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The Travel Episodes

Owned by noone, free as a bird

Arm, aber frei – als Hobo durch Amerika

Sie pfeifen auf den amerikanischen Traum und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Getrieben vom Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, reiten die Hobos auf Güterzügen durch das Land – und Fredy Gareis schloss sich ihnen an.

Kurz vor Mitternacht im Süden Minnesotas, dem Land der 1000 Seen, das im Sommer auch als Land der 1000 Moskitos bekannt ist. Der 24-jährige Basket steckte eine Hand unter sein T-Shirt und kratzte sich, während er mit der anderen Hand über die Straße auf den Hals des Rangierbahnhofs zeigte, jene Stelle, auf die hin sich alle Gleise des Geländes verjüngen und wo sie in einem Schienenstrang münden.

Auf dem Güterbahnhof in Waseca, etwa 70 Meilen südlich von Minneapolis und 40 von Ricardos Wohnort St. Peter entfernt, knallten die Waggons aneinander und zerrissen die Stille, die über der Kleinstadt lag. Tuck, Ricardo, Basket und ich befanden uns, von einer Landstraße getrennt, auf der anderen Seite des Geländes, auf einem Parkplatz am westlichen Ende Wasecas. Tuck lag auf dem Boden, weil er Rücken hatte.

Ricardo holte eine halb gerauchte Zigarette aus dem Saum seiner Kappe und zündete sie an. Tatsächlich hatte er sich sofort begeistern lassen. Vor allem, nachdem er sich in seiner neuen Funktion als König mit der Stadt Britt hatte rumschlagen müssen. Einige hatten sich über die Jugendlichen beschwert, die Druffies aus dem Box Wagon, die durch die Stadt gezogen und den Bürgern zugerufen hatten: Kündigt eure Jobs! Fahrt mehr Güterzüge! Boykottiert Coca-Cola! Legalisiert Marihuana!

Basket klärte uns über diesen Yard auf, mit dem er sich bestens auskannte, weil er alle Strecken in der Gegend schon Dutzende Male gefahren war. Außerdem arbeitete er derzeit auf einer Milchfarm in der Nähe, wo seine Aufgabe darin bestand, Kuhdung zu entsorgen. Aber eigentlich wollte er Schriftsteller werden. Tuck und Ricardo hatten ihn in Britt kennengelernt.
 
 

 
 
Gegenüber fuhr der Zug immer wieder aus dem Bahnhof, dann wieder rein, um andere Waggons aufzunehmen. Stahl auf Stahl, wieder und wieder, ein herrliches Donnerwetter im Gelände. Basket bekam glasige Augen. Fehlte nur noch, dass er auf die Knie fiel. Dabei ist die Rede hier von stinknormalen Güterzügen. Diese Güterzüge werden irgendwo mit Waren beladen und transportieren diese irgendwohin. Das ist doch kein Grund, gleich auszuflippen, oder?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Eisenbahn in den USA eine völlig andere Bedeutung als in Deutschland oder irgendeinem anderen europäischen Land hat. Die Besiedlung des amerikanischen Westens wird zwar immer romantisch über die Planwagentrecks vermittelt, aber tatsächlich erledigte das die Eisenbahn, erst sie verteilte die große Zahl an Menschen über das Land. Dass überhaupt eine Transkontinentale gebaut wurde, war dabei nicht selbstverständlich. Keiner wusste, wozu man die gebrauchen könnte. Von der ersten Idee bis zum tatsächlichen Baubeginn vergingen 21 Jahre. Aber als sie dann 1869, vier Jahre nach Ende des verheerenden Bürgerkriegs, fertiggestellt wurde, da heilte sie sogar diese Wunden, weil sie die Teile des Riesenlandes verband.

Während in Deutschland das Eisenbahnnetz über bestehende Siedlungsstrukturen gelegt wurde, war es in den USA genau andersrum. So wurde aus vielen Orten überhaupt erst ein Ort. Andere verdoppelten über Nacht ihre Größe, manche verschwanden wieder von der Bildfläche.

Das Land war erfüllt von den Schlägen der Hämmer auf die Nägel, drei Schläge pro Kopf, vier Balken die Minute. Billiger Stahl befeuerte den Boom der Eisenbahn, und zu Hochzeiten dieser Ära lagen rund 410 000 Kilometer Gleise überall im Land. Ein kostenloser eiserner Pfad für diejenigen mit Butter in den Knien und dem Willen, auf jeglichen Komfort zu verzichten.

Aber in den 1950ern liefen die Autobahnen und die Flugzeuge der Eisenbahn den Rang ab, so wie sie einst die Dampfschifffahrt auf den großen Flüssen abgelöst hatte. Die Güterzüge übernahmen die frei werdenden Gleise. Dennoch sprechen die Namen der wenigen Passagierzüge immer noch Bände über das Selbstverständnis und die Geschichte eines Bewegungsmittels, das das Land zu einer Nation gemacht hat: Empire Builder, Texas Eagle, California Zephyr. Wie heißen die Züge in Deutschland? Weiß das überhaupt jemand? Ich weiß es, weil ich mich jedes Mal darüber aufregen kann, dass man Millionen Euro investiert und verbaut und dann die Züge einfach Torgau, Lichtenfels oder Magdeburg nennt.

Eine Stunde verging, dann zwei. Die Carknocker, die den technischen Zustand des Zuges überprüfen, liefen ihn ab, ein paar weitere Waggons wurden angehängt, dann passierte eine Weile nichts. »Gewöhn dich ans Warten, mein Freund.« Tuck stand auf und streckte seinen Rücken durch. Es knackte so laut wie zwei aufeinanderprallende Kupplungen. Dann legte er sich wieder hin.

Ein Polizeiwagen fuhr an uns vorbei. Noch einer in die andere Richtung, raus auf die Landstraße. In Ricardos Tasche befand sich eine Pillenbox, in der keine Pillen, sondern acht Joints versteckt waren, die er bei sich zu Hause vorgedreht hatte.

Dann, endlich, ließ die Lok ihren lang ersehnten Pfiff los.

Tuck stand sofort kerzengerade da, schulterte seine Tasche. Ricardo klatschte in die Hände und sagte: »Alter, auf dem Zug werden wir uns aber so was von wegschießen.«

Mit seinem Wagen setzte uns Basket eine halbe Meile weiter vorne im Gelände ab. Obwohl es dunkel war, konnte man problemlos den anhaltenden Glanz in seinen Augen erkennen. Am liebsten hätte er alles hingeschmissen und wäre mitgefahren.
 
 

 
 
Wir stiegen aus und duckten uns zwischen ein Maisfeld und ein Getreidesilo. Die Nacht war sternenklar, das zurückkehrende Polizeiauto deswegen leicht zu erkennen. Tuck und Ricardo stolperten ins Feld, schmissen sich hin.

Moskitos flogen auf. Die Polizei fuhr weiter.

Der Zug zog aus dem Bahnhof, und das Licht der Lok näherte sich unserem Standort. Die Gleise begannen zu singen. Der Schotter tanzte im Gleisbett. Ein weiterer Pfiff. Der Ruf der Wildnis. Mein Herz klopfte so schnell wie schon lange nicht mehr. Es war kurz nach Mitternacht.

Drei Uhr morgens, und wir standen immer noch. Glockenwach lag ich in meinem Schlafsack und rauchte eine Zigarette, schaute durch das Loch in den Sternenhimmel wie vielleicht umgekehrt ein Astronaut aus der ISS auf die Erde.

Das Versteck war überraschend groß. Man konnte sich fast ganz langmachen, fast ganz aufrichten. Ricardos und meine Kajüte waren durch eine Wand abgetrennt, allerdings gab es darin ein weiteres, ein großes Loch – das da auch sein sollte –, und dadurch konnte ich sehen, wie er im Schneidersitz an ebendieser Wand lehnte und langsam wegnickte.
Der Stahl unter mir kühlte ab. In der Dunkelheit schob ich die größten Brocken zur Seite. Auch dafür hat man Handschuhe. Es roch nach Abwasser und Kacke. Egal, wie obskur oder klein eine Eisenbahnlinie ist, man kann sich immer sicher sein, dass ein anderer sie schon gefahren ist.

Vom Waggon nebenan drang laut Tucks knurriges Schnarchen herüber.

Ein Zischen ging durch den Zug, es war genau 3:30 Uhr. Das Geräusch kam immer näher. Es wanderte von Bremsschlauch zu Bremsschlauch, erreichte schließlich unseren Waggon. Ricardo wurde wach, schaute mich an und rief: »Jetzt geht’s lo-hos!«

Die Sirene ertönte zweimal. Abfahrt.

Mit einem mächtigen Ruck setzte sich der Zug in Bewegung und zwang die Waggons kraft aller Pferdestärken der Dieselmaschine, ihm zu folgen. Die ganze Welt war Lärm, scheiße, war das laut. Der Lokführer beschleunigte, und waagrecht flogen das Maisfeld und das Getreidesilo vorbei, unser altes Versteck.

Tuck schlief weiter.

Ricardo sah mich durch das Verbindungsloch unserer beiden Kajüten an, schrie durch den Lärm, nicht leicht zu verstehen: »Schön, den Wind wieder im Gesicht zu spüren!« Auf seinem Gesicht lag ein spitzbubenhaftes Lächeln. Er zog einen Joint aus der Pillenbox hervor und zündete ihn an. Atmete ein, atmete aus. Der Rauch tanzte kurz in dem Versteck, dann riss der Sog ihn nach draußen, und er verflüchtigte sich über den Maisfeldern.

Ich schaute aus meinem Loch auf die zuckelnden Kupplungen. Sie haben immer etwas Spiel, und die Waggons entfernen sich voneinander, wie eine Kette, die man in die Länge zieht. Bis der Lokführer Gas gibt. Dann knallen alle Waggons ineinander, und der Zug springt einen halben Meter nach vorne wie jene wilden Mustangs der Comanchen. Du wirst geschüttelt, gerüttelt und umhergeschmissen. Slack Action nennt sich das, und der »Crew Change Guide« warnt eindringlich davor. Wenn du keinen guten Stand hast, keinen guten Platz … dann darfst du dich einreihen in die Horden jener, die von so einem Zug neben die Gleise oder, schlimmer noch, zwischen die Räder gefallen sind. Auf einem Güterzug zu reiten ist Rock’n’ Roll in seiner ursprünglichen Bedeutung.

Der Himmel hellte auf, und die Sonne verdrängte das bläuliche Licht der Nacht. Über den Feldern lag Nebel. Am Kopfende des Zuges betätigte der Lokführer bei jeder Zufahrt auf einen Bahnübergang die Sirene.

Ricardo fingerte den nächsten Joint hervor.

Silbern drehten sich die Räder auf den rostroten Gleisen. Als wäre die moderne Gesellschaft untergegangen und dies die einzige Möglichkeit, um fortzukommen.

Im anderen Waggon, ole dirty face fahrend, steckte Tuck seinen Kopf durch das Loch. Der Wagen war eierschalenweiß. Neben Tucks Guckloch befand sich der Bremszylinder und ein großes Rad für die Betätigung der Waggonluken. Eine rostige schwere Kette hing herab und wackelte mit jeder Bewegung des Zuges.

Tucks weißer Pferdeschwanz flatterte im Wind. Er rieb sich kurz die Augen, dann klemmte er sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Er war etwa zwei Meter entfernt, ich hatte einen guten Blick auf ihn. Seine topasblauen Augen tasteten gierig die Gegend ab: die kleinen Orte, die Menschen, die in ihren Autos zur Arbeit fuhren, die Lippen an einem Kaffeebecher, kollektive Müdigkeit. Andere parkten vor den Frühstückscafés, bestellten Eier sunny side up mit Bacon und gebuttertem Toast. Die Ampeln an den Bahnübergängen blinkten rot und klingelten hell. Dann wieder Landschaft. Dunst lag über den Bäumen, die den Minnesota River flankierten. Vögel stiegen auf und schwangen sich in den Himmel.
 
 

 
 
Irgendwo zwischen Mankato und New Ulm kam der Zug knirschend zum Stehen. Einfach so. Vielleicht musste er auf ein Durchfahrtssignal warten, vielleicht einen anderen, wichtigeren Zug durchlassen, vielleicht war etwas kaputt. Es gibt viele mögliche Gründe für den plötzlichen Halt eines Güterzuges. Fakt war: Er stand. Um uns herum nur Wald. Die Sonne brannte den Dunst aus der Luft. Stille wie nach einem Schusswechsel.

Tuck kletterte aus seinem Loch, stellte seine Füße auf zwei dünne Streben, zwischen denen es nur noch runter ins Gleisbett ging, und pinkelte vom Zug, natürlich mit einer Zigarette im Mundwinkel.

Der Zug zischte. »Luft ist drauf!«, rief Ricardo.

»Motherfucker«, sagte Tuck, vollführte einen kleinen Tanzschritt und ließ sich wieder mit den Füßen zuerst in das Loch gleiten, just in dem Moment, als der Zug bockend und lärmend einen halben Meter nach vorne sprang. Ein paar Sekunden eher, und es hätte Tuck vom Waggon gehauen.

»Elegant, aber knapp!«, rief ich.
Tuck lachte schallend: »Ich kenn mich mit der Zugzeit aus, Scheißkerl!«
Langsam und in allen Gelenken stöhnend, nahm der Zug wieder Fahrt auf.

»Hey, Ricardo«, rief Tuck. »Schnell, wirf mir einen Joint rüber!«
Sich selbst zündete Ricardo die dritte Tüte an, rauchte. Ab und zu schaute er mich an und reckte den Daumen in die Höhe. Die meiste Zeit ließ er seinen Blick aber einfach in die Weite der Landschaft schweifen. Das Grün des Waldes, das Blau des Flusses und die immer heller strahlende Sonne.

Ein Hippie war er einst, wollte die Welt verändern. Ist heute noch der festen Überzeugung, dass jemand Kennedy umgebracht hat, weil der gegen den Vietnamkrieg war. Die USA sollten ihre Nase nicht weltweit in Dinge stecken, die sie nichts angehen, nicht überall lauthals Demokratie einführen wollen, während im eigenen Land die Kacke am Dampfen ist. Ricardo träumt von einem Stück Land, mitten im Nirgendwo. Am besten das Haus in den Boden gegraben, damit man den Besitzer und das Grundstück auch mit einem Hubschrauberüberflug nicht ausfindig machen kann. Owned by noone, free as a bird. Keinem untertan und frei wie ein Vogel. Mit Aaron auf ein paar Züge springen und hoffen, dass der eines Tages seinen Vater als König beerben und die jüngere Hobogemeinde so wieder den Weg nach Britt finden wird. Wie Tuck und so viele andere Hobos auch hasst Ricardo die Regierung, aber er liebt dieses Land. Sie alle sehnen sich nach dem Amerika, wie es mal war, bevor die Zäune hochgingen und die Büffelherden verschwanden und stattdessen in jedem Ort das Gesetz auftauchte und die gottverdammte Steuerbehörde.

* * *

Zweites Kapitel

Die Bruderschaft der Hobos

Amerika wurde eigentlich von den Hobos entdeckt und erschlossen – und sie sind entgegen landläufiger Vorstellungen noch lange nicht von der Bildfläche verschwunden.

Der Hobo war ein Wanderarbeiter und genauso amerikanisch wie der Cowboy. Er tauchte auf der Bühne auf, weil es einen Arbeitsmarkt für ihn gab. Der Begriff leitet sich wohl ab vom Wort hoe für »Hacke« und boy für »Junge«. Manche schreiben über den Hobo, dass Amerika ohne ihn überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Er arbeitete auf den Feldern, in Bergwerken, legte Gleise für die Eisenbahn. War obdachlos und unverheiratet, meistens unterwegs nur mit den Klamotten am Leib und einem kleinen Bündel an einem Stock über der Schulter. Immer gab es einen Job in der Ferne, und wenn nicht, dann machte er sich auf und suchte danach.
 
 

 
 
Und dafür nutzte er dieses neue Transportmittel, die Eisenbahn, deren Gleise von Immigranten, Chinesen, Schwarzen und den Hobos selbst gelegt worden waren, und reiste als blinder Passagier durchs Land. Die Weite da draußen verwandelte ihn in einen harten, risikofreudigen und radikalen Menschen. Um zu überleben, musste er vielseitig wie ein Schweizer Armeemesser sein. Immer in Bewegung, immer am Improvisieren. Und die Zähmung des galoppierenden Stahlrosses verlieh ihm einen großen Teil seiner Identität. Aus den Hobos wurde eine Bruderschaft, eine der ersten amerikanischen Subkulturen. Sie entwickelten eine eigene Symbolsprache und verschrieben sich sogar einem moralischen Kodex, mit dem sie sich von den Tramps und Bums, den Arbeitslosen und Pennern, abheben wollten. Ein passender Spruch über die Hobos geht so: Wenn es draußen kalt ist, dann nimmt ein Tramp eine Zeitung und stopft sie sich unter die Klamotten. Ein Hobo tut das Gleiche, aber davor liest er die Zeitung noch. Hobos, die Elite des sozialen Kellers.
 
 

 
 
Mit dem Ende des Bürgerkrieges spülte es Tausende Menschen auf die Straße, nach dem Finanzcrash von 1873 mehrere Millionen. Die Lage beruhigte sich um die Jahrhundertwende, und in den späten 1920ern sah man den Hobo als ein Relikt der Vergangenheit an. Dann brach die Wirtschaft am 24. Oktober 1929, dem Schwarzen Donnerstag, erneut zusammen. Die Große Depression sorgte für Menschenmassen auf den Güterzügen, wie man sie heute aus indischen Vorstädten kennt. Und während der normale Penner an der Straßenecke keine Fürsprecher hatte, wurden die Hobos von großen Namen in Lied und Vers, zwischen Buchseiten und auf Leinwänden verewigt.

Nach Wirtschaftskrise und Weltkrieg wurde der Hobo dann allerdings immer wieder für tot erklärt, und dennoch kam immer wieder eine neue Generation, die dem Wort und dieser Lebensform neue Bedeutung verlieh. In den 1970ern, zum Beispiel, waren es die Vietnamveteranen. Traumatisiert durch den Krieg im Dschungel, konnten sie sich nicht mehr in die Gesellschaft eingliedern und suchten Trost auf den Gleisen, in der Weite der amerikanischen Landschaft und in den Lagern an der Strecke, passenderweise ebenfalls Dschungel genannt, allerdings schon lange zuvor. Wer bevölkert diese Welt auf und neben den Gleisen heute, war die Frage, die mich bewegte und auf diesen Zug gebracht hatte …

Auch Tuck war jetzt hellwach. Ich dachte, dass es weniger an den Folgen des tödlich starken Kaffees lag, den er ständig braute und natürlich auch auf dem Zug mithatte, sondern an der Tatsache, dass er die Zähmung dieses Stahlbiestes als das wahre Leben erachtete.

In zwei Stunden würden wir unsere Rucksäcke im von deutschen Einwanderern gegründeten New Ulm vom Zug schmeißen und über den vom Tau glitzernden Rasen durch ruhige Wohnviertel latschen. Tuck würde sich die Hügel zur Hauptstraße hochkämpfen. Dort gäbe es, groß und breit, McDonald’s, Perkins Restaurant & Bakery und Papa Murphy’s Pizza. Mit aufgerissenen Augen sähen die Leute aus den Fenstern zu uns herüber, und Ricardo würde sagen:

»Gewöhn dich an die gaffenden Blicke.«

Tuck würde rumschimpfen: »Fuck a duck. Meine Beine tun scheißweh«, und ich beginge die Dummheit, ihm zu raten, er solle öfter laufen, das sei gut für den Rücken. Tuck würde mich streng anschauen und entgegnen: »Der letzte Ritt hat mich fast umgebracht, und das war jetzt wirklich das letzte Mal. Ich bin offiziell in Rente und werde für den Rest meines Lebens einfach nur noch faul sein.« Und wenn er dann irgendwann von der Bühne abtreten sollte, dann bitte die Asche aufteilen: die eine Hälfte auf den Hobofriedhof nach Britt, die andere irgendwo neben den Gleisen der Highline verstreuen.
 
 

 
 
Aber jetzt war es noch nicht so weit. Jetzt donnerte der Zug noch über die Gleise, pfiff, damit sich alles aus seinem Weg begebe. In den Löchern des zehnten Getreidewaggons von hinten hockten drei Hobos, von denen zwei einen Joint nach dem anderen rauchten und der dritte unbedingt einen klaren Kopf behalten wollte.

Bald wäre Tuck wieder zu Hause, im Irrenhaus, wie er es manchmal nennt, draußen die Obdachlosen, die Schlange stünden, um ihre Essensmarken gegen Bares einzutauschen.

Alles egal. Nichts davon zählte. Jetzt galt: Zugzeit.

Ich schaute zu Tuck rüber und konnte keinen kaputten Rücken erkennen. Auch keine kaputten Zähne, keine kaputten Ohren. Ich konnte noch nicht mal mehr die einhundert Falten in seinem Gesicht sehen: Der Fahrtwind glättete ihm einfach die Haut.

In der einen Hand eine Tasse schwarzen Diesels, in der anderen eine Smoking Joe, sah Tuck 20 Jahre jünger aus.

Die Bilder und die Geräusche dieses ersten Ritts ließen mich tagelang nicht los, sie tun es immer noch nicht. Ständig taucht der Güterzug vor deinem Auge auf und rüttelt dich durch, schmeißt dich umher, die Landschaft fliegt vorbei, es ist laut, schmutzig und anstrengend, aber da sind auch die satten Farben der Natur, nur du und die Welt, so hast du sie noch nicht gesehen, und du willst mehr.
 
 

 
 
Die Tür in diese Welt stand nun sperrangelweit offen. Dachte ich. Doch wie sich rausstellen sollte, höchstens einen Spaltbreit, und ich würde mich mit aller Wucht dagegenschmeißen müssen, um sie ganz aufzustoßen.

* * *

Infos & Empfehlungen

Die ganze Story: König der Hobos: Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas

Als blinder Passagier auf Güterzügen durch die USA

Sie pfeifen auf den amerikanischen Traum und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Getrieben vom Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung fahren die Hobos illegal auf Güterzügen durch das Land. Eine verschworene Subkultur mit eigener Sprache, moralischem Kodex und Liedern, die sich mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn entwickelte und bis heute im Schatten des neon-grellen Amerika weiterlebt.

Dreieinhalb Monate reiste Fredy Gareis mit diesen Überlebenskünstlern, Landstreichern und Vagabunden durch ein Amerika, das die wenigsten kennen, und lernte von einem Hobo-König, wie man sich als blinder Passagier durchschlägt. Er erlebte Zusammenhalt und Großzügigkeit, die Weite aus Licht und Wind, Einsamkeit, Gewalt und Drogen. Geschichten, die tiefe Einblicke in die raue Seele der USA gewähren: über die Kraft des Individuums, über Enttäuschung, Wut und über das Glück, arm, aber frei zu sein.
 

»Fredy Gareis ist ein genauer Beobachter und kluger Interpret. (…) Damit hat er sich endgültig in die erste Reihe der Reiseliteraten hierzulande geschrieben.«, Süddeutsche Zeitung, 09.08.2018

»In ›König der Hobos‹ berichtet Gareis von einzigartigen Begegnungen, Anfeindungen und dem alles bestimmenden Drang nach Freiheit.«, WDR cosmo, 05.06.2018

»Über die Kraft des Individuums, über Enttäuschung, Wut und über das Glück, arm, aber frei zu sein.«, schwarzataler-online.at, 04.05.2018

»›König der Hobos: Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas‹ ist eine großartige Insider-Reportage, es ist spannend, lesenswert und authentisch, vermittelt viele geschichtliche Hintergründe zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die sicherlich keinem von uns bisher bewusst war und ist vor allem eine große Hommage eine Gesellschaft, die große Schicksalsschläge erdulden muss, Rezessionen überlebt hat und erst dann aussterben wird, wenn die letzte Eisenbahntrasse stillgelegt wurde.«, grosse-literatur.de

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Fredy Gareis

Fredy Gareis, 1975 geboren, arbeitete als freier Journalist für DIE ZEIT, Tagesspiegel und Deutschlandradio. Von 2010 bis 2012 berichtete er aus Israel und dem Nahen Osten. Für die in der ZEIT erschienene Reportage »Ein Picasso in Palästina« wurde er mit dem Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats ausgezeichnet. Bei Malik erschienen von ihm »Tel Aviv – Berlin«, »100 Gramm Wodka«, für das ihm der ITB BuchAward 2016 verliehen wurde, und »König der Hobos«.

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  • Marcel on 6. März 2019

    wunderschön geschriebener Beitrag. Danke. Mach weiter so und weiterhin auch viel Glück und Erfolg mit deinem Blog :)
    Wünsche dir noch viele tolle Momente… Gruß aus Berlin, Marcel

    Antworten

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