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The Travel Episodes

Elternzeit in Norwegen

Die große Freiheit

Mit ihrem Sohn verbrin­gen Artis und Renate ihre Eltern­zeit in Norwe­gen. In ihrem Volks­wa­gen T4, genannt der Dicke, gehen sie auf die Suche nach der großen Frei­heit.

Eine Hügel­kuppe jagt die andere, ein Stein­hau­fen ähnelt dem Nächs­ten. Wir stap­fen durch das sump­fige Geröll. Wo ist nur das Ziel? Als wir gerade einen Hügel über­win­den, ist der Park­platz immer noch nicht in Sicht, nur der nächste Hügel. Mit Keksen und Gesang versu­chen wir unse­ren Klei­nen bei Laune zu halten. Doch irgend­wann geht nichts mehr. Er brüllt aus voller Kehle und niemand da, den es nerven könnte. Nur die Eltern, die sind nicht genervt, mehr über­for­dert und verlas­sen fühlen sie sich. 

Die Lippen sind blau ange­lau­fen und die Augen rot von den Tränen. Unser Junge friert und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Ab in Mamas Arme, die Füßchen fest unter die Jacke, der Papa schleppt Trage und Ruck­sack. Es weht ein eiskal­ter Wind. Wir heulen, wir beten und hoffen, dass wir diesen Trip irgend­wie über­ste­hen. Und dann wieder so ein verdamm­ter Hügel! Das beste Schuh­werk versagt. Immer wieder rutschen die Füße auf dem losen Gestein weg. Uns verlas­sen lang­sam die Kräfte. Aber an Anhal­ten ist nicht zu denken. Irgend­wann schwin­den auch die Kräfte bei Matteo und er winselt nur noch vor sich hin. 

Wie konn­ten wir nur? 

 

Vier Monate zuvor

Eigent­lich fahre ich immer mit Fahr­rad zur Arbeit. Aber heute nicht. Heute komme ich mit unse­rem neuen Wagen: ein schwar­zer, gut gepfleg­ter VW Bus aus fünf­ter Hand. Ich präsen­tiere unse­ren Dicken. Der Lack auf Hoch­glanz poliert, ordent­lich und voll ausge­stat­tet. „Soll ich dir den mal von innen zeigen?“, frage ich meinen Kolle­gen stolz. „Nee, lass mal! Ich kann Busse von innen nicht riechen!“ Seine Eltern fuhren jahre­lang einen T4 und der Geruch bekomme ihm nicht gut. Trau­ma­ti­sche Kind­heits­er­leb­nisse.

Aber die sollen nicht für unse­ren Sohn Matteo gelten: Für zwei oder drei Monate wird dieses Auto zu unse­rem neuen Zuhause werden. Bald soll es für uns losge­hen. Zu dritt wollen wir mit unse­rem T4 nach Norwe­gen und dort unsere gemein­same Eltern­zeit verbrin­gen.

* * *

Zweites Kapitel

Augen zu und durch

Wir erle­ben den kältes­ten und härtes­ten Früh­ling in Norwe­gen. Das Wetter spielt verrückt und wir kommen aus dem Auto nicht raus.

1. Mai

Irgendwo in Däne­mark auf einem Rast­platz verbrin­gen wir unsere erste Nacht im Bus. Morgens zeigt das Ther­mo­me­ter mollige 3 Grad Celsius an. Der Schlaf­platz unter dem Dach für uns drei ist doch klei­ner als ange­nom­men. Wir hätten doch lieber vorher probe­schla­fen sollen. Doch für Trüb­sal blasen ist keine Zeit. Die Fähre wartet auf uns. Das Platz­pro­blem werden wir die Tage noch in Angriff nehmen. Dafür ist ja Zeit genug. Und es wird sicher­lich auch noch wärmer! Ist halt nur doof, dass ausge­rech­net jetzt die Stand­hei­zung nicht will…
 
 
Skizze_aus_dem_Tagebuch2
 

6. Mai

Etwas Treib­holz am Fjor­d­rand ist die Lösung des Platz­pro­blems. Es dient nun als Latten­rost und wird jeden Abend im Eingangs­be­reich des Schlaf­ge­machs ausge­legt. Dort kann der Lütte bequem schla­fen. Aber trotz­dem sind die Nächte durch­wach­sen. Matteos unru­hi­ger Schlaf berei­tet uns Sorge. Die Tage sind verreg­net, die Nächte lausig kalt. Wir halten uns mit ausgie­bi­gem Früh­stück bei Laune.

Rührei oder gekoch­tes Ei? Diese Frage muss jeden Morgen disku­tiert werden. Eier sind unser Flei­scher­satz, da das Fleisch in Norwe­gen einfach zu teuer ist. Doch nach­dem Matteo die Packung Eier flie­gen lässt, erüb­rigt sich auch schon die Frage um das gekochte oder gerührte Ei. 

Wir leben auf engs­tem Raum zusam­men mit einem Baby, das gerade Laufen lernt, während es drau­ßen schneit.
 

22. Mai

Es wird schlag­ar­tig dunkel. Eine dunkel­blaue Masse, ja schon fast schwarz, rollt auf uns zu. Gerade noch nur in der Ferne sicht­bar, steht sie nun direkt vor uns. Wir schauen uns gegen­sei­tig ins Gesicht. Im nächs­ten Moment peitscht sie uns aus. 

Der Sturm lässt grüßen.

Wir ziehen die Tür vom Dicken zu und warten ab, was passiert. 

Es wackelt mäch­tig. Murmel­große Hagel­kör­ner schla­gen im Trom­mel­wir­bel auf das Schlaf­dach. Der Wind reißt immer und immer wieder am Dach, als wolle er die Konstruk­tion testen.
Ein mulmi­ges Gefühl über­kommt uns. Ein Blick nach oben: Unse­rem Klei­nen geht es bestens! Er hält gerade seelen­ru­hig seinen Mittags­schlaf unter’m Dach, während der Sturm über die Küste rollt.

Wehen­ar­tig spielt das Wetter verrückt. Immer wieder zieht ein kräf­ti­ger Regen­schauer vom Meer herüber.

Wir sitzen mal wieder im Bus fest. Wir woll­ten bei gutem Wetter die Küsten­straße erkun­den. Doch jetzt müssen wir die Zeit totschla­gen. Spie­len, essen, spie­len und essen… „Morgen soll das Wetter besser werden, dann können wir weiter fahren.“, verkünde ich – so zeigt zumin­dest die Wetter-App. Es ist jetzt 13.00 Uhr. Zeit für ein Mittag­essen.

Nachts fragen wir uns erneut: Ist es eine gute Entschei­dung, so nah an der Küste zu parken? Viel­leicht hätten wir doch lieber den Platz etwas weiter oben wählen sollen?

Matteo schläft seit 20 Uhr tief und fest. Wir können an Schlaf nicht denken. Es kommt uns vor, als würde der Dicke im nächs­ten Moment vom Wind umge­wor­fen werden. Dann schießt mir wieder dieser Gedanke durch den Kopf:

Was, wenn das Dach plötz­lich abreißt?“ 

Wir bekom­men kein Auge zu. Die schlimms­ten Szena­rien spie­len sich in unse­ren Köpfen ab. Die 3 Grad Celsius fühlen sich an wie -10 und der Wind ist brutal.
Kurzer­hand entschließe ich mich im unte­ren Bereich die Rück­bank umzu­klap­pen und das Dach einzu­zie­hen. Renate nimmt das Kind fest in den Arm: „Falls wir wegflie­gen, dann zumin­dest gemein­sam.“

Unten zu schla­fen scheint schwie­ri­ger zu sein, als gedacht. Wohin mit all den Kisten und Sachen? Raus in den Sturm?

Also verwerfe ich den Gedan­ken schnell wieder und klet­tere zurück ins Schlaf­dach, welches immer noch vom Wind durch­ge­schüt­telt wird. “Wir blei­ben oben!”, flüs­tere ich Renate rüber. Also Augen zu und durch.

 

* * *

Drittes Kapitel

Auf kurzen Beinen

In Norwe­gen genieße ich ein Privi­leg: ich habe Zeit für mich und meine Fami­lie. Ich kann meinem Sohn beim Wach­sen zuse­hen. Dank der Eltern­zeit.

Wir kehren von einer Wande­rung zum Auto zurück. Während Renate das Auto aufschließt und sich aus ihren Wander­schu­hen befreit, setze ich Ruck­sack­trage samt Baby ab. Der kleine Pupser freut sich auf seine Frei­heit und kreischt vor Freude. Aber die Kraxe liebt er auch. Nach­dem ich ihn mit ein paar weni­gen geüb­ten Hand­grif­fen heraus­ge­holt habe, stelle ich Matteo auf seinen Beinen ab. Irgend­was ist anders, denke ich mir und zähle inner­lich mit.
Eine Sekunde, zweite Sekunde, dritte…. Er bemerkt meine Aufre­gung und lässt sich verun­si­chert rück­wärts auf seinen gepols­ter­ten Po fallen. 

Hast du das gese­hen?“, rufe ich eupho­risch. „Er stand mindes­tens eine Minute lang selbst­stän­dig!“ Renate kann es nicht so wirk­lich glau­ben. Ich beteure, dass es wirk­lich eine geschla­gene Minute war. Es fühlte sich zumin­dest so an! Es war ein Moment, der mich inner­lich zum glück­lichs­ten und stol­zes­ten Papa der Welt gemacht hat. 

Oft wird uns die Frage gestellt: Was macht ihr eigent­lich den ganzen Tag lang, wenn ihr unter­wegs seid? Ganz einfach: Unter­wegs sein. Der Kleine berei­tet uns im Alltag immer wieder Freude. Unsere Tage sind ganz einfach orga­ni­siert. Früh aufste­hen, früh­stü­cken, waschen und anschlie­ßend unter­wegs sein, bis es abends irgend­wann an der Zeit ist, einen schö­nen Schlaf­platz zu finden. Damit tut Norwe­gen sich nicht schwer – ein Traum­schlaf­platz kommt auf den nächs­ten.

* * *

Viertes Kapitel

Das Ziel aller Ziele

An diesem Morgen brau­chen wir keinen Wecker. Die Sonne strei­chelt leise das Schlaf­dach und die Fami­lie darun­ter beginnt lang­sam zu schwit­zen. Nix wie raus! Uns erwar­tet ein aufre­gen­der Tag!

Wir früh­stü­cken auf der Pick­nick­de­cke und waschen anschlie­ßend im Fluss den Schlaf aus den Augen. Heute haben wir ein Ziel: Das Nord­kap! Euro­pas nörd­lichs­ter befahr­ba­rer Punkt. Gute 3000 Kilo­me­ter, die uns dort von zu Hause tren­nen.

Auf der Stre­cke legen wir wie gewohnt eine kurze Rast ein. Es öffnet sich die Tür des Dicken und Matteo zeigt mit seinem klei­nen Mittel­fin­ger in die Ferne. Es wäre lang­sam an der Zeit zu lernen, dass er den Zeige­fin­ger benutzt, denke ich. Doch in diesem Moment ist alles egal. Der Windel­pup­ser dreht durch vor Glück. Er hat eine grasende Rentier­herde entdeckt. 

Das Nordkap

Endsta­tion. Ich quat­sche mit dem Typen im Pfört­ner­häus­chen. Hinter der Schranke versteckt sich der eiserne Globus auf einer massi­ven Anhöhe, umman­telt von einer dich­ten Wolke. Ein Globus, den zu sehen 30 € pro Person verlangt wird. Babys kosten­los. „Vielen lieben Dank!“, winke ich freund­lich ab. Und kehre zum Dicken zurück. Leider ist die Pforte 24 Stun­den lang besetzt und man kommt nicht für einen kurzen Augen­blick kosten­güns­tig durch. Und dabei ist das noch nicht einmal der nörd­lichste Punkt. Eine frisch geteerte breite Straße, die in einer Sack­gasse endet. Und irgend­je­mand hat irgend­wann mal fest­ge­legt, dass dies nun der nörd­lichste Punkt Euro­pas sei. 

Es gibt aber das wahre Nord­kap! Und dieses verlangt eini­ges ab. 

7 Kilo­me­ter vom falschen Nord­kap entfernt errei­chen wir den Park­platz.

Die Uhr zeigt 16 Uhr und die Sonne hat sich schon längst versteckt. Die Taschen sind gepackt, wir sind warm ange­zo­gen und voller Moti­va­tion! Von den aufzie­hen­den tief hängen­den Wolken lassen wir uns nicht beein­dru­cken. Eine alte Info­ta­fel auf dem Park­platz weist auf eine 18 Kilo­me­ter lange Stre­cke hin. Schaf­fen wir schon!
 
 
Das_Ziel_aller_Ziele
 
 
Matteo muss eigent­lich schla­fen, doch er gibt keine Ruhe, als würde er eine gewisse Vorah­nung haben. Erst nach ‘ner ordent­li­chen Portion Snacks und Kinder­lie­dern in Dauer­schleife schließt er seine Äuglein, sanft in der Kraxe hin und herschau­kelnd. Wir haben ein Vier­tel der Stre­cke geschafft. Das leich­teste Vier­tel.

Eupho­risch laufen wir weiter, drehen Videos, machen Fotos, freuen uns auf das Ziel aller Ziele. 2100 km weiter nörd­lich ist schon der Nord­pol. Fast zum Grei­fen nahe. Nach zwei­ein­halb Stun­den Fußmarsch sehen wir das offene Meer vor uns. „Da geht’s nicht mehr weiter, das muss es sein!“, denken wir naiv. Der Weg nimmt kein Ende. Es wird immer frischer. 

Zu unse­rer Rech­ten sehen wir die Schiefer-Klippen aus dem Meer ragen, umschlun­gen von einer dich­ten Wolke. Doch wo versteckt sich das echte Nord­kap? Die Kälte durch­dringt lang­sam unsere Klei­dung. Umdre­hen oder weiter? In der felsi­gen Einöde ist weit und breit niemand zu sehen, der uns die Entschei­dung abneh­men könnte.
 
 
Triste_Landschaft
 
 
Der Kleine schläft immer noch und unser Stolz über­nimmt die Entschei­dung. Wir wandern noch eine volle Stunde entlang der rauen und felsi­gen Küste in Rich­tung Norden. Ein eisi­ger Wind weht uns entge­gen.

Dann endlich, der lang­ersehnte, nörd­lichste Punkt.Was für ein Moment! Wir stehen tatsäch­lich am nörd­lichs­ten Punkt Euro­pas und schmie­den Pläne, wann man denn mal den südlichs­ten Punkt Euro­pas berei­sen könnte. Wir freuen uns, machen Faxen, tanzen, krei­schen eupho­risch. Wir haben es geschafft! Zu eupho­risch. Das Baby wird wach. Ups. Noch ist er gut gelaunt, doch aus Erfah­rung wissen wir: Das ändert sich bei Hunger und Kälte schlag­ar­tig. Also nichts wie los! Wir müssen den Rück­weg antre­ten!

Im Schweins­ga­lopp geht es zurück. Das Baby freut sich. Immer, wenn es in der Trage rappelt, bedeu­tet das Action!

Der Papa lobt das Kind in den höchs­ten Tönen. Darauf­hin ist alles vorbei: Little Bigfoot kräht aus voller Kehle. Pause! Raus mit dem Klei­nen, Körper­wärme, Kekse, Wasser, Warm­ku­scheln. Die Wangen sind rot, die Händ­chen und Füße trotz Wolle eiskalt. Wir bekom­men ein schlech­tes Gewis­sen.

Trotz Gebrüll geht es zurück in die Kraxe und nichts wie in Rich­tung Park­platz. Eine dicke Suppe tief hängen­der Wolken ziehen auf. Nun hat sie auch uns dicht umschlun­gen.

Wir orien­tie­ren uns an den Stein­hau­fen, die Wande­rer mit der Zeit errich­te­ten.

Liebe Leser, ihr ahnt es schon: Wir sind dort ange­kom­men, wo diese Geschichte begann. Bei den blau ange­lau­fe­nen Lippen, den rotge­wein­ten Augen und all den verdamm­ten Hügeln, die niemals den Bick frei­ge­ben wollen auf unser Ziel. Den Park­platz mit unse­rem Zuhause. Haben wir uns verirrt? 

Wie konn­ten wir nur! Der geteerte Platz und die Gesell­schaft ande­rer Touris­ten hätten es auch getan! 

60 Euro!? Was sind schon 60 Euro?

Dann endlich: Unser Dicker! Gute 500 Meter tren­nen uns von ihm. „Wir sind gleich da!“, so spre­chen wir uns Mut zu. Vor Erschöp­fung ist der Kleine einge­schla­fen.
Wir fahren los, ziehen den Kurzen aus – Körper­wärme, Wärme­fla­sche, Kuscheln, Küssen. Wir kommen fast um vor schlech­tem Gewis­sen. Eine abso­lute Ausnah­me­si­tua­tion für alle. Das Ther­mo­me­ter zeigt 5 Grad Celsius an. 

Das erste Mal fühlen wir uns von Sätzen wie „Denkt ihr wirk­lich, dass ihr das mit dem Baby machen könnt?“ und „Ganz schön mutig, oder gar verant­wor­tungs­los!“ einge­holt. Heute Abend wird auf das Nord­kap nicht mit Cham­pa­gner oder ähnli­chem ange­sto­ßen, wie es die Tradi­tion verlangt. Wir halten einan­der einfach im Arm und weinen vor Glück. Wir haben es geschafft. Hätte auch anders enden können. Nach­denk­lich und körper­lich total am Ende fallen wir in einen unru­hi­gen Schlaf.
 
 
Nebel
 
 
Am nächs­ten Morgen weckt der Kurze uns mit fröh­li­chem Geläch­ter und zieht an unse­ren Haaren und Nasen. Er scheint sich an nichts mehr zu erin­nern. Wir beob­ach­ten ihn über­vor­sich­tig, das schlechte Gewis­sen immer noch im Bauch. Nichts — er ist ganz der Alte. Nicht mal die Nase läuft!

Wir sind dank­ba­rer denn je. Bei einem star­ken Kaffee und Rührei lassen wir den gest­ri­gen Tag Revue passie­ren – unver­gess­lich!

 

* * *

Fünftes Kapitel

Happy Birthday

Das Kind wird 1 Jahr alt, und hat bereits ein Vier­tel seines Lebens mit uns im Dicken auf der Straße verbracht.