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The Travel Episodes

Backpacking in jedem Alter

Comeback mit Backpack in Mexiko

Hab ich das jetzt wirklich getan?, denke ich, während die Maschine die Wolken durchbricht. Mit meinen 60 Jahren bin ich auf dem Weg nach Mexiko. Um als Rucksack-Oldie zu reisen. Von Gitti Müller.

„Ausgerechnet Mexiko!“, haben meine Freunde gesagt. „Und dann noch alleine als Frau!“ „Ja, ja, unkt ihr nur“, habe ich erwidert. Vor zwei Jahren, als ich nach über drei Jahrzehnten mein erstes Comeback mit dem Rucksack hatte, musste ich mir Schlimmeres anhören:

„Waaaaas? Mit dem Rucksack? In deinem Alter?“

Dabei haben ausgerechnet die größten Skeptiker in ihrer Jugend die verrücktesten Reisen gemacht: mit dem Bulli nach Afghanistan und Indien, mit der Ente durch Afrika und mit dem Rucksack nach Südamerika. So wie ich. Wir alle sind Babyboomer, und ich kenne kaum jemanden aus dieser Generation, der in seiner Jugend nicht auf abenteuerlichen Pfaden unterwegs war.
 
 

 
 
Ich schaue den Wolken beim Fliegen zu und stelle meine Lehne zurück. Leise summen die Motoren. Wie bequem, sicher und gar nicht mal so teuer das Reisen inzwischen ist, denke ich, und meine Lider gehen auf Halbmast. Und damals? Ich fange an zu träumen. Wie war das noch in den Achtzigern mit dem Fliegen? Es war sündhaft teuer, dauerte ewig und war verdammt verraucht.

Unter Backpackern galten damals die Flüge mit einer russischen Airline nach Südamerika als das Schnäppchen aller Schnäppchen. Die Reiseroute an sich war schon eine Zumutung: Start in Luxemburg. Von dort flogen die alten Rostmühlen erst mal in die falsche Richtung, nämlich nach Moskau. Gegen Rubel wurde dort richtig aufgetankt, und nach ein paar Stunden auf dem Rollfeld, die man an Bord verbringen musste, ging die Reise dann mit Zwischenlandung in Kanada weiter nach Kuba. Dort bei den Genossen wieder auftanken und anschließend nach Lima.

Das Ganze dauerte rund vierzig Stunden.

 
 

Meine Reisen in Südamerika zwischen 1980 und 1988 führten mich in diese Orte.
 
 
Mit so einer Maschine war ich damals Richtung Peru unterwegs. Der Lautsprecher über mir war kaputt, und jeder Versuch zu schlafen wurde durch den Piloten oder das Flugpersonal knarrend und krächzend unterbrochen. Vor mir, neben mir, hinter mir und im Gang wurde Kette geraucht und Wodka gesoffen, was das Zeug hielt. Allein durch das Einatmen der Dünste hatte mein Blut wahrscheinlich schon einen Alkoholspiegel, der das Bedienen von Maschinen und Autos nicht mehr erlaubte. Ich kauerte mehr in meinem Sitz, als dass ich saß. Meine Rückenlehne hatte eine Schraube locker und hing an einer Seite durch. Der Sitz vor mir hatte offenbar zwei Schrauben locker und wurde nur durch meine Knie gehalten. Darin saß ein wackerer Russe, der schon in Moskau betrunken war und bis Kuba hemmungslos durchschnarchte. Kurzum: Es war ein Schnäppchen, das ich aber teuer bezahlen musste. Fertig mit den Nerven, unterzuckert, dafür mit einer Überdosis Nikotin, Koffein und Alkohol im Körper, das Gehirn durch den Schlafentzug vollgepumpt mit Dopamin, landete ich mit einigen Stunden Verspätung in Lima.

Weiter ging es dann kreuz und quer durch die Andenstaaten auf den Ladeflächen von Lastwagen oder in alten klapprigen Schulbussen.
 
 

Kein Vergleich zu meiner Mexiko-Reise 2017! Direktflug von Frankfurt nach Cancun, und kaum bin ich gelandet, sitze ich schon im bequemen Reisebus nach Tulum. Ein nicht nach Alkohol riechender, ordentlich gekleideter Busfahrer bringt uns Reisende in zwei Stunden über makellos geteerte Straßen und ohne Reifenpannen nach Tulum. An jeder Busstation gibt es WLAN. Flink suche ich mir eine Unterkunft. Eine Privatunterkunft im Dorf. Gebucht über Airbnb. Von dort kann ich mit dem Fahrrad an den Strand fahren. Hab ich auch schon recherchiert. Was wären wir heute ohne ein Smartphone auf Reisen! Auch die App der großen Buslinien Mexikos ADO und OCC habe ich mir schon runtergeladen. Die fahren überall hin und ich kann sie einfach online buchen und bezahlen. Ach, wie viel einfacher ist das alles geworden!
 
 

 

* * *

Tulum // Kapitel 2

Die Sechzigjährige die durchs Fenster stieg

„Du kannst jetzt schon kommen. Durchs Fenster.“

Vom Busbahnhof aus habe ich meiner Gastgeberin eine Nachricht über WhatsApp geschickt zwecks Check-In. Es ist drei Uhr nachmittags, ich bin hundemüde. Katie schreibt:

„Willkommen. Bin am Strand. Komme gegen acht zurück. Komm dann einfach vorbei“

Um acht? Da ist es stockdunkel. Und ich mit meinem Gringogesicht und Rucksack durch die Straßen einer Stadt, die ich nicht kenne? Ne, lieber nicht. Besser, ich suche mir ein Zimmer in der Nähe und verschiebe den Check In auf den nächsten Tag, schreibe ich zurück.
Pause. Katie scheint nachzudenken. Dann hat sie eine Idee, neue Message:

„Du kannst jetzt schon kommen. Du kannst durchs Fenster einsteigen.“

 
 
 
 

Meint sie das wirklich ernst? Ich soll durchs Fenster einsteigen? Und wenn die Polizei vorbei kommt und mich verhaftet?, frage ich mit einem Smiley. Aber Katie antwortet ganz ernst: „Da kommt keiner, wenn doch, gib denen 200 Pesos, dann geht das klar.“ Und dann folgt eine meterlange Nachricht, wie ich vom Busbahnhof in die richtige Straße komme, ein Foto vom Haus außen, wie ich das Schloss vom Eisentor mit einem Trick knacke, wie ich dann das Schiebefenster öffne, auf einen Schemel steige, der hinter der Waschmaschine steht, um dann durch das Fenster in die Küche einzusteigen. Schlüssel, schreibt Katie noch, liege auf dem Kühlschrank. WLAN-Zugang neben dem Fernseher.
 
 
 
 
Okay….ein bisschen mulmig ist mir schon. Aber genau so mache ich es. Die Augen fest auf mein Handy gerichtet folge ich der Beschreibung und stehe nach zehn Minuten tatsächlich vor dem Haus auf meinem Foto. Das Eisentor ist schnell gefunden. Aber es geht nicht auf. Ein Nachbar beobachtet mich. Ach herrje, er wird doch nicht denken, dass ich einbreche? Aber es ist ein netter Nachbar. Er kommt heraus und fragt, ob er helfen könne. Ich erkläre ihm die Lage, er knackt das eiserne Tor wie ein Profi und grinst mich an. „Welcome!“, und verabschiedet sich lachend.

Der Rest ist dann ein Kinderspiel: Fenster aufschieben, Schemel drunter, einsteigen.

Abends lerne ich dann Katie und ihren Freund kennen. Katie ist Italienerin, ihr Freund Mexikaner. Die Wohnung finanzieren sie sich, indem sie zwei Zimmer vermieten. Läuft gut, sagt Katie und zeigt mir, wo alles ist, wie der Herd angeht und wie der Boiler. Ich habe ein großes Zimmer und sogar ein eigenes Bad. Leider ist das Zimmer nur zwei Tage frei, dann muss ich umziehen.
 
 

 

Lustig ist das Hostelleben

Tulum ist teuer. Sogar die Hostels sind teurer als anderswo. Und ich mag einfach nicht mehr in Mehrbettzimmern schlafen. Soviel Komfort muss sein: ein Zimmer für mich allein. Ich habe dann doch noch ein Hostel gefunden, wo ich mein eigenes Zimmer für umgerechnet 25 Euro habe.

Als ich im Hostel ankomme, sitzen ein paar Leute im Garten und essen. Es ist immer ein bisschen komisch, als „die Neue“ in so einer temporären Reisecommunity anzukommen, die noch dazu nicht mal halb so alt ist wie ich. „Hello, I’m Gitti from Germany’“ grüße ich und alle stellen sich vor. Da sind vier Deutsche und ein Österreicher, etwa so alt wie mein Sohn, also Mitte zwanzig, eine Polin, eine Bulgarin und zwei argentinische Schwestern Anfang, Mitte dreißig. Zuhause hatte mich eine Freundin noch gefragt, ob das nicht merkwürdig sein wird mit „Kindern“ zusammen zu wohnen, die so alt sind wie mein Sohn. Nö, habe ich geantwortet. Ich liebe Kinder. Mein eigenes, mein inneres und andere auch. Ob ich da nicht das Bedürfnis haben werde, hinter ihnen her zu räumen, ihre Teller zu spülen und so. Aber nein, das Bedürfnis habe ich selbst bei meinem Sohn nicht. Ich finde den Austausch mit der jungen Generation einfach erfrischend und bereichernd.

Anders als wir Babyboomer damals, sind die jungen Leute überaus tolerant. Für uns war doch in den Siebzigern jeder über fünfzig ein Spießer. Die Alten hieß es zu meiden. Wir mochten sie einfach nicht. Heute scheint das ganz anders zu sein. Die jungen Leute machen überhaupt kein Aufsehen ums Alter. Es ist ihnen piepegal, solange man nicht nervt. Wenn du allerdings meinst, die Mami raushängen lassen und Ermahnungen austeilen zu müssen… tja, dann Pech gehabt. Schon bist du durchgefallen. Nörgeln, Besserwissen und „Ruhe!!!“ brüllen kommt nicht so gut an.

Ich habe manchmal ganz bewusst meinen Teller rum stehen lassen, damit bloß nicht der Eindruck entsteht, ich sei so eine Mami.

 
 

 
 
Auf den Straßen der Welt, in den Bussen und Hostels spielt das Alter keine Rolle.
Aber manches ist gewöhnungsbedürftig. Ich beziehe mein Zimmer und stehe vor einer echten Herausforderung: Es gibt vier Wände und ein Bett. Sonst nichts. Kein Tisch, kein Stuhl, nicht mal einen Nagel in der Wand, wo man etwas aufhängen könnte. Der Nachteil an einem Rucksack ist: man muss ihn auspacken, sonst findet man nichts. Der Nachteil an meinem Zimmer ist: ich kann nichts einräumen. Ich krame meine Badesachen aus dem Rucksack. Nun liegt das ganze Bett voller Klamotten.

Fein. Und wo schlafe ich?

 
 

 
 
Am zweiten Tag sind noch ein paar Leute dazu gekommen. Sie zelten im Garten, gleich neben dem Auto des Inhabers, das als Schrank dient. Hier bewahrt er Wäsche und Handtücher, Klopapierrollen und Waschpulver auf. Und seinen Hund. Der Inhaber selbst schläft in einem Bett, das draußen hinter dem Haus aufgestellt ist. Ein bisschen überbelegt ist das schon hier, denke ich, als ich morgens darauf warte, ins Bad zu kommen. Der Haken ist nämlich der: es gibt nur ein Badezimmer, mit einer Waschgelegenheit und einem Klo. Für zwölf Leute. Wer es einmal rein schafft, erledigt alles: Toilettengang, Zähne putzen, duschen, rasieren, frisieren, Nägel schneiden, Zeitung lesen…..Wer weiß, wann man wieder dran ist. Das dauert. Ich kann mich mit vielen Dingen abfinden. Auf Luxus verzichten. Fünf gerade sein lassen. Morgens nach dem Aufstehen eine halbe Stunde vor verschlossener Klotüre zu stehen gehört nicht dazu. Da ist definitiv meine Toleranzgrenze erreicht.

Und ich ziehe wieder um.

 

 
 
Die meisten Hostels haben inzwischen neben den Schlafsälen auch Einzel-und Doppelzimmer, manche sogar mit eigenem Bad. Das ist die Variante, die mir am liebsten ist. Dann habe ich einen gewissen Komfort und kann trotzdem den Charme eines Hostels genießen: eine Küche, in der man selbst kochen kann und nette Leute aus aller Welt kennenlernt, gemütliche Stunden auf Dachterrassen und in Gärten und eine lockere Atmosphäre, die es so in Hotels nicht gibt.
 
 

In San Cristobal de las Casas lerne ich Lisa kennen. Sie ist aus Washington, 55 Jahre alt, und seit vier Wochen in Mexiko unterwegs. Sie macht es genauso wie ich: Einzelzimmer im Hostel. Und erzählt warum:

Auch die jungen Leute habe ich mal gefragt, was sie eigentlich von uns Backpacker-Omis halten. Und war ganz überrascht:

Manchmal komme ich allerdings auch an meine Grenzen. Es gibt Hardcore-Hostels, wo rund um die Uhr gefeiert wird. Wenn die letzten ins Bett taumeln, kommen die ersten morgens um fünf mit dem Nachtbus aus Weiß-der-Kuckuck-woher an und freuen sich lautstark, dass sie nun endlich chillen können. Wenn ich ein paar Nächte nicht schlafe, bekomme ich extrem schlechte Laune. Auch Bier zum Frühstück geht gar nicht für mich. Da hilft nur eines: umziehen. Aus solchen Häusern bin ich – so nett die Leute auch waren – dann nach zwei oder drei Nächten wieder ausgezogen. Manchmal auch in ein feines Hotel – ein bisschen Einsamkeit genießen.

 

* * *

Mexico City // Kapitel 3

Lost in Mexico City

Schlimme Dinge habe ich von dieser Stadt gehört: so genannte Scheckkarten-Entführungen, meist durch einen vermeintlichen Taxifahrer, Überfälle auf offener Straße und Trickdiebstähle. Aber wie so oft: ist man einmal dort, will man nicht mehr fort.

Fast neun Millionen Menschen, Smog ohne Ende – will ich da wirklich hin? Und ist das nicht gefährlich?, hatte ich mich gefragt, als ich die Route geplant habe. Aber mit ein paar Sicherheitsmaßnahmen habe ich mich auch in Mexico City wohl gefühlt. Dazu gehört: nur Taxigesellschaften anrufen, die vom Hostelbesitzer empfohlen werden, nicht nach null Uhr allein durch die Straßen laufen und ansonsten immer schön gechillt sein. Es gibt kaum freundlichere und hilfsbereitere Menschen als die Mexikaner.

Ich übernachte in Coyacan, einem wunderschönen Viertel. Bunte Häuser und Pflastersteine lassen es fast wie ein Dorf erscheinen. Einst haben hier Frida Kahlo und Diego Rivera gewohnt und gearbeitet. Ihre Häuser und Ateliers kann man besichtigen. Aber noch schöner ist es, sich in den Straßen treiben zu lassen, auf der Plaza zu sitzen und den Mexikanern zuzuschauen, wie sie den Sonntag genießen. Das macht Spaß und bringt mir das mexikanische Leben näher.
 
 

 
 

Unter Azteken

Zufällig bin ich dabei, als auf der Plaza Hidalgo im Zentrum von Coyacan ein großes Fest vorbereitet wird. Eine Gruppe junger Menschen schminkt sich für das Event. Einer von ihnen malt Zeichen in die Gesichter der anderen. Ich stehe daneben und schaue zu. Ob ich fotografieren dürfe, frage ich. Der Mann schaut mich an und sagt: „Nur, wenn du dich auch schminken lässt!“ Na klar, nur zu, mal mich an! Mit einem dünnen Pinsel zeichnet er mir in türkis ein Zeichen auf die linke Wange. Er zeigt es mir im Spiegel. Was das bedeute, will ich wissen. Das sei das Zeichen für „Wort“, sagt er. Für eine Autorin ziemlich passend, finde ich.
 
 

Viele Stunden verbringe ich dann auf der Plaza und schaue fasziniert zu, wie die Menschen ihre alten Traditionen bei Opfergaben und Tänzen zelebrieren. Vor der Kulisse des Klosters San Juan Bautista vibrieren die Trommeln und tanzen die Menschen stundenlang wie in Trance. Ein Heiler befreit von negativen Energien. Ich reihe mich ein in die Schlange und dann werde ich mitten auf der Strasse und in aller Öffentlichkeit symbolisch mit Zweigen gereinigt und anschließend in eine Wolke Duft von Weihrauch und würzigen Harzen gehüllt, um die bösen Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Ich darf mir dabei etwas wünschen und bin in dem Moment absolut sicher, dass es in Erfüllung geht.
 
 

Am späten Nachmittag schlendere ich weiter und komme am Allende Park vorbei. Dort hat ein älteres Ehepaar im Schatten alter Bäume einen Tisch mit Grammophon und Lautsprecher aufgebaut. Der Alte legt auf und hat offensichtlich eine Menge Spaß dabei. Dazu tanzen elegant gekleidete Alte mit einer Inbrunst, die mich nachdenklich macht. Diese pure Lebensfreude im hohen Alter, warum sieht man das bei uns so selten? Irgendwann bin ich hoffentlich auch so alt und so gut drauf. Und schon wippe ich mit dem Fuß. Später, als ich endlich aufhöre zu fotografieren und die Kamera wegstecke, werde ich zum Tanzen aufgefordert. Wunderbar, das ist einer der Gründe, warum ich so gerne alleine reise: es ist viel leichter, Kontakt aufzunehmen und einzutauchen in eine andere Welt.

* * *

Mazunte // Kapitel 4

Allein, alleiner, am alleinsten

Allein sein ist nix für Feiglinge. Man muss sich schon mögen und es gut mit sich selbst aushalten. Und das wollte ich in Mexiko mal auf die Spitze treiben. In einem Schweigeseminar. Im Süden Oaxaca’s, an der Pazifikküste.

Om Shanti, denke ich. Gerade bin ich in meinem Quartier, einem AirBnb-Apartmenthaus in Mazunte, angekommen. Statt des versprochenen Empfangs durch den Besitzer sehe ich in der offenen Gemeinschaftsküche nur Leute, die schweigend hantieren und aneinander vorbei gucken. Ähm, entschuldigung, wisst ihr vielleicht, wo ich meine Schlüssel bekomme?, frage ich. Niemand antwortet. Hallo? Jemand zu Hause? Ein junger Mann führt seinen Zeigefinger zu den Lippen und deutet an: wir schweigen. Ach so, ja ne, ist klar. Deswegen bin ich ja hier. Im Yogazentrum gegenüber will ich ein Schweigeseminar machen. Vier Tage Klappe halten, das sollte doch gehen.

Aber dass schon jetzt, und noch dazu außerhalb des Zentrums, geschwiegen wird, war mir nicht so klar.

Irgendwann habe ich meine Schlüssel bekommen und tags drauf, pünktlich um sieben Uhr morgens, mit dem Schweigen und Meditieren begonnen. Das Yogazentrum liegt auf einer Anhöhe zwischen den Dörfern San Agustinillo und Mazunte an der Pazifikküste von Oaxaca. Durch ein großes Tor geht es erst mal den Berg hinauf durch einen schönen Garten bis zum zentralen Platz. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf das Meer. Jetzt verstehe ich auch, warum ich schon vor Beginn des Kurses auf Schweigende getroffen bin: eine andere Gruppe ist bereits seit sechs Tagen in Silent Meditation und hat noch vier weitere vor sich. Die Leute wirken auf mich wie freundliche Zombies. Sie wandeln in der Anlage umher, bestaunen einen Baum oder sitzen einfach da und schauen in den Himmel. Morgens, bevor wir anfangen, stehen alle auf der Terrasse und betrachten den Sonnenaufgang, der wirklich spektakulär ist.
 
 

Aber noch faszinierender als das Naturspektakel selbst, ist Folgendes: Wir stehen da, jeder für sich, und schauen fast andächtig zum Horizont, wo sich ganz langsam die Sonne zeigt. Niemand hampelt herum, niemand reckt ein Handy in die Höhe, niemand macht Selfies und – wie wunderbar – es sind auch keine überflüssigen Entzückungsausrufe wie Oh mein Gott!, Wow oder Boah, ist das schön! zu hören. Statt dessen: Genuss und Andacht. Das hat was. Ich gewöhne mich schnell an die Stille und finde es eigentlich sehr erholsam, dass niemand spricht und auch sonst keine lauten Geräusche macht.

Das Schweigen fällt mir also gar nicht schwer. Meine persönliche Herausforderung liegt im Stillsitzen während der Meditation. Ich war schon immer ein „Hibbel“, wie man in Köln sagt. Ständig in Bewegung. Und jetzt das. Wir haben einen 14-Stunden-Tag. Davon etwa 2/3 im Sitzen. Im Stillsitzen wohlgemerkt. Draußen tobt der Autoverkehr. Das Zentrum liegt auf einem Hügel und die Landstrasse führt genau daran vorbei. Vor der Steigung drehen die Autos nochmal richtig auf. Gang runter, Gas hoch, die Motoren röhren, was das Zeug hält. Ausserdem: Hupen, Radio, das Bellen von Hunden, das zünden von Knallkörpern und das Kreischen einer Motorsäge von der Werkstatt gegenüber. Und wir? Mucksmäuschenstill.

Am zweiten Tag bin ich fertig mit der Welt. Ich kann nicht mehr. Anstatt zu meditieren, fahren meine Gedanken Karussell. Wie eine Horde wildgewordener Affen springen sie von Ast zu Ast, kreischend und lärmend. Wir üben Techniken, die die Gedanken runter fahren und Ruhe einkehren lassen. Aber heute klappt gar nichts. Ich könnte mich ja konzentrieren. Doch, doch. Wenn die Fliege nicht wäre. Ihr Summen dröhnt in der Stille. Mehrmals macht sie einen Landeanflug in mein Nasenloch. Ich schnaube. Ich zucke. Ich fange an, um mich zu schlagen. Der Fliege ist es egal. Sie lacht. Ich werde wütend. Scheißfliege, Scheißhitze, Scheißlärm. Was mache ich hier eigentlich. Vier Tage meditieren, keine Unterhaltung, kein Internet, kein Kontakt zu niemandem. Muss ich das machen? Muss ich nicht.

In der Mittagspause bin ich wild entschlossen, abzubrechen.

Aber dann mache ich ein Schläfchen und habe einen Traum. Da wird mir klar: ich bin gar nicht auf die Fliege wütend. Meine Wut kommt von ganz woanders. Das viele Meditieren hat blockierte Emotionen losgetreten. E-motion kommt von Bewegung. Wenn so etwas festsitzt, kann es ganz schön behindern. Löst man es, kann die Emotion sich bewegen. Sie kommt und sie geht auch wieder.

 
 

 
 

Nach dieser Erfahrung fühle ich mich besser und – von wegen aufhören! Jetzt wird es gerade interessant. Am letzten Tag, auf dem Höhepunkt unserer inneren Reise und während einer sehr bewegenden, geführten Meditation kommt plötzlich genau im feierlichen Moment der Stille eine mexikanische Blaskapelle vorbei. Ich kann mich kaum halten vor Lachen. Rum-ta-rum-ta-rum-ta tönt die Mariachigruppe, Trompeten und Tambore dröhnen, Kanllkörper werden gezündet. Ein Feuerwerk an schrägen Tönen.

Am Ende darf wieder gesprochen werden und wir tauschen Erfahrungen aus. Auch die Gruppe aus dem 10-Tage-Seminar hat das Schweigen beendet.

Im Garten gibt es Umarmungen, Lachen und Weinen ohne Ende.

Wildfremde Menschen schauen mir tief in die Augen, nehmen mich minutenlang mit aufrichtiger Zuneigung in den Arm, fast so, als wäre ich ihre nächste Angehörige. Ungewohnt ist das, aber es fühlt sich richtig an. Als ich das Zentrum verlasse, fühle ich mich stark und lebendig. Ich bleibe noch ein paar Tage mit Adry, einer jungen mexikanischen Unternehmerin aus Chihuahua, die ebenfalls am Seminar teilgenommen hat. Wir genießen das Meer. Und die Stille. Obwohl wir nicht mehr schweigen müssen.

 

* * *

Chiapas // Kapitel 5

Mexico, te amo!

Mexiko ist crazy. Mexiko ist kreativ. Mexiko ist einfach umwerfend. Sieben Wochen bin ich kreuz und quer durchs Land gereist. Mexiko, ich komme wieder.

Die Mexikaner sind unglaublich freundlich und einfallsreich. Die schönen Künste sprangen mich, wo immer ich mich aufhielt, geradezu an: im öffentlichen Raum an Mauern und Häuserwänden. In kaum einem anderen Land gibt es so viele Museen, archäologische Fundstücke und Kulturstätten. Die Menschen machen Musik und Kunst, wo und wann immer ihnen danach ist. Und sie scheuen sich nicht, alte Traditionen mit Moderne zu verbinden. Da gibt es viel zu fotografieren.
 
 

 

Knips knips, auf Bilderjagd

Als ich die Mayastätte in Tulum besuche, bin ich hin und weg von der einzigartigen Lage direkt am Strand. Allerdings sieht man kaum etwas davon.

So viele Menschen!

Natürlich möchte Jeder, der gerade in der Nähe ist, diese Stätte besichtigen. Und natürlich möchte jeder gerne Fotos machen. Deshalb ist es voll. Ich dachte, ich gehe besser früh morgens hin….aber das dachten andere wohl auch. Menschenströme hangeln sich schwitzend den Weg entlang, zücken Kameras und recken Smartphones in die Höhe. Reiseführer mit angestrengten Gesichtern lotsen ihre Gruppen durch das Gelände, ängstlich bedacht, niemanden unterwegs zu verlieren. Um das „beste“ Foto zu ergattern, steigen einige über Absperrungen, posieren vor den Ruinen und vor dem Meer, am besten beides gleichzeitig. Dabei ist mancher schon über die Klippen gepurzelt, was nicht immer gut ausgegangen ist.

2015 starben 39 Personen durch ein Selfie, 2016 waren es sogar 73. Ein deutscher Tourist starb, als er ein Selfie jenseits der Absperrungen in Machu Picchu machte. Die häufigste Todesursache ist Sturz in die Tiefe, gefolgt von Angriffen durch wilde Tiere und Begegnungen mit Stromkabeln.
 
 

Wie war das eigentlich im analogen Zeitalter?

Wenn ich Bilder von meiner ersten Rucksackreise 1980 anschaue, staune ich immer, wie wenig Menschen dort zu sehen sind. Machu Picchu ohne Touristen? Heute undenkbar. Tiwanaku menschenleer? Wohl kaum. Aber in den 80-ern war das so. Man konnte sich einfach hinsetzen, genießen und eben jenen magischen Orten begegnen.
 
 

Wir hatten damals zehn Filmrollen dabei. Jede Rolle 24 Bilder. Und wir wollten zwölf Monate durch ganz Südamerika, von Französisch Guyana über Brasilien, Paraguay, Bolivien, Chile, Peru, Ecuador hoch nach Panama, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Guatemala. Da gab es viele Motive für wenig Film. Manchmal warteten wir stundenlang, um ein Motiv ins richtige Licht zu setzen. Wenn es regnete, stellten wir uns geduldig irgendwo unter, bis endlich die Wolkendecke aufbrach. Wenn die Sonne dann den Tempel oder die Festungsmauer der Inka beleuchtete, machten wir unser Bild. Schließlich hatten wir zuvor viele Stunden im stickigen Bus zurückgelegt. Stets galt: Bloß nicht zu schnell den Auslöser betätigen! Erst alles checken, dann tief einatmen, Luft anhalten und auslösen.

Bloß keine Aufnahme verschwenden!

 
 

San Juan de Chamula: Fotografieren verboten

 
 
 
 
Manchmal braucht es ein Verbot, damit wir wieder erleben können, wie es ist, einfach nur dabei zu sein und alles auf sich wirken zu lassen, anstatt darüber nachzudenken, wie die Szene am besten auf dem Display aussieht. So ein Erlebnis hatte ich in San Juan de Chamula und fühlte mich zurück versetzt in die Reisephase der 80er-Jahre.

Wer in der Kirche von San Juan de Chamula mit Fotoapparat, Handy oder Videokamera erwischt wird, muss hohe Geldbußen zahlen, seine Gerät abgeben und kann sogar im Dorf festgehalten werden. Das zumindest berichtet der Guide. Die Schilder an der Außenfassade sind deutlich. Verboten, verboten, verboten. Deshalb gibt es nur Fotos von außen.

Was mag es da so Geheimes geben, denke ich mir nach der Einführung. Ok, es ist eine katholische Kirche in einem indigenen Dorf. Hier sprechen 98% der Bevölkerung Tzotil.

Aber Kirche ist doch Kirche, oder nicht?

 
 

Das Huhn, das in der Kirche starb

Als ich das Gotteshaus betrete, werde ich eines Besseren belehrt. Das hier ist etwas anderes. Es verschlägt mir fast den Atem. Die ganze Raum ist ein Lichtermeer. Hunderte von Kerzen flackern auf dem Boden, dazwischen sitzen, hocken und knien Familien. Sie unterhalten sich oder stimmen einen Singsang an. Auf dem Boden sind getrocknete Pinienzweige ausgebreitet. Sie sollen, erfahre ich später, die negative Energie der Menschen aufnehmen und werden später entsorgt. Bei den einzelnen Gruppen stellt jeweils ein Schamane oder ilol auf dem Boden lange Reihen von neuen Opferkerzen auf. Weiße Kerzen sollen für Frieden und innere Ruhe sorgen, rote für physische Gesundheit, grüne für das Gelingen der Ernte und gelbe für die finanzielle Situation der Familie. Am rechten und linken Rand des Kirchenschiffes stehen die Heiligen der Katholischen Kirche Spalier, allen voran Namensgeber Sankt Johannes.

Ich stehe da und staune. Es ist eine bewegende Atmosphäre. Die Frömmigkeit knistert geradezu in der Luft. Es duftet nach Kopal. Ich fühle mich einerseits wie in eine andere Welt versetzt, gleichzeitig aber außergewöhnlich präsent.
 
 

Plötzlich kommt eine Prozession herein. Vorneweg zwei Autoritäten, die Mayordomos, in ihren weißen Gewändern, ihr Status zu erkennen am Turban. Sie dürfen auch außerhalb der Kirche nicht fotografiert werden, sagt der Guide. Dann folgen Menschen, die Kisten mit Kerzen, Alkohol, Coca Cola und Fanta tragen, Frauen mit Hühnern und Kindern und schließlich eine kleine Kapelle mit Akkordeon.

Die Musik ist sehr sanft und monoton, ein wenig melancholisch, es wiederholt sich die immer gleiche Abfolge einer Melodie. Es wirkt sehr meditativ auf mich. Die Prozession ist bis kurz vor den Altar vorgegangen und hat sich dort im Halbkreis niedergelassen. Nun werden wieder Kerzen aufgestellt, während die Musik immer weiter spielt. Dann wird ein Huhn von einer Frau gepackt und über den Kerzen hin und her geschwenkt.

Anschließend bricht sie ihm das Genick.

Was noch schlimmer ist: das Huhn liegt noch eine Weile mit gebrochenem Hals am Boden, mitten in der Kirche und zuckt und zappelt während die Zeremonie in Ruhe weiter geht. Der Anblick ist schwer auszuhalten, aber ich mag mir kein Urteil anmaßen. Was wir in unserer Kultur mit den Hühnern in Massenhaltung machen, ist mit Sicherheit keinen Deut besser. Ich schätze, fürs Kükenschreddern haben die Menschen hier auch wenig Verständnis. Dieses Huhn, das da nun in der Kirche liegt, hat wahrscheinlich wenigstens ein schönes Leben gehabt. Ich glaube nicht, dass sie es zuckend da liegen lassen, weil sie Spaß am Leid haben. Aus ähnlichen Ritualen südamerikanischer Kulturen weiß ich, dass manchmal die Dauer des Sterbens gedeutet wird. Oft werden bestimmte Fragestellungen und Bitten mit dem Opfer verbunden. Die Art und Himmelsrichtung des Rauches bei Verbrennungen kann ebenso bedeutsam sein wie der Sterbevorgang eines Opfertiers. Inzwischen liegt das Huhn reglos da. Es wird Alkohol ausgeschenkt und Kopal verräuchert.

Nach einer Weile verlasse ich die Kirche und versuche zu verstehen, was da abläuft.

Da haben sich zwei Religionen miteinander vermählt. Die der spanischen Eroberer mit dem Glauben der Eroberten. Oder besser gesagt: sie sind eine Zwangsehe eingegangen. Denn die Symbiose aus beiden Religionen war die Voraussetzung dafür, dass die Menschen hier ihre eigene weiter ausüben können. Die katholischen Heiligen haben quasi eine Stellvertreterfunktion. Ganz schön schlau, finde ich.

Mexikaner finden für alles eine Lösung. Das macht sie so liebenswert. Auf dem Rückweg in mein Hostel fliegt die Landschaft an mir vorbei. Ich bin seit einer Woche in Chiapas. Und es gibt noch so viel zu erleben. Aber ich muss zurück nach Cancun, mein Rückflug ist in drei Tagen. Sieben Wochen sind wie im Flug vergangen. Ich bin wie berauscht von den Farben Mexikos und vollgepumpt mit Ideen und Energie. Eines ist jetzt schon klar: Mein Comeback mit Backpack ist noch lange nicht zu Ende.

Mexiko, ich komme wieder.

 

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Zum Reisen ist man nie zu alt!
1980 zog Gitti Müller als Backpackerin in die Welt. Mit einem One-Way-Ticket gelangte sie an den Amazonas, erkundete die Anden und lauschte den Wellen am Pazifikstrand. Fünfunddreißig Jahre später schultert sie erneut den Rucksack in Richtung Südamerika … Familie und Freunde halten die Idee für verrückt, doch unbeirrt macht sie sich auf, ihren Traum ein zweites Mal zu verwirklichen.

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Comeback mit Backpack

Gitti Müller

Gitti Müller ist Ethnologin, Journalistin und Bloggerin aus Bonn. Für ihre Reportagen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Auf Comeback mit Backpack erzählt sie Geschichten von unterwegs, zuletzt aus Mexiko.

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