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The Travel Episodes

Kreuzfahrt in der Karibik

Traumschiff

Ich wollte ausprobieren, ob ich ein normaler Urlauber sein kann. Der sich in die Sonne legt, all inclusive isst und trinkt, sich wohlfühlt im Wohlfühlprogramm des Reiseanbieters. Dem Abenteuer zu anstrengend ist. Ich mache eine Kreuzfahrt in der Karibik. Von Philipp Laage.

Nach acht Stunden in der Holzklasse eines Charterfliegers, Bustransfer zum Schiff und Beziehen der Kabine lasse ich mich auf einem Liegestuhl auf dem Oberdeck nieder. Da ertönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern: »Willkommen in Ihrem Traumurlaub! Wir wollen neue Länder, neue Kulturen, neue Menschen kennenlernen!« Vor Schreck fällt mir fast der Gin Tonic aus der Hand.

Feldstecher, Malaria-Medikament, Mückenspray, die Expeditionsstiefel »Annapurna«: alles zu Hause gelassen. Ich habe Badeshorts und Sonnenbrille dabei, denke ich panisch, Tanktop und Flipflops. Soll ich damit jetzt terra incognita durchschreiten, launische Götter der Eingeborenen durch wilde Tänze besänftigen? Da muss ein Missverständnis vorliegen. Ich bin Humboldts Spuren auf den Chimborazo gefolgt, am Nil entlang durch den Sudan getrampt und lag vom Durchfall geplagt im Regenwald Kameruns. Dieses Mal habe ich einfach nur eine Karibik-Kreuzfahrt gebucht. Was wollt ihr?

Erst als ich beobachte, wie die anderen Entdecker an Bord die Landnahme auf die Poolliegen verlegen, entspannt sich mein bleicher Körper wieder.
 
 

 
 
Ich war noch nie auf einer richtigen Kreuzfahrt, zusammen mit anderen Urlaubern. Es ist verdammt hell. Die Plastikverkleidung an Deck reflektiert das Licht der Mittagssonne, in dem sich mein Gesicht zusammenzieht, als hätte ich in eine faule Tropenfrucht gebissen. Ich schaue mich um und sehe nichts. Wo sind wir doch gleich? Ach richtig, wir liegen vor Barbados vor Anker, bereit zu großer Fahrt.

Mit dem pünktlichen Ablegen wird es allerdings nichts, denn eine andere Chartermaschine mit Kreuzfahrtgästen landet verspätet. So bietet sich unverhofft Gelegenheit, die Mission der rätselhaft-anonymen und gleichsam optimistischen Frauenstimme in die Tat umsetzen. Es wartet: das Abenteuer Bridgetown.

Marco Polos in Badelatschen verlassen das Schiff und schlagen sich durch zum Stadtstrand.

Leider ist Ostern. Die Stadt ist so entspannt wie Kreuth am Tegernsee, aber auch einsam wie die Atacama-Wüste. Kein Mensch von Verstand bewegt sich um diese Tageszeit ohne Not durch die Hitze, schon gar nicht an einem Feiertag. Nur einzelne karibische Schönheiten, die niemals in ihrem Leben Aquagymnastik werden machen müssen, durchschreiten die schmalen Schatten der Häuserwände.
Nach einer halben Stunde ist das Ziel erreicht – der Strand, Sehnsuchtsort des Pauschalurlaubers, Shangri-La des einfachen Mannes, Belohnung für ein Jahr duldsame Erwerbsarbeit, und hier am Meer, da kommt die Freude zwar nicht plötzlich angeflattert wie eine drollige Möwe, aber zumindest reagiert der Körper auf die Sonne. Wenn es so leicht ist, die Hautfarbe zu wechseln, kann es mit dem Gemüt wirklich so schwierig sein? Eigentlich nicht.
 
 

 
 
Dennoch gehen skeptische Blicke über das Wasser, aus argwöhnisch zusammengekniffenen Augen wie mir scheint, vielleicht, weil man der Kulisse nicht traut oder einfach wegen der grellen Sonne. Kein Mensch ist zu sehen außer uns Kreuzfahrern. Halt, dort hinten verleiht ein einsamer Rasta-Typ Jetski. Vielleicht hat ihn irgendwann der Glaube verlassen und der Ostersonntag bedeutet ihm nichts mehr.
 
 

 
Ich flüchte mich, wie man so sagt, in den Schatten. Vor mir liegt die archetypische Karibikszenerie: puderzuckerweißer Sand, türkises Meer, Flöckchenwolken und Touristen auf Handtüchern wie geschmolzener Weichkäse. Ich muss mich schon wieder eincremen, verfluchter Sud in der Bauchfalte, es ist einfach zu heiß.

Barbados ist der allzumenschliche Auftakt zu einer Kreuzfahrt auf der »Mein Schiff 3«, einem Schiff von Tui Cruises. Die Reederei wirbt mit der sogenannten »Wohlfühlflotte«, und darum geht’s ja: wohlfühlen. Normaler Urlaub, ohne Ambitionen. Für mich bedeutet das: mal nicht den Rucksack schleppen, in schrottreifen Bussen schaukeln und listige Provisionshaie abschütteln. »You looking for hotel?« My ass! Hier komme ich von Insel zu Insel, ohne meine Kabine verlassen zu müssen, und falls du es nicht kapiert hast: Das ist mein Schiff.
 
 

 
 
Wohlfühlen und wegdösen. Ist das nicht genau der richtige Plan für die Karibik, wo die Sonne fast das ganze Jahr nur auf ein paar putzige Inseln scheint? Klar, in der Hurrikansaison muss man sich vor fliegenden Kokosnüssen in Sicherheit bringen. Aber sonst fordert dieses Reiseziel auf angenehme Art wenig vom Besucher.

So eine Kreuzfahrt in der Karibik scheint mir eher eine große Erkundung der eigenen Bedürfnisse zu sein. Wird man irgendwann zwangsläufig bequem, so ganz grundsätzlich? Wäre das dann schlimm? Kann ich womöglich was lernen von den anderen Gästen hier an Bord, die auf Überraschungen wohl lieber verzichten und das Mantra des Entdeckens bereitwillig als eine Werbeillusion stets lächelnder Tourismusfachleute akzeptieren.

 

* * *

Zweites Kapitel

Horror Vacui

Zum Glück sind Speisen und Getränke an Bord im Reisepreis inbegriffen.

Es gibt da diese lustige Anekdote, die Kreuzschiffkapitäne gerne mit einem verständisvollen Seebärenschmunzeln erzählen: Die kurioseste Frage, die je ein Passagier gestellt habe, lautet: »Wo liegt eigentlich dieses Sietääg?« Aber aber, so der Kapitän, es handelt sich dabei nicht um eine sagenumwobene Schatzinsel, sondern um einen Seetag. Ein Tag auf See, an dem kein Hafen angelaufen wird.
 
 

 
 
Sietääg also in der Karibik, auf einem Schiff mit 3500 Menschen an Bord, darunter 2500 zahlende Passagiere. Fünfzehn Decks gibt es, 1253 Kabinen, zehn Restaurants, dreizehn Bars, Spa-Bereich und Konzerthaus, Joggingstrecke und Pool, Duty-Free-Shops und Friseur. Eine Kunstwelt aus Hotelresort und Einkaufszentrum, so scheint es mir, die sich auf dem Meer langsam fortbewegt – allein mithilfe von Schweröl. Ein Oceanliner, ein sanfter Riese zur See.

Der Urlauber gleitet über das Wasser, doch gebadet wird in der Sonne. Ich versuche, es den anderen auf dem Oberdeck gleich zu tun. Nach zwanzig Minuten gebe ich auf. Ich schwitze zu stark, was deshalb schwer zu ertragen ist, da ich keine Ablenkung habe, weil ich ja einfach nur daliege. Die Sonne brennt unerbittlich auf den Schädel, die Muttermale beginnen zu tanzen und langsam, immer größer zu werden. Ich brauche dringend Schatten.

Was tun? Zum Glück sind Speisen und Getränke an Bord im Reisepreis inbegriffen.

All inclusive!

Mit diesem Premium-Konzept, heißt es, grenzt sich Tui Cruises vom großen Konkurrenten Aida ab. Ich könnte den ganzen Tag mit Essen und, noch verlockender, mit Trinken verbringen.

»Kostenkontrolle« und »Budgetsicherheit« sind die Schlagworte der Reiseveranstalter zu den Vorteilen des All-inclusive-Urlaubs. Das klingt etwas dramatisch, nach Wirtschaftskrimi, ich bekomme kurz Angst, jemand könnte sich privatinsolvent die Reling hinabstürzen, weil er ohne Vollverpflegung unkontrolliert drei Sahnetorten mit dreizehn Cocktails heruntergespült hat. Doch offenbar sind alle Gäste an Bord über ihre Privilegien bestens im Bilde.

Ich setze mich zu einem Familienvater an den Tisch. Das Duzen fällt leicht auf Korbstühlen wie im Strandcafé. Der Mann umschreibt die Engländer als Inselaffen, nur um daraufhin seine Enkelin in den Arm zu schließen und klarzustellen: »Familie ist das wichtigste.« Ein Brite würde vermutlich das gleiche sagen, will ich einwerfen, nicke aber nur und bestelle noch einen Cuba libre. Der Mann erklärt mir offenherzig, dass er für diesen Urlaub länger sparen musste. Nun lässt er mit verschränkten Armen vor der Brust den Blick über das Deck schweifen, als hätte er das ganze Schiff eigenhändig aus den Trümmern von Atlantis geborgen. Malocherstolz, Sätze ohne doppelten Boden. Die Haut ist braun und ehrlich. Lebenstraum Karibik: leider geil. Das Wetter ist warm, der Rum-Cola kalt. Locker einen von der Leber weg erzählen, die verträgt’s ja. Die verbreitete Angewohnheit in bürgerlichen Kreisen, Konversationen mit der strategischen Präzision eines Schachturniers abzuwickeln, ist diesem Mann fremd. Wir kommen gut klar.
 
 

 
 

Ich treffe den General Manager des Schiffes, Axel Sorger, um der magischen Urlaubsformel auf die Schliche zu kommen. Womit steht und fällt so eine Kreuzfahrt für die Gäste? »Eigentlich suchen alle Entspannung und dass es so reibungslos wie möglich funktioniert«, sagt Sorger mit scheuen Augen, als wäre ihm die Antwort peinlich. Vielleicht ahnt er, dass auch die schönsten Früchte von innen faulen können.

Der maximalen Entspannung steht ein üppiges Bordprogramm entgegen: Konzert, Varieté, Tanzkurs, Schmuckauktion, Kosmetik-Workshop, Rumverkostung, der Vortrag »Kohlenhydrate – unsere heimlichen Dickmacher« und Aquagymnastik. Klingt ziemlich stressig. Eine Reißleine für Urlauber, die beim freien Fall ins All-inclusive-Zen drohen verrückt zu werden?

Es ist natürlich auch so eine Sache mit der Seefahrt. Tagelang umgibt einen nichts als Wasser. Wenn nicht gerade Windstärke zehn herrscht und der Mageninhalt wieder zutage befördert wird, ist das Meer flach und leer in alle Richtungen. Horror vacui. Wo der Horizont zur Abwechslung höchstens mal einen mickrigen Seevogel oder ein gespensterhaftes Containerschiff bestellt und sich beengte Tage an der Bordroutine festklammern wie garstige Seepocken, spiegelt das Meer irgendwann nur noch verdrängte Sehnsucht.

Eine deprimierende Ausgangslage für eine Seereise, denke ich, nunmehr wieder alleine an der Reling stehend und aufs abendliche Meer schauend. Kein Wunder, dass die Reedereien alle möglichen Schikanen auf ihre Schiffe bauen: Kletterwände, Autoscooter, Schlittschuhbahnen, Fallschirmspringstationen, Wasserrutschen über zehn Decks. Die neue »Norwegian Joy« hat eine Kartstrecke an Bord, für den Roadtrip auf dem Wasser. Allein, das Internet auf den Meeren ist immer noch teuer, Kostenkontrollverlust droht.
Im Grunde aber hat der Malocher vom Nachmittag alles gesagt: Familie ist das wichtigste. Man könnte noch Freunde ergänzen. Doch das spricht weder für noch gegen eine Kreuzfahrt. Wer das gemeinsame Glück in der heimischen Stube vergeblich sucht, wird es auch in der Karibik nicht finden. Und wer es daheim gefunden hat, muss gar nicht erst weg.

Am Ende des Seetags steht für mich fest: Wohlfühlen ist selbst unter karibischer Sonne ein verdammt fragiler Zustand. Fragen Sie Axel Sorger. Der Pool zu voll, das Schnitzel zu zäh, die Bedienung zu langsam – schon steigt die Unruhe auf wie Sodbrennen. Dabei ging es doch eigentlich darum, die Karibik zu entdecken.

 

* * *

Drittes Kapitel

The Lion sleeps tonight

Der Seetag hat so sedierend auf mich gewirkt, dass ich es fast noch einmal mit Sonnenbaden versuche.

Das Essen hat mich träge gemacht. Unter karibischer Sonne schlummert so ein Wein länger hinter den Schläfen als im märzgrauen Deutschland. Warum eigentlich noch eine lange Hose tragen? Ich bin im Urlaub.

Als ich kurz davor bin, am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück eine Liege mit meinem Handtuch zu bespannen, dringt ein sirenenhafter Widerhall der Lautsprecherstimme vom ersten Tag an mein Ohr. Der Blick wird wieder klar, die Kleidung angemessen. Neue Länder und Kulturen entdecken, ist das nicht doch die Mission?

Dominica ist der erste Halt auf dieser Kreuzfahrt, eine feuchtgrüne Dschungelinsel, auf der man Nachfahren von King Kong vermutet. Im Programm stehen 31 verschiedene Landausflüge. Wie wäre es mit der Busrundfahrt samt »kleiner Folkloredarbietung«? Entwürdigend für alle Seiten, schätze ich, und entdecke die Wanderung zum Sari-Sari-Wasserfall. Schwierigkeitsgrad vier, rutschiger Untergrund, festes Schuhwerk bitte. Sofort ist mir klar: Es handelt sich hier um den Mount Everest unter den Landausflügen, einen ramboesken Grenzgang durch undurchdringliche Wildnis. Regentropfen wie Trommelfeuer, Blutegel so groß wie Weinbergschnecken.

Am Ende soll es nicht ganz so schlimm werden. Zunächst fahren wir mit dem Ausflugsbus ins Landesinnere. Der lokale Guide Franklin entpuppt sich schon nach wenigen Kilometern als Vollprofi. Die älteste Frau auf Dominica sei 127 Jahre alt geworden, erzählt er. Wie sie das geschafft habe? »Sie war nie verheiratet.« Der Bus lacht.

Ein bisschen Stand-up-Comedy ist wichtig, das hat Franklin gelernt. Man muss die Leute abholen und aufwärmen. Der deutsche Urlauber schaut sonst oft so, als wollte man ihm ständig etwas unterjubeln – oder wegnehmen. Ich muss an eine Begegnung in einem Ferienflieger denken.

Eine Frau schließt ihren Gurt, offenbar empört vom geringen Sitzabstand, und sagt: »Die wollen uns fertigmachen.«

Die Welt als ständige Zumutung, Urlaub als Abwehrkampf.

Wir verlassen den Bus und dringen in den Dschungel Dominicas ein. Es geht sofort durch einen Fluss, dessen Strömung die Kraft hat, den einen oder anderen Urlauber von den Füßen zu holen. Wir bilden eine Menschenkette. Ausgestreckte Arme, zuversichtliches Nicken, nasse Hosenbeine bis zum Oberschenkel. Natur pur! Leuchtende Augen im Angesicht der Entbehrung. Wir schaffen es auf die andere Seite, ohne Kameras oder Gliedmaßen zu verlieren.

Die Route folgt nun dem Flusslauf hinein in die Wildnis, einen Weg gibt es nicht. Wir schlagen uns durch die urwüchsige Vegetation am Ufer. Nach zwei Stunden Marsch erreichen wir den Wasserfall, der so unzugänglich und verborgen im tiefen Wald liegt, als würde er ein mächtiges metaphysisches Geheimnis hüten.
 
 

 
Wie zu einer rituellen Waschung stelle ich mich in die Gischt des Wasserfalls. Der Schweiß wird davongespült und, so hoffe ich, auch ein wenig verdorbenes Fleisch. Denn habe ich nicht gesündigt? Habe ich nicht alle ungeschriebenen Regeln des Travellers gebrochen, die Gemeinschaft verraten? Pauschalurlaub, Kreuzfahrt, all inclusive: Jeder ernstzunehmende Backpacker zwischen Hanoi und Lombok würde Denguefieber und Passverlust vorziehen.

Doch ich habe vergessen, wohin ich zurückkehren werde. Es ist kein Hostel mit spartanisch reisenden Individualisten, die im spärlichen Licht der Gemeinschaftsküche von der Reifenpanne in Myanmar oder ihrer amour fou auf dieser kleinen kambodschanischen Insel erzählen. Sondern ein Kreuzfahrtschiff. In der Komfortzone des Massentourismus, auf dem Pooldeck, bin ich schon wieder guten Gewissens faul und bequem. Niemand muss mir Absolution erteilen.

Mehrere Mahlzeiten im Verlauf der einwöchigen Reise verbringe ich mit einer Frau Mitte vierzig, nennen wir sie Brigitte, und ihrem Ehemann. Beide werden noch die Transatlantikquerung bis Spanien mitmachen. Sie redet viel, er dafür umso weniger. Brigitte ist im allerkonventionellsten Sinne eine ganz normale Urlauberin. Keineswegs unsympathisch, aber so interessiert am Reiseziel wie Kim Kardashian an der Dialektik der Aufklärung.

Als ich wieder zu Hause in Deutschland bin, wird mir Brigitte eine E-Mail schreiben, in der sie auf die »tolle Reise« Bezug nimmt, auf der man sich »gut erholt« habe, »mit vielen tollen Eindrücken«. Man habe »nette Leute« kennengelernt, der letzte Abend an der Bar sei »noch recht feucht und fröhlich gewesen« (Zwinker-Smiley). In Funchal habe es geregnet, in Cádiz schien wieder die Sonne. Am Ende steht der Satz: »Der Alltag hat uns wieder.«

Ja, so reden und denken wahrscheinlich viele Menschen, die im besten Alter und finanziell abgesichert eine Kreuzfahrt in der Karibik machen. Für die Ferne brauchen sie einen Reiseveranstalter oder gleich ein eigenes Schiff, da fühlt man sich doch wohler. Möge man sie bitte nicht behelligen mit irgendwelchen unschönen Realitäten vor Ort. Armut, mangelnde Hygiene oder einfach nur die perspektivlose Langweile der ungebildeten Schwellenländer-Jugend. Bitte, Schluss, abschalten, wo ist die Fernbedienung? Bevor ich zynisch werde, lasse ich ab dem dritten Abend an Bord die Drinks weg.

Ich weiß auch, ich bin Brigitte gegenüber ungerecht. Ich habe eine arrogante Haltung. Andererseits muss die Frage erlaubt sein: Muss man wirklich CO2 über dem Atlantik verteilen und in der Karibik von Insel zu Insel tuckern, wenn man vom Reisen nicht mehr will als Erholung, und sich die Werlterfahrung auf die indifferente Erinnerung »toller Eindrücke« reduziert?

Tut es da nicht die Adria oder Tirol?

Diese Frage könnte ich auch mir stellen, der ich auf dieser Kreuzfahrt gerade kein Entdecker sein wollte, sondern einfacher Urlauber – aber was heißt das schon? Die Welt ist ja entdeckt. Ob man die Grenzen der Erde ablaufen muss, um sich selbst hinreichend auszuforschen, wage ich zu bezweifeln. Manchmal vielleicht.

Seien wir ehrlich, Reisen kann eben alles sein. Spaß, Erholung, Zerstreuung, Flucht, ein verfluchter Geschäftstermin. Resort-Urlaub im Luxushotel, weil sich das vor den reichen Freunden so gehört: ein Statussymbol. Porsche, Pool, Polynesien. Oder eben Instagram, GoPro, Live-Stream: Reisen als große Selbsterzählung, Baustein der Identität, Ausweis eines vermeintlich interessanten Lebens. Der Ethnologe, der Entwicklungshelfer, der Krisenreporter: Reisen als Mittel zu einem höheren Zweck, gar zur Selbstverwirklichung? Schwieriges Wort. Leidenschaft gefällt mir besser.
 
 

 
 
In der Karibik kaufen manche Reedereien Privatinseln, um die Urlauber noch besser von der Welt abseits des Pauschalpakets abzuschirmen. Auf einer Massenkreuzfahrt in diesen Gewässern ist das neugierige Erkunden geradezu eine Unmöglichkeit. Ich hatte es ja befürchtet. Auch der Ausflug auf Dominica endete nur wieder im Bauch des Schiffes. Ausbruch nicht vorgesehen. Also Kurs halten und es noch einmal versuchen: einfach nur Urlauber sein.

 

* * *

Viertes Kapitel

Revolution in paradise

Kreuzfahrt-Urlauber zu sein, heißt zunächst ganz profan: an Bord sein. Das Schiff ist heutzutage das eigentliche Ziel, sagen die Experten aus der Branche.

Deshalb interessiert es die Leute sehr, ob das vom alten Schiff bekannte Restaurant »Mediterana« (Pizza und Pasta) auf dem Neubau wiederzufinden ist oder durch das neue Restaurant »Poseidon« (Seafood) abgelöst wurde. Die Namen sind fiktiv, aber die sprachliche Raffinesse kommt ungefähr hin.

An Bord sein, das heißt im zweiten Schritt: in der Sonne, am Pool sein. Schwimmen ist jedoch nicht möglich. Das reine Bräunen des Körpers wiederum ergibt für mich – ich erwähnte es – überhaupt keinen Sinn. Eine Woche reicht nicht, um die Haut an die Sonne am 15. Breitengrad zu gewöhnen.

Meine These: Der deutsche Urlauber will sich durch das Bräunen erst optisch und schließlich auch mentalitätsmäßig dem Südländer annähern. Es ist die Sehnsucht nach la dolce vita. Als müsste man bloß die Sonne mit allen Poren aufsaugen und könnte mit einem Mal gut sitzende Hemden finden, Fremde ungezwungen in ein Gespräch verwickeln und Luftküsse statt Bedenken verteilen.

Ich wende mich Büchern zu. Was soll ich sagen? Auch Lesen ist im Schatten angenehmer als in der Sonne. Bleibt die Welt unter Deck mit ihren Restaurants, Bars und Shops. Doch wer möchte schon mehr als ein paar Stunden in einer Mall verbringen?

So bin ich dankbar für jeden Landgang. Martinique zum Beispiel, wieder etwas Aktives, Schwierigkeitsgrad drei: Es geht mit dem Seekajak durch die Mangroven. Ein junger Franzose ist unser Tourguide, er ist gebräunt und attraktiv. Mit der rührenden Ernsthaftigkeit eines Baustatikers referiert er über Seesterne und ihre Bedeutung für das Ökosystem.
 

 
So ein Landausflug ist schneller vorbei, als der Kopf ihn verarbeiten kann. Runter vom Schiff, rein in den Bus, Schwimmweste anziehen, kurze Einweisung, in die Boote, zwei Stunden paddeln, kleine Erfrischung, zurück zum Anleger, raus aus den Booten, umziehen, rein in den Bus. Mein Körper hat sich gerade an die Hitze gewöhnt, da faucht mir schon wieder die Klimaanlage in den Nacken. Abschied von Martinique. Die vorbeiziehende Landschaft, die Tönung des Fensters. Mein Wunsch nach einer Reifenpanne.
Vielleicht muss ich mich vom vororganisierten Ausflugsprogramm lossagen. Prompt stoße ich an Bord des Schiffes auf einen Gast, der mich in genau diesem Vorhaben bestärkt. Er weist sich als Ingenieur im operativen Management eines deutschen Mittelständlers aus und proklamiert: »St. Martin machen wir mit dem Mietwagen.«

Ah, ein Mann von Welt, denke ich, komme aber im Verlauf des Gesprächs nicht zu Wort. Die Karibik? Für ihn nicht das erste Mal. Beruflich sei er mehr so in Ländern wie Kasachstan unterwegs, um dort die Inbetriebnahme irgendwelcher wichtiger Industrieanlagen zu überwachen. Bravo! Ich bin so angeödet, dass ich fast die Reise-DVD kaufe: »Wohlfühlmomente, die ewig wären.«
 
 

 
 
Nächster Halt ist Antigua. Die Insel wirbt mit 365 Stränden, einen für jeden Tag des Jahres. Das ist optimistisch gezählt, aber sicherlich gute Werbung. Vom Hafen in Saint John’s mache ich mich zu Fuß auf in Richtung Norden, zum Runaway Beach. Nach meiner Kalkulation sind das maximal zwei Stunden, eher weniger.

Zuerst geht es durch das Gassengewirr des Hafenviertels mit seinen kleinen Souvenirgeschäften, dann folge ich lange der Anchorage Road. Einstöckige Holzhäuser, blasse Pastellfarben, brachliegende Grundstücke. Rechts ein »Kentucky Fried Chicken«, links ein Gewerbe. Irgendwann der Abzweig in die Ford Road in Richtung Meer. Die Bebauung wird spärlicher. Es sind kaum Menschen auf der Straße.

Erstaunlich, wie intensiv man die Umgebung wahrnimmt, wenn man für die Wegfindung selbst verantwortlich ist.

Als würden die Augen zum Scharfsinn gezwungen. Noch in drei Jahren könnte ich den Weg problemlos finden, wahrscheinlich mein ganzes Leben lang. Ich gebe es zu, Google Maps ist eine unheimliche Hilfe. Trotzdem.

Der Runaway Beach ist ein karibischer Traumstrand, gemacht für Heiratsanträge und Werbekataloge. Weißer Sand schiebt sich auf mehreren hundert Metern sanft unter das Türkis des Wassers. Aus einer morbiden Strandbar schallt zu laute Dance-Musik.

Und doch liegen die Touristen ungerührt auf Liegen in der prallen Mittagssonne. Kurz ins Wasser, dann wieder dösen. Warum haben sie das Schiff überhaupt verlassen? Ist der Strand nur eine andere Kulisse für ihre tiefgreifende Apathie? Warum sitzen sie nicht gemütlich im Schatten und reden, lachen und scherzen? Ich will sie schütteln und aufwecken. Revolution in paradise! Gewitterschwer hängen die Wolken über der leblosen Szenerie. Ich verzweifle endgültig am Homo pauschaltourismus. Als der Strandverkäufer mir eine Kokosnuss zum gängigen Abzockerpreis von fünf Dollar anbietet, weiß ich nicht, ob ich laut lachen oder ausrasten soll.
 
 

 
 

Ich kann die ganze Unternehmung nicht mehr ernstnehmen.

Ich bin auf dieser Kreuzfahrt kein Entdecker. Normaler Urlauber funktioniert aber auch nicht. Wobei doch, noch einmal auf St. Martin. Dort trinke ich mir am Maho Beach mit zwei Kanadierinnen von der »Regal Princess« eine sanfte Nachmittagsdichtheit an. Dabei beobachten wir die Jumbos von Air France und Delta, die in nur wenigen Metern Höhe über den Strand donnern.

Ja, ich bin fertig mit der Sache. Bald ist es vorbei, das ist mehr als in Ordnung. Von La Romana in der Dominikanischen Republik geht es nach Hause. Kein Sietääg, keine Aquagymnastik und Knusperhaut mehr. Macht ihr mal ruhig, ihr Kreuzfahrer. Essen, trinken, bräunen, wohlfühlen – I am fine with that. Ich habe Verständnis für euch, doch die Achtung ist mir abhanden gekommen.

Letzter Abend auf dem Schiff. Ich komme mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch, beide eher 70 als 60. Wieder redet praktisch nur sie. Es sind kultivierte und intelligente Menschen gutbürgerlicher Herkunft. Warum sie mit Tui Cruises reisen und nicht auf einem Aida-Schiff, frage ich in der leicht spöttischen Absicht, mir die vermeintlich kleingeistige Entscheidungswelt eines Kreuzfahrt-Pauschaltouristen näherbringen zu lassen.

»Wir schätzen die Bedienrestaurants«, antwortet die Frau, »den Service am Platz.« Auf den Aida-Schiffen sei man stärker auf die Buffets angewiesen. »Mein Mann kann das Tablett nicht halten«, sagt sie, ohne den Satz näher zu erklären. Das muss sie auch nicht.
Der Mann, der die ganze Zeit schweigend mit am Tisch saß, fängt nun selbst an zu sprechen. Seine Worte kommen präzise, aber ganz langsam, mit halber Geschwindigkeit, so als habe er sie erst vor Kurzem wiedergefunden und sortiert. Wir fahren hinein in die letzte Nacht auf See, und ich schäme mich zutiefst.

Vielleicht werde ich irgendwann froh sein, dass es Kreuzfahrtschiffe gibt, die mich im Schlaf von Hafen zu Hafen bringen, rundum verpflegt und behütet von aufmerksamen Servicemitarbeitern. Ich denke, das wäre nicht schlimm.

Bis es soweit ist, gibt es noch viel zu entdecken.

 

* * *

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Run Travel Grow

Philipp Laage

Philipp Laage ist Reiseredakteur bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und bloggt auf Runtravelgrow. Die letzten weißen Flecken dieser Erde reizen ihn besonders, in den Bergen fühlt er sich immer am wohlsten.

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