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The Travel Episodes

Endstation Nicaragua

Die Magie der Maisinseln

Kennt ihr noch die Serie »Lost«? Little Corn Island könnte das reale Ebenbild der Serieninsel sein. Viele Menschen kommen nicht mehr von ihr weg. Christoph Karrasch wäre gerne einer von ihnen.

Als ich Kelly an diesem Morgen treffe, ahne ich noch nicht, dass wir uns gerade zum letzten Mal sehen. Mit glasigen Augen und einer Frisur, die nach explodierter Palme aussieht, kommt sie mir am Weststrand von Little Corn Island entgegen. Es scheint, als habe Kelly die ganze Nacht nicht geschlafen.

»Christoph, ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen. Wie spät ist es?«

Es ist zehn Uhr. Dann fällt sie mir um den Hals, sie riecht ein bisschen nach Alkohol und ein bisschen nach Schweiß. In ihrem Haar steckt noch das Lagerfeuer von gestern Abend. Sie seufzt erschöpft, schließlich flüstert sie:

»Letzte Nacht hat mein Leben verändert.«

Ich drehe gerade meine Abschiedsrunde über Little Corn Island. In einer halben Stunde wird mich das nächste panga zurück nach Big Corn Island bringen. Ein letztes Mal klappere ich die Unterkünfte meiner Inselbekanntschaften ab, um Lebewohl zu sagen. Auf ein letztes Morgenbier zu Marc und Paul, einmal noch Norah auf der anderen Seite bei Grace’s Place drücken. Wo Clara wohnt, weiß ich gar nicht so genau – aber wenn sie nicht gerade unterwegs ist, sitzt sie eigentlich immer bei ihrem Aqua Boy. Tja, und dann ist da eben noch Kelly, die ich eigentlich heute mitnehmen wollte. Wir kennen uns seit ihrem vierzigsten Geburtstag. Der war gestern.
 
 
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»Ich werde wahrscheinlich hier auf Little Corn bleiben, Christoph«, sagt sie und klingt dabei seltsam atemlos. Eigentlich hatten wir gestern Abend beschlossen, heute gemeinsam abzureisen. Aber wir kennen uns ja erst seit ein paar Stunden und sind uns keinerlei Rechenschaft schuldig. Deshalb versichere ich ihr, dass es total okay sei, wenn sie noch ein paar Tage länger bleiben wolle.

»Nein, du verstehst nicht«, unterbricht sie mich. »Ich meine für immer. Ich weiß, dass das verrückt klingt. Aber ich werde wohl für immer auf Little Corn bleiben.«

Ich stutze. Sie wäre zwar nicht die Erste, der das passiert. Clara ist auch hier gestrandet – oder die französischen Zwillinge oben am Leuchtturm. Trotzdem bringt mich Kellys Nachricht ins Grübeln. Ich schaue sie an und lege meine Stirn in Falten. Dann versuche ich, mich zu erinnern: Aus den Augen verloren habe ich Kelly gestern, als ich nach dem letzten Cuba Libre ins Bett gegangen bin und sie noch zum Tanzen in die Tiki Bar weitergezogen ist. Was genau ist in der Zwischenzeit passiert? Und vor allem: Was ist das hier für eine Insel, die so was mit den Menschen zu machen scheint?

 

* * *

Zweites Kapitel

Fliegen und Flanieren auf Big Corn

Es gibt zwei Wege auf die Corn Islands: einen entspannten Flug mit der Propellermaschine oder eine raue Fahrt übers Meer. Völlig klar, wofür sich unser wilder Abenteurer entscheidet.

Eine Woche zuvor. Etwa siebzig Kilometer vor der Küste Nicaraguas liegen zwei Fleckchen im karibischen Meer. Zwei kleine grüne Wuschelköpfe, die aus dem türkisblauen Flüssigteppich ragen und irgendwie so gar nicht zum Rest des mittelamerikanischen Landes passen wollen. Las Islas del Maíz heißen sie, die Maisinseln. Doch vom amtssprachlichen Spanisch will man hier nicht so viel wissen.

Das Aussehen der Menschen: afrokaribisch.
Die Musik: Reggae.
Das Mundwerk: Kreol-Englisch.

Deshalb nennt man die Inseln hier ganz einfach: Big Corn und Little Corn. Yo.

Egal ob Fähre oder Flugzeug: Der Weg vom Festland nach Little Corn führt grundsätzlich über Big Corn, das regelmäßig übers Meer und aus der Luft angesteuert wird. Weil ich unangenehmer Weise recht anfällig für Seekrankheit bin und gehört habe, dass die fast fünfstündige Bootfahrt von Bluefields mitunter anstrengend sein kann, entscheide ich mich fürs Fliegen.

Unglaublich eigentlich, dass auf Big Corn überhaupt Flugzeuge landen können – die größere der beiden Inseln umfasst gerade mal zehn Quadratkilometer. Beim Anflug sehe ich, dass die zwei Kilometer lange Landebahn die Insel einmal komplett von Nord nach Süd durchschneidet. Sie teilt Big Corn in einen schmalen Westen und einen dickbäuchigen Osten.

 
 
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Wie es wohl war, als der Bau des Flugplatzes beschlossen wurde? Als den Einwohnern mitgeteilt wurde, dass sie sich in Zukunft auf einen halbstündigen Marsch um die Landebahn machen müssen, wenn sie ihren Nachbarn auf der anderen Seite besuchen wollen, der eigentlich nur 50 Meter Luftlinie von ihnen entfernt wohnt? Oder wenn sie zum Einkaufen gehen wollen, zur Schule? Alles nur, damit der bequeme Tourist (der irgendwas von Seekrankheit schwafelt) sicher und trocken und schnell nach Big Corn kommen kann? Das ist doch irgendwie…

Zum Glück gibt es in dieser Geschichte ein Aber.

Schon wenige Minuten nach der Landung werde ich aus meinen schäumenden Gedanken gerissen. Ach, manchmal bin ich wirklich einfach ein Stück zu deutsch…

Man muss das Ganze ins rechte Verhältnis setzen: Offiziell ist die asphaltierte Fläche ein Rollfeld, ja. Morgens und nachmittags, wenn hier die Propellermaschinen starten und landen, wird es für Fußgänger gesperrt. In den restlichen 23 Stunden des Tages aber werden hier Picknickdecken ausgebreitet, Tennismatches veranstaltet, wird Fahrrad gefahren. Für die Inselbewohner ist die Landebahn Flaniermeile und Sportplatz, Spielwiese und Treffpunkt. Nun, oder einfach: der größte Bürgersteig der Welt.

 

* * *

Drittes Kapitel

After she is me

Eine Taxifahrt auf Big Corn kostet einen Dollar, egal wohin.
Dafür ist Fahrradfahren kostenlos – wenn man lieb fragt.

Der grauhaarige Mann wischt seine schmierigen Fischfinger am nicht mehr ganz weißen Unterhemd ab und schüttelt den Kopf: »Fish Tacos sind gerade aus. Komm um drei noch mal wieder.«

Dann hebt er den Daumen und offenbart mir grinsend seine Zahnlücken.

Die Fish Tacos müssen ja echt der Knaller sein, wenn sie mitten am Tag vergriffen sind, denke ich.

»Du konntest es wohl gar nicht abwarten, was?«, höre ich eine Stimme von hinten. Gelächter einer zweiten Stimme stimmt mit ein. Ich drehe mich um. Es sind die beiden Amerikaner aus meiner Unterkunft, mit denen ich mich am Abend zuvor an der Bar unterhalten habe. Von ihnen bekam ich den Tipp, hier bei Victoria’s an der Nordküste vorbeizuschauen, um die »sensationellen Fish Tacos« zu probieren.

»Haha, und selber?«, kontere ich lachend und zeige auf das, was die beiden in ihren Händen halten. Kokosnussbrot aus der Island Bakery – den Tipp wiederum habe ich ihnen gegeben.

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Genauso funktioniert es hier. Big Corn ist nicht übermäßig mit klassisch touristischen Highlights gespickt – mal abgesehen vom fantastischen Ausblick vom Quinn Hill, einem der höchsten Inselpunkte.

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Deshalb freut man sich schon über ungewohnte Straßenschilder – oder eben die Geheimtipps anderer Reisender.

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Ein weiterer Tipp lautete: »Fahr in South End hinterm Friedhof links rein. Da kommt eine einsame Bucht, in der sich durch Felsformationen kleine Badebecken gebildet haben.«

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Mir wurde nicht zu viel versprochen – aber auch nicht alles erzählt: Das Wasser in den Becken hat 40 Fieber. Nicht unbedingt nötig bei Luftwerten von 33 Grad.

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Raffaelo, ick hör dir trapsen! Diesen Foto-Wahnsinn habe ich ganz allein gefunden – an der Southwest Bay, wo mir plötzlich …

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… diese beiden Mädels vor die Linse hüpfen.

Als aufmerksame Betrachter dieser Geschichte habt ihr natürlich längst bemerkt, dass auf Big Corn nicht viel los ist. Wenn der Geschichtenerzähler schon angerostete Krabbenschilder in den erlesenen Kreis erwähnenswerter Urlaubshighlights aufnimmt, kann es drum herum nicht viel mehr geben. Und wisst ihr was? Das ist genau der Grund, warum die (wenigen) Menschen hierher kommen: Weil sie die wunderschönsten Karibikstrände vorfinden und sie mit niemandem teilen müssen.

Es passiert nichts Weltbewegendes auf Big Corn.
Wie wunderbar.

Dasselbe Bild, dieselbe Stimmung, dieselben Beachbar-Reggaebeats würde ich auch 15 Kilometer weiter nordöstlich erwarten. Drei Quadratkilometer mit jeder Menge Raum fürs paradiesische Nichts. Umso erstaunlicher ist es, dass da draußen auf der viel kleineren Schwesterinsel Little Corn genau das Gegenteil zu passieren scheint. Dass die Welt sich dort für viele Menschen eben doch bewegt – manchmal schneller als sie gucken können.

 

* * *

Viertes Kapitel

Parallelwelt: Paradies

Vor dem Eintritt nach Little Corn steht die Mutprobe.

Es ist so eine Sache mit den pangas, den blauen Großraumnussschalen, die dreimal täglich zwischen Big Corn und Little Corn hin- und herpendeln. Während der Überfahrt ist es nicht unwahrscheinlich, klitschnass zu werden (was bei Lufttemperaturen jenseits der dreißig Grad noch recht angenehm sein kann) oder dass es im Rücken knackt, wenn das Boot nach einer Welle auf die harte Wasseroberfläche aufschlägt (was wiederum recht unangenehm sein kann).

Ab und zu kippt auch mal ein Boot im rauen Gewässer um. Beim letzten Unfall dieser Art sind dreizehn Menschen ums Leben gekommen.

Eine ziemlich gruselige Vorstellung – dennoch ist man hier auf die pangas angewiesen. Sie sind die einzige Verbindung zwischen den beiden Maisinseln. Jedes Nahrungsmittel, das nicht auf der Insel wächst, jede Arznei oder Haushaltsware, jedes Werkzeug, jeder Fahrradschlauch und jede Fliegenklatsche wird mithilfe der wackeligen Außenborderschiffchen auf die Insel gebracht. Vor allem aber sind die pangas für die 800 Bewohner Little Corns das einzige Tor zur Außenwelt. Viele von ihnen arbeiten auf Big Corn, machen dort ihre Besorgungen, gehen zum Zahnarzt, in die Schule. Eine laufende Petition an den nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega soll der abgelegenen Insel endlich sicherere Boote bescheren.
 
 
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Ein Seepferdchen
 
 
An diesem Tag ist die See vergleichsweise ruhig. Nach einer halben Stunde docken wir am schmalen Holzpier auf Little Corn an. Die Einheimischen warten schon darauf, das Gepäck der Neuankömmlinge für ein paar Gold-Córdoba mit dem Radwagen zur Unterkunft zu fahren. Von Bord gehen einige neugierige Backpacker, darunter auch Marc und Paul, die beiden Amis von Big Corn.

»Hell, yeah!«, entfährt es Paul beim Anblick der Uferzeile. Er breitet beide Arme aus und richtet sein Gesicht gen Sonne. »Da hat es jemand gut mit uns gemeint.«

»Was führt euch eigentlich hierher?«, will ich von den beiden wissen.

Marc erzählt, dass sie sich gerade eine Auszeit von ihrem Job in den Staaten nehmen und in den letzten Wochen bei einem Brückenbau, einem Freiwilligenprojekt auf dem Festland, geholfen haben.

»Jetzt machen wir noch zwei Wochen Urlaub. Einer der Bauarbeiter hat uns den Tipp mit Little Corn gegeben.«

Wir schultern unsere Rucksäcke und machen uns auf die Suche nach einer Unterkunft.
 
 
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Café Desideri an Little Corns Hauptstraße

 
 

Vom Pier, an dessen Ende weitere Einheimische im Schatten der Laubbäume dösen, führt ein asphaltierter, vielleicht 1,50 Meter schmaler Pfad am Weststrand entlang. Es stellt sich bald heraus, dass es sich dabei um die Hauptstraße der Insel handelt: zwei Café-Restaurants, eine Handvoll Unterkünfte, eine Tauchschule – das war’s. Autos oder andere motorisierte Fahrzeuge gibt es auf Little Corn nicht, alles findet zu Fuß oder maximal per Fahrrad statt.

»Zehn Dollar pro Tag«, antwortet die junge Frau beim Fahrradverleih auf meine Frage nach dem Preis. Sie ist knallblond, und in ihrem Englisch erahne ich einen mir bekannten Akzent.

»Where are you from?«, hake ich nach. Sie scheint die Pointe zu ahnen. »Aus Deutschland«, antwortet sie auf Deutsch – wir lachen. Clara erzählt, dass sie vor einigen Monaten mit einer Freundin durch Mittelamerika gebackpackt ist. Eigentlich wollten sie von Panama bis nach Mexiko reisen.

»Aber na ja – unterwegs hat uns jemand von dieser Insel erzählt. Hier hab ich mich in Roy verliebt, seitdem bin ich hier irgendwie hängengeblieben.« Sie sieht glücklich aus, während sie das erzählt. Noch glücklicher, als Roy um die Ecke kommt. Er ist ein local, stammt von den Corn Islands und hat hier vor Kurzem sein eigenes Business gestartet. Mit Aqua Boy bietet er Schnorchel- und Angeltouren an, vermietet Fahrräder und Paddleboards. Clara ist kurzerhand bei ihm eingestiegen. »Als Mädchen für alles«, sagt sie und freut sich drüber.

 
 
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Clara aus Bayern trägt Schnorchelzeiten ein, ihr neues Leben auf Little Corn
 
 

Noch ein bisschen erstaunlicher ist die Geschichte von Gary und Sullivan. Ich treffe die beiden französischen Zwillinge während meiner Fahrradtour oben am Leuchtturm. Clara hatte mir dort den besten Ausblick über die Insel versprochen, also bin ich hin. Gary und Sullivan sitzen auf der Veranda eines der glänzend lackierten Holzbungalows, die sich auf der Anhöhe befinden, und deuten mir den Weg zum Leuchtturm.

»Eine nette Unterkunft habt ihr hier«, werfe ich ihnen zu. »Was zahlt ihr dafür pro Nacht?« Sie grinsen.

»Das Hotel gehört uns«, antwortet Sullivan.
»Wir haben es selbst gebaut.«

Ich bleibe stehen und staune. Jetzt will ich natürlich die ganze Geschichte hören. 2013 sind die beiden Zwillinge von Frankreich aus auf eine Weltreise aufgebrochen. Es bestand kein Plan, hierher zu kommen. Doch ihr Weg kreuzte sich mit dem eines anderen Reisenden, der gerade von Little Corn zurückkehrte und nicht aufhören konnte zu schwärmen.

»Also fuhren wir hin – und verliebten uns sofort in die Insel«, erzählt Gary. »Wir hatten schon immer den heimlichen Traum, ein eigenes Hotel zu eröffnen. Hier auf der Anhöhe rund um den Leuchtturm haben wir den perfekten Ort dafür gefunden.«

Zurück in Frankreich haben sie sich um die Finanzierung gekümmert. 2014 konnte der Bau schließlich beginnen, seit letztem Jahr haben sie geöffnet.

»Das klingt ganz wundervoll!«, stelle ich fest. Die beiden nicken.

In dem Moment streicht ein leichter Wind über die Veranda, die Baumkronen über uns rascheln. Ich lasse meinen Blick über die Insel schweifen und stelle mir für einen Augenblick vor, wie es wäre, wenn ich auch hierbliebe. Diese Frage habe ich mir bisher nie gestellt. Klar, ich wollte schon immer an all diese großartigen Orte reisen, die Welt sehen. Deshalb bin ich Reiseautor geworden. Aber ich habe unterwegs noch nie den konkreten Wunsch geäußert, ernsthaft an einem dieser Orte zu bleiben. Weil ich immer genau zu wissen glaubte, wohin ich gehöre. Aber jetzt sitzen hier zwei Männer in meinem Alter vor mir, die genau das hinterfragt haben: wohin sie gehören und wo sie gerne sein möchten. Zusammen haben sie ihr komplettes Leben in Frankreich aufgegeben und sind an einen Ort gezogen, von dem die allermeisten Menschen noch nie gehört haben. Keiner, den ich bisher auf dieser Reise getroffen habe, wusste, dass Little Corn überhaupt existiert, bevor er hier landete. So ging es auch Gary und Sullivan noch vor drei Jahren. Nun ist diese Insel ihr Zuhause.

»Lass mich raten«, unterbricht Gary mein Schweigen und Schweifen. »Du fragst dich, was das hier für ein Ort ist, oder?« Ich nicke ratlos, ziehe die Schultern hoch. »Genauso stand ich damals auch auf diesem Hügel und konnte Little Corn nicht begreifen.« Und dann sagt er, wie es auf Englisch nur jemand mit französischem Akzent sagen kann:

»I don’t know, man. It’s magic.«

 

* * *

Fünftes Kapitel

Vierzig ist die Hälfte

Quatsch, die Insel spricht nicht mit mir. Doch, warte – da war was. Hat jemand was gesagt? Nein, ich bin alleine. Jetzt hör doch mal auf, Mann!

Ich muss gestehen: Ich hab’s nicht so mit Magie. In der Regel glaube ich an das, was ich sehe. Bei der Weltmeisterschaft der großen Träumer lande ich mit dieser Abgeklärtheit mit hoher Wahrscheinlichkeit eher auf den hinteren Plätzen. Ich bin aber der Meinung, mein Leben mit Realitätsnähe und Bodenhaftung besser gestalten zu können als mit gefühlsduseligen Höhenflügen und dem Glauben an irgendwas zwischen Himmel und Erde.

Umso erstaunter bin ich, dass ich auf Little Corn plötzlich anfange, doch nach diesem Dazwischen zu suchen.

Was ist das hier für ein Ort?

Die Insel ist gerade mal drei Quadratkilometer groß, sie hat einen West- und einen Oststrand und einen schmalen Pfad, der ein Baseballfeld kreuzt. Über ihn gelangt man an den abgelegenen Nordstrand zum Yemaya, dem einzigen Luxusresort der Insel. Bei Derek’s Place schaukele ich den Tag über in der Hängematte, im Turned Turtle am Oststrand schlürfe ich Mango Shakes, im Wald und am Strand treffe ich einen Haufen faszinierender Menschen. Michael zum Beispiel ist deutscher Arzt, der gerade in Nicaragua überwintert, um hier ehrenamtlich als Doktor tätig zu sein. Zwischendurch frage ich mich immer wieder, was diese Insel mit mir macht. Ich bin fasziniert von diesem Ort, an dem so viel Energie zu strömen scheint. Ist das Little Corn selbst? Oder sind es die Menschen, die sich hier – teils mit Plan, teils naiv – selbst verwirklichen?

Ich bin seit drei Tagen hier, kenne fast jeden Winkel und habe inzwischen viele Bekannte, die ich aufgrund der Enge der Insel mehrmals täglich zum Schnacken treffe und die ich vor lauter Gefühlsduselei sogar als meine Freunde bezeichnen würde. Warum ist das so? Was macht es mit einem, so weit weg vom Rest der Welt zu sein? Sind die Menschen hier deshalb mehr Verbündete als sie es woanders wären?

Oder ist das einfach nur der Cuba Libre vor mir, der schon wieder hervorragend schmeckt?

 
 
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Die beiden Tattoos auf Kellys Ringfingern symbolisieren ihre Eheringe. Sie hat sich vor kurzem selbst geheiratet.
 
 
Ist ja auch völlig wumpe, all diese Gedanken und Träumereien sind ab morgen hinfällig. Ich sitze im Tranquilo, es ist schon dunkel. Den Strand erahne ich nur durch das leise Rauschen der Wellen. Hinten in der Ecke turteln Clara und Roy, die Zwillinge sind auch da, sie stoßen gerade mit Norah von der anderen Inselseite an, Tauchtourist Frank aus Hamburg und Ohne-Grenzen-Arzt Michael unterhalten sich an der Bar, dahinter klackern die Bierflaschen von Marc und Paul aneinander. Es ist mein letzter Abend auf Little Corn, morgen früh werde ich die Insel verlassen und mich wohl noch einige Zeit fragen, wie es wäre, nicht so ein elender Realist (na gut, und Familienvater mit wartenden Kindern) zu sein.

Kelly aus Portland ist da anders. Sie sitzt mir gegenüber, wir kennen uns seit einer halben Stunde. Gerade hat der gesamte Laden für sie gesungen, weil Kelly heute ihren 40. Geburtstag feiert. Ihre Freudentränen über die spontane Einlage sind inzwischen wieder getrocknet. Wobei das mit der Freude doch eher unklar ist.

»Das ist für mich gerade eine wahnsinnig emotionale Zeit«, erzählt sie. »40 ist eine krasse Marke.«

»Na ja«, wiegele ich ab und gebe das Übliche von mir: »Das ist doch nur eine Zahl. 40 ist das neue 30, weißt du doch.«

»Nein, ist es nicht«, widerspricht Kelly. »40 ist die Hälfte von allem. Es ist ein Einschnitt, die 40 verlangt nach einem Resümee.«

»Und? Wie lautet deins?« Kelly zeigt mir ihre beiden Handrücken und deutet auf ihre Ringfinger. Auf ihnen prangen dezent zwei kleine Tattoos.

»Ich habe meine erste Lebenshälfte gerade mit einer Zeremonie besiegelt – vor einem Monat habe ich mich zu Hause in Portland selbst geheiratet.«

Ich mache große Augen. Dann entfährt mir ein »Wow!« Das kann zum Glück alles heißen.

Denn selbstverständlich bin ich mir ab sofort sicher, dass der Mensch vor mir gehörig einen an der Waffel hat.

Und doch finde ich in Kellys Erklärung etwas, das mich berührt.

»Weißt du, mir ist vor ein paar Monaten klar geworden, dass sich mein Leben nicht so entwickelt hat, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich habe keinen Mann, hatte nie die Gelegenheit, Kinder zu bekommen.« Kelly streicht über das Tattoo auf ihrem linken Ringfinger. »Ich habe gemerkt, dass die einzige Person, die mir immer treu geblieben ist, ich selbst bin. Deshalb habe ich mich einfach geheiratet.« Sie muss laut lachen, dann kullern erneut ein paar Tränen. Ich bin völlig hin- und hergerissen.

»Du hältst mich für bescheuert, oder?«

Jetzt erlaube ich mir, auch zu lachen, kann ihre Frage aber – anders als vermutet – doch nicht so klar beantworten. Sich selbst zu heiraten ist ungewöhnlich, ohne Zweifel. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Ihre Geschichte, so wie sie sie erzählt, ist auch irgendwie traurig, deshalb weint gerade einer von uns. Aber diese pure Bestätigung sich selbst gegenüber, dieses klare Ja zu dem, der man ist, beeindruckt mich dennoch übermäßig stark. Versteht ihr, was ich mit Energie meine?

Um kurz nach zwei verabschiede ich mich von Kelly.

»Mein panga geht morgen früh.« Kelly hält mich am Arm fest.
»Hättest du was dagegen, wenn ich mitkomme?« sagt sie. »Ich glaube, ich möchte morgen auch abreisen.«

»Nein, gar nicht – ich freu mich. Bis morgen dann!«
 

* * *

 

Acht Stunden später stehe ich mit der noch immer wachen Kelly am Weststrand, rieche das erkaltete Lagerfeuer in ihrem Haar und staune über die spontanen und enormen Planänderungen zum Start in ihre zweite Lebenshälfte: »It’s magic, Christoph. This island is magic!«
Ich ahne, bei wem Kellys Nacht gestern zu Ende gegangen ist.

»Warst du bei den Zwillingen?« Kelly nickt.

»Du wirst es nicht glauben. Da oben am Leuchtturm ist ein Stück Land frei. Ich bin gelernte Therapeutin und hatte schon immer den Traum, ein kleines Gesundheitszentrum aufzumachen. Ein bisschen Wellness, ein bisschen Medizin. Little Corn ist der perfekte Ort dafür. Morgen treffe ich mich mit dem Mayor und dem Landbesitzer, dann wollen wir über alles sprechen.« Sie sagt das, ohne Luft zu holen.

»Warte, warte, warte«, werfe ich ein. »Das hat sich alles in den letzten acht Stunden ergeben?« Kelly nickt erneut und sieht sehr glücklich dabei aus.

»Ich hab’s dir doch gesagt. Letzte Nacht hat mein Leben verändert.«
 
 
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Ein letztes Mal am kleinen Pier
 
 

Am Pier wartet das panga auf die Abfahrt. Ich nehme Kelly ein letztes Mal fest in den Arm, wünsche ihr alles Gute für ihre Pläne, wohin auch immer sie sie führen werden. Vielleicht bleibt sie ja wirklich auf Little Corn, vielleicht schläft sie sich aber auch einfach nur mal richtig aus. Jedenfalls bin ich inzwischen in der Lage, mich doch festzulegen: Kelly hat einen an der Waffel – und zwar so richtig! Ein bisschen was würde ich gerne davon abhaben, denke ich noch. Dann legt die blaue Nussschale ab und trägt mich weg von diesem magischen Ort.
 

* * *

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Leserpost

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  • Alex Sefrin on 23. Oktober 2016

    Lange musste man warten, um mal wieder was von Dir zu hören und dann so was!!!
    Danke Christoph für diese wunderbar Episode!
    Nach Nicaragua hat es mich bisher noch nie gezogen, aber ich glaube, ich muss nach Little Corn, unbedingt.

    Antworten
    • Christoph on 25. Oktober 2016

      Vielen Dank, Alex!

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