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The Travel Episodes

 

 

Grönland

Ausgesetzt – Im Land der Menschen

von David Franz

 

„Takoqqissaagut“, wir werden uns wiedersehen, rief Minik, mein Inuk-Freund, der in Maniitsoq, einer kleinen Inselsiedlung mitten im westgrönländischen Fjordlabyrinth, geboren wurde. Inuk, „Mensch“, oder Inuit, „Menschen“, das sind die Bewohner der größten Insel der Welt. Isoliert leben sie seit Jahrhunderten am Rande der Zivilisation, so dass es in ihrer Sprache kein Wort für andere gibt. Zu lange dachte die Bevölkerung der mächtigen Eisinsel, dass sie die einzigen in der großen nur von gefrorenem Wasser und Tundra geprägten weißen Welt sind. Deswegen ist Grönland, Kalaallit Nunaat, das Land der Menschen. 0,026 Einwohner pro Quadratkilometer beweisen beeindruckend, dass die Natur im Menschenland allgegenwärtig und völlig überdimensional ist – die Inuit mussten also gezwungenermaßen glauben, in der großen Abgelegenheit die einzigen Menschen weit und breit zu sein. Und in der Tat, schon der Anblick des mächtigen Eispanzers und der unendlichen Weiten der Fjordlandschaften lässt erahnen, wie unberührt dieses Land wirklich ist.

EIN FREUND UND LEHRER

„No bears …, no bears …“, sagte Minik immer wieder mit leiser und ausgeglichener Stimme zu mir. Er musterte mich Minuten lang in völliger Stille und es kam mir vor, als könne er meine Seele lesen. Er kannte die Angst vor Bären und die Angst vor der Einsamkeit ganz genau und wusste in diesem Moment vielleicht besser als ich, in welch großes und welch gefährliches Abenteuer ich mich gerade stürzte. Minik war ein sehr junger Mann, aber schon jetzt besaß er eine Ausstrahlung mit einer schier unbeschreiblichen Wirkung auf mich. Wie ein alter Schamane mit magischen Fähigkeiten stand er schweigsam vor mir und zeigte mir die Kräuter der grönländischen Tundra. Er las die Wildnis und präsentierte mir „Qajaasat“ und „Kuannit“, welche vitaminreiche nahrhafte Kräuter sind, die mir Kraft und Durchhaltevermögen auf meinem Weg schenken sollten. Ohne den charakterstarken Minik, mit dem ich gerade am Ausgangspunkt meiner Wanderung stand, hätte ich in keiner Weise all die hilfreichen Informationen über die wilde grönländische Landschaft erfahren. Nie zuvor hatte ich das Land der Menschen besucht und es schien auch, als ob nie zuvor ein Mensch einen Fuß auf dieses Stück Land am Ende dieses abgelegenen Fjords gesetzt hatte. „I no never here, Takuss David“, ich war noch nie hier, auf Wiedersehen David, sagte er schließlich in einem sehr gebrochenen Englisch und winkte mir noch einmal zu.

DURCH TUNDRA- UND FJORDLANDSCHAFTEN

Minik hatte mich mit seinem Freund Nuka an diesem wilden Ort, welcher gut eine Bootsstunde von der Insel Maniitsoq entfernt lag, ausgesetzt. Unsere Bootsfahrt führte uns über die Meerenge der Davisstraße, hinein in ein mystisches Meer aus Inseln und hohen Bergen, bis hin zu dieser Fjordspitze. Mein Plan war es, von hier aus das ungefähr 230 Kilometer entfernte Kangerlussuaq zu Fuß zu erreichen. Auf meinem Weg, der durch Tundra- und Fjordlandschaften führen sollte, gibt es kein einziges Zeichen der Zivilisation, sondern nur Eis, Berge und die arktische Tierwelt. Noch nie hatte ich solch eine abenteuerliche Unternehmung in einem so abgelegenen Gebiet geplant. Schon während der Bootsüberfahrt begutachtete ich ehrfürchtig und respektvoll die umliegende Natur. Überall thronten die mächtigen Berge, welche morphologisch gesehen eine der ältesten dieses Planeten sind, über dem unberührten Land. Die Skyline dieser satten Erhebungen stimmte mich nachdenklich und ließ mich schon während der Bootsfahrt an meinem Vorhaben zweifeln. Es war die Angst, die sich durch meinen Körper bohrte. Und um ehrlich zu sein: Ich hatte die Hosen mächtig voll. Dieser unberührte Fleck Erde, hier am Ende der Welt, brachte mich, ohne dass ich einen Meter gewandert bin, in eine mentale Zwickmühle – ich war beunruhigt und ich fürchtete mich. Meine Vorfreude auf dieses Abenteuer war der Angst gewichen.
 

 
Große Sorge bereitete mir auch mein Zeitplan, denn schon bei der Ankunft auf Grönland hatte ich zwei meiner insgesamt drei Reservetage wegen einer Schlechtwetterfront, welche das kleine Dash-8-Propellerflugzeug daran hinderte in Maniitsoq zu landen, verloren. Erst sehr verspätet stand ich also an meinem Startpunkt und von nun an durfte nichts mehr schiefgehen. Das Satellitentelefon, das ich bei mir trug, war für die nächsten Wochen mein einziges Kommunikationsmittel, um gegebenenfalls Hilfe zu rufen. Von weitem hörte ich noch das letzte Motorengeräusch von Miniks Schlauchboot, bis endgültig alles verstummte. Die Zivilisation drehte sich weg und die Stille hatte gewonnen – ich war ausgesetzt und allein.

DER KÖNIG DER ARKTIS

Ich brach auf, setzte meine Beine für einen weiten Weg in Bewegung und marschierte durch die wild-romantische Farbenwelt der Arktis. Die Wolken hingen tief, die Temperaturen waren nahe dem Gefrierpunkt und die Berge sangen eine melancholische Melodie, die mich tief in meinem Inneren berührte. Die Hochebene, die ich versuchte zu erreichen, war von einer dicken Wolkendecke umhüllt. Stück für Stück schob ich meinen riesigen Rucksack den Berg hinauf. 700 Höhenmeter auf den ersten 2 Kilometern waren kein Kindergeburtstag. Immer wieder musste ich kleinere Pausen einlegen und ich merkte, dass meine gewohnte Kraft schon zu Beginn meiner Reise völlig verpufft war. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich diesmal mental nicht in der Lage war die Wanderung durchzustehen.

Ich hatte große Zweifel. Eigentlich wusste ich sehr genau, was es bedeutete in solch einer Landschaft unterwegs zu sein, aber eben bekam ich ein komisches Bauchgefühl, welches mir sagte, dass ich genau jetzt lieber nicht hier sein sollte. Ich machte mir viele Gedanken, war kraftlos, schlapp und weinerlich. Und auch der König der Arktis trug seinen ganz persönlichen Teil zur Angst bei. Ich bekam ihn nicht mehr aus meinem Kopf. Obwohl ich mich vorher ausführlich über die Wahrscheinlichkeit des weißen Riesen entlang meiner Wanderung informiert hatte, gab es jedoch keine hundertprozentige Sicherheit ihm nicht zu begegnen. Ich wiederholte immer wieder Miniks Worte, als wäre sie ein Mantra, „no bears …, no bears …“, während ich mich langsam den Berg hinaufhievte.

DRAMATISCHES GRÖNLAND

Vor mir öffnete sich der Wolkenvorhang, kurz nachdem ich das Plateau des Bergs erreicht hatte. Es war gerade zehn Uhr abends und ich saß geschlagene zwei Stunden wie angewurzelt in meinem Zelt und genoss das Panorama. Grönland war dramatisch. Die Felshänge und Gletscher, von denen ich umzingelt war, wurden vom Licht der tief stehenden Sonne erreicht und hoben sich markant vom Rest der Landschaft ab. Es war ein Farbenspiel, welches nur hier im hohen Norden so lange und intensiv bewundert werden kann. Ewig hätte ich hier verweilen können – in meinem Zimmer mit Aussicht.

In den nächsten Tagen wanderte ich durch unberührte Täler, vorbei an mächtigen Wasserfällen, ungezähmten Flüssen und fulminanten Bergmassiven. So weit ich sehen konnte – ich sah die Unberührtheit. Ich hatte mich nur sehr langsam an die grönländische Tundra angepasst, aber jetzt konnte ich die große weite arktische Welt mit ganzer Freude betrachten und war wieder drin, im Wildnis-Modus. Die verlorengeglaubte Kraft und Energie war auf einmal wieder da. Ich setzte meinen Rucksack ab und lief. Ich war besessen von der Landschaft und wollte jeden Zentimeter dieser wilden Welt erforschen. Ohne das hohe Gewicht auf meinem Rücken erklomm ich einen namenlosen Berg. Auf dessen Spitze breitete ich meine Arme aus, saugte die saubere arktische Luft in meine Lungen, hielt den Atem in völliger Stille an und schrie danach, so laut ich konnte. Mein ganzer Körper vibrierte. Es dauerte eine halbe Minute, ehe ich meinen Mund wieder schloss und meine Ohren das Echo des Schalls verfolgen konnten. In der Ferne sah ich Rentiere galoppieren und über mir kreisten riesige Weißkopfadler. Mein Körper kippelte noch immer vom Schrei und ein kalter Wind blies mir ins Gesicht. Ich sah in die Ferne – ich spürte das Leben.

MÄCHTIGE SCHNEEFELDER

Doch bereits jetzt, Ende Juli, bemerkte ich, dass der harte arktische Winter bald hierher zurückkehren wird. Jeden Abend sanken die Temperaturen bis an den Gefrierpunkt – es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit. Überall sichtete ich große Schneefelder, die mein Vorankommen immer mehr erschwerten. Nicht selten versank ich knietief im Schnee und kam nur mit großer Mühe aus der weißen Masse heraus. Am Anfang hatte ich noch versucht, im Slalom um die Schneemassen herumzumarschieren. Aber nach einigen Kilometern wurde der Schnee so dicht, dass ich jetzt an dieser Stelle, umzingelt von riesigen Gletschern und Bergmassiven, nicht mehr weiter kam. Ich war erschöpft und schlug mein Zelt auf einer der schneefreien Millionen von Jahren alten Felstrümmern auf.

Am nächsten Morgen begutachtete ich die Situation erneut. Ganze acht Stunden verbrachte ich damit einen geeigneten Weg durch die Schneefelder zu finden. Somit wurde mir klar, dass ich nie und nimmer mein Ziel in dem von mir festgelegen Zeitrahmen erreichen konnte. Im Prinzip hatte ich durch die Suchaktion einen weiteren Tag verloren, womit ich keine Reservetage mehr besaß. Ich dachte sehr lange über meine Situation nach. Ich saß jetzt, nach ungefähr 60 bis 70 Kilometern Fußmarsch, auf einem Felsen und kam nicht mehr weiter. Der Wind peitschte fürchterlich und es begann zu regnen. In der Nacht fiel das Quecksilber auf minus sieben Grad und am nächsten Morgen konnte ich im dichten Nebel nicht weiter als einen Meter schauen. Die Idee, eine Wanderung sei planbar, ist eine Illusion. Die Natur führte hier Regie. Erst die verpasste Landung durch einen Sturm und jetzt waren es die riesigen Schneefelder und die extrem kalten Temperaturen, die ein Weiterkommen unmöglich machten. Mein initialer Plan wurde gänzlich verschoben, oder besser gesagt in Luft aufgelöst.

PLAN B

Ich kam mir vor, als wäre ich Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel – und genau so war es, menschenleer und isoliert. Jetzt drehte ich um und stieg in ein entlegenes Tal hinab und versuchte dort meine Wanderung auf Umwegen fortzusetzen. Der Nebel war endlich verdampft und ich musste mich immer wieder selbst motivieren weiterzulaufen. Es ging hoch und runter und der vor mir liegende Anstieg wurde zum anstrengendsten meiner gesamten Wanderung. Meine Wanderstöcke kamen hier nicht mehr zum Einsatz, denn das große Felsenmeer, das am Hang des Berges lag, musste ich auf allen vieren bezwingen. Es war eine hohe Belastung für meinen Körper. Die Felsen waren mit Jahrtausende alten feuchten Pflanzenflechten übersät, welche den Stein gefährlich rutschig machten – ich musste hochkonzentriert sein. Wie auf rohen Eiern erklomm ich Schritt für Schritt das uralte Bergmassiv. Direkt neben mir tobte ein 200 Meter hoher Wasserfall. Die Wassermassen waren so laut, dass der tosende Lärm die Stille der Landschaft raubte. Oberhalb des Wasserfalls verbarg sich ein spektakulärer Glazialsee. Die Oberfläche war glatt wie ein Spiegel und sogar die Ränder des Sees waren noch leicht gefroren. Dies war ein weiteres Indiz dafür, das der Winter in diesem Jahr sehr lang gewesen sein muss. Ich versuchte mit meinen Wanderstöcken das Eis zu zerhacken, um einen kleinen Eingang zu erschaffen, in dem ich später mein Rucksackboot einlassen konnte. Das zentimeterdünne Eis war sehr scharfkantig und ich musste sichergehen, dass mein Boot davon nicht beschädigt wurde. Nach einer Weile konnte ich es dann endlich zu Wasser lassen und paddelte langsam über den einsamen See.

Ich blickte mich ständig um und konnte es nicht fassen, dass ich jetzt hier, mitten auf einem Glazialsee, durch die grönländische Tundra paddelte. Das Tosen des Wasserfalls war nun schon lange verstummt und mich begleitete nur noch das sanfte Plätschern des Wassers, welches durch die Bewegungen meiner Paddel erzeugte wurde. Es war windstill und die Landschaft um mich herum strahlte eine friedliche, ja fast schon geborgene Stimmung aus. Fest eingemummelt saß ich mit meiner enganliegen Schwimmweste in meinem kleinen Miniboot und kam mir vor, als wäre ich ein Entdecker vergangener Jahrhunderte. Ich fühlte mich pudelwohl, so wie ich es von meinen bisherigen Wanderungen schon kannte. Da war wieder dieses Gefühl der Leichtigkeit, Neugier und puren Glückseligkeit – meine anfängliche Furcht, sie war nun endgültig verflogen.
Dort in der Ferne, am anderen Ufer, sah ich weitere Schneefelder. Ich wusste, die mystisch weißen Massen werden mein Weiterkommen ein für alle Mal begraben. Ich musste es akzeptieren. Nach nun 60 weiteren Kilometern, wollte ich nicht den Helden spielen und auf Teufel komm raus über brüchige Eisflächen und Schneefelder marschieren. Bei meinen Wanderungen geht es nicht darum, etwas Einzigartiges, Gefährliches und Verrücktes zu tun, sondern es geht darum eine gute Zeit in der Natur zu haben. Nicht mehr und nicht weniger. Ich will mich besinnen, mich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren und nicht mein Leben aufs Spiel setzen. Deswegen gab es für mich auch nur einen einzigen logischen Entschluss, als ich auf der anderen Seite des Sees angekommen war – Abbruch.

EIN INNERER ERFOLG

Der ein oder andere mag meine Entscheidung als Scheitern einstufen, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Abenteuer war für mich ein persönlicher Erfolg, denn Grönland hat mir gezeigt, dass nichts, aber auch überhaupt nichts im Leben planbar ist. Es gibt zu viele Faktoren, die wir im Leben nicht kontrollieren können – und das müssen wir akzeptieren. Mein Abenteuer ist dafür eine perfekte Analogie. Ich hatte eine wunderbare Zeit auf der größten Insel der Welt, in völliger Einsamkeit. Und ich habe großartige neue Inuk-Freunde kennengelernt. Die Erlebnisse werde ich alle mit nach Hause nehmen. Wildniswandern – das ist mein Leben und ich bin verliebt in die Weiten dieser unberührten Landschaften. In der Sprache der Inuit gibt es kein Wort für Stress, Hektik oder schnell, und ich habe erfahren warum. Es dauerte weitere vier Tage, bis mich Minik und Nuka am Ende des Fjords abgeholt haben. Mein Sattelitentelefon war meine Lebensversicherung. Als ich schließlich das kleine Boot am Horizont durch mein Fernglas ausmachte, sprang ich in die Luft und rannte so schnell ich konnte ans Ufer, um meine Wanderstöcke als ein „Hier-bin-ich-Signal“ durch die Luft zu schwenken. Jetzt hatten sie mich endlich entdeckt und steuerten direkt auf mich zu. „Qujanaq, Kalaallit Nunaat“ – Danke, Grönland – für dieses großartige Abenteuer.

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David Franz

Nach meinem Informatik-Studium 2009 verbrachte ich die meiste Lebenszeit am Computer. Doch seit dem frühen Tod meines Vaters hat sich das geändert. Niedergeschmettert vom Schicksalsschlag suchte ich auf einer dreimonatigen Solo-Wanderung quer durch Island die Antwort auf meine Trauer. Dabei öffnete ich mein Herz und entdeckte meine Leidenschaft für Abenteuer und Wildnis. Der PC dient nun lediglich dem Bearbeiten meiner Landschaftsbilder von den entlegensten Winkeln dieser Erde.

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