genießen fast die Eisfelder dazwischen. Auf halbem Weg rege ich an, ohne Steigeisen weiter zu gehen. Wertvolle Minuten verstreichen bis die Steigeisen sicher verstaut sind, aber es lohnt sich. Wir kommen besser voran.
 
 

 
 
Am oberen Ende der Canaleta treffen wir auf zwei der vier Argentinier. Sie sind auf dem Rückweg vom Gipfel. Die anderen beiden sind nicht über Nido de Cóndores hinaus gekommen, die Höhenkrankheit hat sie dort in die Knie gezwungen.
Wir unterhalten uns kurz, doch die Argentinierin sieht nicht gut aus, sie redet Unfug und ist schwach. Sie müssen weiter – wir auch. Wir ziehen die Steigeisen wieder an und queren den Filo del Guanaco. Mittlerweile ist mein Atemrythmus nicht mehr synchron mit meinen Schritten und viele kleine Pausen sind die Folge. Der Gipfel ist schon in Sicht und dennoch gefühlt sooo weit. Es trennen uns nur noch ein steiler Anstieg über ein Eisfeld und ein letztes Geröllfeld.
 
 

 
 
Etwas stolpernd erreichen wir gegen 15 Uhr den Gipfel. Die Erschöpfung ist mir anzusehen und ich lasse mich auf einem Stein in der Nähe des Gipfelkreuzes fallen. Mir kommen Gedanken an den Elbrus. Am Gipfel konnte ich meine Emotionen nicht mehr halten. Hier ist es ähnlich. In den ersten Minuten verschwimmt die Landschaft in Freudentränen. Mein Wille hat mich hier hoch getragen. Er war eine schwere Last, die jetzt von meinen Schultern weicht. Ich stehe auf und kann nun das Panorama genießen. Auf dem Dach Südamerikas in 6962 Metern scheint alles andere klein. Wir haben unheimliches Glück, kaum Wind und Wolken. Die Sicht ist atemberaubend. Es ist ein toller Moment und nur so kann ich mir erklären, dass die 50 Minuten am Gipfel vorbeiziehen, als wären sie Wolken im Sturm.

Gipfelfi

Der Rückweg

Mit den letzten Bildern vom Gipfel verabschieden wir uns wieder und treten den Rückweg an. Es werden anstrengende und zermürbende Stunden es Abstiegs. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Mein Nacken verspannt sich schon nach knapp einer Stunde und lässt jeden Schritt abwärts zu einer höllischen Qual werden. Mir ist sogar egal, als uns plötzlich Schnee umweht und ich meine Jacke nicht mehr zu bekomme. Ich möchte nur noch runter. Ab Independencia wird es ohne Steigeisen wieder einfacher. Mittlerweile sind schon über 15 Stunden vergangen. Ich trotte nur noch vor mich hin. Das Zelt will einfach nicht näher kommen. Und dann passiert es, ich rutsche auf einem gerölligen Stück aus und verliere die Balance. Ich falle in meinen Wanderstock, der sich unter der plötzlichen Last verbiegt und mich beim Durchbrechen den Hang hinunter schickt.

Nichts ist passiert. Zum Glück. Herman drückt mir einen seiner Stöcke in die Hand und ich balanciere weiter. Kurz unterhalb des dritten Hochcamps fallen mir drei Personen auf, die eng zusammen laufen. Es sind die Argentinier und ein weiterer Bergführer. Die Argentinierin ist mittlerweile stark von der Höhenkrankheit betroffen und kann kaum noch laufen. Ich bin froh, dass ich es noch kann. Auch wenn mittlerweile alles schmerzt. Die Sonne geht gerade unter, als wir nach 16,5 Stunden wieder das Zelt erreichen. Ich bin heil froh und glücklich wieder unten zu sein.
 
 

 
 
Als wir am nächsten Tag unsere Zelte in Nido de Cóndores abbrechen, ist die Argentinierin zum Glück wieder fit. Meine Schmerzen sind auch wieder Vergangenheit. Mit Freude, etwas Stolz und dem Wissen, dass sich das Vertrauen und der Wille ausgezahlt haben, schreiten wir zurück ins Basislager. Ich habe mein Ziel erreicht!
 

* * *

Viertes Kapitel

Von Freundschaft

Zusammen mit Herman habe ich es geschafft – ich stand auf dem höchsten Berg in Südamerika, dem Aconcagua.

Über Monate hatte ich mich auf diesen Moment vorbereitet und als ich dann oben stand fiel eine riesige Last von meinen Schultern. Ein Traum wurde wahr. Und einen großen Anteil daran hatte Herman, mein Bergführer. Vor zwei Wochen kannte ich ihn überhaupt noch nicht. Aber Berge schweißen zusammen und so lädt mich Herman mit zu seiner Familie ein. Ich nehme die Einladung an. Die Tage im Zelt und in relativer Ruhe, lassen die quirlige Stadt Mendoza ziemlich unangenehm wirken. Wie ein Roboter und mit starrem Blick schweife ich zielstrebig durch die Straßen. Umso besser fühlt es sich an, als wir in dem Haus von Herman ankommen. Es liegt am Fuße seiner Berge, seiner Heimat. Herman hat Jahre an seinem Kunstwerk von Haus gearbeitet. Alles selbst gebaut und sich einen Rückzugsort von der stressigen Welt geschaffen.
 
 

 
 
Sein Hund hört das Auto schon von Weitem und springt uns entgegen. Über einen schmalen Pfad erreichen wir die Veranda. Couch und Sessel stehen draußen vor dem Haus. Seine Katze chillt auf dem dritten Sessel und schaut mich verträumt an, als ich den Platz neben ihr einnehme. Hermans Kinder lassen es sich nicht entgehen, ihren Vater herzlich zu begrüßen. Sie wissen ganz genau, was ihr Vater in den Bergen macht und freuen sich umso mehr, ihn wieder zu sehen. Erst 2017 kam der erste Funkmast an den Aconcagua. Seitdem erreichen die Nachrichten schneller und einfacher die Welt, von Erfolgsmeldungen bis Nachrichten über zerplatzte Träume. Davor wartete man Zuhause mitunter Wochen auf die Nachricht. Der Aconcagua bleibt eine Expedition mit allem was dazu gehört. Dessen sind sich die Kinder auch bewusst.
 
 

 
 
Anita, Hermans Frau, erwartet uns auch schon. Sie hat das Abendessen zubereitet. Herman steuert noch frische Avocado bei, die wir auf dem Weg hier her erstanden haben. Zusammen genießen wir das frisch gebackene Brot, Oliven aus eigenem Anbau und die flink zubereitete Avocadocreme. Bis spät am Abend sitzen wir im Freien und unterhalten uns.

Entspannung

Mitten in der Natur ist das Aufstehen ein wundervoller Akt. Die Geräusche des Tages wecken mich sanft. Lange habe ich nicht so gut geschlafen. Herman ist schon im Garten aktiv, schaut nach dem Rechten und kümmert sich um seine Pflanzen. Immer dabei seine Kinder, die hier in der Abgeschiedenheit eine großartige Freiheit genießen, sich ungestört und entdeckerisch zu bewegen.

Hermans Familie lerne ich am Nachmittag kennen. Mit Freude werde ich begrüßt. Die ganze Familie spricht mehr oder weniger Deutsch. Ein Relikt aus den Zeiten der Einwanderung. Eine interessante Mischung aus argentinischem Akzent und altem Deutsch. Zusammen brechen wir zu einer kleinen Wanderung in Richtung Berge auf. Direkt hinter dem Ort steigen die Berge der „Sierra de los Comechingones“ empor. Hermans Berge, wie er sie immer bezeichnet. Nur 20 Minuten später queren wir einen Flusslauf und klettern über ein paar Felsen, um die kleinen Pools unterhalb der Wasserfälle zu erreichen. Das kühle Nass ist eine wohltuende Erfrischung. Die Hitze steigt mir langsam den Kopf hinauf. Ich fühle mich aber unheimlich wohl. Es ist ein Gefühl, das ich nicht so oft habe. Es ist das Gefühl vollkommener Entspanntheit, vollkommener innerer Ruhe. Der Tag fließt einfach nur, keine Grenzen, keine Beschränkungen. Nach den Anstrengungen der letzten Monate, um mein großes Ziel zu erreichen, ist hier mein Paradies.

Schwerer Abschied

Zu gerne würde ich noch länger hier bleiben und dieses Gefühl von innerer Freiheit behalten. Aber, in einigen Tagen steht mein Rückflug nach Deutschland an. Ein Gedanke, der immer wieder aufpoppt und ein Gefühl von Wehmut auslöst. Im Garten von Herman rasiere ich mir meine Wolle aus dem Gesicht. Sie zeugt von Schutz, Wärme und einem entspannten Lebensgefühl. Jetzt kommt sie runter und ebnet auch auf ansehnliche Weise den Weg zurück in die Normalität.
Als ich auf den Bus warte, der mich nach Córdoba bringen soll, ist das Gefühl von Bedrückung besonders stark. Wieso weiterziehen?
 
 

 
 
Ich erreiche Córdoba Sonntag Mittag. Die Stadt ist ausgestorben. Die Siesta hat die Straßen leer gefegt. Nach tagelangem Grün ist diese Steinwüste aus Gebäuden ein absoluter Schock. Schon fast gespenstisch wirkt die Stadtkulisse auf mich. Ich kann der Stadt im ersten Moment nichts abgewinnen. Die Sehenswürdigkeiten, die Kirchen, Klöster und Plätze haben keinen Charme. Ich streiche durch die Straßen. Ohne Menschen rückt der Müll und der Schmutz in den Vordergrund.
 
 

 
 
Ich ziehe mich in die Kunstmuseen der Stadt zurück. Klimatisiert, bunt, bewegt und aufrichtig überbrückt die Kunst meine Mittagsdepression und ich flüchte aus der Hitze. Im Museum Emilio Caraffa entdecke ich ein riesiges Gemälde. Es ist die Ansicht, die sich mir auch schon vor sechs Jahren geboten hat. Der Blick auf die Südwand durch das Tal der „Quebrada de los Horcones“. Das Gemälde setzt Glücksgefühle und Emotionen in mir frei.
 
 

 
 
Mit dem Ende der Siesta setzt augenblicklich wieder Leben in der Stadt ein und holt mich aus meinen einsamen Gedanken. Ich setze mich vor das Kulturzentrum „Paseo Del Buen Pastor“ und lausche dem Konzert lokaler Bands. Die Zeit verstreicht und es wird langsam Zeit, sich zu verabschieden. Ein Nachtbus bringt mich zurück nach Mendoza, von wo aus ich den Rückweg nach Deutschland antrete – aus dem warmen Argentinien in das kalte Deutschland. Herman wird in den nächsten Tagen auch wieder nach Mendoza zurückkehren und drei weitere Expeditionen zum Gipfel des Aconcagua führen.

Ich werde die große Familie und Gastfreundschaft Hermans vermissen. Bleiben wird die Erfahrung und das Wissen, dass Berge zusammenschweißen, Freundschaften bilden und dass auch hoch gesteckte Ziele erreichbar sind, wenn man genügend Willen und Vertrauen aufbringt.

Nur wenige Tage später sitze ich im Flugzeug von Mendoza nach Santiago de Chile. Zu meiner Rechten werden die Berge immer höher bis ich aus den kleinen Fenstern den Aconcagua erspähen kann. Massiv liegt sein Gipfel fast auf Reiseflughöhe. Es ist ein toller und bewegender Abschied von einem Berg, von dem ich vor einigen Jahren nur träumen konnte!

Bild

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Infos & Empfehlungen

Diese Expedition wurde unterstützt von Mallku Expeditions in Mendoza.

Die Route

Tipp: Mit der Maus einfach über die Höhenlinie oben links fahren und den Pfad mit Höhenangabe ablesen.

Podcast der Expedition

Du möchtest die ganze Geschichte auf deine Lauscher? Als besonderes Highlight gibt es die Expedition als Podcast von „Radioreise“ mit Alexander Tauscher. Einfach dem Link folgen.

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Dominik Mohr ist seit seiner ersten Rucksackreise quer durch die USA vom Reisefieber befallen. Er folgt seinem Schatten rund um die Welt über die Kontinente von Nord- und Südamerika, durch den Nahen Osten und querfeldein in Afrika. Seine Wege führen ihn dabei häufig an abgelegene Orte – raus aus der Komfortzone. Dabei sind ihm die Berge am Liebsten!

Leserpost

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  • Marlene Unterhofer on 17. Juni 2018

    Was soll das? Bzw. muss das wirklich sein? Da versucht sich einer in Reinhold Messnerscher Manier als Alpin-Philosoph, mit dürftiger Symbolik und Metaphern, die weder gut durchdacht noch treffend sind. Ich muss diese Kritik so harsch formulieren, leider. Nach den hochklassigen Episoden von Karin Lochner und Elena Witzeck ist diese seichte Bergsteigergeschichte eine unwillkommene Abwechslung, die dem eigentlichen Anspruch dieses Portals keineswegs gerecht wird. Ich freue mich auf nächste Episoden, die hoffentlich weniger Attitüde und dafür mehr Abenteuer in sich haben – der Liebe zur guten Reisegeschichte wegen, aber auch der Liebe zum Bergsteigen wegen.

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