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The Travel Episodes

Bild Heinrich

Meine Reise war noch keine zehn Stunden alt und ich stand beklaut und frustriert im Terminal B des Flughafens Kuala Lumpur. Ich verfluchte den Moment, als ich mich entschieden hatte, auf meinen ersten Solo-Surftrip zu gehen. Da saß ich jetzt, alleine auf der viel zu harten Ledergarnitur, die in den kommenden Tagen mein Wohn- und Schlafzimmer sein sollte. Ich bemitleidete mich selbst – es war schließlich niemand da, der das hätte übernehmen können. Aber eins nach dem anderen.

Die Misere nahm ihren Anfang an einem Freitagmorgen am Hamburger Flughafen. Ich wollte einchecken für meinen lang ersehnten Solo-Surftrip nach Bali – endlich wieder Weltklasse-Wellen jagen. Als deutscher Surfer musst du reisen, um wirklich gute Wellen zu reiten. Viele von uns sind „landlocked“, also wohnhaft weitab von einem Surfspot, und brechen so oft wie möglich im Jahr auf, um in der Ferne Wellen zu finden. Auch für mich war es mal wieder höchste Zeit, in die Boardshorts und auf das Brett zu springen. Zuerst allerdings musste ich die 20-stündige Reise hinter mich bringen – mit dem Ziel „Bali“ stieg ich also in Hamburg ins Flugzeug. Einziger Unterschied zu den unzähligen vergangenen Surftrips: Statt mit Frau oder Surfkumpel unterwegs zu sein, hatte ich mich entschieden, zum ersten Mal alleine, nur mit meinem Surfbrett, aufzubrechen. Es war eine Bauchentscheidung, denn eigentlich bin ich auf Surftrips gerne mit anderen unterwegs und teile die Erlebnisse in und am Wasser. Dieses Mal aber wollte ich die Zeit nutzen, um mir in Ruhe über verschiedene Aspekte in meinem Privat- und Berufsleben Gedanken zu machen.

Und ich wollte einfach nur das machen, worauf ich Lust hatte – ohne Kompromisse, Diskussionen und Zugeständnisse.

Leider war die Reise schneller zu Ende als sie begonnen hatte – besser gesagt: Ich machte einen ausgedehnten, ungeplanten Zwischenstopp. Die Ursache ist schnell geschildert: Ich wurde am Flughafen Kuala Lumpur von einem Taschendieb bestohlen, und zwar in der Warteschlange vor der Männertoilette. Keine Details, denn Fakt ist: Der Moment als ich feststellte, dass meine Hipbag fehlte, war der Beginn einer dreitägigen Odysse, von der ich dachte, dass sie nur in Hollywoodfilmen existiere.

Während sich mein Pulsschlag beschleunigte wie der Düsenjet nach Bali, in dem ich wahrscheinlich gleich doch nicht sitzen würde, war meine Hipbag wohl schon auf der Flucht – samt Dieb, meinem Pass, Geldbeutel und Handy. Zuerst gab es eine Diskussion mit dem Flughafenpersonal. Ich könne gerne mitfliegen, wurde mir gesagt, aber auf Bali angekommen werde ich wahrscheinlich nicht ins Land gelassen. „Sie haben zwei Minuten, um sich zu entscheiden“, verkündete die Airlinemitarbeiterin mit ihrem eingefrorenen Lächeln. Den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ob ich mich nach dem Grund ihrer Fröhlichkeit erkundigen sollte, doch dieser Gedanke wurde von dem Fragengewitter hinweggefegt, das meine Hirnwindungen überrannte: Bleibe ich hier? Fliege ich mit? Was passiert mit meinem Koffer und Boardbag?
In den nächsten 120 Sekunden schossen mir so unzählige Gedanken durch den Kopf, wäre mein Gehirn ein Schaltkasten, dann hätten sich genau in diesem Moment die Sicherungen verabschiedet. Am Ende war es eine weitere Bauchentscheidung: Ich blieb! Die Frau vom Flughafenpersonal nickte, grinste und schloss die Tür zur Gangway. Der hell erleuchtete Gang zum Flugzeug, der mich zu den lang ersehnten Wellen bringen sollte, erlosch hinter den zufallenden Schwingtüren. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das Geräusch des platzenden Traumes wirklich gehört hatte oder ob mir mein schockiertes Unterbewusstsein diesen imaginären Tritt in den Hintern gab. Eben noch freute ich mich darauf, in ein paar Stunden in den Wellen vor Bali zu sitzen, fünf Minuten später stand ich rat- und sprachlos am geschlossenen Gate und schaute, wie mein Flieger auf die Startbahn rollte.

“Du musst jetzt Ruhe bewahren und logisch vorgehe“, befahl ich mir selbst.

Erstens: Ab zur Polizei und den Diebstahl melden! Zweitens: Gepäck besorgen! Drittens: Die Deutsche Botschaft in Kuala Lumpur kontaktieren – ich brauchte sofort einen neuen Ausweis. Die Meldung bei der Polizei war noch einfach, deutlich schwieriger und überhaupt nicht witzig war es, an mein Gepäck ranzukommen. Die gute Nachricht lautete: Koffer und Boardbag waren aus dem Flugzeug geholt und am Flughafen deponiert worden. Die Schlechte: Meine Utensilien waren hinter der Grenzkontrolle, also bereits im Land – in das ich ohne Ausweis nicht einreisen durfte. Ich diskutierte mit dem Zöllner über eine „Ausnahme“ – ob er denn meine prekäre Situation nicht verstehe? Leider sprach der Mann am längeren Hebel nur schlecht Englisch, dass die Ausnahme aber 50 Dollar kosten würde verstand ich wohl. Ich besaß kein Bargeld und meine Ersatzkreditkarte war in meinem Boardbag – Anfängerfehler! Nach langem hin und her hatte ich den Zollbeamten überredet, mich die paar Schritte durch die Zollkontrolle nach Malaysia zu begleiten, dorthin wo mein Gepäck war. Über die 50 Dollar extra vereinbarten wir einen mündlichen Vertrag, auf den er sich einließ, in dem er die Hand an seine Handschellen legte. Ich feierte also zumindest ein Wiedersehen mit meinem Gepäck und der Not-Reisekasse, die zum Teil in die tiefen Taschen eines korrupten Zollbeamten wanderte. Ich schnappte mir noch ein paar frische T-Shirts und Unterwäsche aus meinem Koffer, bevor der Zollbeamte mich zurück ins „Niemandsland Flughafen“ brachte. Er teilte mir mit, dass ich mein Gepäck erst wieder bekäme, wenn ich mich ausweisen konnte, so lange blieb alles in Besitz des Staates Malaysia. Die Frage, ob er mir rückwirkend einen Einreisestempel in meinen, hoffentlich bald neuen, Reisepass geben würde, verkniff ich mir schweren Herzens – schließlich hatte gerade ganz andere Sorgen.
Nachdem ich per „Collect Call“ meine Kreditkarten und das Handy sperren konnte, erreichte ich einen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Malaysia. Der wiederum reihte sich nahtlos in meine Pechsträhne ein und verkündete, dass der Herr Botschafter bereits im Wochenende weile und erst am Montag wieder erreichbar sei. Wie jetzt? Es war doch erst Freitagmittag? „Ja sicher, in Kuala Lumpur“, antwortete der Herr am Telefon wohl wissend, „der Botschafter aber arbeitet nach deutscher Zeit, und da ist ja Freitag 18 Uhr und somit Feierabend“. Ich solle mich bis Montag gedulden, dann würde es aber relativ schnell gehen, erklärte der Gesandte der Bundesrepublik. Die Frage, wieso man einen Botschafter im Ausland braucht, wenn der nicht unabhängig von deutschen Ämtern arbeiten kann lächelte der Botschaftsvertreter durchs Telefon beamtenmäßig weg. Nicht zu glauben, aber offensichtlich war es so: Ohne Reisepass musste ich von Freitagmittag bis mindestens Montag am Flughafen in der neutralen Transitzone bleiben!

Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was in den folgenden Tagen passierte, denn vieles ist in einem Nebel aus Neonlicht, kalter klimatisierter Luft und Dauerreizung aller Sinnesorgane verschwunden. Glasklar allerdings war, dass ich schnell eine Übernachtungsmöglichkeit brauchte. Im Flughafenhotel bekam ich einen unbezahlbaren Preis pro Nacht genannt und kein Rabatt oder Mitleid für meine Situation. Und auch die Bitte nach einer Dusche wurde abgeschmettert. Die Airlinemitarbeiter am Schalter taten zumindest so als hätten sie Mitleid, allerdings verwiesen sie auf ihre Richtlinien und erklärten, dass auf menschliches Versagen keine Rücksicht genommen werden könne. Konkret bedeutete dies: keine Gutschein für eine Mahlzeit oder Dusche, und schon gar keinen bezahlten Anschlussflug.

Meinen Schlafplatz fand ich schließlich in Terminal B. Mein Zuhause fernab der Heimat war die gesponserte Fernsehecke eines asiatischen Multimediakonzerns, der dort neben mächtigen Flatscreens Teppiche ausgelegt und ein paar Sofas aufgestellt hatte. Zum Glück hatte ich meine Jacke bei mir, sie diente als Kopfkissen, die „ausgeliehene“ Decke aus dem Flugzeug half, war aber nur eine geringer Schutz gegen die kühlschrankartigen Temperaturen im Terminal. Ich war erschöpft und legte mich hin, fand aber nicht in den Schlaf, stattdessen veranstalteten meine Gedanken eine Party. Was konnte ich tun? Einfach mit der Situation abfinden und das Beste daraus machen? Wahrscheinlich die einzige Herangehensweise, die mich davor bewahrte, durchzudrehen. Da lag ich nun, statt auf Bali bei 30 Grad in der Hängematte, in einem Flughafenterminal bei gefühlten zehn Grad auf einem Kunstledersofa. Irgendwo hatte ich gelesen, dass an diesem Flughafen 50 Millionen Passagiere pro Jahr durchgeschleust werden – aber trotz einem beachtlichen Teil dieser Menschenmenge um mich herum fühlte ich mich in diesem Moment ziemlich einsam. Ich war staatenlos an einem neutralen Ort, gefangen in der Transitzone – vier Tage lang „lost in translation“. Eigentlich fehlte jetzt nur noch, dass Tom Hanks um die Ecke kam, sich zu mir auf die Couch kuschelte und wir gemeinsam seinen Film „Terminal“ auf dem überdimensionalen Flatscreen anschauten.

In den folgenden beiden Tagen verlor ich jegliches Gefühl für Zeit, trotzdem stellte sich so eine Art Routine ein. Vor dem Frühstück ging ich Spazieren – für meine Runde durch Terminal A, B und C benötigte ich genau 45 Minuten. Danach frühstücken, zwischen Gate 112 und 113 hatte ich ein „französisches Café“ gefunden, das ganz passable Croissants und guten Kaffee hatte. Anschließend Baseball schauen – am Wochenende waren die Spiele sogar live! Zwischendurch ins Internetcafe und mit den Lieben zuhause chatten, dann war auch schon wieder Abend und damit Zeit, in einem der Fast-Food-Restaurants zu dinieren. In der ganzen Misère gab es aber auch schöne Begebenheiten und Momente. Im Terminal hatte sich rumgesprochen wer ich war, und einige der dort arbeitenden Menschen taten fortan alles mögliche, um mir meinen ausgedehnten Zwischenstopp so angenehm wie möglich zu gestalten. Noch heute bin ich gerührt, wenn ich an meine „Nachbarn auf Zeit“ zurückdenke. Bei meinem morgendlichen Rundgang grüßten mich die Ladenbesitzer, der Inhaber des „französischen Cafés“ lud mich am Sonntag zum Frühstück ein und im Multimediastore durfte ich einen der Computer für das Videotelefonat nach Hause nutzen. Ein aufmerksamer Mitarbeiter aus der Marketingabteilung des Flughafens, dem ich als Stammgast seines Etablissements aufgefallen war, interviewte mich für Studie zur Benutzerfreundlichkeit des Flughafens – kaum jemand verbringe hier so viel Zeit wie ich, merkte er bezüglich der Relevanz meines Beitrages an.

Als „Honorar“ bekam ich Essen-Voucher, und zwar so viele, dass ich einige davon für ein paar Dollar weiterverkaufte.

Hemmungen hatte ich bereits ab dem ersten Morgen am Flughafen keine mehr, dafür aber eine gute Nachbarschaft und eine Einkommensquelle, die mir so viel Geld einbrachte, dass ich mir davon eins dieser ulkigen Reiskopfkissen gönnen konnte. Und ich lernte Menschen aus der ganzen Welt kennen, viele hatten ein Herz und ein offenes Ohr für mich Gestrandeten, bei mir auf der Fernsehcouch kamen wir ins plaudern. Eine Südafrikanerin erzählte mir von ihrem Leben und Leiden mit der Apartheid und schenkte mir ihre Zigaretten, ein arabischer Mann, er wollte nicht sagen wie er heißt oder wo er herkommt, spendete fünfzig Dollar und bezahlte mir damit meine Körperhygiene in Form der Flughafenhotel-Dusche. Bis heute habe ich Kontakt zu einem Israeli, der ebenfalls seinen Flug verpasst hatte, allerdings in Besitz seines Personalausweises war und nur zwölf Stunden auf seine Weiterreise warten musste. Wir verbrachten eine gemeinsame Nacht in meinem „Schlafzimmer“, redeten sprichwörtlich über Gott und die Welt und wurden Freunde, die das Band der Einsamkeit zusammenschnürte. Wahrscheinlich waren es Schlafmangel, Stress und Hunger, die bei seiner Verabschiedung dazu führten, dass ich mit den Tränen kämpfte. Ein Deutscher und ein Israeli teilen sich in einer Notsituation den Schlafplatz – einen größeren Mittelfinger kann man der schlimmen gemeinsamen Vergangenheit wohl kaum zeigen. Es hatte keine 24 Stunden gedauert, ich war zwar immer noch alleine, aber längst nicht mehr nur von Fremden umgeben!

Irgendwann war es dann soweit – es muss Montagmittag gewesen sein – ein Botschaftsmitarbeiter überreichte mir meinen neuen Ausweis! Ich verabredete mich mit ihm in meinem „Wohn- und Schlafzimmer“, schließlich sollte er sehen, was ich erlebt hatte. Sein „wenn ich gewusst hätte…“ lies ich unkommentiert, schließlich hatte der Mann mein Ticket in die Freiheit in der Hand. Es muss ein jämmerlicher Anblick gewesen sein: Ein blasser Typ mit blutunterlaufenen Augen umarmt einen schicken Herren im Anzug. Eigentlich ein Wunder, dass mich die Flughafen-Sicherheitsbeamten nicht direkt niedergerungen haben, um den edlen Herrn vor meinem Übergriff zu schützen.

Mit dem druckfrischen Dokument fest in den Händen marschierte ich zum Schalter, um mir den Flug nach Bali und den Heimflug drei Wochen später zu buchen, denn auch der war inzwischen automatisch verfallen. Ob ich denn von Bali nach Deutschland lieber über Kuala Lumpur oder Singapur fliegen wolle, fragte mich die Airline-Mitarbeiterin – selten habe ich so schnell eine Entscheidung getroffen!

© Titelfoto: Erik Odiin

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Die Shortlist 2018

Autoren-Wettbewerb 2018

Die Shortlist 2018

Vielen Dank allen Teilnehmern für die aufregenden Geschichten von ihren Reisen allein in der Welt! Zehn haben es auf die Shortlist geschafft – und werden hier veröffentlicht, während die Jury über den Sieger berät.

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Eine Episode von

travelonboards.de

Stefan Heinrich

Stefan Heinrich lebt, arbeitet und surft von seiner Basis Hamburg aus. Nach seinem Journalismus- und Sportstudium und einer zweijährigen Weltreise beschäftigt er sich heute beruflich mit fernen Ländern und dem Surfen. Als Journalist arbeitet er im TV-, Print- und Onlinebereich. Als Gründer der beiden Surf- und Kitesurf-Onlinemagazine „travelonboards.de“ und „surflovetravel.com“ fliegt Stefan heute nicht nur aus nachhaltigen Aspekten so selten wie möglich – und wenn, dann möglichst ohne Zwischenstopp.

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