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The Travel Episodes

 

 

Wie Frauen andere Frauen zum Reisen bringen

Bangladeschs neue Generation

von Corina Tomaschett

 

Alles brannte. Der Mund stand in Flammen. Ich spürte wie mir im ganzen Gesicht heiss wurde, die Augen füllten sich mit Tränen und ich konnte nur noch husten. Meine Tischnachbarn sahen mit leicht entsetzt an. Sakia, meine Bangladeschi Reisepartnerin schaute besorgt und leicht alarmiert zu mir herüber.

«It’s ok. Really. The food is wonderful», hustete ich. «It’s a bit hot for someone, who’s not used to it», setzte ich nach. Die Bangladeschis schauten mich weiterhin mit großen Augen an. «Corina, how can you CHANGE THE COLOR OF YOUR FACE?!», platzte es aus Pinky, Sakias Freundin, heraus. Ich stutzte und lachte lauthals heraus, was sich wieder mit einem Hustenanfall mischte.

Wir spulen 5 Monate zurück. Ich stand inmitten der Lernphase für meine Abschlussprüfung in Medizin. Wie so oft in zähen Zeiten surft man dabei viel im Internet und Facebook. Ich hatte eine 4-monatige Reise nach Sri Lanka, Indien und Nepal im Sinn und war hierfür am Recherchieren, anstatt zu lernen. Dafür war ich Mitglied bei den «Travelettes», einer Facebookgruppe für allein reisende Frauen. Die aktuellsten Informationen zu Reisezielen findet man oftmals in solchen Gruppen, wo sich Gleichgesinnte tummeln. Man tauscht sich über Destinationen, Sicherheit für Frauen und Verhaltenstipps aus. Eines Tages postete eine junge Frau aus Bangladesch ein Foto mit dem Text:

«Hey, I am Sakia from Bangladesh. My country is beautiful!
Has anyone visited Bangladesh? Are any Bangladeshis in the group?»

«Bangla….was?» war mein erster Gedanke. Von der Geographie her wusste ich, dass sich das kleine Land rechts von Indien befindet. Aber mehr als Überbevölkerung, Fluten und H&M-Kleiderfabriken fiel mir dazu nicht ein.

Wenn man nichts über einen Ort weiss, ist es eine gute Idee genau dorthin zu reisen.

So meldete ich mich auf Sakias Post. Uns beiden war zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, wie sehr uns das und eine ganze Generation von Frauen in Bangladesch verändern würde.

Sakia auf der anderen Seite des Globus war eine junge 26-jährige Medizinstudentin, welche ganz andere Probleme hatte. Sie wollte unbedingt ihr Vaterland bereisen. Die Leute von Bangladesch bringen ihren Söhnen und Töchtern bei ihr Land mit allen Naturschätzen zu lieben. Zur Recht, das kleine Land ist eines der grössten Flussdeltas der Welt, wo sich der Ganges aus Indien, der Brahmaputra und Meghna treffen. Hierzu kommen der grösste Mangrovenwald der Welt mit dem berühmten bengalischen Tiger und Cox-Bazaar der längste, ununterbrochene Strand der Welt. Die Liebe für ihr eigenes Land wird ihnen in die Wiege und ins Herzen gelegt. Jedoch ist es unüblich, das Land zu bereisen. Insbesondere als Frau. In der konservativen Gesellschaft sind die Rollen der Geschlechter eindeutig verteilt. Die Töchter werden wie Schätze gehütet, aus Angst etwas könnte ihnen zustossen.
Frauen werden in Bangladesch oft nach ihrem Verhalten beurteilt. Verhält sich eine Frau wie eine ehrbare Frau es tun würde, dann wird sie respektiert. Verhält sie sich nicht wie eine ehrbare Frau, dann ist sie keine. Eine ehrbare Frau zieht nicht alleine um die Häuser und erst recht nicht durchs Land. Deswegen ist es für Frauen gefährlich alleine zu reisen. Sie würden als vogelfrei angesehen werden. Eine andere Möglichkeit wäre mit einem Mann zu reisen. Jedoch müsste dieser entweder mit der Frau verwandt oder verheiratet sein. Für Sakia, welche ihren Vater bereits verloren hatte, unverheiratet und Einzelkind ist, gab es hierzu keine Möglichkeit. Als letztes kämen noch andere Frauen als Reisepartnerinnen hinzu. Aber alle ihre Freundinnen wollten oder durften nicht reisen…
Was tut ein Milennial in dieser Situation? Er geht auf Facebook! So kam sie eines Tages in die Travelettes-Gruppe und startete einen Versuch eine Reisepartnerin zu finden.

5 Monate später sass ich nervös im Restaurant meines Hotels in Dhaka. Mangels aktueller Reiseführer wandte ich mich an eine englische Reisebloggerin, welche ein paar Monate vorher in der Hauptstadt Bangladeschs war und fragte nach einer Hotelempfehlung. Ich trug einen knallgelben Salwar Kameeze mit Goldstreifen und Glitzer. Sakia und ich hatten bis anhin nur per Facebook kommuniziert und ich wollte einen guten ersten Eindruck machen. Von früheren Reisen in konservative Länder wusste ich, dass westliche Frauen durch Hollywoodfilme teils als «lockerer» und von schlechter Moral angesehen wurden. Das wollte ich unbedingt vermeiden!

Als aber Sakia in Jeans und Holzfällerhemd zur Tür hereinkam, prusteten wir beide los. Sie hatte sich die genau gleichen Sorgen gemacht. Sie wollte nicht zu konservativ rüberkommen und weltoffen erscheinen. Das Eis war gebrochen.

Mein Visum war 30 Tage gültig. Somit hatte Sakia 30 Tage Zeit, um alles von ihrem Land zu sehen, was sie schon immer sehen wollte.
Wir fuhren mit einer alten Fähre von Dhaka nach Barisar und weiter auf dem Dach eines Busses nach Khulna, der Heimatstadt von Sakias Vater. Dort konnten wir uns vor Essenseinladungen kaum retten. Jede Tante, Cousine und Nachbarin wollten uns bewirten.

«How is Switzerland?», übersetzte Sakia die Frage ihres ehemaligen Lehrers. «In summer it’s hot, but there are many lakes and rivers to cool down. In winter it’s cold. The temperatures fall below zero and there is snow.» «Aha», murmelte der alte Mann und kraulte sich den mit Henna gefärbten Bart. «So when it’s so cold in winter people go to other, warmer places? For example Singapore? Singapore has really nice weather!» Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Die Logik war bestechend! Dennoch erklärte ich, dass wir Schweizer keine Zugvögel seien und unsere Häuser genügend isoliert seien, um die Kälte draussen zu halten.

Der Motor des Schiffes knatterte. Der Kamin puffte graue Rußschwaden in die Luft. Junge Studenten blinzelten verstohlen zu den Studentinnen herüber und Mütter, welche als Anstandsdamen mitgekommen waren, schwatzten zusammen beim Tee. Ich lag auf dem leicht vibrierenden Deck des Schiffes und lachte zufrieden in mich hinein. «We will never see a tiger», stiess ich in Sakias Richtung.

Da Sakia nun eine Frau an der Seite hatte, konnte sie ebenfalls an anderen organisierten Gruppen teilnehmen. Ihre Universität schrieb einen Ausflug in die Surdarbans, dem grössten Mangrovenwald der Welt, welcher von Bangladesch und Indien geteilt wurde, aus. Sie meldete uns beide sogleich an. Die Organisatoren wollten mich aber nicht mitnehmen. Sie befürchteten, dass die Behörden die gesamte Reisegruppe aufhalten würden, wenn eine Bindeshi-Touristin an Bord sei.

Wir hörten zwischen den Zeilen heraus, dass das Problem mein Status als Touristin sei. Deswegen machten wir das, was jeder 26-Jähriger in dieser Situation tun würde: Wir fälschten einen Universitäts-Ausweis. Innert 15 Minuten wurde ich Medizinstudenin des DMC, dem Dhaka Medical College. Die Organisatoren des Ausfluges haben uns sogar dabei geholfen.
So schipperten wir zusammen mit 120 weiteren Personen auf einem ausrangiertem Schiff durch die Mangrovenwälder. Das Geschnatter, Geknatter und Geheule von Mensch und Maschine machten jede Chance einen der seltenen bengalischen Tiger zu Gesicht zu bekommen zunichte. Aber das schien niemanden zu stören. Auf dem donnernden Skelett des Schiffes schlief ich in der Sonne friedlich ein.

Wir setzten uns ein anderes Mal in den Süden des Landes nach Cox Bazaar ab. Dort befindet sich der längste, ununterbrochene Strand der Welt mit 155 km. Die Bangladeschis picknicken dort, spielen mit ihren Kindern, lassen Drachen fliegen und baden im Meer. Es kam mir fast so vor als ob man in Spanien Badeurlaub machen würde, prostete ich Sakia zu. Wir sassen am Strand und warteten, dass Barsha und Ahnaf unser Hotelzimmer wieder frei geben würden.

Auf diesen Ausflug ist ein befreundetes Paar von Sakia mitgekommen. Barsha und Ahnaf waren bereits seit 3 Jahren zusammen. Die Eltern waren mit der Verbindung einverstanden und die Hochzeit sollte nach dem Abschluss des Studiums stattfinden. Bis dahin dauerte es aber noch eineinhalb Jahre! Wie alle verliebten Paare in den 20-er hatten sie genug von Händchenhalten und sich verliebt in die Augen schauen. Sie wollten mehr. In Bangladesch ist jedoch vorehelicher Geschlechtsverkehr verboten. Nur zwielichtige Hotels drückten ein Auge zu und liessen Paare ohne Heiratsurkunde ein Zimmer nehmen. Als Barsha ein einigermassen vertrauenswürdige Gaststätte gefunden hatte, druckste Ahnaf dennoch weiter herum. «Weisst du, ich möchte genau so sehr allein mit dir sein wie du mit mir. Aber… Allah würde ja wissen, dass wir nicht verheiratet sind!» Die Lösung hierzu war, dass Barsha und Ahnaf sich im Geheimen von einem Imam trauen liessen. Bei der offiziellen Hochzeit in eineinhalb Jahren würden sie einfach nochmals unter den Augen von allen das Ganze wiederholten. So wäre alles in Ordnung. Da die beiden nun aber vor Allah Mann und Frau waren, stellte sich ganz neue Herausforderungen. Nun waren sie in der Pflicht regelmässig die Ehe zu vollziehen. «Das brachte sie für sie einen ganz neuen Stress!» flüsterte Sakia lachend mit einem Augenzwinkern.
 

 
Als sich mein Visum dem Ende zuneigte wurde Sakia stiller. Wir hatten in kurzer Zeit vieles bereist, was sie schon immer sehen wollte. Aber wenn ich abgereist sein würde, sässe sie wieder fest ohne Reisepartner. Schlimmer noch, sie war nun mit dem Reisefieber infiziert worden! Nach einigen Wochen Trübsal blasen reichte es ihr. Sakia hatte auf unseren Reisen gesehen, dass die Frauen interessiert waren und raus wollten. Es war jedoch sehr schwierig bei über 160 Millionen Menschen in Bangladesch diese aufzuspüren.
Deswegen gründete sie mit einer Freundin die Facebook-Gruppe «Travelettes of Bangladesh». Sie stellte sich eine kleine Gemeinschaft von Frauen vor mit denen sie sich treffen und reisen konnte. So an die 30 oder vielleicht 50 Frauen.

Die Facebookgruppe hatte innert eines Monates 3000 Mitglieder, nach 3 Monaten 5000 Mitglieder und nun nach 3 Jahren über 30000 Mitglieder. Weder Sakia noch ihre Freundin Manoshi hatten mit diesem Ausmass gerechnet. Die Bangladeschi Frauen wollten reisen, wollten ihr Land erkunden und wollten etwas erleben! Nach und nach begannen Sakia und Manoschi reisen für die Frauen zu organisieren. Sie legten Destinationen fest, spürten für Frauen geeignete Hotels auf und riefen die dortigen Behörden an.

Viele Mädchen der Gruppen baten meine Freundin mit ihren Eltern zu sprechen, damit sie die Erlaubnis zur Teilnahme gaben. Sakia telefoniert mit Brüdern, stellte sich bei Eltern in der Stube vor und erklärte den Ablauf der Reisen, die Unterkünfte und welche Behörden informiert seien. Sie versicherte mehrmalig, dass es sich um eine reine Frauenreisegruppe handle. Dies war wichtig, da manche streng konservative Familien ihren Töchtern jeglichen Kontakt zu Männern verbieten. Insbesondere wenn sich die Töchter ausserhalb des Familienradius unterwegs sein würden.

Aber nicht nur junge Frauen kamen auf Sakia zu. Ebenfalls ältere Frauen erfuhren von den Reisen und schrieben ihr.
Sie erzählte mir von Sanjana, einer 65-jährigen Witwe. «Sanjana wollte wie ich bereits als 20-jährige ihr Land sehen. Immer nur in der Küche zu stehen erschien ihr langweilig. Ihre Eltern gaben ihrem Wunsch aber nicht statt, sondern vertrösteten sie auf nach der Heirat. «Wenn du verheiratet bist, kannst du dann mit deinem Mann reisen» wurde sie hingehalten. Leider stellte sich nach der besagten Heirat heraus, dass ihr Mann nicht am Reisen interessiert war und noch weniger Interesse daran hatte sie irgendwohin mitzunehmen. Als ihr Mann starb, fiel die Aufsichtspflicht an ihren ältesten Sohn. Dieser verbot ihr das Reisen ebenfalls. Doch nun, in Begleitung so vieler Frauen braucht sie ihren Sohn nicht mehr fürs Reisen!»

Die Neugierde auf die Welt ist nicht altersgebunden.

Sakia und Manoshi reichte es nicht nur auf Facebook aktiv zu sein. Um immer mehr Frauen und auch Männer zum Reisen zu inspirieren veranstalteten sie den ersten nationalen Reise-Fotowettbewerb des Landes. Jeder und jede konnte Fotos einsenden und eine Jury prämierte die besten Bilder.

Zudem wollte Sakia mehr für die Aufklärung der Mädchen im Land tun. Sie reiste mit Manoshi als erste Frau auf Motorolle in alle 64 Distrikte des Landes. Dort unterrichtete sie jeweils in einer Schule Lektionen über Hygiene, Menstruation, Selbstverteidigung und natürlich das Reisen.

Mittlerweile wurde sie auch international als Rednerin nach Malaysia eingeladen, wo sie Vorträge zur Frage «Wie man Frauen in konservativen Kulturen zum Reisen verhelfen kann» hält.

Es scheint uns immer noch etwas surreal, wie sie aus unserer zufälligen Begegnung so viel ergeben hat. Viele Frauen von Bangladesch haben nun eine Möglichkeit unabhängig in Gruppen zu Reisen. Ein Privileg, welches wir vom Westen als so selbstverständlich hinnehmen, ist in anderen Kreisen mit anderen kulturellen Rahmenbedingungen um einiges schwieriger.

Trotz des vielen Trubels und des grossen Erfolges von Travelettes of Bangladesh finden Sakia und ich immer noch Zeit für einander. Über Whatsapp rücken die Schweiz und Bangladesch deutlich näher. Dieses Jahr haben wir es sogar geschafft für Sakia ein Schengen-Visa zu bekommen. Das scheint für uns aus dem Westen keine grosse Sache zu sein, aber für jemandem aus einem Dritte-Welt-Land im besten heiratsfähigen Alter ist es sehr schwierig eines zu bekommen. Die Behörden gehen kategorisch davon aus, dass sie in Europa bleiben möchte und wir mussten ihnen beweisen, dass Sakia ein Leben in Bangladesch hat, für welches es sich lohne wieder nach Hause zurückzukehren. Die liessen sich aber mit «Travelettes of Bangladesh» überzeugen.

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Corina Tomaschett

Corina Tomaschett wurde in den Schweizer Alpen geboren. Ihre Mutter brachte ihr schon früh bei wie wichtig es sei auf Menschen zuzugehen. Hieraus entwickelte sich eine Neugierde für Kulturen, die sich von der eigenen unterscheiden. Seit 2010 reist sie regelmässig für mehrere Monate pro Jahr. Ihre letzte Reise führte sie mit öffentlichen Verkehrsmittel von Zürich nach Sarhad, Wakhan Corridor Afghanistan. Sie lebt und arbeitet aktuell in Zürich.

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