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The Travel Episodes

Johanna Stöckl

Mein Liebesbrief an Langeoog

Zum ersten Date musste man mich noch zwingen. Umgehauen hast du mich bereits am zweiten Abend. Was meinst du, Langeoog: Eine Fernbeziehung? Wollen wir es versuchen?

Kaum zu glauben. 14 Stunden Anreise. Und trotzdem werde ich meine Heimat nicht verlassen. Man muss nur im Süden, in meinem Fall München, starten. Und nach ganz oben, in den Norden fahren. Das Verrückte ist: ich schenke dieser Reise im Vorfeld deutlich weniger Beachtung als anderen Trips. Der Grund ist so simpel wie banal: Weil ich nicht ins Ausland fahre, sondern in Deutschland bleibe. Mein Ziel ist die kleine, ostfriesische Insel Langeoog.

Erwartungen? Halten sich, das muss man in meinem Fall wörtlich nehmen, in Grenzen. Eigentlich ist das ungerecht. Fahre ich beispielsweise nur für ein paar Tage an den Gardasee – er ist ab München in knapp vier Stunden zu erreichen – stellt sich eine deutlich größere Vorfreude ein. Ich reise schließlich ins Trentino. Über die Grenze eben, nach Italien. Andere Sprache, köstliches Essen, feiner Wein und so.
 

Zu Hause das Weite suchen

Grenzen: Wie absurd? Es gibt sie nicht mehr im vereinigten Europa. Und dennoch übt das Übertreten dieser eine gewisse Faszination aus. Als würde dahinter das große Fremde, das ewig Unbekannte auf mich warten. Umgekehrt: Bewege ich mich innerhalb meiner Grenzen, in meiner Heimat also, mangelt es mir ganz offenkundig an Fantasie und Neugier.

Im ICE nach Hannover sitzend wird mir bewusst, wie wenig ich von Deutschland kenne. Ingolstadt, Nürnberg, Würzburg, Fulda, Kassel, Göttingen. In Nürnberg war ich mehrmals im Fußballstadion. Immerhin. Würzburg? Wie hübsch diese Stadt alleine schon vom Bahnhof aus anmutet. Jetzt muss ich schmunzeln. Das Fehlen an Erwartungen hat den großen Vorteil, dass man nicht enttäuscht, lediglich überrascht werden kann. Langsam aber sicher gefällt mir meine Reise durch die Republik. Deutschland von unten nach oben.

Warum nicht schon viel früher?

Ab Hannover – ich verlasse den schnellen ICE – tickt meine innere Uhr langsamer. Ich bin ruhiger, gelassener, entspannter. Im Zug nach Oldenburg sitzen vorwiegend Hausfrauen, Schulkinder, Studenten, keine Geschäftsreisenden mehr. Schultaschen und Einkaufstüten statt Tablets und Aktenkoffer. Mit jeder Stunde, die ich weiter nördlich tuckere, verlangsamt sich mein Tempo. Auch in meinem Kopf. Ich schreibe keine Nachrichten mehr auf meinem Handy, checke keine Mails, sondern starre gedankenverloren aus dem Fenster. Stunde um Stunde. Nordwärts, immer weiter. Dem Meer entgegen.

Nach zehn Stunden in diversen Zügen lande ich im Bus nach Bensersiel. Am Fährhafen angekommen atme ich auf. Entgegen aller Befürchtungen kriege ich die letzte Fähre auf die Insel. Es regnet stark, nein, es schüttet. Ein idealer Zeitpunkt, um geknickt, genervt zu sein. Aber ich bin glücklich. Es riecht nach Meer. Ich spüre, wie mich dieser Geruch wieder zum Leben erweckt, wie er die lang vermisste Neugier in mir hervorruft. Eine Art Grenze überschreite ich auch. Auf der knapp einstündigen Überfahrt lasse ich nicht nur das Festland, sondern auch meine vertraute Welt hinter mir.

Jetzt bin ich bereit.
Jetzt erst bin ich reif für die Insel.

Niemand steht auf dem Oberdeck. Nur ich. Der starke Wind bläst die Regenwolken fort, während ich in den zaghaften Sonnenuntergang schippere. Es ist bitterkalt und zugleich wunderschön. Diese Weite! Das Endlose! 360 Grad pures Sehvergnügen!

Man muss die Weite mit eigenen Augen erfassen und spüren, ehe man erkennt, wie sehr man sie vermisst hat.

In der Stadt ist mein Sichtfeld zwischen Häuserblocks immer begrenzt. In meinen geliebten Alpen sind es die Berge, die meine Sicht blockieren. Ein Grund vielleicht, warum ich so gerne auf Gipfel steige?

Von wegen: Flat is boring! Das Gegenteil ist hier der Fall: Ich kann mich nicht sattsehen an der Weite.

Atmen, Atmen, Atmen…

PS.: Meine Anreise ist noch nicht zu Ende. Nach der Fähre sitze ich für ein paar Minuten in der putzigen Inselbahn ehe ich den Bahnhof Langeoog erreiche. Um mein Hotel zu erreichen, steige ich – ehrlich jetzt – in eine Kutsche. Langeoog ist nämlich autofrei.

 
 
Inselbahn-Langeoog
 
 
Wie ich mich unmittelbar nach meiner Ankunft fühle? In eine andere Welt versetzt, in eine, die ich aus meiner Kindheit kenne: Wie Lisa aus Astrid Lindgrens Buch „Wir Kinder aus Bullerbü“. Hier ist alles klein, niedlich, überschaubar, muckelig, überaus heimelig.

Wer hätte das gedacht? Ich bin in Deutschland und dennoch ganz weit fort!

 

* * *

 

Zweites Kapitel

Spaziergang durch den Tag

Der Wind fegt nicht nur die letzten Wolkenfetzen am Himmel, sondern auch mich beinahe fort. Zeit haben, auf Details achten, wachsam sein und trotzdem träumen können.

Die Nacht war göttlich. Tiefschlaf in der Stille. Zehn Stunden am Stück. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal so lange geschlafen? Nun liegt ein ganzer Tag vor mir. Ich habe nicht den geringsten Plan, wie ich ihn verbringen werde. Mich einfach treiben lassen. Die kleine Insel – Langeoog misst keine 20 Quadratkilometer – will ich erkunden. Heute zu Fuß. Morgen mit dem Fahrrad.

Das moderate Tempo, mit dem man der Insel zwangsläufig begegnen muss, da sie autofrei ist, behagt mir. Zumindest in der Vorstellung. Sich durch die Stunden bummeln. Zeit haben, auf Details achten, wachsam sein und trotzdem träumen können. Wer wie ich in einer Stadt lebt, ist mit der Langsamkeit anfangs allerdings auch etwas überfordert. Oder besser: Unterfordert.

 

Schnack

Ich lege ein viel zu hohes Tempo an den Tag und hechte durch den Ortskern, in dessen Gassen gerade das Leben zögerlich erwacht. Ganz so als könnte ich etwas verpassen. Doch das werde ich nicht. Es ist ruhig Anfang März. Sehr ruhig. Vereinzelt sind ein paar Touristen unterwegs. Sie holen ganz gemächlich frische Brötchen und Tageszeitungen. Jederzeit bereit, sich auf einen Schnack einzulassen. Man muss dafür nur anhalten und lächeln. Schon ist man in ein Gespräch verwickelt.

Vor den kleinen Läden, nur eine Handvoll ist in der Nebensaison geöffnet, werden Postkarten- und Souvenirstände aufgebaut, die letzten Lieferungen eingeräumt, die Türen geöffnet, ein paar Tische und Stühle auf die Freischankflächen gestellt. Ich drossle mein Tempo, passe mich dem Rhythmus der Insel an. Sie scheint mir zuzuflüstern:

„Langsam, ganz langsam! Ich schenke dir zum Einstand Zeit!“

Den berühmtesten Langeooger lernt man zwangsläufig kennen, wenn man durch die Gassen schlendert. Er hat acht Ecken, misst stolze 18 Meter und ist richtig alt. 2009 feierte er seinen hundertsten Geburtstag.

Foto Wasserturm

Er ist das Wahrzeichen Langeoogs, das am häufigsten fotografierte Motiv der Insel und in einer Nebenrolle Erkennungszeichen für die Küstenschifffahrt.
Jeder Tourist verbindet seine Silhouette mit Langeoog.

Aber auch für Insulaner bedeutet der Wasserturm mit seinem roten Dach ein Stück Heimat. 1909 wurde er auf den zehn Meter hohen Kaapdünen errichtet und brachte als Hochbehälter reichlich Druck und so fließendes Wasser in die Haushalte. Ende der 1980er Jahre wurde der Wasserturm außer Betrieb genommen. Das Museum in seinem Inneren ist heute noch geschlossen.

Auch gut, dann geht es jetzt zum Strand, den man ab hier, wenn auch leise, hören kann. Ein Dünenstreifen trennt mich noch vom Meer. Ein paar Schritte den Strandübergang hoch und dann? Berauschend: Voila, liegt sie mir zu Füßen. Die Nordsee. Rau und windig präsentiert sie sich, alles andere als lieblich. Mit starkem Getose scheinen mich ihre Wellen zu begrüßen:

„Schnell, ganz schnell, komm’ an mein Wasser!“

Der Wind fegt nicht nur die letzten Wolkenfetzen am Himmel, sondern auch mich beinahe fort. Der Sand, der durch die Luft gewirbelt wird, wirkt wie ein natürliches Peeling auf meiner Haut. Von wegen Schlendrian! An der Nordsee kann sich bei starkem Gegenwind wie heute ein Strandspaziergang rasch zu einem ordentlichen Workout mausern.

Ich muss mich richtig anstrengen, um voranzukommen. Was sich auf dem Boden abspielt, ist ein Schauspiel, das mich sehr an die Alpen erinnert.
Sand- statt Schneetreiben.

Der ganze Strand ist in Bewegung! Am Boden liegende Muscheln nehmen den Kampf gegen den Wind erstaunlich erfolgreich auf. Sand lagert sich an ihren Schalen, die als natürliches Hindernis dienen, ab. Wie im Lehrbuch, nur ich echt und live: En miniature – die Entstehung einer Düne!

Drei Stunden lasse ich mir auf meinem Walk von der Insel eine kostenlose Thalasso-Therapie verpassen. Sonne, Sand, Wellen, Wasser, Luft, Gischt, vereinzelt Wolken. Obwohl es sich verdammt gut anfühlt, vom Wind einmal so richtig durchgepustet zu werden, entziehe ich mich nach drei Stunden dem Naturschauspiel am Strand. Den Rückweg trete ich durch das windgeschützte Pirolatal an. Verwunschen und bezaubernd seine sanfte Dünenlandschaft. Stille. Das Tosen der Nordsee ist hier nicht mehr zu hören. Nur ein paar Vogelstimmen. Eine schöner als die andere. Ob hier Feen und Elfen wohnen? Vorbei am Schloppsee erreiche ich die höchste Erhebung der Insel, die Melkhörndüne.

Davon abgesehen, dass ich von ihrer Aussichtsplattform, auf der ich mutterseelenalleine stehe, den fantastischen 360-Grad-Blick genießen kann, lässt das Gebiet um diese 20 Meter hohe Graudüne mein Botanikerherz höher schlagen: Kartoffelrose, Sanddorn, Holunder, Dünenveilchen, Moose und seltene Flechten wachsen hier.

Von der Wattlandschaft auf Langeoog ganz zu schweigen. Das Great Barrier Reef in Australien, der Grand Canyon in den USA, die Galapagos Inseln im Pazifik, die Südtiroler Dolomiten zählen unter anderem zum UNESCO Weltnaturerbe. Naturwunder, die weltweit einmalig und so wertvoll sind, dass sie als Erbe der Menschheit geschützt werden. Seit Juni 2009 gehört auch das Nordsee-Wattenmeer dazu. Langeoog ist Teil dieser einzigartigen Naturlandschaft, die in ihrer Vielfalt kaum zu überbieten ist. An einer geführten Wattwanderung – es mag touristisch klingen – möchte ich bei meinem nächsten Besuch unbedingt teilnehmen. Dass diese braun-graue Schlickmasse mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause bietet, macht mich richtig neugierig.

Mich einmal splitterfasernackt in diesem Matsch zu wälzen, stelle ich mir wahnsinnig lustig und belebend vor.

Der Gedanke verankert sich als fixer Wunsch in meinem Kopf.

Abends lese ich im Internet: Aktuell leben 1.720 Menschen auf Langeoog. Das entspricht 86 Einwohnern pro Quadratkilometer. Allerdings leben diese auf weniger als einem Zehntel der Inselfläche. Der Rest der Insel ist dauerhaft als Nationalpark für Wildnis und unberührte Naturlandschaft reserviert.

 

Teatime

Zurück im Ort muss ich mir etwas gönnen, was für Ostfriesland typisch ist: Eine Sahnewolke im Tee. Die „Teetied“, also Teezeit, prägt die ostfriesische Geselligkeit und ist ein wesentlicher Bestandteil ostfriesischer Willkommenskultur. Im Durchschnitt trinkt jeder Ostfriese rund 300 Liter Tee pro Jahr. Das entspricht dem Zwölffachen des deutschen Durchschnittsverbrauchs. Damit haben die Ostfriesen den weltweit größten Teeverbrauch pro Kopf. Aufgegossen wird hauptsächlich kräftiger, dunkler Assamtee.

Typisch für eine richtige Teezeremonie in Ostfriesland und damit auch auf Langeoog: „Kluntje“ und frische Sahne. Beides wird ungerührt im Tee versenkt. Ich kann das Knistern des Kandiszucker hören und ergötze mich daran. Gut, dass mich keiner dabei sieht, wie ich mein linkes Ohr in Richtung Tasse senke um das fröhliche Zuckerschmelzen akustisch zu verfolgen.

* * *

Drittes Kapitel

Inselmenschen

Die Natur steht hier im Mittelpunkt. Sie verändert klammheimlich aber stetig meinen Modus. Ich komme zur Ruhe. Bin machtlos. Es geschieht mit mir.

Ich trinke Tee, viel Tee.

Ich esse Fischbrötchen. Immer wieder Fischbrötchen.

Und starre stundenlang aufs Wasser. Als eintönig empfinde ich das nicht. Im Gegenteil: Es ist die reinste Wohltat. Die milde Sonne genieße ich, als würde sie ein letztes Mal für mich scheinen. Während ich mein Gesicht in den Wind halte, spüre ich, wie meine Haut sich fröhlich rötend dankbar reagiert. In der Ruhe der Nebensaison gehe ich ungewöhnlich früh ins Bett. Jede Nachricht, die mich vom Festland über mein Mobiltelefon erreicht, empfinde ich als störend. Zum ersten Mal auf einer Reise stelle ich das Handy auf Flugmodus.

Schön ist es. Doch möchte ich hier leben? Könnte ich das überhaupt? Was sind das wohl für Menschen, die dauerhaft auf so einer kleinen Insel wohnen? Weit ab vom Schuss. Ob sie sich hier draußen in der Nordsee vor dem Rest der Welt verstecken? Wie hat es sie wohl hierher verschlagen? Lockt das beschauliche Leben? Was hält sie hier? Die Ruhe? Die Übersicht? Die Natur? Was stellt die Insel wohl mit ihnen an?
 
 

Von Berlin nach Langeoog

Mayk D. Opiolla arbeitet an der Rezeption in meinem Hotel und gibt mir tolle Tipps für eine Radtour. Hinter seinem Tresen präsentiert er sich souverän. Adrett gekleidet, überaus höflich, sehr zuvorkommend. Ein netter Bursche, der seinen Job beherrscht und mir gleich sympathisch ist. Wie geschliffen er spricht und wie gut er sich ausdrücken kann! Er beeindruckt mich irgendwie sofort.

Am Abend kommen wir endlich ins Gespräch. Mayk lebt seit April 2014 fest auf der Insel. Einen wahrhaft goldenen Oktober erlebte er im Jahr 2012 während der Zugvogeltage. Frisch verliebt erlag der gelernte Bibliothekar und Werbetexter – wusst’ ich’s doch! – dem Zauber der Insel, die er seit Kindheitstagen kennt, endgültig. Langeoog präsentierte sich noch schöner, romantischer und inspirierender denn je. Ein Traumurlaub mit vielerlei Folgen.

 
 
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Mayk lebt nun nicht mehr in Berlin, sondern auf Langeoog, wo er im Hotel Logierhus seine Brötchen verdient. In seiner Freizeit genießt er die Natur, die ihn ganz offensichtlich dauerhaft inspiriert: Auf der Insel entstehen wunderschöne Zeichnungen ¬– am liebsten malt er Vögel – und ein zauberhafter Blog „Geflügel mit Worten“. Gerade sei sein erstes Buch erschienen, sagt er. Als Mayk mir dieses mit einer Widmung versehen schenkt, bin ich regelrecht gerührt. Noch am selben Abend beginne ich zu lesen. Ich verschlinge dieses Buch. In „Momentaufnahmen“ sinniert Mayk auf 130 Seiten vom Schmerz einer gescheiterten Beziehung und einer ewigen Liebe: Der zu Langeoog.

 

Badewannendampferkapitän

Aus Liebe zur See wurde Holger Damwerth, der auf Langeoog aufgewachsen ist, Kapitän. Vier Streifen zieren seine Uniformjacke. Früher war er auf großer Fahrt unterwegs, hat die Weltmeere, ja sogar das Eismeer befahren. Nicole, die als Lektorin gearbeitet hat, wiederum lockte die Liebe zum Kapitän auf die Insel und zugleich auch aufs Schiff. Seit die beiden verheiratet sind und eine Familie mit sage und schreibe acht Kindern (!) gegründet haben, bilden sie nicht nur privat, sondern auch beruflich ein starkes Team.
 
 
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Die MS Flinthörn, ihr Schiff, nennen sie selbst ein gemütliches „Allwetterschiff“ und meinen damit, dass man auf der Flinthörn nicht nur bei strahlendem Sonnenschein schöne und vor allem unterhaltsame Touren drehen kann. In den zwei Salons sei es sogar bei Schietwetter muckelig warm. Außerdem wärmen heiße Schokolade, Kaffee oder Sanddorn-Grog aus der Kombüse ja bekanntlich von innen. Gäste, so liest man auf der Webseite der Reederei Damwerth bezeichnen die Flinthörn, auch mal liebevoll als „Badewannendampfer“ weil sie aussieht, wie die bauchigen Spielzeugschiffe, die man Kindern zum Plantschen in die Wanne setzt. Ein bisschen rundlich eben. Auch schon bei Gästen gefallen, die Bezeichnung „Waffeldampfer“, weil Nicole Damwerth bei Bedarf en gros in ihrer Kombüse leckere Waffeln nach ihrem Geheimrezept produziert.
 
 
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Während der Sommermonate fahren die beiden mehrmals täglich samt Touristen mit der MS Flinthörn raus aufs Meer. Cocktail-, Wattlehrfahrt und so. Als mir Holger Damwerth seine Flinthörn, die nach einem Inselabschnitt im Südwesten von Langeoog benannt ist, von innen zeigt, ist dies außerhalb der Saison.

Während der Kapitän letzte Vorbereitungen für die morgen anstehende Seebestattung trifft, dafür die Tische im Salon mit schwarzen Tüchern deckt, philosophiert er gelassen über den Lauf des Lebens. Es gibt Tage, da fährt er morgens Richtung Baltrum zu den Lieblingen der Nordsee, den drolligen Seehunden, die dort auf Sandbänken liegen und für Touristen posieren. Später schippere er mit einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft der Küste entlang. Am Nachmittag gehen dann bei der Piraten- und Meerjungfrauenfahrt 40 kreischende Kinder an Bord. In der untergehenden Sonne folgt eine Seebestattung wie morgen.
 
 
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Hochzeiten, Kinder, Todesfälle, Firmenfeiern, Liebesschwüre, Abschied, Glück und Tränen – alle Facetten des Lebens vereint auf einem Pott. Das mache zwar gelassen, aber nicht gleichgültig. Einen Tag später bin ich bei Damwerths zu Hause eingeladen. So viel geballte Lebensfreude auf relativ kleinem Raum habe ich nie zuvor erlebt. Dabei sind nur vier von acht Kindern daheim. Eines der anwesenden Mädchen hat Geburtstag. Im Wohnzimmer dominiert am Gabentisch daher die Farbe Rosa. Nicole Damwerth ist mindestens so gelassen wie ihr Mann. Im Gekreische und Gewusel erzählt sie – ganz en passant – von Kinderbüchern, die sie schreibt und illustriert.

Am nächsten Morgen stehe ich in der Inselbuchhandlung. Mit „Amelie und der Schatz des Wikingerschiffs“ unterm Arm verlasse ich den Laden.

Dann sitze ich am Strand und versinke genüsslich in einem Kinderbuch…

 

* * *

Fernbeziehung

Liebes Langeoog,

meine Liebe zu Dir kam überraschend. Völlig unvorhergesehen. Aber so ist das nun mal mit der Liebe. Planen lässt sie sich ja nicht.

Als ich das erste Mal – ich will ehrlich zu dir sein – von dir hörte, musste ich die Suchmaschine Google bemühen, um dich geografisch einzuordnen. Dass du dich irgendwo in der Nordsee vor mir versteckst, war mir klar, aber wo genau ich dich zwischen deinen Geschwistern, den sechs anderen Ostfriesischen Inseln, finden und wie ich dich erreichen kann, musste ich erst einmal checken. Verzeihe mir dieses Unwissen, aber ich lebe in München. Und wenn man bei uns an Meer denkt, orientiert man sich gen Süden. Brennerautobahn, Italien und so.

Dass man mich zu meinem ersten Date mit dir beinahe zwingen musste, ist dem Abstand geschuldet, mit dem du mir begegnest. Uns trennen über 900 Kilometer mit dem Auto. Einmal quer durch die Republik. Gut 10 Stunden saß ich schließlich im Zug, ehe ich bei Esens allmählich in deinen Dunstkreis kam. Dann noch ein Stück mit dem Bus, weiter mit der Fähre, schließlich Inselbahn und Kutsche. Ganze 12 Stunden hat es gedauert, um vor deiner Tür zu stehen. In der gleichen Zeit hätte ich auch einen Badeort im entfernten Mexiko erreicht oder eine Insel der Malediven. Wobei: Die Art mich dir anzunähern, so behutsam, hat mich irgendwie beeindruckt. Man kriegt dich nicht „mal eben so“. Wer bei dir landen will, muss Geduld und Zeit mitbringen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, wieso ich zu dir kam. Ich gestehe: Man bezahlte mich dafür. Ich sollte dich erkunden und erleben, um später in einer Tageszeitung alles über unsere erste Verabredung auszuplaudern. So gesehen war ich käuflich.

Zurück zu dir: Umgehauen hast du mich bereits am zweiten Abend, als ich an deinen Strand lief. Du geizt gelegentlich mit deinen Zuckerseiten. Gehst nicht damit hausieren. Deinen Strand etwa sieht man nicht von überall und sofort. Man muss immer ein paar Schritte laufen, um dir deine Schönheit zu entlocken.
 
 
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Vorbei am Wasserturm also, durch die Kaapdünen hoch, ein paar Schritte noch. Und dann? Schenkst du mir zur Belohnung für den weiten Weg plötzlich deinen ganzen Charme, offenbarst du deinen märchenhaften Zauber. Die Nordsee zu deinen Füßen. Bis zum Horizont scheint alles dir – und damit für den Moment auch mir – zu gehören. Im Sonnenuntergang strahlst du eine Ruhe aus, die ich spüren, fühlen und atmen kann. Mein Blick weitet sich, die Gedanken ruhen, die Seele schläft. Die Zeit steht still, wenn sich der Himmel im Wasser deiner Priele spiegelt. Für einen Augenblick fühle ich, wie du mich mit deiner ganzen Pracht umarmst.

Dass ich meine Liebe zu dir, obwohl ich es sonst im Leben monogam mag, mit vielen anderen Menschen teile, muss ich wohl hinnehmen. Ich bin schließlich nicht die einzige, die dich verehrt. Doch es gibt Zeiten da gehörst du nur mir. In den frühen Morgenstunden etwa oder bei richtig miesem Wetter.

Was meinst du, Langeoog: Eine Fernbeziehung? Wollen wir es versuchen?

 

Johanna

Infos & Empfehlungen

Anreise im Detail

ICE 882 München-Hannover.
IC Hannover-Oldenburg.
Nordwestbahn 8239 Oldenburg-Sande.
Nordwestbahn 8225 Sande-Esens.
Bus Esens-Bensersiel.
Fähre Bensersiel-Langeoog.
Weiter mit der Inselbahn Langeoog.
Finale: mit der Kutsche ins Hotel.

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Johanna Stöckl

Als freie Journalistin schreibt Johanna Stöckl für diverse Tageszeitungen und Magazine. Ihre Themen: Sport und Reise. In ihrer Freizeit zieht es die gebürtige Österreicherin zu allen Jahreszeiten regelmäßig in die Berge. Johanna lebt in München. Sie liebt die Natur, gute Bücher und spannende Sportreportagen. Hobby: Auf ihrem iPhone Fotocollagen zu erstellen.

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