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The Travel Episodes

Owned by noone, free as a bird

Arm, aber frei – als Hobo durch Amerika

Sie pfei­fen auf den ameri­ka­ni­schen Traum und führen ein Leben außer­halb der Gesell­schaft. Getrie­ben vom Wunsch nach Frei­heit und Selbst­be­stim­mung, reiten die Hobos auf Güter­zü­gen durch das Land – und Fredy Gareis schloss sich ihnen an.

Kurz vor Mitter­nacht im Süden Minne­so­tas, dem Land der 1000 Seen, das im Sommer auch als Land der 1000 Moski­tos bekannt ist. Der 24-jährige Basket steckte eine Hand unter sein T-Shirt und kratzte sich, während er mit der ande­ren Hand über die Straße auf den Hals des Rangier­bahn­hofs zeigte, jene Stelle, auf die hin sich alle Gleise des Gelän­des verjün­gen und wo sie in einem Schie­nen­strang münden.

Auf dem Güter­bahn­hof in Waseca, etwa 70 Meilen südlich von Minnea­po­lis und 40 von Ricar­dos Wohn­ort St. Peter entfernt, knall­ten die Waggons anein­an­der und zerris­sen die Stille, die über der Klein­stadt lag. Tuck, Ricardo, Basket und ich befan­den uns, von einer Land­straße getrennt, auf der ande­ren Seite des Gelän­des, auf einem Park­platz am west­li­chen Ende Wase­cas. Tuck lag auf dem Boden, weil er Rücken hatte.

Ricardo holte eine halb gerauchte Ziga­rette aus dem Saum seiner Kappe und zündete sie an. Tatsäch­lich hatte er sich sofort begeis­tern lassen. Vor allem, nach­dem er sich in seiner neuen Funk­tion als König mit der Stadt Britt hatte rumschla­gen müssen. Einige hatten sich über die Jugend­li­chen beschwert, die Druf­fies aus dem Box Wagon, die durch die Stadt gezo­gen und den Bürgern zuge­ru­fen hatten: Kündigt eure Jobs! Fahrt mehr Güter­züge! Boykot­tiert Coca-Cola! Lega­li­siert Mari­huana!

Basket klärte uns über diesen Yard auf, mit dem er sich bestens auskannte, weil er alle Stre­cken in der Gegend schon Dutzende Male gefah­ren war. Außer­dem arbei­tete er derzeit auf einer Milch­farm in der Nähe, wo seine Aufgabe darin bestand, Kuhdung zu entsor­gen. Aber eigent­lich wollte er Schrift­stel­ler werden. Tuck und Ricardo hatten ihn in Britt kennen­ge­lernt.
 
 

 
 
Gegen­über fuhr der Zug immer wieder aus dem Bahn­hof, dann wieder rein, um andere Waggons aufzu­neh­men. Stahl auf Stahl, wieder und wieder, ein herr­li­ches Donner­wet­ter im Gelände. Basket bekam glasige Augen. Fehlte nur noch, dass er auf die Knie fiel. Dabei ist die Rede hier von stink­nor­ma­len Güter­zü­gen. Diese Güter­züge werden irgendwo mit Waren bela­den und trans­por­tie­ren diese irgend­wo­hin. Das ist doch kein Grund, gleich auszu­flip­pen, oder?

Um das zu verste­hen, muss man wissen, dass die Eisen­bahn in den USA eine völlig andere Bedeu­tung als in Deutsch­land oder irgend­ei­nem ande­ren euro­päi­schen Land hat. Die Besied­lung des ameri­ka­ni­schen Westens wird zwar immer roman­tisch über die Plan­wa­gen­trecks vermit­telt, aber tatsäch­lich erle­digte das die Eisen­bahn, erst sie verteilte die große Zahl an Menschen über das Land. Dass über­haupt eine Trans­kon­ti­nen­tale gebaut wurde, war dabei nicht selbst­ver­ständ­lich. Keiner wusste, wozu man die gebrau­chen könnte. Von der ersten Idee bis zum tatsäch­li­chen Baube­ginn vergin­gen 21 Jahre. Aber als sie dann 1869, vier Jahre nach Ende des verhee­ren­den Bürger­kriegs, fertig­ge­stellt wurde, da heilte sie sogar diese Wunden, weil sie die Teile des Riesen­lan­des verband.

Während in Deutsch­land das Eisen­bahn­netz über bestehende Sied­lungs­struk­tu­ren gelegt wurde, war es in den USA genau anders­rum. So wurde aus vielen Orten über­haupt erst ein Ort. Andere verdop­pel­ten über Nacht ihre Größe, manche verschwan­den wieder von der Bild­flä­che.

Das Land war erfüllt von den Schlä­gen der Hämmer auf die Nägel, drei Schläge pro Kopf, vier Balken die Minute. Billi­ger Stahl befeu­erte den Boom der Eisen­bahn, und zu Hoch­zei­ten dieser Ära lagen rund 410 000 Kilo­me­ter Gleise über­all im Land. Ein kosten­lo­ser eiser­ner Pfad für dieje­ni­gen mit Butter in den Knien und dem Willen, auf jegli­chen Komfort zu verzich­ten.

Aber in den 1950ern liefen die Auto­bah­nen und die Flug­zeuge der Eisen­bahn den Rang ab, so wie sie einst die Dampf­schiff­fahrt auf den großen Flüs­sen abge­löst hatte. Die Güter­züge über­nah­men die frei werden­den Gleise. Dennoch spre­chen die Namen der weni­gen Passa­gier­züge immer noch Bände über das Selbst­ver­ständ­nis und die Geschichte eines Bewe­gungs­mit­tels, das das Land zu einer Nation gemacht hat: Empire Buil­der, Texas Eagle, Cali­for­nia Zephyr. Wie heißen die Züge in Deutsch­land? Weiß das über­haupt jemand? Ich weiß es, weil ich mich jedes Mal darüber aufre­gen kann, dass man Millio­nen Euro inves­tiert und verbaut und dann die Züge einfach Torgau, Lich­ten­fels oder Magde­burg nennt.

Eine Stunde verging, dann zwei. Die Carkno­cker, die den tech­ni­schen Zustand des Zuges über­prü­fen, liefen ihn ab, ein paar weitere Waggons wurden ange­hängt, dann passierte eine Weile nichts. »Gewöhn dich ans Warten, mein Freund.« Tuck stand auf und streckte seinen Rücken durch. Es knackte so laut wie zwei aufein­an­der­pral­lende Kupp­lun­gen. Dann legte er sich wieder hin.

Ein Poli­zei­wa­gen fuhr an uns vorbei. Noch einer in die andere Rich­tung, raus auf die Land­straße. In Ricar­dos Tasche befand sich eine Pillen­box, in der keine Pillen, sondern acht Joints versteckt waren, die er bei sich zu Hause vorge­dreht hatte.

Dann, endlich, ließ die Lok ihren lang ersehn­ten Pfiff los.

Tuck stand sofort kerzen­ge­rade da, schul­terte seine Tasche. Ricardo klatschte in die Hände und sagte: »Alter, auf dem Zug werden wir uns aber so was von wegschie­ßen.«

Mit seinem Wagen setzte uns Basket eine halbe Meile weiter vorne im Gelände ab. Obwohl es dunkel war, konnte man problem­los den anhal­ten­den Glanz in seinen Augen erken­nen. Am liebs­ten hätte er alles hinge­schmis­sen und wäre mitge­fah­ren.
 
 

 
 
Wir stie­gen aus und duck­ten uns zwischen ein Mais­feld und ein Getrei­de­silo. Die Nacht war ster­nen­klar, das zurück­keh­rende Poli­zei­auto deswe­gen leicht zu erken­nen. Tuck und Ricardo stol­per­ten ins Feld, schmis­sen sich hin.

Moski­tos flogen auf. Die Poli­zei fuhr weiter.

Der Zug zog aus dem Bahn­hof, und das Licht der Lok näherte sich unse­rem Stand­ort. Die Gleise began­nen zu singen. Der Schot­ter tanzte im Gleis­bett. Ein weite­rer Pfiff. Der Ruf der Wild­nis. Mein Herz klopfte so schnell wie schon lange nicht mehr. Es war kurz nach Mitter­nacht.

Drei Uhr morgens, und wir stan­den immer noch. Glocken­wach lag ich in meinem Schlaf­sack und rauchte eine Ziga­rette, schaute durch das Loch in den Ster­nen­him­mel wie viel­leicht umge­kehrt ein Astro­naut aus der ISS auf die Erde.

Das Versteck war über­ra­schend groß. Man konnte sich fast ganz lang­ma­chen, fast ganz aufrich­ten. Ricar­dos und meine Kajüte waren durch eine Wand abge­trennt, aller­dings gab es darin ein weite­res, ein großes Loch – das da auch sein sollte –, und dadurch konnte ich sehen, wie er im Schnei­der­sitz an eben­die­ser Wand lehnte und lang­sam wegnickte.
Der Stahl unter mir kühlte ab. In der Dunkel­heit schob ich die größ­ten Brocken zur Seite. Auch dafür hat man Hand­schuhe. Es roch nach Abwas­ser und Kacke. Egal, wie obskur oder klein eine Eisen­bahn­li­nie ist, man kann sich immer sicher sein, dass ein ande­rer sie schon gefah­ren ist.

Vom Waggon nebenan drang laut Tucks knur­ri­ges Schnar­chen herüber.

Ein Zischen ging durch den Zug, es war genau 3:30 Uhr. Das Geräusch kam immer näher. Es wanderte von Brems­schlauch zu Brems­schlauch, erreichte schließ­lich unse­ren Waggon. Ricardo wurde wach, schaute mich an und rief: »Jetzt geht’s lo-hos!«

Die Sirene ertönte zwei­mal. Abfahrt.

Mit einem mäch­ti­gen Ruck setzte sich der Zug in Bewe­gung und zwang die Waggons kraft aller Pfer­de­stär­ken der Diesel­ma­schine, ihm zu folgen. Die ganze Welt war Lärm, scheiße, war das laut. Der Lokfüh­rer beschleu­nigte, und waag­recht flogen das Mais­feld und das Getrei­de­silo vorbei, unser altes Versteck.

Tuck schlief weiter.

Ricardo sah mich durch das Verbin­dungs­loch unse­rer beiden Kajü­ten an, schrie durch den Lärm, nicht leicht zu verste­hen: »Schön, den Wind wieder im Gesicht zu spüren!« Auf seinem Gesicht lag ein spitz­bu­ben­haf­tes Lächeln. Er zog einen Joint aus der Pillen­box hervor und zündete ihn an. Atmete ein, atmete aus. Der Rauch tanzte kurz in dem Versteck, dann riss der Sog ihn nach drau­ßen, und er verflüch­tigte sich über den Mais­fel­dern.

Ich schaute aus meinem Loch auf die zuckeln­den Kupp­lun­gen. Sie haben immer etwas Spiel, und die Waggons entfer­nen sich vonein­an­der, wie eine Kette, die man in die Länge zieht. Bis der Lokfüh­rer Gas gibt. Dann knal­len alle Waggons inein­an­der, und der Zug springt einen halben Meter nach vorne wie jene wilden Mustangs der Coman­chen. Du wirst geschüt­telt, gerüt­telt und umher­ge­schmis­sen. Slack Action nennt sich das, und der »Crew Change Guide« warnt eindring­lich davor. Wenn du keinen guten Stand hast, keinen guten Platz … dann darfst du dich einrei­hen in die Horden jener, die von so einem Zug neben die Gleise oder, schlim­mer noch, zwischen die Räder gefal­len sind. Auf einem Güter­zug zu reiten ist Rock’n’ Roll in seiner ursprüng­li­chen Bedeu­tung.

Der Himmel hellte auf, und die Sonne verdrängte das bläu­li­che Licht der Nacht. Über den Feldern lag Nebel. Am Kopf­ende des Zuges betä­tigte der Lokfüh­rer bei jeder Zufahrt auf einen Bahn­über­gang die Sirene.

Ricardo fingerte den nächs­ten Joint hervor.

Silbern dreh­ten sich die Räder auf den rost­ro­ten Glei­sen. Als wäre die moderne Gesell­schaft unter­ge­gan­gen und dies die einzige Möglich­keit, um fort­zu­kom­men.

Im ande­ren Waggon, ole dirty face fahrend, steckte Tuck seinen Kopf durch das Loch. Der Wagen war eier­scha­len­weiß. Neben Tucks Guck­loch befand sich der Brems­zy­lin­der und ein großes Rad für die Betä­ti­gung der Waggon­lu­ken. Eine rostige schwere Kette hing herab und wackelte mit jeder Bewe­gung des Zuges.

Tucks weißer Pfer­de­schwanz flat­terte im Wind. Er rieb sich kurz die Augen, dann klemmte er sich eine Ziga­rette zwischen die Lippen. Er war etwa zwei Meter entfernt, ich hatte einen guten Blick auf ihn. Seine topa­s­blauen Augen taste­ten gierig die Gegend ab: die klei­nen Orte, die Menschen, die in ihren Autos zur Arbeit fuhren, die Lippen an einem Kaffee­be­cher, kollek­tive Müdig­keit. Andere park­ten vor den Früh­stück­s­ca­fés, bestell­ten Eier sunny side up mit Bacon und gebut­ter­tem Toast. Die Ampeln an den Bahn­über­gän­gen blink­ten rot und klin­gel­ten hell. Dann wieder Land­schaft. Dunst lag über den Bäumen, die den Minne­sota River flan­kier­ten. Vögel stie­gen auf und schwan­gen sich in den Himmel.
 
 

 
 
Irgendwo zwischen Mankato und New Ulm kam der Zug knir­schend zum Stehen. Einfach so. Viel­leicht musste er auf ein Durch­fahrts­si­gnal warten, viel­leicht einen ande­ren, wich­ti­ge­ren Zug durch­las­sen, viel­leicht war etwas kaputt. Es gibt viele mögli­che Gründe für den plötz­li­chen Halt eines Güter­zu­ges. Fakt war: Er stand. Um uns herum nur Wald. Die Sonne brannte den Dunst aus der Luft. Stille wie nach einem Schuss­wech­sel.

Tuck klet­terte aus seinem Loch, stellte seine Füße auf zwei dünne Stre­ben, zwischen denen es nur noch runter ins Gleis­bett ging, und pinkelte vom Zug, natür­lich mit einer Ziga­rette im Mund­win­kel.

Der Zug zischte. »Luft ist drauf!«, rief Ricardo.

»Mother­fu­cker«, sagte Tuck, voll­führte einen klei­nen Tanz­schritt und ließ sich wieder mit den Füßen zuerst in das Loch glei­ten, just in dem Moment, als der Zug bockend und lärmend einen halben Meter nach vorne sprang. Ein paar Sekun­den eher, und es hätte Tuck vom Waggon gehauen.

»Elegant, aber knapp!«, rief ich.
Tuck lachte schal­lend: »Ich kenn mich mit der Zugzeit aus, Scheiß­kerl!«
Lang­sam und in allen Gelen­ken stöh­nend, nahm der Zug wieder Fahrt auf.

»Hey, Ricardo«, rief Tuck. »Schnell, wirf mir einen Joint rüber!«
Sich selbst zündete Ricardo die dritte Tüte an, rauchte. Ab und zu schaute er mich an und reckte den Daumen in die Höhe. Die meiste Zeit ließ er seinen Blick aber einfach in die Weite der Land­schaft schwei­fen. Das Grün des Waldes, das Blau des Flus­ses und die immer heller strah­lende Sonne.

Ein Hippie war er einst, wollte die Welt verän­dern. Ist heute noch der festen Über­zeu­gung, dass jemand Kennedy umge­bracht hat, weil der gegen den Viet­nam­krieg war. Die USA soll­ten ihre Nase nicht welt­weit in Dinge stecken, die sie nichts ange­hen, nicht über­all laut­hals Demo­kra­tie einfüh­ren wollen, während im eige­nen Land die Kacke am Damp­fen ist. Ricardo träumt von einem Stück Land, mitten im Nirgendwo. Am besten das Haus in den Boden gegra­ben, damit man den Besit­zer und das Grund­stück auch mit einem Hubschrau­ber­über­flug nicht ausfin­dig machen kann. Owned by noone, free as a bird. Keinem unter­tan und frei wie ein Vogel. Mit Aaron auf ein paar Züge sprin­gen und hoffen, dass der eines Tages seinen Vater als König beer­ben und die jüngere Hobo­ge­meinde so wieder den Weg nach Britt finden wird. Wie Tuck und so viele andere Hobos auch hasst Ricardo die Regie­rung, aber er liebt dieses Land. Sie alle sehnen sich nach dem Amerika, wie es mal war, bevor die Zäune hoch­gin­gen und die Büffel­her­den verschwan­den und statt­des­sen in jedem Ort das Gesetz auftauchte und die gott­ver­dammte Steu­er­be­hörde.

* * *

Zweites Kapitel

Die Bruderschaft der Hobos

Amerika wurde eigent­lich von den Hobos entdeckt und erschlos­sen – und sie sind entge­gen land­läu­fi­ger Vorstel­lun­gen noch lange nicht von der Bild­flä­che verschwun­den.

Der Hobo war ein Wander­ar­bei­ter und genauso ameri­ka­nisch wie der Cowboy. Er tauchte auf der Bühne auf, weil es einen Arbeits­markt für ihn gab. Der Begriff leitet sich wohl ab vom Wort hoe für »Hacke« und boy für »Junge«. Manche schrei­ben über den Hobo, dass Amerika ohne ihn über­haupt nicht möglich gewe­sen wäre. Er arbei­tete auf den Feldern, in Berg­wer­ken, legte Gleise für die Eisen­bahn. War obdach­los und unver­hei­ra­tet, meis­tens unter­wegs nur mit den Klamot­ten am Leib und einem klei­nen Bündel an einem Stock über der Schul­ter. Immer gab es einen Job in der Ferne, und wenn nicht, dann machte er sich auf und suchte danach.
 
 

 
 
Und dafür nutzte er dieses neue Trans­port­mit­tel, die Eisen­bahn, deren Gleise von Immi­gran­ten, Chine­sen, Schwar­zen und den Hobos selbst gelegt worden waren, und reiste als blin­der Passa­gier durchs Land. Die Weite da drau­ßen verwan­delte ihn in einen harten, risi­ko­freu­di­gen und radi­ka­len Menschen. Um zu über­le­ben, musste er viel­sei­tig wie ein Schwei­zer Armee­mes­ser sein. Immer in Bewe­gung, immer am Impro­vi­sie­ren. Und die Zähmung des galop­pie­ren­den Stahl­ros­ses verlieh ihm einen großen Teil seiner Iden­ti­tät. Aus den Hobos wurde eine Bruder­schaft, eine der ersten ameri­ka­ni­schen Subkul­tu­ren. Sie entwi­ckel­ten eine eigene Symbol­spra­che und verschrie­ben sich sogar einem mora­li­schen Kodex, mit dem sie sich von den Tramps und Bums, den Arbeits­lo­sen und Pennern, abhe­ben woll­ten. Ein passen­der Spruch über die Hobos geht so: Wenn es drau­ßen kalt ist, dann nimmt ein Tramp eine Zeitung und stopft sie sich unter die Klamot­ten. Ein Hobo tut das Glei­che, aber davor liest er die Zeitung noch. Hobos, die Elite des sozia­len Kellers.
 
 

 
 
Mit dem Ende des Bürger­krie­ges spülte es Tausende Menschen auf die Straße, nach dem Finanz­crash von 1873 mehrere Millio­nen. Die Lage beru­higte sich um die Jahr­hun­dert­wende, und in den späten 1920ern sah man den Hobo als ein Relikt der Vergan­gen­heit an. Dann brach die Wirt­schaft am 24. Okto­ber 1929, dem Schwar­zen Donners­tag, erneut zusam­men. Die Große Depres­sion sorgte für Menschen­mas­sen auf den Güter­zü­gen, wie man sie heute aus indi­schen Vorstäd­ten kennt. Und während der normale Penner an der Stra­ßen­ecke keine Fürspre­cher hatte, wurden die Hobos von großen Namen in Lied und Vers, zwischen Buch­sei­ten und auf Lein­wän­den verewigt.

Nach Wirt­schafts­krise und Welt­krieg wurde der Hobo dann aller­dings immer wieder für tot erklärt, und dennoch kam immer wieder eine neue Gene­ra­tion, die dem Wort und dieser Lebens­form neue Bedeu­tung verlieh. In den 1970ern, zum Beispiel, waren es die Viet­nam­ve­te­ra­nen. Trau­ma­ti­siert durch den Krieg im Dschun­gel, konn­ten sie sich nicht mehr in die Gesell­schaft einglie­dern und such­ten Trost auf den Glei­sen, in der Weite der ameri­ka­ni­schen Land­schaft und in den Lagern an der Stre­cke, passen­der­weise eben­falls Dschun­gel genannt, aller­dings schon lange zuvor. Wer bevöl­kert diese Welt auf und neben den Glei­sen heute, war die Frage, die mich bewegte und auf diesen Zug gebracht hatte …

Auch Tuck war jetzt hell­wach. Ich dachte, dass es weni­ger an den Folgen des tödlich star­ken Kaffees lag, den er stän­dig braute und natür­lich auch auf dem Zug mithatte, sondern an der Tatsa­che, dass er die Zähmung dieses Stahl­bies­tes als das wahre Leben erach­tete.

In zwei Stun­den würden wir unsere Ruck­sä­cke im von deut­schen Einwan­de­rern gegrün­de­ten New Ulm vom Zug schmei­ßen und über den vom Tau glit­zern­den Rasen durch ruhige Wohn­vier­tel latschen. Tuck würde sich die Hügel zur Haupt­straße hoch­kämp­fen. Dort gäbe es, groß und breit, McDonald’s, Perkins Restau­rant & Bakery und Papa Murphy’s Pizza. Mit aufge­ris­se­nen Augen sähen die Leute aus den Fens­tern zu uns herüber, und Ricardo würde sagen: 

»Gewöhn dich an die gaffen­den Blicke.«

Tuck würde rumschimp­fen: »Fuck a duck. Meine Beine tun scheiß­weh«, und ich beginge die Dumm­heit, ihm zu raten, er solle öfter laufen, das sei gut für den Rücken. Tuck würde mich streng anschauen und entgeg­nen: »Der letzte Ritt hat mich fast umge­bracht, und das war jetzt wirk­lich das letzte Mal. Ich bin offi­zi­ell in Rente und werde für den Rest meines Lebens einfach nur noch faul sein.« Und wenn er dann irgend­wann von der Bühne abtre­ten sollte, dann bitte die Asche auftei­len: die eine Hälfte auf den Hobo­fried­hof nach Britt, die andere irgendwo neben den Glei­sen der High­line verstreuen.
 
 

 
 
Aber jetzt war es noch nicht so weit. Jetzt donnerte der Zug noch über die Gleise, pfiff, damit sich alles aus seinem Weg begebe. In den Löchern des zehn­ten Getrei­de­wag­gons von hinten hock­ten drei Hobos, von denen zwei einen Joint nach dem ande­ren rauch­ten und der dritte unbe­dingt einen klaren Kopf behal­ten wollte.

Bald wäre Tuck wieder zu Hause, im Irren­haus, wie er es manch­mal nennt, drau­ßen die Obdach­lo­sen, die Schlange stün­den, um ihre Essens­mar­ken gegen Bares einzu­tau­schen.

Alles egal. Nichts davon zählte. Jetzt galt: Zugzeit.

Ich schaute zu Tuck rüber und konnte keinen kaput­ten Rücken erken­nen. Auch keine kaput­ten Zähne, keine kaput­ten Ohren. Ich konnte noch nicht mal mehr die einhun­dert Falten in seinem Gesicht sehen: Der Fahrt­wind glät­tete ihm einfach die Haut.

In der einen Hand eine Tasse schwar­zen Diesels, in der ande­ren eine Smoking Joe, sah Tuck 20 Jahre jünger aus.

Die Bilder und die Geräu­sche dieses ersten Ritts ließen mich tage­lang nicht los, sie tun es immer noch nicht. Stän­dig taucht der Güter­zug vor deinem Auge auf und rüttelt dich durch, schmeißt dich umher, die Land­schaft fliegt vorbei, es ist laut, schmut­zig und anstren­gend, aber da sind auch die satten Farben der Natur, nur du und die Welt, so hast du sie noch nicht gese­hen, und du willst mehr.
 
 

 
 
Die Tür in diese Welt stand nun sperr­an­gel­weit offen. Dachte ich. Doch wie sich raus­stel­len sollte, höchs­tens einen Spalt­breit, und ich würde mich mit aller Wucht dage­gen­schmei­ßen müssen, um sie ganz aufzu­sto­ßen.

* * *

Infos & Empfehlungen

Die ganze Story: König der Hobos: Unter­wegs mit den Vaga­bun­den Ameri­kas

Als blin­der Passa­gier auf Güter­zü­gen durch die USA

Sie pfei­fen auf den ameri­ka­ni­schen Traum und führen ein Leben außer­halb der Gesell­schaft. Getrie­ben vom Wunsch nach Frei­heit und Selbst­be­stim­mung fahren die Hobos ille­gal auf Güter­zü­gen durch das Land. Eine verschwo­rene Subkul­tur mit eige­ner Spra­che, mora­li­schem Kodex und Liedern, die sich mit dem Bau der trans­kon­ti­nen­ta­len Eisen­bahn entwi­ckelte und bis heute im Schat­ten des neon-grellen Amerika weiter­lebt.

Drei­ein­halb Monate reiste Fredy Gareis mit diesen Über­le­bens­künst­lern, Land­strei­chern und Vaga­bun­den durch ein Amerika, das die wenigs­ten kennen, und lernte von einem Hobo-König, wie man sich als blin­der Passa­gier durch­schlägt. Er erlebte Zusam­men­halt und Groß­zü­gig­keit, die Weite aus Licht und Wind, Einsam­keit, Gewalt und Drogen. Geschich­ten, die tiefe Einbli­cke in die raue Seele der USA gewäh­ren: über die Kraft des Indi­vi­du­ums, über Enttäu­schung, Wut und über das Glück, arm, aber frei zu sein.
 

»Fredy Gareis ist ein genauer Beob­ach­ter und kluger Inter­pret. (…) Damit hat er sich endgül­tig in die erste Reihe der Reise­li­te­ra­ten hier­zu­lande geschrie­ben.«, Süddeut­sche Zeitung, 09.08.2018

»In ›König der Hobos‹ berich­tet Gareis von einzig­ar­ti­gen Begeg­nun­gen, Anfein­dun­gen und dem alles bestim­men­den Drang nach Frei­heit.«, WDR cosmo, 05.06.2018

»Über die Kraft des Indi­vi­du­ums, über Enttäu­schung, Wut und über das Glück, arm, aber frei zu sein.«, schwarzataler-online.at, 04.05.2018

»›König der Hobos: Unter­wegs mit den Vaga­bun­den Ameri­kas‹ ist eine groß­ar­tige Insider-Reportage, es ist span­nend, lesens­wert und authen­tisch, vermit­telt viele geschicht­li­che Hinter­gründe zum Land der unbe­grenz­ten Möglich­kei­ten, die sicher­lich keinem von uns bisher bewusst war und ist vor allem eine große Hommage eine Gesell­schaft, die große Schick­sals­schläge erdul­den muss, Rezes­sio­nen über­lebt hat und erst dann ausster­ben wird, wenn die letzte Eisen­bahn­trasse still­ge­legt wurde.«, grosse-literatur.de

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Fredy Gareis

Fredy Gareis wurde 1975 in Kasach­stan gebo­ren und wuchs in der Opel­stadt Rüssels­heim auf. Um seine Reisen zu finan­zie­ren, verdingte er sich nach dem Abitur als Taxi­fah­rer, Putz­kraft und Medi­ka­men­ten­tes­ter. Danach war er als Jour­na­list unter ande­rem für Die Zeit, Tages­spie­gel und Deutsch­land­ra­dio tätig. Seit 2013 ist er freier Autor. Derzeit lebt er in Grie­chen­land und Deutsch­land. Bei Malik erschie­nen von ihm »Tel Aviv – Berlin« sowie »100 Gramm Wodka« und »König der Hobos«. Er wurde mehr­fach mit dem ITB BuchA­ward ausge­zeich­net. www.fredygareis.com

Leserpost

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  • Marcel on 6. März 2019

    wunder­schön geschrie­be­ner Beitrag. Danke. Mach weiter so und weiter­hin auch viel Glück und Erfolg mit deinem Blog :)
    Wünsche dir noch viele tolle Momente… Gruß aus Berlin, Marcel

    Antworten
  • Vivien on 22. Mai 2019

    Kann man noch viel mehr sagen außer das es beein­dru­ckend ist? Ich weis gar nicht wirk­lich was ich schrei­ben soll weil einfach alles an diesem Beitrag passt, und toll ist. Großes Kompli­ment für diese Reise!

    Antworten

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