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The Travel Episodes

Afghanistan

Kabul

Seit der Saur-Revolution 1978 herrscht in Afghanistan Krieg. Josh Cahill will seinen Kindheitstraum, die Hauptstadt Kabul, trotzdem besuchen. Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang… Mit Fotos von Jim Huylebroek.

Die Sonne scheint in mein Zimmer, es ist ein behaglicher Morgen. Amerikanische Black Hawk Helikopter fliegen über das Gebäude und ja, ich bin etwas aufgeregt. Heute werde ich die Stadt erkunden.

Kabul. Seit Kindertagen träume ich davon, diesen Ort zu sehen. Irgendetwas hat mich schon immer an diesem Land in Zentralasien fasziniert. So fasziniert, dass ich all die furchterregenden Nachrichten ausblenden kann, die aus der Hauptstadt Afghanistans berichtet werden. Ich mag es, in einer Stadt einer von ganz wenigen Touristen zu sein, wie ich es beim Trampen im Iran, im Irak oder während des Arabischen Frühlings in Kairo erlebt habe. Solche Orte gibt es nur noch sehr wenige in Zeiten der Globalisierung – ich erkaufe es mir mit einem erhöhten Risiko. Aber das ist es mir wert.
 
 

 
 
Nun, ich bin also tatsächlich hier und möchte unbedingt raus in die Straßen von Kabul. Kamera und los. Habe ich Angst? Nein, ich fühle mich eher wie Neil Armstrong, bevor er als erster Mensch den Mond betritt. Wenn ich mich hier auch nicht auf einem fernen Planeten befinde, ist es doch eine ganz andere Welt: eine Nachkriegshauptstadt. Kabul gehört zu den am schnellsten wachsenden Orten der Erde, mit einer Generation an Menschen, die niemals echten Frieden kennengelernt haben. Ich möchte sie kennenlernen.

Überwältigende Szenen. Junge Schuhputzer sitzen an allen Ecken, heftiger Verkehr, chaotische Kreuzungen. Alles ist grau, wie mit einer dicken Staubschicht belegt. Ein paar Frauen in schwarzen Burkas wechseln die Straßenseite als sie mich sehen.

Mancher erstarrt, hört auf mit seinem Tagesgeschäft; sie können nicht glauben, dass ein junger blonder Mann an ihnen vorbeispaziert.

Manche rufen mir zu: »Welcome to Afghanistan!« Eine Gruppe Jugendlicher bedenkt mich mit misstrauischen Blicken.

 

* * *

Zweites Kapitel

Sightseeing

Um dieses Land besser zu verstehen, möchte ich in die Geschichte eintauchen. Mein erster Stopp ist die Ruine des Darul Aman Palastes.

Früher lebte hier der König, doch seit über dreißig Jahren verfällt das imposante Gebäude mehr und mehr. Manche erzählen, dass es verflucht sei. In jedem Fall haben hier viele Menschen ihr Leben verloren.

Schon die Fahrt zum Palast ist eindrucksvoll. Ein langer Boulevard führt direkt darauf zu, und erst, wenn man näherkommt, lüftet der Smog langsam seinen Vorhang und gibt den Blick auf die mysteriös erscheinende Ruine frei. Ein großer Spannungsaufbau, Entertainment Afghanistan-Style. Für mich ein besonderer Moment, für die Einheimischen Alltag.

Der Palast ist mit Stacheldraht umzäunt, auf dem Dach stehen Soldaten. Ein uralter Mann hockt zwischen ein paar Pflanzen und Büschen. Er versucht mir zu erzählen, dass er der Gärtner von Amanullah Khan gewesen sei, doch es ist schwer zu glauben: Der König war nur zwischen 1926 bis 1929 Herrscher Afghanistans. Das würde den Mann mindestens hundert Jahre alt machen, und das in einem Land mit der durchschnittlichen Lebenserwartung von unter sechzig. Doch wer weiß? Ich tue so, als würde ich seine Geschichte glauben.

Ein wenig Schmiergeld bringt mich in das Gebäude. Überall Einschusslöcher. Der nach deutschen Vorbildern erbaute Palast besteht fast nur noch aus Schutt, Trümmern und Graffiti. Wahrlich nicht das typische Sightseeing, und fern einer Museumstour.

Die Eindrücke sind mächtiger, dieser Ort ist immer noch Teil der Vergangenheit, aber vielmehr ein Symbol der Gegenwart.

Gegenüber wird an der Zukunft gebaut: Das neue, glitzernde Parlament soll bald die Regierung beherbergen. Das nennt man Fortschritt und man merkt, wie sehr den Menschen hier daran gelegen ist, nicht zu stagnieren.

Foto Palast

Am nächsten Morgen schlendere ich über den Großmarkt. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, Kühe, Ziegen, Hühner, Berge an buntem Gewürz, westliche und traditionelle Kleidung, und Unmengen von Gemüse. Das Leben pulsiert; es wird gehandelt, gezetert und geschrien, gelacht und geschimpft. Kein Vergleich zum beschaulichen Sonntagsmarkt daheim in Deutschland. Nein, hier geht es ums Überleben: Jeden Tag kämpfen die Menschen, genug zu bekommen, für sich und ihre Familien.

 
 

Nahe des Kabul River bietet sich ein anderes Bild. Ein ausgetrocknetes Flussbett, voll mit Müll. Hierher kommen die Männer, um Heroin zu rauchen: Junge und Alte, die sich schon lange aufgegeben haben. Nicht alle kommen mit den harschen Lebensbedingungen klar, die Kriegsjahre haben überall tiefe Wunden gerissen, der immer wieder aufflammende Terror verzögert die Heilung.
 
 

 
 

Etwas Essen am Straßenrand, ein grüner Tee. Ich versuche die Seele der Stadt zu verstehen, aufzunehmen. Soviel Ambivalenz: Die Menschen sind oft sehr liebenswürdig und dankbar, der Kampf ist tägliche Realität, die Zukunft unsicher. Manchmal sind Kabul und der umgebende Hindukusch voller Schönheit, dann wieder Zerstörung und unendliches Leid.

Ich trinke den Tee aus und laufe zurück, wo mein Gastgeber bereits die Wasserpfeife und ein Abendessen vorbereitet hat. Seine Freunde kommen auch, nur Männern natürlich. Die warmherzige, wunderbare afghanische Gastfreundschaft!

 

* * *

Drittes Kapitel

Über alle Berge

Heute werde ich mich auf eine Reise in den Norden des Landes begeben. Masar-e Scharif.

Der Roadtrip zur Hauptstadt der Balkh-Provinz startet im Sonnenschein des neuen Morgens. Eine Woche war ich nun in Kabul, und ich bin sehr gespannt, was sich hinter den Bergen verbirgt, die die Stadt umgeben. Vielleicht versuchst du dir vorzustellen, wie so eine Reise aussieht: Schusssichere Weste, Helm, Kalaschnikow, als Teil eines NATO-Konvois. Nein, nicht ganz! Eher so: ein weißer 90er Toyota Corolla, zehn CDs mit bester indischer Popmusik, Grüner Tee und etwas Brot. Meine größte Angst? Dass ich nach dem Genuss der CD-Kollektion fließend Hindi sprechen könnte…

Tanim ist unser Fahrer. Während der Herrschaft der Taliban war er nach Pakistan geflüchtet, aber nach vielen Jahren des Asyl dort entschied er sich, zurückzukehren und sein eigenes Geschäft zu starten: Er verkauft Überwachungskameras in einem kleinen Laden in Kabul. Tanim hat ein großes Herz – und viele Ideen für das neue Afghanistan. Er möchte mir etwas von seinem Land zeigen und schlug deshalb vor, nach Masar zu fahren.

Während ich an der Straße darauf warte, dass er mich abholt, starrt mich ein sehr böse dreinblickender Sicherheitsmann an, seine AK47 schussbereit. Solche Typen sehen immer aus, als würden sie dich jeden Moment erschießen. Und da das hier tatsächlich schon ein paar mal geschehen ist, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Normalerweise reagieren die Menschen, wenn ich ihnen freundlich begegne, winke, lächle. Doch dieser hier, er will einfach nicht mein Freund sein.

Nun gut, denke ich, das ist wohl der Nachteil einer Reise nach Afghanistan, sicher kann man sich nie fühlen.

Keine überraschende Erkenntnis, ich gebe es zu.

Endlich kommt unser Freund und es geht los. Sobald wir die Stadt hinter uns lassen, wird die Szenerie monoton. Kabul wirkte schon grau, aber das hier – hier fehlt wirklich jede andere Farbe. Wir passieren ohne größere Probleme ein paar Checkpoints. An der Straße, die sich gemächlich in eine Piste verwandelt, steht immer wieder ein russisches Panzerwrack, dann wieder lange nichts. Afghanistan wirkt leer.
 
 
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Der Salang-Pass verbindet Nordafghanistan mit Kabul, erklärt Tanim, »und es ist einer der berühmtesten Pässe der Welt!« Tatsächlich ist es ein Abenteuer: Auf fast 4000 Metern wird der Hindukusch gequert, und ich habe noch nie eine so beeindruckende Fahrt erlebt. Immer höher geht es hinauf, der Anstieg scheint kein Ende zu nehmen. Mal ragen zu beiden Seiten schroffe Felsen in den Himmel, mal fällt der Hang gleich neben der Straße steil ab. Auf 3400 Metern schließt sich der Salang-Tunnel an, bis 1973 der höchste Tunnel der Welt. Übrigens mit perfektem Mobilempfang – das zum Thema entwickelte Länder!

Foto Pass

Jetzt, wo wir uns langsam ins Tal bewegen, weicht das Grau und endlich zeigt das Land, was es zu bieten hat: rote Felsen, tiefblaue Flüsse. Ich versuche mir vorzustellen, wie es im Frühling ist, wenn die Büsche und Bäume die Landschaft grün erstrahlen lassen…

Wir haben Afghanistan zur Hälfte durchquert, als wir nach acht Stunden Fahrt nach Masar-e Scharif einfahren. Masar, wie die viertgrößte Stadt des Landes genannt wird, war die erste, die 2001 von internationalen Truppen von der Herrschaft der Taliban befreit wurde. Und seit diesem Tag blieb sie auch einer der friedlichsten Orte Afghanistans. Tanim hat eine Unterkunft ausfindig gemacht, eine Art Hotel, wo wir das Auto abstellen. Ich genieße es durch die Straßen zu spazieren, viele junge Leute sprechen mich an – in erstaunlich gutem Englisch! –, fragen mich, wo ich herkomme, was mich nach Afghanistan führt, wie es mir ergangen ist. Ich fühle mich sehr willkommen.

Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich eine Reise nach Masar lohnt: Die Stadt ist bekannt für (und nur dafür!) ihre Blaue Moschee – eine der schönsten im Land. Prächtig strahlt die blaue Marmorkuppel, besonders am Morgen. Und so stehe ich an diesem Freitag vor der Moschee, die Gläubigen sammeln sich zum Gebet, und das Licht des Sonnenaufgangs lässt die Kuppel sanft strahlen. Wunderschön. Das Grab von Mohammeds Cousin soll sich hier befinden – egal ob es stimmt oder nicht, der Ort ist großartig.

Foto Moschee 1
Foto Moschee 2

Zurück in der Unterkunft wird uns eröffnet, dass wir nicht bleiben können.

Ausländer dürfen hier nicht sein, erklärt uns der Besitzer mehr oder weniger schlüssig. Es ist ein Schock, aber nach einer Tasse Tee entschließen wir uns schweren Herzens nach Kabul zurückzukehren. Und das, obwohl der Highway nachts immer wieder von Taliban kontrolliert werden soll. Aber was bleibt uns übrig? Die untergehende Sonne taucht die Stadt in ein goldenes Licht, als wir uns aufmachen, den Pass zu erklimmen. Das Risiko, von falschen Polizisten oder Taliban gestoppt zu werden, ist jetzt ungleich höher als bei Tag, und ich sende immer wieder meine Position an meine Schwester, nur für den Fall der Fälle.

Tatsächlich sehe ich einen Taliban auf dem Weg zu seiner »Arbeit«, zumindest ist es das, was Tanim denkt. Mit Turban und halb vermummtem Gesicht, das Gewehr über der Schulter, kommt er durch die Berge auf die Straße zu. Mir stockt der Atem. Dies sind nicht die Bilder im Fernsehen, dies ist die Realität! Was passiert, wenn sie uns anhalten? Aber es ist wohl noch zu viel los, er scheint auf seine Freunde zu warten und beachtet uns nicht weiter. Glücklicherweise bleibt der Verkehr konstant, das erleichtert mich.

Nach dem Salang-Pass (auch nachts ein atemberaubendes Unterfangen) fahren wir wieder in die Hauptstadt zurück. Ein zu kurzer Roadtrip, aber nichtsdestotrotz war es die Reise wert! Falls du mal in der Gegend bist, kann ich diesen Ausflug empfehlen.

Die letzten Tage in Kabul sind lang und intensiv. Das, was ich erlebe, führt mir wieder einmal vor Augen, wie gut ich es zuhause habe. Aber auch, dass es sich lohnt, dorthin zu reisen, wo ich erleben kann, wie Geschichte geschrieben wird. Und wieder abreisen kann.

Ein unendliches Privileg.

 

* * *

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Josh Cahill

Josh Cahill hat zwei große Leidenschaften: Abgelegene Länder und Flugzeuge. Auf seinem englischsprachigen Blog verbindet der deutsche Dauerreisende beide und begeistert damit eine weltweite Leserschaft.

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  • Alexandra Sefrin on 20. November 2016

    Ein wunderbarer Bericht!
    Das Gefühl, durch eine Stadt zu wandern, wohin kein normaler Mensch reisen würde, kann ich ein bisschen nachvollziehen. Ägypten während des Golgkriegs zu besuchen, ist aber lange nicht so spektakulär, wie Kabul und Masar im Augenblick. Was wir aber immer wieder vergessen, ist, dass dort ja täglich Menschen leben und ein ganz normales Leben führen (müssen). Manche kommen mit dieser Realität nicht zurecht und nehmen die gefährliche Reise nach Deutschland auf sich. Mit einigen dieser Menschen habe ich in letzter Zeit gesprochen, ihre Geschichten waren sehr bewegend. Dagegen klingen unsere so vermeintlich abenteuerlichen Reisen, wie ein Spaziergang an einem Kindergeburtstag.

    Antworten

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