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The Travel Episodes

Südsee

Auf der Rückseite des Globus

Daniel Rössler durchquert den Pazifik, um dort das Fremde zu suchen. Findet er es? Eine Spurensuche durch den flüssigen Kontinent.

Wenn du nach Fidschi fliegst, dann ahnst du, dass du dich nach und nach an den Rand der Welt bewegst. Dorthin, wo alles hinter dir liegt und vor dir nur noch ein paar Inseln und der nächste Sonnenaufgang. Dorthin, wo die Zeit aufhört. Oder wo sie beginnt. Je nachdem, wie du es sehen willst. Ich persönlich sehe das eher entspannt, meine Meinung zu Fragen der Datumsgrenze ist nicht sehr ausgeprägt. Ich weiß, dass man dort als Erster den Tagesanbruch erleben, Silvester feiern und den Countdown zu einem neuen Jahrtausend runterzählen kann, aber wie oft kommt so was schon vor? Nicht oft genug jedenfalls, um sich deshalb gleich eine eigene Meinung bilden zu müssen, und schon gar nicht, um sich deshalb zu streiten. Mein Sitznachbar sieht das ein wenig anders.

„Wir waren die Ersten!“ sagt Salesi und schnaubt durch die Nase.

„In Fidschi geht die Sonne weltweit als Erstes auf, und deshalb gab es bei uns auch den ersten Sonnenaufgang des Millenniums.“ Ich erinnere mich vage an diesen seltsamen Streit. „War das nicht in Kiribati?“ Schnauben. „Oder Tonga?“ Lautes Schnauben. Ich entschließe mich, den Mund zu halten, mir fallen ohnehin keine weiteren Namen für pazifische Zwerg-Staaten ein. Der Kampf um den ersten Sonnenaufgang war jedenfalls schmutzig: Zeitzonen wurden verschoben, neue Sommerzeiten eingeführt, Tourismusprospekte gedruckt. Ein Kampf mit allen Mitteln. Der Sonne war es aber schließlich ziemlich egal, die scherte sich nicht um Hochglanzbroschüren und geographische Gutachten und ging am ersten Januar auf wie immer. Salesi scheint es mittlerweile auch egal zu sein. Die Stewardess hat das Essen gebracht und ein Bier, beides lässt er sich hörbar schmecken und schnaubt nicht mehr.

Ich schaue aus dem Fenster und weiß nicht, worüber ich mich mehr wundern soll: Über Grenzen und den Ärger, den sie selbst dort verursachen, wo man sie nicht sehen kann? Über die Geschwindigkeit, mit der Salesi gerade sein zweites Bier austrinkt? Oder über die endlosen Wassermassen, die unter uns liegen wie eine flüssige Wüste? Seit Stunden blicke ich nach draußen und hoffe jedesmal, etwas zu erblicken, dass nicht blau ist und Pazifik heißt. Aber da ist nichts anderes, seit einem halben Tag nicht. Alles blau, alles Pazifik, so weit das Auge reicht. Ich weiß, ich weiß – wenn man in eine Gegend reist, die unmissverständliche und vor Feuchtigkeit triefende Namen trägt wie „Ozeanien“ oder „Südsee“, sollte man ein bisschen Wasser schon aushalten können. Versuche ich ja. Aber 714 Millionen Kubikkilometer sind ziemlich viel.
 
 

 
 
Ich komme aus einem alpinen Binnenstaat, die größte zusammenhängende Wassermasse in meiner näheren Umgebung ist ein öffentliches Schwimmbad mit 1,80 Beckentiefe und Badeschluss um 17:00 Uhr. Und jetzt befinde ich mich inmitten eines Ortes, der flüssig ist und nichts als flüssig, in dem Wasser regiert und Land im besten Fall geduldet ist. Einem Ort, der auf den meisten Weltkarten ganz rechts oben und auf einigen gar nicht mehr eingezeichnet ist. Einem Ort, der auf so ziemlich jedem Globus in so ziemlich jedem Kinderzimmer dieser Erde auf seiner abgewandten Rückseite liegt. Dort, wo man nur durch Zufall hintippt und danach Staub am Finger hat. Ich befinde mich auf maximaler Distanz zu meiner Heimat und zu allem Bekannten, und damit müsste ich jetzt eigentlich verdammt nah am Gegenpol sein: Dem Unbekannten. Dem Exotischen. Dem maximal Fremden.

Wo sollte es eher zu finden sein, als hier, auf der anderen Seite der Erdkugel?

Viel sieht man bisher nicht davon. Die Stewardessen tragen weiße Blumen im Haar, und die Männer tragen große Bäuche, das sind die einzigen Exotika, die mir bisher aufgefallen sind. Aber so ein Innenraum eines Flugzeuges eignet sich nun wirklich nicht besonders gut für ethnologische Beobachtungen. Flugzeug-Innenräume sind kulturelle Vakuumkammern, sie sehen immer gleich aus, egal, ob man über die sibirische Steppe fliegt oder den Südpazifik. Wahrscheinlich ist im Sibirien-Flug das Film-Angebot nicht so gut und das Essen schlecht, aber sonst würde man kaum einen Unterschied merken. Gut, die Wodkagläser sind vielleicht auch größer, und die Stewardessen sagen nicht „Bitte, wie kann ich Ihnen helfen?“ sondern „Njet“, wenn man auf die Taste mit dem Stewardessen-Symbol drückt. Wahrscheinlich gibt es dieses Symbol dort gar nicht. Aber das sind Spekulationen, ich war noch nie in Sibirien.

Und im Moment bin ich auch ganz froh darüber: Froh, über den pazifischen Ozean zu fliegen und nicht die russische Tundra, froh über die Taste mit dem Stewardessen-Symbol, froh über die nette Stewardess mit der schönen weißen Blume im Haar und einem kalten Fiji Bitter in der Hand. Ich trinke mein Bier und lächle beseelt auf das Meer, das sich im abendlichen Licht langsam rosarot färbt. Eine Woge der Zufriedenheit strömt durch meinen Körper, und ich ahne in diesem Moment nicht mal ansatzweise, dass ich in wenigen Wochen in einer russischen Propellermaschine über genau diesem Meer um mein Leben zittern werde. Es wird nicht rosarot sein, sondern schwarz wie der Schlund der Hölle, und es wird kein Bier geben und keine Stewardess und schon gar keine Blume in irgendeinem Haar. Aber das weiß ich jetzt alles noch nicht, und weil ich es nicht weiß, bestelle ich ein zweites Bier und freue mich weiter. Ich fliege nach Fidschi, an das Ende der Welt. Oder in ihre Mitte, je nachdem, wie man es sehen will.

 

* * *

Zweites Kapitel

Fidschi

Wieso im Paradies geputscht wird. Warum es dort nach Curry riecht. Und wie ich aus Höflichkeit Drogen nehme.

„Wir sind die Mitte, ganz klar“, sagt Vishal und dreht und dreht die Musikanlage seines Taxis lauter. Indischer Pop dröhnt aus den Boxen, die wackeligen Seitenfenster vibrieren mit dem Bass. Es ist früher Abend in Suva, wir sind zuerst am Meer entlang gefahren und bewegen uns jetzt im Schritttempo durch die engen Straßen der Hauptstadt. Draußen leuchten Reklameschilder und die bunten Hemden der Passanten, drinnen die ansteigenden Ziffern des Taxameters. Eigentlich sollte ich zu Fuß gehen – das Zentrum von Suva ist klein, mein Hotel nur wenige Minuten entfernt, der Rucksack leicht –, aber Vishal’s Musik ist einfach zu gut. Der Schmalz des Hindu-Pop trieft auch hier, inmitten des Pazifiks, und er liefert den passenden Soundtrack für dieses Land und diese Stadt. Suva ist ein Schmelztiegel, und es fühlt sich urban an und definitiv nach Zentrum. Vielleicht nicht unbedingt wie das Zentrum der Welt, dafür ist es mit seinen 160.000 Einwohnern dann doch etwas zu kein, aber zumindest wie das Zentrum des Südpazifik, und definitiv wie das Zentrum des Landes. Hier ballt sich das politische und kulturelle Leben, hier werden die Geschicke der Nation geleitet und ihrer zwei großen Haupt- und unzähligen Nebeninseln. Und hier fährt Vishal mit dem Taxi. Seit zehn Jahren schon, aber einfach ist das nicht. „Ich fahre jede Nacht, außer am Sonntag, und am Ende des Monats hab ich trotzdem nie genug Geld.“ Im Taxi riecht es nach Curry, seine Frau kocht es jeden Tag für ihn, und er isst es, während er auf die nächsten Passagiere wartet.

In Fidschi wird viel Taxi gefahren, weil die Fidschianer nicht gerne zu Fuß gehen, und es wird viel Curry gegessen, weil fast die Hälfte von ihnen indische Wurzeln hat. „Mein Urur-Großvater ist damals von Indien nach Fidschi gezogen“ erzählt Vishal, irgendwann vor oder nach 1900, so genau weiß er das nicht mehr. Zigtausend andere Inder haben dasselbe gemacht, denn auf Fidschi brauchte man dringend Plantagenarbeiter, und die britische Kolonialregierung hat Vishal’s Großvater und all die anderen einfach von einer Kolonie in die andere katapultiert. Die meisten sind geblieben, aber sie sind schon lange keine Plantagenarbeiter mehr, und Inder auch nicht. „Wir sind Indo-Fidschianer. Und das hier ist unsere Heimat!“ Er schnalzt mit der Zunge und knipst eine bunte Lichterkette an, die vorne auf dem Armaturenbrett ausgebreitet ist und jetzt wild vor sich hin blinkt. Suva sieht bei Nacht ein bisschen aus wie Vishal’s Armaturenbrett: vielfarbig, freundlich leuchtend. Aber es kann auch genau so schnell dunkel werden, wenn jemand an einem falschen Schalter knipst.
 
 

 
 
Wenn man an Fidschi denkt, dann denkt man zu allererst ans Paradies. An weiße Strände, türkises Wasser, an Palmen und an Kokosnüsse mit Strohhalmen drin. Das ist auch alles da – mein Gott, und wie es da ist! –, aber zur gleichen Zeit zählt Fidschi offiziell immer noch als Entwicklungsland. Die Wirtschaft schwächelt, die sozialen Spannungen zwischen fidschianischen Ureinwohnern, den iTaukei, und den Indo-Fidschianern schwelen vor sich hin, und die politische Lage ist labil. Viermal wurde innerhalb von zwanzig Jahren geputscht, das macht eine gestürzte Regierung alle fünf Jahre. Kein schlechter Schnitt, und eine denkbar schlechte Basis für eine funktionierende Demokratie. Beim vorletzten Coup wurden der Premierminister und seine Mitarbeiter sogar fünfundfünfzig Tage lang in Geiselhaft gehalten, im Parlamentsgebäude, mitten in der Stadt. Ich hoffe, dass ihnen damals irgendwer Curry vorbeigebracht hat. Wäre es das Curry von Vishal’s Frau gewesen, dann hätte den Gefangenen die Geiselhaft wahrscheinlich gar nicht so viel ausgemacht, und den schmerzlichen Machtverlust hätten sie ratzfatz vergessen. Das stelle ich mir jedenfalls so vor, während mir Vishal von seinem „Murgh Makani“ zu kosten gibt. Ich nehme einen ersten Bissen, dann einen zweiten, und beim dritten danke ich dem Urur-Großvater dieses Taxifahrers dafür, dass er Indien verlassen und dieses wundervolle Essen nach Fidschi mitgenommen hat.

Am nächsten Morgen laufe ich durch die Stadt, und ich stelle fest: Fidschianer sind ausgesprochen freundliche Menschen. Vielleicht muss man ihnen an bestimmten Zeiten aus dem Weg gehen – an den Tagen direkt vor einer Jahrtausendwende zum Beispiel, oder wenn nach fünf Jahren wieder mal ein Putsch ansteht –, aber während der restlichen Zeit hat man es mit äußerst friedfertigen und gemütlichen Leuten zu tun. „Bula!“ ruft die Rezeptionistin, als ich mein Hotel verlasse, „Bula!“ ruft der Straßenkehrer, der davor den Gehweg sauber macht. „Bula!“ ruft der Schuhputzer im Park, „Bula!“ der Polizist an der großen Straßenkreuzung, „Bula!“ ruft jeder zweite Passant und gegen Mittag kann ich dieses verdammte „Bula!“ nicht mehr hören. Ich glaube, ich muss essen, ich bin erschöpft und zu hungrig für diese Freundlichkeit. Ich schleppe mich durch Straßen und „Bula!“-Salven, und als ich endlich am Markt ankomme, bessert sich meine Stimmung innerhalb von Minuten. Auch die Marktfrauen schleudern „Bulas“ durch die Gegend wie Chinesen Tischtennisbälle, aber sie haben nicht nur leere Worte anzubieten, sondern auch volle Tische: Die biegen sich, unter Fischen und Hummern, unter Kochbananen und Yamswurzeln, unter Papayas und Wassermelonen, unter Dingen, die ich nicht kenne und die ich trotzdem esse, und von denen ich jetzt weiß, dass es Seegurken sind. Am Abend ist mir ein bisschen schlecht. Aber ich habe Suva gekostet, und es hat geschmeckt. Außerdem habe ich am Markt noch etwas gefunden, von dem ich schon viel gehört und dass ich ausgesprochen dringend gebraucht habe: Eine Kava-Wurzel. Eine Droge, ohne die hier gar nichts geht.

Und meine Eintrittskarte in das ländliche, traditionelle Fidschi.

 
 

Wer in ein fidschianisches Dorf kommt, der kommt nicht mit leeren Händen, und der geht nicht mit leerem Bauch. Hände und Bauch müssen voll sein mit Kava, ansonsten hat man etwas falsch gemacht. Es ist weit nach Mitternacht, ich bekomme zum zwölften Mal eine Schüssel mit brauner Flüssigkeit gereicht, und ich glaube, ich habe heute ausnahmsweise alles richtig gemacht. Das scheint mir zumindest so, aber ich kann nicht ganz ausschließen, dass die zwei Liter Drogen in meinem Körper nicht vielleicht doch ein wenig auf mein Urteilsvermögen wirken. Denn mein Urteil ist im Moment ein ziemlich gutes, und zwar über so ziemlich alles: Ich finde, dass die morgendliche Busfahrt von Suva nach…ähh..an…diesen Ort, an dem ich zwei Stunden später ausgestiegen bin, ausgesprochen schön war. Ich finde, dass der Typ, der mir im Bus eine Wander-Karte gezeichnet hat, ein Geschenk des Himmels war und künstlerisch talentiert. Ich finde, dass der Trek durch das fidschianische Hinterland reizvoll, die Landschaft umwerfend und jedes einzelne Dorf entlang des Weges faszinierend war.
 
 

 
 
Und ich finde, dass es eine verdammt gute Idee war, den Rucksack zuvor mit ausreichend Kava vollzustopfen. Denn sonst säße ich jetzt nicht hier, hätte nicht Einlass in dieses Dorf erhalten, würde nicht auf eine riesige Holzschüssel und zehn freundliche Gesichter blicken. Oder sind es nur fünf? Um mein Urteilsvermögen ist es nicht gut bestellt, dessen bin ich mir jetzt sicher, und meine Zunge ist schwer und fühlt sich taub an. Ich befinde mich definitiv in berauschtem Zustand. Aber es war verdammt kompliziert, dorthin zu kommen. Wer sich in einem fidschianischen Dorf einen Rausch antrinken will, der muss eine Menge Regeln einhalten.

Regel 1: Betritt das Dorf erst, nachdem du dem Häuptling ein Gastgeschenk gebracht und seine Erlaubnis erhalten hast.

Regel 2: Bring als Gastgeschenk Kava, ein anderes Offert als die Pfefferwurzel – entweder im Ganzen oder zu Pulver zerrieben – wird nicht akzeptiert.

Regel 3: Bereite dich darauf vor, dieses Gastgeschenk in großen Mengen und in großer Runde gemeinsam mit deinen Gastgebern zu konsumieren.

Regel 4: Übergib dich nicht, wenn du die braune Flüssigkeit zum ersten Mal riechst.

Regel 5: Folge strikt dem Protokoll. Der Zeremonienmeister schöpt Kava aus der Tanoa-Schüssel in der Mitte des Kreises, reicht die Schale dem Ranghöchsten in der Gruppe, dann dem Zweitranghöchsten und so weiter. Regel 5b (nur für Soziologen oder Gruppentherapeuten oder andere Nerds): Erkenne an dieser ersten Runde, wer im Dorf das Sagen hat, und erkenne, wo du selbst in diesem Gefüge stehst. Wenn du die Schale als allerletzter erhältst, akzeptiere, dass du als Nerd erkannt wurdest.

Regel 6: Übergib dich nicht, wenn du den ersten Schluck der braunen Flüssigkeit trinkst. Übergib dich auch nicht beim zweiten.

Regel 7: Klatsche dreimal in die Hände, wenn eine Schale geleert wurde.

Regel 8: Bereite dich auf eine lange Nacht vor.

Meine Nacht ist lange, aber ich habe mich bisher nicht übergeben, und ich habe geklatscht wie meine Oma beim Musikantenstadl. Zu Beginn nur aus Höflichkeit, nach der ersten Runde aber – nachdem das Ritual befolgt, die Hierarchie abgesteckt und der erste Brechreiz überwunden war – immer mehr aus purer Freude. Freude daran, eine neue, unverfängliche Droge kennengelernt zu haben. Freude, für das Trinken beklatscht zu werden. Und Freude an diesen liebenswerten Menschen, die mich in ihr Dorf und in diesen Kreis aufgenommen haben, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Draußen wiegen sich die Silhouetten von Kokosnusspalmen im Wind, dahinter leuchten die Sterne, und hier drinnen leuchten und lachen wir. Ich bin weit weg von zuhause, weiter weg als jemals zuvor und wahrscheinlich so weit weg, dass es weiter weg gar nicht mehr geht. Aber ich sitze hier trotzdem nicht bei Fremden. Links sitzt Isaac, rechts sitzt Kosi, und in der Mitte sitzt Livai und reicht mir gerade mit einem Lachen meinen dreizehnten Becher Kava.

Ich fühle mich nicht fremd. Ich fühle mich geborgen.

 

* * *

Drittes Kapitel

Salomonen

Warum es auf den Salomon-Inseln keine Ampel gibt. Wie ich dort einen Tag mit John F. Kennedy verbrachte. Und wieso wir alle im selben Lastwagen sitzen.

Ich muss gestehen: Es gab eine Zeit, da wusste ich nicht, dass es die Salomonen gibt. Und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Das ist natürlich peinlich, ich weiß, aber das Land ist ja auch wirklich ausgesprochen klein. Und abgelegen. Und still. Das soll keine Ausrede sein. Es ist eine Liebeserklärung. Ich bin noch nicht mal aus dem Flugzeug gestiegen, und ich bin diesem Ort schon verfallen. Diesem Flecken Erde, nein, diesen unendlich vielen Fleckchen Erde, die da inmitten des pazifischen Nirgendwos verloren aus dem Wasser ragen. Und die, wenn man genau hinschaut, manchmal sogar schon untergegangen sind. „Shortly we’ll be arriving at Honiara Airport“ krächzt es durch den Lautsprecher. Ich schnalle mich an und habe das Gefühl, gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein.
 
 

So dringlich scheint die Lage dann aber doch nicht zu sein. Zumindest nicht am Flughafen, dort bewegt sich alles langsam und ohne Hast: Der Ventilator an der hölzernen Decke der Ankunftshalle, das quietschende Gepäcksband, der vor sich hin summende Zollbeamte. Ich spüre, dass dieses Land nicht unmittelbar gefährdet ist, denn mit solch zeitlupenartiger Geschwindigkeit bewegt sich nur, wer sich absolut sicher ist, dass es ein Morgen gibt. Dass am nächsten Tag die Welt noch steht und das Land nicht untergegangen ist. Und dass man Dinge deshalb nicht überstürzen muss, sondern mit aller Ruhe, Bedacht und Gemächlichkeit angehen kann.

„Sicherheit durch Gemächlichkeit“,
der Gedanke gefällt mir.

Während ich mich sicher und gemächlich fühle und mit Ruhe und Bedacht auf meinen Rucksack warte, den das quietschende Gepäcksband bisher noch nicht zu Tage gefördert hat, und dabei leicht schwitze, weil sich der Ventilator so langsam dreht, dass man seine Rotorblätter einzeln erkennen kann, schaue ich nach draußen. Tropische Mittagshitze flirrt vom Asphalt der Landebahn, es ist ruhig, nichts bewegt sich. Nicht die weiß-grüne Boeing, die verrostet und ihrer Turbinen entledigt am Rand des Flugfeldes lehnt. Nicht das Feuerwehrauto, das ohne Reifen gegenüber im Gras liegt und aus dessen Inneren ein Busch wächst. Die Natur hat sich dieses Fahrzeug von allen Seiten gekrallt, und sollte es hier mal irgendwo brennen, dann lässt sie dieses Perpetuum Mobile aus Rost und Schlingpflanzen sicher nicht mehr los. Mein Gefühl von Sicherheit schwindet. Zuviel Gemächlichkeit ist wahrscheinlich auch nicht gut, denke ich mir, während ich wieder auf das Gepäcksband starre und schwitzend auf mein Gepäck warte.

Irgendwann aber kommt es, und irgendwann kommt auch der Hotelbus, der mich und zwei australische Anzugträger in die Stadt bringt. Der jüngere der beiden hat einen sehr roten Kopf, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es wegen der eng gebundenen Krawatte ist oder weil er so laut mit seinem Kollegen redet, dass jeder im Bus mithören kann. „Ich war schon mal hier, damals, wegen dem AN-Deal.“ „Ich weiß. Und, wie war es?“ „Ganz ok. Aber es gibt im ganzen Land keine Ampel, stell dir das mal vor.“ „Wahnsinn.“ „Und das Beste ist: Es gab mal eine, in den Neunzigerjahren. Bevor sie die aufgestellt haben, haben sie die Bevölkerung monatelang vorbereitet: Rot heißt stehen bleiben, Grün heißt fahren. Mit Plakaten und Radiospots und allem drum und dran.“ „Und dann?“ „Und dann, als das Ding endlich aufgestellt war und rot geblinkt hat, sind alle stehen geblieben. Überall!“ „Wie, überall?“ „Überall Mann, Sie sind einfach überall stehen geblieben. Fußgänger, Autofahrer, egal wo sie gerade gestanden sind, sie sind einfach stehengeblieben. Nicht nur vor der Ampel, sondern auch zweihundert Meter weiter weg oder am Gehsteig oder was weiß ich wo.“ „Ha ha, abgefahren!“

„Danach haben sie die Ampel wieder abmontiert“.

Der ältere lacht jetzt noch lauter, und der jüngere rückt sich seine Krawatte zurecht und grinst. Ob die Geschichte wohl stimmt? Ich suche das Gesicht des Busfahrers im Rückspiegel, doch der konzentriert sich auf die Straße und lässt keine Reaktion erkennen. Während der ganzen Fahrt hoffe ich, doch irgendwo eine Ampel zu sehen oder vor einer stehen bleiben zu müssen, nur um mich dann laut räuspern oder gewichtig den Kopf schütteln oder irgendeinen Witz machen zu können, der mit Ampeln und roten Köpfen zu tun hat und den ich mir erst noch zu Ende überlegen muss. Aber so weit kommt es leider nicht, denn es gibt tatsächlich keine einzige Ampel in der Hauptstadt dieses Landes. Und um ehrlich zu sein, auch sonst nicht besonderes viel. Es gibt einen Markt, ein paar Geschäfte, ein paar Straßen. Insgesamt verfügt Honiara über den Charme eines kosovarischen Umspannwerks. Ich weiß, das klingt gemein, und ich fühle bei diesem Satz einen Krawattenknoten an meinem Hals, aber schon zwei Tage nach meiner Ankunft bin ich wieder weg. Habe ich meine Liebeserklärung zu früh ausgesprochen?

Nein, aber wahrscheinlich ist es so, wie in jeder Beziehung: Man muss den anderen akzeptieren, wie er ist.

In seiner Gesamtheit. Mit all seinen Mängeln. Es mag keine Ampeln geben auf den Salomonen und eine Hauptstadt, die es niemals zum UNESCO-Kulturerbe schaffen wird. Es mag Handyempfang nur geben, wenn man viel Glück hat und gutes Wetter und zusätzlich einen Berggipfel erklommen. Es mag ein Ort sein, an dem Telefonnummern nur fünf Ziffern haben. Aber wen kümmert das? Wer zur Hölle braucht eine Ampel, wenn es neunhundert Inseln gibt? Ich bin seit zwei Wochen im Land unterwegs, und ich schwöre: Ich habe in dieser Zeit nicht ein einziges Mal an eine Ampel gedacht. Ich habe an das Meer gedacht; an sein glasklares Wasser, an seine Korallen und Fische, die jeden Tauchgang zu einer psychedelischen Grenzerfahrung machen, an die unendlichen Schattierungen von Blau. Ich habe an den Wald gedacht; an seine dichte Vegetation, an die Geräusche, die aus seinem Inneren tönen wie aus einem riesigen, verwachsenen Subwoofer, an mächtige Baumriesen und Lianen, an die unendlichen Schattierungen von Grün. Und ich habe an Menschen gedacht; an ehrliche Augen und warmes Lachen, an die unendlichen Schattierungen von Herzlichkeit. Ich habe an vieles gedacht, aber eine Ampel war nicht dabei.

Vielleicht liegt das daran, dass Fortbewegungsmittel mit Rädern hier eher ein Nischendasein führen. Wer von A nach B will, der macht das mit dem Flugzeug oder mit dem Boot, denn zwischen A und B liegt mit ziemlicher Sicherheit keine Straße. Zwischen A und B liegt Dschungel oder Wasser, oder beides zugleich.
 
 

 
 
Es ist Freitagabend, und die letztwöchige Reise durch die Malaita Province steckt mir noch in allen Knochen. Stundenlange Bootsfahrten durch strömenden Regen, Fußmärsche durch dichten Wald, Flüge mit handgeschriebenen Tickets und handbekurbelten Tankfüllungen. Der östliche Teil des Landes ist rauh und touristisch unerschlossen, seine Erkundung eine logistische Herausforderung. Wer sie annimmt, wird belohnt, aber der hat sich danach auch ein paar Tage Entspannung verdient. Ein paar Tage am anderen Ende des Landes zum Beispiel, auf den postkarten-idyllischen Inseln der Western Pronvince. Ein paar Tage am Strand, im Wasser, vorm Bier, weit weg von allen Fragen, die mit A und B und ihrer Überbrückung zu tun haben. Doch mir gegenüber sitzt Paul, und Paul sagt Sätze wie: „Da musst du unbedingt hin!“, und „Transport ist kein Problem.“

Ich traue Paul, denn Paul ist ein lustiger Salomonese und er hat mir gerade ein Bier spendiert.

Außerdem ist er gewissermaßen vom Fach: Transport, aber vertikal. Paul ist Lifttechniker. Ich weiß nicht, ob ich schon erwähnt habe, dass es auf den Salomonen insgesamt zwei Lifte gibt. Und dass sich beide im selben Gebäude befinden. Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass Paul über relativ viel freie Zeit verfügt. Und über Ideen, wie ich die meine möglichst stress- und sinnvoll nutzen könnte. „Also, wenn du schon mal den ganzen Weg hierher gemacht hast, dann musst du die Kennedy-Insel sehen. Die ist ganz nah von hier. Und ich kenne jemanden, der dich morgen gratis dorthin mitnehmen kann.“ Also doch wieder die Sache mit dem A und dem B. A ist diesmal Gizo, die zweitgrößte Stadt im Westen des Landes und der Ort, an dem ich und Paul gerade Bier trinken. B ist eine Insel, die nur dreißig Minuten entfernt liegt und auf der angeblich mal ein amerikanischer Präsident gestrandet sein soll. Ich finde, dass sich das nach einem ziemlich interessanten B anhört und verwerfe meinen Plan, für ein paar Tage auf sämtliche B‘s zu verzichten.
 
 

Also sitze ich am nächsten Morgen am nassen Deck eines kleinen Fischerbootes, spüre den salzigen Fahrtwind im Gesicht und rufe Paul’s Freund Fragen zu seiner Familie, zur Fischerei, zur Politik zu. Als wir die Insel erreicht haben, weiß ich, dass sein ältester Sohn Probleme im Rechnen hat, dass derzeit Thunfisch-Saison ist und die gesamte Regierung ein korrupter Haufen. Aber wie ich jemals wieder von dieser Insel zurückkommen könnte, das weiß ich nicht. Und darüber denke ich im Moment auch nicht nach. Ich stehe knöcheltief im lauwarmen Wasser des Südpazifik, vor mir liegt eine winzige, korallenumsäumte Insel, und auf ihr stehen ein paar Palmen und ein Schild: John F. Kennedy war tatsächlich hier. Im Jahr 1943, als er noch nicht amerikanischer Praesident war, sondern Kommandant der US-Marine und mitten im Zweiten Krieg gegen die Japaner. Die hatten sein Schiff abgeschossen, und der 26-jährige Kennedy schwamm um sein Leben und auf diese Insel. Ich spüre sowas wie Ehrfurcht, während ich am Strand entlang gehe und mir vorstelle, dass auf demselben Boden, unter denselben Palmen dieses winzigen Eilandes der Mann herum wandelte, der wenig später das mächtigste Land der Erde regieren sollte. Es ist kurz vor Mittag, und ich habe das Gefühl, mit einem amerikanischen Präsidenten allein auf einer Insel zu sein.

Ein erhabenes Gefühl.

Gegen 13 Uhr habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, gegen 14 Uhr beginne ich mich mit ihm zu langweilen. Ich und John haben uns nicht besonders viel zu sagen, das wird mir jetzt klar. Schade eigentlich. Um 15 Uhr frage ich mich zum ersten Mal, wie ich wieder zurück in mein Hotel komme, und um 16 Uhr mache ich mir ernstlich Sorgen. Von den Fischerbooten, von denen Paul geredet hat, ist keine Spur zu sehen, und von Touristen sowieso nicht. Ich dachte, dass Kennedy hier sowas wie eine Attraktion sein wird, aber um die Anziehungskraft amerikanischer Präsidenten ist es dieser Tag wohl nicht so gut bestellt, und um den salomonesischen Tourismus anscheinend auch nicht. Ich sitze im Sand, starre in die Ferne und hoffe: Zuerst auf eine Mitfahrgelegenheit, später auf Hilfe, schließlich auf Rettung. Die Sonne wird langsam schwächer, aber ich fühle sie auf meinem Kopf. Und zusehends darin. „John, wie bist du damals eigentlich zurückgekommen?“ „Gute Frage, Daniel. Das war so: Ich saß verzweifelt am Strand und hatte die Hoffnung schon aufgegeben, da kamen plötzlich zwei Fischer vorbei. Der eine hieß Eroni und der andere Biuku, und sie haben mir das Leben gerettet.“ „Das nenne ich Glück, John. Ich wette, du warst den beiden ziemlich dankbar?“ „Das kannst du laut sagen, Dan. Ich darf doch Dan sagen?“ Ich nicke, und ich merke, dass ich mich schleunigst in den Schatten setzten sollte. „Diese Jungs haben mir den Arsch gerettet. Ihnen war egal, dass ich eine andere Hautfarbe hatte als sie, dass ich eine Sprache sprach, die sie nicht verstanden. Sie haben mir einfach den Arsch gerettet.“ Ich glaube, ich mag diesen Kerl. „Und John, was ist dann passiert?“ „Na ja, ich wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und zur Angelobungsparty hab ich die beiden ins Weiße Haus eingeladen.“ Sehr sympathisch der Mann, aber muss man ihm denn jedes Wort aus der Nase ziehen? „Und dann John?“. „Sie durften nicht kommen, die Politiker der Salomonen ließen sie nicht. Weil sie kein Englisch konnten. Sie meinten, die beiden würden sich und ihr Land blamieren.“

Ich höre ein leises Motorgeräusch in der Ferne.

Sollte das tatsächlich ein Boot sein? Ich laufe an den Strand und schwenke meine Arme, und wirklich: Ein Boot kommt auf mich zugefahren, und zehn Minuten später springe ich erleichtert hinein. Es sind zwei Fischer, und sie sprechen Englisch. Leider steht bei mir in naher Zukunft keine Angelobungsparty an, in ferner Zukunft wohl auch nicht. Als die beiden mich kurz nach Einbruch der Dunkelheit in Gizo absetzen, sehen sie aber, dass ich dankbar bin. Sie haben mir den Arsch gerettet. Nicht wegen einem Weltkrieg, sondern wegen selbstverschuldeter Dummheit. Ich fühle mich ein bisschen doof, als ich an diesem Abend im Hotelbett liege. Aber hey – ich habe einen Tag mit John F. Kennedy verbracht. Und ich glaube, wir haben uns ganz gut verstanden.
 
 

 
 
Man glaubt ja gemeinhin gern, dass man aus Fehlern lernt und klüger wird. Bei mir ist das im Moment leider übernhaupt nicht so, meine Lernkurve ist flach wie eine Salomonen-Insel. Antatt dem A-B-Dilemma fortan aus dem Weg zu gehen, sitze ich am nächsten Tag in einem Bus. Mangelnde Lernbereitschaft? Fehlender Intellekt? Sucht? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass das Ding, das hier als Bus bezeichnet wird, in Wirklichkeit die Ladefläche eines LKWs ist. Dass es hart und eng ist. Dass es keine Stoßdämpfer hat. Und dass es verdammt viel Spass macht. Wir fahren durch den Nachmittag und durch kleine Dörfer, immer dem Meer entlang von Gizo nach Saeraghi, und bei jedem Schlagloch hebt sich die gesamte Ladung: Zwanzig Passagiere, zehn Säcke voller Reis und Kochbananen, zwei Kisten mit Fisch, ein Huhn. Das Huhn gackert, die Kinder lachen, die Frauen teilen Früchte und die Männer Zigaretten. Selbstgebrannter Kokosnussschnaps und Geschichten machen die Runde, und ich glaube, ich könnte ewig so weiterfahren.

Gegenüber von mir sitzen fünf Frauen, eine von ihnen hält ein Baby im Arm. Die Frauen rufen sich Dinge zu und schütteln sich vor Gelächter, aber bei jedem Schlagloch halten sie für einen erschrockenen Moment inne und schauen besorgt auf das Kind. Doch das ist taff und hält der Straße jedesmal ein strahlendes Lachen entgegen, und die Mutter drückt ihm dann einen Kuss auf die Wange und die anderen Frauen lachen erleichtert.
 
 

 
 
Ich schaue in diese Gesichter, in denen sich Freude spiegelt und Sorge und immer Freundlichkeit, und ich frage mich, wie man eigentlich Angst haben kann vor anderen Menschen. Vor den Fremden. Und wer, zur Hölle, ist das überhaupt: Der Fremde? Ist das jemand, der eine andere Sprache spricht? Der eine andere Hautfarbe hat? Der ein anderes Rasiergel verwendet? Und warum fürchten wir uns davor? Ich halte meinen Kopf in den Fahrtwind, eine der Frauen lacht mir zu und macht dann das gleiche. Sie hat keine Angst vor dem Fremden, und das ist gut für mich, denn der Fremde bin ich. Ich bin weiß, ich trage komische Kleidung und spreche wie ein Idiot, aber das stört hier niemanden. An diesem Nachmittag, auf dieser Strasse, dieser Insel irgendwo inmitten des Pazifik, sind wir alle gleich. Wir sind Menschen, die sich über den Fahrtwind freuen und über die geteilten Früchte und über ein kleines, lachendes Kind.

Wir sitzen alle im selben Boot. Oder auf derselben LKW-Ladefläche.

 

* * *

Viertes Kapitel

Papua-Neuguinea

Wie man Haie mit bloßen Händen erlegt. Wie ich mit Muschelgeld zahle. Und wer hier eigentlich wild ist.

Ich hege mittlerweile ernstliche Zweifel an der Existenz des Fremden. Aber sollte es sowas tatsächlich geben, dann müsste es in Papua-Neuguinea zu finden sein. In einem Land, das zu den letzten unerforschten Gebieten dieser Erde zählt, zu den letzten weißen Flecken einer ansonsten durchkartographierten, durchmessenen und durchkapitalisierten Welt. In einem Land, das so unzugänglich und zerklüftet ist, dass sich dort achthundert verschiedene Ethnien mit ebensovielen Sprachen in die Gegenwart gerettet haben. In einem Land, das kulturell divers ist wie kein zweites, und das wahrscheinlich genau deshalb von Außenstehenden immer und immer wieder als „wild“ bezeichnet wird. Zwischen seinen abgelegenen Außeninseln und unwegsamen Hochlandgebirgen werden Bräuche und Riten praktiziert, die es sonst nur noch in feuchten Träumen von Ethnologen gibt.

Ich muss gestehen, dass ich davon auch schon geträumt habe. Zum ersten Mal als Kind: Im Fernseher waren Kannibalen mit Ringen in der Nase zu sehen und weiße Forscher mit Strümpfen bis zu den Knien, beides war verstörend und faszinierend zugleich. Dann als Student: Im Hörsaal sprach ein weißer Forscher über Kannibalen im Dschungel von Neuguinea, aber ich sah weder Kniestrümpfe noch Nasenringe und beendete mein Völkerkunde-Studium so schnell wie ich es begonnen hatte. Und dann jetzt: Ich stehe mitten im Hochland von Papua-Neuguinea, um mich herum wird getanzt und gesungen, die Nasenringe sind da und die Kniestrümpfe auch, alles ist da, viel mehr, als ich fassen kann, und es ist laut und heiß, und ich bin verschwitzt und erschöpft und müde und unendlich dankbar, dass ich nicht in einem klimatisierten Hörsaal sitze oder auf einer Couch vor einem Fernseher, sondern hier, inmitten meines Traumes, im pochenden Herzen dieses verstörenden und faszinierenden Landes.

Es ist zehn Uhr morgens, ich bin in Goroka und ich bin betrunken. Normalerweise bin ich um zehn Uhr morgens nicht betrunken. Und normalerweise ist Goroka auch kein pochendes Herz, sondern eine verschlafene Kleinstadt. Aber einmal im Jahr findet hier das größte indigene Festival der Welt statt, und dann strömen über hundert Stämme aus dem ganzen Land hierher und verwandeln den Ort in einen Ort der Ekstase. Sie kommen auf rostigen Lastwägen oder zu Fuß, manche brauchen Tage und andere die Ersparnisse eines halben Jahres dazu, aber sie kommen trotzdem, und sie bringen ihre Tänze und Gesänge und Kostüme mit und eine Energie, die Goroka an diesem Morgen zum Pochen bringt. Und meinen Kopf auch. Ich stehe am Rand einer Grasfläche, die umzäunt ist und nicht größer als ein Fußballfeld, und kann nicht glauben, wie viel Kultur auf ein Stückchen Rasen passt. Und wie wenig ich davon verstehe. Lehmbeschmierte Männer bewegen sich in Zeitlupe auf mich zu, mit schweren Tonmasken am Kopf und gespannten Bögen in der Hand. Jemand sagt mir, dass es die Mudmen aus dem Asaro-Tal sind, und ich bin froh, dass ich ihnen hier begegne und nicht in ihrem Tal. Links von ihnen wiegen zwanzig pechschwarz geschminkte, nackte Burschen eine überdimensionale Schlange über ihren Köpfen, die South Simbu Wild Snake, und rechts tanzen und singen die weiß-rot bemalten Peanut Group Mamas. Ihr Gesang ist schön, aber er geht unter in Schreien, Rufen, Sprechchören. Hier brodelt es.
 
 

Und in meinem Becher brodelt es auch. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber ich stehe an einem der exotischten Plätze dieser Erde und halte ein Glas Wein in der Hand. Genau genommen ist es mein drittes, und genau genommen ist die Flüssigkeit in meinem Glas wahrscheinlich gar kein Wein. Es schmeckt zumindest nicht danach, und es sieht auch nicht danach aus. „Doch, doch, das ist Wein“ sagt der Typ, der mir gegenüber in einem hölzernen Verkaufsstand steht und anscheinend drei Dinge glaubt: Erstens, dass man jegliches Ding dieser Erde vergären und dann als Wein bezeichnen kann; zweitens, dass die Goroka-Schau ein guter Ort ist, um diesen Saft zu vermarkten; und drittens, dass ein trinkender Weißer die beste Werbung dafür ist. Ich bezweifle alle drei. „Ingwer, bitteschön“ sagt er und schiebt einen weiteren Becher in meine Richtung. „Nein danke, der Wein schmeckt total scheiße“ sollte ich eigentlich sagen, aber ich will nicht unhöflich sein.

Vor mir schiebt sich eine Gruppe von Männern vorbei, die meterhohe Kopfbedeckungen aus Perlen und Blumen tragen, und hinter ihnen steht ein kleiner Junge mit einem Federkleid und Flügel am Rücken. Ich trinke meinen Ingwer-Wein und habe keinen Schimmer, was zur Hölle hier vor sich geht. Ich weiß nicht, was das alles um mich herum bedeutet, aber ich weiß, dass ich verdammt froh bin, kein Ethnologe zu sein. Dann müsste ich diese kulturelle Explosion hier nämlich wissenschaftlich analysieren. Und all die anderen Dinge, die ich in diesem unglaublichen Land bisher erlebt habe, auch. Ich müsste sie zu elendslangen, staubtrockenen Abhandlungen verarbeiten und mich dann noch mit anderen darüber streiten, ob das auf Seite 37ff beschriebene Ritual tatsächlich strukturfunktionalistisch oder nicht doch eher syntaktisch-kulturrelativistisch oder weiß der Geier wie interpretiert werden muss. Nee danke, sollen andere machen. Ich schreibe für Travel Episodes, und deshalb kann ich jetzt getrost mein Glas Wurzel-Wein trinken und einfach nur schauen. Und nebenbei über meine Erlebnisse der letzten Wochen nachdenken. Ohne Fußnoten. Ohne Zitation. Aber mit einer Gänsehaut am Unterarm.

Über die Tage mit dem letzten Haijäger von Messi zum Beispiel. Messi ist ein kleines Dorf auf der Außeninsel Neuirland, weit draußen in den Gewässern vor Papua-Neuguinea, und ich habe lange gebraucht, um dorthin zu kommen. Der Ort ist abgeschieden und schwer zu bereisen, und wahrscheinlich hat sich dort genau deshalb die jahrhundertealte Tradition des „Shark Calling“ erhalten: Männer paddeln mit Kanus auf das offene Meer, locken mit ihrem Gesang Haie an und erschlagen sie dann mit der bloßen Hand. Das Handwerk ist gefährlich, und beherrscht wird es nicht mehr von vielen. Der alte Tarok ist einer von ihnen. „Im Kampf gegen den Hai besteht nur, wer die Regeln beachtet“ sagte er zu mir, während wir vor seinem Haus saßen und Schildkrötensuppe aßen. Kein Sex, kein Schweinefleisch, keine Berührung mit Exkrementen vierundzwanzig Stunden vor dem Kampf, und die Nacht davor muss in einer rituellen Hütte direkt am Wasser zugebracht werden. Nach drei Tagen im Dorf habe ich verstanden, dass das Shark Calling keine barbarische Fangmethode ist, sondern ein kompliziertes Ritual. Nach drei Stunden auf dem offenen Meer habe ich verstanden, dass ich damit eigentlich nichts zu tun haben sollte.

Ich saß in einem kleinen Auslegerkanu, und ich fühlte mich wie ein Fisch auf Land, nur umgekehrt.

Mein Boot schien mir zu klein, sein Bug viel zu niedrig, der Wellengang viel zu hoch. Ich hatte alle Regeln beachtet, hatte den Tag davor weder eine Schweinshaxe berührt noch eine Frau, und die Nacht im „Hausboi“ neben einem Lagerfeuer verbracht. Aber vorbereitet fühlte ich mich in keinster Weise. Nicht auf das Wasser, nicht auf den Fisch, und schon gar nicht auf einen Kampf mit einem Fisch. Das Meer schäumte, Tarok sang, ich wimmerte und die Haie haben wahrscheinlich gelacht. Kurz: Ich habe an diesem Vormittag keinen Hai erschlagen. Und hätte ich auch nur eine Flosse gesehen, ich wäre vor Schreck wahrscheinlich vom Boot gefallen.

Gut, dass ich jetzt im Hochland bin. In Sicherheit und Meilen entfernt von der nächsten Haifischflosse. Das Einzige, das mir hier wirklich gefährlich werden könnte, ist diese Flüssigkeit in meinem Becher. Wir sind mittlerweile bei einer Geschmacksrichtung angelangt, die man selbst beim besten Willen nicht mehr mit Wein in Verbindung bringen kann. Auf der Plastikflasche ist das Bild einer trockenen Wurzel zu sehen. Ich nippe am Glas, es riecht säuerlich. Wahrscheinlich kein guter Jahrgang. Aber kann eine Wurzel eigentlich einen Jahrgang haben?

Egal, ein Glas noch und eine Erinnerung, und dann wird gezahlt.

Mit Kina, so heißt das Geld in Papua-Neuguinea. Ich habe viel gezahlt damit in den letzten Wochen, aber einmal habe ich eine andere Währung verwendet. Eine Währung, die hart ist, wirklich hart: Das Muschelgeld der Tolai. Ich bin in den Norden der Insel Neubritannien gereist, dorthin, wo die einhunderttausend Angehörigen dieses Stammes leben und ihr traditionelles Zahlungsmittel in die Moderne gerettet haben. Ich habe einen Geldschein über einen Tresen gereicht, und man hat mir eine zwanzigmeterlange Kette mit kleinen, zurechtgeschliffenen Muscheln zurückgegeben.

„Tabu“ heißt dieses Geld, und man kann tatsächlich zahlen damit. Der Stamm der Tolai verwendet es seit Jahrhunderten als Tauschmittel, richtet damit Hochzeiten und Begräbnisse aus, kompensiert Straffälligkeiten und festigt Beziehungen zwischen Clans und Dörfern. Ich habe während meiner Woche auf Neubritannien nicht geheiratet und auch keine Straftat begangen, aber ich habe mit Muscheln meine Kokosnüsse bezahlt und auch mein Mittagessen. Mittlerweile ist „Tabu“ sogar als offizielle Zweitwährung akzeptiert, man kann es auf eine Bank tragen oder seine Einkommensteuer damit begleichen. Es gibt sie wirklich, die Muschel in Zeiten des Kapitalismus, und es ist die schönste Währung, die ich je in meinen Händen gehalten habe.
 
 

 
 

Was ich jetzt in meinen Händen halte, ist weniger schön. Und man bekommt nichts dafür außer ordentliches Kopfweh. „Das war mein letztes Glas“ bremse ich zu den Typen, der mir schon wieder Wein nachschenken will. Ich halte meine Hand über den Becher, er schaut traurig. „Für heute“ sage ich. „Für mein restliches Leben“ meine ich. Diese alkoholisierten Wurzeln sind mir ordentlich in die Birne geschossen. Liegt es nur an ihnen, oder ist das Treiben hier tatsächlich nochmal heftiger geworden? Das Feld ist jetzt voll mit Menschen, jemand scheint die Absperrung geöffnet und alle Zaungäste hereingelassen zu haben. Das ist gut, es wuselt jetzt und lärmt mehr noch als zuvor. Eine kulturelle Orgie aus Farben, Geschrei und Schweiß, mit Schlamm am Boden und Testosteron in der Luft. Die Sprechchöre sind laut und dicht, und überall singen, wiegen, tanzen sich Menschen in Rage. Ich verstehe ihren Inhalt nicht, aber ich spüre: Diese Tänze wurden nicht erfunden, um sich Freunde zu machen. Sie wurden erfunden, um Feinde zu töten. Zum Glück wurde in den 1950er-Jahren aber auch die Goroka-Schau erfunden, und damit eine Möglichkeit, verfeindete Stämme zusammenzubringen und zu befrieden. Seitdem treffen hier einmal im Jahr Menschen aufeinander, die sich davor nicht getroffen haben oder die nach einem Treffen oft zur Hälfte tot waren. Heute kommen die Menschen hierher, um sich und ihre Kultur zu feiern, und am Ende gehen beide Hälften gesund und munter wieder heim.
 
 

 
 

Ich starre auf Speere und Äxte, auf Kriegsbemalungen und Masken, und ich muss plötzlich an mein Zuhause und die Politik dort denken. An Wahlkampfposter mit Fratzen drauf, an Worte, die spitz sind wie Speere und dabei stumpf wie eine Steinaxt, an Geschrei, an hasserfüllte Augen, an Stammtische, an denen geschnaubt wird und gefaucht, an Menschen, die verletzen wollen und sicherlich nicht tanzen. Es ist so ein irrsinniges Spiel, seit Jahrtausenden und an jedem Ort dieser Erde gespielt: Wir gegen die Anderen. Wir gegen die, die anders aussehen, die anderswo leben, die andersartig reden, die nicht so sind wie wir und mit denen deshalb irgendetwas falsch sein muss. Die bekämpft werden müssen, weil ihre Hautfarbe zu dunkel ist oder zu hell, oder weil sie in einem Tempel beten und nicht in einer Kirche, oder weil sie auf der anderen Seite des Flusses leben und rote Federn tragen statt der grünen. Dieses Spiel hat idiotische Regeln, und sie werden ständig neu erfunden. Clan gegen Clan, Stamm gegen Stamm, Land gegen Land oder Religion oder Kultur, irgendein Gegner findet sich immer.

Alle müssen mitspielen, aber niemand kann gewinnen.

Vielleicht sollte man es so machen, wie hier in Goroka. Alle Kämpfer dieser Welt treffen sich einmal im Jahr auf einem großen Fußballfeld. Sie ziehen sich hübsch an, mit ihren Trachten oder Burkas oder Uniformen, und sie zeigen wer sie sind und was sie können. Sie tun niemandem weh dabei. Sie singen und sie tanzen. Und wer nicht mitmacht, muss am Rand stehen und Wurzelwein trinken.

 

* * *

Fünftes Kapitel

Aus dem Blauen heraus

Irgendwo über dem Pazifik, an Bord einer Zwölfsitzer-Propellermaschine.

„Ausgang“ steht auf Deutsch neben einer rostigen Luke, irgendetwas Russisches steht daneben. Ich rekonstruiere, wie dieses uralte Ding hierhergekommen sein mag, und mir läuft es kalt den Rücken dabei hinunter: Irgendwann mal muss es in Deutschland im Einsatz gewesen sein, in einer Zeit, in der es dort noch eine Mauer gab und man mit Kassetten Musik hörte, und als es dann zu alt und schrottreif für Europa war, hat man es nach Russland gebracht, und irgendwann war es dann selbst für russische Verhältnisse nicht mehr tragbar, oder fliegbar, oder wie immer man in der Fachsprache zu diesem Zustand sagt, in dem man nicht mehr für die Sicherheit der Passagiere garantieren kann, und dann muss es irgendein zwielichtiger Import-Export-Agent für eine Kiste Bier gekauft und in ein Land gebracht haben, in dem alles für den Flugverkehr zugelassen wird außer einem Stein, und jetzt fliegt es von einer Pazifik-Insel zur nächsten, solange, bis es einfach aufhören wird zu fliegen. Ich schwitze. Der Himmel ist finster, das Meer ist es auch, und das Flugzeug wackelt jetzt so stark, dass man sich gegen den Vordersitz stemmen muss. Ich beuge mich nach vor, den Kopf zwischen den Ellbogen, und ich denke darüber nach, warum ich eigentlich reise. Wieso muss ich immer weg, immer wieder in die Ferne? Warum kann ich nicht einfach zuhause bleiben, so wie anderen auch, und samstags mit einem geleasten Toyota zu Ikea fahren statt mit einer gottverdammten Cessna ans Ende der Welt?

Was glaube ich denn, hier zu finden?

 
Ich suche das Fremde, aber ich finde es nicht. Vor mir sitzt ein kleines Mädchen und weint, und es weint genau so, wie jedes andere Kind dieser Welt auch weinen würde. Es hat Angst. Wir alle haben Angst, und wir sind uns so ähnlich dabei. Ich muss an die Frauen auf dem Lastwagen denken und das Baby in ihrer Mitte, an Tarok im Kanu, den Taxifahrer mit dem Curry und den Lifttechniker ohne Lift, ich muss sogar an die beiden Anzugträger im Hotelbus denken, und ich spüre: Das Fremde ist eine einzige Illusion. Wir sind alle gleich. Wir lieben, wir essen, wir pissen, wir lachen und wir weinen, und ob die Träne eine dunkle Wange hinunterkullert oder eine rosarote, macht keinen Unterschied. Außer wir bestehen darauf. Das Flugzeug sackt mit einem Ruck nach unten, hundert Meter vielleicht und zehn Schreie. Um mich herum verängstigte Gesichter, unter mir der mächtige Pazifik, in mir eine Erkenntnis: Ich kann es mir aussuchen. Ich kann auf das Meer schauen und dort Wasser sehen, das dreißigtausend Inseln voneinander trennt. Oder ich sehe das Wasser, das sie alle miteinander verbindet. Und genau so kann ich auf die Menschen in dieser Propellermaschine schauen. Ich kann mir aussuchen, ob um mich herum Fremde sitzen oder nicht. Ob zwischen uns das Trennende liegt oder das Verbindende. Ich habe die Wahl. Wir alle haben die Wahl.

Und wenn wir richtig wählen, dann brauchen wir keine Angst mehr vor dem Fremden zu haben. Denn das Fremde, das gibt es dann nicht.

 

* * *

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Daniel Rössler

Daniel Rössler lebt derzeit auf einer kleinen Insel vor Papua-Neuguinea. Seine Reportagen und Essays erscheinen u.a. in Standard, Wiener Zeitung, Südwind und Amnesty Magazin, sein erstes Buch („Das Gegenteil von Gut“) wurde 2015 veröffentlicht. Er glaubt an die Wissenschaft des Reisens: apodemiker.com.

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