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The Travel Episodes

Off-Road to Istanbul / Teil 3

Hinterhalt an der Grenze

Wir fuhren durch Bosnien Herzegowina und wollten nach Kroatien – und kamen wir nicht nur an eine Landesgrenze, sondern auch an unsere persönlichen Grenzen. ((Eine Geschichte über Lug und Betrug, leider.))

Es ist früher Nachmittag. Die Sonne brennt erbarmungslos und wir stehen gemeinsam mit einer Reihe in Deutschland vermutlich TÜV-zulassungsunfähiger Fahrzeuge in einer Autoschlange. Wir sind an der bosnisch-kroatischen Grenze. Diese ist zweifelsohne die bisher eindrucksvollste Grenze, die wir passieren. Neben dem vierspurigen Grenzübergang finden sich verschiedene Gebäude, die zusammengeschlossen bestimmt die Fläche zweier Fußballfelder einnehmen.
Der aufmerksamen Leser wird bemerken, dass wir in die EU einreisen wollen.

Uns ist das zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht so klar und somit machen wir uns auch keinerlei Gedanken, dass diese Einreise sich etwas komplizierter gestalten könnte. Nichtsahnend bereiten wir also in gewohnter Manier Reisepässe und Fahrzeugpapiere vor. Eine Dreiviertelstunde später erreichen wir den ersten Grenzposten. Eine etwas korpulente, blasse Frau lugt aus einem Fensterspalt heraus. Man sieht an ihrer konvexen Körperhaltung förmlich, wie sehr sie ihren Job liebt: Kaugummi kauend, mit starrem Blick gen Bildschirm, wispert sie mit kraftlos ausgestrecktem Arm in fast andächtiger Stimme: „Passports and vehicle documents please.“ Strahlemann Robin reicht die Reisepässe voller Elan durch den Spalt: „Yes, Ma’am. We are four people. You find the trailer documents in …“ „Okay … guys, please park your car here to the right.“

We need to check your car – custom control.

Nichts Neues für uns. Wir mussten bisher fast immer die Plane vom Anhänger entfernen und die Luke öffnen. Also alles halb so wild, dachten wir. Weit gefehlt …
Wir fahren den Jeep also ein paar Meter weiter an die eigentliche Grenze und parken an einem Häuschen mit der Aufschrift „Police 01 Custom Control“. Schnell sind wir von etwa zehn Uniformträgern umgeben. Ein junger, dunkelhaariger, bärtiger Mann mit breiter Brust kommt auf uns zu und bittet uns auszusteigen. Er fragt, ob wir Rauschgifte oder Waffen geladen hätten – eine Frage, welche wir guten Gewissens verneinen können. Dachten wir.

Mit mahnender Stimme erklärt der Beamte: „Do you see those lights there right before the little cabin where you showed your passports? This machine scans your car for drugs and other liquids. After you passed, it showed a red light, meaning that it found drugs.“

In jenem Moment, in dem der Kerl behauptete, unser Wagen sei durchleuchtet worden, dämmert uns, welches Spiel hier gespielt wird.

Es folgt eine akribische Zerlegung unseres gesamten Fahrzeuges. Jeder noch so kleine Gegenstand wird aus dem Geländewagen entfernt. Jede Fußmatte und jede Innenverkleidung des Wagens durchsucht. Jede Unterhose und jedes getragene T-Shirt abgetastet und jeder Spalt im Auto durchleuchtet. Die Prozedur dauerte mehrere Stunden und am Ende stand eine ellenlange Liste von Straftaten, die wir mit der versuchten Einreise in die EU angeblich begangen hätten.
 
 
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Spionage wegen Besitz von Kameraequipment und Drohne.

Waffeneinfuhr wegen Besitz von Koch- und Taschenmesser.

Waffeneinfuhr wegen Besitz von zwei Pfefferspraydosen.

Geplanter Banküberfall wegen Besitz von Tiermasken.

Man droht uns an, dass alleine die Summe der Strafdelikte in Kroatien für eine Haftstrafe ausreichen würde und erklärt uns, dass das kroatische Gesetz etwas strenger sei als europäische Richtlinien, was das Waffengesetz angeht. Dazu legt man uns verschiedene kroatische Paragraphen vor, spricht ein wenig über Strafmilderung, droht uns zwischendurch immer mal wieder mit Zehntausenderbeträgen und kündigt letztendlich an, dass man sich zurückziehen müsse, um das Strafmaß festzulegen. Wir sollen doch bitte so freundlich sein und einen Moment warten. 
Man schüchtert uns ein. Und es funktionierte. Nicht, weil wir dachten, wir hätten etwas Unrechtes getan. Wir waren uns dessen besonders sicher, da wir beispielsweise wussten, dass es verboten ist mehr als zwanzig Liter Diesel in externen Kanistern in die EU einzuführen. Unsere zwei gefüllten Zehn-Liter-Tanks aber blieben die einzig ungeöffneten Behälter bei der Durchsuche. Wir glaubten also auch nicht ernsthaft an eine Haftstrafe oder an eine hohe Geldstrafe. Aber wir wussten, dass wir der puren Willkür ausgesetzt waren und uns letzten Endes dieser auch beugen mussten.

Eine knappe Stunde vergeht, bis schließlich die Beamten mit einem kleinen, weißen Zettel aus dem Häuschen kommen und die „Delikte“ verkünden. Ohne große Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, können wir von den meisten „Straftaten“ durch kurze Diskussionen und Darlegen einer Gegenbehauptung „freigesprochen“ werden. Aber von einer Sache lassen sich die Herrschaften nicht abbringen:

Wir müssen unsere Küchenmesser abgeben und für jedes Döschen Pfefferspray satte 150 Euro Geldstrafe zahlen.

Dass wir aus dieser Sache nicht unbestraft davon kommen, war uns sowieso klar. Wir zahlen also. Lucas legt mit knirschenden Zähnen das Geld vor – zuvor muss er es bar aus dem scheinbar extra dafür am Grenzhäuschen montierten Geldautomaten holen.

 
 
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Wir haben das Geld nicht für das Pfefferspray oder die Messer bezahlt. Jeder Camper-Van hat mehr Messer dabei als wir. Und unser Pfefferspray war nicht mal echtes Pfefferspray, sondern die harmlose, über Amazon bestellte und in Deutschland frei erhältliche Fünf-Euro-Variante.

Die dreihundert Euro haben wir auf unser Reise-Lehrgeld-Konto verbucht. Wir beschlossen, das Geld als Investition in eine Geschichte zu sehen, die wir nie wieder vergessen würden. Und da erschien uns der Preis schon beinahe günstig. Hallo Kroatien! Wie schön bei Dir willkommen zu sein!
 
 

* * *

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Leserpost

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  • Chris on 15. Oktober 2015

    Witzig! Als ich 2014 mit dem Auto durch Kroatien fuhr, wurde ich von einem Polizisten wegen „mangelnder Fahrzeugpapiere“ abgezockt, denn die Papiere, die ich dabei hatte, waren auf Englisch! Ähnlich wie bei euch folgten jede Menge Einschüchterungsversuche, es wurde gedroht, es wurde laut. Man wollte sogar die Daten meines Vaters. Am Ende musste ich zahlen, ansonsten hätte es Handschellen gegeben. Und jetzt das Beste: Am gleichen Abend sah ich den selben Polizisten am Hafen der nächsten kroatischen Stadt, breit grinsend mit Freunden und einer fetten Grillfischplatte – für ihn, und alle seine Freunde. Die 120 Euro wegen fehlender Papiere wurden wohl direkt gut angelegt. Hallo Kroatien! Schön, bei dir willkommen zu sein. Und gut zu wissen, dass das kein Einzelfall ist.

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