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The Travel Episodes

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Was, Du willst nach Katar? Ich ernte geringschätzige Blicke. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird 2022 in Katar stattfinden. Da darf man sich doch für den Zwergstaat interessieren, verteidige ich mich. Immer, wenn mir „Katar“ über meine Lippen kommt, folgen naserümpfend die Reizwörter: Bauarbeiter! Unzumutbare Zustände! Skandal! Wer die westliche Berichterstattung liest, ist überzeugt: Alle ausländischen Bauarbeiter werden in Katar ausgebeutet oder kommen in Unfällen zu Tode. Ich fliege als Reisejournalistin mit einem gesponserten Ticket hin und bleibe ich auf eigene Kosten eine Woche länger um mir selbst eigenen Eindruck zu verschaffen.

Ich lerne Waad kennen, die Tochter einer Katari und eines Jordaniers, die in Doha aufgewachsen ist. Im Aufzug meines Hotels frage ich, ob ich sie interviewen dürfe? Ich hoffe auf eine halbe Stunde. Es werden mehrere Tage gemeinsames Erkunden ihrer Heimat daraus.

Sie kündigt an, mich mit einem „German Car“ zu einer Tour durch ihr kleines Land abzuholen. Ich soll raten welche Marke. Ein ganz umweltfreundliches Auto sei es. Ich hab keine Ahnung. Als Führerscheinlose. Tippe aber auf ein kleines E-Auto. Fehlanzeige. Ich steige in ihren Porsche Panamera und pfeife anerkennend durch die Zähne. Das merke sogar ich, dass das eine überdimensionierte Luxuslimousine ist. Die 30-Jährige lacht selbstbewusst. Ich zweifle an der Umweltfreundlichkeit. Waad zeigt mir: Bei jeder roter Ampel schaltet sich der Motor ganz von allein aus. Und startet ohne Mucken bei Grün. Nach deutschen Kriterien ist ihr Wagen so wenig umweltfreundlich wie Schweineschnitzel und Weißbier halal sind (den islamischen Essensvorschriften entsprechen). Waad hat sich alles im Leben alleine erarbeitet. Ohne sich zu verschulden. Ohne Geld von ihren Eltern. Ohne Ehemann. Als Kostümchefin beim Fernsehen. Ihr Vorteil: Das Lohnniveau ist astronomisch hoch und sie muss keine Steuern zahlen.

Es gibt nur 300.000 Kataris. Das Volk wird nicht größer, denn auch wer einen Katari heiratet, erhält die Staatsbürgerschaft nicht. Nicht einmal nach vielen Jahrzehnten. Auch Kinder aus Mischehen erhalten sie nicht. Wegen ihres jordanischen Vaters hat Waad auch keine „volle“ katarische Staatsbürgerschaft, sondern bezeichnet sich augenzwinkernd als „Hybrid.“. Weil sie – bis auf die Jahre des Studiums in London – immer in Katar lebte, gilt sie als Inländerin und profitiert von vielen Privilegien. Inländer haben eine Arbeitsplatzgarantie, falls sie berufstätig sein wollen. Falls nicht, auch kein Problem. Sie zahlen keine Steuern, keinen Cent für Wasser, Miete, Strom. Sollte es ihnen (oder ihren Falken, den allgegenwärtigen Haustieren der katarischen Männer) schlecht gehen, erhalten sie beste medizinische Versorgung. Wenn es sein muss, auch im Ausland. Kataris zahlen nichts für ihre Schulbildung und keine Studiengebühren.

Die futuristischen Hotels in Waads Heimat wirken auf mich wie soeben gelandete Raumschiffe. Doha ist eine glamouröse Hotel- und Museumsstadt inmitten einer riesigen Baustelle. Bauarbeiter in Leuchtwesten transportieren Material in Schubkarren. Poliere in Pluderhosen mit Turban haken Lieferscheine ab. Schwere Ladungen werden von Eseln heran gekarrt. Dazwischen flanieren Männer in weißen Gewändern. Man sieht ihnen den Stolz am Gang an. Erhobenen Hauptes tragen sie die Kuffiyas, die traditionellen Turbane der Beduinen. Jede Region im Nahen und Mittleren Osten hat ihre eigene Art, die Ecken des Tuches vorne, hinten oder hochgeklappt zu tragen. Dazu unterschiedliche Quasten, Webtechniken, Farben und Muster. Waad erkennt ihre Landsleute anhand der Farbe und der Art, wie sie die Kuffiya um ihr Haupt schlingen. Sie kann immer genau sagen, woher der Träger kommt: aus dem Oman, aus Abu Dhabi, aus Kuwait. Kataris zeigen durch ihre Gewänder, dass sie „die Hausherren“ sind. Denn 85 Prozent der Bevölkerung Katars sind ausländische Gastarbeiter. Das sei der Grund, warum die Kataris daheim nie westliche Kleidung anhätten, erläutert Waad. Manche Männer haben einen Falken auf dem Arm sitzen. Wenn sie krank werden, werden sie in eine Falkenklinik gebracht. Die unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einem deutschen Krankenhaus für Menschen. Es gibt die Röntgenabteilung, Chirurgie, Gynäkologie, innere Medizin. Sogar Krankenkassenkarten werden eingelesen. Die Falken-Damen bekommen demonstrativ viele Küsschen und Streicheleinheiten von ihren katarischen Herrchen. Das Auswärtige Amt warnt Katar-Reisende hingegen vor allzu sichtbarer menschlicher Zuneigung: „Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit ist verboten.“

Es riecht nach Kardamom, Weihrauch und Minze aus den Shishas von Cafés am Straßenrand.

Waad ist schwarz verschleiert. Jedoch zieren elegante Schuhe ihre perfekt pedikürten Füße und eine teure Handtasche ist immer griffbereit. Ich hingegen bin bunt und funktional angezogen mit Sonnenhut, Rucksack und Wanderschuhen. Sie fühlt sich wohl unter ihrer Abaya. Ein Schutzschild, erklärt Waad – und ich verstehe. Waad protzt weder mit ihrer Figur, noch schämt sie sich für vermeintliche Makel, wie das bei Geschlechtsgenossinnen meiner Kultur fast zwangsläufig verbreitet ist. Zu dicke Schenkel, zu großer Hintern, zu kleine Brüste, Bad Hair Day. Das ist Waad einfach egal. Katarische Frauen bewegen sich sicher und stolz. Jedes westliche Mitleid über Verschleierung empfinde ich in ihrer Gegenwart unangebracht. Ihre königlich anmutende Verschleierung soll Männer vor weiblicher Attraktivität „Fitna“ schützen. Der Begriff „Fitna“ taucht im Koran mehrmals auf. Meine Geschlechtsgenossinnen hier nutzen die Vorteile der Schleier. Manchmal, wenn sie es eilig hat, zieht Waad morgens nicht mal ihr Nachthemd aus und schlüpft nur unter ihre Abaya, „wie viele Frauen, wenn es pressiert“. Sollte sie einen Pyjama unter ihrem schwarzen Überkleid tragen, nimmt ihr das nichts an Würde. (Waad, schelmisch: „Und kein Mann wird gereizt.“)

Männer und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, vermischen sich in Katar kaum. In den unterschiedlichsten Alltagssituationen werden die Geschlechter „auseinander dividiert“, erklärt sie. So warten Männer und Frauen in Banken etwa an unterschiedlichen Schaltern. „Durcheinander Anstellen ist undenkbar.“ Ich blicke mich immer wieder erstaunt um, sehe Verschleierte genauso wie Minirock-Trägerinnen – Gastarbeiterinnen und einige wenige Touristinnen – und frage Waad: „Warum wird Doha – eine Stadt aus Hotels und Museen – als Urlaubsziel immer attraktiver?“ Vor der Staatsgründung 1973 war die Hauptstadt ein Mittelding zwischen Dorf und Kleinstadt.

Potential ist zweifellos vorhanden. Nicht nur für die sonnenhungrigen Europäer und Amerikaner, die die Outdoor-Spa-Bereiche und die Hotelbars bevölkern. Die Stadt hat einen langen Strand aus feinstem weißen Pudersand. Wie gemacht für eine Bacardi Reklame. Die sieben Kilometer lange, sichelförmige Uferpromenade „Cornishe“ zählt zu den Attraktionen von Doha. Hier räkeln sich jedoch keine Bikini-Schönheiten bei Cocktails. (Alkohol ist außerhalb großer Hotels ohnehin verboten.) Noch nicht mal Frauen in Burkinis – der geschlossenen Badekleidung für islamische Frauen – nutzen den makellosen, jungfräulichen Strand. Die einheimischen Männer gehen genauso wenig im türkis blauen Prachtmeer baden. Dafür ist picknicken und mit einem historischen Boot, einer „Dau“, über die Bucht zu schippern, sehr beliebt. Die pittoresken Daus sind überall an den Küsten zu finden. Der Name für die charakteristischen Schiffe kommt vom Swahili-Wort „dau“ und bedeutet schlicht „Fischerboot“.

Unaufgeregt schwappt die vielgerühmte orientalische Gastfreundschaft über mich wie die Wellen, die den Bug unserer Barke streicheln, während wir in der Bucht herum schippern. Als ich hinterher beim Essen zahlen und mich revanchieren will, winkt Waad ab. Es sei undenkbar, dass ich in ihrer Heimat für sie Geld ausgebe. Und bestellt uns gleich noch einen einheimischen Kaffee, den sie mir in eine kleine Schale gießt. Er ist transparent gelb und kommt aus Äthiopien. Ich koste ihn zum ersten Mal in meinem Leben. Schmeckt eigenwillig nach zitronigen, blumigen Aromen.

Doha ist in der Tat ein attraktives Urlaubsziel. Wenn auch nicht zum Baden. Und auch (noch) nicht unbedingt für westliche Urlauber wie mich. Katar gilt als Familienparadies, begeistert sich Waad. Überall entdecken wir phantasievolle öffentliche Spielplätze, die fast schon als Kunstwerke durchgehen. Betuchte Gäste aus Pakistan, Indien oder Iran wollen hier ausspannen. Sie genießen den westlichen Luxus und können sich doch auf ihre muslimischen Wertvorstellungen verlassen: Die einheimischen Frauen gehen verschleiert auf die Straße. In jeder Shopping-Mall gibt es einen Gebetsraum. Dafür weit und breit keinen Alkohol. Der größte Pluspunkt, findet Waad: „Wir sind eine Insel des Friedens fast ohne Kriminalität.“ Ganz anders als bei den Glaubensbrüdern in Syrien, Jemen oder Afghanistan. Das könnte daran liegen, dass die Kataris alles haben, was ihr Herz begehrt: Weltweit das höchste Pro-Kopf-Einkommen, obwohl sie sehr weit von einer 40-Stunden-Arbeitswoche entfernt sind. Ein Grundstück plus Haus pro Familie gibt es vom Staat so gut wie geschenkt. Die Männer halten sich die teuren Falken. Manche auch ein Pferd. Wer wollte da kriminell werden wollen?

Katar verströmt prickelnde Lebenszufriedenheit. Das Golfemirat ist noch nicht einmal 50 Jahre alt. 15 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen liegen auf seinem Staatsgebiet, das kleiner ist als Oberbayern. Katar will von der Staatengemeinschaft anerkannt werden. Deshalb auch die WM 2022. Deshalb werden Superlative gesammelt. Kapital und Erdgas, die (wirken, als würden sie) nie versiegen, pushen den sprudelnden Zukunftsglauben des Mini-Staats gewaltig. Alles ist möglich. Alles ist machbar. Die WM wird nicht wie sonst im Juni und Juli stattfinden, sondern im November und Dezember. Sie zu verlegen, hat nach anfänglichen Protesten geklappt. Die Temperaturen sind da vergleichbar mit unseren europäischen Sommern.

Kann ein Volk, deren Großväter noch als Perlenfischer oder Nomaden ihre Familien ernährten – und oftmals hungerten –, die mitunter weder lesen noch schreiben konnten, etwas mit all den architektonischen Überflügen anfangen? Mit einer WM? Mit all der Kunst im öffentlichen Raum? Waad bejaht. Weil ein junges, hungriges Land wie ihres das Engagement jedes Einzelnen schnell mit Bildung, Aufstieg und Erfolg belohnt. Das gilt keineswegs nur für die Einheimischen. Wer drei bis zehn Jahre in Katar lebt und arbeitet, kommt sagenhaft reich nach Hause, sagen die Gastarbeiter. Und kann sich hinterher in der Heimat ein Haus leisten. Ob das dann in Mazedonien, in Südafrika, in Usbekistan, in Tansania, in Indien oder in Rudolstadt in Thüringen ist.

Die Apps auf ihren beiden Smartphones erinnern Waad mit einem sonoren Vibrieren an ihre islamischen Gebetszeiten.

Dauert nur ein paar Minuten, erklärt sie. Kann sie aber auch später nachholen. Gerade jetzt, wo ihre Hochzeitsmesse beginnt, hat sie keine Zeit dafür. Ich könne sie begleiten. Und schon bin ich mitten unter den zahlreichen zukünftigen Bräuten, die sich hier, im Kongresssaal meines Hotels, ein wenig wie aufgescheuchte Hühner über die aktuellen Trends beim Heiraten informieren. Ständig werden alkoholfreie Cocktails und köstliche Häppchen von jungen uniformierten Menschen aus aller Herren Länder serviert. Ich fühle mich wie im Schlaraffenland.

Die jungen Models huschen so erotisiert und manches Mal bauchfrei durch den Kongressraum des Hotels, dass ich um die islamische Moral bange. Bei uns im Westen sind die Bräute unschuldig, märchenhaft, elegant. Egal wie alt sie vor den Traualtar treten und gleichgültig, wie viele Kinder sie vor ihrer Trauung bereits geboren haben. Ich frage Waad, ihre Schwestern und ihre Mutter mehrmals, ob sich die Bräute wirklich mit so viel Sex Appeal präsentieren könnten? Wo sie auf der Straße immer gewissenhaft verschleiert sind. Nicht einmal die Haare dürfen da hervorschauen. Und wo sie doch bekanntermaßen als Jungfrauen die Ehe antreten. Ja, lachen sie, wir lieben Erotik. Ständig zücken die Schwestern ihre Smartphones. Filmen, um sich für den eigenen Hochzeitstag zu inspirieren. Ich kann es nicht fassen. Doch, doch, nicken sie mir amüsiert zu. Bei der Heirat sei die Braut die Schönste der Hochzeitsgesellschaft und Gäste verehren sie wie Göttinnen. Das sei arabische Kultur. Hm, wie Sex-Göttinnen, denke ich über ein paar Modell-Bräute, die mit hochhackigen Schuhen lasziv über den Laufsteg flanieren.

Ein paar Tage später klärt sich dieses Rätsel auf. Als Waad mich zu einer richtigen Hochzeit mitnimmt. Eine ihrer vielen Cousinen heiratet. Ich ziehe mich langärmelig und bodentief an und umwickle ungeschickt meine Haare. Das erweist sich als unnötig. Braut Amira feiert ihre Hochzeit nur unter Geschlechtsgenossinnen. Ihre Haare sind kunstvoll toupiert und glitzern. Amiras Kleid offenbart eine Figur zum Anbeißen. Mit ihrem Outfit reizt sie hingegen keinen Mann durch ihre „Fitna“, ihre Verführungskraft. Mit dieser „Versuchung“ ist eine Prüfung gemeint, die so verführerisch ist, dass die Standfestigkeit des Glaubens – insbesondere von schwachen Männern – gefährdet ist. Das ist der Grund, warum sich Frauen in islamischen Kulturen verschleiern: Um bei Männern kein Begehren auszulösen.

Auf Amiras Hochzeit, wenn die Frauen ohne Verhüllung unter sich sind, haben sie einen Riesenspaß miteinander. Ob jung oder alt. Eine jede ist aufs Feinste herausgeputzt und wirft sich hüftschwingend zum Tanzen oder ausgelassen ans Büffet. Es wird geshakert, geherzt, umarmt und geküsst. Hinter verschlossenen Mauern und ohne Männer im Raum ist das kein Problem. Hochzeiten werden nach Geschlechtern getrennt gefeiert. Schade, dass ich kein Arabisch kann. Die weiblichen Hochzeitsgäste haben sich allesamt mit engen Abendkleidern, Make-up und opulenten Frisuren ausstaffiert. Super-sexy. Einige kommen neugierig zu mir. Ich bin die Züchtigste im Raum. Wie ein graues Entlein unter herausgeputzten Schwänen. Ich sagte dir doch, du brauchst nichts zu verhüllen, tadelt mich Waad. Manchmal heiraten Braut und Bräutigam übrigens an unterschiedlichen Tagen, erzählt mir eine andere Cousine und hilft mir, mein festgeklammertes Haarband zu lösen, damit sie mir wenigstens die Haare festlich verwuscheln kann.

Waad ist noch unverheiratet und die Rebellin der Familie. Sie hat vier jüngere Schwestern. Die zukünftigen Hochzeiten der Töchter sind allgegenwärtiges Gesprächsthema zu Hause. Arrangierte Ehen sind noch die Regel. Liebesheiraten die Ausnahme. Waad hat lange studiert. Aber wenn sie heiratet, dann wird es eine Liebesheirat. Auch bei ihren Eltern, einem jordanischer Papa und einer einheimischen Mama war es so. Seit zwei Jahren betreibt sie einen Modeblog und arbeitet als fest angestellte Kostümbildnerin beim Fernsehen. Nebenbei sponsort sie Mode-Events wie Hochzeitsmessen. Sie arbeitet nicht beim international bekannten Al Jazeera, sondern dem nationalen TV Sender. Beide Sender sind erstaunlich weltoffen. Einzig über das katarische Herrscherhaus Al Thani erfolgt auf beiden Sendern ausschließlich positive Berichterstattung.

Alle beruflichen Hierarchien, die in Waads Abteilung unter ihr arbeiten, bestehen aus Gastarbeiterinnen. Meist studierte, manchmal promovierte Ausländerinnen. Ohne Gastarbeiter geht es in keiner Branche. Während hierzulande immer auf die Bauarbeiter und den Billiglohnsektor geachtet wird, arbeiten in Katar zugleich viele hochqualifizierte ausländische Arbeitnehmer. Der Wüstenstaat kann bei weitem nicht seinen Bedarf an Fachleuten mit Inländern decken. Um dieses Defizit zu minimieren, werden alle jungen Staatsbürger ermuntert, zu studieren. Auch außerhalb Katars kann jegliches Diplom erworben werden.

Eine große Zahl katarischer Studenten wird daher mit Stipendien zum Studium ins Ausland geschickt. Waad war zum Aufbaustudium in London. Ihr Grundstudium absolvierte sie in Doha, im Forschungs-, Lehr- und Technologiezentrum „Education City“ mit seinen sechs amerikanischen Universitäten und einer Kanadischen Hochschule. Dazu gehört auch der „Qatar Science and Technology Park“, in dem Forschung auf Weltniveau betrieben wird. Waad repräsentiert den Bildungshunger ihres Landes gut. In akzentfreiem Englisch betont sie: „Arabische Kultur und Kunst sind nicht erst vor zehn Jahren entstanden.“

Wasser umgibt Katar. Das Land ist fast eine Insel. Es gibt nur einen Verbindungssteg zu Saudi-Arabien. Auch der Islam verbindet die Länder. In Katar, ebenso wie in Saudi-Arabien ist die Lehre Ibn Abd al-Wahhabs (eine wortwörtlichen Auslegung des Koran) Staatsdoktrin. Es gibt keine Kinos, Alkohol nur in großen Hotels und Zusammenleben vor der Ehe ist undenkbar. Immerhin durften in Katar Frauen schon längst – auch ohne männliche Erlaubnis – studieren und Auto fahren. (In Saudi-Arabien erst seit kurzem.) Wahhabiten nehmen für sich in Anspruch, die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Alle anderen muslimischen Strömungen können schnell als unislamisch interpretiert werden.

Gemäß wahhabitischer Lehre wird nicht nur verfolgt, was nach dem Koran verboten ist, sondern auch jede Handlung, die zu einer verbotenen Tat führen kann. Das bedeutet im Extremfall, dass es bei Anzeige wegen Vergewaltigung zur strafrechtlichen Verfolgung des Opfers wegen „nichtehelichen Geschlechtsverkehrs“ kommt. In Deutschland unbedenkliche Äußerungen zu Religionsfragen können in Katar als Beleidigung des Propheten gelten und mit Gefängnisstrafen enden. Das auswärtige Amt warnt: „Diskussionen mit Polizisten oder Ordnungspersonal bringen nichts, wenn diese Personen Kataris sind. Es gilt die Regel, dass Kataris immer Recht haben. Jegliche Versuche, offene Punkte oder Probleme mit Diskussionen zu lösen, werden scheitern und nur zur Vergrößerung des Problems beitragen, vielleicht sogar völlig neue Probleme schaffen.“

Katar fördert wahhabitische Organisationen in allen Teilen der Welt. Es sollen auch Terrornetzwerke darunter sein. Wahr oder böses Gerücht? Das ist für mich noch schwieriger herauszufinden, als die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit in der hiesigen Baubranche.
Ich frage bei Waad nach. Sie winkt ab: „Mach dir keine Sorgen. Schau dich um. Siehst du nicht, wieviel Freiheit wir haben?“

Auch viele der Bauarbeiter sind Muslime. Abends stehen die Kräne auf dem weißen Sand von Doha still. Kleinbusse holen müde Männer ab, um sie in ihre Wohnunterkünfte außerhalb der Stadt zu bringen, wo all die Gastarbeiter wohnen. Ich fotografiere die Bautafeln und maile sie meinem Freund, der in der Baubranche arbeitet. Er simst zurück, dass die Vorschriften für Schutzkleidung (Helm, Sicherheitsschuhe, Leuchtwesten) auf ihn strenger wirken als in Deutschland. Mein Freund antwortet mir, dass – soweit es meine wackeligen Bilder erkennen lassen – die Baustellen genauso gut abgesichert sind wie in Deutschland.

Waad bestätigt mir die Betroffenheit im Lande, seit sich die negative Presse über ausgebeutete Bauarbeiter weltweit verbreitete. Es waren es immer die selben Bilder von den selben Arbeitern, die um die Welt gingen, was ihrer Meinung nach darauf schließen lässt, dass es schwarze Schafe gab. „Wie leider überall.“ bedauert sie.

Sie holt aus: In Katar leben rund 1,8 Mio. Gastarbeiter. Von diesen Gastarbeitern sind pro Jahr etwa 1.000 gestorben. Niemand hat jemals geschaut, ob an Verkehrsunfällen, an Krankheiten oder wirklich an Unfällen auf WM-Baustellen. Diese Zahl wurde einfach für die Jahre bis zur WM hochgerechnet. Alle Medien verbreiten fortan: „Gewerkschaft rechnet in Katar mit 7.000 WM-Toten bis zur WM“. Die übergroße Mehrheit der Gastarbeiter arbeitet aber als Nanny, als Verkäufer, als Security, als Servicekraft, als Fischer oder auf anderen Baustellen. Nur etwa zwei bis drei Prozent arbeiten tatsächlich auf WM-Baustellen. „Spielt alles keine Rolle“, ereifert sich Waad. „Für die restliche Welt ist jeder gestorbene Gastarbeiter bei uns ein WM-Toter.“ Statistisch sterben in Katar von den Gastarbeitern nur 0,6 Promille pro Jahr. (In Deutschland liegt die Sterberate im arbeitsfähigen Alter von 18-64 bei 2,6 Promille pro Jahr.)

Auf mich machen die Baustellen und die Busse, die die Arbeiter herumkurvten, einen guten Eindruck. Ebenso die freundlichen Gesichter der behelmten Männer in den Leuchtwesten. Es ist der große Zukunftsoptimismus, der mir auffällt. Es ist die Hoffnung, die all die Einwanderer in dieses Land bringt. Sie strömen aus der ganzen Welt hierher und machen 85 Prozent der Bevölkerung aus. Etwa der junge Usbeke, der im Hotel schnell aufsteigt oder der deutsche Architekt, der hier bauen kann, was er zu Hause nicht mal entwerfen darf. Jeder, der das Land bereist, oder hier arbeitet, stimmt zu: Die Aussichten für die Fußball WM 2022 erzeugen Vorfreude. Katar wird sich als perfekter Ausrichter präsentieren, prophezeit Waad. „Am Ende werden alle sagen, sie war gut, die WM im Winter.“ ist sie sich sicher. Das Datum fürs Endspiel hat sie sich schon in beide Smartphones eingetragen: 18.Dezember. Katars Nationalfeiertag.

Von allen Ausländern, die hier arbeiten, höre ich, wie privilegiert sie sich fühlen, im Vorfeld der WM 2022 hier zu sein. Arbeitslosigkeit ist nicht existent. Egal, mit wem ich spreche, es herrscht eine Euphorie wie auf einem internationalen Studentenaustausch während der Hippiezeit. Jeder lobt die Möglichkeiten, die Katar bietet. Ich runzele die Stirn bei der Vorstellung, in Deutschland wären alle immer restlos begeistert. Was für ein Unterschied zu daheim: Öffentliche Kritik gibt es so gut wie nicht. Ist das der Preis? Die Kataris leben steuerfrei und sorgenlos und werden in jedem Lebensbereich gepampert. Ob im In- oder Ausland. Und doch: Bei all der Freiheit, frage ich Waad, beispielsweise während ihrer Studienjahre in London, auch der Freiheit, die in der futuristischen Architektur sichtbar wird und bei den (durchaus auch kritischen) Kunstwerken, weckt das nicht die Sehnsucht nach Demokratie?

Zum ersten Mal zögert Waad. Ihre Höflichkeit gebietet es, dass sie mir hier zaghaft antwortet. Demokratie sei nicht immer das Beste, meint sie stirnrunzelnd. Hm, ja, denke ich. Denn wie alle Ausländer im Land verfolge ich gebannt die Präsidentenwahl in den USA, die in dieser Woche stattfindet. In allen Hotellobbys gibt es auf riesigen Bildschirmen Public Viewing. Trump gegen Clinton. Jeder nimmt Anteil. Wie bei einem WM Endspiel. Für die Amerikaner, die in Katar leben, ist es unfassbar, dass Clinton unterliegt. Immer wieder bleiben sie wie angewurzelt vor den Leinwänden stehen. Waad hat keine hohe Meinung von Trump. Dass er mehrmals Lügen verbreitete, und „unkontrolliert und gekränkt auftritt“ flimmerte auch über die heimischen Fernsehsender. Das wäre für ihren Emir „ga-hanz undenkbar!“ Wie können sich die Amerikaner nur für Trump entscheiden? Grundsätzlich hat sie nichts gegen Demokratie. Doch, dass wirklich jeder, auch jeder Ungebildete, zu Wahlen aufgerufen wird, erscheint ihr überschätzt. Der Emir sorgt für sie wie ein guter Vater, da brauche man in ihrer Heimat gar keine Demokratie. Waad strahlt. Voll ansteckender Begeisterung. Und mit ihrem immer hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.

Auch die Kleinbusse sind vermutlich voller Hoffnungen, wenn sie die Bauarbeiter durch das Land zu den vielen Baustellen bringen. Deren harte Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. Es gibt vorgeschriebene Mittagspausen, größere Unterkünfte und Schutzkleidung, die strenger als in Deutschland geregelt ist. Mit westlichen Augen betrachtet ist es nicht optimal, doch alles wird besser.

Katar lebt einen orientalischen Zukunftsoptimismus. Das wichtigste Investment in die Zukunft ist die Bildungsoffensive und die überall sichtbare Kunst. Um gerüstet zu sein für die Zeit nach dem Erdgas, will der Wüstenstaat zu einem Zentrum für Kultur, Sport und Tourismus im mittleren Osten aufsteigen. Wer hierher kommt, sieht: Das ist schon passiert. Längst. Ich trage mir den Termin für das WM-Endspiel ins Handy ein. 18.12.2022. Waad hakt sich unter:

„Wirklich Zeit, den Blick vom Bauzaun zu heben, nicht wahr?“

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Eine Episode von

karinlochner.de

Karin Lochner

Karin Lochner bastelte sich mit 13 Jahren ein Faschingskostüm als Rasende Reporterin. Fünf Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Artikel im Münchner Merkur. Seither schreibt sie über Reisen, Essen und Brauchtum. 2013 gewann sie den Walliser Medienpreis (1. Platz). Wenn sie nicht unterwegs ist, unterrichtet sie Yoga und andere Bewegungskünste, die dabei helfen, sich biegsam in einen überfüllten Ochsenkarren zu schmiegen (Senegal), das Rütteln bei einer Überlandfahrt ohne Blessuren zu überstehen (Jamaica) oder das Schaukeln auf einem bockigen Kamel (Katar) mit Würde zu genießen. Die nächste Reise mit einem unkonventionellem Transportmittel kommt gewiss.

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