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The Travel Episodes

Das Ibiza der Hippies

Frau Müller steigt aus

Ibiza gilt als Eldorado für Partymacher. Doch der Norden der Balearen-Insel ist von wilder Schönheit und Ursprünglichkeit. Und ein Paradies für Aussteiger.
Gitti Müller findet Frieden.

An einem regnerischen Abend in den Neunzigern saß ich mit Freunden zusammen und wir diskutierten über einen möglichen Auslandseinsatz der deutschen Bundeswehr. Irgendwann sagte einer von ihnen, offenbar völlig genervt von meiner Anti-Kriegshaltung: „Dann geh doch nach Ibiza und werde ein Hippie!“

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Es ist Winter. Februar. Graue Hochnebelschwaden kleben seit Wochen wie Kaugummi am Himmel. Ab und zu gesellt sich Nieselregen dazu. Morgens drehe ich die Heizung voll auf und versuche mit Yoga aus dem Vitamin D-armen Stimmungsloch herauszukommen. Im Radio Syrien, Flüchtlinge, Neonazis. Da fällt mir plötzlich der Satz wieder ein.

Hippie auf Ibiza.
Warum eigentlich nicht? Am besten jetzt gleich.

Im Winter gibt es keine Direktflüge, ich muss also ein bisschen um die Ecke fliegen. Es gibt auch keine Touristen. Die meisten Läden, Clubs und Bars sind zu, das Wummern der Elektrobässe hält Winterschlaf. Da, wo ich hinfahre, in den Norden der Insel, ist es selbst im Sommer ruhig. In einer kleinen Steinfinca auf dem Land bekomme ich ein Zimmer und darf Küche und Bad mitbenutzen. Das nächste Dorf ist vierzig Minuten Fußmarsch entfernt. Vier Wochen will ich bleiben. Die ersten zwei Wochen bin ich ganz allein auf weiter Flur. Die Vermieterin ist in Amsterdam und nimmt sich eine Inselauszeit. Kann ganz schön einsam werden. Mal sehen, wie ich das aushalte.

 
 

Stille. Alles, was ich höre, sind Vögel, ein leichtes Rauschen in den Pinien, ein Bellen in der Ferne. Die milde Winterluft hüllt mich ein wie ein samtiges Gewand. Später schaue ich in die Nacht und denke: so fühlt sich Frieden an.

Es Amunts

Der Norden von Ibiza ist Naturschutzgebiet. „Es Amunts“ zieht mit seiner wilden Schönheit alles an, was im Einklang mit der Natur sein will: altgewordene und junggebliebene Hippies, selbsternannte und studierte Heiler und Schamanen, Osteopathen und Reikimeister, Masseure, Yogalehrer, Gurus, Tänzer und Musiker, Veganer und Vegetarier. Sie alle lieben Es Amunts, diese ursprüngliche Landschaft mit bewaldeten Hügeln, Felsen und Feldern. Ich auch. Ich bin zwar ein Stadtkind, aber ich liebe die Natur über alles.

Geht es mir schlecht, ist Natur die beste Medizin für mich. Balsam für die Seele und Honig für gestresste Nerven.

Plötzlich ist das Leben wieder einfach und unmittelbar.

Sieben Kilometer Morgenspaziergang. Die Luft ist kühl, feucht und voller verlockender Düfte. Der wilde Knoblauch blüht gerade in zartem Rosa, Rosmarin, Thymian und Pinien verströmen ihr Parfum. Ich komme vorbei an knorrigen Olivenbäumen und wilden Johannisbrotbäumen. Die Mandelbäume tragen bereits erste Früchte, noch grün, und die Orangen und Zitronenbäume protzen mit reifen Früchten in knalligem Orange und Gelb. Eine Weile geht es auf einem kleinen Pfad durch den Wald, den Berg hinauf, über Felsen und kleine, dunkelblaue Orchideen, die sich an ihnen festhalten. Immer wieder gehe ich an den traditionellen Steinmauern vorbei, ab und zu ein Gehöft, typisch ibizanisch, weiß gekalkt und kubisch. Einige liegen da, als hätte die Uhr vor einigen Jahrhunderten aufgehört zu ticken: ein Steinhaus, ein Brunnen, ein Dreschplatz. Drum herum Bäume und Felder.
 
 

Gelbe Ringelblumen blühen prächtig auf ausladenden grünen Wiesen, manchmal steht mittendrin ein knorriger, uralter Olivenbaum, trotzig, wie bestellt und nicht abgeholt. Die Bauern pflügen um den Baum herum.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Manches Feld, gerade gepflügt, macht mit seiner tiefroten aufgewühlten Erde dem hellen Frühlingsgrün der Nachbarwiese Konkurrenz. Darüber wölbt sich ein sattblauer Himmel über den der Wind weiße Wolkenfetzen treibt. Eine gute Stunde spaziere ich so, die Sinne weit geöffnet, staunend und fast andächtig durch die Landschaft und werde mit jedem Schritt ein bisschen lebendiger. Ja, das Leben kann so einfach sein. Am Ende des Weges sammele ich noch ein bisschen Holz, getrocknete Pinienzapfen, Baumrinden und kleine Äste zum Feuer machen für den Ofen.

Abends bin ich verabredet zum gemütlichen Beisammensein in der Stube, und zwar mit mir. Ich werde etwas kochen, einen Flasche Wein öffnen, in das Feuer schauen und auf das Leben anstoßen. Mehr gibt es nicht zu tun. Bin ich jetzt ein Hippie?

 

* * *

Zweites Kapitel

Wann ist ein Hippie ein Hippie?

John Lennon war Hippie. Er sang vom Frieden und trug langes Haar. Aber war’s das? Ich treffe einen, der es wissen muss.

Jon Michelle ist 65 Jahre alt, hohe Stirn und langes, dunkles Haar. Aufgewachsen in Afrika als Kind Schweitzer Diplomaten. Seit den Achtzigern lebt er auf Ibiza. Mit Nina Hagen hat er Mantras gesungen und auf dem Hippiemarkt organisiert er zusammen Freunden jeden Mittwochabend das musikalische Programm „Namaste“. Wenn die Internationale Tourismus-Börse in Berlin tagt, vertritt er für Ibiza das, was den Offiziellen lange eher peinlich war, das ‚Hippietum’. Das sei inzwischen ein Alleinstellungsmerkmal der Insel. Man habe verstanden, dass es eben nicht nur um Feten, Drogen und Sex gehe. Es gebe viele Künstler und Kunsthandwerker unter den Hippies.

Plötzlich ist Hippiesein also ok.

Jon Michelle weiß wohl, dass es sich um eine Marketingstrategie der Tourismusbehörde handelt. Aber, betont er, er sei wirklich ein Hippie und stehe dazu. Was er darunter verstehe?

„John Lennon ist Hippie. Hippie ist, den Vietnam Krieg zu stoppen, Hippie ist gewaltfrei leben. John Lennon sagt genau das in seinem Song „Imagine“: Stell dir vor, es gebe keine Religion, keinen Hunger. Das ist für mich Hippie. Wir sind nicht Hippies geworden, um uns zuzudröhnen. Für mich ist Hippiesein eine Haltung. Und die lebe ich noch immer.“

Jon Michell wohnt in San Juan, einem kleinen Dorf und Provinzhauptort des Nordens. Weißgetünchte Häuser, Orangenbäume, eine Kirche, ein Friedhof, drei Bars, ein kleiner Markt, immer Sonntags mit selbstgemachtem Brot, Lavendelhonig, Biogemüse, Räucherstäbchen, Tibetischen Gebetsflaggen und Klangschalen, Armbändchen und Silberschmuck, Kleidern und Tüchern, Trommeln und Gitarrenklängen. Die Bars sind vor allem in den Wintermonaten der Treffpunkt für die Hiergebliebenen. Und das sind nicht Wenige. 35% der Bevölkerung in den sieben Orten der Gemeinde San Juan de Labritja sind Ausländer, die dauerhaft hier leben. Zahlenmäßig stehen an erster Stelle Deutsche, dann folgen Engländer, Italiener, Franzosen und andere. Die meisten sind zwischen den Sechzigern und Achtzigern gekommen.

 
 

Anders als viele seiner Hippiekollegen wohnt Jon nicht in einer Finca, sondern in einer Dorf-Wohnung. Und dort besuche ich ihn.

Normalerweise würde ich einen vollkommen Unbekannten nicht in seiner Wohnung besuchen. Was ist los mit mir?

Bin ich schon voll auf dem Peace-Love-and-Trust-Trip?

Sieht fast so aus. Jon bittet mich herein und ich fühle mich kurz zurückversetzt in eigene WG-Zeiten, lang ist es her: Bunte Decken, indische Tücher und Wandbehänge, hier ein Buddha und dort liebevoll drapierte Blumen. Jons Arbeitszimmer steckt voller Musik: Trommeln, Gitarren, Flöten und allerlei Rhythmusinstrumente, konventionelle und exotische. Die große Terrasse mit Blick auf das freie Land ist so bunt wie der Rest der Wohnung: die Wände in einem warmen Rot gestrichen, hellblaue Fensterläden und ein schattenspendendes Strohdach, Blumenkübel und Kräuter, ein großer Tisch mit vier Stühlen.

Drei Kinder hat Jon und einen Enkel. Seine jüngste Tochter ist 11 Jahre alt. Sie lebt abwechselnd bei ihm und der Mutter. Leicht sei es nicht, die Lebenshaltungskosten zu decken, aber irgend etwas gehe immer, sagt er. Jon Michelle ist nicht nur Musiker. Er führt Hochzeitsrituale durch für Menschen, die sich nicht kirchlich trauen lassen wollen.

Foto Jon 2

„Im Fokus der Zeremonie steht die Einsicht, dass Liebe ein Geschenk ist. Liebe ist keineswegs selbstverständlich. Wir feiern die Liebe und ehren die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde.“

Er sieht sich selbst nicht als Schamane oder gar Priester. Vielmehr will er dem Brautpaar und seinen Gästen einen schönen Rahmen für ein Lebens-und Liebesversprechen bieten. Die Feiern finden am Strand, auf einem Felsen oder einer Bergspitze statt.

Jon glaubt, dass die Insel unter dem Einfluss der Fruchtbarkeitsgöttin Tannit steht.

Auf Ibiza wurden mehrere Kultstätten ausgegraben. Eine der Bekanntesten ist die Höhle Es Culleram bei Sant Vicent im Norden der Insel. Tannit sei eine Frieden bringende, feminine Energie. Genau das, was viele Künstler und spirituelle Menschen anzieht.

Auf Ibiza gilt es als uncool, aggressiv zu sein.

Ob es einen Unterschied mache, ein junger Hippie oder ein alter zu sein, frage ich. Schließlich bin ich auch nicht mehr die Jüngste. Ich meine, hey, vielleicht gibt es da ein Verfallsdatum oder so.

Sehr gut, das hätten wir geklärt.

Hippies gehen nicht in Rente. Einmal Hippie, immer Hippie. Aber was ist mit Sicherheit? Krankenversicherung, Rentenversicherung, Unfallversicherung, Pflegeversicherung? So etwas hat ein Hippie ja wohl nicht. Wenn man jung ist, kein Problem. Wird schon schief gehen, denkt man dann. Aber im Alter?

Jon hat auch hier eine Weisheit parat: “Du verlierst an Lebensqualität, wenn du dauernd versuchst, dich abzusichern – was übrigens ohnehin nicht wirklich gelingen kann. Die Menschen glauben aber, das bedeute Lebensqualität. Die Wahrheit ist: je mehr du einfach vertraust, desto sicherer fühlst du dich tatsächlich.”

Da könnte was dran sein. Just trust in life.

Wieviel Zeit verlieren wir, weil wir Türen, Autos, Fahrräder, Gartenlauben und Büros abschließen? Wir suchen den Schlüssel, wenn wir weggehen, wir kramen ihn aus der Tasche, wenn wir wiederkommen, wir schließen auf, wir schließen zu. Und? Gibt es deswegen weniger Einbrüche, weniger Diebstähle? Bestenfalls mehr kaputte Türen und Fenster. Und verlorene Lebenszeit, die wir mit angenehmeren Dingen verbringen könnten.

 

* * *

Drittes Kapitel

Die Erde wird nass

Mit der Natur verbunden sein. Den Regen spüren. Dem Gesang des Waldes lauschen. Wie ist das Leben als Baum?

Es regnet. Er trommelt auf das Dach und rauscht in den Bäumen. Gierig nehmen Büsche und Bäume, ihre in diesen Tagen erwachenden hellgrünen Knospen und Blüten die Nässe auf und danken es mit einem Duft, der die Luft mit holzigen und blumigen Parfums benebelt.

Ich liege noch im Bett, blicke hoch zu den Holzbalken der Decke und frage mich, ob das wohl dichthält. Es ist gemütlich in meinem kleinen Zimmer mit den rustikalen, unverputzten Steinwänden. Es stört mich nicht, dass es regnet.

Ich habe in den vergangenen Tagen auf meinen Spaziergängen Kontakt aufgenommen zur Natur.

Ich habe wilden Knoblauch probiert, Borretschblüten gegessen und Rosmarin für die Küche mitgenommen. Kirschblütenbäume, Mandelbäume, Pinien und Oliven, Feigen und Orangenbäume, sie alle flüsterten mir zu: ‚Schön wäre es, wenn es ein wenig regnete, denn wir müssen mit dem auskommen, was es im Frühling niederschlägt. Dann folgen viele Monate der Trockenheit.’

Einmal bin ich auf einer Lichtung stehen geblieben und machte ein paar Yogaübungen im Stehen. Als ich im „Baum“ stand, eine Position, wo man auf einem Bein steht, das andere angewinkelt und die Arme zum Himmel gestreckt, stellte ich mir vor, ich sei tatsächlich einer dieser Bäume. Ich suchte mir eine ziemlich schräge Pinie aus und nahm die gleiche Position ein, reckte den linken Arm analog zu seinem hervorstechendsten Ast nach schräg unten und den rechten steil nach oben. Stellte mir vor, wie aus meinen Füßen Wurzeln in das Erdreich wachsen.

Wie ist das Leben als Baum?

Wie ist es, morgens bei Sonnenaufgang hier zu stehen und nur diesen einen Blickradius zu haben, immerzu, den ganzen Tag, bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sonne, immer nur diesen Wirklichkeitsausschnitt, ein ganzes Leben lang. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jahr für Jahr. Die Pinie kommt auf 200 bis 250 Jahre. Der älteste Olivenbaum ist 4000 Jahre alt.
 
 

Ich stand eine ganze Weile so, atmend und Kontakt aufnehmend mit den umliegenden Bäumen und Pflanzen. Je länger ich stand, desto vielfältiger wurde das, was in meinem Blickfeld lag. Ich entdeckte immer mehr Details, die mir zuvor verborgen geblieben waren: Hier eine winzige Orchideenblüte am Boden zwischen den Gräsern, dort ein Baumstamm, der ein Gesicht zu haben schien, unendlich viele verschiedene Grüntöne um mich herum. Und der Boden war nicht mehr einfach eine Fläche, es war ein Reich, ein Erdreich, mit Bergen und Tälern, Schluchten und Senken, eine ganze Landschaft zu meinen Füßen, nie gesehen, obwohl ich täglich hier vorbei gegangen war. So also fühlt sich Stillstand an, so bewegt und detailreich, ein Mikrokosmos, wo alles mit jedem verbunden ist, so also fühlt sich Leben an, wenn wir es zulassen, wenn wir hinein horchen, wenn wir selbst zum Baum werden.

Deshalb freue ich mich auch über den Regen, jetzt, wo ich Baumerfahrung habe. Hoffentlich hält die Freude an, denke ich, dann stehen mir glückliche Zeiten in Deutschland bevor.

Auf Ibiza ist Regen Mangelware. Ab April regnet es monatelang nur noch Touristen, rund vier Millionen in einer Saison. Sie duschen nach dem Aufstehen und vor dem Essen, sie planschen im Pool, trinken Tee und Kaffee, sie wollen frische Bettwäsche, möglichst täglich, pikobello gewaschene Leihautos und schöne grüne Gärten, die zwei Mal täglich gewässert werden. Der Grundwasserspiegel sinkt rapide und jetzt wird es eng für alle, die nicht am öffentlichen Wassersystem hängen. Also vor allem für die, die auf dem Land leben. Die Bauern und die Hippies.

 

* * *

Viertes Kapitel

Sprit und Spirit

Von Ayahuasca-Zeremonien, heilenden Frequenzen und Regengebeten.

Manchmal, erzählt Ilona, bete sie, damit es regnet. Ilona ist aus Deutschland und wohnt seit Jahrzehnten mit ihrem Freund und dem Sohn in einer Finca auf dem Land. Nebenan hat sie ein Meditationszelt errichtet. Darin führt sie manchmal Zeremonien durch. Für den Mond, für Frauenpower oder eben, damit es regnet.

Die internationale Community auf Ibiza ist offen und erfahren in allem, was der spirituelle Markt hergibt: Yoga und Tanz, Ayurveda-und Thaimassagen, Shiatsu, Reiki und Watsu, Mantra singen und Meditation, Klangschalen und Räucherrituale, Coaching und Selbstfindung. Einige führen Ayahuasca-Zeremonien durch, bei denen die Teilnehmer den Sud einer halluzinogenen Liane aus dem Amazonas einnehmen und unter Aufsicht eines Schamanen oder einer Schamanin erst kotzen und dann sich selbst finden. Drei Tage lang.

Aber von Westeuropäern, die einen Workshop im peruanischen Urwald machen und sich dann eine Feder ins Haar stecken und als Schamanen zurückkommen, hält Ilona wenig. Schließlich gebe es auch hier überliefertes Wissen, um die Kraft von Energien und Kräutern.

Ich glaube nicht an Zauberei. Aber auf Ibiza fällt es leicht sich zu öffnen für alle möglichen spirituellen Ideen. In der Nähe von San Rafael treffe ich Manuel Estevez, ein Musiker mit außergewöhnlichen Sets am Start. Sein Ding ist die elektronische Musik, jenseits des Mainstreams. Er verbindet Klänge aus der Natur mit Rhythmen, die eine Aufforderung zum Tanzen sind. Seine Musik basiert auf der Solfeggio-Tonleiter, einer Sechs-Ton-Leiter. Den Frequenzen dieser Töne wurde schon im Altertum heilende Wirkung nachgesagt. Im Mittelalter benutzten Mönche sie in ihren gregorianischen Gesängen. Die native Musik aus den Anden oder dem Himalaya gründet ebenfalls auf dem Solfeggio. Manuel versteht sich als Musik-Schamane, der die Energien der Menschen synchronisiert. Und so sieht es aus wenn er arbeitet:

Stimmt. An einem Freitag abend war ich dabei, als Manuel aufgelegt hat. Ich tanze und tanze Stunde um Stunde, erfüllt von einer tiefen Freude. Und das ganz ohne Drogen. Angetrieben allein durch die Magie der Klänge.

 

* * *

Fünftes Kapitel

Symbiose

Ibiza ist eine Insel der Gegensätze. Im Süden die Reichen und Schönen, im Norden die Aussteiger und Gurus. Ob man sich akzeptiert oder ignoriert? Und lerne, dass ein gemeinsames Glas Wein, geteilt in freundlicher Atmosphäre, verbinden kann.

Im Süden der Insel wummern die Bässe der Megaclubs in den Tempeln der elektronischen Musik, durch und durch vermarktet. Jeder Club verkauft T-Shirts, Kleider, Handtaschen, Handyhüllen, Tassen, Sticker und Portemonnaies mit seinem Label, ob Pacha, Amnesia, Space oder Privileg. Im Süden sind auch die Strände der Schönen und Reichen, die Hotspots der Promis und Millionäre, der Drogendealer und Immobilienmakler. Im Norden hingegen leben die Aussteiger und Hippies, Kunsthandwerker und Veggiepropheten, Yoginis und Gurus. Und mitten drin die Ibizenker, die seit Jahrzehnten gelassen dabei zusehen, wie sich die Insel verändert.
 
 

In den sechziger Jahren, lange bevor Ibiza als Partyinsel galt, staunten die Bauern nicht schlecht, als da junge Menschen mit luftigen Kleidern auf die Insel flatterten wie bunte Schmetterlinge. Sie hatten Federschmuck und Blüten im Haar, im Arm eine Gitarre, in der Hand einen Joint, auf den Lippen ein Lied aus der Flower-Power Bewegung. Die Ibizenker nannten sie schlicht die „Langhaarigen“ und fanden sie ein bisschen merkwürdig, diese Hippies mit Blumenkränzen im Haar, die einmal im Monat in den Postfächern der Dorfkneipen ihre deutschen, französischen, kanadischen oder amerikanischen Schecks von Zuhause abholten und ansonsten ihre Armbändchen knüpften. Sie kamen und blieben. Wie Noelle, sie ist seit vierzig Jahren auf der Insel. Als ich sie auf dem Land besuche, fahre ich von San Juan aus auf einer Schotterpiste etwa 20 Minuten Richtung Meer.
 
 
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Völlig abgelegen liegt ihr Häuschen da, inmitten eines Gartens. In den siebziger Jahren kam sie als 25jährige mit einem kleinen Sohn und bildete hier mit zwei anderen Frauen eine Kommune. Ein Auto hatten sie nicht. Die Kinder gingen jeden Morgen zu Fuß in die Dorfschule nach San Juan. Es gab weder Strom noch fließend Wasser. Und doch war es Liebe auf den ersten Blick.

Die Bauern konnten nicht ganz nachvollziehen, warum diese verrückten Ausländer ohne jeden Komfort in verfallenen Steinhäusern bei Kerzenlicht irgendwo im Nirgendwo leben wollten. Aber das traf sich gut. Denn die Bauern konnten sich ihrerseits nichts Schöneres vorstellen, als in einer Stadtwohnung zu leben. Mit fließend Wasser und Strom, mit Radio, Telefon und Fernseher. Die perfekte Ergänzung also.

Über die Mietvereinbarungen hinaus kamen sie aber nicht so richtig zusammen, lernten sich kaum kennen. In Ibiza Stadt gab es einen, der das ändern wollte. Und den will ich jetzt kennenlernen. Dafür habe ich mein ruhiges Plätzchen auf dem Land verlassen und fahre in die Stadt.
 
 
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In einer Gasse der Altstadt, unweit der Plaza Vara del Rey, hat Juan noch heute seine Bar. In Erinnerung an seinen Geburtsort nennt er sie die Bar San Juan. Im Sommer bilden sich lange Schlangen auf der Straße, schon bevor die Bar aufmacht. Im Winter geht es eher beschaulich zu. Unabhängig von der Jahreszeit gibt es oft nur ein einziges Tagesgericht. Frisch und preiswert. Wenn es aus ist, ist es eben aus.

Juan, Ende Siebzig, ist der Eigentümer. Schwarze Fünfziger-Jahre-Brille, mandelförmige Augen mit Lachfalten hinter dicken Gläsern, graues, kurzgeschorenes Haar. Der Chef, also er, bestimmt, wer wo sitzt. Dieses Konzept habe sein Vater Anfang der Sechzigerjahre eingeführt, als die Blumenkinder die Insel fluteten.

Juans Vater wollte die bodenständigen Bauern der Insel und die Mantra singenden Hippies an einen Tisch bringen, damit sie sich kennen lernten. „Auf der Straße hätten sie einander damals nicht mal gegrüßt, aber hier, bei einem guten Essen und einer Flasche Wein wurden Freundschaften und Mietverhältnisse, manchmal auch Liebschaften geschlossen und Familien gegründet“, erzählt Juan. Und die Flasche Wein kommt stets völlig ungefragt auf den Tisch. Jeder bedient sich daraus, wie er möchte.

Feiern tun auch die Hippies von damals noch heute gern. Und so kommt es, dass ich entgegen meiner Erwartungen gar nicht so einsam war in den vier Wochen.
 

* * *

Sechstes Kapitel

Das Ende vom Lied

Ja, ich bin ein Hippie.
Und ach, es wäre so schön, hier zu leben…

Nach vier Wochen Landleben fühle ich mich wie zu Hause auf Ibiza und rundum erneuert. Die internationale Community lässt sich einiges einfallen, um sich zu „connecten“. Über die sozialen Medien und Mundpropaganda organisieren sich Wander- und Yogagruppen, Kinoabende und private Feiern. Ich mag diese Menschen. Sie sind kreativ und weltoffen, tolerant und ein bisschen verrückt. Nicht jeder bezeichnet sich als Hippie, aber nach vier Wochen Einkehr und all den Gesprächen verstehe ich Hippie ohnehin nicht mehr als Rolle sondern als Haltung zum Leben. Friedlich, kreativ, naturverbunden und spirituell. Insofern kann ich von mir sagen: ja, ich bin ein Hippie. Und, ach, es wäre schön hier zu leben. So wie Sandra. Ihr gehört die Finca, in der ich zu Gast war.

Aber das Leben ist teuer hier. Zu teuer für mich. Für andere auch. Viele haben die Insel in den letzten Jahren verlassen, weil sie die hohen Lebenshaltungskosten nicht mehr stemmen können. Vorbei die Zeiten, wo eine kleine Steinfinca per Handschlag und Barzahlung zu haben war. Einige der alteingesessenen Hippies sind schon nach Thailand ausgewandert. Andere nach Brasilien, Kolumbien oder nach Südspanien.

Die explodierenden Immobilienpreise haben die Mieten derart in die Höhe getrieben, dass Viele, auch Einheimische, nicht mehr wissen, wo sie in den Sommermonaten wohnen sollen. Kellner, Köche, Verkäufer und andere, die vom Tourismus leben, teilen sich Wohnungen zu horrenden Preisen. Ein Zimmer mit Gemeinschafts-Bad und -Küche für 1000 Euro im Monat oder 500 Euro für einen Schlafplatz auf einem Balkon: der Mietwucher in der Hochsaison hat schon Menschen dazu gebracht, ihren Job zu kündigen und woanders ihr Glück zu versuchen. Über 900 Wohnungen sind vom normalen Wohnungsmarkt verschwunden und tauchen bei Airbnb, Tripadvisor oder Ownersdirect in den Sommermonaten wieder auf. Schwarz, steuerfrei und ohne Lizenzen werden dann absurd hohe Kurzzeitmieten erzielt.

Wäre ich mal damals gegangen, als mitten in der hitzigen Friedensdebatte der Satz viel: „Dann geh doch nach Ibiza und werde ein Hippie“, dann wohnte ich jetzt vielleicht auch in so einer schönen Steinfinca eines netten Ibizenkers, der seine Miete seit 20 Jahren nicht erhöht hat. Dann wäre mein Leben allerdings nicht das, was es ist, und ich nicht die, die ich bin.

Und am Ende bin ich dann wohl doch zu sehr Hippie, als dass ich mich in „hätte“ und „wäre“ verlöre. Alles ist gut, so wie es ist. Und wer weiß, wie schnell ich wieder komme.

Spätestens im Winter. Als Saisonhippie.

 

* * *

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Leserpost

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  • monica blok on 2. Juni 2016

    I loved Gitti Muller’s travel episode on Ibiza and the older generation of foreigners living there. It’s interesting to see how people from the ‚hippy generation‘ live there with a very definite philosophy of life, and that they are able to survive there still, on this island which is also a place which is the opposite of everything they believe in. Here we see the other side of Ibiza, which is more sober, where people are still searching their souls and trying to live a life protecting their surroundings, not only partying and consuming for a short period and then leaving the mess behind. It makes one sad to think that this part of Ibiza is becoming more and more extinct, that the people trying to protect the island are often driven away because of the high cost of living. All these thought came to me while reading this piece and looking at the peaceful videos and photographs. It made my heart want to go back there soon, to enjoy it while there is still this ‚hippy energy‘, a light-heartedness and the possibility of a simple life in beautiful nature (if even for a short while). Thanks, Gitti, for reminding me.

    Antworten
    • gitti on 2. Juni 2016

      Thanks Monica! I m sure you ll still find peace and lovely surroundings on the island. Enjoy!

  • petra on 20. Juli 2016

    gefällt mir sehr gut!

    Antworten
    • gitti on 29. Dezember 2016

      das freut mich

  • Hajo Müller on 29. November 2016

    Hallo Gitti,
    habe eben Deine neue Homepage angeschaut (sie gefällt mir sehr gut) und bin beim Bericht von Ibiza hängen geblieben. Deine kurzen Geschichten und Interviews von den Menschen dort haben mich sehr berührt. War selbst 1975 zum ersten Mal auf Ibiza und habe im Norden auch ein paar Hippies getroffen. Auch einige sehr einfach im Landesinneren lebende Bauern durfte ich kennenlernen. Werde nie die sehr alte Frau vergessen, die mich spontan auf der Strasse zu sich nach Hause auf einen Kaffee einlud und mir auf Fotos ihre ganze Familie zeigte, die alle woanders lebten. Ihr wehmütiger Satz: „En otros lugares, sin duda es hermosa“ klingt mir heute noch in den Ohren. Damals hatte ich auch die Idee, in Ibiza leben zu wollen, mir hat aber der Mut gefehlt, es zu wagen. Wer weiß was für ein Mensch ich heute wäre…
    Danke jedenfalls, dass Du mich daran erinnert hast.
    Nächstes Jahr im Frühjahr Segele ich von Mallorca aus wieder nach Ibiza und um die Insel herum. Bin gespannt, wer und was mir diesmal begegnet.

    Antworten
    • gitti on 29. Dezember 2016

      Hallo Hajo,
      1975 hättest du auf jeden Fall noch günstig eine alte Steinfinca kaufen können. Aber ein Segelboot ist auch nicht schlecht. Viel Spaß auf Ibiza, da gibt es sehr schöne kleine Buchten. Liebe Grüße

  • Benjamin Diedrich on 21. Januar 2017

    Ein wundervoller Schreibstil hielt mich an zum weiterlesen, des Ibiza Berichts!

    Du hast mich zum Nachdenken und schmunzeln angeregt!
    Vielen lieben Dank für deine Liebe an diese Insel – Ibiza !

    Antworten
  • Leo on 7. Mai 2017

    Hallo Gitti, wunderschöner Bericht! Darf ich fragen wie du auf diese Finca gekommen bist? Über Airbnb? Wäre sehr nett wenn du ein paar mehr Details verraten würdest ;) Ganz herzlichen Dank schon einmal und viele Grüße!

    Antworten
  • Hank Watahomigie on 4. Juni 2017

    Toller Beitrag! Ich würde mich wirklich freuen noch öfter neue Posts hier zu lesen! :)

    Antworten
  • Tommy on 8. August 2017

    Wow, ein sehr schöner Bericht mit tollen Fotos und Videos.
    Habe ihn gleich mal in meinem neuen Ibiza-Blog vorgestellt.
    http://www.tommy.de/2017/08/08/das-ibiza-der-hippies-frau-mueller-steigt-aus/
    LG Tommy

    Antworten
  • Ibiza Magic on 7. November 2017

    Schöne Story und tolle Fotos. Deshalb habe ich es mal in meinem Blog geteilt.

    Antworten
  • Erika on 10. November 2017

    Hola Gitti, durch Zufall habe ich dein tolles Buch gelesen und deine Reportagen in Süd-Mittelamerika haben mich hell begeistert.
    Ich habe nach der Pensionierung alles zusammen gerafft und konnte somit jedes Jahr als Packpäkerin, in Hostels für einige Monate, in Südamerika, überleben. 14Mal war ich dort. . Ich träume und lebe immer noch von jener glücklichsten Zeit meines Lebens.
    Die Orte du die beschreibst, erlebe ich wieder im Geist mit Farben. Danke für deine Reportagen. Erika

    Antworten

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