Loading...

The Travel Episodes

Off-Road to Istanbul / Teil 4

Flutlicht im Wald

Wen sollte das in einer menschenleeren Gegend schon stören, wenn wir hier übernachten? Denken wir und schlagen unser Lager in einem verwunschenen Wald auf. Eine folgenschwere Nacht.

Es ist Abend, gegen acht. Wir kommen gerade aus der antiken Stadt Ephesus – direkt nach den offiziellen Besucherzeiten und damit auch nach Anbruch der Dunkelheit. Wir marschieren langsam und müde, mit knurrenden Mägen zu unserem treuesten Begleiter, dem Jeep, und stellen uns mal wieder die Frage:

„Wo sollen wir heute übernachten?“

Die Touristenscharen wurden mittlerweile per Bus ins Hotel gefahren und damit waren auch blitzartig die zahlreichen Straßenverkäufer, Parkeinweiser und Bettler verschwunden. Wir sind also alleine auf der Straße. Ohne einen Schlafplatz und spannender noch: Ohne ein Ziel. Mittlerweile Routine. Wie immer klappen wir die Landkarte aus, fahren das Papier mit dem Zeigefinger ab, nach dem am nächsten liegenden grünen, scheinbar unberührten Fleck suchend.

Nichts. Kein Grüner Fleck in Reichweite. Jedenfalls nicht so nah, als dass wir bis zum Erreichen eines solchen Ortes nicht längst verhungert wären. Alternative? Auf dem Parkplatz kochen. Viel zu unromantisch! Dafür sind wir so weit gereist? Um auf einem Parkplatz zu kampieren? Ohne uns! Jonas fährt also los. „Wo lang, Männer?“ „Rechts!“ „Nee, fahr lieber links“, „Also ich bin für Rechts“, „Links sieht’s vielversprechender aus“. Jonas ist schon lange bergauf gefahren. Rechts also.
 
 
Route-Ephesos
 
 
Die Straße windet sich um einen Berg und verschwindet im Wald. In der Hoffnung, einen kleinen Pfad, der von der Straße abführt, zu finden, folgen wir ihr. Drei Kilometer – immer noch nichts. Aber gleich, bestimmt! Mittlerweile sind wir umgeben von einem wundervollen, fast schon verwunschen anmutendem Pinienwald. Grasgrüne Kronen zieren die hellbraunen Stämme über dem mit Nadeln bedeckten, weichen Waldboden. Der süßliche Pinienduft strömt im Fahrtwind um den Jeep und durch die stets geöffneten Fenster. Fünf Kilometer.

Wir sind auf dem Gipfel des kleinen Berges angekommen und haben einen guten Ausblick über den weiteren Verlauf der Straße. Rechts von uns geht tatsächlich ein kleiner Pfad ab und führt weiter in den verwunschenen Wald hinein. Wir folgen ihm. Es ist ein vielversprechender Weg. Ohne unseren Jeep im Geländemodus wäre er unpassierbar. Am Anfang der Straße steht ein schwer zu übersehendes, rotes Schild in Form eines Dreiecks mit einer großen Aufschrift und zwei eben so großen, gekreuzten roten Balken.

Können wir nicht lesen. Und was wir nicht lesen können, kann für uns nicht gelten.

Türkisch sei nunmal keine Allerweltssprache und gerade hier, im tiefsten Hinterland, könnte man, sofern es denn eine wichtige Botschaft an die Passanten dieser Straße wäre, erwarten, dass diese deutlich und unmissverständlich kommuniziert wird – auch für Ausländer mit Jeep und nichts als Flausen im Kopf, so unsere Ausrede. Zugegebenermaßen nicht ganz wasserdicht, aber wen soll es denn schon stören, wenn man im Naturschutzgebiet übernachtet? Bei akuter Waldbrandgefahr? In einem schwer zugänglichen Gebiet?

Wir holpern also die Straße weiter ins Waldesinnere und haben schließlich eine Stelle gefunden, die so schön ist, dass sie es wert ist gleich unser gesamtes Kameraequipment aufzubauen und einen ganznächtlichen Zeitraffer zu starten.

Der perfekte Ort: Umgeben vom wunderschönen Wald genießen wir mal wieder den Blick in die sternenklare Nacht und lauschen den Vögeln beim Singen. Während Peter kocht, bauen wir anderen das Zelt auf. Wir machen machen das mittlerweile im Schlaf und Peter übertrifft sich an diesem Abend selbst mit seinen Spagetti in Schinken-Käse-Sahne-Soße.

„Fertig!“, ruft Peter. „Endlich!“, denken wir, lassen alles stehen und liegen und stürzen in Richtung Klapptisch, als plötzlich ein gelbes Licht den Wald durchleuchtet. „Das kann doch nicht sein! Ausgerechnet jetzt?“ Wir gehen auf die Lauer, verstecken uns hinter Bäumen und warten ab. Extrem unauffällig, so ein Jeep mit Zeltanhänger und Kochstelle im sonst unberührten Wald. Besonders, wenn man Kopflampen trägt, während man sich versteckt und die Spaghetti zart vor sich hin duften…

Wer kann das sein? Wer soll mitten in der Nacht einen abgelegenen, holprigen Weg in den Wald hineinfahren und dabei solch einen Lärm machen?

Werden wir jetzt ausgeraubt?

Nehmt den Anhänger! Der gehört uns sowieso nicht!

Sind das irgendwelche Mafiabosse? Sind wir in deren Geheimterritorium eingedrungen und haben unser Zelt auf zwei Tonnen Koks aufgestellt? Unwahrscheinlich, aber falls doch: Wir lassen mit uns verhandeln! Oder ist das die Polizei und wir werden eingebuchtet wegen unbefugtem Betreten von Privatgelände? Könnte sein, aber wir haben ja noch die Spagetti, vielleicht können wir uns damit freikaufen.

Ein riesiges Fahrzeug mit Scheinwerfern so hell wie Stadionfluter nähert sich uns unaufhaltsam. Der Lärmpegel der Antriebswellen vernichtet die nächtliche Idylle und lässt uns schlagartig den Hunger vergessen. Wer ist das?

Der Wagen kommt näher und wir erkennen die Außenfarbe: Rot. Die Feuerwehr! Fünf Männer steigen aus, große Strahler enttarnen uns augenblicklich und laute Rufe machen deutlich: Die Jungs sind nicht zum Spaghettiessen hier. „Oh nein, das kann teuer werden“ denken wir. Peter und Jonas marschieren voran und wünschen erst mal einen schönen Abend.

„Good evening, everybody. How can we help you?“

Einer der Männer antwortet mit tiefer Stimme und gebrochenem Englisch:

„This is national forrest. Please not park here. Go now.“

Erstaunlich deutlich, diese undeutliche Aussprache. Aber eine Chance haben wir. Die hat man immer als Fremder. Wir spielen die Unwissenheits-Karte und entgegnen:

„Sorry Sir. We did not mean to disturb anyone. We are just here to spent the night and we want to leave tomorrow in the morning. We did not know it was forbidden.“

„You in middle of firefighter-security area are. This a very sensitive place for fires. Please pack stuff and go to next camping place. We wait you and show a place where you can park.“

Das ist alles? Keine Strafe? Keine Ermahnung? Sie warten auf uns und helfen uns den Weg zu finden? Unglaublich. Nun gut, dann muss es eben so sein.
 
 
feuerwehr
 
 
Eine halbe Stunde später sind alle Sachen gepackt und der Geländewagen abfahrbereit. Aber eine Sache konnten wir leider nicht unterbringen: Die fertige Schinken-Käse-Sahne Soße. Bei dieser Straße können wir den Innenraum des Jeeps danach neu verkleiden. Wegschütten? Das ist unmöglich. Das würden uns unsere Mägen nicht verzeihen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Soße muss aus dem Wald eskortiert werden. Die riesige Feuerwehrmaschine voran. Lucas, die Soße tragend, hinterher und als Schlusslicht der Jeep samt Anhänger.

Dieser Moment geht in die Geschichte ein. Noch nie wurde eine Schinken-Käse-Sahne-Soße so sicher aus einem türkischen Wald entfernt.

 
 

Was tun, wenn ein paar Fremde plötzlich mit einem riesigen Jeep-Gespann im eigenen Hintergarten stehen, wild fuchtelnd ihre Landkarte versuchen zu lesen und mit einem ferngesteuerten Quadrokopter Aufnahmen von der nahegelegenen Olivenbaum- Plantage machen? Na klar, man lädt sie auf einen Tee ein und hilft ihnen bei der Schlafplatzsuche. Das ist die Türkei.

Was tun, wenn ein paar Fremde plötzlich mit einem riesigen Jeep-Gespann im eigenen Hintergarten stehen, wild fuchtelnd ihre Landkarte versuchen zu lesen und mit einem ferngesteuerten Quadrokopter Aufnahmen von der nahegelegenen Olivenbaum- Plantage machen? Na klar, man lädt sie auf einen Tee ein und hilft ihnen bei der Schlafplatzsuche. Das ist die Türkei.

Eigentlich wollen wir nur kurz nach dem Weg fragen. Aber diese freundlichen, interessierten Rosinenbauern überwältigten uns mit ihrer Gastfreundschaft. Wir werden eingeladen zum Mittagessen und mit allerlei Trauben und Rosinen überhäuft.

Eigentlich wollen wir nur kurz nach dem Weg fragen. Aber diese freundlichen, interessierten Rosinenbauern überwältigten uns mit ihrer Gastfreundschaft. Wir werden eingeladen zum Mittagessen und mit allerlei Trauben und Rosinen überhäuft.

* * *

Teil 5: Ankunft in Istanbul

Weiterlesen

Ankunft in Istanbul

5. Türkei

Ankunft in Istanbul

Wir haben fast 3 Wochen an den abgelegensten Orten Südosteuropas zugebracht. Nun erwartet uns der Höhepunkt unseres Abenteuers: Die Metropole Istanbul.

Episode starten

Hinterhalt an der Grenze

3. Kroatien

Hinterhalt an der Grenze

Wir fuhren durch Bosnien Herzegowina und wollten nach Kroatien – und kamen wir nicht nur an eine Landesgrenze, sondern auch an unsere persönlichen Grenzen. ((Eine Geschichte über Lug und Betrug, leider.))

Episode starten

Eine Episode von

Off-Road to Istanbul

Peter, Lucas, Robin & Jonas

Peter Hartlieb, Lucas Körner, Robin Bugdahn und Jonas Hermann kennen sich schon ziemlich lange, schon seit der guten, alten Schulzeit. Wenn die vier Freunde nicht gerade durch die Weltgeschichte reisen, studieren sie oder arbeiten zusammen an kreativen Projekten unter dem Namen Jvgnd Stijl.

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Thomas on 12. Oktober 2015

    Hallo,

    gute Geschichte.

    Normalerweise kennen sie bei solchen Sachen im Wald nicht so viel Erbarmen. Das müsst ihr ihnen gut
    erklärt haben.

    Thomas

    Antworten

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis
Ozeanien