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The Travel Episodes

Foto Nam

Die Zeit davor …
Rotes Blut auf weißen Dreadlocks. Mein Kopf brummt und mir ist schwindlig. Heute ist offensichtlich nicht mein Tag. Könnte es aber noch werden. Am Rande der Kalahari. In Doupos, einem kleinen Dorf im Nord-Osten von Namibia.
Hier lebt eine Gruppe der San, auch „Buschmänner“ genannt, mit ihrem berühmten Heiler !Kunta Boo. Als angehender Ethnologe habe ich mich im Sommer 2014 auf den Weg hierher gemacht, um ihre Rituale kennenzulernen. Exotisch, fremd, abenteuerlich. Alle Ingredienzien für eine spannende Forschungsreise.

Die San, sie selbst bezeichnen sich als Ju/’hoansi, sind die wahrscheinlich weltweit am besten erforschte ethnische Gruppe. Sie werden als die letzten Vertreter der „Jäger und Sammler“, und damit der ältesten derzeit noch lebenden ethnischen Gruppe, angesehen. Heute leben sie in Naturschutzgebieten überwiegend vom Fremdenverkehr. In speziell dafür eingerichteten Museumsdörfern führen sie gegen Bezahlung vor Touristen traditionelle Tänze und Rituale vor.

In Doupos, dem Dorf meiner Feldforschung, leben 30 Erwachsenen und etwa 20 Kinder in Strohhütten und Zelten. Man hört Kinderlachen, Hühnergackern und Hundegebell. Und mitten im Dorf wohne ich. In einem Zelt am Dach meines kleinen Geländewagens, mit einem Campingtisch und zwei Sesseln. Mein Arbeitsplatz.

Heute Vormittag bin ich ziellos im Dorf herumgeschlendert, um zu fotografieren. Auch nach zwei Wochen habe ich noch immer das Gefühl, die Intimsphäre der Menschen zu verletzen. Wie soll ich mich verhalten? „Beachtet mich einfach nicht. Tut so, als wäre ich nicht da?” Alle wissen, dass ich fotografiere, und alle wissen, dass manches, was ich fotografiere, anders aussehen würde, wenn ich die Kamera nicht dabeihätte.

Bei der Rückkehr zu meinem Arbeitsplatz bin ich – wieder einmal – mit meinem Kopf an einen Holzbalken des Sonnendaches gestoßen und zu Boden gefallen. Blut tropfte von der Stirn. Jetzt sitze ich im Campingstuhl, halte ein Taschentuch auf die blutende Wunde und spüre die entstehende Beule. Ich fühle mich verletzt und einsam. Um mich herum eine fiebrige Hitze, kein Luftzug, keine Abkühlung, nur Fliegen und Bremsen summen um mich herum. Aus dem Dorf ist nichts zu hören und niemand zu sehen. Sogar die Kinder haben sich vor der Hitze verkrochen. In einiger Entfernung höre ich das Muhen der Kühe und das Meckern der Ziegen.

Ich versuche, positiv zu denken. „Die Einsamkeit verschafft jene Freiheit, die der kühne Forscher und die kühne Forscherin brauchen, um zu aufregenden Ergebnisse zu kommen.“, behauptet der Kultursoziologe Roman Girtler. Ich, der kühne Forscher mit der blutenden Beule, kann allerdings im Moment auf diese aufregenden Ergebnisse verzichten. Vielleicht hilft mir Bronisław Malinowski, der Erfinder der modernen Feldforschung. Er empfiehlt: „Wenn man sich aber in einem weitab gelegenen Dorf alleine aufhält, macht man eben einen einsamen Spaziergang von vielleicht einer Stunde und sucht dann bei der Rückkehr ganz selbstverständlich die Gesellschaft des Eingeborenen, diesmal aber als Linderung der Einsamkeit.“

Gerade als ich mich aufgerafft habe, den einsamen Spaziergang in den Busch zu unternehmen, begegnet mir Xoan//a, die Tochter des Heilers !Kunta Boo. Sie hat Neuigkeiten für mich. Heute am Abend wird gefeiert, gesungen und getanzt. Und !Kunta Boo wird ein Heilritual durchführen.
Noch bin ich skeptisch: „For me?“
„Yes, for you. You are our friend“
Xoan//a weiß, was ich hören möchte. Ich fühle mich geschmeichelt. Sind das die bereits aufregenden Ergebnisse von Girtler?

Heilt mich das Heilritual?
Es wird Abend, Ich warte. Die Beule am Kopf ist zwar kleiner geworden, schmerzte aber noch immer. !Kunta Boo steht neben der Feuerstelle in der Nähe seiner Hütte. Frauen und Kinder schlendern zu ihm. Sie setzen sich im Kreis um das Feuer.

Werde ich gerufen, wenn es losgeht? Oder geht es erst los, wenn ich dort bin? Ich gehe langsam, wie zufällig, in ihre Richtung. Kein Windhauch ist zu spüren, doch es riecht deutlich nach Rauch. Sie bemerken mich und winken mir zu. Ich fühle mich eingeladen und setzte mich auf einen freien Platz am Feuer. Erst jetzt bemerke ich rechts von mir !Kunta Boo, daneben seiner Frau und links von mir ihre Tochter Xoan//a.

!Kunta Boo ist bei den San ein sehr berühmter Heiler. Sein Alter ist schwer zu schätzen. 80 Jahre mindestens. Für einige Dorfbewohner ist er mehr hundert Jahre alt. Jeder Wissenschaftler, der sich mit den San beschäftigt, wird früher oder später auf den alten Heiler aufmerksam. Sogar viele Touristen fragen ausdrücklich nach ihm und wollen ein Heilritual nur von ihm erleben.

Ich sitze jetzt bereits eine halbe Stunde neben !Kunta Boo und beobachte, wie sich immer mehr Frauen und Kinder um das Feuer setzen. Sie tragen Alltagskleidung, T-Shirts, Röcke oder kurze Hosen aus bunten Stoffen. Zusätzlich schützen sie sich mit Decken und dicken Socken vor der kalten Abendluft. Nur !Kunta Boo hat seine Alltagskleidung gegen den traditionellen Lendenschurz aus Kudu-Leder, die Tjona, getauscht.

Langsam wird die Runde vollständig. Verwundert stelle ich fest, dass sich ausschließlich Frauen zu uns gesellen. Alle reden durcheinander und lachen. Manchmal schauen sie dabei auf mich und ich vermute, dass sie gerade das heutige Abendprogramm für mich planen.

Einige Frauen beginnen zögernd zu singen.

Doch nach einigen Takten verstummen sie wieder. Andere Frauen nehmen die Melodie auf. Wie vor einem Orchesterkonzert. Die Instrumente stimmen sich auf einander ein. Ein akustisches Durcheinander. Minutenlang.

Nun treten die Männer aus der Dunkelheit und beginnen an der Außenseite des Kreises rhythmisch mit den Beinen auf dem Boden zu stampfen. Dabei bewegen sie sich Schritt für Schritt im Uhrzeigersinn. Um die Waden habe sie Fußrasseln gewickelt und unterhalb des Knies mit einer Schnur befestigt.

Plötzlich erhebt sich !Kunta Boo und verschwindet in der Dunkelheit. Ich höre, wie er sich ebenfalls Fußrasseln anlegt. Nach einigen Minuten kommt er zurück und stellt sich in die Mitte des Kreises, neben das Feuer. In der linken Hand hält er einen Wedel aus den Schweifhaaren eines Kudus. Die Frauen klatschen und singen immer lauter. Ich klatsche begeistert mit. !Kunta Boo stimmt in den Gesang ein, und hinter mir höre ich das Stampfen der Füße und das Scheppern der Rasseln. Ein mystisches Klangbild.
Plötzlich verstummen alle gleichzeitig, wie auf ein Kommando, und !Kunta Boo verschwindet wieder in der Dunkelheit. Absolute Stille. Nur das Feuer prasselt. War das die Generalprobe?

Da steht Xoan//a auf, bewegt sich tänzelnd um das Feuer und bleibt vor mir stehen. Mit erhobenen Armen und wippenden Hüften blickt sie belustigt zu mir herunter. Ich schaue erstaunt zu ihr auf. Was erwartet sie von mir? Ich habe das Gefühl, alle Menschen rund um das Feuer erwarten etwas von mir. Doch was? Sie hebt nochmals ihre Arme ruckartig in die Höhe, doch ich verstehe nicht, was sie meint und bleibe sitzen. Dann dreht sie sich schweigend um und geht an ihren Platz zurück. Ich werde unruhig. Irgendetwas scheint schief zu laufen. Verlegen schaue ich in die Runde, ob von irgendwo Hilfe kommt.

Da springt die Tochter von Xoan//a auf, tanzt ebenfalls zuerst um das Feuer und stellt sich breitbeinig vor mich hin. Sie wirkt sehr energisch und gibt sich nicht mit Gesten oder Hinweisen ab. Sie beugt sich zu mir hinunter, ergreift meinen rechten Arm und zieht mich mit einem kräftigen Ruck zu sich. Ohne mich loszulassen, tanzt sie mit mir eine Runde um das Feuer. Sie zieht mich, ich hopse hinterher und versuche, ihre rhythmischen Bewegungen nachzumachen. Noch immer habe ich keine Ahnung, welcher Plan dahintersteckt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich der Kreis der Frauen öffnet. Bestimmt werde ich hinaus zu den Männern gedrängt. Jetzt verstehe ich. Im Kreis um das Feuer sitzen ausschließlich Frauen. Um sie herum stampfen ausschließlich Männer.

Ich habe meinen Platz zugewiesen bekommen und die Ordnung ist hergestellt.

Im ersten Moment sehe ich wegen der Dunkelheit sehr wenig. Zum Glück bemerkt niemand meine Orientierungslosigkeit. Neugierig beobachte ich die Männer vor mir. Sie bewegen sich mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und stampfen dabei rhythmisch mit den Beinen. Im Zwei-Viertel-Takt. Die beiden Arme halten sie dabei leicht angewinkelt nach vorne. Ich versuche, die Haltung nachzumachen. Zuerst stampfen wir einige Male im Uhrzeigersinn um das Feuer. Dann wechseln wir die Richtung. Ich habe Mühe, den Rhythmus zu halten und bekomme das Gefühl nicht los, dass jetzt doch alle auf mich schauen. Trotz Dunkelheit. Nach einigen Runden werde ich mutiger und stampfe laut brummend und selbstsicher in den sandigen Boden. Mein erster Auftritt im Kreise der Männer.

Die Frauen sitzen – mit den Rücken zu uns – mit gekreuzten oder ausgestreckten Beinen um das Feuer und geben singend und klatschend den Rhythmus vor. Die größeren Kinder singen mit, wenn sie nicht gerade reden, lachen oder eingeschlafen sind. Die kleinen Kinder werden zwischendurch gestillt, beobachten das Geschehen oder schlafen an der Brust der Mutter.

Endlich kommt !Kunta Boo aus der Dunkelheit zurück, bleibt aber außerhalb des Kreises stehen, schwenkt den Wedel in seiner linken Hand und beginnt seine eigene Melodie zu singen. Die Frauen singen laut und schrill und klatschen immer schneller. Der Heiler stößt kurze laute Schreie aus, aus den Schreien werden Silben und aus den Silben Worte. Dabei streckt er beide Arme in die Höhe und der schweißbedeckte Körper zittert. Er scheint in einen Trancezustand zu kommen. Ritualforscher nennen diesen Zustand bezeichnenderweise „Boiling Energy“. Diese spirituelle Energie bewegt sich vom Bauch des Heilers in die Hände und die Finger.

Jetzt kann !Kunta Boo mit den spirituellen Mächten – den Vorfahren – Kontakt aufnehmen und mit ihnen verhandeln. In seiner Rolle als Sprechers der gesamten Gemeinschaft bittet er die Vorfahren, kranke Personen zu heilen und sie nicht aus der Mitte der Gemeinschaft zu reißen. Wenn er erfolgreich verhandelt, werden ihm die spirituellen Mächte Ratschläge zur erfolgreichen Behandlung geben.

Doch mit den spirituellen Mächten und ihren Ratschlägen ist es so eine Sache, erklärte mir vor einigen Tagen die Tochter des Heilers: „Not all ancestors ar good. We have also bad ancestors.“ Die Guten geben gute Ratschläge zu Heilung der Krankheit, die Bösen hingegen verstärken sie und können sogar den Tod herbeiführen. Die Kunst des Heiles besteht nun darin, seine „Verhandlungspartner“ richtig einzuschätzen und Ratschläge nur von den „good ancestors“ anzunehmen.

!Kunta Boo beugt sich von hinten über eine Frau, legt beide Hände auf ihre Schulter und schüttelt ihren Oberkörper. Zwischendurch richtet er sich auf und stößt einige kurze laute Schreie aus. Dann streicht er der Frau mit der einen Hand vom Hals über die Schultern bis zur Hüfte und mit der anderen Hand berührt er ihre Brust und ihren Bauch. Er zieht damit die Krankheit aus ihr heraus und in sich hinein. Für den Heiler ist das ein kritischer Moment. Denn er muss anschließend die Krankheit schnell wieder aus seinem eigene Körper entfernen und in den umgebenden Raum abgeben. Dazu richtet er sich ruckartig auf, hebt seine Arme in die Höhe und stößt einen langen durchdringenden Schrei aus. Dieser Vorgang ist für ihn sehr schmerzhaft, aber notwendig, sonst verbleibt die Krankheit in seinem eigenen Körper.

Als Nächstes wendet er sich dem Mädchen rechts von ihm zu. Er kniet sich nieder und berührt ihre Schulter. Dann setzt er sich auf seine Fersen und streift über den Rücken und den Bauch des Mädchens. Er bewegt seine Hände kreisförmig, so als würde er massieren. Dazu singt er und stößt wieder laute Schreie aus. Nach einigen Minuten lässt er das Mädchen los, beugt sich zurück und umschlingt mit beiden Händen seinen eigenen Kopf. Verhandelt er mit den Vorfahren? Das Mädchen sitzt ruhig, fast meditativ und lässt alles mit sich geschehen.

!Kunta Boos Körper bebt. Das Ritual scheint ihn auszulaugen. Der Oberkörper glänzt im Schein des Feuers und der Schweiß tropft von der Stirn. Die Lippen beben und mit geschlossenen Augen stößt er immer wieder laut kurze Schreie aus und dreht sich um die eigene Achse. So als müsse er die Verbindung mit dem Kind lösen und sich selbst wieder freimachen. Dann geht er weiter zur nächsten Frau, zum nächsten Kind. Es werden bei einem Heilritual alle Personen behandeln, unabhängig davon, ob sie akute Krankheitssymptome zeigen oder nicht. Quasi prophylaktisch, als Gesundheitsvorsorge.

Plötzlich bleibt !Kunta Boo stehen. Er beugt dem Oberkörper nach vorne und ringt nach Luft. Die Frauen unterbrechen den Gesang. Ich erwarte eine dramatische Wendung. Doch nach einigen Augenblicken der Stille reden und lachen alle durcheinander. Pause. Entspannung. Die Kinder laufen herum, die Frauen stehen auf und vertreten sich die Füße, die Männer setzen sich auf den Boden, strecken die Beine aus, kontrollieren den Sitz ihrer Rasseln und unterhalten sich.

Der Heiler braucht eine Pause. Er ist sichtlich erschöpft. Auf unsicheren Beinen entschwindet er in die Dunkelheit. Ich bewege mich unauffällig in seine Nähe und beobachte, wie er sich auf der kühlen Erde ausstreckt. Er sucht Ruhe, und schnauft und stöhnt und brummt vor sich hin.

Nach einigen Minuten kommt er zurück. Die Frauen beginnen wieder zu singen und zu klatschen, wir Männer stapfen und stampfen im Kreis. Wer ist der Nächste? Er blickt entschlossen zu uns, den Männern im äußeren Kreis. Mir wird plötzlich heiß und mein Kopf glüht. „Boiling energy“ oder Aufregung? Ich lasse !Kunta Boo nicht aus den Augen. Er geht langsam auf den ersten Jäger zu, singt, berührt seinen Kopf, schüttelt seine Schulter, streicht über die Stirn, hebt abrupt seine Arme in den Himmel und stößt einen Schrei aus. Dann wendet sich !Kunta Boo dem zweiten Jäger zu. Und dann dem Dritten.

Ich bin der Nächste, der Letzte in der Runde. !Kunta Boo bleibt stehen, schaut in meine Richtung, aber an mir vorbei. Ich vergesse mein Stampfen, meinen Rhythmus und stolpere nur noch herum. Er hat auf mich übersehen, auf mich vergessen. Ich erinnere mich plötzlich an den großen Topf mit Erdäpfelpüree. Mein Lieblingsessen. Im Internat, in dem ich während meiner Mittelschulzeit leben musste, wurde der Topf immer an ein Ende des Esstisches gestellt. Wer am anderen Ende gesessen ist, hat oft nur mehr in den leeren Topf geblickt. Nichts mehr übrig. Pech gehabt.

!Kunta Boo geht langsam auf mich zu. Endlich. Der Topf ist doch nicht leer. Meine Beine werden schwer und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Auf meiner Stirn spüre ich wieder den pochenden Schmerz meiner Verletzung. Der Heiler ist nur noch eine handbreit von mir entfernt. Seine Stirn, sein Gesicht, sein Hals, seine Schultern, sein Oberkörper sind nass. Sein Singen geht in ein leises melodiöses Brummen über und seine Lippen vibrieren. Ich rieche seinen Schweiß und den Rauch des Feuers. Aufgeregt suche ich seine Augen. Sie sind gerötet und er scheint durch mich hindurch zu schauen.

Was kommt jetzt? Insgeheim erwarte ich, – ja, erhoffe es geradezu – eine Art von transzendenter, übersinnlicher Erfahrung.

Ich erwarte mir eine deutlich wahrnehmbare körperliche Reaktion. Vielleicht eine spontane Heilung meiner Verletzung am Kopf?

!Kunta Boo streicht mit dem Wedel über meinen Kopf und berührt meine Beule. Meine Beine zitterten und mein Atem wird flach. Dann spüre ich seine vibrierende Handfläche auf meinem Hinterkopf, auf meiner Schulter und schließlich auf meinem Rücken. Er steht jetzt so nahe bei mir, dass sich unsere Körper berühren. Der warme Schweiß tropft von seiner Stirn auf meine Brust. Das Zittern seiner Lippen und das Vibrieren seiner Hände werden stärker, sein Brummen immer lauter. Wie knapp vor der Eruption eines Vulkans. Dann stellt er sich hinter mich, gleitet mit beiden Händen von meiner Brust zum Bauch und macht kreisende Bewegungen um den Nabel. Ich genieße die sanfte Berührung, schließe die Augen und mache einige tiefe Atemzüge. Gerade als ich beginne, mich zu entspannen, ergreift er plötzlich mit beiden Händen meine Schulter, schüttelt mich kurz und kräftig, lässt er mich wieder los, senkt beide Hände, stellt sich vor mich hin und blickt mir in die Augen. Er wirkt wach und entschlossen. Ich habe das Gefühl, dass er in mich hineinblicken kann und ich ihm ausgeliefert bin. Gleichzeitig strahlt er Sicherheit und Geborgenheit aus. Nach einigen Augenblicken tritt er energisch einige Schritte zurück, streckt mit einem Ruck den rechten Arm in den schwarzen Nachthimmel und stößt mehrere laute Schreie aus. Ein letzter Blickkontakt, dann dreht er sich um, lässt mich stehen und geht langsam von mir weg. Die ganze „Behandlung“ hat vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert.

Die Frauen hören auf zu singen und zu klatschen und die drei Jäger setzten sich auf den Boden und reden leise miteinander. Ich stehe orientierungslos dazwischen. Niemand scheint mich zu beachten oder sich dafür zu interessieren, was ich soeben erlebt habe.

!Kunta Boo ist total erschöpft. Sein ganzer Körper ist nass, die Arme hängen kraftlos herunter und er schaut gebeugt zu Boden. Laut keuchend zieht er sich wieder in die Dunkelheit zurück. Ich höre sein Schnaufen, seinen abgehackten Atem und das leise Scheppern seiner Rasseln. Auch ich strecke mich auf dem kühlen sandigen Boden aus, lege mich auf den Rücken, verschränke die Arme unter dem Kopf und blicke zufrieden in den Sternenhimmel. Rund um mich wird gelacht und geredet, Frauen stehen auf, Kinder laufen herum und spielen. Entfernt bellt ein Hund. Ob das Heilritual auch bei Tieren wirkt? Ich nehme mir vor, !Kunta Boo bei Gelegenheit danach zu fragen.

Der Gesang und das Klatschen der Frauen verstummen endgültig. Das Feuer ist fast vollständig abgebrannt. Nach einigen Minuten kehrt !Kunta Boo sichtlich erholt zurück. Er stellt sich hinter seine Frau, legt seine Hände auf ihre Schultern und bewegt sie ganz sanft und vorsichtig hin und her. Dann kniet er sich nieder, beugt seinen Kopf zu ihr und berührt mit seinen Lippen zärtlich ihren Hals. Abschließend springt er wieder auf, streckt seinen Oberkörper und beide Arme in die Höhe, stößt zum letzten Mal einen lauten kurzen Schrei aus, setzt sich dann zu seiner Frau und lehnt sich erschöpft an sie. Sie lächelt und sucht seine Hand.

Damit ist das Ritual zu Ende. Die Frauen verschwinden in der Dunkelheit. Die meisten Kinder schlafen und werden von ihren Müttern in die Hütten getragen. Auch die Männer sind schon gegangen.

Ich bin unschlüssig, was ich jetzt tun soll. Mich mit einer kurzen Rede bedanken? Wortlos weggehen? Da blickt mich !Kunta Boo an: „Kaja“. Was in diesem Moment so viel bedeutet wie: Es ist alles gut, es ist zu Ende. Du kannst jetzt gehen. Oder besser: du sollst jetzt gehen.

Das Feuer ist fast erloschen. Im Schein der Taschenlampe gehe ich schweigend zu meinem Zelt zurück. Erschöpft setze ich mich auf einen Campingstuhl. Das Bier ist warm. Trotzdem genieße ich das Kribbeln der Kohlensäure und den bitteren Geschmack des Hopfens. Afterwork Clubbing. Ein Kontrastprogramm zu den letzten zwei Stunden.

Das war also der lange herbeigesehnte Höhepunkt meiner Forschungsreise. War es denn ein „echtes“ Heilritual? Obwohl es speziell für mich gemacht wurde und obwohl es offensichtlich keine akuten Krankheiten zu heilen gab?

Die von mir erwartete übersinnliche Erfahrung hat sich bisher nicht eingestellt. Mein Körper signalisiert nur Müdigkeit. Und doch bin ich in diesem Moment zufrieden: Ich durfte an diesem Ritual teilnehmen. Nicht als Zuschauer, nicht als Anthropologe und nicht als Tourist. Sondern als Mitglied der Dorfgemeinschaft. Zumindest möchte ich das gerne so glauben!

Der Tag danach …
Der Morgen danach im Schlafsack. Die Beule am Kopf ist noch da. Ich bin erleichtert, gleichzeitig aber auch enttäuscht. Insgeheim habe ich nach der Behandlung von Dr. Boo – so wird !Kunta Boo oft respektvoll von den Dorfbewohnern bezeichnet – eine besondere, nicht alltägliche Reaktion meines Körpers erwartet. Mit einem Ruck ziehe ich die Beine aus dem Schlafsack und setze mich auf. Doch mitten in der Bewegung spüre ich einen scharfen Stich am unteren Ende der Wirbelsäule. Die Bandscheiben. Warum gerade jetzt? Die harte Isomatte unter dem Schlafsack? Eine Überbeanspruchung durch das stundenlange Stampfen gestern Abend? Eine Verkühlung durch den kalten Nachtwind? Oder gar eine Reaktion auf die Berührungen durch den Heiler?

Ich bin verwirrt. Zwei schmerzstillende Tabletten mit aus meiner Reiseapotheke helfen akut und eine Erklärung werde ich später suchen.

Nach dem Frühstückskaffee, viel Löskaffee mit wenig heißem Wasser und ohne Zucker, suche ich die Nähe von !Kunta Boo. Mit zwei Packungen Zigaretten. Er sitzt auf einer Decke in der Nähe des Feuers und schaut seiner Frau zu, die einmal mehr mit ihren vielen in sich verschlungenen und verknoteten Halsketten kämpft. Sie hat sie am Boden vor sich liegen und versucht Ordnung hineinzubringen. Immer wenn sie die Bänder mit den aufgefädelten Glasperlen nicht entwirren kann, beginnt sie zu schimpfen und wirft genervt das Knäuel ihrem Mann zu. Manchmal hebt er es auf und entwirrt es schweigend mit unendlicher Geduld, manchmal beachtet er weder das hingeworfene Knäuel, noch seine Frau, und dreht sich brummend zur Seite.

Heute Morgen beobachtet !Kunta Boo lächelnd seine Frau. Er ist guter Laune. Nach einem lässig hingeworfenen „#khaisi“ (guten Morgen), bedanke ich mich für das gestrige Ritual mit zwei Packungen Benson & Hedges, seiner Lieblingszigarette. Er macht sofort eine Packung auf, nimmt sich eine Zigarette heraus, gibt eine zweite seiner Frau und steckt beide Packungen in die Hosentasche.

„Thank you for the Healing Dance yesterday. It was a great pleasure for me.“
Der Enkelsohn von !Kunta Boo, der gerade verschlafen aus seiner Hütte schaut, übersetzt. !Kunta Boo hört zu, zündet sich die Zigarette mit einem brennenden Holzstab an, macht einen tiefen Zug, bläst den Rauch in meine Richtung, lächelt mich an und sagt etwas.
„Dr. Boo ask, how you feel today.“

„Thank you, fine.“ Die Beule auf meiner Stirn verdränge ich. Die Bandscheiben sind dank schmerzstillender Tabletten erträglich, aber doch deutlich spürbar. Mir fehlen auch die passenden Worte. Ich könnte sagen: „Danke, es geht mir gut. Die Beule ist noch immer da, meine Bandscheiben waren vor dem Heilritual noch in Ordnung, aber nach der gestrigen Behandlung durch Dr. Boo habe ich große Schmerzen, die ich nur durch Tabletten mit dem Wirkstoff Diclophenac in den Griff bekomme!“ Aber das geht natürlich nicht.

Es wäre auch naiv zu glauben, dass !Kunta Boo meine Stirn berührt und wie von Geisterhand und mithilfe der Vorfahren verschwindet die Beule. Dazu braucht er kein Heilritual. Dazu braucht er eine Salbe aus zerstoßenen Wurzeln und Kräutern aus seiner „lokalen Apotheke“. Oder eine arnikahaltige Salbe und ein Coolpack aus meiner „westlichen“ Reiseapotheke. Und was sollte Dr. Boo für meine Bandscheiben tun? Sie sind abgenutzt. Basta. Soll er mit einem Heilritual, mithilfe der Vorfahren, einen Knorpelaufbau in Gang setzen?

Der Heiler steht auf, legt einige trockenen Äste in Feuer. Dann nimmt er sich Kaffee aus der Kanne am Feuer und setzt sich einige Meter von mir entfernt wieder hin. Unser Gespräch ist hiermit zu Ende.

Es ist bereits Mittag geworden, die Sonne steht am Zenit und es ist drückend heiß. !Kunta Boo und seine Frau legen sich in den Schatten eines Baumes und ihr Enkelsohn verschwindet wieder in der Hütte. Das Dorf hält Mittagsruhe. Ich auch. Doch vorher nehme ich noch eine weitere Tablette mit Diclophenac.

Sicher ist sicher.

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Eine Episode von

Josef Wukovits

Josef Wukovits kam im Alter von 50 zufällig nach Afrika. Und irgendwie auf den Kilimandscharo. Der Beginn einer Liebesgeschichte mit einem Kontinent. Dann arbeitete er im Südsudan für Ärzte ohne Grenzen. Diese Erfahrungen verlangten nach wissenschaftlicher Aufarbeitung. In der Pension. Beim Studium der Kultur- und Sozialanthropologie in Wien. Logisch, dass die Masterthesis wieder nach Afrika führte. Zu den Heilritualen der San in Namibia. Mit dem Zelt in ein kleines Dorf am Rande der Kalahari.

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