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The Travel Episodes

Shortlist: Mongolei

Dschingis Khan fährt Motorrad

„Mach dir keine Sorgen“, sagt sie, „Basa kann das Motorrad reparieren. Wenn du es kaufst, ist es so gut wie neu.“

Von Adriane Lochner

Als wir zum ersten Mal anhalten, ist das hintere Zahnrad locker. Ich steige ab, Basa auch. Er setzt sich neben das Motorrad und zieht einen Schraubenschlüssel aus seinem Deel, dem traditionellen Mantel der Mongolen. Das bunt-verzierte Kleidungsstück hat keine Taschen, nur einen Stoffgürtel, der um die Taille gewickelt wird. Basa bewahrt das Werkzeug einfach im Mantelumschlag auf.

Manchmal klappert es, wenn er sich bewegt.

Er sitzt also neben dem Motorrad und zieht irgendwelche Schrauben fest. Das hilft nichts, das Zahnrad wackelt immer noch. Basa steht auf und kratzt sich am Kopf. Anscheinend hat er eine Idee, denn er löst die Schnur, mit der die Luftpumpe am Gepäckträger festgezurrt ist. Dann hebt er einen Stein auf und beginnt, damit auf die Schnur zu klopfen. Ich ziehe mein Taschenmesser aus der Hose und reiche es ihm. „Damit geht’s schneller“, sage ich. Basa versteht zwar kein Englisch, aber er nimmt das Messer dankend entgegen. Dann schneidet er die Schnur in zwei gleiche Stücke. Mit dem einen wickelt er die Luftpumpe wieder an den Gepäckträger, mit dem anderen bindet er das Zahnrad ans Radlager.

Wieder einmal bewundere ich die Knotenkunst, die jeder Mongole bis zur Perfektion beherrscht. Die Leute hier sind Meister der Improvisation. Das liegt wahrscheinlich am Nomadentum, das der tief verwurzelt ist in der mongolischen Kultur: Sack und Jurte so schnell wie möglich auf das Pferd packen und losziehen, um eine neue Bleibe zu finden. Auch wenn die meisten Mongolen heute keine Nomaden mehr sind, leben sie doch in einem Land, das Straßen hat wie Schweizer Käse – durchzogen mit Löchern. Autos und Motorräder gehen ständig kaputt. Schon oft habe ich darüber gestaunt, was ein Mongole mit einer einfachen Schnur alles anstellen kann. Kein Spezialequipment, keine Spanngurte aus reißfestem Material; lediglich ein paar einfache Stricke genügen, um haufenweise Gepäck auf Pferd, Motorrad oder Auto zu schnallen. Die Knoten sind gut, sie halten. Manchmal reißen die Stricke, aber das ist auch kein Problem, dann wird eben erneut improvisiert.

Basa scheint mit seiner Lösung zufrieden. Wir fahren weiter, aber nicht lange. Schon nach etwa zehn Minuten halten wir wieder. Ich habe keine Ahnung, was diesmal der Grund ist. Um sich eine Zigarette anzuzünden, hält Basa normalerweise nicht, das geht auch freihändig beim Fahren. Also sind es wieder technische Schwierigkeiten. Basa läuft zum Straßengraben und schleppt große Steine an. „Was soll das denn jetzt?“ denke ich. Er stapelt die Steine neben dem Motorrad, hebt es am Gepäckträger an und zieht es auf den Steinhaufen. Er möchte es aufstützen, um frei am Hinterrad arbeiten zu können. Das habe ich jetzt verstanden und helfe. Bei den ersten Versuchen fällt der Steinhaufen immer wieder auseinander. Basa schraubt das Hinterrad ab und zerlegt es. Er versucht mir zu zeigen, wo das Problem liegt. Ich habe nicht viel Ahnung von Motorrädern, sonst könnte ich vielleicht etwas sagen wie „das Radlager hat sich gefressen.“ Ob das so stimmt, weiß ich nicht, zumindest sieht es so aus. Er kratzt ein wenig darin herum, erst mit dem Messer, dann mit dem Finger. Das Rad wird wieder festgeschraubt, das Zahnrad für die Kette wieder dran geschnürt.

Basa zieht er sein Handy unter dem Deel hervor, ich vermute aus einer Hosentasche. Als eine Stimme am anderen Ende antwortet, sagt er ein paar Sätze auf Mongolisch. Danach reicht er mir das Telefon. Es ist Tunga, seine Schwägerin. Sie ist die Englischlehrerin in Tariat, einem kleinen Ort am Tsagaan Nuur, dem Weißen See.

„Mach dir keine Sorgen“, sagt sie, „Basa kann das Motorrad reparieren. Wenn du es kaufst, ist es so gut wie neu.“

Dazu sage ich nur, dass wir zu Hause darüber reden.

An dem Punkt hatte ich längst beschlossen, dieses Motorrad nicht zu kaufen. Eigentlich hatte ich Pferde kaufen wollen. Ich habe davon geträumt, wie ein moderner Cowboy an den Rand des Altaigebirges zu trekken, vielleicht sogar noch weiter. In Europa sind die Mongolen noch immer als Reitervolk bekannt. Man kennt die Geschichte, wie Dschingis Khan mit seinem Heer bis vor unsere Haustür zog. Erst vor Ort habe ich gemerkt, dass Pferde in der Mongolei langsam zum Luxusgut werden, Pferdetrekking eher Touristenattraktion als Transportmöglichkeit. Entsetzt habe ich festgestellt, dass manche Mongolen gar nicht mehr reiten können. Oft sieht man Hirten, die ihr Vieh auf dem Motorrad vor sich her treiben. Als weltoffener Mensch dachte ich: „Na, wenn man das hier so macht…“ Ich wollte mit den Wölfen heulen und statt zwei sündhaft teuren Pferden, ein günstiges Motorrad kaufen. Zufällig hatte Basa gerade eines im Angebot.

Angenehm zu fahren ist sie schon, die chinesische Shineray Mustag-5. Genau die richtige Höhe für meine kurzen Beine und mit 200 CC sportlich genug für die Feldwege hier, im „Wilden Westen“ der Mongolei. Aber eine Million Tugrik, umgerechnet etwa 500 Euro, ist ein hoher Preis für eine Maschine, die ständig Probleme macht. Auch geschenkt wäre sie zu teuer. Wie gesagt, ich bin weder Mechaniker noch Knotenkünstler, ich würde nicht weit damit kommen.
 
 
Pferdehüten-mit-Motorrad
 
 
Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir die geteerte Straße nach Tsetserleg. Die Sonne verbrennt mir das Gesicht. Ich trage weder Helm noch Sonnenbrille. Basa hat immerhin ein Cappy auf. Wie schnell wir fahren, weiß ich nicht. Der Tacho ist kaputt. Unsere Höchstgeschwindigkeit schätze ich auf etwa 80 Km/h, schneller geht es bei den vielen Schlaglöchern nicht. Es hieß, die Fahrt würde zwei Stunden dauern. Nach viereinhalb Stunden sind wir da. Tsetserleg ist das Aimag-Zentrum, die Provinz-Hauptstadt. Basa will mich zu einem Geldautomaten bringen, damit ich das Motorrad bezahlen kann.

Zunächst kehren wir bei Basas Verwandtschaft ein und trinken salzigen Milchtee. So viel Zeit muss sein. Dann suchen wir einen Geldautomaten. Beim dritten Anlauf finden wir einen der funktioniert. Innerlich fluche ich. Würde ich das Geld erst mal haben, wäre Basas Ansporn noch größer, es zu bekommen.

Wie sollte ich ihm erklären, dass ich am Handel nicht mehr interessiert bin.

Würde er mich trotzdem mit zurück nehmen? Ausnahmsweise blinzelt mir das Schicksal freundlich zu. Meine PIN funktioniert nicht. Das ist nicht das erste Mal, bereits in der Hauptstadt Ulan Bator gab es bereits eine große Finanzkrise. Die Automaten boykottierten meine Mastercard und ich stand mit leeren Taschen da. Erst nach anstrengenden Diskussionen in der Bankfiliale ließ sich das Problem beheben. Mein Budget war also begrenzt. Auch dieser Automat spuckte nichts aus. Ok, immerhin musste ich keine Ausreden erfinden. Kein Geld, kein Handel – das versteht auch Basa. An dem Punkt wird mir leider auch klar, dass ich meine Pläne für große Cowboy-Abenteuer ein für allemal in die Tonne klopfen kann. Traurig.

Langsam wird es dunkel und Basa will das Hinterrad des Motorrads austauschen, anscheinend glaubt er, dass es die Rückfahrt nicht überstehen wird. In einer Werkstatt wird schnell ein Ersatzteil besorgt und im Schuppen des Vetters drangeschraubt. Vor 21.00 Uhr kommen wir nicht weg aus Tsetserleg. So heiß die Tage auf dem Land auch sind, so eiskalt sind die Nächte. Kurz nachdem wir die Stadt verlassen haben, zucken schon die ersten Blitze am Horizont. „Das wird ein Spaß“, denke ich und mache mich ganz klein hinter Basas Rücken. Bald fängt es an zu regnen. Die eisigen Regentropfen im Fahrtwind schmerzen wie tausend Nadelstiche auf meinem Gesicht. Ich trage alle Kleidung, die ich dabei habe, also Skiunterhemd, Vlies, Daunenjacke und sogar eine Regenjacke. Es hilft nicht, schon nach Minuten bin ich durchgefroren. Wie immer vergeht die Zeit langsamer, wenn man leidet.

Basa scheint es ähnlich zu gehen. Irgendwann halten wir bei einem mongolischen „Roadside Diner“ an und er kauft zwei Dosen Bier. Die verschwinden zunächst im Brustumschlag des Deel und kommen einige Kilometer später wieder zum Vorschein. Basa trinkt seines auf Ex und wirft die Dose in den Graben. Ich freue mich natürlich über das Bier, kann es aber bei der Kälte nicht so schnell trinken. So verbringe ich die nächste halbe Stunde Fahrt mit der Dose Bier in der Hand – ist an diesem Punkt auch schon egal, meine Finger spüre ich sowieso nicht mehr – trotz der Handschuhe.

Etwa zehn Kilometer vor Tariat soll ich fahren.

Die Probefahrt hatten wir eigentlich für den Vormittag vereinbart, aber wegen der vielen technischen Schwierigkeiten ist es nicht dazu gekommen. Entweder hat Basa die Hoffnung nicht aufgegeben, mir das Motorrad zu verkaufen oder er will sein Versprechen ehrenhalber einhalten. Wenn ich auch das Motorrad auf keinen Fall haben will und kurz vor dem Kältetod stehe, die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. Bibbernd setze ich mich nach vorn, Basa nimmt meinen Platz auf dem Sozius ein. Im Scheinwerferlicht sehen die Feldwege aus, wie ein undurchschaubares Gewirr. Wegen der Schatten sind die Schlaglöcher erst spät zu erkennen. Irgendwie geht es. Trotz der widrigen Umstände macht mir das Motorradfahren Spaß. Nicht lange. Plötzlich tauchen zwei kläffende Hunde im Lichtkegel auf. Wir sind wohl in der Nähe einer Jurte und haben die Wächter geweckt. Wütend galoppieren die beiden wolfartigen Monster neben dem Motorrad her. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Speichelfäden von den Reißzähnen tropfen. „Gleich werde ich in die Wade gebissen“ denke ich und resigniere. Es gab nichts, was ich dagegen tun kann. Basa, der meine Schockstarre bemerkt hat, rettet die Situation. Er greift an mir vorbei zum Gashebel. Wir jagen davon, in die schwarze Nacht. Bis jetzt wundere ich mich, wie wir es geschafft haben, keinen Unfall zu bauen.

Wir kommen um zwei Uhr nachts bei Tungas Gästehaus an. Basa setzt mich ab und verschwindet. Für mich ist das Drama des Abends noch nicht vorüber. Meine Blase zeigt sich beeindruckt vom Bier und der eisigen Kälte. So dringend musste ich noch nie auf die Toilette. Meine blauen Finger kann ich weder spüren noch bewegen. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, der Hosenknopf will nicht aufgehen. Meine Blase droht zu explodieren. Das ist der Punkt, an dem ich beinahe die Nerven verloren hätte. Die Anstrengungen des Tages in Kombination mit meinen gescheiterten Träumen fordern ihren Zoll. Aus Verzweiflung schreiend wollte ich hier und jetzt zusammenbrechen. Doch in einem letzten wütenden Versuch springt der Hosenknopf auf. Erleichtert fällt die Anspannung von mir ab und macht der Müdigkeit Platz. Einschlafen kann ich jedoch nicht. In dieser Nacht wälze ich mich noch zwei Stunden lang im Schlafsack. Wie Säure fühlt es sich an, wenn das warme Blut in Hände, Füße und vor allem in die Knie zurückkehrt.

Was soll ich sagen, Mut und Dummheit trennt ein schmaler Grad.

Im Nachhinein war es wieder ein Abenteuer, eines, von dem ich noch lange etwas haben sollte. Denn selbstverständlich habe ich mir eine Grippe einfangen.
 
 
Foto-Autorin
 
 
Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Auf ihren Reisen schreibt sie über Themen aus Wissenschaft, Naturschutz und Outdoor-Sport für diverse Magazine und Tageszeitungen. Am liebsten mag Adriane das Bergpanorama und war schon unterwegs in Alpen, Rocky Mountains, Himalaja und Tienschan. Selten läuft alles nach Plan, Humor und Selbstironie gehören zur Reisephilosophie. Von diesen Erfahrungen berichtet Adriane auf ihrem Blog globestories.com.

 

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