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The Travel Episodes

Bild TASM

Tiefschwarze Nacht umgibt mich. Eine solche Dunkelheit habe ich noch nie erlebt. Über mir glitzern Abermillionen Sterne. Und auch so viele Sterne habe ich noch nie gesehen. Ich lege den Kopf in den Nacken, kneife die Augen zu. Ich muss mich an das Licht gewöhnen, an das Licht, das es nicht gibt.

Überhaupt war es das Licht, das mir als erstes auffiel, als ich vor rund drei Wochen aus dem Flieger stieg und hinaus vor den Flughafen trat. Das Licht war das erste, das anders war. Heller, greller, auch da kniff ich die Augen zusammen. Dort in Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens, dieser Stadt, die so gefüllt ist mit Leben, mit Menschen und für mich inzwischen gefühlt nicht mehr greifbar ist. Ich hatte mir versprochen, in die Luft zu springen, laut zu rufen, dass ich am anderen Ende der Welt bin, wenn ich angekommen sei. Aber ich konnte nicht springen. Ich war zu müde nach dem 26 Stunden langen Flug. Ich flüsterte nur leise vor mich hin, als müsse ich es mir selbst bestätigen: „Ich bin am anderen Ende der Welt.“ Diesem anderen Ende der Welt, einem uralten Ort, einer Insel, die vor 45 Millionen Jahren von einem Urkontinent namens Gondwana abbrach und seitdem ihr Eigenleben entwickelt.

Matt greift nach meiner Hand. „Komm!“, sagt er. „Wir müssen hinunter zum Strand.“

Am Strand haben wir uns auch kennengelernt oder besser gesagt, in dem kleinen Fischrestaurant, das unweit vom Strand von Bicheno entfernt liegt. Bicheno, dieser winzige Fleck auf der Karte an der Ostküste Tasmaniens. Das Ende der Welt ist hier zum Greifen nah. Von hier aus geht es nur noch zum ewigen Eis der Antarktis, das 2.500 Kilometer entfernt liegt, oder nach Patagonien. Das Meer scheint unendlich weit, der Sand ist auffallend weiß. Es stürmte, nieselte, war kalt. Das Szenario erinnerte an eine Südseeinsel mit rauem Hochseeklima bei völliger Einsamkeit. Ich zog die Kapuze meiner Regenjacke über den Kopf, blickte in den grau verhangenen Himmel und entschied, mir einen Ort zum Aufwärmen zu suchen. Den fand ich in dem Restaurant. Und Matt fand mich.

Er war der erste Mensch, mit dem ich nach rund einer Woche wieder sprach. Er brachte mir die Fischsuppe, die ich bestellt hatte. Einen Teller, dampfend heiß, und vier Schälchen mit Saucen. Das Restaurant war bis auf vier Fischer, die sich ein Bier genehmigten, leer. Matt setzte sich zu mir. „Du kannst den Geschmack der Suppe mit den Saucen so mischen, wie du es möchtest“, meinte er. Ich nickte. Musste mich erst wieder daran gewöhnen, mit jemandem zu sprechen. „Bist du allein unterwegs?“, fragte er. Wieder nur ein Nicken meinerseits. „Wo warst du, um hier zu landen?“ „Ich komme gerade vom Overland Track“, war der erste wirkliche Satz, den ich sprach. „Ich bin seit drei Wochen auf der Insel unterwegs“, schob ich hinterher. Jetzt nickte er. Dann stand er auf und ließ mich essen. Ich löffelte die Suppe, den Blick durch die Panoramafenster wie gebannt auf den Strand fixiert. Erst als ich zu Ende gegessen hatte, kam er wieder. „Wenn du alleine bist, kannst du mit mir und meinen Freunden morgen zum Nightfishing kommen. Das kennst du bestimmt nicht.“ Ich musste lachen. Matt sah mich überrascht an.
An meinem ersten Abend in Hobart, nachdem ich ausgeschlafen hatte, saß ich in einem winzigen Take away-Restaurant. Hoch und heilig hatte ich Freunden und der Familie in Deutschland versprechen müssen, mit niemandem mitzugehen, mich nicht von Fremden ansprechen und ausführen zu lassen, irgendwo dort im Niemandsland under Down Under. Die Bedienung, eine junge Frau, sprach mich nach meiner Bestellung an. Australier sind ein sehr aufgeschlossenes Volk. Tasmanier ein neugieriges. Was ich hier mache, wann ich angekommen sei und planen würde und wo ich übernachte. Fröhlich erklärte sie mir, sie kenne die Besitzerin meiner Unterkunft sehr gut, sie sei bestens mit ihrer Mutter befreundet. Ich lächelte. Dann fragte sie mich, ob ich Lust habe, am Abend mit ihr und ein paar Freunden zum Nightfishing zu fahren. Ich hatte versprochen, mit niemandem mitzugehen, versprochen, auf mich aufzupassen. Ich sah sie an, lächelte und sagte zu. Keine zwei Tage war das Versprechen her, das ich jetzt so ruhigen Gewissens brach. Also holten sie mich am Abend ab, fuhren mit mir in irgendeinen Wald, den ich nicht kannte. Wanderten mit mir an Wasserfällen entlang, die ich verzweifelt in der Dunkelheit versuchte, zu fotografieren. Irgendwo im Nichts der tasmanischen Wildnis, zumindest dachte ich da, dies sei schon die Wildnis, zündeten sie ein kleines Lagerfeuer an. Würden sie mich hier töten, niemals würde man mich wiederfinden, dachte ich kurz. Die Freundin der Kellnerin, sie selbst und ich setzten uns ans Feuer. Die drei Jungs ließen ihre Angeln in das Wasser fallen und öffneten die ersten Bierdosen. Nach kurzer Zeit hatten die Jungs die ersten Fische gefangen. Davon überzeugt, dass sie diese nun töten, ausnehmen und grillen würden, sah ich erstaunt zu, wie sie die Köder wieder lösten und die Fische wieder ins Wasser warfen. „Ich dachte, wir essen die jetzt“, meinte ich schließlich erstaunt. „Nein! Was ein Unsinn! Wir haben kein Recht, diese Tiere einfach zu fischen und zu essen! Das ist doch unser einziger Schatz, unsere Natur. Das können wir nicht machen. Aber was willst du hier auf Tasmanien abends sonst machen?“, antwortete mir einer der Jungs.

Matt lachte und brachte mir eine Flasche Bier. Cascade Tasmanian Devil Beer. Ich musste beim Anblick des Teufels auf der Flasche lächeln. „Dann habe ich eine ganz besondere Idee für dich“, sagte er. „Wir haben hier in der Nacht Pinguine, weißt du das?“ Ich blickte ihn an, schüttelte den Kopf.

„Dann kommst du heute Abend mit“, meinte er.

Jede Nacht kommen hunderte Zwergpinguine aus dem Meer an die Strände von Bicheno. In den Dünen legen sie ihre Eier ab, brüten diese zwischen Baumwurzeln und in kleinen gegrabenen Höhlen am Strand aus. Schwimmen tagsüber kilometerweit, um Nahrung zu finden und kehren im Schutz der Dunkelheit zurück, um weiter zu brüten oder ihre geschlüpften Jungen zu versorgen. Blau schimmert ihr Federkleid, der Bauch ist leuchtend weiß. Die Frackträger sind gerade einmal so groß wie ein Huhn, wiegen so viel wie ein Päckchen Mehl und sind mehr als bedroht. „Inzwischen ist es aber leider an einigen Stränden wirklich schlimm geworden“, sagt Matt. „Touranbieter haben ganze Licht-Flutanlagen aufgebaut, nachts schalten sie das gleißende Licht an, damit die Touristen die Pinguine auch sehen.“ Er schüttelt verzweifelt den Kopf. „Das ist grausam. Die Tiere erblinden. Schon Blitzlicht ist schädlich für sie, aber die Flutanlagen lebensgefährlich. Wenn sie erblinden, können sie nicht mehr jagen. Sie selbst und ihre Jungen verhungern. Das interessiert die Anbieter aber nicht. Und die Touristen auch nicht. Hauptsache, sie bekommen ihr Foto.“ Ich muss einen tiefen Schluck Bier nehmen. „Inzwischen sind viele Ranger unterwegs, freiwillige Anwohner, die nach Kräften versuchen, diesem Treiben ein Ende zu bereiten und mit den Touristen schon vor der Buchung zu sprechen.“ Wieder schüttelt er den Kopf. „Oft vergebens.“ Dann blickt er mich an. „Ich kenne eigentlich jeden von denen. Und ich glaube, du bist..“, er stockt kurz, lacht. „Irgendwie anders. Ich meine, so alleine hier auf Tasmanien unterwegs. Das ist auch eher selten. Wenn du magst, bringe ich dich heute Abend dorthin.“

Und so lass ich mich jetzt von Matt durch die finstere Nacht an den Strand führen. Vorsichtig ertasten meine Füße jeden Schritt, nur langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Am Strand angekommen, lässt Matt meine Hand wieder los. Ich höre nur das Rauschen der Wellen. Die Brandung, das Zerschellen der Wogen. Sonst ist es totenstill. Einige Zeit stehen wir schweigend einfach nur da, frieren ein wenig in der dunklen Nacht. Ich erkenne langsam die Schaumkronen der Wellen, blicke immer wieder fasziniert gen Himmel. Und dann – urplötzlich aus dem Nichts – zerreißen Schreie die Stille. Hunderte Rufe dringen vom Meer zu uns hinüber. Es dauert einen kleinen Moment, bis die Dünen ihre Antwort senden. Schlagartig sind Matt und ich von brüllenden Rufen und lautem Fiepen umgeben. Ich starre wie gebannt auf das Meer, blicke zurück zu den Dünen, möchte irgendwas erkennen. Immer lauter werden die Stimmen aus dem Meer. Immer stärker die Antwort aus den Tiefen der Dünen. Und dann erkenne ich sie: Wie die Schaumkronen der Wellen sehen sie aus, hunderte Pinguine, die sich von der Kraft des Meeres an den Strand spülen lassen. Wenn sie abtauchen, erlischen ihre Rufe, werden die Laute am Festland noch klarer. Mit jedem Wellenmeter aber werden die Rufe der Pinguine immer deutlicher. Und dann werden sie angespült. Ich erkenne im Mondschein, wie sie möglichst schnell, tapsig schnell, zu laufen beginnen. Sich in Gruppen Schutz suchend an die Felsenformationen am Strand pressen. Sie scheinen kurz eine Pause zu machen, nur um dann wie programmiert in unterschiedliche Richtungen auseinander zu laufen. Und mit jeder Welle werden es mehr Pinguine, die den Strand erobern. Ich stehe still und regungslos da. Beobachte ihren Marsch. Fühle sie durch meine Beine hindurch laufen, spüre ihre kleinen Körper an meinen Waden. Einer bleibt mitten zwischen meinen Beinen stehen, beißt mir in den Schuh. Vielleicht bin ich einfach ein Fels für ihn, vielleicht weiß er aber auch, dass ich nicht hierhin gehöre. Sie streben alle wie ferngesteuert weiter Richtung Dünen. Minutenlang stehen wir einfach nur fasziniert da. Dann greift Matt wieder meine Hand. Wir sprechen nicht, ich lasse mich einfach von ihm ziehen. Achte nur auf meine Füße. Weiche jedem einzelnen Tier aus.

Matt bringt mich hinauf auf die Düne. Dort wartet Steve auf uns. Er ist einer der freiwilligen Ranger. Erst als ich ihn sehe, merke ich, dass meine Wangen nass sind von Tränen. Steve lächelt mich an, sagt: „Komm, ich zeige dir, wo die Jungen sind.“ Er zückt eine winzige Taschenlampe, schaltet sie ein. Dicht an dicht schreiten wir langsam über die Düne. Dann bleibt Steve stehen, deutet kurz auf eine Stelle im Sand. „Schau da!“, flüstert er. Ich knie nieder, Steve leuchtet bewusst weiter weg von dem Nest. Der Lichtschein reicht, damit ich etwas sehe. Im Sand liegt ein winzig kleiner Pinguin, schreit immer noch sein Elternteil an. Erst als dieses anfängt, die Nahrung tief aus seinem Hals hinauf zu würgen und es dem Nachwuchs in das weit aufgerissene Maul zu spucken, wird es still. Ich bleibe wie erstarrt knien. Erst viel später bemerke ich, dass es langsam überall still wird. Die Ruhe der Nacht kehrt ein. Die Stille gewinnt wieder Überhand. Die Pinguine kommen nach und nach zuhause bei ihren Jungen an.

Ich verliere jedes Zeitgefühl, als wir weitergehen. Überall versteckt kommen wir an Nestern der Pinguine vorbei. Erst als wir wieder vor dem Jeep von Steve stehen, finden wir wieder Worte. Wir lehnen mit dem Rücken am Auto, blicken hinauf zu den Sternen, aus dem Radio ertönt REM´s „It´s the end of the world“. Deutlich kann ich über mir die Milchstraße erkennen. Steve streckt den Arm aus, zeigt auf einen fliegenden Punkt. „Das ist ein Satellit“, sagt er. „Ist es nicht merkwürdig? Wir Menschen haben jeden Kommunikationsweg und finden doch nicht zusammen. Wir reden so viel und sprechen doch nicht. Eigentlich im Vergleich machen wir immer nur eins: Viel Lärm um Nichts.“

Ich kann keine Träne mehr zurückhalten.

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Von Karin Lochner

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Nina Anin

Nina Anin, geboren 1982 in Teheran, aufgewachsen im Ruhrgebiet. Arbeitet als freiberufliche Reisejournalistin und Texterin. Mit ihrem Blog „Duty and Free“ ist sie seit Mitte Oktober 2018 online. Im Herbst 2014 war sie Vize-Meisterin der Vorrunde im Poetry Slam und 2016 nominiert für den Grimme Online Award. Die studierte Journalistin bereist die ganze Welt, immer auf der Suche nach dem Besonderen.

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