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The Travel Episodes

Kuba

Drüben, in der anderen Welt

Zwei Jahre nach der Aufnahme der diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen mit den Verei­nig­ten Staa­ten schwebt Kuba zwischen Fort­schritt und Stagna­tion. Die Bevöl­ke­rung hofft weiter auf ein Zeichen. Elena Witz­eck reist durch ein warten­des Land. 

Carlos fährt Lada. Nicht irgend­ei­nen Lada mit rosti­ger Karos­se­rie, wie er hier an jeder Stra­ßen­ecke steht. Die Schei­ben getönt, die Musik­an­lage statt­lich, der Schalt­knüp­pel: eine glit­zernde Cobra. Nur die Klima­an­lage, sagt er, die funk­tio­niert gerade nicht. Deshalb peitscht der Fahrt­wind durch die Fens­ter herein. Carlos fährt den Lada wie einen Ferrari. Auf den hinte­ren Sitzen fühlt sich das an wie auf dem Volks­fest: hoch, runter, links, rechts, ein im Sekun­den­ab­stand wieder­keh­ren­des Zerren und Ziehen. 

Es muss an den Dämp­fern liegen, murmelt Max, der sich mit einer Hand am Fens­ter­rah­men und mit der ande­ren am aufge­platz­ten Leder­sitz fest­klam­mert. Wir haben beide Respekt vor Carlos, seit er die Musik laut aufge­dreht hat, als wie ihn kennen­ler­nen woll­ten, seit wir fest­ge­stellt haben, dass wir keine Gurte haben und er eine Machete im Koffer­raum. Dass er nicht vom Gas geht, wenn er durch Dörfer fährt, im Slalom an Schul­kin­dern, Ziegen und abge­fal­le­nem Blech vorbei. Aber Ibis, unsere Haus­her­rin, hat uns mit drama­ti­schen Gesten versi­chert, dass ihre Fahrer die verläss­lichs­ten sind. Also Kopf in den Wind und Augen zu.
 
 

 
 
Kuba im Jahr 2017 ist ein ande­res Land als das von 1997, das ich von einer Fern­seh­re­por­tage in Erin­ne­rung habe. Auch anders als das Kuba im Jahr 2011, das mir mein Vater auf einer Post­karte mit einem Foto von Che Guevara und seiner Toch­ter beschrieb, verbun­den mit der Fest­stel­lung: „Hier würde es dir auch gefal­len“. Das Kuba von 2017 öffnet sich. Es gibt neue Audis, Wlan-Karten und Risotto. Es gibt Taxis, in denen ein Flach­bild­schirm hängt, Laut­spre­cher, aus denen kolum­bia­ni­sche, brasi­lia­ni­sche und mexi­ka­ni­sche Lati­no­mu­sik dröhnt. Es gibt Shirts in den Farben der US-amerikanischen Flagge und Bistros, wo vor zehn Jahren noch niemand wusste, was ein Bistro ist. 

Dass sich das Kuba des neuen Jahr­tau­sends so sehr verän­dert hat, hat poli­ti­sche Gründe und gesell­schaft­li­che. Einer der wich­tigs­ten ist der Touris­mus. Er hat Maßstäbe verscho­ben, Chan­cen eröff­net und neue Regeln etabliert. 

Regel eins: Wer besser leben will als die ande­ren, muss sich der Touris­ten anneh­men.

Die Vermie­ter, die Taxi­fah­rer, Bier­ver­käu­fer, Schuh­put­zer, Tuktuk-Fahrer, Wlan-Karten-Jungs: Sie alle haben Wege gefun­den, vom Touris­mus zu profi­tie­ren, die einen besser als die ande­ren. Nirgendwo sind sie geschäfts­tüch­ti­ger als in Kuba, wo es an Alter­na­ti­ven mangelt, nirgendwo eifri­ger. Wer dage­gen außer­halb der Tourismus-Blase lebt, hat weder Macht noch Geld. Also hat sich Carlos den Lada gelie­hen, bei seiner alten Freun­din Ibis vorbei­ge­schaut und mit ihr verein­bart, dass es nicht seine Aufgabe ist, die Grin­gos zu unter­hal­ten. Wir brau­chen fünf­zehn Kilo­me­ter, um das zu verste­hen.
 
 

 
 

Dämme­rung in Cien­fue­gos. Noch ist Kuba etwas fremd, die Reise erst drei Tage alt und Carlos nur ein Name. Unbe­ein­druckt vom geschäf­ti­gen Flir­ren Havan­nas schlie­fen wir nach unse­rer Ankunft bei Doña Elisa­beth in der Calle Galiano 16 Stun­den, bevor wir blin­zelnd nach drau­ßen traten, uns mit Saft und Chur­ros stärk­ten und auf den Stufen des Revo­lu­ti­ons­mu­se­ums im Platz­re­gen entschie­den, dass Havanna warten konnte, dass wir erst ande­res sehen muss­ten, bevor wir die Haupt­stadt verste­hen konn­ten, und so nahmen wir einen klei­nen weißen Bus in Rich­tung Osten. 

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Cien­fue­gos ist Kubas „Perle des Südens“: lufti­ger als Havanna, authen­ti­scher als Trini­dad, weni­ger verein­nah­mend. Eine Stadt zum Leben, nicht zum Lieben, sagt der engli­sche Segler, der vor 20 Jahren für eine Frau nach Cien­fue­gos kam, die längst einen ande­ren hat, und an der Bucht hinter dem Yacht­club bei einem Bier auf vorbei­kom­mende Reisende wartet – die einzi­gen in der Stadt, die seine Geschichte noch nicht kennen. Das zum UNESCO-Weltkulturerbe erko­rene histo­ri­sche Stadt­zen­trum jeden­falls ist immer voller Besu­cher. Weil sich in Cien­fue­gos seit 1819 Fami­lien aus Frank­reich und den fran­zö­si­schen Kolo­nien nieder­lie­ßen, sehen das Rathaus und der Parque José Martí, einer der schöns­ten Plätze der Stadt, wie das Zentrum einer fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­stadt aus. Im Norden des Plat­zes thront das neoklas­si­zis­ti­sche Teatro Tomás Terry, das Ende des 19. Jahr­hun­derts vom Erbe eines Zucker­ba­rons erbaut wurde. 

La patria es el odio invenci­ble a quien la oprime.” – “Das Vater­land ist unbe­zwing­ba­rer Hass für den, den es unter­drückt.“

José Martí war Poet und Schrift­stel­ler, heute ist er kuba­ni­scher Natio­nal­held und eine der wich­tigs­ten Figu­ren des Kampfs für die Unab­hän­gig­keit. Die präch­tigs­ten Plätze Kubas sind nach ihm benannt.
 
 

 
 
Später sitzen wir auf dem Balkon, trin­ken Buca­nero aus Dosen und schauen den Verkäu­fern nach, die im Abend­licht durch die Stra­ßen schlen­dern und ihre Waren ausru­fen: Bana­nen, Besen, Knob­lauch, Zwie­beln für umge­rech­net einen Euro. Nicht gerade güns­tig, in einem Land, in dem ein Arzt umge­rech­net 20 Euro im Monat verdient. Die Preise sind gestie­gen, seit der an den Dollar gekop­pelte Peso Conver­ti­ble nicht mehr nur als Währung der Touris­ten gilt, sondern in großen Städ­ten neben der loka­len Währung, dem Peso Cubano, auch von Einhei­mi­schen genutzt wird. Und während die Super­markt­re­gale bis auf Dosen­to­ma­ten und Rum leer sind, gibt es auf der Straße fast alles zu kaufen. Für die, die das Geld haben.

Regel zwei: Es gibt Mäch­tige unter den Ohnmäch­ti­gen.

 

 
 
In der Neben­sai­son kann es dir in Cien­fue­gos passie­ren, dass eine Band für dich alleine spielt: zwei oder drei Musi­ker und eine Sänge­rin mit einem Reper­toire, das auf Erwart­ba­res setzt. „Bésame Mucho“ tönt aus dem Lokal mit den roten Vorhän­gen, einem der priva­ten Spei­se­säle, ein Pala­dar, in den uns ein halb­wüch­si­ger Türste­her hinein­winkt. Über­gang zu „Guan­tan­amera“, als wir zögernd an der Schwelle stehen­blei­ben. Hätte man für diesen Song den Sommer nicht einfach auf hessi­schen Dorf­fes­ten verbrin­gen können? Hier besteht das Publi­kum nur aus einem alten Mann mit einem Glas Rotwein, der einer jungen Frau beim Singen zuschaut. In einer Ecke des Raums flim­mert grün und rot der Schrift­zug „Open“. Max sieht aus, als hätte er sich den Abend anders vorge­stellt. Weil mich das Duo aus dem grei­sen Gitar­ris­ten mit Dandy-Lächeln und der schüch­ter­nen Sänge­rin rührt, blei­ben wir doch, probie­ren Menu 6, Hummer­ar­ti­ges mit Reis, und lernen, dass der Text von „Guan­tan­amera“ einem Gedicht­zy­klus José Martís entlehnt ist und nur aus dem Mund einer Kuba­ne­rin kommen muss, um glück­lich zu machen.

Ibis mit den Blumen­klei­dern und Pachy, braun und rund, haben uns ihr Dach­ge­schoss vermie­tet. 25 kuba­ni­sche Pesos verdie­nen sie dafür pro Nacht, etwa 22 Euro. Trotz der hohen Steu­ern haben sie mit ihrer Geneh­mi­gung ausge­sorgt. Seit den 90ern dürfen Kuba­ner Zimmer vermie­ten. Weil die Lizenz­ge­büh­ren in den vergan­ge­nen Jahren gesun­ken sind, gibt es Stra­ßen in Cien­fue­gos, wo an jedem Haus ein Schild mit dem blauen Symbol für offi­zi­elle Vermie­ter hängt. Manche von ihnen haben es perfek­tio­niert, Gäste während ihres Urlaubs durch ein System von befreun­de­ten und verwand­ten Vermie­tern, Taxi­fah­rern und Paladar-Betreibern zu schleu­sen. Ibis lässt ihre Zimmer auf Airbnb von „Porel­techo“ vermie­ten, einem kuba­ni­schen Immo­bi­li­en­por­tal, das im Netz mit dem Spruch wirbt: „Meldet euch: Wir helfen dabei, eure Reise auf der Insel von A bis Z zu planen.“ Und natür­lich ist Carlos, der rasende Taxi­fah­rer, einer von Ibis‘ Kumpeln.

12 Prozent der erwerbs­tä­ti­gen Kuba­ner haben sich selbst­stän­dig gemacht, seit Raul Castro vor sieben Jahren für Wirt­schafts­re­for­men sorgte: als Laden­be­sit­zer, Restau­rant­chefs, Vermie­ter von Feri­en­woh­nun­gen. Diesen Sommer entschied die Regie­rung, vorläu­fig keine Lizen­zen mehr für Selbst­stän­dige auszu­ge­ben. Betrugs­fälle und Steu­er­hin­ter­zie­hung hatten sich gehäuft. In Zukunft soll stär­ker regu­liert werden, wer auf eigene Rech­nung arbei­tet.
 
 

 
 
Es gibt Kuba­ner, die sagen, alles sei anders gewor­den, als Obama 2015 die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen wieder aufnahm, nach 55 Jahren Embargo. Die ersten Sank­tio­nen hatte 1960 Präsi­dent Eisen­hower verhängt, nach­dem die neue kommu­nis­ti­sche Regie­rung ameri­ka­ni­sche Unter­neh­men und Bürger enteig­net hatte. Nun können, zumin­dest in der Theo­rie, Exporte an kuba­ni­sche Staats­un­ter­neh­men geneh­migt und Kredite ausge­ge­ben werden. Seit März 2016 gibt es Direkt­flüge zwischen den beiden Ländern. Unge­ahnte Möglich­kei­ten taten sich auf. Bis zum 20. Januar 2017. 

 
 

 
 

Seine Tweets gelan­gen nicht bis zur Lagune de Guana­roca, aber der Präsi­dent hat sich schon lange zwischen Flamin­gos und Mangro­ven breit­ge­macht. Von den Krani­chen, die über dem See krei­sen, ist Uribo, der das Boot wie jeden Tag über den leuch­ten­den See steu­ert, auf die Fisch­rei­her gekom­men, die er fehler­frei auf Deutsch benen­nen kann, und dann auf Donald Trump. Wieder einmal. Weil er ihm nicht aus dem Kopf geht, obwohl es wenige Orte auf der Welt gibt, die weni­ger an den Kurs­wech­sel der ameri­ka­ni­schen Regie­rung erin­nern könn­ten. Aber die Frei­heit, sagt Uribo, sie war so nah. Und jetzt wieder fünf Jahre Still­stand – im besten Fall. 

Uribo, seine Fami­lie und seine Freunde began­nen zu hoffen, als Obama 2015 das Ende des Embar­gos einlei­tete. Im Juni schränkte Trump die Reise­vor­schrif­ten für nach Kuba reisende US-Bürger wieder ein. Das Finanz­mi­nis­te­rium wurde ange­wie­sen, Rege­lun­gen einzu­lei­ten, die direkte Zahlun­gen nach Kuba verbie­ten. Im Novem­ber stimm­ten die USA gegen eine Reso­lu­tion der Verein­ten Natio­nen, die die Wirt­schafts­blo­ckade verur­teilt.

Uribo sagt: Für uns heißt das, weiter Zeitun­gen lesen, die Propa­ganda verbrei­ten. Weiter Tag für Tag arbei­ten, ohne dass etwas übrig bleibt. Weiter keine Vorstel­lung von freien Wahlen haben. Von Wahlen über­haupt.

Regel drei: Das kuba­ni­sche Volk hat immer noch keine Wahl. 

Was auf den Plaka­ten an den Land­stra­ßen steht: 

Un pueblo que trabaja vence. (Ein Volk, das arbei­tet siegt.)
Patria o muerte! Viva la revo­lu­ción! (Heimat oder Tod! Es lebe die Revo­lu­tion!)

Wir sollen Revo­lu­tio­näre sein?, fragt Uribo und rudert. Hier, wo jeder Nach­bar ein Spit­zel der Regie­rung sein kann? Im Land der Warten­den? Für seinen Sohn Marco, der gerade zwei gewor­den ist, kann das keine Zukunft sein. Seine Freunde, die im Früh­jahr mit dem Schlauch­boot nach Florida gefah­ren sind, 150 Kilo­me­ter von seinem Heimat­ort, sechs Tage lang, sie drän­gen ihn jetzt, es auch zu versu­chen.

Aber mir geht es noch gut, sagt Uribo. Er arbei­tet an einem der schöns­ten Orte des Landes. Auch wenn er das, was wir für die Über­fahrt bezahlt haben, in einem Monat verdient, weil er für ein staat­li­ches Touris­mus­un­ter­neh­men arbei­tet und nicht privat. Das Unan­ge­nehmste, was ihm passie­ren kann, sind ein paar unfreund­li­che Mitfah­rer. Viele Kuba­ner arbei­ten als Bana­nen­ver­käu­fer, Kassie­rer und in der Land­wirt­schaft. Da, sagt Uribo, bestel­len die Bauern Äcker, die ihnen nicht mehr gehö­ren, und liefern das Gemüse ab, das sie selbst zum Essen bräuch­ten. Viele Bauern haben ihre Arbeit aufge­ge­ben, um ihren Lohn mit weni­ger Anstren­gung zu verdie­nen. Seit­dem ist die Auswahl an Gemüse aus dem frucht­ba­ren Boden Kubas verschwin­dend gering.

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Regel vier: Das Univer­sum der Touris­ten exis­tiert paral­lel zu dem der Einhei­mi­schen. Berüh­rungs­punkte werden vermie­den.

Trini­dad: die Stadt, in der Regel vier beson­ders eifrig einge­hal­ten wird. Im Süden der Stadt sitzen Kuba­ner in weißen Unter­hem­den und hoch­ge­krem­pel­ten Hosen vor den Bars. Je näher der Plaza Mayor, der Haupt­platz des Ortes, desto mehr Expats erset­zen die Einhei­mi­schen in den Cafés und Knei­pen, braun­ge­brannte Jung­ge­blie­bene, die Karten spie­len und Smoot­hies servie­ren. Und auf der Straße diri­gie­ren Frauen mit stren­gem Blick ruck­sack­be­la­dene Neuan­kömm­linge von Bar zu Restau­rant, vom Reise­büro zur Freun­din mit den Gäste­zim­mern.

Es gibt aber auch magi­sche Momente, die niemand planen kann: Wenn in sengen­der Mittags­sonne ein Musi­ker mit Stroh­hut und Gitarre zwischen Kolo­ni­al­bau­ten auf dem Plaza Mayor „Échame a mi la culpa“ singt und ihm ein winzi­ges Mädchen auf dem schat­ti­gen Bord­stein dabei zuhört. Wenn sich an einem der Stadtrand-Strände eine Groß­fa­mi­lie mit Plas­tik­kör­ben und Kork­ta­schen nieder­lässt, die Mütter unter groß­ma­schi­gen Netz­klei­dern ihre Bäuche zur Schau tragen und ihre Söhne mit Rumfla­schen versorgt unter Bast­schir­men liegen, wie in einem 360-Grad-Open Air Kino, in dem es niemals lang­wei­lig wird. Wenn die Bedie­nung in einem der Hinterzimmer-Restaurants mit ihrer Mutter, der Köchin, darüber strei­tet, wie lange sie Ausgang hat.

Échame a mi la culpa“
Y allá en el otro mundo
En vez de infi­erno encuen­tres gloria
Y que una nube de tu memo­ria me borre a mi.

Schieb es auf mich“
Und drüben, in der ande­ren Welt
wirst du das Himmel­reich finden, nicht die Hölle
Und eine Wolke deiner Erin­ne­rung wird mich auslö­schen.

 
 

 
 
Santa Clara ist eine Stadt, die sich die Regeln des neuen Kubas noch nicht unter­wor­fen hat. Hier wird in Pesos Cuba­nos gezahlt, freund­lich gegrüßt und gemein­sam an der Stra­ßen­ecke Pizza mit Käse und Toma­ten­soße für umge­rech­net 40 Cent geges­sen. Thema des Tages: Die schlechte Inter­net­ver­bin­dung im Park Leon­cio Vidal nebenan, wo die Stadt­be­woh­ner dicht gedrängt vor dem Thea­ter sitzen und auf ihre Handys star­ren. Die Regie­rung hat ange­kün­digt, in den kommen­den Jahren für 50 Prozent der Kuba­ner Inter­net bereit­zu­stel­len. Bisher ist davon wenig zu spüren. Viel­leicht auch, weil die Tech­no­lo­gie aus Nord­ame­rika kommen sollte.

Hier, unter einem der ausla­den­den Bäume lernen wir eine Lektion nach der ande­ren in Sachen heite­rer Gelas­sen­heit.

Ach, Deut­sche!“, ruft der Pizza­bä­cker. „Wisst ihr, was ich mir wünsche? Einen Merce­des Benz. Denkt an mich, wenn ihr nach Hause fahrt.“ Der Nach­bar auf der Park­bank grüßt in holp­ri­gem Deutsch. Und der Stra­ßen­keh­rer mit dem blauen Over­all hält an, um sich eine Zigarre anzu­zün­den und sie, auf seinen Kehr­wa­gen gestützt, mit Genuss zu rauchen.

Viel­leicht liegt es daran, dass Ché in Santa Clara begra­ben ist. Ché, der mit einem grünen Vergnü­gungs­boot voller seekran­ker Rebel­len in die Schwei­ne­bucht gefah­ren ist und Kuba befreit hat, der seine entschei­dende Schlacht auf den Hügeln vor Santa Clara schlug. Die Bewoh­ner jeden­falls sind gelas­se­ner als in Havanna, Trini­dad und Cien­fue­gos. Sie stehen in den Buch­hand­lun­gen und disku­tie­ren über unzen­sierte Klas­si­ker, sitzen vor riesi­gen Scha­len in staat­li­chen Eisca­fés und barfuß an warmen Häuser­wän­den.
 
 

 
 
Und dann doch noch, verhei­ßungs­voll und stau­big: Havanna. Jetzt lassen wir uns darauf ein, trei­ben durch die Gassen und atmen die von Diesel­mo­to­ren schwere Luft. In jedes Erdge­schoss­zim­mer der Altstadt ein Blick: Fami­li­en­tref­fen hinter spani­schen Mansar­den, in aufge­platzte Lehn­ses­sel gedrängte Geschwis­ter vor dem Fern­se­her, Fidel oder Ché in golde­nen Rahmen an schmuck­lo­sen Wänden. Abends treten sich die Haba­ne­sen vor den Luxus­ge­schäf­ten am Parque Central auf die Füße, um einen Blick auf die neu bestück­ten Ausla­gen in den Schau­fens­tern der Luxus­shops zu ergat­tern. Bril­li­an­ten­be­setzte Uhrge­häuse — was für eine Verschwen­dung! Orange-grüne Nikes – kann man sowas denn tragen? Viel­leicht in ein paar Jahren, wenn alles anders ist. Wenn das lange Warten ein Ende hat.

Fahrt hin, drän­gen die Kuba-Erfahrenen, wenn sie zu ihren Fami­lien und Freun­den nach Hause kommen, in ihre Talkshow- und Brief­wahl­re­pu­blik und ihren Über­fluss. Fahrt möglichst schnell! Denn wer weiß, was von diesem Kuba der großen Gefühle in ein paar Jahren noch übrig ist. Wir haben darüber die Nase gerümpft. Es sollte ja kein Muse­ums­be­such sein.
Dann stei­gen wir an einem Tag ohne Wolke ins Flug­zeug und landen zehn Stun­den später im Über­fluss.

Den ersten, die uns fragen, sagen wir: Fahrt hin. Am besten gleich.

* * *

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Elena Witzeck

Schreibt im Frank­fur­ter Alltag Nach­rich­ten­texte, Repor­ta­gen, Features, Rezen­sio­nen und Glück­wunsch­kar­ten für alle ihre Freunde, die keine Glück­wunsch­kar­ten verfas­sen können (oder wollen). Schreibt auch und über­haupt am liebs­ten, wenn kein Alltag im Spiel ist, nämlich unter­wegs. Vorzugs­weise über Orte, die noch nicht jeder zu kennen glaubt und von Menschen, denen Großes im Klei­nen gelingt. 

Leserpost

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  • Tim on 27. Juli 2018

    Kuba ist einer dieser Orte die nicht unbe­dingt etwas dafür können, wie es jetzt dort Aussieht. Die Kuba Kriese hat diesem Land und seinen Bewoh­nern unglaub­lich zuge­spielt. Aber zum Glück scheint es jetzt Berg aufzu­ge­hen. Wenn auch nur Stück für Stück. Ist es eigent­lich immer noch so, dass man auf Kuba Menschen aus Amerika nicht gerne sieht ?
    Gruß Tim

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