Loading...

The Travel Episodes

Einmal durch die DRC

Crossing Congo

Im Konsulat geirrt. Auf dem Vulkan geschlafen.
Gorillas, Gott und ein großes Abenteuer.
Dominik Mohr reist per Anhalter durch die
Demokratische Republik Kongo.

Auf was habe ich mich nur eingelassen? Ich stehe am Strand und schaue über den See. Es ist ein ruhiger Tag, der Sand unter meinen Füßen ist warm. Um mich herum Menschen und vor mir im Wasser spielende Kinder. Auf meinem Rücken schmiegt sich mein Rucksack an mich. Sein Gewicht trage ich nun schon seit Monaten auf meinen Schultern, und ich fühle mich eigentlich wohl. Seit Monaten reise ich durch Afrika.

Ich blicke auf eine wundervolle Zeit zurück und heute mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Was vor einigen Monaten noch ein Witz mit Kollegen am Mittagstisch war, was vor zwei Wochen zwar nah, aber unmöglich schien, was vor einigen Tagen in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, ein paar irritierte Blicke forderte, wird heute wahr: Ich reise in die Demokratische Republik Kongo.
 
 
Congo-Deutsch
 
 
Zwei Wochen zuvor: Ich liege am Strand des Tanganjikasees, auf tansanischer Seite. Roter Sand umgibt mich. Eine Zebrafamilie zieht hinter mir vorbei, ich blicke über den See und versuche das andere Ufer zu erahnen. Dort verbirgt sich die Demokratische Republik Kongo. Das Auswärtige Amt verliert nicht viele gute Worte über das andere Ufer. Die Kämpfe zwischen Rebellen und kongolesischen Truppen toben vor allem in den östlichen und nordöstlichen Teilen der Republik.

Meine Pläne schwirren mir durch den Kopf: von Tansania nach Ruanda und dann über Uganda nach Kenia. Die Reise soll ihren Höhepunkt in Äthiopien finden. Der Kongo war nicht auf meiner Liste und mein Busticket führt mich auch um Burundi herum. Erst ein paar Deutsche auf motorisierter Wanderschaft bestätigen mir sichere Verhältnisse im kleinen Burundi.

Auf der Suche nach dem Konsulat für ein Visum biege ich am nächsten Tag etwas zu früh ab. Ich merke es erst, als ich schon fast im Gebäude bin: Ich bin beim kongolesischen Konsulat gelandet!

Hier wollte ich doch gar nicht hin!

Ist dies ein Wink des Schicksals für das bevorstehende Abenteuer?
 

* * *

Zweites Kapitel

Glühende Berge

In Afrika kann man nichts planen, es bleibt also spannend. Hallo, Kongo! Darf ich auf einen deiner Vulkane klettern?

Ich stehe in Gisenyi, Ruanda, am Kivusee, nur zwei Kilometer von der kongolesischen Grenze und der Stadt Goma entfernt. Der See begleitet mich zu meiner Linken, als ich die Promenadenstraße in Richtung »Grande Barrière«, Grenzübergang nach Goma, hinunterlaufe. Villen wechseln sich mit Seeblick ab. Es sind die letzten Meter in das größte Abenteuer meines Lebens. Die Gedanken überschlagen sich. Was erwartet mich auf der anderen Seite?

Das Gewusel wird immer dichter und meine Anspannung steigt jede Sekunde. Ich habe nur eine mündliche Zusage, dass ich ein kongolesisches Visum bekomme. Nervös erledige ich die ruandischen Formalitäten und blicke schon an dem Schlagbaum vorbei auf die andere Seite nach Goma. Dort reihen sich LKWs des Roten Kreuzes aneinander. Dazwischen ein Tieflader mit zerstörten Fahrzeugen der UN-Schutztruppe und ein Minibus mit vier Touristen. Ich überlege, ob ich meine Kamera rausholen soll, entscheide mich aber dagegen. Keine öffentlichen Gebäude ohne Genehmigung fotografieren, ich will ja noch ein Visum haben. Mein Kontakt Joseph empfängt mich am Schlagbaum, führt mich zur Kontrolle des Impfausweises und dann zu einem kleinen Büro. Ich staune nicht schlecht, als mir nach wenigen Minuten mein Pass mit einem riesigen roten Stempel zurückgegeben wird.

Meine Erlaubnis, ins Unbekannte aufzubrechen.

So unbekannt scheint es mir anfangs gar nicht zu sein. In Kigali hat mir ein anderer Rucksackreisender von einem aktiven Vulkan mit einem unmerkbaren Namen erzählt. Mein Interesse war sofort geweckt und auch der Name des Vulkans bald eingeprägt. Nun ragt der Nyiragongo in der Ferne in den Himmel – mein erstes Ziel. In den nächsten Tagen werde ich dann die Berggorillas etwas weiter nördlich besuchen. So ist der Plan. Da man in Afrika aber nicht alles planen kann, bleibt es spannend.
 
 
DSC08340
 
 
Zusammen mit meinem Kontakt kaufe ich noch einige Vorräte für meine Wanderung auf den Nyiragongo ein und fahre dann zu meinem Hotel. Am nächsten Morgen frühstücke ich zwischen Offizieren der UN. Lange muss ich nicht warten, da werde ich auch schon abgeholt. Wir holpern vorbei an schwer bewaffneten Patrouillen der UN und verlassen Goma in Richtung Norden.

Hier treffe ich auch auf zwei Deutsche, Dirk und Dieter. Noch beim Aufstieg auf den Vulkan erzählen sie mir von ihrem Vorhaben:

Sie möchten die nächsten drei Wochen den Fluss Kongo hinunterfahren, einen der mächtigsten Flüsse der Erde, fast 4400 Kilometer lang.

Ihr Plan scheint genauso minutiös durchdacht wie ungeplant. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber meine Finger fangen an zu kribbeln. Wir haben uns gerade mit unseren schweren Rucksäcken durch den tiefgrünen Wald gekämpft und die Baumgrenze erreicht, da fälle ich meine Entscheidung, zücke mein Handy und rufe Joseph an. Ich brauche dringend eine Visumsverlängerung und dann einen Flug nach Kisangani im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Mehr kann ich erst mal nicht machen.

Unser Pfad schlängelt sich immer weiter den riesigen Vulkankegel hinauf. Die bewaffneten Ranger vorneweg und wir im Schlepptau, so kriechen wir auf kleinem und scharfem Vulkangeröll nach oben. Der Nyiragongo brach zum letzten Mal im Jahr 2002 aus. Mehrere Dörfer wurden dabei zerstört und über hundert Menschen kamen ums Leben. Auch in der Stadt Goma richtete der Lavastrom große Verwüstung an. Auf diesem Vulkan wollen wir übernachten! Unsere Behausungen kommen langsam näher. Ich habe den Tipp erhalten, dass sich auf dem oberen Kraterrand noch zwei Hütten befinden, die einen grandiosen Ausblick bieten. Also stürme ich vorneweg, um mir den besten Platz zu sichern.

Doch ich werde abrupt gestoppt.

Vor mir liegt der mächtige Lavasee. In ihm brodelt heißes Gestein. Wie Eisschollen treiben erkaltete Platten, durchzogen von einem rot-orange leuchtenden Streifen, umher. An einigen Stellen bilden sich Lavafontänen und unter einer Art Meeresrauschen schmelzen die Platten wieder, um an einer anderen Stelle neu zu entstehen. Selbst aus 700 Metern Entfernung spüre ich noch die Hitze dieser Naturgewalt. Sie wärmt mich zwar nicht, aber für diesen Moment sind Kälte und Regen vergessen.
 
 

 

* * *

Drittes Kapitel

Im Nebel

Die ersten Spuren: Bäume ohne Rinde und weiträumig niedergedrücktes Gras. Im tiefen Bergwald an den Hängen des Vulkans gehen wir auf die Suche nach Gorillas.

Kaum bin ich wieder zurück in Goma, zählt nur die eine Frage: Wie komme ich an eine Verlängerung meines Visums?

Mein Kontaktmann Joseph hat wiederum einen Kontakt in der Einwanderungsbehörde. Also schauen wir da auch gleich vorbei. Nach einigem Hin und Her muss ich beim Chef vorsprechen. Kein Erfolg! Dann spreche bei der Visastelle vor. Kein Erfolg! Ich probiere es noch einmal. Mäßiger Erfolg. Leider brauche ich für meinen nächsten Programmpunkt, die Berggorillas, einen Pass. Also ziehe ich unverrichteter Dinge wieder von dannen. Aber ich habe ein Versprechen bekommen: Wenn ich morgen um fünfzehn Uhr meinen Pass abgebe, kann ich um acht Uhr am nächsten Tag das Visum haben. Das muss klappen, denn der Flieger geht um zwölf und ich muss um neun Uhr das Ticket kaufen. Ich erhole mich im Hotel – dank Stromausfall besonders lange, da ich einfach ins Bett gehen kann. Zumindest habe ich keine kleinen Besucher im Bad und mäßig tropfend fließendes Wasser.

Mehr als in den folgenden Wochen an fließendem Wasser zusammen.

Als ich den Sicherheitsmann am nächsten Morgen aus dem Schlaf reiße und ihm meinen Schlüssel in die Hand drücke, hebt sich gerade die Sonne sanft über den Horizont und begrüßt meinen Tag der bewegenden Begegnungen. Wieder holpern wir auf der Straße Richtung Norden. Wir passieren den Nyiragongo. Zu unserer Rechten liegt die Grenze zu Ruanda. In der Ebene zwischen den Vulkanen erstrecken sich Felder und überwucherte Gebäude, die Überreste von Flüchtlingscamps aus der Zeit des Genozids in Ruanda.

Am Fuße des Mikeno-Vulkans werde ich in ein kleines Militärcamp geführt. Es ist die gemeinsame Basis der Virunga-Ranger und der Grenzbeamten. Hier warte ich auf meine Begleitung.

Zusammen mit dem Gorilla-Doc Eddy und Jean Bosco, meinem Ranger-Guide, ziehen wir endlich los. Es geht in den tiefen Bergwald an den Hängen des Vulkans. Die ersten Spuren der Gorillas sind schon zu erkennen: Bäume ohne Rinde und weiträumig niedergedrücktes Gras einer Schlafstelle. Mit der Machete bahnt sich Jean den Weg durch das grüne Dickicht, wobei er elegant den riesigen Brennnesseln und distelartigen Gewächsen ausweicht. Eddy scherzt nur, dass das Brennen die Durchblutung fördere und nach fünfzehn Minuten aufhöre. Ich vermeide trotzdem jeden Kontakt.

Da sind sie!

Mit einem kurzen Gorillalaut kündigt Jean unsere Anwesenheit an, und die erste Mutter mit ihrem Baby kommt in Sichtweite. Ein paar Schritte weiter turnen zwei Halbstarke im Baum und hangeln sich von Ast zu Ast. Wir folgen den Teenagern, und in gebührender Entfernung sehen wir den Silberrücken der Familie. Er pflegt das Fell einer seiner Damen, ihr Baby sitzt daneben und schaut interessiert in meine Richtung.

Diese mächtigen Tiere in unmittelbarer Nähe, das Wissen, dass ein beherzter Griff tödlich sein kann und selbst eine spielende Bewegung schmerzhafte Folgen hätte…

Es herrscht ein munteres Kommen und Gehen. Viel zu schnell verstreicht die Zeit, nach nur einer Stunde müssen wir Abschied nehmen. Drei Minuten Aufschub bekomme ich allerdings noch: Auf einmal kann ich weder vor noch zurück. Eine Mutter mit Kind auf dem Rücken versperrt mir den Weg. Ich muss bleiben, wo ich bin und die Dame in nur zwei Metern Distanz passieren lassen.
 
 

 

* * *

Viertes Kapitel

Fitzcarraldo

Alles, was schwimmt, kommt für unser Abenteuer infrage. Wir wählen den Wasserweg, den Kongo hinunter.

Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Fröhlich halte ich mein Visum in den Händen, jetzt nur noch das Flugticket kaufen. Die Mitarbeiter im Konsulat kennen mich langsam schon und einige Minuten später flitze ich zum Hotel, um Dieter und Dirk von meinem Erfolg zu berichten. Wir schwingen uns auf drei Motorradtaxis und los geht’s zum Flughafen. Der Weg zurück ist nun fast ausgeschlossen.

Das Chaos am Flughafen überstehen wir ohne größere Probleme. Nur die Mitarbeiter der Migrationsbehörde wollen uns nicht glauben, was wir vorhaben. Ich kann sie natürlich verstehen, wir müssen verrückt sein, uns in dieses Abenteuer stürzen zu wollen. Sie bitten uns, doch einfach im Flieger sitzenzubleiben und bis Kinshasa zu fliegen. Das wäre der schnellere und sichere Weg. Unseren Plan, mit dem Boot den Kongo hinunterzufahren, halten sie für ungünstig, langsam und unbequem. Wir sind uns dessen bewusst, und erst nachdem ich im Reiseführer unsere Route noch mal nachgezeichnet und ihnen versichert habe, dass wir das Risiko in Kauf nehmen, lassen sie uns ziehen.

Vielleicht liegt es auch an dem viel spannenderen Fall des UN-Mitarbeiters ohne gültiges Visum, der am Nachbartisch für ausgelassene Stimmung sorgt.
 
 
DSC08532
 
 
Fast pünktlich verlässt der Flieger Goma in Richtung Kisangani. Schon im Anflug auf die »Metropole« bekommen wir einen ersten Blick auf den mächtigen Strom. Hier in Kisangani enden die hundert Kilometer langen Stromschnellen, der Fluss wird wieder schiffbar und bleibt dies bis Kinshasa. Kisangani oder Stanleyville, wie es bis 1966 hieß, muss eine wunderschöne Stadt gewesen sein. Im Flughafen aus den 1970er-Jahren kann man noch Elemente von Holzvertäfelung und Kronleuchtern bestaunen. Die Flusspromenade lässt an vielen Parkbuchten, Treppen und der ein oder anderen Mauer erkennen, dass einmal reges automobiles Treiben auf den Straßen geherrscht hat. Heute sehnt sich manches Asphaltstück nach besseren Tagen zurück. In der Innenstadt finden sich ehemalige Prachtbauten, die leider zunehmender Verwahrlosung ausgeliefert sind.
 
 
DSC08529
 
 
Mit viel Fantasie sieht man im heutigen Kisangani noch den einstigen Reichtum, zur Schau gestellt in Palmenalleen und schön angelegten Flaniermeilen.

Alles, was schwimmt, kommt für unser Abenteuer in Frage.

Wir finden ein kleines Handelsschiff, das uns bis Bumba bringen könnte. Es erweist sich als Glücksgriff bezüglich der Mitreisenden. Sie entpuppen sich als gute Fremdenführer und erklären uns die Geschichte der einzelnen Gebäude entlang des Flusses. Von kolonialen Altbauten über kongolesisch-historische Orte hin zu einzelnen Fabriken am Ufer. Unser Glück verfolgt uns bis in die Nacht: Von Mathieu, dem Buchhalter des Schiffes, bekommen wir am ersten Abend eine Matratze gereicht. Als Teil der Ladung nehmen wir diese bequeme Alternative zu unseren Isomatten dankbar an. Und unter den Sternen schläft es sich sowieso am besten.

Jeden Tag spüren wir die Freundlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen. Uns wird bei jedem Landgang geholfen, Fremde werden uns vorgestellt, und unsere Begleiter erzählen offen von ihrem Leben. Die Kinder in den Dörfern rufen uns immer wieder »Mundele« (»Weißer«) zu. Sie spielen mit ungezähmtem Elan Fußball und zeigen uns stolz ihren großen Bolzplatz, als wir zum wiederholten Mal aufgrund eines Motorschadens eine Zwangspause einlegen. Frauen kochen am Ufer, während einige Männer die Fischernetze flicken.
 
 

 

Nach 381 Kilometern ist Bumba fast erreicht. Wir haben der Sonne standgehalten, die sternenklaren Nächte bewundert, Pannen an Motor und Antrieb überwunden, Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen, Essen geteilt und uns wieder von einer Sandbank befreit. Es fehlt aber noch der Klassiker: Sprit alle. Genau zwei Kilometer vor Bumba gibt der Motor auf.

Uns fehlen drei Liter.

 

* * *

Fünftes Kapitel

Verhandlungssicher

Das Vorankommen wird ab Bumba schwierig.
Am Hafen finde ich zum Glück Gott.

Drei Verkehrsmittel später, tausende Nervenenden weniger und alle halbe Stunde ein neuer »Plan«: Die Demokratische Republik Kongo macht uns das Vorankommen nicht leicht. Auf der Landkarte sieht der Weg ganz einfach aus. Von Bumba nach Lisala und von dort aus über Akula nach Gemena. Hier wartet ein Flugzeug nach Mbandaka. Auf dem Landweg insgesamt etwa 450 Kilometer auf der Nationalstraße 6.
 
 
DSC08754
 
 
Wir legen also los mit Planen. Plan A lautet: gemütlich an die Nationalstraße 6 in Richtung Lisala setzen und auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen. Der Plan klingt für andere Länder sehr effektiv, nicht aber für die Republik Kongo. Nach sechs Stunden Warten sind wir keinen Millimeter vom Fleck gekommen. Unsere einzige Option sind Mototaxis, aber mit Rucksack und dann noch als Beifahrer sind 150 Kilometer ein Horror. Kurzentschlossen rufe ich Kapitän John von unserem Handelsschiff an, erzähle von unserem Zwangsaufenthalt in Bumba und frage ihn nach einer Mitfahrgelegenheit auf dem Fluss bis nach Lisala. Einige Minuten später ruft er zurück und verkündet mir, dass eine Piroge am nächsten Tag abfahren werde. Plan P, wie Piroge, ist geboren. Sieben Tonnen plus Passagiere sollen es am Ende sein, die mit uns den Weg nach Lisala antreten. Kurz vor der Abfahrt erlaubt sich ein Beamter der Migrationsbehörde noch einen kleinen Streich mit uns. Um an etwas Knete zu kommen, will er uns mit dem Vorwand, dass das Boot erst am nächsten Tag abfährt, von der Piroge locken. Mitreisende lachen nur und wir bleiben einfach in unseren Gartenstühlen sitzen. Die Nacht wird unbequem und laut. Wie Nähmaschinen klackern die drei abwechselnd kaputten oder aus Benzinmangel ausfallenden fünfzehn-PS-Außenborder durch das Wasser.
 
 
Passagierschiff in Kinshasa
 
 

In Lisala beginnt unsere Suche nach einem fahrbaren Untersatz von Neuem. Immer wieder werden wir durch den Preis für Jeeps abgeschreckt. Wir ändern unsere Pläne schneller als wir sie aufstellen können. Am Ende wollen wir zu Lande nach Gemena und dann mit dem Flieger nach Mbandaka. Mit dem Handy buchen wir in einem NGO-Büro unsere Tickets. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Generator und somit das Internet ausgeht.

Am Hafen finde ich Gott. Er ist LKW-Fahrer, heißt eigentlich Dieu, und belädt gerade mit seinen Kollegen mehrere LKWs. Ich frage nach einer Mitfahrgelegenheit nach Gemena. Leider bekomme ich diesen Wunsch nicht erfüllt. Die Strecke Lisala – Gemena wird einfach zu selten befahren. Die Straße ist zu schlecht und Akula mit seinem Hafen eignet sich um Welten besser, um Gemena zu versorgen. Dieu bietet mir aber an, uns bis Businga mitzunehmen. Das wäre die halbe Miete nach Gemena. Dirk und Dieter sind von der neuen Mitfahrgelegenheit begeistert. Dieu verspricht uns sogar, in Businga einen Weitertransport zu organisieren. Kurz vor Mitternacht stehen die LKWs auf der Straße. Im Halbschlaf klettern wir in die Fahrerkabine und machen es uns für die nächsten Stunden »bequem«.

Die fehlende Windschutzscheibe und die kühle Nacht lassen uns frösteln.

Das wilde Geruckel lässt auch nur den Gedanken an Sekundenschlaf zu. Im Morgengrauen bleiben wir plötzlich an einem Berg hängen. Keine Leistung mehr. Mit vereinten Kräften wird die Einspritzpumpe wieder flottgemacht und wir können unsere Fahrt nach Businga fortsetzen.
 
 
DSC08776
 
 
Businga besteht aus einer Hauptstraße und ein paar engen Nebenstraßen. Ein kleiner Außenposten der Zivilisation. Dieu macht sich gleich an die Arbeit und treibt drei Motorradtaxis auf. Fünfzig Dollar bis nach Gemena. Auf unser Drängen hin erklärt er sich bereit, auch noch mal nach einem Jeep zu suchen. Den einzigen im Ort finden wir bei einem Portugiesen. Leider kaputt und das Auto seines Sohnes. Naja, und der Schlüssel ist in Kinshasa. Pech. Wir müssen also auf Motorrädern weiter. Ein kleiner Kampf entbrennt, plötzlich werden aus fünfzig Dollar achtzig. Einzig ein Fahrer bleibt bei seinem Wort und hat nun die schwere Aufgabe, seine Kollegen zu besänftigen.

Im irren Tempo fahren wir in die lichten Überbleibsel des Regenwaldes. Zuerst noch auf guter Schotter- und Sandpiste, dann aber gleicht die Fahrt einem Offroad-Abenteuer.

Unsere Fahrer wollen in Karawa zu Mittag essen. Eine schlechte Idee. In Karawa haben sich Polizei und Judikative zusammengetan und erpressen regelrecht Bestechungsgelder von Ausländern. Hier ist der Stopp wirklich fehl am Platz. Wir sollen zehn Dollar pro Person für ein nicht uns betreffendes, unnützes Formular bezahlen, andernfalls kommen wir ins Gefängnis und unsere Reise ist zu Ende, heißt es. Nach langen Verhandlungen lässt man uns schließlich doch gehen. Aber leider zu früh gefreut: Als wir wieder bei den Motorrädern sind, erfahren wir, dass einer unserer Fahrer verhaftet wurde. Sozusagen als Rache dafür, dass wir uns rausgeredet haben. Meine Interventionen auf der Polizeiwache bleiben zunächst erfolglos. Wir bezahlen die Fahrer für ihre bisherigen Leistungen und geben üppiges Trinkgeld.
 
 
DSC08767
 
 
Sie klären es unter Kongolesen und als die Abenddämmerung einsetzt, haben wir wieder alle drei Fahrer zusammen und setzen nun völlig erschöpft die Reise nach Gemena fort.
 

* * *

Letztes Kapitel

Spurensuche

Der härteste Teil des Abenteuers liegt hinter uns. Wir warten in Gemena auf unseren Flug zurück in das andere Land »Kongo«.

Zurück in eine Welt mit geteerten Straßen, gefüllten Lebensmittelläden und relativer Sauberkeit. Werte, die man erst mal wieder verkraften muss.

Mbandaka

Weil unsere Reise in Stanleyville (Kisangani) begann, wollen wir uns von dem britischen Entdecker und Abenteurer Henry Morton Stanley verabschieden, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein riesiges Gebiet rund um den Kongo erforschte und fast den kompletten Fluss befuhr. Wir schwingen uns in Mbandaka erneut auf drei Motorradtaxis und fahren Richtung Süden. Etwas außerhalb der Stadt steht der »Äquatorstein«. Stanley ließ ihn damals aufstellen. Auch wenn sich der Entdecker um knappe vier Kilometer vertan hat, zeugt der Marker doch von dessen bewundernswerten Pioniertaten. Und man kann zumindest einen Stein und ein Schild fotografieren.
 
 
DSC08798
 
 
Auf dem Rückweg in die Stadt machen wir kurz Halt an der prominentesten Bauruine der Gegend: dem Palast von Mobutu. Nicht zu verwechseln mit seinen drei geplünderten Prachtschlössern in Gbadolite, ist die Ruine einfach nur in der Zeit stehengeblieben. Die Lage und das Gerippe zeugen von einem ursprünglich großen Vorhaben. Wir spazieren frei herum und werden etwas von der Dorfjugend begutachtet. Touristen sieht man hier nicht häufig aus der Nähe.
 
 

 

Zurück in Mbandaka, bei einem Spaziergang entlang der Hafenpromenade, beantwortet sich auch eine Frage, die uns schon lange beschäftigt: Wo sind nur all die alten Passagierschiffe abgeblieben, mit denen man so komfortabel den Fluss bereisen konnte? Hier liegen zwei davon, verrostet und verlassen auf einem ehemaligen Werftgelände. Werfthallen und Arbeiterhäuser stehen leer, im Garten haben die Leute Lehmhütten errichtet.
 
 
DSC08900
 
 
Weiter landeinwärts, parallel zum Fluss, verläuft die Prachtmeile der Stadt: geteert, gepflegt und von Anfang bis Ende mit kolonialen Gebäuden geschmückt. Neben der Post reihen sich das Rathaus, viele Geschäfte und Banken, ein schöner Park und mehrere Verwaltungen aneinander. Sehenswert, aber gleichzeitig traurig anzusehen ist der botanische Garten, gegründet um 1900. Der größte Garten seiner Art in Zentralafrika hat den Charme eines gepflegten Urwaldes. Das Museum lädt uns zu einer Gruselstunde ein: In den Gläsern mit den Präparaten ist der Alkohol verdunstet, im Dach haust eine Fledermauskolonie. Der einstige Stolz zerfällt.
 
 
DSC08818
 
 

Kinshasa

Mit ein wenig Respekt vor Kinshasa fahren wir zum Flughafen. Die Acht-Millionen-Metropole ist die letzte Station auf unserer Reise. Hier angekommen, haben wir 2525 Kilometer und drei Wochen Abenteuer hinter uns. Die Stadt ist überwältigend. Plötzlich sind wir wieder in der bekannten, nun aber ungewohnten Welt. Erschlagen von riesigen Supermärkten, westlichen Produkten im Überfluss und besonders von den horrenden Preisen setzt ein regelrechter Zivilisationsschock ein. Drei bis vier Dollar für eine Tafel Schokolade, Nutella für fünfzehn und hundert Gramm Käse ab sechs Dollar sprengen unsere Vorstellungen. Mit leeren Händen flüchten wir aus dem Supermarkt.
 
 
DSC08878
 
 
Nach dem Frühstück am nächsten Tag brechen wir zu einem Spaziergang epischen Ausmaßes auf. Die Distanzen sind riesig. Vom Hafen aus laufen wir am Ostbahnhof vorbei, über den Boulevard des 30. Juni zum Zentralmarkt. Ganz froh, dass heute Sonntag ist, bahnen wir uns unseren Weg durch Tausende leerer Holzverschläge und Berge von Müll. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie ein Markttag aussieht. Wir passieren das Stadion der Märtyrer und sehen aus der Ferne den Volkspalast. Einige Kilometer später, kurz vor dem Präsidentenpalast, wird unsere Sightseeing-Tour unterbrochen: Ein Militär-Checkpoint lässt uns umkehren. Unbeirrt schlendern wir jedoch weiter durchs Botschaftsviertel. Vor der deutschen Botschaft werfen wir kurz einen Blick über die Grenze nach Brazzaville in der Republik Kongo.

In den 1880er Jahren warben ein Italiener für die Franzosen und ein Engländer für die Belgier um die Gunst der Stämme im Gebiet der beiden heutigen Kongos. Der Italiener Savorgnan de Brazza gründete Siedlungen, darunter auch Brazzaville, für die Franzosen auf der rechten Seite des Kongo. Gegenüber von Brazzaville errichtete der Brite Henry Morton Stanley auf der linken Seite des Kongo die Siedlung Léopoldville, das heutige Kinshasa. Nach der Unabhängigkeitserklärung der Kolonie Belgisch-Kongo im Jahr 1960 wechselte der Kongo mit Kinshasa als Hauptstadt oft seine Namen: über »Republik Kongo« und »Republik Zaïre« zur seit 1997 bestehenden »Demokratischen Republik Kongo«. Der erste Präsident der durch mehrere Kriege zerrütteten Republik war Laurent Kabila. Sein Tod aufgrund eines Attentats im Jahr 2001 leitete einen Wendepunkt im Krieg wie im Land ein. Sein Mausoleum steht heute vor dem Nationalpalast in Kinshasa.
 
 
DSC08889
 
 
Das Monument präsentiert sich uns als letztes Highlight der Stadt. Mich überrascht es, dass Fotos hier erlaubt sind. Die Soldaten in der Hochsicherheitszone argumentieren, dass Touristen und Bilder völlig normal seien. So denken die Menschen im Kongo auch nur auf diesem Platz. Im Rest des Landes sind Fotos verpönt und ungern gesehen.

Die Stadt lädt nicht zum Träumen ein, auch weil man sonst auf der Straße in die großen Gullilöcher fallen würde.

Am Abend sitzen wir gemütlich in einem Restaurant. Ich habe noch keinen Flug und muss ihn endlich mal buchen. Das Visum läuft in wenigen Tagen ab, und noch einmal mit der Immigrationsbehörde für Hunderte Dollar über eine Verlängerung zu diskutieren, steht außer Frage. Es ist zum Verzweifeln. So schwer es war für mich, in dieses Land zu kommen, so schwer macht es mir das Land jetzt, es zu verlassen. Bei dem Versuch, meinen Flug von Kinshasa nach Addis Abeba zu kaufen, sperre ich meine Kreditkarte. Die Sicherheitsmaßnahmen meiner Bank funktionieren tadellos. Ein Flug innerhalb Afrikas, mit einer deutschen Kreditkarte über eine spanische Webseite, das kann nur Kreditkartenbetrug sein. Erst nachdem meine Schwester den Flug aus Deutschland mit meiner Ersatzkarte gebucht hat, halte ich nach weiteren Sicherheitsabfragen ein Ticket in der Hand.

Irgendwie bin ich froh und traurig zugleich, den Kongo zu verlassen. Mit einem Passagierschiff aus Kolonialzeiten wäre unsere Reise sicherlich weniger beschwerlich gewesen. Doch es war ein großartiges Erlebnis.

Einmal quer durch den Kongo. Mittendrin im Leben der Menschen und einmal durch die Geschichte des Landes.

 

* * *

Infos & Empfehlungen

bloodriver
Ein ergreifender Augenzeugenbericht aus dem dunklen Herzen des Kongos
Tim Butcher, Kriegsberichterstatter und Afrikakorrespondent, reist auf den Spuren der Entdecker des 19. Jahrhunderts entlang Afrikas mächtigstem Strom. Allen Warnungen zum Trotz durchmisst er allein den Kongo, getrieben von dem Wunsch, sich ein eigenes Bild von einem Land zu machen, das in Krieg und Chaos versinkt. Entstanden ist ein mutiger, ergreifender Augenzeugenbericht über Leben und Überleben in einer der am schwersten zugänglichen Regionen Afrikas.

Weiterlesen

Allein in der Wildnis

Alaska Eiskalt

Allein in der Wildnis

Dirk Rohrbach hat so ein Lebensstil schon immer fasziniert: allein in der Wildnis Alaskas. Elf Hunde werden zu Gefährten und Polarlichter zum einzigen Lichtschein in eiskalten Winternächten.

Episode starten

Couchsurfing in Russland

Jakutien – Dagestan – Wolgograd

Couchsurfing in Russland

Stephan Orth kann es einfach nicht lassen. Nach dem Iran bereist er nun Russland als Couchsurfer. Wie erlebt man dieses riesige, seltsam unbekannte Land, wenn man es aus den Augen der Russen betrachtet?

Episode starten

Eine Episode von

Follow the Shadow

Dominik Mohr

Dominik Mohr ist seit seiner ersten Rucksackreise quer durch die USA vom Reisefieber befallen. Er folgt seinem Schatten rund um die Welt über die Kontinente von Nord- und Südamerika, durch den Nahen Osten und querfeldein in Afrika. Seine Wege führen ihn dabei häufig an abgelegene Orte – raus aus der Komfortzone. Dabei sind ihm die Berge am Liebsten!

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis
Ozeanien