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The Travel Episodes

Seefahrt mit Huhn

Gefangen im Eis

Gemeinsam mit seinem Huhn Monique bereist Guirec Soudée 5 Jahre lang die Meere vom Nordpol bis zum Südpol. In grönländischen Gewässern lassen die beiden Guirecs Kindheitstraum wahr werden: einmal im arktischen Eis eingefroren sein.

20.Dezember

Ich wache um elf Uhr auf, werfe wie üblich einen Blick aus dem Bullauge und Überraschung! Eine dünne graue Schicht bedeckt das Meer. Das ist kein Schnee. Sonst würde ich nämlich durchs Fenster gar nichts sehen können.

Was ich dann draußen vorfinde, ist von atemberaubender Schönheit. Das Eis hat sich um das Boot geschlossen und erstreckt sich nun überall hin, bis zur Küste. Es ist soweit! Endlich! Packeis! Das Packeis bildet sich!! Seit einem Monat warte ich, ja lauere regelrecht darauf und frage mich: »Wann verdammt noch mal kommt es endlich?« Und voilà – da ist es! Hammer! Endlich kriegen wir unseren arktischen Winter. Schlagartig war es da, innerhalb kürzester Zeit! Gestern gab es nur ein paar Eisbrocken, die auf der Oberfläche trieben. Und heute ist da ein Meer aus Eis.

Staunend beobachte ich, wie vor meinen Augen mein Kindheitstraum wahr wird.

Das Packeis scheint von Stunde zu Stunde dicker zu werden, es ist pure Magie. Ich untersuche das Eis mit meinem Tooq. Es ist schon einige Zentimeter dick. In drei oder vier Tagen sollte man seelenruhig darauf herumlaufen können.

In Saqqaq hat ein Fischer mir die eiserne Regel mitgegeben: Solange du dein Boot bewegen kannst, darfst du nicht auf das Eis. Und im Inneren der Yvinec spüre ich noch Schwingungen. Auf den ersten Blick sieht alles fest aus, aber wenn man genauer hinschaut, ist zwischen dem Packeis und dem Rumpf immer noch Wasser. Also ein wenig Geduld.

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Währenddessen muss ich im Boot bleiben und die Zeit totschlagen. Ich schaue Monique zu, die ihren Schnabel überall hinsteckt, aber nichts zum Aufpicken findet. Die Ärmste! Was wird sie nur anfangen, wenn ich losziehe und mich beim Kitesurfen oder mit meinen Skiern auf dem Ewigen Eis vergnüge? Kann ich sie mitnehmen? In der Karibik sind wir schließlich auch gesurft und haben Stand Up Paddling gemacht. Aber hier sind wir nicht in den Tropen, sondern am Nordpol … Und wenn ich ihr einen Pulli stricke? Gleichzeitig eine prima Idee, um mich zu beschäftigen.

Aber womit? Ich habe nicht nur keine Ahnung vom Stricken, es sind auch keine Wollknäuel oder Stricknadeln an Bord. Okay, ich hab zwar kein Garn, dafür aber etwas Besseres: lauter Dinge, die schon gestrickt sind! Handschuhe und extrawarme Socken, die ich in Halifax gekauft habe. Das sind dank meines Hangs zur Übertreibung mindestens zehn Paar grüne Wollstrümpfe. Davon kann ich gerne eines für Momo opfern. Ich nehme ein scharfes Küchenmesser und lege die Handschuhe aufs Schneidbrett. Ich trenne sie an der Seite auf. Danach muss man doch bloß noch die Stücke neu zusammenfügen und ein Loch für den Kopf und ein anderes hinten für den Po lassen. Und an den Seiten Löcher für die Flügel. Also, Segel habe ich bereits geflickt, da sollte ich das wohl hinbekommen. Zuerst muss ich – Meterband in der einen Hand, Momo im anderen Arm – Maß nehmen, wie ein richtiger Schneider.

»Brustumfang: 49 Zentimeter.«
»Länge: 20 Zentimeter.«
»Flügelbreite: 10 Zentimeter.«

Dann mache ich mich an die Arbeit.

Das beschäftigt mich eine ganze Weile. Eigentlich war das mehr Heimwerken als Haute Couture! Toll sieht der Pulli jetzt nicht gerade aus, aber sobald Monique ihn trägt, wird man die Fehler nicht mehr bemerken. Hauptsache, er hält sie warm. Die Anprobe gestaltet sich am Anfang etwas schwierig, aber irgendwann wehrt sie sich nicht mehr und ich kann sogar einige sehr lustige Fotos schießen. Doch bald windet sie sich und zerrt mit ihrem Schnabel und den Krallen an der Wolle. Schließlich ziehe ich ihr das Teil wieder aus, dem sie gerade den Garaus machen will. Sie hat Glück, heute bin ich guter Laune. Aber ich glaube kaum, dass ich das Experiment wiederholen will. Schade, sie sah so hübsch aus in ihrem kleinen Pulli. Und Grün steht Rotschöpfen ja ausgezeichnet!

Am Abend lege ich mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft in der Bucht ohne Sorgen schlafen. Ich kann es gar nicht erwarten, morgen die Dicke der Eisschicht zu messen.

* * *

Wenn ich im Verlauf meines Abenteuers eins gelernt habe, dann, dass man sich nie zu früh freuen soll. Gegen die Natur kann der Mensch nicht gewinnen. Sie hat immer das letzte Wort.

Das Packeis hat gerade mal zwei Tage gehalten. In der Nacht darauf kam Wind auf, der seitdem mit Spitzen von 35, sogar 40 Knoten bläst. In meiner Koje spüre ich, wie das Schiff schwankt. Das Eis dämpft die Bewegungen, ich komme mir vor, als würden wir im Schlamm feststecken.

Es hat sich Dünung gebildet, sie wogt unter der dünnen Eisschicht und beginnt, diese aufzubrechen. Die Wellenbewegung wirft die Eisstücke hin und her, die sich in den Wogen Schwung holen. Das Eis ist nicht sehr dick, deshalb geht es noch, aber wenn ein Eisberg mit der gleichen Wucht gegen den Rumpf geworfen wird … Was tun? Es ist auf jeden Fall zu viel Eis, um den Anker zu lichten.

Am Morgen des dritten Tages hat sich der Wind ein wenig gelegt. Im ersten Tageslicht klettere ich bis zur obersten Saling. Ein unvorstellbarer Anblick, das gesamte Packeis hat sich verschoben, es sieht aus wie ein Riesenpuzzle!

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24. Dezember

Der Wind setzt wieder ein, und ich sehe, wie mein Riesenpuzzle in Bewegung kommt, die Packeisschollen driften zur Küste und stapeln sich übereinander wie Wagen beim Autoskooter. Was ich da beobachte, hat mit den dünnen Schollen, die bei der geringsten Erschütterung Risse bekamen, nichts mehr zu tun. Ein Inferno aus dicken Platten, hart wie Stein. Und mittendrin in diesem Chaos die Yvinec. Monique und ich müssen befürchten, jeden Moment zwischen zwei Platten zerquetscht zu werden. Die Kette der Anker ist im Eis festgefroren, die beiden haben dem Gewicht des Bootes, das wegen des überall anhängenden Eises deutlich schwerer geworden ist, nichts mehr entgegenzusetzen. Wir werden an die Küste getrieben. Ich höre, wie die Kette scheuert, spüre, wie die Anker über den Boden schaben, das Boot schwankt. Die Sichtweite ist gleich null, der Wind bläst mit 30 Knoten und schickt uns in Böen den ganzen Schnee her, der sich von den Bergen gelöst hat. Ohnmächtig starre ich ununterbrochen aufs Echolot und versuche abzuschätzen, wie viel uns noch von den Untiefen trennt. Die Nadel des Echolots geht immer weiter nach unten, von 20 Meter auf 18, dann 16, bis auf 4 Meter, bald wird das Boot auf Grund laufen.
Ich ziehe meinen Überlebensanzug an und bereite die wasserdichten Taschen vor: die mit meinem Survivalkit aus einem Zelt und gefriergetrockneter Nahrung, und die andere, in die ich packe, was ich sonst noch brauche: Schlafsack, Kocher, Kleidung, Reis, Körner für Monique, Stirnlampe … Ich stelle die Taschen neben mich, setze mich auf die Koje, nehme Monique auf meine Knie und warte.

Voilà – wir sind aufgelaufen. Im Moment haben wir noch kein Leck, daher verlassen wir das Boot nicht. Das ist Regel Nummer eins der Seefahrt:

Solange dein Schiff noch schwimmt, gehst du nicht von Bord.

Wir haben das Glück, dass unser Segelboot einen Rumpf aus Stahl hat. Mit einem Modell aus Kunststoff wären wir bereits gekentert. Ja, wir sind gestrandet, aber wir haben es warm und sind vor dem Wind geschützt. Was danach kommt, keine Ahnung. Und außerdem, anders als normalerweise angenommen wird, bedeutet auf Grund zu laufen ja nicht den sicheren Tod. Alles hängt vom Gelände ab – Sand oder Steine –, von den Wellen, der Windstärke, der Strömung und den Gezeiten …

Ich warte immer noch ab. Und trotz meines angeborenen Optimismus fängt es in meinem Kopf zu rumoren an. Ich sehe vor mir, wie das Wasser hoch bis zu den Bullaugen steigt, wie das Packeis sich festsetzt; und wir mitten drin, alle Ausgänge vom Eis blockiert, der Ofen nicht zu gebrauchen, weil das Boot Schlagseite hat, die stetig sinkende Temperatur … Monate später finden Fischer ein tiefgefrorenes Huhn und einen ebensolchen Segler …

Düstere Gedanken sind das Letzte, was man brauchen kann, wenn man so in der Scheiße sitzt. Sobald man die Hoffnung verliert, ist es vorbei. Siege werden im Kopf errungen. Und endlich stelle ich mir vor, wie ich das Boot wieder flott mache und von hier verschwinde.

Fest verbarrikadiert unter Deck lauschen Monique und ich dem pfeifenden Wind. Das Boot krängt, dann richtet es sich wieder auf, nur um sich gleich darauf wieder zur Seite zu legen. Alles erzittert. Die Bücher fallen aus den Regalen, das Geschirr rutscht in der Spüle hin und her. Durch die Bullaugen sieht man, wie riesige Wasserladungen und Eis über uns hereinbrechen. Ich mache mir große Sorgen. Das Getöse ist ohrenbetäubend. Ich leide mit meinem Boot. Und habe das Gefühl, dass hier gleich alles auseinanderbricht.
Monique sitzt immer noch auf meinen Knien und rührt sich nicht. Sie schaut mich ein wenig besorgt an, sie weiß, dass das hier nicht normal ist. Ich streichele sie, sage ihr, dass alles gut gehen wird, und dass wir hier heil rauskommen. Indem ich sie beruhige, beruhige ich mich selbst. Die arme Momo … Wo hab ich sie da nur mit reingezogen? Falls wir das Boot verlassen müssen, wird sie das nicht überleben.

Anscheinend hat uns unser Glück nicht ganz im Stich gelassen. Ich habe den Eindruck, dass wir es an den Felsen vorbeigeschafft haben und auf Sand aufliegen. Und am nächsten Morgen bestätigt sich das. Der Wind hat gedreht und dank der Flut sind wir wieder flott. Ich starte den Motor und wir werfen den Anker in 20 Meter Tiefe.

Am Abend kann ich die Sterne von meinem Schlafplatz aus schon wieder mit einem Lächeln begrüßen.

So haben Monique und ich unser zweites gemeinsames Weihnachten verbracht … Im letzten Jahr haben wir noch (ich zumindest) in Badehose auf dem karibischen Inselchen Saint-Barth gefeiert und von Deck aus ein herrliches Feuerwerk bewundert. Heute gibt es keine Extrawurst zum Fest: Reis für den einen, Körner für die andere …

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* * *

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Am 28. Dezember sind wir schon über einen Monat hier und frieren uns den Arsch ab und immer noch gibt es kein Packeis. Der Wind weht die ganze Nacht … die hier zwanzig Stunden dauert. Kurz gesagt, es herrschen immer noch nicht alle nötigen Bedingungen, damit sich Packeis bildet. Ich kann das Boot nicht verlassen und allmählich gehen unsere Süßwasservorräte zu Ende. Der Behälter, den ich im Inneren aufbewahre, ist bereits leer und draußen an Deck lagern nur noch drei Brocken Gletschereis, die für etwa eine Woche reichen. Wir müssen uns also einschränken. Ich könnte natürlich auch ein wenig von dem Schnee einsammeln, der wenige Zentimeter hoch auf Deck liegt, aber der Wind bläst ihn gleich wieder weg und er schmeckt etwas salzig.

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Zwei Tage später ist das Meer wieder zugefroren.

In der Nacht werde ich von einem Aufprall geweckt, es folgt ein zweiter, als das Eis gegen den Rumpf stößt. Ich mache mir keine Gedanken mehr. Schicksalsergeben warte ich einfach. Wir treiben wieder ab, soviel steht fest. Dann stoßen wir auf Grund. Ich schaue aufs Echolot: ein Meter. Kein Zweifel: Wir sind aufgelaufen.
Schon wieder.

* * *

Am 31. Dezember um sechs Uhr morgens liegen wir bei 14 Meter Tiefe, Windstärke 30 Knoten, das Wasser hat minus 0,9 Grad Celsius, die Luft minus 30 Grad Celsius und bei dem Wind wird die Temperatur auf minus 35 bis minus 40 Grad Celsius fallen.

Ich bin ganz ruhig, kann ja sowieso nichts tun. Für unsere Rettung können wir nur auf die Natur bauen, auf den Wind, die Gezeiten und die Strömungen. Und natürlich auf die Widerstandskraft der Yvinec.

Wieder stelle ich mein Survivalkit bereit. Keine Ahnung, ob uns das Glück ein zweites Mal hold sein wird. Außer, es wird uns vom Himmel geschickt. Ich möchte gern daran glauben.

Als ich an Deck gehe, sehe ich im Licht meiner Taschenlampe, dass der Schnee in dicken Flocken fällt. Es ist so kalt, dass ich meine Fingerspitzen in den Handschuhen nicht spüre. Wir sind etwa 20 Meter vor der Küste auf Grund gelaufen. Ein tückischer Growler lauert 2 Meter entfernt. Ich versuche, vom Schiff zu klettern. Stelle einen Fuß aufs Eis, dann den zweiten. Es scheint mich zu tragen. Ich laufe einmal um den Rumpf und halte mich dabei am Bootsrand fest. Die Yvinec liegt auf der Backbordseite mit etwa 40 Grad Schlagseite.

Der Rand von der Scholle, auf der ich gerade stehe, beginnt abzudriften. So schnell ich kann, klettere ich wieder an Bord. Es war totaler Irrsinn, ein solches Risiko einzugehen, jetzt ist wirklich nicht der Moment für derartige Scherze. Wenn ich bei diesen Temperaturen ohne meinen Anzug ins Wasser falle, werde ich nicht lange überleben. Und das war’s dann.

* * *

In Frankreich ist jetzt Mitternacht, Silvester. Alle feiern. Ich denke an meine Familie, meine Freunde, die schön im Warmen mit Champagner anstoßen und ihren Spaß haben. »Frohes neues Jahr!« hallt es durch die Häuser, wird über Handys, Fernseh- und Radiosender um die Welt geschickt … Ob meine Lieben wohl an mich denken? Können sie sich vorstellen, dass ich gerade in meinem orangefarbenen Überlebensanzug neben meinem Überlebensgepäck sitze, mal wieder auf dem Sprung, womöglich schnell mein Boot verlassen zu müssen?

Fünfunddreißig Tage hänge ich nun in dieser verfluchten Bucht fest und eine Plackerei jagt die nächste. Ich war aufgebrochen, um einen Traum zu leben, und es ist ein Albtraum. Ich bin ja zu allen Opfern bereit, sogar zwanzig Kilo abzunehmen macht mir nichts aus, aber ich will nicht mein Boot verlieren. Darin steckt mein ganzes Leben. Für dieses Boot habe ich mit achtzehn Jahren alles aufgegeben, alles gegeben. Dank ihm habe ich Monique kennengelernt. Also bitte, nicht mein Boot.

Damit wir uns recht verstehen, ich habe absolut keine Lust zu sterben, ich hänge am Leben, ich habe noch so viel vor, will noch so viele Abenteuer erleben. Um mir die Zeit zu vertreiben, räume ich ein wenig auf. Da fallen mir bunte Papiergirlanden aus Saint-Barth in die Hände. Ich hänge mir eine um, die andere bekommt Monique um den Hals. Ich stelle die Kamera an und tue so, als wäre alles in Ordnung.

»Frohes neues Jahr, Momo!«

Draußen tost ein Schneesturm. Die Lage ist weder besser noch schlechter. Alles beim Alten. Morgen ist ein neuer Tag.

* * *

Ich verbringe eine fürchterliche Nacht, immer wieder schrecke ich von lauten Geräuschen hoch, wenn das Boot erneut auf Grund läuft. Zwischen (Alb)Traum und Wachen habe ich bereits zehn Mal gedacht, der Rumpf wäre unter dem Ansturm der Dünung gebrochen. Aber die Yvinec, die ich für ein durchlöchertes Sieb gehalten hatte, entpuppt sich als zäher Knochen, der alles aushält.

Am Morgen ist das Meer zurück, der Wind hat sich gelegt und meine Koje liegt ein wenig schräg. Nicht zu vergleichen mit der Schlagseite von gestern, da ist nur ein sanftes Schwanken und Schlingern.

Anscheinend hat sich das Boot wiederaufgerichtet. Ich schlüpfe in meinen Anorak, bevor ich rausgehe. Ein Gutteil des Eises ist freien Wasserflächen gewichen. Es herrscht Flut. Der Wind hat uns befreit. Wunder über Wunder, wir können den Anker lichten.

Ganz langsam entfernen wir uns im Licht der arktischen Morgendämmerung. Es ist der 1. Januar 2016, das neue Jahr fängt gut an.

* * *

Oh Mann, es ist bereits Mittag! Wurde auch Zeit, dass ich aufwache. Ich bin erst um vier Uhr nachts eingeschlafen, völlig fertig von der Sorge, wir könnten erneut abgetrieben werden. Ich habe nicht einmal mein Überlebensgepäck ausgepackt.

Aber – Überraschung! Heute ist alles zugefroren! Das Packeis hat sich wieder gebildet, und diesmal wirkt es richtig fest, bis zum Horizont ist kein Zentimeter Wasser zu sehen. Völlig verrückt, dieses Naturphänomen entsteht quasi von jetzt auf gleich. Sobald der Wind sich gelegt hat, friert alles zu. Ein weiter blauer Himmel krönt diesen Anblick. Das alles ist so schön, dass ich sofort wieder glücklich bin! Zugegeben, ich bin schnell zu begeistern, aber ich möchte einfach glauben, dass es diesmal hält, ehrlich, wir haben es uns verdient.

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7. Januar

Heute Morgen werde ich von einem Himmelsfeuerwerk geweckt, das das gesamte Innere des Bootes Rosa, Violett, Orange flutet. Als ich den Kopf zum Bullauge rausstrecke, habe ich das Gefühl, in ein gigantisches Gemälde einzutauchen. Der gesamte Himmel spiegelt sich in seiner ganzen Farbenpracht im glänzenden Eis. Ich will mein Boot in dieser grandiosen Szenerie verewigen. Also Zeit, die ersten Schritte auf dem Packeis zu wagen! Es ist zu verlockend. Ich mache mich so leicht wie möglich, verlagere vorsichtig mein Gewicht von einem Bein aufs andere, mache große Schritte, ohne zu rutschen. Das Eis gibt ein wenig unter meinen Füßen nach, wenn es jetzt bricht, hätte ich nichts, woran ich mich festhalten könnte. Das Adrenalin in meinem Körper vermischt sich mit dem berauschenden Gefühl dieses einmaligen Erlebnisses. Ich fühle deutlich, dass ich gerade einen ganz besonderen Moment erlebe, dass ich in eine neue Phase meines Abenteuers eintrete. Alle meine Zweifel sind verflogen, und ich habe das Gefühl, ich könnte auf diese Weise bis ans Ende meiner Tage verharren. Die Zeit bleibt stehen.

* * *

Am nächsten Morgen hat sich das Eis gut verfestigt.

Der Himmel ist türkisblau, ebenso das Eis; dazwischen erstrahlen die Berge in blendendem Weiß. Obwohl ein leichter Wind geht, ist die Kälte erträglich. Das Thermometer zeigt minus 8 Grad. Jetzt soll Monique das Packeis kennenlernen … ein großer Moment!

Monique läuft schüchtern vorwärts, lässt ihren Krallenfuß erst einen Moment in der Luft schweben, ehe sie ihn vorsichtig vor den anderen setzt. Neugierig pickt sie auf das Eis. Als der Wind ihr über den Rücken weht, plustert sich ihr Gefieder wie ein Spi auf und sie schlittert in rasantem Tempo auf mich zu. Ich biege mich vor Lachen.

* * *

Ziemlich in der Nähe mache ich einen Eisberg aus, ich werde versuchen, dort ein wenig Eis für meinen Süßwasservorrat zu besorgen. Gestern Abend haben wir die letzten Reserven aufgebraucht.

Ich schlüpfe in meinen wasserdichten Anzug. Ausgerüstet mit Rucksack, Eispickel und Tooq befestige ich das SUP Board mit einem Seil an meiner Hüfte und ziehe es so hinter mir her. Ich wandere bis zum Eisberg, wobei ich bei jedem Schritt teste, ob das Eis hält. Rund um den Eisberg ist es weich, mein Tooq gleitet hindurch. Deswegen versuche ich, mir mit dem Board als Brücke zu behelfen, aber damit komme ich nicht bis zum Eisberg, es rutscht immer weg. Noch ein Meter und ich wäre da, es ist frustrierend. Als ich den Eisberg umrunde, entdecke ich auf einer Seite einen Eisblock, der sich bereits zur Hälfte gelöst hat und den ich eigentlich mit dem Pickel erreichen sollte. Leider ist er ziemlich nah am Wasser, doch ich hoffe, dass er nicht zu viel Gischt abbekommen hat, sonst schmeckt das Wasser später zu salzig. Der Block hat eine tiefdunkle Färbung, nicht sehr ermutigend. Ich kratze ein bisschen davon ab und probiere es, aber bei der Kälte kann ich kaum etwas schmecken. Egal, mir bleibt keine Wahl, es wird bereits dunkel. Ich zerschlage den Block in kleinere Stücke, die ich in meinen Rucksack packe.

Zurück auf der Yvinec muss ich bloß das Eis schmelzen und mir dann einen schönen Teller Reis kochen, dazu ein Ei von Monique. Ich habe einen Bärenhunger. Es hat so gutgetan, sich mal wieder richtig zu bewegen.

Mein Urteil: unbrauchbar, das Wasser ist versalzen. Jetzt kann ich mir bloß ein Ei kochen. In Meerwasser. Ein schönes weiches Ei, viereinhalb Minuten. Auf meine Portion Reis muss ich leider verzichten. Reis mit Meerwasser, ich hab’s probiert, das schmeckt echt übel. Und außerdem bekommt man davon Durst, aber ich habe nichts zu trinken und es ist dunkel.

Morgen sollte ich besser versuchen, Schnee von der Küste zu holen. Glücklicherweise hat Monique noch einen Rest Wasser in ihrem Verschlag. Ich hoffe, dass sie mir ein Ei gelegt hat, denn ich habe keins mehr. Auch wenn sie immer noch fast jeden Tag ein Ei legt, tut sie das nun zu unterschiedlichen Zeiten und heute Morgen Fehlanzeige! Das liegt bestimmt daran, dass es kein Tageslicht gibt.

Monique hat mir kein Ei gelegt. Na gut, dann werde ich eben erst morgen was essen. Ich habe Hunger, aber ich bin auch todmüde. Ich gehe schlafen und denke an das Sprichwort: »Qui dort dîne – Der Schlaf nährt.« Ich schlüpfe in meinen Schlafsack. Heute Nacht ist das Boot in eine mondlose Nacht getaucht.

* * *

Am Morgen muss ich mich beeilen, damit ich das Tageslicht für die Suche nach Wasser nutzen kann. Die Küste ist nur 300 Meter entfernt. Der Himmel ist etwas bedeckt, aber die Sicht ist gut. Ich sollte nicht allzu lange brauchen. Ich bin froh, dass ich meine Muskeln ein wenig trainieren kann. Es tut so gut, draußen mit der Nase im Wind zu wandern, ohne ständig Angst haben zu müssen.

Ich bin fast da. Vor der Küste muss ich noch eine kurze Strecke durch freies Wasser. Das habe ich nicht einberechnet. Ich lasse das SUP Board auf dem Eis zurück. Meinen Rucksack fest an mich gepresst hüpfe ich von Scholle zu Scholle, wie in der Bretagne, wenn man sich nicht die Schuhe nass machen will und von Stein zu Stein springt. Nur dass sich die »Steine« hier bewegen, das ist schon grenzwertig. Trotzdem erreiche ich heil und gesund das Festland. Seit fast fünfzig Tagen habe ich keinen festen Boden mehr unter den Füßen gehabt! Ich entferne mich vom Wasser, um den genießbarsten Schnee zu finden, möglichst weit weg von der Gischt. Mit vollen Händen schaufele ich den Schnee in meinen Rucksack. Am Himmel zeigt sich bereits die schmale Mondsichel. Das Tageslicht wird schwächer und über das Packeis legt sich langsam Nebel. Ich kann nicht länger bleiben. Außerdem habe ich seit fast dreißig Stunden nichts mehr gegessen, mein Magen jault laut auf vor Hunger.

Wieder balanciere ich vorsichtig von Scholle zu Scholle, um mein Board zu erreichen. Dort lege ich meinen Rucksack aufs Brett, das mir als Schlitten dienen wird, und schlinge mir das Seil um die Hüfte. Als ich gerade los will, überwältigt mich die Stille um mich herum und ich bleibe ein paar Sekunden mit dem Tooq in der Hand einfach stehen und lausche angespannt. Zwischen Eis und Strand eingeklemmt machen die Wellen kein Geräusch. In dieser weiten, eisigen Landschaft, über die sich Nebel ausgebreitet hat, liegt die Yvinec reglos da, ein vertrauter, beruhigender Anblick. Ich rufe: »He, Monique, hörst du mich? Ich habe gutes frisches Wasser gefunden, ich komme! Mach schon mal Abendessen für mich, leg mir ein schönes Ei!«

Meine Stimme hallt von den Bergen zurück. Ein Vogel, ich weiß gar nicht, woher der gekommen ist, flattert mit wildem Flügelschlagen auf. Ich habe ihn erschreckt.
Ich laufe zurück zu meinem Boot, begleitet einzig von meinem keuchenden Atem, dem Knirschen meiner vor Müdigkeit schweren Schritte und dem Zischen des Boards übers Eis.

* * *

Den größten Teil des geschmolzenen Schnees habe ich in dem blauen Fass eingelagert, das ich immer neben dem Ofen stehen lasse.

Heute Morgen habe ich ein Tier beobachtet, das am Strand entlanglief. Ich habe es mit meiner Kamera herangezoomt, es war ein Fuchs, dunkelrotes Fell, genau wie bei uns. Ich wäre gern nähergekommen, um mich mit ihm anzufreunden. Ob er schon einmal einen Menschen gesehen hat? Als ich nach ihm gerufen habe, hat er sich hingesetzt, in meine Richtung gesehen, aber dann ist er weggelaufen. Ich habe ihn lange mit den Augen verfolgt, bis er hinter den Bergen verschwunden ist.

Nun, da sich das Packeis gebildet hat, hoffe ich, noch mehr Tiere zu sehen, Karibus, Polarfüchse, Hasen, vielleicht sogar Wölfe. Ich würde außerdem so gern einen Eisbären sehen, obwohl ich weiß, dass man eigentlich weiter in den Norden muss, um eine gewisse Chance zu haben.

11. Januar

Ich finde keine Worte, um die Schönheit der Landschaft von heute Morgen zu beschreiben. Jeden Tag habe ich das Gefühl, ich sehe das Wunderbarste in meinem ganzen Leben! Es schneit zum ersten Mal, seit sich das Packeis gebildet hat. Ein paar Zentimeter Schnee und kontrastreiches Licht haben genügt und jetzt erstrahlt die ganze Gegend in einem Fuchsiaton.

Ich begreife, was ich hier gesucht habe. Ich denke an all die Menschen, die in der Metro sitzen oder in der Vorstadt leben und vor ihren Computern hängen, eingesperrt in ihren Büros … »Da haben wir es hier doch auf jeden Fall besser, oder Monique?«

Auf dem noch frischen Schnee sind Spuren. Ein Fuchs? Hat er Monique gewittert? Hühnervögel wird er ziemlich sicher gar nicht kennen.

Ich gehe zurück und koche mir meinen Reis für den Tag. Lasse Monique raus und bringe ihr ihre Portion Körner, die hat sie sich verdient – sie hat mir in ihrem Verschlag ein schönes Ei gelegt. Als Dankeschön lade ich sie zu einem Ausflug in die Umgebung ein. Ich filme sie dabei, wie sie durch den Schnee stolziert. Ihre Krallenfüße hinterlassen kleine Abdrücke neben denen des Fuchses. Bestimmt die ersten Hühnerspuren im Polarschnee!

Ewiges Eis, blauer Himmel, Schnee, bald wieder Sonne – jetzt fehlt nur noch ein Fisch!

Mit dem Tooq schlage ich ein Loch ins Eis, so, wie es mir die Fischer von Saqqaq erklärt haben. Das Eis ist hart, und selbst nachdem ich 10 Zentimeter tief gehauen habe, sehe ich immer noch kein Wasser. Eins steht fest, inzwischen besteht keine Gefahr mehr, dass ich irgendwo einbreche. Als ich schließlich ein Loch von 40 Zentimeter Umfang geschaffen habe, werfe ich meine Angelleine aus, damit ich hier nach der gleichen Methode wie in Yvinec fischen kann. Man bewegt die Angel, um den Fischen vorzumachen, dass der Köder lebt.

Bereits nach fünf Minuten habe ich einen Treffer! Total easy, das Angeln in Grönland! Allerdings ist mein Fisch sehr klein. Sehr klein und sehr hässlich. Kaum habe ich ihn aus dem Wasser gezogen, da ist er auch schon gefroren. Er erinnert mich an die supergiftigen Steinfische von Australien. Ehrlich gesagt nicht gerade Appetit anregend …
Ich kann es nicht riskieren, mich zu vergiften, wenn ich hier mutterseelenallein im Eis feststecke. Daher werde ich den Fisch als Köder verwenden. Ich schneide ihn in kleine Stücke. Dann warte ich längere Zeit, ob ein anderer anbeißt, ehe ich schließlich doch mit leeren Händen zurückkehren muss.

* * *

Normalerweise schlafe ich sofort ein, sobald ich die Augen schließe, das ist im Allgemeinen meine Stärke. Ich erhole mich schnell und gut. Doch seit wir hier im Eis gefangen sind, lege ich mich früh in die Koje, gegen 22 Uhr, und kann selbst um drei, vier oder gar fünf Uhr noch nicht schlafen. Ich grübele zu viel. Und denke bereits über das Danach nach. An die Nordwestpassage, die den Atlantischen Ozean mit dem Pazifischen Ozean entlang dem äußersten Norden Kanadas verbindet. Nur in den wenigen Wochen des arktischen Sommers ist sie schiffbar. Während der restlichen Zeit des Jahres ist sie zugefroren.

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Und schon schmiede ich Pläne. Das Boot müsste dafür wieder aufs Trockendock, denn der Rumpf ist ziemlich ramponiert. Aber allzu viel Geld habe ich nicht … Der Vorteil von meinem Leben im Ewigen Eis ist, dass ich nicht einen Cent ausgebe! Außerdem male ich mir begeistert aus, was ich hier noch so alles unternehmen möchte, Skifahren, Trekking, Kitesurfen, Windsurfen …

Vor ein paar Stunden war ich noch todmüde, und jetzt kann ich es kaum erwarten, dass der neue Tag beginnt. Was ist mit mir los? Seit ich vor zwei Jahren die Bretagne verlassen habe, verbringe ich jede Nacht in meinem Boot und hatte nie ein Problem mit Schlaflosigkeit. Und seit wir im Eis festsitzen, konnte ich mich von dem Stress der vorangegangenen Tage erholen. Aber vielleicht liegt genau hier die Erklärung: Mein Boot bewegt sich nicht. Nicht das kleinste Schwanken. Ich schlafe wie auf dem Festland, das bin ich nicht mehr gewohnt.

Fast jeden Abend gibt es durch mein Bullauge allerdings ein Abendprogramm am Himmel, große fluoreszierende grüne Bögen ziehen darüber.

Nordpolkino.

Es ist wunderschön.

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Guirec Soudée

Guirec Soudée, Jahrgang 1992, stammt von der kleinen Insel Yvinec in Côtes-d’Armor. 2014 brach er mit einem Segelboot, benannt nach seiner Heimatinsel, zu einer Weltreise auf. Seine Begleiterin: Monique – das wohl einzige Huhn, das weiß, wie man segelt, und sich am liebsten von Fisch ernährt…

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