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The Travel Episodes

Shortlist: Nordkorea

Endstation

Stacheldrahtzaun, Minenwarnschilder und Soldaten in Hochwasserhosen und Sonnenbrillen. Ein Blick auf die schärfst bewachte Grenze der Welt zwischen Süd- und Nordkorea.

Von Bernadette Olderdissen

Ich fahre im Bus durch Hügellandschaften, die in der Augustsonne vor sich hin dursten. Nur die immer häufiger hoch gezogenen Stacheldrahtzäune wirken, als wären sie fälschlich ins Bild geraten, ebenso die im Abstand von wenigen Hundert Metern erscheinenden roten Schilder mit weißen Totenköpfen darauf. Die ganze Gegend soll vermint sein, und das, obwohl sich starke Regenfälle immer wieder alle Mühe geben, die Sprengladungen davon zu spülen – bis sie von irgendjemandem entdeckt werden. Dass es keine Stunde her ist, seitdem wir die letzten Wolkenkratzer und Konsumtempel im knapp 60 Kilometer entfernten Seoul hinter uns gelassen haben, kann ich kaum noch glauben. Die Handvoll Amerikaner, die mit mir über den viel zu großen Bus verteilt sitzt, blickt genau so bang nach draußen wie ich, auf jedem Gesicht die Frage, die auch durch meinen Kopf spukt: War es eine gute Idee, diese Tour zu unternehmen? Dabei sind wir privilegiert, sie überhaupt machen zu dürfen – für Südkoreaner ist dies unmöglich, und auch chinesische Staatsbürger dürfen die sogenannte DMZ, die entmilitarisierte Zone zwischen beiden Koreas, nicht problemlos besuchen.

Nach gut sechs Wochen, die ich in Seoul als Deutschlehrerin für Erwachsene gearbeitet habe, drängt es mich, der Tretmühle der rasenden Entwicklungen und mir vorgegaukelten, heilen Welt zu entfliehen. Ich möchte meinen Finger zumindest für einen Tag auf den wunden Punkt legen, den ich mit einem Südkoreaner nicht einmal erörtern kann, ohne dass dieser steif lächelt, rot anläuft, zu stottern beginnt oder in Tränen ausbricht. „Was denkst du über Nordkorea?“, habe ich in den Unterrichtspausen immer wieder einen Versuchsballon gestartet, während meine Schüler, meist junge, hochgebildete Studenten in den Zwanzigern, mit ihren Gimbap-Röllchen neben mir auf dem Lounge-Sofa Platz nahmen. Eun-Ji, eine meiner eifrigsten Deutschschülerinnen, sah mich daraufhin so verstört an, als hätte sie einen Gwisin, den gefürchteten Geist eines Verstorbenen, der auf der Welt noch ein paar Rechnungen offen hat, gesehen. Su gefror das Lächeln und sie schlug mir augenblicklich vor, mich nach dem Kurs auf einen Shopping-Trip zu begleiten. So oder ähnlich verhielt es sich mit vielen weiteren Schülern, mit einheimischen Kollegen und anderen koreanischen Bekannten. Nur mit Joohyun nicht, einer Schülerin, die sich schon im Unterricht als besonders sensibel herausgestellt hatte. Ihre Augen wurden wässrig. „Ich mag gar nicht daran denken“, gestand sie mir im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand, den wachsamen Blick auf die Mitschüler gerichtet. „Wir haben Familie im Norden, ich kann mir nicht vorstellen, wie sie leben. Aber weißt du, was das Schlimmste ist?“ Ich wusste es nicht. Joohyun schluckte gegen die Tränen an, bevor sie es mir sagte: „Die meisten Südkoreaner hätten lieber, dass die Grenze zu Nordkorea noch höher gezogen würde, als dass sie fiele.“ Warum? Die Antwort liegt auf der Hand: Südkorea hat sich in den letzten Jahrzehnten Reichtum erwirtschaftet – der Lebensstandard und Wohlstand in Seoul sind der eines Industriestaates. „Wenn wir den Norden aufmachen würden, der gut 60 Jahre hinter unserer Entwicklung zurückgeblieben ist, wäre das eine Katastrophe für die südkoreanische Wirtschaft“, schloss Joohyun, während Tränen ihre Wangen hinabrollten.

Zwei Tage später folgte die Überraschung in einer überfüllten U-Bahn: Ein mindestens Sechzigjähriger tippte mir von unten auf die Schulter, um in gebrochenem Englisch zu fragen, ob ich Amerikanerin sei. Dies ist für Koreaner aufgrund der großen Anzahl an amerikanischen Englischlehrern im Land naheliegend. Als ich mich als Deutsche outete, begannen seine Augen zu strahlen. „Ihr wie wir“, rief er so laut, dass Mitreisende ihn verstört ansahen. Zunächst verstand ich nicht. Er schlug mir gegen den Arm. „Zwei Deutschland, Ost und West“, versuchte er es erneut. Nun ging mir ein Licht auf – er wollte die Situation des getrennten Korea mit unserer ehemaligen BRD und DDR vergleichen. Ich lächelte ihn an, wenig überzeugt.

„Ihr habt geschafft, wir können auch“, äußerte er im Brustton der Überzeugung, bevor er an der nächsten Haltestelle von der Masse nach draußen geschoben wurde.

Klamotten-, Verhaltens- und andere Regeln

Keiner meiner Schüler weiß, dass ich die DMZ-Tour seit Tagen plane – und dass meine Teilnahme daran beinahe an der bescheidenen und hochsommerlichen Kleiderausbeute in meinem Koffer gescheitert wäre. Die Fahrt wird von der USO organisiert, der United Service Organization, die in erster Linie Mitarbeiter des US-Militärs und deren Familien in Ländern unterstützt, wo die US-Armee noch besonders aktiv ist. Erster Punkt in der endlos erscheinenden Litanei von Regeln: was man beim DMZ-Besuch alles nicht tragen darf. Keine ärmellosen Shirts oder Tops. Keine Shirts oder Tops mit verdächtiger Aufschrift. Keine kurzen Hosen oder Röcke. Keine Kleidung großer Varietät, was immer das auch bedeutet. Keine Uniformen oder Sportkleidung wie Trainingshosen. Keine Badelatschen oder Flipflops, keine Sandalen oder offenen Schuhe. Keine Militärkleidung. Keine übergroße Kleidung wie weite und lange Hosen, Sweatshirts oder Lederwesten. Warum all das? Im Bus bekommen wir die Antwort: Weil die armen Soldaten aus dem Norden noch nie solch sonderbare westliche Kleidung gesehen haben und einen Kulturschock davontragen könnten. Alles klar. Mit Dreiviertelhose, Shirt bis zu den Ellenbogen und Turnschuhen schwitze ich bei etwa 35 Grad im Bus und bete, dass nicht doch irgendetwas an dem Outfit zu bemängeln ist.

Je seltener andere Fahrzeuge werden und je zahlreicher die Stacheldrahtzäune, desto näher fühle ich mich Nordkorea. Wir halten vor einem amerikanischen Camp an der Grenze zur DMZ, wo ein etwa 1,90 Meter großer, breitschultriger amerikanischer Soldat, der aussieht, als würde er jeden von uns am liebsten zerstampfen, zu uns in den Bus steigt. Der MP – Militärpolizei – Offizier heißt Lundgren, wie der auf seine Uniform gestickte Name verrät. Er geht durch die Reihe und wirft einen finsteren Blick in jeden Pass. „Kameras sind nur erlaubt, wenn ich es sage“, bellt er, „ansonsten werde ich sie beschlagnahmen.“ Die Amerikaner und ich sinken plötzlich tiefer in unsere Sitze. Am liebsten würde ich gar nicht mehr aussteigen, sondern gleich zurückfahren in eine der klimatisierten Malls mit dem unendlich überflüssigen Konsumangebot in Seoul, aber zu spät. Wir werden aus dem Bus gescheucht und zum Thema koreanische Geschichte gebrieft, lernen, dass die DMZ 1953 nach dem Koreakrieg eingerichtet wurde und sich auf 248 Kilometern quer durch die koreanische Halbinsel frisst. Ihre Breite beträgt nur vier Kilometer, wovon zwei dem Süden gehören, zwei dem Norden. Getrennt wurde Korea allerdings schon nach Japans Kapitulation 1945 im Zweiten Weltkrieg: Nördlich des 38. Breitengrades besetzte die Sowjetunion Korea, südlich davon die USA.

Um tiefer in die DMZ hineinzufahren, bis nach Panmunjeom, einem Dorf, das während des Koreakrieges zerstört und in die JSA (Joint Security Area zwischen Nord und Süd) verwandelt wurde, werden wir in einen Bus des US-Militärs verschifft. Außer unseren Kameras dürfen wir rein gar nichts mitnehmen. Auch keine Wasserflasche? „Nein!”, brüllt mich Lundgren an, dass mir die Haare zu Berge stehen. Ich verstecke mich hinter einer amerikanischen Mitreisenden, die zwar nicht größer ist als ich, dafür aber doppelt so breit. „Wenn ihr mit Rucksäcken oder Taschen rumlauft, denken die Nordkoreaner, ihr habt Waffen dabei und schießen auf euch“, fügt er etwas versöhnlicher hinzu.

Eine halbe Minute auf nordkoreanischem Boden

Wir erreichen ein Gebäude mit dem erstaunlichen Namen ‚Freedom building‘ und werden hindurchgehetzt, als säße uns Kim Jong-un persönlich im Nacken. Auf einmal stehen wir wieder draußen, gegenüber einem grauen Klotzgebäude etwa 20 Meter entfernt – die nordkoreanische Version des ‚Freedom building‘, wie uns Lundgren erklärt. Genau zwischen diesen beiden Gebäuden der großen Freiheit thronen drei himmelblaue Hütten, in denen Verhandlungen zwischen beiden Staaten stattgefunden haben. Durch diese Hütten verläuft die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Wir dürfen hineingehen. Sobald wir eine unsichtbare Linie in der Mitte überqueren, ruft Lundgren stolz in die Runde: „Jetzt seid ihr im kommunistischen Norden!“ Begleitet werden wir von südkoreanischen Soldaten – würden wir von Norden kommen, wären es nordkoreanische.

Diese südkoreanischen Soldaten tragen dunkelgrüne Hochwasserhosen, topfartige schwarze Helme mit koreanischen Schriftzeichen darauf und haben die Hände an den leicht angewinkelten Armen zu Fäusten geballt, als wollten sie jedem, der ihnen zu nahe kommt, eins reinschlagen. Den Gesichtern nach sind sie kaum älter als 15, doch ihre Augen werden von pechschwarzen Sonnenbrillen verdeckt. Wieso das, wage ich Lundgren zu fragen und ducke mich gleich vor dem nächsten Speichelregen weg. „Damit der Feind ihnen nicht in die Augen sehen kann!“, blafft er mich an. Ich stehe in sicherem Abstand zu einem dieser Soldaten, der mir nicht einmal bis ans Kinn reicht, und kämpfe gegen das Lachen an, das sich meine Kehle hocharbeiten will. Die hier bewachen die Grenze zwischen den verfeindeten Koreas? Diese Typen in Hochwasserhosen, mit umgedrehtem Pott auf dem Kopf und Sonnenbrille sorgen dafür, dass der Feind nicht in den wohlhabenden, sorglosen Süden eindringt? Auf gut Deutsch gesagt komme ich mir irgendwie verarscht vor.
 
 
DMZ-Foto-2---Bernadette-Olderdissen
 
 
Bald marschieren wir wieder nach draußen, schön in Reih und Glied, bloß keinen Arm heben und irgendwo hinzeigen, denn das könnte als Provokation interpretiert werden. Dann dürfen wir noch eine Runde das nordkoreanische Freiheitsgebäude anstarren. Davor läuft ein Soldat des Feindeslagers auf und ab, doch immerhin hat er eine vernünftige Hose an, 60 Jahre Rückstand hin oder her. Alle paar Schritte hält er inne und setzt ein Fernglas an die Augen, genau auf uns gerichtet. Plötzlich stockt mir der Atem: Links neben dem Soldaten, im Untergeschoss des Gebäudes, sehe ich, wie sich ein winziges Fenster öffnet. Riesige Augen, die an eine überdimensionale Schmeißfliege erinnern, werden in den Schlitz geschoben – ein weiteres Fernglas. Big brother is watching you. Trotz des Unbehagens, das sich in meiner Bauchgegend breitmacht, kommt mir die Situation noch immer unwirklich vor.

Flieg, Fähnchen, flieg!

Ob Besucher während der DMZ-Tour an einem Aussichtspunkt anhalten dürfen, hängt von dem genauen Grad an Angespanntheit zwischen beiden Ländern ab. An dem Tag, an dem ich dabei bin, herrscht mal wieder Alarmstufe rot. Anstatt den besten Panoramablick von der JSA in den Norden zu erhaschen, sind wir dazu verdammt, im Bus sitzen zu bleiben. „Zu gefährlich“, lautet Lundgrens Devise. Uns bleibt nur ein Blick vom bekleckerten Busfenster auf den stolze 160 Meter hohen Fahnenmast, an dem schlaff und anscheinend bleischwer eine nordkoreanische Flagge hängt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie tatsächlich aus einer Art Blei gemacht ist – aus so schwerem, unzerstörbarem Material, dass sie nur ein Orkan zum Wehen bringt. Irgendwie symbolisch, denke ich mir, nach allem, was ich über die Führung des nordkoreanischen Staates gelesen habe. Neben dem Mast, so Lundgren, steht das nordkoreanische Propagandagebäude, von wo zeitweise Parolen über die Grenze strömen. In dem Moment, als wir vorbeifahren, macht sich nur hartnäckiges Schweigen breit.

Gegenüber der nordkoreanischen Flagge, auf südlichem Terrain, steht ein ähnlicher, jedoch ganze 60 Meter kürzerer Fahnenmast – allerdings schwingt die koreanische Fahne fröhlich in der leichten Brise. Direkt bei dem Mast haben die Südkoreaner das sogenannte ‚Freedom village‘, Friedensdorf, errichtet, wo einige wenige Menschen, frühere Bewohner des zerstörten Panmunjeom oder ihre direkten Nachkommen, Fuß fassen durften. Die Regierung schenkte ihnen die Häuser und sie müssen nicht einmal Steuern bezahlen, noch dazu ist ihnen die große Freiheit vergönnt, täglich Stacheldrahtzaun zu bewundern und sich von nordkoreanischen Propagandameldungen berieseln zu lassen. Wer würde da nicht zuschlagen!

Begrenzte Aussicht

Anstelle der Aussichtsplattform ist unser nächster Halt der dritte Infiltrationstunnel – einer von vielen, den die Nordkoreaner vor Jahrzehnten gruben, um sich in den Süden einzuschleichen. Der dritte stammt aus dem Jahre 1978, und Besucher genießen nun das Privileg, ihn hinabsteigen zu dürfen. Der Tunnel ist so niedrig, dass man nur gebückt hineinkriechen kann und auch den Rest des Weges so weitergehen muss. Nichts für schwache Rücken. Als Belohnung gibt es am Ende des Tunnels – Überraschung – Stacheldrahtzaun, der eine Eisentür verschanzt. Fehlt nur noch das Schild ‚Welcome to North Korea‘ darauf.

Auf den krummen Rücken und manch angeschlagenen Kopf folgt der Augenschmaus: Ein relativ sicheres, auch an diesem Tag nicht zu gefährliches Observatorium, von wo wir tatsächlich hinüber in den Norden blicken können. Mein Herz rast vor Aufregung, meine Kameralinse fährt aus. “Nichts da!” Lundgren baut sich bedrohlich vor mir auf und schickt mich zurück hinter eine fette gelbe Linie in einem Abstand von etwa fünf Metern zur Brüstung des Observatoriums. Von dort darf ich fotografieren, die Kamera sogar hochhalten und den Zoom ausfahren – und doch habe ich am Ende mehr ausladende Hinterteile meiner Mitreisenden auf den Bildern als nordkoreanische Wildnis. Wieso das Ganze? Laut Lundgren sind die Nordkoreaner alles andere als scharf darauf, dass Touristen ihre Angelegenheiten heranzoomen und in der Welt verteilen. Ich wage die Frage, warum die Südkoreaner dies unterstützen und die Kameras der Besucher konfiszieren – im Grunde kann es ihnen doch egal sein, was Reisende über den Norden verbreiten. Lundgren bleibt mir eine Antwort schuldig. Allerdings ist es beim Observatorium erlaubt, sich Nordkorea mit Hilfe von Ferngläsern ganz nah vor Augen zu führen, wie es zuvor die nordkoreanischen Soldaten mit uns getan haben.

Schon vor meinem nackten Auge entfaltet sich majestätisch die Berglandschaft, durch die ein Fluss plätschert. Von hier ist die Grenze, die diese Landschaft entzweireißt, nicht einmal sichtbar. Mein erster Gedanke ist, wie idiotisch Menschen doch sein können mit ihrer abstrusen Grenzziehung und ihrem ständigen Freund-oder-Feind-Spiel. Ich fühle mich bei dem Anblick dieser Landschaft genauso traurig wie vor Jahren in Litauen, als ich an der Kurischen Nehrung durch rollende Dünen spazierte – bis ich irgendwo in den Sandmassen auf Stacheldrahtzaun traf, vor dem russische Soldaten an der Grenze nach Kaliningrad patrouillierten und Panzerfahrzeuge auf und ab fuhren. Hier ging es ohne russisches Visum nicht weiter. Leider geht es durch die vor mir liegende Berglandschaft nicht einmal mit Visum weiter nach Nordkorea. Hier geht gar nichts. Um nach Nordkorea zu gelangen, müsste selbst ein Ausländer den riesigen Umweg über China in Kauf nehmen, und das auch erst nach endlosen Anmeldungen und Betteln, um in Nordkorea wenige Tage unter schärfster Kontrolle all das sehen zu dürfen, was die Regierung für zeigenswert hält. Und wofür sie sich fürstlich bezahlen lässt.

Ich muss noch einmal an die sensible Joohyun denken, an ihre Tränen für die verlorene Familie in Nordkorea, und an den alten Mann in der U-Bahn, der dank der deutschen Geschichte auch Hoffnung für Korea hegt. Hier, inmitten der Natur, trennen Stacheldraht, Minen sowie schussbereite Waffen Menschen mit denselben Wurzeln, derselben Sprache und oft desselben Blutes. Und ich hatte gedacht, die Hochwasserhosen-Soldaten wären an Absurdität mit nichts zu überbieten! Ich setze das Fernglas an die Augen. Was ich zu sehen glaube oder hoffe, weiß ich selbst nicht. Ich erspähe verstreute Gebäude, von denen alle verwahrlost und leer wirken. In dieser Zone kann niemand mehr leben – zumindest kein Mensch. Denn die einzig gute Nachricht ist, dass sich die Tierwelt sowie Flora und Fauna die Dummheit des Menschen zunutze gemacht und sich in den vergangenen Jahrzehnten in der DMZ angesiedelt haben – den Erzählungen nach sogar mancher Tiger.

Endstation

Endstation unserer Tour ist der Bahnhof Dorasan, der 2002 entstand, als die Koreaner auf einmal einen großen Schritt in Richtung Wiedervereinigung unternahmen. Voller naiver Hoffnung und Vorfreude wurde eine Eisenbahnstrecke nach Nordkorea verlegt, die bis nach Pjöngjang und sogar weiter führen sollte. Selbst die Vorstellung, dass hier eines Tages die Transsibirische Eisenbahn auf der Strecke von London durch Russland und Nordkorea bis nach Südkorea rollen würde, spukte in den Köpfen der Wiedervereinigungsenthusiasten herum. Diese Visionen schmücken auf Postern die Wände des ansonsten leeren Bahnhofs. Dabei wäre er von jetzt auf gleich einsatzfähig. Das größte Plakat, auf dem Schienen zu sehen sind, die auf den Horizont zuhalten, trägt die Aufschrift: Nicht die letzte Station von Süden, aber die erste Station nach Norden.

Die Frage, wie viele Menschen in Südkorea sich wie Joohyun und der Mann aus der U-Bahn wirklich wünschen, dass sich dieser Traum bewahrheitet, geht mir nicht aus dem Kopf. Nach den Reaktionen meiner übrigen Schüler, Koreas neuer Generation, und vielen anderen Einheimischen, die ich mit meinem Interesse an dem Thema verstört habe, kommen mir Zweifel. Es macht mich traurig zu sehen, wie besessen die meisten von dem Problem sind, ob sie den neuesten Mercedes oder doch lieber einen heimischen KIA kaufen sollten. Ob die soeben erstandene Creme die Haut auch weiß genug tönt, oder ob man doch das teurere Produkt nehmen sollte. Und dass um genau dieses Konsumdenken ebenso hoher Stacheldrahtzaun gezogen ist wie an der nur 60 Kilometer entfernten Grenze mit Nordkorea. Mein Eindruck ist, dass die verhungernden Verwandten da oben aus den Köpfen ausgesperrt werden sollen – in der Hoffnung, dass sie brav dort bleiben, wo sie ihren berechtigten Anteil am Reichtum des Südens nicht geltend machen können. Aber war es damals mit der DDR nicht ganz ähnlich? Hatten nicht viele Westler ebenso große Angst vor der Öffnung der Grenze? Und das, obwohl die Trennung Deutschlands weitaus nicht so lange gedauert hat und so extrem war wie die der beiden Koreas. Die erste Station Richtung Norden erscheint mir an diesem Tag weiter entfernt als jemals zuvor, obwohl ich genau davorstehe.

Heute, wenige Jahre nach meinem Südkoreabesuch und der DMZ, wird die Zahl nordkoreanischer Flüchtlinge in Südkorea, die zum Teil spektakuläre Fluchten durch China und Südostasien hinter sich haben, immer größer. Berichte der Fliehenden tauchen auf, werden manches Mal sogar im südkoreanischen Fernsehen in Form von bildhübschen jungen Frauen vermarktet, die über dramatische Fluchten aus dem Norden erzählen. Mittlerweile verbreitet das Thema seinen unausweichlichen Geruch wie Kimchi, durch Milchsäuregärung zubereiteter Kohl, im Kühlschrank. Ich frage mich, was meine ehemaligen Schüler dazu sagen. Ob sie es langsam schaffen, sich mit dem Thema ‚Norden‘ auseinanderzusetzen, wenn auch nur so oberflächlich wie ich, als ich an einem Augusttag über amerikanische Hintern hinweg in den Norden starrte. In jenen Norden, in den noch immer kein Zug fährt. Wird er eines Tages fahren, wenn sich Südkorea und seine auf Wirtschaftsboom setzende Politik mit einer wachsenden Anzahl an Nordkoreanern konfrontiert sieht? Ich weiß es nicht, nähre aber gemeinsam mit Menschen wie Joohyun und dem alten Mann aus der U-Bahn die Hoffnung, dass das Land mit kleinen Schritten auf den Norden zugehen wird. Und der Norden eines Tages wieder auf den Süden. Immerhin ist es auch den Deutschen gelungen, Zäune, Mauern und Gräben selbst in ihren Köpfen weitgehend zu überwinden. Ich verlasse Korea in dem Gefühl, viel gelernt zu haben. Über Begrenzungen von Ländern und Menschen, über Hoffnungen und Ängste. Und zum ersten Mal bin ich auch ein klein wenig stolz auf Deutschland.
 
 
Autorenfoto-Bernadette-Olderdissen
 
 
Bernadette Olderdissen arbeitet und lebt, um zu reisen. Als Deutschlehrerin für das Goethe-Institut war sie in Italien, Südkorea und Frankreich tätig und nutzt jede freie Woche dazu, andere Länder zu erkunden. Diese Erfahrungen hält sie in Reisereportagen und Romanen fest – seit 2015 in ihrer Globetrotter-Krimi-Serie, bei der jeder Band in einem anderen Land spielt und zeigt, was das Reisen lehrt: Dass sich letzten Endes die Menschen überall auf der Welt ganz schön ähnlich sind. bernadette-olderdissen.org

 

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  • Fabian Balles on 6. August 2016

    Hallo zusammen,

    zufällig bekam ich die letzten Travel Episodes in die Hand, und darin stehen genau meine Geschichten! ;-)
    Nun frage ich mich natürlich, ob ich nicht auch noch eine Geschichte beitragen kann, evtl. für eine übernächste Ausgabe, falls so etwas geplant ist, oder einfach für den Blog. Ich könnte eine relativ lange Story anbieten über eine Zugfahrt von Deutschland nach Nordkorea, oder eine etwas kürzere Fassung ausschließlich über die verrückten drei Tage am Ziel… die Geschichten sind eigentlich fertig, nur Mutimedia gibt’s (noch) nicht, naja ein paar coole Fotos halt.

    Würde mich sehr freuen, wenn ihr Interesse habt!
    Viele Grüße,
    Fabian

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