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The Travel Episodes

Meine Stadt: Heimat (1)

Bochum: Pulsschlag aus Stahl

Bochum, ich komm aus dir. Das können nicht viele von sich behaupten. Annika Engelbert schon. Eine Geschichte über Kultur, Bildung und ganz viel Liebe im Ruhrgebiet, visualisiert von Ronald Krentz.

Wenn ich Fremden erzähle, aus welcher Stadt ich komme, fangen sie zu 95 Prozent an zu singen. „Bochummmm, ich komm aus dihiiir!“ Das kann schön sein, muss aber nicht. Der Song ist immerhin von 1984, da erinnert sich einfach nicht mehr jeder an die Melodie. „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt.“ Super! Das Lied ist noch keine zehn Sekunden alt, da wird man schon darauf hingewiesen, dass Bochum einen unterirdischen Ruf hat.

Und ja, tatsächlich, auch wenn man dafür meist mitfühlende Blicke erntet: Es gibt Menschen, die kommen aus Bochum, und es gibt sogar Menschen, die leben da immer noch. Und sogar ganz gerne.
 
 
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Ich komme gleich mal mit einer gewagten Behauptung um die Ecke: In Bochum gibt es Kultur! Gerade wird ein neues Konzerthaus gebaut – bei dem sich die Frage aufdrängt, ob wir das denn wirklich brauchen, wir könnten im Falle des Musiknotstandes ja auch einfach links oder rechts auf die A40 auffahren und wären in jeweils 15 Minuten in den Konzerthäusern von Dortmund oder Essen.

Wir wollen aber halt auch mal was Eigenes!

Minderwertigkeitskomplexe einer Großstadt, die zwischen zwei noch größeren Großstädten eingeklemmt ist. Bochum ist Spielstätte der Ruhrtriennale, einem internationalen Kunstfestival. Bochum ist Ausrichter von diversen Musikfestivals, bei deren Besuch einem die Bevölkerungsdichte von Bangladesch lachhaft erscheint. Und in einem Bochumer Kino läuft seit 1999 jeden Freitag „Bang Boom Bang“, und es ist noch keine einzige Vorstellung ausgefallen (Negativbesucherrekord: 1).
 
 
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Ortsunkundige assoziieren die Stadt in Sachen Kultur eher mit „Starlight Express“. Ein Musical auf Rollschuhen über das turbulente Leben von Zügen. Nun ist es fragwürdig, ob das schon (oder noch??) unter Kultur fällt, aber können 15 Millionen Besucher in 27 Jahren lügen? Vielleicht ließe sich der eine oder andere Musicaltourist aber doch überreden, einmal ins Schauspielhaus zu rollen. Nur einmal.

In eines der renommiertesten Sprechtheater Deutschlands, das jeden so herzlich willkommen heißt, dass man gar nicht mehr weg möchte. In dieser wunderbar konsequenten 50er Jahre Architektur treffen sie sich abends alle: Studenten, Abonnenten, Leistungskurse Deutsch aller Bochumer Gymnasien, Elternpaare in Ausgehlaune. Mich fragte mal eine Freundin aus dem Rheinland, ob sie sich denn für einen Theaterbesuch in Bochum etwas Schickes anziehen müsse. Ich vermute, dass sich das Publikum seit den wilden Intendanzzeiten eines Leander Haußmann wahrscheinlich schon darüber freut, wenn man überhaupt Kleidung trägt. Jeder darf und soll kommen. Sehr lange gab es am Schauspielhaus die sogenannten Betriebsmieten, vergünstigten Eintritt für die Arbeiter und Angestellten der großen Industrien wie Krupp und Opel. Heute bekommen die Bochumer Studenten eine Theaterflatrate für einen (EINEN!) Euro im Semester. Strukturwandel gespiegelt: Opel ist dicht, größter Bochumer Arbeitgeber ist die Uni.
 
 
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Eine weitere interessante Assoziation, die Bochum bei Menschen weckt: „Bochum??? Da ist doch die Selbstmorduni!“ Wer auch immer diese Suizidstatistik damals veröffentlicht hat, sie war auf jeden Fall nachhaltig beeindruckend. Es wird also angenommen, dass Menschen sich hier in den Tod stürzen, weil die Uni soooo hässlich ist. Halte ich für übertrieben. Sie ist eben eine Betonschönheit, ein verworrenes Labyrinth aus klappernden Bodenplatten, unterirdischen Parklandschaften (im Sinne von parken, nicht Bäume) und einem unfassbar schönen Blick über das Ruhrtal. Leider verfügt die Uni aufgrund von Hanglage über kein klassisches Erdgeschoss, was die Orientierung im mehrdimensionalen Raum enorm erschwert. Falls sich jemand verirren sollte: Einfach nachfragen, jeder auf dem Campus weist mindestens drei verlorenen Seelen täglich den Weg, wir helfen gerne.

Ansonsten kann auch Geschlechtsorientierung helfen: Männer findet man in gehäufter Form im Ostteil der Uni (Natur- und Ingenieurswissenschaften), Frauen im Westflügel (Geisteswissenschaften und Medizin). Wenn sich jemand in den jeweils anderen Bereich vorwagt, weiß man also gleich, was er/sie im Schilde führt.

Tinder wurde daher an der Ruhr-Uni Bochum für komplett überflüssig erklärt und abgeschafft.

Stattdessen hat dieser permanente Balztanz junger Menschen das weltweit erste Uniparfum „Knowledge“ hervorgebracht nach – Achtung! – zwei Jahrzehnten Riechforschung. Ich glaube weiter fest daran, dass die hohe Asbest- und PCB-Belastung der Gebäude in keinem Bezug zu manchem Forschungsoutput steht…
 
 
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Das dritte bauliche Kleinod in Bochum neben Theater und Uni ist das schönste Fußballstadion der Republik, so viel steht fest. Menschen, die sich in den Niederungen der zweiten Liga verständlicherweise nicht ganz so gut auskennen, fragen in der Regel: „Hm, der VfL Bochum, auf welchem Tabellenplatz stehen die denn?“ Normalerweise druckst der Fan dann rum und murmelt was von „schwieriger Saison“ und „viel beschissen worden“, momentan werden Unkundige aber angebrüllt mit einem strahlenden

„Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“.

Problem: der Verein hat kein Geld, um Fußballer zu kaufen. Deswegen nehmen wir entweder die, die sonst keiner haben will, oder wir brüten sie selber aus. Wenn sie dann richtig gut sind, verkaufen wir sie, um den Verbliebenen neue Trikots kaufen zu können.

Der böse Fußballkapitalismus hindert uns daran, guten Fußball zu spielen. Wir ertränken unseren Kummer im besten Bier der Welt (Fiege natürlich) und singen inbrünstig alle zwei Wochen in der Ostkurve:

„Hier, wo das Herz noch zählt,
nicht das große Geld!“

 

* * *

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Jena: Nächste Station Paradies

Meine Stadt: Heimat (2)

Jena: Nächste Station Paradies

„If you seek paradise, go to Jena“, titelte bereits Anfang 2006 die britische Zeitung The Economist. In Deutschland ist man sich da noch nicht so sicher. Ariane Kovac findet: Zu unrecht!

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  • Volker Engelbert on 15. November 2015

    Da ist in der Erziehung offensichtlich vieles richtig gelaufen, liebe Tochter! Seit Deiner Geburt habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, Deine Geburtsstadt bei Dir gefühlsmäßig zu implantieren. Selbst der frühe Wegzug – Du warst nicht einmal drei Jahre alt – in das Vor-Sauerland hat nicht nachhaltig geschadet. Du hast nach mehreren Stationen im In- und Ausland spät, aber nicht zu spät, den Weg an den Startpunkt zurückgefunden. Nur wer Bochum wirklich gerne hat, kann eine solche Hommage schreiben.Vielleicht finden Mechthild und ich auch nochmal den Weg zurück an den Ort, der uns fast vier Jahrzehnte geprägt hat. Wie sagt man bei uns: „Nichts ist unmöööchlich!“

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  • Zypresse on 15. November 2015

    Oh ja, Bochum ist völlig unterschätzt. Ich habe gerne dort gelebt, auch studiert, viel erlebt, das Schauspielhaus genossen (noch unter Zadek und Peymann, was jetzt Rückschlüsse auf mein Alter zulässt), erinnere mich noch an eine sehr beeindruckende Inszenierung von Brechts Johanna, habe GC und Audimax gehasst, im Unicenter eingekauft und das Cinema zur Rocky Horror Picture Show besucht… im Lottental entspannt, im Kemnader See gebadet und bin im Bermuda Dreieck versumpft. Schön wars und eigentlich sollte ich mal wieder zu Besuch kommen!

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  • Ute Gerlach on 16. November 2015

    Herzerwärmend und sehr treffend beschrieben. Habe mich in vielem wiedererkannt. Bin vor 13 Jahren der Liebe wegen nach Ostfriesland „ausgewandert“. Allerdings zieht es mich mehrfach im Jahr für Kurztrips immer wieder in meine Heimat zurück. Am schönsten ist für mich der Weihnachtsmarkt. Bochum ist die schönste Stadt der Welt.

    Glück auf!

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  • Oliver on 16. November 2015

    Schöne Zeilen zu meiner alten Heimat! Ich bin nebenan in Herne gross worden, verbrachte aber den grössten Teil meiner Freizeit im benachbartem Bochum ;)

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