Loading...

The Travel Episodes

In 6 Jahren rund um den Globus

Freiheit auf vier Rädern

7,5 Tonnen schwer, 32 Jahre alt – das ist der Oldtimer, den Sabine Hoppe und Thomas Rahn zu ihrem Zuhause erklären. Gemeinsam durchqueren sie Asien, Amerika und Afrika – bis sie nach sechs Jahren wieder in Deutschland ankommen. Fünf Momentaufnahmen.

Thomas

KILOMETER 6.677 // TÜRKEI. EXTRAVAGANTER SCHULBESUCH

Mit seiner ordentlichen Kleidung, kräftigen Statur, eleganten Brille und dem freundlichen Ausdruck passt Orhan perfekt in das Bild eines gutmütigen Musiklehrers. Wir lernen ihn und seinen Kollegen Emre in einem Café in Silifke kennen, einer kleinen Stadt unweit des Mittelmeers.

»Du bist Künstlerin?«, fragt Emre, der ein bisschen Englisch spricht. »Orhans Frau ist Kunstlehrerin. Ihr müsst sie unbedingt kennenlernen.«

Emre und Orhan wechseln ein paar Worte auf Türkisch, dann erklärt Emre uns:

»Heute seid ihr bei mir zum Abendessen eingeladen, morgen bei Orhan, und zu seiner Chorprobe müsst ihr auch unbedingt mitgehen.«

Die beiden übertrumpfen sich in Gastfreundschaft. Orhan hat am ersten Abend bei Emre mitbekommen, dass Sabine kein Fleisch isst, deshalb hat seine Frau ausschließlich vegetarische Gerichte gekocht, obwohl wir nicht die einzigen Gäste sind. Auch viele Kollegen und der Schuldirektor sind zu dem Abendessen geladen. Eine lustige Feier, wie ich sie zu Hause auch mal haben möchte: Vor dem Abschied greifen alle Gäste zu Besen und Staubsauger, putzen und fegen und hinterlassen die Wohnung sauberer als zuvor. Wo wir nun schon das halbe Kollegium kennen, werden wir vom Direktor auch gleich noch eingeladen, seine Schule zu besuchen.

Gleich am nächsten Morgen sitzen wir in seinem Büro. Ein kleiner Raum mit einem viel zu großen Holzschreibtisch in der Mitte, dahinter ein breiter Drehsessel, auf dem zurückgelehnt der stattliche Direktor sitzt. In dem kleinen Raum bleibt kaum Platz, um an dem Tisch vorbeizugehen, denn an den Wänden sind Stühle aufgereiht, die sich nach und nach mit Lehrerinnen und Lehrern jeden Alters füllen. Ich zähle sechzehn Personen. Bei der Größe der Schule muss das fast das gesamte Kollegium sein.

Auf meine Frage, wer denn momentan die Kinder in den Klassenzimmern beaufsichtige, erklärt Emre mit hochgezogenen Augenbrauen: »They work hard, very hard!«, und lacht.

Im Rektorat sind mittlerweile fast alle Stühle besetzt. Jedes Mal wenn sich die Tür öffnet, dringt ohrenbetäubendes Kindergeschrei vom Gang herein. Eine zierliche Frau schlüpft durch die Tür und steigt mit kleinen Schritten über die vielen Füße im Raum. Emre, der bisher neben uns saß, rutscht einen Sitz nach rechts und macht für sie den Stuhl neben uns frei.

»Now you can talk. She is our English teacher«, erklärt Emre, der bis jetzt der Einzige mit Englischkenntnissen war. Die junge Englischlehrerin setzt sich unsicher auf den angebotenen Platz neben uns. Nach zwei Sätzen stellt sich heraus, dass auch sie kaum ein Wort Englisch spricht. Sie sagt leise, sie beherrsche eher die Grammatik, im Sprechen sei sie nicht so geübt. Ihr ist es sichtlich peinlich, und wir bemühen uns, es dennoch nach einem Gespräch aussehen zu lassen. Natürlich bemerkt trotzdem jeder, dass unsere Unterhaltung stockend verläuft. Zum Glück scheint dies weder den Rektor noch ihre Kollegen zu wundern. Nach kurzem gespannten Zuhören vertiefen sich alle wieder in ihre sichtlich amüsanten Gespräche. Ich suche gerade nach einer möglichst leicht verständlichen Frage auf Englisch, da ertönt lautes Klopfen.

Wieder öffnet sich die Tür, wieder schwappt der Lärm der schreienden Kinder – »they work very hard« – vom Gang herein. Ein schlanker Mann mit einem großen Koffer in der Hand betritt schwungvoll den Raum. Aus der Reaktion der anderen ersehe ich, dass niemand ihn zu kennen scheint. Er legt seinen Koffer auf den großen Holztisch. Alle warten gespannt, was nun kommen mag. Eine kurze Begrüßung, ein paar Sätze auf Türkisch, die ich nicht verstehe, die aber sehr routiniert klingen. Dann öffnet er den Koffer und packt ein großes beigefarbenes Gerät aus, das aussieht wie ein riesiger Föhn mit viel zu langem Griff. Er steckt das Kabel in eine Dose in der Wand, tritt hinter den Direktor und lässt die beweglichen, surrenden Rollen erst über den Rücken dann über die Oberschenkel des Rektors gleiten. Eigentlich ist gerade Unterrichtszeit, aber das ganze Kollegium sitzt im Direktorat und beobachtet, wie ein Vertreter für Massagegeräte den Körper des Rektors bearbeitet und dabei die Vorteile seines Produkts erklärt.

»Wer möchte es noch ausprobieren?«, fragt der Vertreter offenbar, und schon kreist das Gerät durch die Lehrerschaft. Der Rektor ist nach der fünfminütigen Vorführung überzeugt, kauft das Gerät und lädt uns sowie das gesamte Kollegium kurzerhand zum Mittagessen in ein nahe gelegenes Restaurant ein.

* * *

Foto Usbekistan

Thomas

KILOMETER 14.231 // USBEKISTAN. LANGWIERIGE EINREISE

“Sie haben die Rucksäcke nach Medizin durchsucht und bei jedem Inhaltsstoff überprüft, ob er in Usbekistan zugelassen ist. Falls etwas unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, gibt es Probleme.” Sabine legt ihr Handy zur Seite, auf dem uns gerade die Nachricht von zwei Rucksackreisenden erreicht hat, die soeben die Grenze von Turkmenistan nach Usbekistan passiert haben.

Ich denke an unseren Medizinkoffer und mir schwant Übles. In typisch deutscher Manier sind wir mit unserem Medizinköfferchen auf alle Eventualitäten vorbereitet. Schmerzmittel für leichte bis sehr starke Schmerzen, Antibiotika in mehrfacher Ausführung, provisorische Zahnfüllungen, silberbeschichtete Pflaster und Kompressen, Nähzeug, Infusionen, Spritzen mit Nadeln in allen Stärken. Dazu verschiedene Skalpelle und eine Gefäßklemme, Ampullen gegen einen akuten allergischen Schock und jede Menge anderer Medikamente, deren genaue Bestimmung wir längst vergessen haben.

Der Blick auf unsere tragbare Kleinklinik im Zusammenhang mit den Erzählungen zur Grenzabwicklung erzeugt in mir ein Gefühl geringer Zuversicht.

Am nächsten Morgen verläuft immerhin die Ausreise aus Turkmenistan zügig und unkompliziert. 300 Meter und einen Grenzzaun weiter stehen wir nun vor einer großen Überdachung, die unverkennbar zur Fahrzeuguntersuchung gedacht ist.
„Stauklappen öffnen“, sagt der Beamte, der aufgrund seiner guten Englischkenntnisse extra für uns abgestellt wurde.
„Danke. Und was ist das?“ Fragend zeigt er nach oben auf Paulas Dach.
“Solarpanel”, sage ich in der Erwartung, dass es den Grenzern wie bisher zu mühsam ist, auf Paulas Dach zu steigen, um sich den Inhalt der zwei sarggroßen Metallkisten vorführen zu lassen, auf denen die Solarplatten befestigt sind.
“Und in der Kiste?”
“Snowboard”, erkläre ich und merke noch im gleichen Moment, dass dieser Begriff seine Neugier nicht befriedigt, im Gegenteil. Diese Antwort in einem Land, das fast ausschließlich aus Wüste besteht, macht den Inhalt der Kiste wohl mindestens so interessant, wie wenn jemand am Nordpol erzählt, er hätte ein rosa Kamel im Gepäck.

Eine Minute später stehe ich mit dem Beamten auf dem Dach, zeige allen zusätzlich herbeigerufenen Männern das leicht gebogene, flache Ding, in das man seine Füße schnallt und auf Schnee den Berg hinab rutscht. Meine Erläuterungen werden interessiert, aber auch mit leichtem Stirnrunzeln und ungläubigen Blicken verfolgt.

Im Gebäude nebenan sollen wir mehrere Formblätter ausfüllen. Obwohl es diese auch auf Englisch gibt, weicht der Beamte nicht von unserer Seite. Wir stehen zu dritt an einem Stehtisch, Sabine füllt das Formular aus, kreuzt die Antworten der Reihe nach an und ich sehe, wie sie bei der Frage, ob wir “drugs”, also „Medikamente“, mitführen, zögert. Mir schießt das Bild unserer riesigen Medizintasche in den Kopf. Klar haben wir Medikamente dabei und zwar nicht zu knapp. Bei der zu erwartenden Durchsuchung der Kabine wird man sie sicherlich finden. Sabine kreuzt brav “YES” an. Der Beamte, der Sabine dabei über die Schulter blickt, bekommt große Augen, beginnt nervös zu zucken und tippt mit dem Finger auf das Blatt.
“Warum kreuzen Sie hier YES an?”
“Weil wir Medikamente dabei haben.”
“Nein. Hier darf man kein ‘YES’ ankreuzen.”
“Nicht?”
“Nein. Sie haben doch sicherlich nur ein Erste-Hilfe-Set dabei?”
“Naja, fast”, denke ich und nicke zustimmend.
“Gut”, antwortet der Beamte erleichtert, zerreißt den ausgefüllten Zettel in vier Teile, bringt einen neuen und achtet genau darauf, dass Sabine dieses Mal in allen Zeilen “NO” ankreuzt.

Ein paar Zeilen weiter sind wir schon wieder überfragt. Sabine soll die Anzahl der Gepäckstücke eintragen, die wir nach Usbekistan einführen wollen.
„Was ist denn mit Gepäckstücken gemeint? Wir reisen doch mit einem Lkw?“, will Sabine wissen. Unser Beamter deutet auf einen Einheimischen, der mit einer schmalen braunen Aktentasche an einem Schalter wartet: “Sehen Sie diese Tasche? Wenn Sie Ihr Gepäck in solche Taschen packen, wie viele Taschen haben Sie dann?”
“Einhundert?”, schätzt Sabine zögerlich.
Er neigt den Kopf zur Seite. Nein, das überzeugt ihn nicht. Er will erst den Lkw von innen sehen, dann könne er uns helfen.
Mit dem langen Schlüssel, der eher den Anschein vermittelt er gehöre zu einer alten Schatztruhe als zu einem Auto, sperre ich die Tür der Kabine auf und wir klettern hinein.
Unter den neugierigen Blicken des Beamten öffne ich Fach für Fach: Besteck und Kochgeschirr, Kleidung, Socken und Jacken, Konservendosen und Gewürze. Jetzt zeigt er auf das Staufach unter dem Bett.
“Mist, da ist auch die riesige Medizintasche versteckt”, kommt mir in den Sinn, “zumindest kann er uns nicht vorwerfen, wir hätten sie verheimlichen wollen.”
Sabine sitzt hinter dem Beamten am Esstisch, ich bemerke ihre Anspannung. Wir beide befürchten, dass jetzt gleich etwas kommt, was uns jede Menge Erklärungen und ebenso viel Zeit kosten wird.

Ich knie neben dem Staufach und ziehe langsam einen Gegenstand nach dem anderen heraus: Klettergurte, Kletterschuhe und 70 Meter Seil, gefolgt von Schneeketten, Frisbee und Slackline. Ich taste weiter unter dem Bett umher. Es bleibt nur noch die Tasche mit den Medikamenten und ein paar Schneeschuhe. Ich verliere mich für einen Moment in dem Gedanken, ob wir auch tatsächlich nur das Nötigste dabei haben und staple die Schneeschuhe und Wanderstecken auf den riesigen Haufen seltsamer Dinge zwischen mir und dem Beamten.

“Enough!”, ertönt es plötzlich hinter mir.

Die Untersuchung des Innenraums wird für beendet erklärt. Was für ein Glück. Erleichtert rapple ich mich auf.
Zurück im Zollgebäude fragt Sabine den Beamten schmunzelnd: „Und, was denken Sie, wie viele Gepäckstücke sind das?“
„Many“, antwortet er kopfschüttelnd.
Die Einreiseformalitäten sind damit abgeschlossen, wir bekommen ein Papier überreicht, doch gerade als wir einsteigen wollen, fällt ihm doch noch eine Frage ein.
„Habt ihr ein Fernglas dabei?“
„Sind Ferngläser in Usbekistan verboten?“, überlege ich. Oder hätte er selber gern eines? Warum bin ich überhaupt so misstrauisch? Wir wurden auf der gesamten Reise noch nicht einmal nach Schmiergeld gefragt. Statt uns zu beschummeln, wurden wir vielfach beschenkt und eingeladen. Unsere Erfahrungen lehren uns das genaue Gegenteil und doch vermute ich immer wieder eine Finte. Ich frage mich, ob ich dieses Misstrauen je ablegen kann.

Ich hole das Fernglas aus dem Schrank. Der Beamte greift vorsichtig zu, tritt auf die Mitte der Straße, stellt sich breitbeinig hin, legt das Fernglas an und richtet den Blick in Richtung der gut 300 Meter entfernten Grenzanlagen von Turkmenistan. Wie versteinert steht er da. Unbeweglich und konzentriert starrt er auf die Gebäude des Nachbarlandes.

Nach einer halben Minute nimmt er das Fernglas herunter, dreht sich zu uns um und sagt mit trockener Stimme: „The political situation in Turkmenistan is normal. Thank you.”

Zufrieden reicht er mir das Fernglas zurück: “Enjoy your time in Usbekistan!“

* * *

Sabine

KILOMETER 47.241 // USA. “We had an accident.”

“We had an accident!”, schreit mir die Fahrerin des Linienbusses entgegen und winkt wild mit den Armen.

Seit 45 Minuten stehen wir an einer Bushaltestelle im Zentrum von Los Angeles und warten. Ein langer Tag liegt hinter uns, die Sonne ist längst untergegangen und mit ihr die Wärme. Wir wollen nur noch zurück ins Hostel, doch der öffentliche Nahverkehr stellt uns auf eine Geduldsprobe. Die Zeitangaben sind kryptisch: Auf dem Fahrplan steht „alle 20 – 45 Minuten“ käme ein Bus. Ich erinnere mich an die Worte meines koreanischen Studienfreundes Min, der nicht glauben konnte, dass der Bus in Stuttgart um 08:28 um die Kurve biegt, wenn 08:29 auf dem Fahrplan steht. Jetzt kann ich nicht glauben, dass auch nur ein einziger Berufstätiger das Busnetz in Los Angeles gebrauchen kann.

“We had an accident!”

Neugierig strecke ich meinen Kopf in den Bus: Keine Scherben am Boden, kein Blut an den Wänden, keine verletzten Passagiere. Wovon spricht diese panisch fuchtelnde Frau am Steuer?
“Das ist Bier!” Sie deutet erklärend und mit weit aufgerissenen Augen auf eine kleine Pfütze im Eingangsbereich.
“Ah! Okay”, sage ich und setze meinen Fuß auf die erste Stufe, “das ist doch nicht so schlimm. Wir kommen aus Bayern.”

Aber so einfach ist das nicht. Die Busfahrerin erklärt, wir dürften unter keinen Umständen einsteigen. Würden wir ausrutschen und uns verletzen, könnten wir sie verklagen. Der Bus müsse nun erst zurück ins Depot und dort grundgereinigt werden, bevor neue Fahrgäste zusteigen dürften.
Wegen drei Tropfen verschüttetem Bier sollen wir weitere 45 Minuten warten?
“Was ist, wenn wir Ihnen ohne einzusteigen die Chipkarte reichen, Sie die Karten durch den Automaten vor Ihnen ziehen und wir dann durch die Hintertür einsteigen?”

Kurzes Zögern: “Ja. Okay. Das geht.”

Erleichtert nehmen wir im hinteren Busabschnitt Platz und sind gespannt auf den nächsten Halt. Die Tür öffnet sich, ein Mann setzt seinen Fuß auf die erste Stufe, die Fahrerin schreit und deutet auf den feuchten Boden, der Mann zuckt entsetzt, zieht sein Bein zurück, die Tür schließt sich, der Mann bleibt an der Haltestelle stehen und wartet nun wohl erneut 20 bis 45 Minuten auf den nächsten Bus.
Ich bin geneigt den Kopf zu schütteln, doch wir sind nicht auf Reisen um zu werten, sondern um zu beobachten und andere Herangehensweisen kennenzulernen. Aber das ist manchmal leichter gesagt als getan.

* * *

Foto Ecuador

Sabine

KILOMETER 62.528 // ECUADOR. WILDES TREIBEN AUF DEM TIERMARKT

Mit dem Grenzübertritt nach Ecuador ändert sich schlagartig der Straßenzustand. Auf einer perfekten Teerstraße erreichen wir Otavalo im Norden des Landes innerhalb von vier Stunden. Ein verschlafenes Städtchen, wenn man unter der Woche eintrifft.

Am Wochenende wandelt sich das Bild. Jeden Samstag findet hier der größte Handwerksmarkt Ecuadors statt. Neben zahlreichen Touristen strömen auch viele Bewohner der umliegenden Dörfer herbei. Der Stadtkern verwandelt sich in einen riesigen Markt, auf dem man von Decken über Tücher, Ponchos und Hosen bis hin zu Hängematten und Teppichen fast alles findet, was sich aus Wolle herstellen lässt.

Ein großer Teil der Otavaleños trägt auch im Alltag Tracht. Frauen umwickeln ihren langen schwarzen Zopf mit einem bunten Band, kleiden sich mit einer weißen bestickten Bluse, einem schwarz-beigen Wickelrock und schmücken sich mit auffallend vielen goldenen Halsketten. Viele Männer tragen einen Hut und einen dunklen Poncho.

Noch bevor der berühmte Handwerksmarkt beginnt, geht es in den frühen Morgenstunden etwas außerhalb auf dem Tiermarkt bereits hoch her. Aus den umliegenden Bergen kommen Bauern zusammen, um im ersten Morgenlicht Nutztiere zu kaufen oder zu verkaufen. Von Kühen und Schafen über Lamas bis hin zu Hunden, Hühnern und Meerschweinchen. Letztere werden hier cui genannt und nicht etwa als Haustiere verkauft. Sie landen erst auf dem Grill, dann auf den Tellern.

Während auf dem offenen Feld energisch um die noch lebenden Tiere gefeilscht wird, haben andere ihr Ende bereits in einem der großen blubbernden Kochtöpfe der Essensstände gefunden.

Duftet fein, aber Innereiensuppe um diese Uhrzeit? Danke, nein.

Langsam graut der Morgen, die Luft ist kühl und schmeckt nach feuchtem, aufgewirbeltem Staub. Wir stehen mitten im Trubel des Marktes. Vor mir quieken laut zwei Dutzend Meerschweinchen in einem geflochtenen Korb. Neben uns ziehen drei junge Männer widerspenstige Tiere aus den aufgereihten Kleintransportern. Die Besitzer zerren an den Stricken, die mal um den Kopf, mal um den Fuß des Tieres gewickelt sind. Eine Kuh poltert von der Ladefläche und quer durch die Menschenmenge. Links von uns wehrt sich ein Ferkel mit ohrenbetäubendem Gequieke gegen jede Art von Fortbewegung. Rechts eine ausgewachsene Sau, die sich losreißt und die Flucht antritt. Ihre Besitzerin springt hinterher, klammert sich an den Strick und rammt mit aller Kraft die Fersen in den Dreck. Die Sau bremst das nur unwesentlich. Im gleichen Moment kämpft sich ein paar Meter weiter ein riesiger Stier los, um seinem Trieb zu folgen und eine der vielen Kühe zu begatten. Drei ausgewachsene Männer schaffen es nicht, ihn zu bändigen, und werden von dem Koloss quer über das Feld geschleift. Alles springt zur Seite und macht Platz für das wild gewordene Tier. Nichts wie weg hier! Ab hinter den nächsten Lkw. Wieder schnauft es. Der nächste Bulle wird an uns vorbeigezerrt. Schnell ein paar Schritte zur Seite. Ich rutsche aus, fange mich gerade noch ab. Großartig, so ein Tiermarkt, denke ich und fange an, mir den Kuhfladen von meinem Schuh zu streifen.

* * *

Thomas

KILOMETER 96.682 // Namibia. WER PASST AUF DIE TIERE AUF?

Das Handy klingelt. Ich sehe auf die Uhr: 8.30 Uhr morgens. Verschlafen hebe ich ab: »Hmmm?«
»Thomas? Hier ist Paul. Kannst du in die Werkstatt kommen? Dein Kühler ist in Stücke zerfallen«, schallt es aus dem Telefon. Wie bitte? Gestern war er noch vollkommen in Ordnung. Er sollte doch nur gereinigt werden.

Wir stehen in Windhoek, und es gibt wieder einiges am Lkw zu schrauben. Die zwei Wochen, in denen uns Anne und Frank besucht hatten, wollten wir nicht unter dem Lkw verbringen. Nach den Dünen von Sossusvlei waren wir zusammen in Swakopmund, in der unwirtlichen Einsamkeit von Damaraland und durch das Desolation Valley nach Norden gefahren. Nach ein paar Tagen im Etosha-Nationalpark sind die beiden gestern zurück nach Luxemburg geflogen. Nun werden wir die lange To-do-Liste angehen, denn kein Tag vergeht, ohne dass uns Paula mit neuen Geräuschen daran erinnert, wie sehr die rauen Wellblechpisten ihrer alten Konstruktion das Äußerste abverlangen. Die Gummilager des Stabilisators sind zerbröselt, die Ersatzreifen haben Löcher, ein Ölwechsel steht an, ein Dichtring am Getriebe hat endgültig schlappgemacht, und die Pumpe der Servolenkung verteilt zunehmend Öl im Motorraum. Der Anlasser zickt, die Differenzialsperre schaltet nicht mehr richtig, und die Temperaturanzeige für das Kühlwasser hat ihr altes Leiden wiederentdeckt, springt nach Lust und Laune um zehn Grad hoch und runter. Jetzt ist bei der Reinigung auch noch der Kühler in seine Einzelteile zerfallen.

Manchmal möchte ich aufgeben, weil ständig dermaßen viel an diesem Lkw zu tun ist.

Drei Wochen stehen wir in Windhoek, bis schließlich alle defekten Teile repariert oder ersetzt sind. Es dauert einfach immer alles viel länger als gedacht. Jetzt endlich machen wir uns auf in den Norden Namibias.

Auf der ersten Etappe nach Norden testen wir Paula gleich auf Herz und Nieren. Schmale Sandwege, Steinpassagen und tiefe Spuren durch ausgetrocknete Flussläufe führen quer durch das Naturschutzgebiet der Palmwag Konzession. Die Strecke ist in großen Teilen extrem mühsam zu fahren, und wir schaffen in zehn Fahrstunden insgesamt nur 38 Kilometer. So langsam waren wir nicht einmal in der Mongolei. Dafür begegnen wir auch fünf Tage lang fast keinem anderen Menschen. Abends sitzen wir in einem einsamen Flussbett am Feuer, ein Steak brutzelt auf dem Grill. Am Morgen ziehen Giraffen durch das Gebüsch hinter uns. Pure Reiseromantik. Nur die Begegnung mit dem ausgewachsenen Wüstenelefanten, der sich uns in einem Tal gegenüberstellt und nicht zur Seite weichen will, ist weniger romantisch. Demonstrativ reißt er einen großen Zweig von einem der Bäume und lässt uns wissen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Und auch die frischen Löwenspuren, die am Morgen um Paula herum führen, machen unmissverständlich klar, dass wir hier schnell vom Betrachter zur wehrlosen Beute werden können.

Weite Teile im Nordwesten Namibias sind einsame Wüstengegend und quasi unbesiedelt. Je näher wir jedoch der Grenze zu Angola kommen, umso öfter sehen wir kleine Familienansiedlungen, denn hier lebt das Volk der Himba.

Auch heute ist es heiß und stickig. Zu dem Geschmack von trockenem Staub, den ich seit Tagen auf der Zunge habe, mischt sich der Duft von Weihrauch und Kräutern. Wenn ich mich umsehe, fällt mir noch etwas auf: Hauswände, Bushaltestellen, Sitzmöglichkeiten in der kleinen Stadt Opuwo sind von einer fast allgegenwärtigen dunkelroten Patina überzogen.

Der trocken-heißen Gegend angepasst, tragen viele Himba nur einen Lendenschurz. Die Frauen schützen sich vor der starken Sonne durch eine Paste aus Fett und zermahlenem rötlichem Ockerstein. Sie verleiht ihrer Haut einen samtigen rotbraunen Teint. Und wo immer die Himbafrauen sitzen, liegen oder sich an eine Hauswand lehnen, dort hinterlässt die Paste einen Abdruck. Den Kopf der Frauen zieren schul- terlange, ebenfalls mit Ockerpaste eingeriebene Zöpfe und eine Krone aus Tierhaut. Die Himba wirken auf mich fremd und anmutig.

In Opuwo stehen wir im Hinterhof eines kleinen Hotels, dort treffen wir Western. Er ist Anfang dreißig, trägt kurze schwarze Haare und auf der Stirn eine markante Narbe. Um seinen Hals baumelt eine Kette mit einem kleinen geschnitzten Elefanten. Er ist in einem Dorf der Himba geboren, lebt jetzt aber in der Stadt.

Im Gespräch erzählt er uns beiläufig, dass er als Kind von seiner Familie weggelaufen sei.

»Ich habe davon geträumt, eine Schule zu besuchen«, sagt Western, zögert kurz und verbessert: »Nein, das ist falsch. Eigentlich habe ich davon geträumt, einmal in meinem Leben in einem Auto zu sitzen. Die Kinder aus dem nächsten Dorf wurden jeden Tag mit dem Auto abgeholt, wenn sie zur Schule gebracht wurden. Das wollte ich auch. Eines Tages bin ich davongelaufen. Zuerst habe ich bei einer Hererofamilie gelebt, später war ich in so einer Art Internat. Das Schulgeld habe ich mit meinen Ziegen bezahlt.«
»Du hattest Ziegen?«, fragt Sabine nach.
»Wir Himba bekommen mit dem Tag unserer Geburt Zie- gen geschenkt. Über die konnte ich frei verfügen.«
»Und wie haben deine Eltern reagiert? Waren sie nicht böse auf dich?«, möchte ich wissen.
»Am Anfang schon. Aber nach zwei Jahren haben sie mir verziehen. Wenn ihr euch für unsere Kultur interessiert, kann ich mit euch in eines der Dörfer fahren. Wie wäre es morgen?«

Nach dem Frühstück am nächsten Tag fahren wir zu dritt aus der Stadt. Auf dem Weg erzählt uns Western mehr über sein Volk. Die Himba leben halbnomadisch von Viehzucht und Ackerbau, Wohlstand bemisst sich nach der Anzahl der Tiere. Die Kernfamilie der Himba besteht aus einem Ehe- mann, mehreren Ehefrauen und vielen Kindern, die gemeinsam in einem Kraal, einem Familiendorf, wohnen, wobei jede Frau eine eigene Hütte besitzt. Eine unverheiratete Frau gehört der Familie ihres Vaters an, nach der Heirat dann der Familie ihres Mannes. Außer- und voreheliche Beziehungen sind üblich. Stirbt der Ehemann, so geht sowohl sein Besitz als auch die Verantwortung für seine Familie an den erstgeborenen Sohn seiner Schwester.

Das klingt für mich erst einmal ungewöhnlich. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich die Idee dahinter. Ganz egal, wer stirbt, die Familie bleibt als funktionierende Einheit bestehen, und das ist in dieser kargen Gegend existenziell.

 

Foto Himba

Wir parken Paula einige Meter vor dem Kraal. Elf runde Lehmhütten mit Strohdächern stehen in einem großen Kreis auf einem weitläufigen, eingezäunten Areal. Vor zwei der Hütten sitzen Frauen und Kinder am Boden. Im Schatten eines Unterstands in der Mitte ist eine Gruppe älterer Frauen mit Flechtarbeiten beschäftigt. Unser Besuch wird mit freundlicher Gelassenheit aufgenommen. Ein paar Kinder rennen auf uns zu, sonst verbreitet unsere Anwesenheit keinerlei Aufregung. Wir setzen uns zusammen mit Wes- tern zu drei Frauen vor einer Hütte auf den Boden. Western stellt uns vor, die Damen machen eine Bemerkung, lachen, aber lassen sich nicht von ihrer Arbeit abbringen. Eine von ihnen zermahlt mit einem Stein rote Erde zu feinem Pulver, die nächste schneidet mit einem kleinen Messer Löcher in ein Stück Leder, und die dritte flicht eine Art Bast um eine hohle Kalebasse. Einige Meter entfernt brennt ein kleines Feuer. Zwei ältere Mädchen mit zwei nach vorne geflochtenen Zöpfen legen trockene Zweige nach und kochen Pap, den typischen Maisbrei. Andere Kinder kümmern sich um kleinere Geschwister oder spielen gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern Fußball.

»Baut ihr auch Gemüse an?«, frage ich.
»Zurzeit nicht«, übersetzt Western, »es hat lange nicht geregnet. Es gibt nicht genug Wasser.«
»Wie lange müsst ihr denn zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen?«
Die drei überlegen, besprechen sich, dann antworten sie. Ich sehe Western fragend an, weil er uns die Antwort nicht übersetzt, sondern den Kopf schüttelt und lacht.
»Sie sagt: eine Minute. Der Brunnen ist aber etwa drei Kilometer entfernt«, erklärt er dann. »Die Frauen haben keine Vorstellung davon, wie lange ein Minute ist.«
Ich nicke und komme ins Nachdenken. Zeit in Form von Stunden, Minuten und Sekunden ist in unserer Welt allgegenwärtig, sie bestimmt unser Leben. Sie ist kostbar, man darf sie nicht verschwenden, heißt es. Hier im Dorf scheint Zeit, so wie wir sie kennen, nicht zu existieren.
Die Frauen bitten Western darum, uns zu fragen, woher wir kommen und was wir tun. Wir erzählen von unserer langen Reise, dass wir seit vielen Jahren unterwegs sind und im Auto leben. Als Western übersetzt, blicken die Frauen auf und fragen nach: »Wenn ihr so lange unterwegs seid, wer passt dann auf eure Tiere auf?«
»Wir haben keine Tiere«, antworte ich.
»Keine Tiere? Und wo sind eure Kinder?«

»Wir haben keine Kinder.« Die Frauen schütteln verständnislos die Köpfe.

Ihr Gesichtsausdruck verändert sich, ihr Blick ist voller Mitgefühl, voller Mitleid.

So unterschiedlich kann die Perspektive auf ein erfülltes Leben sein. Der westliche Blick sieht die kleinen Lehmhütten ohne Strom- und Wasserversorgung, sieht, dass die Himba nichts besitzen als ein paar Tiere, sieht die Kinder, die nicht in der Schule sitzen, sondern halb nackt und barfuß herumtoben und ihren Eltern bei alltäglichen Arbeiten helfen. Nach westlichem Maßstab sind die Himba arm. Bemitleidenswert arm.

Für die drei Himbafrauen sind hingegen wir die Ärmsten der Armen. Uns gehört kein einziges Tier. Wir tragen hässliche Kleidung und nicht ein einziges Schmuckstück. Wir haben keine Kinder, Sabine ist meine einzige Frau. Falls mir etwas zustößt, ist sie komplett auf sich allein gestellt, denn ich habe noch nicht einmal eine Schwester, deren Sohn dann für Sabine verantwortlich wäre. Alles in allem besitzen wir nichts von dem, was für die Himba von Wert ist. Wir haben einen großen Teil unseres bisherigen Lebens damit verbracht, Abitur und Universitätsabschlüsse zu erlangen. In der Welt der Himba könnten wir nicht einmal überleben.

* * *

Infos & Empfehlungen


Sechs Jahre Weltumrundung: Im Lkw-Oldtimer durch 54 Länder

7,5 Tonnen schwer, 32 Jahre alt – das ist Paula, ein Mercedes-Lkw mit Oldtimer-Status, den Sabine Hoppe und Thomas Rahn zu ihrem neuen Zuhause erklären. Statt nach dem Studium direkt ins Berufsleben einzusteigen, beschließen die beiden, auf Weltreise zu gehen. Dass sie erst sechs Jahre später wieder zurückkehren werden, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie durchqueren Asien, reisen entlang der legendären Panamericana von Kanada bis Feuerland und fahren der Länge nach durch Afrika. Sie teilen mit Nomaden das Feuer, entgehen nur knapp einem Bürgerkrieg und kämpfen mit zahlreichen Pannen. Jeder Tag hält neue Herausforderungen und unerwartete Begegnungen für sie bereit – ein packender Bericht über einen Roadtrip ins Ungewisse.

Weiterlesen

Traumschiff

Kreuzfahrt in der Karibik

Traumschiff

Ich wollte ausprobieren, ob ich ein normaler Urlauber sein kann. Der sich in die Sonne legt, all inclusive isst und trinkt, sich wohlfühlt im Wohlfühlprogramm des Reiseanbieters. Dem Abenteuer zu anstrengend ist. Ich mache eine Kreuzfahrt in der Karibik. Von Philipp Laage.

Episode starten

Die große Freiheit

Elternzeit in Norwegen

Die große Freiheit

Mit ihrem Sohn verbringen Artis und Renate ihre Elternzeit in Norwegen. In ihrem Volkswagen T4, genannt der Dicke, gehen sie auf die Suche nach der großen Freiheit.

Episode starten

Eine Episode von

Abseitsreisen.de

Sabine Hoppe & Thomas Rahn

Sabine Hoppe 1980 in Hirschau geboren, studierte ab 2000 Kunst und Germanistik in Regensburg und München. Im Anschluss studierte sie Malerei in Stuttgart. Seit Abschluss ihres Studiums lebt sie als Freie Künstlerin und arbeitete während der Reise an dem länderübergreifenden Kunstprojekt ‚Ferne Welten‘. Aktuell arbeitet sie außerdem als Lehrerin im Allgäu. Einige ihrer Arbeiten gibt es auf www.sabine-hoppe.de

Thomas Rahn wurde 1980 in Amberg geboren. Er studierte Architektur in München und Forstwissenschaft in Weihenstephan. Nach Abschluss beider Fächer zum Diplom, beschäftigte er sich wissenschaftlich mit Umweltwahrnehmung. Seit 2010 arbeitet er freiberuflich als Vortragsreferent und präsentiert die Etappen der sechsjährigen Weltumrundung in live kommentierten Fotoreportagen.

Mehr über sie: Abseitsreisen.de

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis