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The Travel Episodes

Skateboarding im Iran

Kids of Tehran

Wie dreht man einen Film im Iran? Der deutsch-iranische Regisseur Daniel Asadi Faezi reist mit dem Kameramann Lukas Nicolaus nach Teheran, um drei Skateboarder zu begleiten. Die Geschichte einer zarten wie mutigen Rebellion.

Teheran 2012, im Herbst

Ich sitze mit meinem Freund Ali im Skatepark im Zentrum Teherans. Er erzählt mir von den ersten Monaten des Parks, den er mit ein paar Freunden gebaut hat: „In der ersten Woche veranstalteten wir einen kleinen Skateboard Contest. Es kamen über 1.000 Leute. Es war sehr friedlich und eine tolle Atmosphäre. Am nächsten Tag las ich auf dem Titelblatt einer Tageszeitung die Überschrift ‚LSD-Party im Skatepark‘. Seit über 10 Jahren setze ich mich für Skateboarding im Iran ein… wir haben es nicht immer leicht!“
 
 
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Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Iraner. Zuhause feierten wir statt der persischen Feste Weihnachten und Ostern und machten Weißwurstfrühstück. Den Grund, warum mein Vater mich größtenteils von der Kultur des Irans fernhielt, kenne ich bis heute nicht wirklich. Vielleicht wollte er selbst vergangene Tage und Erinnerungen hinter sich lassen. Vielleicht war er auch ein bisschen zu faul, um persisch mit mir zu sprechen oder er wollte, dass ich hier als Deutscher Anschluss finde.

Manchmal flogen wir in die Heimat meines Vaters, um Verwandte zu besuchen. Doch mich interessierten immer schon mehr die Orte, an denen man skaten kann und weniger stundenlanges Teetrinken bei meinem Onkel.

 
 
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Ein altes Foto von mir, meine Verwandten trinken Tee und ich langweile mich.
 
 

Je älter ich wurde, desto größer mein Drang, alles Verpasste nachholen zu wollen. Mit 19 zog ich für ein paar Monate nach Teheran, um Farsi zu lernen. Während dieser Zeit traf ich Ali. Er wurde mein bester Freund im Iran.
 

München 2015, im Frühling

In mir wird eine Idee groß: Ich möchte im Iran einen Film über die Skateboardszene drehen. Filmemacher und Journalisten leben nicht besonders sicher im Iran.
Von 180 Ländern liegt der Iran auf Platz 173 im Bezug auf die Pressefreiheit.
 
 
Pressefreiheit
 
 
Ich denke an meine Verwandten, die im Land verfolgt wurden, Bekannte, die noch vor wenigen Jahren im Gefängnis saßen und unzählige Deutsche, die mein Vorhaben als verrückt bezeichnen.

Der Regisseur Jafar Panahi wurde 2010 zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot wegen „Propaganda gegen das System“ verurteilt. In seinen Filmen setzt er sich kritisch mit Politik und Gesellschaft des Irans auseinander.

Obwohl ich von Journalistenmorden und verhafteten Regisseuren und Künstlern weiß, ist mein Plan gefasst. Ich fliege in den Iran, um einen Film zu drehen.

Die Geschichte der Skater muss erzählt werden.

Je näher der Dreh rückt, desto mehr sorge ich mich um die Sicherheit. Nicht nur um meine, sondern auch um die der Protagonisten, die Probleme kriegen könnten, wenn sie kritische Äußerungen von sich geben, und um die Sicherheit von Lukas, meinem Kameramann. Im Ernstfall könnte sich Lukas an die deutsche Botschaft in Teheran wenden. Ich kann diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen, da ich als Iraner einreise.

Durch eine Bekannte lerne ich Mehdi (Name geändert) kennen. Er ist Filmemacher aus Teheran, arbeitet seit über 10 Jahren in der persischen Filmbranche und macht größtenteils Independent-Filmproduktionen. Er empfiehlt mir, nicht ohne Drehgenehmigung zu arbeiten und bietet seine Unterstützung an.

Während wir in Deutschland die letzten Vorbereitungen treffen, leitet er die Bewerbung in die Wege.
Ich schicke ihm eine Beschreibung unseres Projekts, aus der er Wörter und Formulierungen nimmt und so aufbereitet, dass die Behörden keinen falschen Verdacht schöpfen. Der Film, den wir planen, ist eigentlich unkritisch, trotzdem siegt häufig die Willkür bei solchen Anträgen.

Dass Lukas und ich aus Deutschland kommen, wird nirgendwo erwähnt.

* * *

Kapitel 2

Kontrolle

Der Geruch von Teheran. Er erinnert mich an Ferien, Verwandte, schwarzen Tee und Skateboarding. Doch ich habe große Angst – werden wir es durch die Passkontrollen schaffen?

Ich bin auf alles vorbereitet, so denke ich.

„Hoffentlich geht alles gut“, „Lass dich nicht festnehmen“, „Hoffentlich sehen wir uns wieder“ höre ich in den letzten Wochen oft. Ich habe mich extrem zurückgehalten, mit dem Projekt an die Öffentlichkeit zu gehen und nur wenigen Leuten von meinem Vorhaben erzählt, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erzeugen. Zu groß die Angst, schon vor der Einreise auf dem Radar des Sicherheitsdienstes wegen „Propaganda gegen das System“ zu landen. Freunde erzählen mir, dass ihnen die Einreise aufgrund von Kameras im Rucksack verwehrt wurde und sie in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland gesetzt wurden.

 

Flughafen München

Erste Passkontrolle. Ich gebe dem Polizisten meinen Pass.

Er: „Wo wollen Sie denn hin?“ Ich: „Nach Teheran“ Er (verblüfft): „Freiwillig?“. Ich schweige. Er will wissen, was man denn da macht. Ich erkläre ihm, dass ich Verwandte besuchen werde. Ab diesem Moment die Standardlüge für den kompletten Dreh.

Wir sitzen im Flugzeug nach Teheran. Ich habe Angst.

Landeanflug. Die Frauen legen Kopftücher an.
Wir begeben uns auf den Boden der islamischen Republik Iran.

 

Flughafen Teheran

Lukas und ich trennen uns. Er stellt sich an der Passkontrolle für Ausländer an. Dort kommt er sofort an die Reihe. Ich warte in der Schlange für Iraner. Vor mir mindestens 50 Leute.

Ich bemerke, dass die Beamten einen Stempel in Lukas Pass hämmern. Das erleichtert mich zumindest ein bisschen.

Mental bereite ich mich auf meinen Einsatz vor. „Nur englisch reden“, sage ich mir. Da bin ich den Beamten im Gegensatz zu farsi, das ich nur rudimentär spreche, nicht unterlegen.

Jetzt bin ich an der Reihe. Schiebe meinen Pass unter der Scheibe durch. „Hello“, sage ich ganz leise. Ich versuche ein kleines Lächeln. Bilde mir ein, dass der Beamte kurz überrascht ist. Hinter ihm stehen zwei weitere Polizisten, die ihm über die Schultern gucken.

 
 
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„Der sieht aus wie Harry Potter“

kommentiert der eine Beamte auf farsi und grinst, sich in Sicherheit wägend, ich würde nichts verstehen.
Sie wechseln kein Wort mit mir und hämmern den Stempel in den Pass. Ich realisiere, dass die erste Hürde genommen ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Aber noch sind wir nicht durch.

Lukas wartet schon am Gepäckband. Er sieht mich kommen. „Daniel, geht’s dir gut? Du bist so blass!“

Die Koffer kommen schnell. Fast zu schnell. Ich habe die Passkontrolle noch nicht weggesteckt, da erwartet uns schon die nächste Hürde. Ein altes Gepäckband, auf dem die Taschen durchleuchtet werden, bevor man den Flughafen endgültig verlassen darf.

Alle Taschen müssen auf das Band. Auch unser Kamerarucksack mit drei Kameras, Objektiven, zwei Mikros, einem Soundrecorder und jeder Menge Kleinkram.

Ich zittere.

Der Typ vor uns wird rausgezogen und muss seinen Koffer in einem Sicherheitsbereich öffnen. Ich möchte gar nicht mehr hingucken. Versuche mich unauffällig zu benehmen. Starre auf das Ende des Gepäckbandes. Erster Koffer, zweiter Koffer, Kamerarucksack.

Ich starre die Taschen an, greife sie zielstrebig, drehe mich 90 Grad und marschiere direkt zum Ausgang. Ich erwarte den Ruf des Polizisten, jede Sekunde. Dabei marschiere ich mit strammem Schritt weiter… GESCHAFFT!

Draußen wartet schon Ali auf uns. Ich falle ihm in die Arme. Die Anspannung fällt ab. Er lacht mich aus, wie blass ich denn sei! Ich lache verkrampft mit. Wir sind da.

 

* * *

Kapitel 3

Auf den Straßen von Teheran

Wir haben keinen festen Drehplan, nur das Datum des Rückflugs ist sicher. Dazwischen ist alles offen – und ungewiss.

Wir fahren durch die Nacht. Laute Musik, Ali lacht, so wie ich ihn in Erinnerung habe. Die Gerüche ziehen an mir vorbei, Teheran! Alles fühlt sich so vertraut an.

Wie fahren zu Omid, einem Freund von Ali. Hier finden wir für die ersten Nächte Unterschlupf.

Die ersten Tage bin ich mit organisatorischen Angelegenheiten beschäftigt. Sim-Karten besorgen, Geld wechseln, Verwandten Bescheid geben, dass ich sicher eingereist bin (sie wussten bis vor ein paar Tagen noch nicht, dass ich komme. Ich wollte sie vor Sorgen bewahren).

Auch Mehdi, den Filmemacher, der uns bei der Drehgenehmigung unterstützt, rufe ich an. „Hallo Daniel, schön dass du da bist. Leider ist die Genehmigung noch nicht fertig. Bitte wartet noch mit eurem Dreh.“ Ich gehorche, weil mir auch gar nichts anderes übrig bleibt.

Wir treffen unsere Protagonisten und besprechen den Zeitplan und den Ablauf unseres Projekts. Sie sind alle sehr aufgeschlossen und freuen sich auf die Zeit.

Ich will den Alltag von drei jungen Skatern in Teheran so präzise wie möglich portraitieren, um ein Gefühl für deren Lebenssituation zu vermitteln. Sie sind alle unpolitisch und passionierte Skater.

Da ein Großteil der Skater im Iran weiblich ist, ist es mir sehr wichtig, auch die Perspektive einer Skaterin in den Film mit aufzunehmen. Im Gegensatz zur deutschen Szene ist die iranische meiner Meinung nach sogar weniger stark von geschlechtlichen Rollenbildern geprägt. Die Skater freuen sich über eine wachsende Szene – ob durch Jungen oder Mädchen, das spielt keine Rolle. Elham unterrichtet in ihrer Freizeit in Alis Skatepark die Schülerinnen.

Erfan skatet schon seit vielen Jahren, verbringt viel Zeit mit Ali und ist sehr darum bemüht, Skateboarding im Iran nach vorne zu bringen.

Am dritten Abend besuchen wir das erste Mal den Filmemacher Mehdi, und seinen Kollegen Farid.

Mehdi hat einen prächtigen Schnauzer, ein freundliches Gesicht und ist Anfang 30. Zusammen mit Farid hat er ein Produktionsbüro. Sie haben sich dem Independent und Low-Budget Underground Film verschrieben. Ab und zu schneidet Mehdi Auftragsproduktionen, um die Miete zu zahlen und über die Runden zu kommen. Er ist einer der wenigen Filmemacher, die noch nicht aus dem Land geflohen sind.

 

Persischer Höflichkeits-Poker

Er macht uns deutlich, was wir machen dürfen und was wir auf keinen Fall drehen sollten. „Wenn euch jemand fragt, dürft ihr auf keinen Fall die Genehmigung erwähnen. Sagt einfach, ihr dreht ein paar Skateboardtricks für das Internet. Verhaltet euch unauffällig in der Öffentlichkeit und versteckt euer Equipment, falls die Polizei kommt. Nehmt den Begriff ‚Dokumentarfilm’ nicht in den Mund.“

Auf die Frage, wo wir gerade wohnen, kann ich nur verlegen die Schultern zucken und unsere Situation beschreiben. Sofort bietet er uns an, dass wir in ihrem Büro unterkommen können. Ich lehne ab, aus Höflichkeit. Ein zweites Mal, ein drittes Mal. Er besteht auf sein Angebot und schließlich willige ich zögerlich ein.

Innerlich jubel ich.

Er führt uns zu dem freien Zimmer. Etwa zwölf Quadratmeter mit einem schmalen Klappbett. Perfekt für den zwei Meter großen Lukas und mich. Das Bad, die Küche und die PCs dürfen wir mitbenutzen.
Alles, was wir brauchen. „Morgen könnt ihr einziehen.“

 

* * *

Kapitel 4

Eine zarte Rebellion

Die Willkür des Systems, und wie wir uns darin zurechtfinden.

Wir warten vor den Toren. Eine Stunde, zwei Stunden. Der Regisseur des Fernsehteams ist schon da, bekommt aber keine Drehgenehmigung, obwohl er selbst für das staatliche Fernsehen dreht. Die Willkür lässt grüßen. So wartet er, telefoniert und steht in der Sonne rum. Nach drei Stunden sagt er den Dreh ab und verschiebt ihn um eine Woche.

Auch wir kehren um. In der ersten Woche versuchen wir nun bei den Protagonisten zu Hause zu drehen, um einen geschützten Rahmen zu haben und uns freier bewegen zu können.

Die Eltern halten meist nicht viel vom skaten, akzeptieren es aber, da sie merken, mit welcher Freude ihre Kinder dieses Hobby betreiben. Die Skater verhalten sich höflich und zuvorkommend ihren Eltern gegenüber.

Skaten ist ihre zarte Rebellion, mit der sie ihren Eltern keine Sorgen bereiten möchten.

 

 
Uns erwartet eine unglaubliche Gastfreundschaft und egal, wie ambitioniert unser Drehvorhaben ist, wir werden ständig mit heißem Tee versorgt und höflich, aber bestimmt, zu Pausen aufgefordert.
 

Connections

Eines Morgens kommt Mehdi mit Begleitung eines älteren Mannes ins Büro. Dieser wird mir als Geschäftspartner vorgestellt. Sie gehen direkt in ein Besprechungszimmer. Türe zu. Nach drei Stunden verabschiedet er sich und verlässt das Büro.

Mehdi legt seinen Arm um meine Schultern und führt mich von der Tür weg. Nach kurzem Schweigen: „Daniel, das war ein Filmemacher, der eine hohe Position im iranischen Geheimdienst inne hält. Er ist zuständig für die Drehgenehmigungen und war interessiert an euch Filmemachern aus dem Ausland. Ich habe ihm von eurem Projekt berichtet und erzählt, dass ihr euch Sorgen um die Sicherheit eures Projekts macht. Daraufhin versicherte mir der Mann, dass er euren Dreh zur Kenntnis genommen habe und dafür sorgen wird, dass euch nichts passiert!“

Ab diesem Moment bin ich entspannt und kann mich voll auf den Dreh konzentrieren.

Ich füge mich leise dem System in der Hoffnung, unbemerkt zu bleiben.

 

Drehtage

3 Wochen Teheran, 3 Wochen bei unseren Protagonisten leben und drehen, was um uns herum passiert. Geschenke annehmen, die uns gemacht werden. Von vornherein fest, dass wir keine großen Drehpläne oder Inszenierungen machen möchten. Den Protagonisten werden ihre Freiräume gelassen und wir drehen den Alltag und die Gespräche zwischen ihnen und ihren Freunden.

Am Vorabend sprechen wir mit unseren Protagonisten ab, welche Pläne sie am nächsten Tag haben werden. Weiter als einen Tag im Voraus planen wir selten. Vormittags geht es meist gegen zwölf los. Lukas und ich machen uns per Taxi auf den Weg zu unserem verabredeten Treffpunkt.

An einem Tag sammelt uns ein Mitte 20-jähriger Fahrer auf, der unglaublich gerne singt.

Leider ist er so auf seinen Gesang konzentriert, sodass er völlig vergisst, wohin wir eigentlich fahren wollen. Er fragt gefühlt 20 Passanten, die ihm alle einen anderen Weg vorschlagen. Mit einer Stunde Verspätung kommen wir an. Solche Vorfälle tragen leider nicht dazu bei, Drehpläne einzuhalten. Jeder Tag verläuft irgendwie anders.

Wir verbringen viel Zeit mit den Skatern, quatschen, gehen in Restaurants, erzählen uns Geschichten, trinken stundenlang Tee und fahren ziellos mit dem Auto durch die Nächte Teherans.

Wir haben eine gute Zeit!

 
 
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Nachdem wir bei allen Protagonisten zuhause gedreht haben, trauen wir uns immer mehr auf die Straße. Die Konfrontation mit einer Öffentlichkeit wagen, weil dabei die spannendsten Dinge passieren.
 
 
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Auf die Frage, was wir denn da filmen, lautet die Antwort immer: „Wir filmen ein paar Skateboardtricks für das Internet, nichts großes.“

Da ist auch etwas Wahres dran. Der Film soll beobachtende, dokumentarische Aufnahmen mit Skateboardvideos verbinden.

Die Drehgenehmigung erwähnen wir nie, sie dient nur als Notbremse.

Den neugierigen Taxifahrern sage ich immer, dass wir drei Wochen lang Verwandte in Teheran besuchen. Sie bemitleiden uns.

Wir möchten filmen, wie sich ein Skater von einem Bus auf seinem Board durch die Straßen ziehen lässt. Die Straßen sind voll, der Belag mit Schlaglöchern übersät und die Busse sehr alt.

Wir warten auf den Bus, sprechen mit dem Fahrer und drehen dann, während wir mit einem Auto nebenher fahren. Dadurch blockieren wir die komplette Straße und schnell sammelt sich eine hupende Autokette hinter uns. Die Busfahrer lassen sich davon nicht einschüchtern.
 

 
 
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* * *

Kapitel 5

Das kleine Stück Freiheit

Nach 16 Drehtagen sind wir fertig. Es war unglaublich, wie engagiert sich die Protagonisten für ihren Sport einsetzen. Was bleibt, ist die Bewunderung für die „Kids of Tehran“.

Skateboarding auf den Straßen Teherans ist noch sehr jung und unverbraucht. Die wenigsten Passanten kennen diesen Sport. Sobald ein Board klackt, drehen sich die Menschen im Umkreis von 100 Metern nach der unbekannten Geräuschquelle um. Häufig kann man mit Anwohnern verhandeln, um noch länger skaten zu dürfen.

Putzfrauen leihen uns ihre Besen, damit wir die Anfahrt am Spot säubern können. In den seltensten Fällen werden wir weggeschickt. In Deutschland wird viel schneller die Polizei gerufen.

Es gibt nur sehr wenig Skater (nur etwa fünfzig in ganz Teheran), die ihren Sport dafür umso mehr lieben. Sie setzen sich gegen gesellschaftliche Konventionen durch, diskutieren mit ihren Eltern, Freunden und Verwandten und haben keine Möglichkeit, Unterstützung von Sponsoren zu erhalten. Es ist ein kleiner, harter Kern von Skateboard-Enthusiasten.
 
 
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Sie sind nicht frei.

Alles, was jungen Menschen Spaß machen könnte, wird verboten.

Frauen müssen strenge Kleidungsvorschriften beachten, die wirtschaftliche Lage ist miserabel und Skateboards müssen über Umweg aus Dubai importiert werden.

Aber gerade Skateboarding, das amerikanische Symbol einer Jugend, die sich gegen Autoritäten widersetzt, gibt ihnen die Möglichkeit, die Stadt für ihre Zwecke zu nutzen und sich ihre Freiheit zurück zu holen.

Die Skater sind nicht politisch und ich wollte sie nie in ein Schema zwängen, um sie spannender zu machen. Skateboarding ist ihre Art von Rebellion. Sie suchen in diesem Hobby einen Sinn und Halt für ihr eigenes Leben.

Spannend sind auch die Gespräche mit Mehdi und den anderen Filmemachern. Sie lassen sich eher zu den intellektuellen Iranern zählen, die das Land unbedingt verlassen wollen. Bewusst entscheiden sie sich gegen jegliche Art von staatlichen Fördergeldern, um der damit verbundenen Zensur zu entgehen. Nach unserem letzten Drehtag fragt uns Mehdi: „Wart ihr zufrieden mit eurem Projekt?“, ich antworte euphorisch

„Ja, es war ein toller Dreh!“

 

GRUPPE
 
 
„Egal ob es jetzt gut war oder nicht, ihr solltet einfach dankbar sein, dass ihr in eurem Alter überall auf der Welt hin könnt, um dort das zu machen was ihr liebt: Filme! Und darum geht es doch – nur darum!“

Nachts um zwei holt uns Ali von zuhause ab. Das Gefühl kommt wieder hoch in meinem Körper. Die Angst, die mich vor Drehbeginn so quälte. Der Flughafen, der Gepäckscanner, die Passkontrolle, die Ausreise.

Die letzte Hürde also. Wir bereiten uns darauf vor, indem wir das ganze Material in Ordnerstrukturen auf den Festplatten verstecken, welche die Namen „Urlaub“, „Uni“ oder „Omas Geburtstag“ tragen.
An der Passkontrolle ist Lukas schnell durch. Auch bei mir gibt es keine Probleme.

Der Stempel knallt in den Pass. Dann sitzen wir im Flieger, heben ab, verlassen den persischen Boden.

Wir haben es geschafft, einen Film im Iran zu drehen.

 
 
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* * *

„Kids of Tehran“ wird Ende 2015 fertiggestellt.

Zum Schutz der Personen wurden einige Namen geändert.

 

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Daniel Asadi Faezi

Daniel Asadi Faezi macht seit seiner Jugend Dokumentarfilme. Seine bisherigen Dokumentarfilme wurden auf über 50 nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Lukas Nicolaus realisierte bereits mehrere Kurzfilme, szenisch wie dokumentarisch, als Regisseur sowie Kameramann. Alle Fotos in diesem Bericht fotografierte er analog.

Leserpost

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  • todayis Magazin on 20. November 2015

    Ich bin mega gespannt auf den Film. Habt ihr schon ein genaues Datum?

    Antworten
    • Daniel on 26. November 2015

      Der Film wird ab 2016 auf Filmfestivals und anderen Veranstaltungen zu sehen sein. Sobald Termine feststehen werden sie hier veröffentlicht.

  • Farbenfreundin on 15. Juni 2016

    Toller, packender Bericht. Danke für den spannenden Einblick!

    Antworten

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