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The Travel Episodes

Ehe auf Zeit

Hochzeit im Iran

Auf ihrer ersten Reise in den Iran verliebte sie sich, auf ihrer zweiten Reise in den Iran heiratet sie. Nadine Pungs schließt eine Zeitehe, ein Mullah spricht den Segen und am Ende wird es peinlich. Eine kleine Geschichte über Liebe, Leid und Nasenbluten.

Heute heirate ich. Und noch immer rotze ich Blut. Seit Teheran geht das so. Der Blutschnupfen kommt vom Smog. Das ist normal, und hört nicht auf.

»Good morning, German girl.«

Kourosh lehnt an der Badezimmertür und grinst mich an. In der einen Hand hält er ein hellblaues Hemd, in der anderen ein dunkelblaues. Ich presse das Taschentuch an meine Nase und zeige auf das hellblaue Hemd. Kourosh nickt und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Wir lernten uns vor eineinhalb Jahren kennen. Damals reiste ich vier Wochen lang durch dieses Land, das mich bestürzt und berührt und das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Ich verliebte mich in den Iran, und ich verliebte mich in Kourosh. In die Lachfalten, die sich um seine Augen kräuseln, in seine Herzensgüte. Heute feiern wir Hochzeit. Die weder ihm noch mir etwas bedeutet.

Kouroshs Schwester Tanaz leiht mir einen weißen Manteau und ein weißes Kopftuch. Mein Brautkleid. Sie freut sich schon den ganzen Morgen auf die Trauung, hüpft durchs Haus, summt ein Lied, holt einen Kuchen aus dem Eisfach und packt den Fotoapparat ins Handtäschchen. Als sie den Schleier über mein Haar legt und ich mich im Spiegel betrachte, zieht sich mein Magen zusammen und meine Hände werden kalt. Ich wollte niemals heiraten. Auch Kourosh wollte nicht. Aber wir müssen. Damit wir gemeinsam durch die Islamische Republik reisen können, ohne dass uns Sittenwächter hinterherschnüffeln. Damit wir uns ein Hotelzimmer teilen dürfen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Denn im Iran ist Intimität zwischen unverheirateten Paaren offiziell verboten, hundert Peitschenhiebe drohen. Nur Eheleuten ist Eros erlaubt.

Natürlich sind die Gesetze den meisten Iranern schnurzpiepegal und selbst das Regime interessiert sich heutzutage nur selten für das Liebesleben seiner Untertanen, doch der heilige Monat Muharram hat begonnen, ein Trauermonat im Iran. Polizei und Revolutionsgardisten gerieren sich jetzt besonders grimmig, und wir möchten nicht auffallen. Der Trauschein macht Kouroshs Leben sicherer. Darum heiraten wir. Auf Zeit.

»Genussehe« nennen Muslime diese auf islamischem Recht beruhende Verbindung, die nur vor Gott zählt und ohne amtliche Registrierung auskommt. Sighe heißt die temporäre Beziehung in Farsi, und sie ist eine Art außereheliche Ehe. Zwischen dreißig Minuten und 99 Jahren kann sie dauern, ein Mullah spricht den Segen, selbstverständlich gegen Cash. Der Ringtausch ist unüblich, aber der Frau steht nach der Trauung eine Brautgabe zu, sodass sie auskömmlich versorgt ist. Der Mann darf neben seinen vier regulären Ehen so viele Zeitehen führen, wie er bezahlen kann. Der Frau ist das nicht gestattet, doch sie hat immerhin die Möglichkeit, die Mehrehe vertraglich zu untersagen.

Sogar die Anzahl der sexuellen Begegnungen kann festgelegt werden.

Nach Ablauf der Frist endet die Partnerschaft automatisch, falls das Paar nicht verlängert. Eine Ehe mit Verfallsdatum also. Die Frau muss nun zwei Menstruationszyklen abwarten, bis sie erneut heiraten darf, damit dem nächsten Gatten kein Kind untergeschoben wird.

Was für westliche Ohren bizarr klingen mag, ist fest in der schiitischen Tradition verankert, und der Versuch, Liebe und Pragmatismus unter einen Turban zu bringen. Junge Menschen begreifen die sighe mitunter als Schlupfloch, um der Unfreiheit zu entfliehen, und in konservativen Familien nutzen die Heiratskandidaten die Zeitehe bisweilen als Testphase, freilich ohne Sex. Ähnliche Modelle der »Probeehe« gab es vor Jahrhunderten auch in Schottland, Japan und in Deutschland.

Aber da sind Schattenseiten. Etliche Iranerinnen gehen die sighe bloß ein, weil sie an finanzieller Ausweglosigkeit leiden. So sind geschiedene oder verwitwete Frauen häufig auf einen Zeit-Ehemann angewiesen, andernfalls verarmen sie. Viele Paare verheimlichen aus Scham ihre Genussehe und die meisten Sunniten lehnen sie komplett ab. Polemiker bezeichnen sie als Prostitution. In Deutschland ist die sighe rechtsungültig. Keine einzige Behörde erkennt sie an.
Tanaz schießt ein Foto von mir. Ich lächle und versuche, glücklich auszusehen. Auf der Couch sitzt Mommy, die Matriarchin der Familie. Sie ist 93 Jahre alt, trägt weiße Löckchen und roten Lippenstift, und sie wispert meinem zukünftigen Gemahl ein paar Worte ins Ohr. »Sie wünscht uns Glück«, übersetzt er.

***

Der Heiratsclub liegt versteckt in einem Hinterhof. Das Eingangstor quietscht, eine Katze sonnt sich auf einem Mäuerchen. Bauschutt türmt sich auf, in einer Ecke rostet ein Kronleuchter. Wir nehmen die Treppe in den ersten Stock, die Bürotür ist angelehnt, Kourosh betritt den Raum, er will den Mullah abchecken und um den Preis feilschen. Tanaz und ich warten im Flur, wir linsen durch den Türspalt. Hinter einem Schreibtisch thront der dicke Mullah und tippt in sein iPhone. Sein Bart ist so grau wie die Abgaswolke eines Verbrennungsmotors. Über ihm an der Wand hängt ein Teppich, auf den eine Koransure gestickt ist. Eine Sekretärin kopiert Papiere.

»Die Trauung kostet eine Million Toman aufwärts«, verkündet der Geistliche. Das entspricht 250 Euro.
»Aufwärts?«, staunt Kourosh.
»Ja, der Preis hängt vom Alter der Frau ab«, meint der Mullah, kratzt sich unter dem Turban und erklärt: »Sie wollen doch lieber eine Zwanzigjährige heiraten als eine Sechzigjährige.« Er feixt, zieht einen Katalog aus der Schublade und schiebt ihn über den Schreibtisch. Kourosh blättert kurz darin, schlägt ihn zu und sagt dann: »Ich suche keine Frau. Ich bringe meine eigene Freundin mit.« Er deutet auf den Flur. Ich winke durch den Türspalt.
»Ach so«, murmelt der Geistliche enttäuscht und räumt den Katalog zurück in die Schublade, »das macht dann 200.000 Toman.« Also fünfzig Euro.

Ich darf eintreten und setze mich auf einen Stuhl, der mit Plastikfolie überzogen ist. Tanaz bleibt im Türrahmen stehen und ich höre, wie sie in ihrer Handtasche nach dem Fotoapparat kramt. Der Mullah fischt jetzt einen Füller und eine Heiratsurkunde aus der Schublade, seine Siegelringe sind zu eng für die fleischigen Finger. Die Sekretärin lächelt mich an, neben ihr brummt ein Getränkeautomat, in einer Vase welkt eine Rose. Ich schwitze unter dem Brautschleier, doch meine Hände sind immer noch kalt. Der Geistliche richtet seinen Turban, räuspert sich, fragt nach unseren Namen und kritzelt sie in das Dokument. Nachdem Kourosh ihm unsere Passfotos überreicht hat, geht’s ans Eingemachte.

»Wie lange möchten Sie verheiratet sein?«, will der Mullah wissen.
»Drei Monate«, antwortet Kourosh.
Der Mullah notiert, blickt zu mir. »Ist die Braut einverstanden?«
Ich hole Luft und sage Ja. Der Mullah vermerkt meine Zustimmung.
»Wie hoch ist die Brautgabe, die der Bräutigam an die Braut auszahlen wird?«

»Tausend Orangenblüten«, erwidert Kourosh.

Das war meine Idee. Im Frühling riecht die ganze Stadt nach Orangenblüten und unter dieser Duftglocke haben wir uns vor eineinhalb Jahren kennengelernt. Für gewöhnlich vereinbart das Hochzeitspaar eine stattliche Geldsumme, manchmal sogar ein Batzen Gold, aber ich heirate nicht aus finanziellen Gründen.

Der Mullah streicht durch seinen Bart, denkt nach und fragt die Sekretärin, wie viel Toman tausend Orangenblüten wert seien. Die Sekretärin tippt ein paar Ziffern in den Taschenrechner und antwortet: »25.000 Toman.« Umgerechnet sechs Euro.

»25.000 Toman«, wiederholt der Mullah und runzelt die Stirn, »stimmen Sie dem Betrag zu?« Er schaut mich an, macht ein besorgtes Gesicht. Ich nicke und er schreibt die Summe in die Heiratsurkunde. Tanaz kichert leise.
Nach den Formalitäten wird es religiös. Der Geistliche zitiert eine Sure aus dem Koran. Mitten im Vers bimmelt sein iPhone. Er hebt ab, plaudert zwei Minuten, legt auf und zitiert weiter. Nach Gott folgt das Stempelkissen. Mein Fingerabdruck ist meine Unterschrift, Kourosh bezahlt den Mullah und der übergibt uns die Urkunde. Damit ist die Zeremonie abgeschlossen, wir sind verheiratet. Doch Tanaz meldet sich vom Türrahmen aus zu Wort. »Könnt ihr euch küssen?«, fragt sie, den Fotoapparat gezückt. Ihr Wunsch ist grotesk, ausgerechnet hier in der Islamischen Republik Iran, in Gesellschaft eines Mullahs. Aber das stört weder Tanaz noch Kourosh, denn der erhebt sich bereits. Und weil ich überzeugt bin, aufgrund der Situation käme nur ein Wangenkuss in Betracht, drehe ich den Kopf nach links. Kourosh aber peilt meinen Mund an – und so verfehlen wir uns.

»Nein, noch mal«, ruft Tanaz und ich bin verwirrt, drehe den Kopf jetzt nach rechts, und erneut busserln wir aneinander vorbei.
»Noch einmal, ich hab zu früh abgedrückt«, sagt Tanaz, und ich will im Boden versinken. Der Mullah grinst, die Sekretärin grinst, und das Rot meines Gesichts passt nicht zum Weiß meines Schleiers.
Wieder daheim lese ich die Heiratsurkunde und bemerke, dass der Geistliche meinen Namen falsch geschrieben hat. Ich heiße jetzt »Nadia«. Unter dem Punkt »Religionszugehörigkeit« hat er »Schia« eingetragen. Scheinbar bin ich zum Islam übergetreten, ohne es zu wissen.

Im Fernsehen läuft eine Folge Löwenzahn. Peter Lustig überlegt, wie die Löcher in den Käse kommen. Kourosh trinkt Kirschsaft, die Eiswürfel klimpern im Glas. Ich schaue ihn an, mein Blick vergräbt sich in sein schönes Gesicht. Er lächelt und nennt mich scherzhaft »zanam« – meine Ehefrau. Ich antworte mit »shoharam« – mein Ehemann. Wir gickeln und halten Händchen. Morgen werden wir in die Flitterwochen aufbrechen, nach Osten, in die Provinz Sistan und Belutschistan, wenige Kilometer von Pakistan und Afghanistan entfernt. Eine Gegend, in der Schmuggler und Terroristen unterwegs sein sollen. Eine Region, in die westliche Touristen ohne Polizeieskorte samt Sturmgewehren nicht reisen dürfen. Aber ich bin keine Touristin mehr. Ich bin jetzt mit einem Iraner verheiratet. Ich darf.

Es klingelt an der Tür, Kouroshs Bruder, seine Neffen und Nichten möchten uns gratulieren, und das tun sie so überschwänglich, als hätten wir tatsächlich den Bund fürs Leben geschlossen und keine Zeitehe für drei Monate. Sie umarmen uns, klemmen das Handy an die Stereoanlage und persischer Elektropop wummert aus den Boxen. Tanaz schaufelt den Kuchen auf die Teller, Nachbarn bringen Wein, Freunde rufen an und beglückwünschen uns, die Nase blutet immer noch. Nur Mommy sitzt still auf ihrer Couch, küsst die Heiratsurkunde und drückt sie an ihr Herz.

 
 

 

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Nadine Pungs

Nadine Pungs studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. Davor, währenddessen und danach tingelte sie jahrelang als Kleinkünstlerin durch die Dörfer und spielte am Theater. Auf der Suche nach Intensität und Schönheit zieht es sie immer wieder in die Welt. Bei Malik erschien zuletzt »Meine Reise ins Übermorgenland. Allein unterwegs von Jordanien bis Oman«.

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