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The Travel Episodes

Winterschwimmen in Brandenburg

Der Kälte entgegen

Im Winter werde ich aus dem Eis steigen und meine Haut wird glühen. Freude wird meinen Körper durchströmen. Der Schmerz wird verschwinden.
Jessica J. Lee geht Schwimmen.

Für viele Winterschwimmer ist dieser Moment das Ziel, ihr einziger Grund, eine Winterlandschaft zu durchqueren und das Eis aufzubrechen. So auch meiner. Mein Grund, ins Wasser zu tauchen, wenn es kein anderer tut.

Wenn es so kalt ist, fühle ich mich am lebendigsten.

Bis zum Eis ist es allerdings ein Prozess. Ich fange im Spätsommer an, wenn die Sonne an Kraft einbüßt und die Wärme langsam schwindet. Das Erste – und vielleicht das Wichtigste – ist, immer weiter zu schwimmen. Der Herbst kommt und geht und bis sich mein Körper an die schneidende Kälte gewöhnt, ist der Winter da. Ich schwimme mehrmals wöchentlich und passe mich an die Jahreszeit an. Meine Ausrüstung ist simpel: Badeanzug, Wollmütze und ein kleiner Hammer, den ich auf langen Radtouren und Wanderungen einfach in den Rucksack packen kann. Von der Stadt aufs Land komme ich mit dem Zug, mit dem Fahrrad oder zu Fuß.

Berlin und Brandenburg liegen im Nordosten von Deutschland im sogenannten Norddeutschen Tiefland. Die flache Landschaft wurde von Gletschern geformt, die sich vor mehreren hunderttausend Jahren über das Land bewegten und gewundene Senken voll Wasser zurückließen. In den letzten zwei Jahrhunderten kamen durch Steinbrüche, Sand- und Tongruben sowie Tagebau noch mehr dazu. Auch sie trugen zu der Seenlandschaft in Brandenburg bei, die mit über dreitausend Seen durchzogenen ist. Hier gibt es viele Wälder und Ufer zu erkunden, die mit dem Fahrrad meist in einem halben Tag, mit dem Zug in einer Stunde erreichbar sind.

Wenn also die Partymeute morgens aus den Nachtclubs der Stadt wankt, mache ich mich auf den Weg zu den Seen.

Es gibt die, die es in Berlin kalt finden und denen hier zu schwimmen unmöglich erschiene. Doch ich bin im Osten Kanadas aufgewachsen und niedrige Temperaturen, Schnee und Eis sind mir ganz und gar nicht fremd. Ich freue mich darauf. In Berlin findet man zumindest immer ein Plätzchen, wo man schwimmen oder kurz ins Wasser springen kann, selbst wenn es ein paar Zentimeter gefroren ist. Hier ist es winterlich, aber nicht nordisch kalt. Es gibt keine Jahreszeit, die man drinnen verbringen müsste.

In den nächsten Monaten wird der Winter kommen. Ich werde an den Wochenenden mit Freunden zu den Seen in Berlin und Brandenburg wandern. Ich werde mich akklimatisieren und auf das Eis warten.
 

* * *

Zweites Kapitel

September, Ende des Sommers

Letzte Woche ging der Sommer zu Ende und mit dem Wechsel der Jahreszeit ist auch die Hitze aus der Luft verschwunden. Ab jetzt ist Sorgfalt angebracht.

Die ist erforderlich, wenn die Tage sich in die Dunkelheit verkriechen und das Wasser so kalt wird, dass meine Hände und Füße schmerzen. Ich werde nun regelmäßig schwimmen müssen und die Vorbereitung für den Winter vorantreiben.

Ich will bereit sein.

Viele Winterschwimmer fangen aus Versehen damit an – sie gehen einfach weiterhin Schwimmen, während der Sommer in den Herbst übergeht, und im Dezember bemerken sie, dass sie sich an die Kälte gewöhnt haben und sie sogar genießen. Wenn das Wasser wie ein Schock ist, werden alle Gedanken weggespült und das bringt mich dazu, immer wieder in die Dunkelheit zurückzukehren. Sonst würde ich wohl Monate im Bett verbringen. Und einige der schönsten Verwandlungen von Seen verpassen.

Heute ist der erste Herbsttag, an dem ich schwimme. Ich nehme den Zug nach Bernau und treffe vor dem Bahnhof auf meine Freunde mit bepackten Fahrrädern und bereit für eine Tour. Der See ist nur sechzehn Kilometer entfernt, aber das letzte Stück führt auf einem sandigen Weg durch den Wald. Er ist anstrengend zu befahren – ein Graben aus trockenem, mineralischem Boden, der den Hellsee abschottet. Wir trudeln mit unseren Rädern daran entlang und steigen hin und wieder ab, um sie durch Haufen von grauem brandenburgischem Sand zu schieben.

Photo 1

Der Hellsee war im Sommer türkis, aber mit dem Wetter hat sich auch das Wasser verändert. War es im Sommer fein und seidig, ist es jetzt dickflüssig von frühherbstlichem Plankton, der noch nicht bereit ist, mit der Kälte abzusinken. Es schillert grünlich-grau unter dem wolkenverhangenen Himmel. Die Buchen und Erlen am Ufer sind bereits leicht getönt. Die Luft ist noch warm genug, um eine Stunde im Wald herumzulaufen und die einsetzende Blätterfärbung zu bewundern. Es ist noch sommerlich genug für den torfig-sumpfigen Geruch, der vom See aufsteigt, als wir uns dem Ufer näher. Beim Schwimmen hüllt er uns vollständig ein.

Wir gleiten sanft ins Wasser, das dieselbe Temperatur wie die Luft hat – eine stagnierende Wärme, die langsam zurückweicht.
 

Mit kräftigen Zügen schwimme ich vom Wind gepeitscht in die Mitte des Sees und lasse mich treiben, während ich an die kommenden Monate und die Kälte denke.

Der Wind bläst, aber es ist noch angenehm. Das Türkis der Sommertage ist vergangen und alles verfärbt sich zu Grau und Braun, zu den rostfarbenen Rückständen des Saisonendes. Der Wald wird zuerst leuchten und dann kahl, nackt, kalt und schön.

 

* * *

Drittes Kapitel

Ein grauer, kalter Oktober

Wir hätten uns keinen schlechteren Tag aussuchen können: Der Himmel hängt tief und voller Regenwolken und der Wind bläst in kalten Böen durch die gepflasterten Straßen von Strausberg.

Ich wünschte, ich hätte eine Mütze aufgesetzt. In den kommenden Wochen werde ich beim Schwimmen eine brauchen. Die meiste Körperwärme verliert man am Kopf, heißt es.

Ich bleibe stehen und ziehe eine weitere Schicht über – einen Baumwollpulli, den ich für nach dem Schwimmen aufgehoben hatte. Ich habe unterschätzt, wie schnell das kalte Wetter kommt. Die Farben des Oktobers haben die Bäume noch nicht ganz verfärbt, aber der Winter liegt schon in der Luft. Alles fühlt sich klamm an.

Der Bötzsee liegt eine gute Strecke vom Ort entfernt, ein Gletschersee am hinteren Ende der Strausberger und Blumenthaler Wald- und Seengebiete. An den meisten Tagen lässt sich die Distanz mit der Fähre über den Straussee überbrücken, die von einem Kapitän im Seemannspullover geführt wird. Aber heute ist kein Betrieb. Arbeiter stehen auf dem Dach des Bootes und reparieren irgendetwas. Auf einem Schild an den Toren steht, dass die Reparaturen sieben Wochen dauern. Also müssen wir um den Straussee herumlaufen und dann weiter durch den Wald. Ich frage Nell, ob sie dabei ist. Na klar – sie ist schließlich auch Winterschwimmerin.
 
 

 
 
Der Wald am westlichen Ufer des Straussees ist ein Mischwald – Buchen und Erlen sind von Kiefergrüppchen durchzogen, hin und wieder ein Ahorn. Die roten Farbtupfer in dem dünner werdenden Wald erinnern mich an Kanada, an zuhause. Als wir den Pfad weiter entlangstapfen, nehmen die Waldkiefern überhand, symmetrisch und grün, bereit, gefällt zu werden.

Wenn ich im Winter zurückkomme, werden ihre grünen und roten Stämme im weißen Schnee noch mehr leuchten.

 
 

 
 
Es ist ein langer Marsch. Wir lachen viel und erzählen uns wieder Episoden aus der Kindheit und Horrorgeschichten von Dates. Hin und wieder bleiben wir stehen, um uns Bäume, Moos oder abgefallene Nüsse anzusehen und machen Witze darüber, dass wir jetzt in unseren Dreißigern eher wie kleine Jungen geworden sind, anstatt zu kultivierten und distinguierten Frauen. Wir ziehen uns die Regenmäntel eng um den Körper, bereit für den Regen, und wandern weiter.

Der See taucht als silberfunkelnder Schimmer am Ende des Pfades auf. Wir laufen am Ufer entlang und finden neben einer Erle und einer groben Bank das richtige Plätzchen, um uns niederzulassen. Wir begutachten das Ufer, während wir uns ausziehen und zum Schwimmen vorbereiten.

Wenn man in der Kälte schwimmt, ist die Vorbereitung das Wichtigste.

Ich lege meine Kleidungstücke in der Reihenfolge aufeinander, in der ich sie wieder anziehen werde. Für meinen nassen Badeanzug und das Handtuch habe ich eine Plastiktüte dabei. Im Winter lege ich das Handtuch in den Schnee und es ist danach gefroren und mit Eis überzogen. Eine Plastiktüte ist dann essentiell.
 
 

 
 
Nell geht als Erste ins Wasser und watet bis zur Taille in den See. Sie taucht unter und verschwindet kurz in den silberfarbenen Wellen, die vom scharfen Wind aufgeworfen werden. Ich folge ihr und stemme mich gegen den Wind, aber es ist kalt. Ein dumpfer Schmerz breitet sich durch meine Hände und Füße aus. Ich weiß, dass ich weiter schwimmen muss, um ihn zu überwinden. Das Wasser ist nicht kälter als dreizehn Grad. Es ist warm im Vergleich zum Winter. Durch die Akklimatisierung wird sich mein Gefühl verändern, meine Glieder werden gegen den eisigen Einschnitt gestärkt. Doch der Schmerz hat eine momentan noch instinktive Reaktion hervorgerufen: Ich zähle meine Züge, um genau zu wissen, wie lange ich im Wasser bin. Im Winter mache ich mindestens fünfundvierzig Züge und bin vielleicht zwei Minuten in der Kälte. Länger als fünf Minuten sollte ich nicht schwimmen.

Wir lassen uns eine Weile an der Wasseroberfläche von den Wellen schaukeln. Draußen warten eine Thermoskanne mit Kaffee und ein Lunchpaket auf uns. Doch für den Moment ist da nur der Stachel des Oktobers und die Farbe des glitzernden Sees, in dem sich das Weiß des Himmels spiegelt.

Wir sehen zu, wie die Wolken der gleißenden Sonne weichen, während wir dahintreiben und uns in der Kälte aalen.

 

* * *

Viertes Kapitel

November im Nebel

Die Farben scheinen dieses Jahr dumpfer zu sein. Als wir unsere Fahrräder in Dannenwalde auf den Bahnsteig hinunter hieven, hängt der Nebel noch tief.

Es ist eine zähe, weiße, dichte Feuchtigkeit, die am Boden haftet und die Farben der Bäume verschleiert. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn hoch und setze meine Kapuze auf. Wir haben eine Stunde Fahrt zum Stechlinsee vor uns, der in die hügeligen Wälder im Nordosten von Brandenburg eingebettet liegt.

In den vergangenen Wochen haben Anne und ich unseren wöchentlichen Schwimmrhythmus frühmorgens in den nächstgelegenen Seen fortgesetzt, in der Hoffnung, uns vor der größten Kälte zu akklimatisieren. Bei fallenden Temperaturen sind lange Radtouren wie heute weniger praktikabel. Bis wir endlich schwimmen, sind wir bereits durchgefroren – und das ist gar nicht gut. Doch wir machen weiter, denn wir wissen, dass es in ein paar Wochen zu kalt sein wird, um uns so weit raus zu wagen.

Anne folgt mir aus dem Bahnhof auf das Kopfsteinpflaster, das uns an einem Campingplatz vorbei zum Fahrradweg führt. Von hier an wird die Straße schmaler und windet sich durch einen Wald, der von herbstlichen Eichen orange gefärbt ist, und wir radeln träge dahin, singen „Hey Jude“ und lachen. Am Ende des Waldes biegen wir in eine frisch asphaltierte Straße ein und schalten für das letzte Stück bis nach Stechlin ein paar Gänge hoch.

 
 

 
 
Ein Grund, warum wir hier sind, ist meine Faszination für diesen See – einer der berühmtesten in Deutschland, nach dem Theodor Fontanes Novelle Der Stechlin benannt ist. Der See ist eigentümlich, mit Mythen behaftet, aber auch Objekt umfangreichlicher wissenschaftlicher Studien. Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei hat hier ein Labor, das mitten auf dem See schwimmt. Der Standort wurde auch deshalb gewählt, weil früher das Kühlwasser des mittlerweile stillgelegten Kernkraftwerks Rheinsberg in den Stechlin floss. Außerdem ist der See für sein klares Wasser bekannt. Als wir uns nähern, frage ich mich, wie sich wohl der Nebel heute darauf auswirkt.

Als wir ankommen, ist es ganz leise im Wald, die typische eindringliche Stille, die über winterlichen Seen liegt.

Wir haben November, aber die Weiße des Winters scheint schon in der feuchten Luft zu liegen, wie der See so den blassen Himmel spiegelt. Es ist kalt. Wir laufen das letzte Stück und schieben unsere Fahrräder in der Hoffnung, unsere Hände und Füße vor dem Schwimmen aufzuwärmen.

Am Wasser sammeln wir uns. Aus der Kleidung in die Kälte zu schlüpfen ist nie angenehm. Ich ziehe meine Leggings aus, lasse meinen Pulli aber bis zur letzten Minute an. Ab jetzt verlässt die Wollmütze nicht mehr meinen Kopf.

 
 

 
 
Anne und ich wechseln uns ab. Ich gleite runter ins seichte Wasser, die Kälte brennt an meinen Füßen. Es ist kristallklar, aber der See vor mir ist noch immer in dickes Weiß gehüllt. Die Temperaturen sind in den letzten Wochen stark gesunken und das Wasser hat nicht mehr als fünf Grad. Ich zähle meine Züge und schwimme, bis ich bei dreißig bin. Bei sechzig erreiche ich wieder das Ufer.

Ich klettere hinaus mit ausgelaugtem Körper, linkisch von der Kälte.

Beim Abtrocknen werde ich von Wärme durchströmt, die sich angenehm durch meine Gliedmaßen ausbreitet. Nachdem ich meine tauben Glieder zurück in die trockene Kleidung gezwängt habe, macht sich Anne zu ihrer Runde auf.

 
 

 
 
Sie ist öfter geschwommen als ich und scheint besser auf die Kälte eingestellt zu sein. Sie schwimmt ein gutes Stück raus und ihre dunkle Wintermütze hüpft auf der Wasseroberfläche, ein Fleck am Horizont. Ich höre nichts als die sanften Geräusche des Wassers, bewegt durch ihre Züge, und ein leises Plätschern, als sie umdreht. Als sie zurückkommt, ist mir wieder warm, die Endorphine haben mir neues Leben eingehaucht. Wir ziehen uns an, packen unsere Brotzeit aus und halten uns an unseren Thermosbechern fest, um etwas Wärme abzugreifen.

Als wir für die Rückfahrt zum Zug zusammenpacken – eine Stunde in der Kälte, schaue ich Anne lächelnd an.

“Wir sind total verrückt, oder?”

Sie lacht, zuckt mit den Schultern und läuft zurück auf den Weg aus dem nebligen Wald.
 

* * *

Fünftes Kapitel

Zählen im Dezember

Anne schlägt diese Tour jetzt schon seit einem Jahr vor. Sie liebt den Flughafensee für seine grüne Gelassenheit am Rande des Flughafens Berlin Tegel.

Das letzte Mal, als ich dort schwamm, lag er heiß und sumpfig in der Sommerluft. Ich fand ihn furchtbar und habe seitdem nicht mehr daran gedacht, wieder hinzufahren.

Doch heute radeln wir unter blauem Himmel, es ist einer der ersten richtig kalten Tage. Eis hat sich auf dem Kanal gebildet und der Rauch aus den Schornsteinen steigt kaum nach oben, sondern hängt träge im Sonnenlicht. Auf einer Fabrik am Kanal steht ein Weihnachtsbaum. Die Luft ist etwas unter null Grad kalt.

Wir folgen einem Feldweg, der an einem Drahtzaun am Rollfeld entlangführt, und fahren dann in den Wald in Richtung nördliches Seeufer. Der Flughafensee ist ein Baggersee, der beim Bau des Flughafens entstand, doch jetzt wird er von Schilf überwuchert und hat eine reiche Vogelwelt. Er scheint in der Stadt fehl am Platz.

Wir lassen uns auf einer ruhigen Lichtung am Wasser nieder, von Bäumen geschützt. Die Überreste des Sommers – Kronkorken und Streifen von Plastik – vergammeln am Boden. Doch der See liegt ruhig da, blau und still. Wir ziehen uns nacheinander aus und schwimmen raus.

Ich mache den ersten Schritt ins Wasser und presse meine Füße in die Kälte des Sandes.

In meinen Zehen sticht es kurz, dann gibt der Schmerz nach und fühlt sich nur noch dumpf und pochend an. Als ich in den See hinauslaufe und mit der Brust in die Kälte abtauche, verschwindet das Gefühl. Während ich leise zählend mit glatten Zügen hinausschwimme, spüre ich sie nur noch an den Armen und am Brustkorb.

Ich komme bis fünfundzwanzig und drehe in Richtung Ufer. Die letzten Züge fordern meine ganze Kraft. Das Wasser hat nicht mehr als vier Grad. Mein Körper will raus, aber ich bin noch nicht ganz am Ufer. Ich konzentriere mich aufs Zählen und Atmen. Bei siebenundvierzig bin ich zurück. Ich steige aus dem Wasser in die trockene Luft.

Ich trockne mich ab und zwänge meine Glieder in die Kleidung. Anne zieht sich aus und geht ins Wasser. Sie schwimmt hinaus auf den See, lässt sich Zeit, zieht eine große Schleife. Sie ist so viel stärker als ich. Als sie ans Ufer zurückkommt, wende ich mich kopfschüttelnd wieder meiner Thermoskanne mit Kaffee und den Weihnachtsplätzchen zu, die ich mitgenommen habe.

Wir wärmen uns am Ufer auf, nippen an unseren Blechtassen und beobachten die Flugzeuge. Ihre Motoren klingen beim Start wie knackendes Eis, dann wie ein alles übertönendes Gebrüll, mit dem sie die eisige Stille zerreißen.

 

* * *

Sechstes Kapitel

Januar, kristalline Bewegung

Der Neujahrsschnee liegt noch dick auf dem Boden, als wir starten. Anne und ich halten uns auf der Straße und vermeiden die Stellen von dickem, klebrigem Matsch, die sich über Nacht gebildet haben.

Wir steigen in Seddin aus und zerren die Räder auf den schneebedeckten Bahnsteig. Ich ziehe ein drittes Paar Handschuhe über und wir starten auf dem Fahrradweg Richtung Osten. Der Große Seddiner See liegt am Rande einer vielbefahrenen Straße, eingebettet in einen Eichenwald. Das nördliche Ufer ist von Campingplätzen gesäumt, hin und wieder führt ein Badestrand ins seichte Wasser.

Der See ist weiß überzogen.
 

Klebriger Schnee liegt auf dem Eis. Es ist völlig still.

Ich gehe zum Eis und stelle meine gummibesohlten Stiefel vorsichtig darauf. Es ist dick, aber noch nicht dick genug, um darauf zu laufen. Ich halte inne und wäge die beste Strecke zum tiefen Wasser ab, meinen Hammer umklammert.

Das ist die Kälte, auf die ich gewartet habe.

 
 

 
 
Ich ziehe mich aus, lege meine Kleidung auf dem Ast eines Baumes zusammen und gehe auf das Eis zu, nur mit meinem Badeanzug und einer Wollmütze bekleidet. Ich mache ein paar kleine Schritte und höre auf das knackende Singen des Eises, dann beginne ich, ein Loch zu hämmern. Für das erste brauche ich nur wenige Momente – ein Spalt, der gerade breit genug ist, dass ich mich hineinstellen kann. Von hier beuge ich mich nach vorne und hämmere ein weiteres, während meine Füße sich in der Kälte des Sees winden. Im nächsten Loch steht das Wasser bis zur Mitte meiner Waden. Im nächsten bis zu meinen Knien. Scherben von zerbrochenem Eis fliegen durch die Kälte. Ich wische sie mit dem Hammer weg. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich von Schnitten übersät sein.

Dann ist das Wasser tief genug, um einen Pool aus dem Eis zu hämmern, in dem ich untertauchen kann. Der Rest des Sees liegt völlig still da, stabil und dick. Ich stehe in der Hocke, ein Fuß im Wasser, der andere auf dem Eis, und schlage mit der scharfen Kante des Hammers. Eissplitter fliegen nach oben, bis meine Brille nass ist. Ich spüre, dass sich auf meiner Mütze Wassertropfen sammeln. Ich hämmere minutenlang ohne Pause, bis Anne mich unterbricht.

„Du musst die Beine wechseln. Dein rechtes Bein ist schon zu lange unter Wasser.“ Ich schaue nach unten und versuche, meine Haltung zu ändern, aber das Loch, in dem ich stehe, ist zu eng. Ich habe ein Hüpfspiel ins Eis gehauen. Ich kann immer nur auf einem Fuß stehen. Kopfschüttelnd antworte ich: “Ich spüre es sowieso nicht. Ist okay”, obwohl ich weiß, dass ich mit leichten Erfrierungen bezahlen werden.

Ich arbeite weiter, bis das Loch groß genug ist, um mich hineinzusetzen. Als es fertig ist, tauche ich unter, langsam und gewissenhaft, und weiche dabei Eisscherben aus. Als mir das Wasser bis zum Hals reicht, ruhe ich eine Weile und strecke meine Beine nach vorne in den gefrorenen See. Ich will einfach nur hierbleiben, eingeschlossen unter dem Eis, aber ich bin schon seit über fünfzehn Minuten im Wasser.

Ich hätte schon lange rausgehen sollen.

Ich schleppe mich zurück zum Ufer, unfähig meine Glieder zu spüren. Zurück auf dem Sand sehe ich, dass ich an beiden Beinen Blutergüsse habe, die schon blauschwarz in der Kälte leuchten. Das Blut aus vielen Schnitten ist gefroren.

Anne ist dran und ich packe mich in meine Klamotten. Um meine Zehen nicht nach hinten zu biegen, führe ich meine Füße mit den Händen durch die Leggings. Sie fühlen sich dumpf an, wie formlose Klumpen am Ende meiner Beine. Als ich meine Schuhe wieder anhabe, fange ich an, auf der Stelle zu hüpfen. Ich höre, wie Anne in der Kälte flucht. Meine Stimme steigt nach oben bis in meine Kehle. Ich gackere, lache in die Stille des Waldes.
 
 

 
 

Endorphine haben ihre Arbeit getan. Ich bin aufgedreht und grinse wie ein Idiot.

Es fühlt sich berauschend an, mein Atem geht immer noch schneller, meine Brust in höchster Wonne. Ich hebe meinen Hammer auf, der noch nass ist vom See, und halte ihn fest in der Hand. Ich will nicht, dass das Gefühl aufhört.

 

* * *

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Die Britisch-Kanadierin Jessica J. Lee ist Autorin und Wissenschaftlerin und lebt in Berlin. Ihr erstes Buch Mein Jahr im Wasser erscheint 2017 im Berlin Verlag sowie bei Virago und Penguin Canada.

Leserpost

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  • Simone on 9. April 2017

    Ich bin selbst angespannt und hippelig – auf meinem Stuhl – als sei ich mit Euch beiden gerade dabei gewesen! Ich spürte die Veränderungen der Jahreszeiten, die Kälte. Ich liebe den Herbst und auch den Winter in Verbindung mit all unseren Annehmlichkeiten. Auch die Stille und Orte mit wenigen oder gar keinen Menschen. Aber das ist wirklich verrückt! Obwohl – es hat sicher seinen Reiz, zu beobachten, sich selbst zu beobachten, was gedanklich und körperlich geschieht… … Habt Ihr Erfrierungen erlitten? Dauerhafte Schäden?
    Was Euch antreibt, dieses Endorphine-Gefühl – ist es eine Sucht? Ich will Euch so viele Fragen stellen…

    Antworten
  • Daniela Jungmeyer on 9. April 2017

    Wahnsinn – da wird einem ja schon beim Zuschauen kalt – Gänsehaut am ganzen Körper!
    Schwer vorstellbar, das auch nachzumachen – alleine die Belastung für Körper, Herz und Kreislauf!
    Obwohl es natürlich ein Traum ist – rundherum Schnee, Eis und rein ins kühle Nass! Aber da nehme ich doch lieber mit dem Whirlpool vorlieb – da kann man auch im Winter rein und es ist wesentlich wärmer!

    Antworten
  • Anika on 14. April 2017

    Wuaahhh, mich frierts. Die Videos sind so friedvoll und ihre Worte beeindruckend … das Buch hätte ich sehr gerne!

    Grüße,
    Anika

    Antworten
  • Andreas on 14. April 2017

    Sehr schön lebendig geschrieben! Ich spüre beim Lesen förmlich mit, wie sich die Atmung verhundertfacht bevor der Kopf dem Körper folgt.. Toll! Ich wünsche der Autorin noch ganz viele inspirierende, positive Erfahrungen dieser Art! ..an denen wir hoffentlich auch weiter ein wenig teilnehmen dürfen.. :o)
    LG, andy

    Antworten
  • Benjamin on 14. April 2017

    Tolles spannendes Projekt. Mitten in einer Großstadt und Metropole und trotzdem in der Natur. Ganzjährig. Bin gespannt auf das Buch und die Erzählungen. Glückwunsch Jessica zum Buchprojekt!

    Antworten
  • Markus on 16. April 2017

    Spannend… Das Buch interessiert mich sehr!

    Antworten
  • Lia on 16. April 2017

    Sehr cool (im wahrsten Sinne), sehr schick hier… Ich würde sher gerne auch das Buch gewinnen! Schwimmen gehe ich aber weiterhin lieber im Sommer, am Liebestn zum Stechlin See

    Antworten
  • Sandra P. on 16. April 2017

    Mit diesem Buch wäre das April-Wetter leichter zu ertragen…

    Antworten
  • Hakan on 17. April 2017

    Ich lese gerne die Bücher..
    Das Buch würde ich auch gerne lesen weil:

    Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen.“

    Francis Bacon

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