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The Travel Episodes

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Sklavenhandel, Bürgerkrieg. Blutdiamanten. Tausende Ebola-Tote. Sierra Leone ruft meist ein Bild der Krisen hervor. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte Sierra Leone Ende 2015 für ebolafrei. Eineinhalb Jahre später wurde hier für mehrere Wochen mein Zuhause.

„Bin gut gelandet. Jetzt im Wassertaxi. Ich komme so schnell wie möglich“, textete ich Freunden aus Deutschland, die aktuell für Filmarbeiten in Sierra Leone arbeiteten und ich noch am gleichen Abend treffen wollte aus dem Wassertaxi. Mein erster Abend in Freetown war ihr letzter, da ihr Flug morgen zurück nach Deutschland ging. Wie ich in ihr Hotel kommen würde? Keine Ahnung. Der internationale Flughafen Lungi liegt auf der Nordseite des Deltas von Freetown. Auf den Wassertaxen Richtung Stadtzentrum gibt es neben Schwimmweste und einer Flasche Wasser auch WLAN.Die einzige Unterkunft, die ich vorab online buchen konnte war eine Luxus-Unterkunft, die mein Budget weit überstieg, oder eine weitaus günstigere AirBnb-Unterkunft bei einer Familie im Osten der Hauptstadt Freetown. Mit der Gewissheit einer Unterkunft bei einer lokalen Familie für die ersten drei Nächte, flog ich los nach Westafrika.

Das Wassertaxi spülte uns Passagiere samt Gepäck direkt in das Getümmel wartender Taxifahrern und fliegender Händlern. Trotz Sommerzeit war es hier in den Tropen bereits tiefschwarze Nacht. Mein T-Shirt klebte an der Haut, die Luft schien zu stehen. Unter den Taxifahrern, die mir alle auf einmal mein Gepäck gerne abnehmen wollten, war sah ich einen jungen Mann mit einem Zettel und breiten Grinsen. „Katie – welcome!“ stand da in großen Buchstaben. Meine AirBnb-Gastgeberin Hanna hatte mir ein Taxi organisiert. Ich wollte sie schon jetzt aus Dank fest umarmen.

Ich glaube, jeder reist mit einer Frage im Gepäck. Manchmal kommt die eine Frage vielleicht auch erst unterwegs. Andere haben Sie schon zu Beginn des ersten Schritts des Unterwegs-Seins. Oder die Frage verändert sich und aus einer Frage werden plötzlich mehrere Fragen. Ich war für eine Recherche nach Sierra Leone gekommen. Doch neben der Fragen für die Arbeit, trieb mich die Frage nach meiner persönlichen Resilienz um. Jeder durchlebt wohl unterschiedliche Krisen. Kurz vor Abreise hatte ich die Absage zu einem tollen Auftrag als Journalistin erhalten. Zumindest dachte ich zu diesem Zeitpunkt, er sei toll. Mit der Absage kamen schmerzende Fragen von mir an mich selbst, die an meinem Selbstbewusstsein kratzten und mich mental zerstrudelten. In diesem Zustand ging es für mich in eines der ärmsten Entwicklungsländer unserer heutigen Zeit. Ich fragte mich, ob ich persönlichen Krisen überhaupt gewachsen bin. Ich hätte nicht gedacht, dass ich knapp acht Wochen später diese Frage deutlich beantworten konnte.

10 Tage nach Ankunft in Freetown

Inna* kochte Pasta für uns. Sie hatte extra Nudeln und Tomatensoße aus dem kleinen, libanesischen Supermarkt geholt. Ich freute mich schon den ganzen Tag auf diesen gemeinsamen Abend. Nur langsam gewöhnte sich mein Magen an die scharfen Saucen, die zum täglichen Reis und Fisch gereicht wurden. Meist aß ich Ananas, Mangos und Kochbananen. Gerne dachte ich an meinen ersten Abend in Freetown zurück: Meine AirBnB-Gastgeber mussten schmunzeln als ich bei der Ankunft direkt von meinem ersten Abendtermin erzählte. „Du legst ja direkt los! Das ist typisch europäisch“, lachte meine Gastmutter Hanna, die in Sierra Leone geboren war und während des Bürgerkrieges in Großbritannien gelebt hatte. Inna hatte ich an jenem Abend in Freetown durch die befreundeten Filmemacher kennengelernt. Die Stimmung war lustig. Die Anderen reisten am Folgetag ab, doch Inna arbeitete hier für eine deutsche Organisation und lebte in Freetown. Es ist immer spannend, mit wem man auf Reisen beim ersten Bier, beim ersten Blick oder beim ersten Gespräch sofort „klickt“ und man genau weiß, dass man mit diesem Menschen auf Anhieb um die Welt reisen könnte. Inna und ich waren ab dem ersten Moment auf einer Wellenlänge. Die Saat unserer Freundschaft wurde an jenem Abend mit dem sierra leonischen Star-Bier begossen.
Während kurz der Strom ausfiel und es einen Moment dauerte, bis der Generator ansprang, sprach Inna über jenen Abend: „Abschied nehmen gehört hier zum Alltag. Menschen, die hier für internationale Organisationen arbeiten, bleiben nur Monate oder wenige Jahre. Danach geht es zurück in das westliche Heimatland. Aber auch der Tod hat hier in Sierra Leone eine andere Wahrnehmung. Es ist dann halt einfach so. Man sieht es hier nüchterner. Das Leben geht ja weiter“, erzählte Inna während ich die Tomaten für den Salat schnippelte. Wir hatten uns in den letzten Tagen angefreundet und uns fast täglich gesehen. Über ihrem Büro war eines der wenigen Hostels der Stadt beherbergt. Ich bezog nach meiner Zeit bei Hanna dort ein Zimmer, da es mitten im Zentrum der Stadt lag. Für mich hieß das weniger Zeit in Taxen, Bussen oder auf Motorradtaxen zu verbringen. Die Straßen Freetowns platzten aus allen Nähten, besonders morgens und abends.

„Wie kommst du in der Stadt zurecht? Fährst du etwa immer noch Moto-Taxi?“, fragte sie mich mit prüfendem Blick. Sie war nur knapp sieben Jahre älter als ich, aber sie sorgte sich schon nach wenigen Tagen wie eine große Schwester um mich. „Interviews und Recherchen laufen super. Ähm und naja – also die sind halt einfach schneller. Ich habe so viele Termine für Interviews jeden Tag, dass mich die Staus in der Stadt echt um den Verstand bringen. Da ist es praktisch, dass die so zwischen den Autos hindurch düsen.“, versuchte ich mich zu erklären.

„Das ist dumm von dir. Ohne Helm ist das viel zu gefährlich. Die Polizei knüppelt im wahrsten Sinne des Wortes die Beifahrer von den Motorrädern, weil in der Innenstadt Beifahrer verboten sind. Es gab zu viele tödliche Unfälle mit betrunkenen Fahrern. Die Uhren ticken hier anders, Katie. Wenn sie überhaupt ticken.“, ermahnte mich Inna und steckte sich Pasta in den Mund. Ich nickte zustimmend und drehte mir weiter Pasta um die Gabel. Eine Begegnung mit Polizist und Knüppelschlag auf meine Schulter, als ich in der Innenstadt auf einem Motorradtaxi saß, hatte ich bereits hinter mir. Aber das verschwieg ich. Jeden Tag prasselten unterschiedliche Eindrücke, Gerüche, Worte, Reaktionen und Herausforderungen auf mich ein. Mein Gehirn kam mit dem Verarbeiten nicht hinterher. Mein Herz sowieso nicht. Jeden Tag schrieb ich Satzfetzen, Gedanken, Interpretationen und schmierige Skizzen in mein Reisetagebuch. Meine persönliche Festplatte wollte jeden Tag geleert werden. Sie brauchte Speicherplatz für den nächsten Tag.

Jetzt war lauter Donner zu hören. Die Regenzeit begann in diesen Wochen des Junis. „Ich fahr’ dich schnell heim“, sagte Inna nach dem Essen. Inna schenkte mir in all dem Unbekannten und fremden Sierra Leone eine Art Schutzraum, in dem ich die Anspannung meiner Tage und schlaflosen Nächte etwas lockern durfte. Sie erklärte mir, wie die „Stadt funktioniert“, wo ich einkaufen gehen konnte, wen ich fragen konnte, welche Straßen ich niemals betreten sollte und welche Routen für meine Recherchen die besten waren. Der eintretende Regen an unserem Pasta-Abend verwandelte die Straßen zu Sturzbächen, der den Schlamm aus den höher liegenden Slums mitriss und ins Delta spülte. Wir standen vor dem Hostel und hupten kurz, damit der Sicherheitsmann die Tür öffnete. „Bis morgen, Katie. Pass’ auf dich auf“
– „Bis morgen. Danke für das leckere Essen. Danke für alles, ich wüsste nicht, wie ich ohne dich das alles verstehen könnte.“
„Ach was. Dafür doch nicht. Du bist stärker, so viel stärker als du denkst. Du würdest das auch prima alles alleine rocken. Schlaf gut.“
Ich rannte aus dem Auto durch den tosenden Regen zur Tür des Hostels. Der kurze Weg reichte, um in diesem Starkregen ohne Schirm bis zur Unterwäsche nass zu werden. „Miss Katie, you always need an umbrella in Freetown. The rainy season is here“, meinte Adolfo, der Nachtrezeptionist zu mir, als ich nach dem Zimmerschlüssel fragte.

Über das, was im schlimmsten Fall auf einer Reise passiert, will man sich ungern Gedanken machen. Natürlich schließt man eine Auslandsreisekrankenversicherung ab, wenn man loszieht. Aber hätte man einen konkreten Plan im Kopf, was bei Krankheit oder Unfall passieren muss? Wohin man gehen sollte? Die schlimmsten Szenarien schiebt man gerne weit weg. Ich muss gestehen, ich manchmal auch. Vor jeder Reise schicke ich an engste Vertraute eine Mail mit wichtigen Daten. Das mache ich aus Überzeugung, dass ich in irgendeiner Buschlandschaft nicht anfangen kann zu googeln. Und weil ich aus Fehlern auf vergangenen Reisen gelernt habe. Ein Sprichwort sagt, dass Reisen die beste Medizin ist. Dem stimme ich zu. Was ich allerdings in Sierra Leone lernte: Auch beim Reisen gibt es Momente, wo die Medizin in dir stecken muss.

Fünf Wochen nach Ankunft in Freetown

Freetown erwachte stets schnell und hektisch. Jeder Tag war anders, doch jeder Tag war laut. Der Verkehrslärm schwappte durch die Straßen. Jeder Tag kostete mich mit Reden, Verhandeln, Beobachten, Fragen, Aufpassen, Organisieren, Nachfragen, unsägliche Hitze & Regen im Wechsel, dazu juckendes Moskitospray unglaubliche Energie. Ich lebte in einem Land der Extremen. Ich sah palastartige Häuser von Politikern und internationalen Hilfsorganisationen. Danach Kinder, die im Schlamm und Wasser der Straßengräben spielten und abends mit der Familie ein Zimmer teilten. Dazwischen irgendwo ich durch enge Gassen, auf Motorradtaxen, manchmal mit und ohne Schirm im Regen. Inzwischen hatte ich weitere Freunde in Freetown kennengelernt. Die meisten waren aus Sierra Leone und sind für die Arbeit nach Freetown gezogen. Täglich fragten sie mich per SMS, ob alles ok sei. Wenn ich erst abends zum Beantworten kam, wussten sie bereits von anderen Nachbarn, ob ich bereits zurück im Hostel war. Es schien ganz so, dass ich auf einer Art Radar von vielen war. Ich tauchte ab in die DJ-Szene Freetowns, drehte mit Filmemachern, saß mit neugewonnenen Freunden im Publikum von lokalen TV-Talkshows, ließ mir beim Schneider aus bunten Stoffen einen Rock nähen, begleitete Freunde in die Kirche, lernte Krio, aß immer öfter Fisch mit scharfer Soße von den Straßenküchen, ließ mich durch die Märkte treiben und hatte mit der Zeit einen festen Mototaxi-Fahrer, den ich für Fahrten direkt anrufen konnte. Ich übte, einen Alltag zu finden. Wobei es für mich stets ein Alltag zwischen extremen Lebenssituationen bedeutete. Denn trotz all meiner persönlichen Herausforderungen wusste ich, dass ich hier immer noch als privilegiert galt – ich war mobil, hatte ein Dach über den Kopf und musste nicht hungrig zu Bett gehen.

Montag

Das Gebet des Imam riss mich wie jeden Morgen aus dem Schlaf. Das Moskitonetz über mir schaukelte im Wind, der durch das offene Fenster drang. Eine weitere, kurze Nacht. Es war Montag und ich hatte den Sonntag am Surfstrand in Buren Beach verbracht. Sport war in Freetown schwierig. Joggen auf offener Straße polizeilich verboten. Für jemanden, der Zuhause in Berlin mindestens viermal in der Woche beim Sport ist, eine Tortur. Also tauchte ich am Sonntag mit Surfbrett in den Atlantik ab. Sport in der Fremde ist jedes Mal ein Abenteuer und wohl eine der schönsten Gelegenheiten, neue Menschen kennenzulernen. Inna war indes für das Wochenende bei einer Familienfeier einer befreundeten Familie im hohen Norden des Landes. Heute stand eine gemeinsame Mittagspause an, um von unseren Wochenenden zu berichten. Noch bevor der anbrechende Tag über die vielen Hügel Freetowns kriechen konnte, vibrierte mein Handy. Ich hatte gerade die Zahnbürste im Mund. Eine Textnachricht von Inna. „Habe hohes Fieber. Bin auf dem Weg ins Choitram-Krankenhaus“. Eine halbe Stunde später durch enge Straßen und Freetowns Stadthügel stieg ich vom Motorrad ab, zahlte für die schnelle Fahrt extra Trinkgeld und fand Inna im Wartezimmer der Klinik. Das Wartezimmer war zu zwei Seiten mit Fenstern ohne Scheiben versehen. Der Ventilator über uns schob die schwüle Klinikluft von links nach rechts und dann im Kreis. Alle Warteplätze waren mit Patienten belegt. Ihre Kleidung strahlten in bunten, afrikanischen Mustern. Auf mich wirkte die Kleidung fröhlich und passte so gar nicht zu meinen Sorgen. Es war Montagmorgen und vor dem Warteraum bildete sich eine Warteschlange aus weiteren Patienten. Wir waren die einzigen Europäer. Immer wieder kamen Ärzte in blauen Uniformen mit blauen Kopftüchern in das Wartezimmer, blickten in die Akten der Empfangsfrauen und gingen dann wieder zurück durch eine der anderen Türen des Warteraumes. Die Empfangsdamen machten den Eindruck, dass zu wenig Personal in zu viel Arbeit versanken. Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn. Neben den Computern türmten Aktenordner auf verschiedenen Stapeln. Über uns zurrten die Ventilatoren und flackerten Glühbirnen. Menschen gingen schnellen Schrittes rein und raus.

„Sie machen gerade verschiedene Tests und prüfen, ob ich Malaria habe“, erklärte mir Inna.

„Wie geht’s dir?“, fragte ich nach. „Ich bin schwach auf den Beinen. Wirklich schwach. Alles ist zehnmal schwerer. Mir ist schwindelig, übel und habe gleichzeitig Kopfschmerzen. Ich will nur noch ins Bett“.

Die Ventilatoren drehten sich langsamer, die Glühbirnen hörten auf zu flackern und von den Empfangsdamen hörte ich sagen „no power, again!“. Die anderen Patienten um mich herum schien das nicht zu stören. Vielleicht waren sie es gewohnt. Mir machte das Angst. Was, wenn das mitten in einer Operation passiert? Es dauerte mehrere Minuten, bis das Geräusch des Generators zu hören war. Die Glühbirnen flackerten weiter, der Ventilator begann wieder zu kreisen.

Schon vor meinen Reisen durch Bekanntes und Fremdes freue ich mich auf all’ die neuen Gesichter, die ich kennenlernen werde. Es ist fast so, als wäre ich stets hungrig auf dieses Gefühl, als Reisende durch unterschiedliche Alltage zu stolpern. Gleichzeitig berührt man Andere mit den eigenen Geschichten und Kapiteln. Auf Reisen hinterlässt ein jeder von uns etwas in jedem Leben, das wir berühren.

3 Tage später

Erschöpft lasse ich mich auf eine Bank im Außengang des ehemaligen UN-Krankenhaus fallen. Heute wird es unter indischer Leitung geführt. Vielleicht erklärt das auch das eingestellte Bollywood-Fernsehprogramm in manchen Gängen. Den Raum M2 auf der rechten Seite des Hauptgangs und die Intensivstation des Krankenhauses lernte in den letzten Tagen besonders gut kennen. Die Bilder der letzten Tage werden nun wohl mein Leben lang zu mir gehören. Eine blutverschmierte Inna mit herausgerissenen Kanülen an den Unterarmen. Leerer Blick. Diskussionen mit Ärzten. Keine Erreichbarkeit bei der Botschaft. Inna auf der Intensivstation. Ich strich ihr über ihre Stirn und versicherte, dass alles gut werden würde. Inna erkannte mich noch. Sie konnte nicht mehr sprechen, hielt aber meinem Blick stand. Von anderen guten Freunden drehte sie ihren Kopf weg. Ihre Unterarme waren da schon angegurtet ans Krankenbett. Zu häufig kamen hektische Anfälle, bei denen sie sich alles vom Körper zu reißen versuchte. Stromausfall. Wieder Telefonate nach Deutschland. Diskussionen um eine noch schnellere Evakuierung. Diskussionen um die Landeerlaubnis für das Evakuierungsflugzeug. Dann endlich. Alles verspätete sich weiter. Ich checkte den Krankenwagen nach Reifendruck, Bremsen, Stand der Tankfüllung und Anzahl der Sauerstoffflaschen. Nach umgerechnet zehn Euro Trinkgeld später waren statt zwei zur Hälfte aufgebrauchter Sauerstoffflaschen zwei volle Sauerstoffflaschen im Wagen. Zudem hatte ich die Telefonnummer des Fahrers und des mitfahrenden Pflegers. In 30-Minuten Abständen rief ich Fahrer oder Pfleger für ein Update an, um die dreistündige Fahrt auf dem Landweg zum Flughafen und Innas Zustand abzufragen. Für eine schnellere Wassertaxi- Fahrt war Inna körperlich bereits zu schwach. Zur weiteren medizinischen Behandlung ging es für sie über Dakar im Senegal in Richtung Europa.
Während ich auf Ernest, meinen Taxifahrer auf dem Motorrad wartete, schrieb ich in mein Tagebuch: „Ich habe keine Kraft zum Schreiben. Inna hat das alles fast das Leben gekostet. Ich bin durch.“ Das Leben sah das anders. Ich war noch nicht fertig.

Weitere 5 Tage später

Ich spüre noch den Tokeh Beach unter mir. Da quietscht der Sand unter den Füßen. Das Meer ist warm und das Ufer wild bewachsen. Eine Gruppe Jungs erzählten mir am Strand von einem Krokodil in den Flussauen weiter oben. Dieses Paradies hatte ich mir als Abschied von Sierra Leone ausgesucht. Wobei die Anreise ein Abenteuer für sich gewesen war. Vielleicht hätte ich nach den Strapazen der letzten Tage und Wochen viele Orte zum Paradies für mich deklinieren können. Verschiedene Bilder liefen im Film vor meinem inneren Auge ab. Endlich saß ich im Flieger. Hier übte ich mich im Schweigen. Zu viel hatte ich in all den Tagen zuvor berichtet, geklärt, organisiert. Meine Stimme war nicht heiser. Doch mein Herz war leer und fand am Ende dieser Reise einfach keine Worte mehr. Mein Geist war erschöpft. Ich ließ mich in meinen Flugzeugsitz plumpsen und spürte, wie mein Körper nachsackte. Zumindest fühlte ich mich hier sicher. So sicher, wie ich mich seit der Ankunft nicht gefühlt hatte. Ernest schrieb mir zum Abschied noch eine SMS. Ich solle bald wiederkommen. „Sierra Leone is beautiful and the people are nice.“ Er hatte Recht. So viel Schönheit gab es hier. Doch zugleich umarmt so viel Leid diese Schönheit.

„Wir werden über Conakry in Guinea zurück nach Paris fliegen“, tönte die Stimme der Stewardess. Ich hatte einen Platz am Gang in der Mittelreihe. Um mich herum wuselte das Hin- und Her mit zu großen Handgepäckskoffern. Mein Rucksack ruhte unter meinem Vordersitz. In mir tobte ein Sturm. Und das schon seit mehreren Tagen. Doch heute war er schlimmer. Gliederschmerzen. Herzrasen. Ein pochender Schmerz schrillte durch meinen Körper. Der Schmerz schien von meinen Füßen hochzukriechen. Mir war heiß und kalt. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, die Stewardess tippte mich an. „Sie müssen sich anschnallen. Wir fliegen gleich los. Geht’s Ihnen gut? Sie sehen blass aus.“ Ich war wohl kurz eingenickt. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren und die Erschöpfung der letzten Tage zu vergessen. „Mir geht’s gut. Die Arbeit. Zu viel. Aber danke, alles gut“, stammelte ich und schnallte mich an. Dabei fühlte ich es. Gar nichts war gut. Nachdem die Anschnallzeichen erloschen, war ich die erste auf der Toilette. Wenn man wenig isst, kann man wenig erbrechen. Das Wenige musste aber aus mir raus. Ich biss auf Toilettenpapier, um vor Schmerzen nicht loszuschreien. Ich zog meine Socken aus. Überall weiße und schwarze Linien. „Denk positiv, dreh’ jetzt bloß nicht durch, Katie“, flüsterte ich mir wie ein Mantra immer und immer zu. Wie war das im Yoga? Immer in den Schmerz atmen. Aus meiner Kosmetiktasche kramte ich das Iod und desinfizierte die ersten aufgekratzten Stellen um die Zehen, die durch Reiben mit den Schuhen entstanden. Der Schmerz kam in Wellen. Etwa alle 40 Minuten, wie mir meine Uhr anzeigte, als ich zum dritten Mal Stopp drückte. Da hatte ich erst drei Stunden von 14 Stunden Reisezeit nach Berlin geschafft. Es sollte der schlimmste Flug meines Lebens werden.

Bei dem Zwischenstopp in Guinea verzögerte sich die Weiterreise nach Paris. Eine Putzkolonne saugte um uns Passagiere. Ich saß mitten im Pendelverkehr zwischen Paris, Freetown und Conakry. Die Stimmung bei den anderen Passagieren war ausgelassen fröhlich. Meine Kräfte ließen hingegen weiter nach, der immer wieder-kehrende Schmerz nahm mehr und mehr von mir ein. An Zuhause schrieb ich vor Abflug nach Paris: „Bin in Guinea. Zwischenlandung. Ich melde mich aus Berlin so schnell wie möglich. Will mich gleich durchchecken lassen. Macht’ euch keine Sorgen. Hab’ euch sehr lieb.“

Einmal stündlich schloss ich mich auf der Flugzeugtoilette ein, behandelte die offenen Stellen weiter mit Iod, dann wieder Socken drüber, erbrechen, Zähne putzen, zurück an den Platz. Mein Körper schien innerlich zu kollabieren. Nach außen hin war ich schwach, selbst ein kleines Lächeln kostete Energie, die mein Körper nicht mehr aufzubringen konnte. Der Flug hatte Verspätung. Das bedeutete für mich: im Flughafen Charles-de-Gaulle nur noch 30 Minuten Umsteigezeit inklusive Passkontrolle. „Unmöglich, dass Sie Ihren Flug eigentlich noch bekommen“, sagte mir die Stewardess auf Nachfrage. Ich lernte wieder: Extremsituationen bringen mich auf Hochtouren. Ich schulterte meinen Rucksack und ließ mich kurz vor Landung in der Businessklasse, direkt am Ausgang nieder. Die Stewardess zeigte mir den Daumen nach oben. Wenn Worte fehlen, werden sie durch Gesten und Lächeln ersetzt. Würde ich diesen Weiterflug verpassen, hätte ich noch mehr Probleme als jetzt. Ob in Paris oder Berlin – ich musste so schnell wie möglich in ein Krankenhaus. Berlin wäre da aber praktischer, da ich schon am nächsten Tag für die Moderation eines Menschenrechtspreises auf der Bühne stehen werde. Ein Mensch kann mehr, als er denkt.

Im Flieger nach Berlin rannte mir der Schweiß von der Stirn, zwischen den Brüsten und den Rücken runter. Mein Herz schlug hart gegen den Brustkorb. Ich saß im Flieger nach Berlin. Wieder ging es in der Luft auf die Toilette. Die Schmerzen zwangen mich inzwischen zum Heulen. Meine Füße hatte ich mir bei meinem Sprint durch den Flughafen blutig gerannt. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und blickte kopfschüttelnd in mein Spiegelbild. „Du bist stärker, so viel stärker als du denkst“. Das waren Innas Worte, die jetzt in mir hallten. Am Gepäckband in Berlin Tegel zog ich meine Schuhe aus. Mit dem Stecker meiner Ohrringe wechselte ich in meinem Smartphone zurück auf meine deutsche SIM-Karte. Mein Backpack kam als eines der ersten Gepäckstücke, ich zog ihn hinter mir her und schlurfte verheult und mit schmerzverzerrtem Gesicht in Socken aus dem Terminal durch die Schiebetüren. Dabei wählte ich 112. Alles, was ich wollte, war ein Krankenwagen. Einen Arzt, der mir diesen Schmerz nimmt. Und wenn er an Ort und Stelle meine Füße aufschneidet. Mir war alles egal. Nach 14 Stunden Schmerz konnte ich nicht mehr. Ich wurde umgerannt und fest umarmt, als ich aus den Türen trat. Das Handy fiel auf den Boden, mein Blick verschwamm, aber ich kannte diesen Geruch. Schluchzend brach ich in der Umarmung zusammen. „Paps. Ich muss ins Krankenhaus. Sofort.“

Wie gehen wir mit uns selbst manchmal um? Oft finden wir harte und deutliche Worte zu uns selbst. Nicht mal mit unseren Herzensmenschen würden wir so sprechen. Immer wieder gehen wir auf’s Ganze, betreiben Raubbau mit unserem Körper, gehen an die Grenzen des Machbaren und meist berühren wir auch die Grenzen dessen, was gesund ist. Dabei haben wir nur diesen einen Körper. Reisen hilft uns immer wieder, unsere Grenzen kennenzulernen. Reisen helfen für’s Reisen zu sich. Wir treten aus unseren gewohnten Komfortzonen und nähern uns der Welt hinter oder links und rechts unserer Komfortzonen. Bei aller Abenteuerlust, bei allem Fernweh und auch beim Betrunken-Sein vor Weltliebe sollten wir aber nicht uns selbst vergessen oder gar verlieren.

Plötzlich war es Juli

In High-Heels stackselte ich über den nassen Asphalt unweit von Stuttgart. Die lebensgefährlich hohe Anzahl an Parasiten, die sich in meinem Körper ausgebreitet hatten, waren mit verschiedenen Medikamenten erfolgreich behandelt worden. Von außen erinnerten nur noch Narben an meinen Füßen an die qualvollen Stunden im Flieger und der Tage danach. Heute schien der Himmel zu heulen. Aus den Wolken prasselte der Regen. Wohl nicht so stark wie in Sierra Leone, aber für süddeutsche Verhältnisse im Juli ungewöhnlich stark. Die Aussegnungshalle war bis auf den letzten Platz besetzt. Viele standen im hinteren Teil der Halle und waren zum Abschied-nehmen gekommen. Ihre Malaria war eine der schlimmsten Formen von Malaria und hatte Nebenwirkungen, die sie nicht überlebte. Von Sierra Leone über Dakar nach Europa – ein zu langer Weg für einen von Malaria geschwächten Körper, wenn die medizinische Behandlung nicht sofort optimal angesetzt wird. Inna verstarb auf dem Weg nach Europa.

Ob ich Krisen aushalten kann? Ob ich resilient bin? Am Ende dieser Reise wusste ich meine Antwort. Ich bin stärker, als ich denke.


* Name von der Autorin geändert.

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Von Daniela Schmitt

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Katie Gallus

Katie Gallus war mit 14 Jahren alleine in Frankreich unterwegs. Seitdem liebt sie das Solo-Reisen. Als Geographin und Journalistin arbeitete sie mitunter in Zentralasien, Lateinamerika und Subsahara-Afrika. Ihr Herz hat sie an die Natur auf Maui in Hawaii verloren – am liebsten paddelt sie dort mit dem Surfbrett vor Sonnenaufgang auf den noch ruhigen Pazifik, steckt den Kopf unter Wasser und hört den Walen beim Singen zu.

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