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The Travel Episodes

Umrundung des Hardangerjøkulen Gletschers

Der Rest ist Stille

Schon viel zu lange geht uns das zivilisatorische Grundrauschen auf den Keks, unser Sehnsuchtsziel ist die Ruhe des Nordens. Simon Michalowicz will wieder nach Norwegen. Mit dabei: Martin Hülle (Fotos) und Christian Wittig.

Endlich nehmen wir unsere Plätze im komfortablen Waggon der Bergensbanen ein. Diese legendäre Bahnstrecke verbindet die norwegische Hauptstadt Oslo mit der zweitgrößten Stadt des Königreiches, dem an der Westküste gelegenen Bergen. Nur noch einige Stunden mit der Bahn trennen uns von der ersehnten Ruhe. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und verschwindet in einem beinahe vierzehn Kilometer langen Tunnel, der uns hinaus aus dem Zentrum der Großstadt führt. Das Landschaftsbild ändert sich rapide. Die Bahnhöfe und Städte entlang der Strecke werden kleiner und immer kleiner, der Abstand zwischen den Haltepunkten dafür immer größer.

Schon bald schaukeln wir gemächlich entlang der Seen und Flüsse, die von Norden aus Richtung Meer strömen und uns noch ein gutes Stück begleiten werden. Wir genießen den Blick aus dem Fenster, die für Norwegen so typischen roten Häuser mit den weiß abgesetzten Fenstern prägen nun das Landschaftsbild. Voller Bewunderung blicke im immer wieder auf die Bauernhöfe, die teilweise hoch über dem Tal thronen. Die Norweger sind clevere Leute, dort oben waren die Winter früher besser zu ertragen, es gab länger Tageslicht, und die Kälte während der langen dunklen Winterzeit sammelte sich stets am Talgrund. So wurde es nicht gar so kalt in den Häusern zu einer Zeit, als das große Land mit dem kleinen Volk noch nicht an den Wohlstand zu glauben wagte, den es mittlerweile erlangt hat.

Die Uhren scheinen langsamer zu ticken.

Es ist Mitte Oktober und schon am Nachmittag setzt hier im Norden die Dämmerung ein. Der Zug keucht langsam aber sicher immer weiter das Tal hinauf, man glaubt das vermeintliche Schnaufen der Lokomotive hören zu können. Mittlerweile ist es draußen dunkel, nur die kleinen Bahnhöfe geben uns einen Hinweis darauf, wo wir uns gerade befinden.

Wir sind ein wenig angespannt. Wahrscheinlich werden wir die einzigen Verrückten sein, die gleich am höchsten Bahnhof Nordeuropas auf 1222 Metern im kleinen Bergdörfchen Finse aussteigen werden.

Wahrscheinlich würde keiner der Mitreisenden freiwillig die behagliche Wärme des gemütlich dahin schaukelnden Zuges gegen die kalte Dunkelheit tauschen. Uns aber zieht es genau dorthin, hinaus in die kalte Einsamkeit des spätherbstlichen Fjells, auf die baumlose Hochebene Hardangervidda, vor der wir zu dieser Jahreszeit einen enormen Respekt haben.

Wir suchen die Stille, um zu uns zu kommen.

Der Oktober ist eigentlich nicht mehr der ideale Monat, um in die Berge Norwegens aufzubrechen. Das auch im Sommer oft wechselhafte Wetter kann zu dieser Jahreszeit wirklich ungemütlich werden. Vom ausgewachsenen Schneesturm bis zur üblen Kälte kann uns alles erwarten, eine Wanderung schnell zu einem Marsch ins Desaster werden.
 

Ein kleines Wagnis mit Aussicht auf ein Abenteuer.

Haben wir aber Glück, erwarten uns eiskalte, glasklare Luft, strahlender Sonnenschein und lange gemütliche Nächte eingekuschelt im warmen Schlafsack im Zelt. Wir haben uns eine Umrundung des 73 km² großen Hardangerjøkulen Gletschers vorgenommen, ein kleines Wagnis – mit Aussicht auf ein waschechtes Abenteuer.

Bei guten Verhältnissen ist die Tour eine entspannte Wanderung von ungefähr 70 bis 80 Kilometern, für die wir insgesamt acht Tage Zeit haben. Wir, das sind Martin, Chris und ich – drei Jungs, die unglaublich gerne draußen an der frischen Luft unterwegs sind. Martins Abenteuer alle aufzuzählen würde zu lange dauern, er ist aber ebenso wie ich dem Norden total verfallen. Auch im Winter war er hier schon oft unterwegs, aber gerade dank seiner Erfahrung hat er enormen Respekt vor der Woche, die nun vor uns liegt: Bei einer seiner Wintertouren ist der Gruppe einmal das Küchenzelt abhandengekommen, der Schneesturm hat es einfach in Stücke gerissen. Chris hingegen zieht es bisher vornehmlich in alpine Gefilde, er verbringt jede freie Minute auf einem Grat, einem Gipfel oder einem Gletscher südlich von München. Er betritt mit dieser Tour für ihn skandinavisches Neuland, daher ist er etwas unsicher ob der Dinge, die ihn gleich erwarten werden.

Der Zug gleitet leise aus dem letzten Bahnhof vor unserem Ausstieg in Finse. Rund um den beliebten Wintersportort Geilo kann man im Schein der Laternen und Lichter des Städtchens noch reichlich lichte Birken und volle Kiefern sehen. Aber weiter oben auf der größten Hochebene Nordeuropas, der Hardangervidda, bestimmen Felsen, Moose und Flechten die Landschaft. Der Schaffner guckt uns ein wenig mitleidig an, als wir unsere großen Rucksäcke schnüren – bereit für den ersten Schritt ins Abenteuer. Langsam fährt der Zug in Finse ein. Dick eingepackt stehen wir an der Tür, die sich kurz darauf mit einem leisen Piepen als Abschiedsgruß für uns öffnet. Eiskalte Luft, wir zögern kurz, treten dann aber doch hinaus auf den vollkommen verlassenen Bahnsteig.

Viel mehr als ein Hotel, ein paar Häuser und diesen kleinen Bahnhof gibt es in Finse nicht.

Herzlich willkommen im Abenteuer, wo die Natur groß und der Mensch ganz klein ist.

Abenteuermodus an! Mit Stirnlampen auf dem Kopf machen wir uns auf in die Dunkelheit. Wir wollen heute noch zu einer kleinen Hütte laufen, die sich an einem der Ausläufer des Gletschers befindet. Von dort aus haben wir dann eine gute Ausgangsposition, um morgen den großen Gletscher zu erklimmen und ihn zu überqueren, jedenfalls verspricht uns der Wetterbericht für morgen dafür optimale Verhältnisse. Wir könnten zwar auch hier irgendwo in der Nähe des Bahnhofs unser Zelt aufschlagen, aber dann würden wir es morgen vermutlich nicht über den Gletscher schaffen.

Es sind zwar nur ein paar Kilometer bis zu der kleinen Hütte, bei Tageslicht und guten Verhältnissen eine Sache von etwas mehr als einer Stunde, aber nun in der Dunkelheit und im Schneetreiben sieht das schon etwas spannender aus. Wir finden den entsprechenden Wanderweg und folgen ihm um den großen Finse-See. Langsam verschwinden die letzten Lichter der Häuser von Finse hinter uns, von nun an müssen wir uns ganz auf die Fähigkeiten verlassen, die wir uns über Jahre auf vielen Touren angeeignet haben. Da sich der Schnee wie ein leichter Zuckerguss über die Landschaft legt, ist es schwer, die Markierungen in der Dunkelheit auszumachen, die uns den Weg weisen sollen. Diese kleinen Wegweiser sind in der Regel Steine oder Steinhaufen, die mit einem roten „T“ als Markierung versehen sind. Das „T“ steht dabei für den norwegischen Wanderverein Turistforeningen und ist schon im Sommer oftmals auf den Felsen nicht ganz so einfach zu entdecken. Wir halten alle paar Meter inne und scannen die Umgebung regelrecht ab, um in der finsteren Nacht den Wegweiser zu entdecken. Manchmal müssen wir einfach vermuten und vertrauen.

Zwei Stunden später entdecken wir eine kleine Hütte, die sich etwas oberhalb von uns wie ein kleiner Schuhkarton an den Hang schmiegt. Das muss die Appelsinhytta sein. Erleichtert steigen wir die letzten Meter hinauf zu unserem Heim. Die Konzentration, die wir aufbringen mussten, um den Weg zu finden, und der lange Tag der Anreise fordern seinen Tribut, wir sind mittlerweile ziemlich müde. Als wir die knarzende Tür öffnen, sind wir endgültig angekommen: angekommen in einer Welt, in der wir uns oftmals deutlich wohler fühlen als daheim.

Endlich wieder auf Tour, endlich wieder glasklare Luft. Und endlich wieder die Stille, die uns so vertraut ist, dass wir uns in ihr unendlich geborgen fühlen.

Die Nacht in der kleinen ungeheizten Hütte war gemütlich, trotz der Kälte. Langsam und wie in Zeitlupe beginnen wir den Tag, müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass es hier keine Heizung, keinen Strom oder sonstige Annehmlichkeiten gibt, die wir zu Hause jeden Tag als selbstverständlich erachten.

Als wir nach dem Frühstück und der kalten Morgentoilette gen Gletscher aufbrechen, lichtet sich langsam um uns herum der Frühnebel, erste Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg auf den eisigen von Schnee bedeckten Boden. Wir scheinen tatsächlich Glück mit dem Wetter zu haben. Schnell überwinden wir die ersten Höhenmeter und stehen schon nach kurzer Zeit auf der Endmoräne der Middalen-Gletscherzunge. Wir schnallen unsere leichten Grödel unter die Schuhe. Der Aufstieg gelingt wie am Schnürchen und das Wetter zeigt sich von seiner schönsten Seite. Wir machen eine längere Pause an einer kleinen Hütte. Die winzige Jøkulhytta trohnt hoch oben auf beinahe 1800 Metern und trotzt dort den eisigen Stürmen. Ein wahrlich schöner Ort, wir aber müssen weiter, wollen wir doch noch heute den Gletscher in nordwestlicher Richtung überqueren.

Kurz darauf wähnen wir uns auf dem Eisplaneten Hoth, der den Rebellen in Star Wars als zwischenzeitliche Basis dient.

Foto Eis 1

Um uns herum breitet sich bis zum Horizont eine Wüste aus Schnee und Eis aus, die in gleißendes Sonnenlicht getaucht ist und im krassen Kontrast zum strahlend blauen Himmel steht.

Foto 2 Eis

Es funkelt und glitzert um uns herum. Wir staunen mit offenem Mund, bekommen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Foto 3

Die Bedingungen fantastisch zu nennen, wäre eine glatte Untertreibung.

Ich bin endlich in der faszinierend stillen nordischen Welt, die ich so ersehnt habe.

 

* * *

Zweites Kapitel

Ankommen

Wir finden, was wir suchen.

In der kleinen Ramnaberg-Hütte ist es ziemlich kalt, als wir uns am Morgen unseres dritten Tages aus den warmen Schlafsäcken schälen. Es kostet schon einiges an Überwindung, aus dem behaglichen Daunennest zu kriechen und den Tag zu beginnen. Als erstes starten wir den Ofen und ziehen uns lange Unterhosen und dicke Socken an. Auch die Mütze findet den Weg auf den Kopf, die Temperaturen sind während der Nacht stark gesunken.

Der Ofen bollert los, und ganz langsam macht sich behagliche Wärme breit. Schon bald sitzen wir gemütlich am Tisch, und ein dampfender Tee steht vor uns. Wir kommen schnell auf die Erlebnisse des gestrigen Tages zu sprechen, einen solchen Tag in Norwegen haben wir alle noch nie erlebt. Diese spektakuläre Überschreitung wird uns allen noch lange im Gedächtnis bleiben, wann läuft man schon einmal im Oktober bei Kaiserwetter über einen der größten Gletscher Norwegens?

Mittlerweile ist es so warm in der Hütte, dass die Fenster beschlagen. Bei Müsli und Kaffee kramen wir die Landkarten heraus und besprechen den Plan für den Tag. Wir wollen zu einer einsamen Hütte aufbrechen, die Luftlinie nur ein paar Kilometer entfernt direkt am Gletscher liegt und einen grandiosen Ausblick auf eine der Abbruchkannten des Hardangerjøkulens bietet. In direkter Strecke und ohne Höhenmeter wären es dorthin vermutlich weniger als zwei Stunden, aber wir müssen uns unseren eigenen Weg im Gelände suchen. Es gibt keinen markierten Weg mehr dorthin, dieser wurde vor ein paar Jahren aufgegeben, da er für ungeübte Wanderer zu gefährlich wurde.

Nach dem Frühstück stehen wir draußen vor der Hütte und putzen uns die Zähne. Wenn doch mein Badezimmer daheim solch einen Ausblick hätte, das wäre es!

Die Sonne kriecht über die Berge um uns herum. Die ersten Tage auf einer solchen Tour sind zumeist die anstrengendsten, es dauert immer einige Zeit, bis man sich wieder an die Belastungen einer Trekkingtour gewöhnt hat.

Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und klaren die Hütte auf. Noch ein paar letzte Schnappschüsse, und es geht wieder los.

Zuerst steigen wir über ein großes Schneeband ab in ein schmales mit Gletschereis gefülltes Tal. Die Sonne begleitet uns beim Abstieg, lediglich die glitschen Felsen, die auf unserem Weg nach unten hier und da aus dem Schnee ragen, machen uns ein wenig zu schaffen. Das Schmelzwasser ermöglicht es schwarzen Algen, auf den Steinen Fuß zu fassen, und jeder, der einmal im Norden wandern war, weiß, dass diese Algen die Felsen in eine unglaublich glitschige Rutschbahn verwandeln.

Mit großer Vorsicht steigen wir in eine Landschaft ab, die uns direkt auf einen anderen Planeten katapultiert. Schroffe Felsen sind vom Gletscher mit tiefen Rinnen versehen worden, wir müssen uns den Weg mühsam über große Altschneefelder und brüchige Felskamine weiter abwärts bahnen.

Die Berge um uns herum stauen nun nasskalten Nebel zu einer grauen Wolkendecke, die Sonne verschwindet und wir ziehen unsere Mützen tiefer ins Gesicht. Es fängt zu allem Überfluss nun auch noch leicht zu nieseln an. Aber wir wollen tief eintauchen in die wuchtige Natur um uns herum. Keine Rekorde jagen oder Erstbegehungen schroffer Felswände versuchen, nein, das ungefilterte und pure Naturerlebnis steht bei dieser Tour im Vordergrund. Und so lassen wir uns die Stimmung vom düsteren Wetter um uns herum nicht vermiesen.

Foto 2-1

Für die erste Pause suchen wir uns einen Platz, der eine Aussicht bis weit in den Talkessel ermöglicht, der große See vor uns.

Wir schultern unsere Rucksäcke und treffen kurz darauf auf drei Wanderer, die uns entgegenkommen. Aus der Ferne waren sie kaum zu erkennen, aber nun stehen sie vor uns und berichten, dass eine der schönsten Hütten des norwegischen Wanderverbandes überhaupt auf uns wartet. Erwartungsvoll ob dieser Aussichten verabschieden wir uns und umrunden auf der östlichen Seite zwei Seen, den Øvre und den Midtre Demmevatnet.

Das Ufer ist hier viel flacher als gedacht, über weite Kiesbänke kommen wir problemlos voran. Den Talkessel mit den Seen verlassen wir über ein großes Schneefeld, das uns in Richtung des Gletschers führt. Über nasse Felsen und kleinere Schneefelder geht es weiter, kurz versteigen wir uns und werden mit erhöhtem Pulsschlag und einem abenteuerlichen Abstieg hin zu einem Bach belohnt.

Das war mehr Abenteuer als gedacht!

Nachdem wir den Bach über rutschige Felsplatten überquert haben, steigen wir steil einen Felsrücken hinauf. Uns ist völlig schleierhaft, wo der alte Weg uns hinführen soll, aber wir folgen den wenigen verblichenen Markierungen, die wir entdecken können. Das Tal öffnet sich nun weit, und tief unter uns befindet sich der See Nedre Demmevatnet in den am Tal-Ende der Gletscher kalbt. Was für ein fantastischer Ausblick!

Foto

Hinter jeder Biegung, hinter jedem großen Felsen und hinter jedem Abzweig in dieser Landschaft erwarten uns spektakuläre neue Aussichten, die uns immer wieder innehalten lassen.

Foto 2

Ich begreife, dass wir hier nur ein ganz kleines Licht sind, dass wir unser eigenes Sein hier ganz in den Schatten der Natur stellen müssen, denn diese friedliche Umgebung kann uns ganz schnell zeigen, wer hier der Boss ist. Nur ein falscher Tritt, nur eine falsche Entscheidung im schlechten Wetter, nur ein einziger Moment der Unacht kann hier fatale Auswirkungen haben.

Foto 3

Ich fühle mich hier wohl. Ich bin hier, weil ich genau diese Wucht, diese Auslieferung der Mutter Erde gegenüber spüren will, um im Einklang mit ihr auf Wanderschaft zu gehen.

Ich bin angekommen.

 

* * *

Drittes Kapitel

Stille

Der Pulsschlag des Gletschers.
Unsere Antennen werden auf Ruhe geeicht.

Die kleine Unterkunft Demmevasshytta kauert im Dämmerlicht des Abends auf einem Felsvorsprung etwas oberhalb der Rembesdalskåka-Gletscherzunge. Die Lage könnte kaum spektakulärer sein, auf der einen Seite überblickt man die gesamte Gletscherzunge, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch fast bis zur Hütte reichte, und auf der anderen Seite öffnet sich das Tal, und man kann den noch weit entfernt gelegenen Fjord beinahe schon erahnen. Eine Premium-Lage!

Wie zu erwarten sind wir hier ganz allein. Wir öffnen die Hütte, die schon über hundert Jahre hier thront. Sie wurde immer wieder zurückhaltend renoviert und besitzt dank der gemütlichen Einrichtung einen ganz eigenen rauen Charme. Nachdem wir die Wasserquelle entdeckt haben, steht auch schnell ein heißer Kaffee auf dem Tisch. Wir richten uns ein und entfachen das Feuer im gusseisernen Ofen.

Etwas später erkunden wir die Umgebung, jeder für sich geht auf eine kleine Entdeckungstour, jeder möchte die Ruhe für sich selbst erleben. Eine ganz besondere Entdeckung ist die kleine Außentoilette, die etwa 30 Meter vor der Hütte steht. Sie ist aus kleinen rohen Felsbrocken errichtet worden und bietet den spektakulärsten Ausblick, den man sich von einem Klo aus im Norwegischen Fiell nur vorstellen kann.

Foto

Lässt man die Türe offen, fällt der Blick geradewegs auf den riesigen Gletscher, der sich eindrucksvoll zwischen den Bergen seinen Weg hinab ins Tal bahnt.

Am nächsten Tag erkunden wir gemeinsam die Umgebung und sitzen stundenlang in der gemütlichen Stube, um uns über Gott und die Welt zu unterhalten oder ein Buch zu lesen. Auf dieser abgelegenen Hütte kommen wir runter vom Trubel und der Lautstärke, die jeden Tag daheim auf uns einprasselt.

Nach einem überaus entspannten Ruhetag machen wir uns wieder auf.

Foto kerze

Wir hätten für immer, mindestens aber für ewig auf dieser wunderbaren Hütte bleiben können.

Mit schwerem Herzen nehmen wir Abschied und werfen einen letzten Blick zurück, dann geht es über steile Fensterrassen hinab zum Gletscher, den wir hier erneut überqueren müssen, um unseren Plan der Umrundung fortzusetzen.

Tiefe Spalten zerreißen das tiefblaue Eis zu einem Irrgarten, es bereitet Mühe, den richtigen Weg zu finden. Wie alt das Eis wohl sein mag, das hier unter unseren Füßen knackt?

Foto Gletscherspalte

Wir hören nur uns, unseren eigenen Pulsschlag und die knappen Weisungen der Mitwanderer.

Über einen Steilhang geht es nun weg vom Gletscher. Nun gilt es große grobe Felsen zu überwinden. Ein wenig fluchend überwinden wir dieses Hindernis und befinden uns alsbald einige hundert Höhenmeter oberhalb der Gletscherzunge, die nun wieder imposant im Schatten der Berge liegt.

Die Umgebung hier ist ganz anders als bisher, weite Fjellgrasflächen dienen den groben Felsen als Unterlage, die daliegen, als hätte sie ein Riese zum Spielen mit den Kindern in der Landschaft wie überdimensionale Legosteine verteilt.

Durchzogen wird unsere Umgebung von leise gluckernden Bächen, eiskaltes, klares Wasser. Teilweise sind die kleinen Pfützen an unserer weglosen Route noch mit dem ersten Eis des Jahres bedeckt, die Temperaturen sinken nachts empfindlich.

In den nächsten Tagen wird die Landschaft immer abwechslungsreicher. Man glaubt kaum, wie unterschiedlich diese Gegend ist. Mal breiten sich vor uns grüne Flächen terrassenförmig aus, mal ist der Boden übersät von flachen Gesteinsplatten und an anderen Tagen laufen wir durch eine weite sumpfige Landschaft.

Spektakulär fallen Gletscher ein ums andere Mal ab in die tiefen engen Täler, die das Schmelzwasser hier in tausenden von Jahren aus dem Fels gewaschen hat, wie gigantische gefrorene Wellen.

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Unsere Pausen werden länger, still genießen wir die Abgeschiedenheit. Kaum ein Wort fällt zwischen uns bei dieser inneren Einkehr, wir versinken ganz in unseren Gedanken und kommen zur Ruhe.

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Wir saugen die Energie dieser wuchtigen Landschaft wie ein Schwamm auf.

Das Wetter ist uns so wohlgesonnen, dass wir es kaum glauben können. Wir treffen niemanden mehr, sind ganz bei uns.

Das ist die Kraft der Stille.

 

* * *

Viertes Kapitel

Seelenruhe

Ganz bei uns.

Zum Abschluss der Wanderung wollen wir noch einmal auf den Gletscher steigen. Ganz oben, am höchsten Punkt haben die Norweger eine kleine Hütte errichtet, der wir schon am zweiten Tag einen kleinen Abstecher abgestattet haben. Die Hütte dient als Pausen- und Schutzhüte für alle, die hier im Winter auf Tour gehen. Sie ist nicht besonders groß, besteht nur aus einem Raum und verfügt über einen kleinen Ofen, sie bietet aber drei Personen genug Platz zum Übernachten. Unser Ziel für heute thront hoch oben auf einem schmalen Felsband, das umgeben vom ewigen Eis des Hardangerjøkulens ist.

An der Hütte angelangt machen wir es uns in der Sonne gemütlich. Wir sitzen einfach vor unserem hölzernen Nachtlager in der Sonne, trinken Tee und essen Schokolade. Weder Zeit noch Verpflichtungen spielen eine Rolle. Wir haben nichts weiter vor, als hier entspannt in der Sonne zu sitzen und den Moment zu genießen. Die Ruhe und Stille gehen uns langsam in Fleisch und Blut über, wir frönen dem Müßiggang in der für uns schönsten Form. Es wird kaum geredet, jeder hängt seinen Gedanken nach und genießt die Aussicht auf den Eisplaneten vor uns.

Gegen Abend wird es rasch kälter. Hier im Norden endet der Lauf der Sonne zeitiger als bei uns daheim. Die Lichtstimmung ändert sich vom strahlenden Himmel des Tages zu einem orange-blauen Feuerwerk des Sonnenuntergangs.

Untergang Foto

Vor dieser Kulisse zeichnet sich sogar der beinahe einhundert Kilometer entfernte Gaustatoppen ab, ein fast 1900 Meter hoher Berg und die Landmarke südlich der Hardangervidda.

Keiner von uns wird behaupten, tief gläubig oder ein regelmäßiger Kirchgänger zu sein, aber in solchen Momenten spüren wir, dass es dort draußen in der Natur größere Mächte geben muss, die uns beschützen und uns den sicheren Weg ermöglichen. Irgendjemand hält seine schützende Hand über uns, und wir stehen hier, dürfen ihm dabei zusehen, wie er mit seiner ganzen Kraft so etwas unfassbar Schönes anstellt.

Langsam legt sich die beginnende Nacht über die Berge und Täler um uns herum. Uns schaudert ein wenig beim Gedanken, morgen wieder zurück in den Alltag zu müssen.

Doch in mir habe ich die Gewissheit, dass ich zurückkehren werde. Hier zählt nicht, was du zu Hause für einen Job machst, was du erreicht hast, hier zählt nur meine Leidenschaft für die Natur. Die Sehnsucht nach Stille, Ruhe und Ausgeglichenheit wird mich immer wieder in Gegenden wie diese führen, denn nur hier kann ich meine innere Flamme mit neuer Energie versorgen.

Am nächsten Morgen steigen wir in Finse wieder in den Zug, der uns nach Oslo bringt. Bald werden wir in eine Welt eintauchen müssen, die uns nach der letzten Woche nicht fremder sein könnte. Wir werden wieder die Orientierung am großen Bahnhof voller Menschen verlieren, wir werden nicht wissen, was wir vor lauter Auswahl im Supermarkt einkaufen sollen und wir werden Dingen unsere Aufmerksamkeit schenken, die ohne Bedeutung sind.

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Doch dann werde ich an die Hütte auf dem Gletscher denken. Und lächeln.

 

* * *

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Martin Hülle, Christian Wittig & Simon Michalowicz

Martin Hülle, Christian Wittig, und Simon Michalowicz (v.l.n.r.) haben eine gemeinsame Passion: die rauen und abgeschiedenen nordischen Landschaften. Stets mit Kamera und/oder Notizblock ausgestattet, portraitieren die drei ihre Abenteuer, ob gemeinsam oder solo auf Tour. Dabei sind sie am liebsten zu Fuß oder auf Skiern unterwegs.
martin-huelle.de / christianwittig.com / simonpatur.de

Leserpost

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  • Simon on 2. Oktober 2016

    Die Erinnerungen an die Tage dort im Fjell sind nun dank dieser Episode wieder lebendiger denn je zuvor! Ich war schon viele Tage wandernd in Norwegen unterwegs, aber diese Woche zusammen mit Martin und Chris war einfach ganz besonders. Das Wetter war unglaublich gut und die Tour einfach ein Traum. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich während dieser Woche sammeln durfte. Noch oft denke ich sehnsuchtsvoll an die Zeit dort zurück. Hilsen fra Simon

    Antworten
    • Peter on 4. Oktober 2016

      Hallo Simon,
      ja, einfach schön, die Bilder anzuschauen und den Text zu lesen. Herrlich.
      Viele Grüße
      Peter von der Olavsbu

    • Simon on 5. Oktober 2016

      Hei Peter,

      vielen Dank für deine Worte! Das freut mich sehr zu hören. Vielen Dank auch für das unverhoffte Treffen auf der Olavsbu Hütte in Norwegen, das war richtig schön. Bis demnächst mal!

      Viele Grüße
      Simon

  • Andreas Laue on 14. Dezember 2016

    Hallo ihr drei,
    was für ein gefühlvoller Bericht von euch. Mit „Rest der Stille“ habt ihr die Seele der norwegischem Natur nicht besser beschreiben können. Beim Lesen steigt der Puls und die Lust, selbst bald wieder die Wanderschuhe zu schnüren bzw. die Ski unter die Füsse zu schnallen. Als langjähriger Norwegen – Enthusiast kann ich eurer Begeisterung für eines der schönsten Länder der Welt nur folgen. Weiterhin God tur! Vielleicht treffen wir uns ja mal in Norge. hilsen Andreas

    Antworten
    • Simon on 6. Januar 2017

      Moin Andreas,

      vielen lieben Dank für deine wunderbare Rückmeldung zu unserer Tour. Ja, die Begeisterung ist ungebrochen und steigt von Tour zu Tour, es ist einfach so unglaublich schön dort. Würd eich sehr freuen, wenn wir uns einmal über den Weg laufen würden!
      Dir auch god tur videre!

      Hilsen fra Simon

  • Horst on 26. Dezember 2016

    Servus Martin, Simon und Christian!

    Ein wirklich grenzgenialer Bericht – absolut klasse geschrieben! Als langjähriger Norwegen-Fan (war 7x oben) kenne ich dieses Gefühl der Stille. Herzlichen Dank an euch, dass ihr mir für ein paar Minuten Norwegen in mein Haus gebracht habt!

    Have fun
    Horst

    Antworten
    • Simon on 6. Januar 2017

      Moin Horst,

      vielen lieben Dank! Es freut uns wirklich sehr zu hören, dass dir der Bericht so gut gefällt und wir dich mit nach Norwegen nehmen konnten!

      Hilsen fra Simon

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