Loading...

The Travel Episodes


 

Bolivien

Mit dem Orient-Express nach Ostbolivien

von Katharina Schmidtke

 
9. September 2018, 15:20 Uhr, mitten im Nirgendwo in Bolivien
Ich schaue die staubige Schotterstraße hinab. Weit kann man nicht sehen, nur etwa 500 Meter bis zur nächsten Kurve. Ich spitze die Ohren, lausche in die Stille. Höre ich da einen Motor? Nein, es ist nur das Surren der Mücken um meinen Kopf. Ich springe von der Holzbank auf und laufe genervt im Kreis. Kein Entkommen – die Viecher verfolgen mich, auch in die pralle Sonne.

“Du, ich glaub da kommt keiner mehr”, grummel ich vor mich hin und stapfe zurück in den Schatten zu meinem liebsten Reisebegleiter.

“Lass uns noch ein paar Minuten warten – vielleicht kommt er einfach etwas später.” Wirklich überzeugt klingt er allerdings auch nicht.

Seufzend lasse ich mich zurück auf die wackelige Holzbank fallen, ignoriere die Mücken und strecke die Füße in die Luft. Ein bisschen fühle ich mich gerade wie Pippi Langstrumpf: abenteuerlustig, frei und ein klein wenig verrückt. Ich versuche es mit Humor zu nehmen, auch wenn es schwer fällt. Auf der Suche nach Abenteuern sind wir nach Südamerika gekommen – und nun stecken wir mittendrin. Hier, mitten im Nirgendwo in Bolivien.

Auf der Suche nach Abenteuer

Eine gute Woche Bolivien liegt erst hinter uns und wir haben bereits viel erlebt. Wir schliefen im Regenwald und hörten mit eigenen Ohren, wie laut die Tierwelt des Dschungels nachts ist. Nur von einem dünnen Mückennetz vom Dschungel getrennt, war die erste Nacht ziemlich aufregend. Ohrenbetäubendes Zirpen der Grillen, krächzende Rufe von Papageien und ein immer wiederkehrendes Gegluckse von quietschbunten Vögeln.
In der „Pampas del Yacuma“ hatten wir das Glück auf unzählige Tiere zu treffen – Capybaras, die wie zu groß geratene Meerschweinchen am Flussufer stehen, Kaimane, die ihre langen Zahnreihen präsentieren, pinkfarbene Süßwasserdelfine und Faultiere, die sich gemächlich von Ast zu Ast hangeln. Vom Geschrei der Brüllaffen wurden wir am frühen Morgen geweckt und wenig später belagerte eine ganze Horde niedlicher Totenkopfäffchen unser Boot auf der Suche nach Bananen. Viele besondere Momente – und wir mussten sie nur mit einer Handvoll anderer Reisender teilen.
Bolivien ist nämlich, mit nur knapp einer Millionen Besuchern im Jahr 2017, eines der untouristischsten Länder Südamerikas. Nur Venezuela, Suriname, Guyana und Französisch-Guayana werden noch weniger bereist. Die meisten Bolivien-Besucher bewegen sich nur im Westen des Landes auf dem scherzhaft genannten “Gringo Trail” zwischen dem Salar de Uyuni, der Andenstadt La Paz und dem Titicacasee.

Wir wollen tiefer ins Land eintauchen, es in so vielen Facetten wie möglich erleben und suchten deshalb nach einem Ziel abseits der ausgetretenen Pfade. Also tat ich das, was ich in letzter Zeit öfter mache, wenn ich mich von einem Ort überraschen lassen möchte: ich fuhr mit dem Finger über eine Landkarte von Bolivien auf der Suche nach irgend etwas, das ins Auge sticht.
So entdeckte ich eine alte Zugstrecke, die von Santa Cruz de la Sierra an die östliche Grenze von Bolivien führt. Viele Infos dazu ließen sich nicht finden – insbesondere nicht zu den Orten, die entlang der Strecke liegen. Ein paar wenige Bilder im Internet machten allerdings einen schönen Eindruck und so war die Sache geritzt: auf ins Abenteuer – ohne Plan und ohne konkretes Ziel.

Der „Expreso Oriental“

Unser Abenteuer beginnt bereits in Santa Cruz, denn wir fahren nicht per Taxi, sondern mit einem “Truffi” – so nennt man hier die Busse des öffentlichen Nahverkehrs – zum Bahnhof. Klingt jetzt erstmal recht gewöhnlich und nicht besonders abenteuerlich, bis man die Busse dort sieht. Mitnichten gibt es Fahrpläne oder klare Beschriftungen über das jeweilige Fahrtziel. Vielmehr sind die Busse mit allerhand bunten Infos in der Frontscheibe zugekleistert, sodass ein schnelles Erkennen im Vorbeifahren quasi unmöglich ist. Und schnell sein muss man, denn die Busse halten nur auf Zuwinken.
Zum Glück hatten wir in unserem Hostel wenigstens die Busnummer mit auf den Weg bekommen. Mit Adleraugen scannen wir nun die tausend bunten Truffis, die an uns vorbeidüsen und erspähen endlich die richtige Zahl. Arm raus, Rucksäcke rein und quer durch die Stadt zum Bahnhof. Die restlichen Insassen beobachten uns neugierig – ich glaube es verirren sich nicht oft Reisende in diese Busse.

Am Bahnhof angelangt, kaufen wir uns Zugtickets für den “Expreso Oriental” nach Roboré, ein Dorf, das etwa auf zwei Drittel der Strecke zwischen Santa Cruz und der brasilianischen Grenze liegt. Wenig später fährt auch schon der orangefarbene Zug bimmelnd in den Bahnhof ein, den er vor zwei Tagen verlassen hat. Der Expreso Oriental fährt nämlich einen Tag und eine Nacht bis zur Grenze nach Brasilien und von dort wieder zurück nach Santa Cruz. Pünktlich auf die Sekunde setzt sich der Zug in Bewegung und ich fühle mich schlagartig zum Karneval in Rio katapultiert: Auf den Bildschirmen über unseren Köpfen wird in ohrenbetäubender Lautstärke südamerikanischer Salsa mit knapp bekleideten Tänzerinnen gezeigt.
Der Expreso Oriental hat übrigens nicht viel gemeinsam mit dem bekannten Luxuszug “Orient-Express”. Weder hat das Landschaftsbild Ähnlichkeit mit dem Orient, noch könnte man die Geschwindigkeit des Zuges auch nur ansatzweise als “expreso” bezeichnen. Vielmehr schaukelt der Zug ganz gemächlich vorbei an Wiesen, Feldern und staubigen Straßen. Schaukeln ist in diesem Fall absolut wörtlich zu nehmen. Die Sitze des Zuges sind so extrem gefedert, dass auf jede Unebenheit in den Gleisen eine Reihe Hüpfer des Sitzes folgt. Man kann sich denken was passiert, wenn alle paar Meter ein Huckel wartet: es hört eigentlich gar nicht mehr auf zu wippen. Aber alles halb so schlimm, denn die Sitze sind so bequem und weich, dass die Fahrt immerhin keine blauen Flecken auf dem Gesäß hinterlässt.
Während das “On-Board-Entertainment” so langsam von der südamerikanischen Version des ZDF-Fernsehgartens zu Actionstreifen mit Dolph Lundgren wechselt, geht die Sonne in unserem Rücken über dem Gleisbett unter. Zeit für Abendessen und die Mission “Ab-zum-Speisewagen”. Von rechts nach links torkelnd arbeiten wir uns Sitzreihe für Sitzreihe nach vorne in der stetigen Hoffnung, niemandem auf den Schoß zu plumpsen.
Ohne Zwischenfälle erreichen wir – nicht ganz ohne Stolz – das Ende unseres Waggons, bereit in den nächsten zu wechseln. Doch wie in einem wilden Western-Film erwartet uns nur ein sehr schmaler und wackeliger Übergang zwischen den beiden Waggons – ohne Geländer. Plötzlich kommt mir der Zug doch ganz schön “expreso” vor und es schaukelt so sehr, dass ich es nicht einmal wage, eine Hand für ein Foto zu lösen. „Auf gar keinen Fall!“

Wir erklären die Mission für gescheitert und schwanken zurück auf unsere Sitze. Zu unserem Speisewagenessen sollten wir trotzdem noch kommen. Der bolivianische Orient-Express ist vielleicht kein Luxus-Zug, aber es gibt einen Steward – wie im Flugzeug! Immer wieder sehen wir den jungen Kerl, wie er dampfende Plastiktüten an Fahrgäste überreicht.
Irgendwann kommt er auch zu uns, setzt sich auf den freien Sitz auf der anderen Seite des Ganges und fängt an mit uns zu plaudern. Genau genommen mit meinem liebsten Reisebegleiter, denn ich verstehe zu diesem Zeitpunkt unserer Reise nur wenige Brocken Spanisch. Er ist sehr neugierig, denn Touristen aus Europa sieht er hier nicht häufig. Ob wir etwas möchten, fragt er, zieht los und kehrt wenige Minuten später zurück. Er muss ein Ninja sein, dass er in der kurzen Zeit einmal durch den wackeligen Zug hin- und zurückläuft. Die Ausbeute: Unmengen Hühnchen mit Reis und Pommes für ca. 1,50 Euro pro Kopf. Es sollte vorerst nicht unser letztes Hühnchen sein.
Der Zug zuckelt durch die Dunkelheit und mit Stöpseln in den Ohren dringen Dolph Lundgrens Schüsse und Schläge nur noch dumpf zu mir durch. Zusammengerollt auf dem breiten Sitz lasse ich mich vom Expreso Oriental in den Schlaf wippen.

00:20 Uhr. Nach elf Stunden Dauerschaukeln erreichen wir den Bahnhof in Roboré. Die Spannung steigt, wir haben nämlich keine Unterkunft reserviert. Nur eine Handvoll teure Hotels sind im Internet vertreten – die meisten kann man nur vor Ort buchen, hatte uns ein Hostel-Mitarbeiter in Santa Cruz verraten. Also ließen wir es drauf ankommen.
Jetzt, mitten in der Nacht und irgendwo im Nirgendwo Boliviens, kommt mir diese Idee schlagartig ziemlich verrückt und dämlich vor. Während ich aus dem Bahnhofsgebäude, das aus einem Westernfilm entsprungen sein könnte, auf die dunkle, staubige Straße trete, schätze ich unsere Chancen auf ein Bett auf unter fünf Prozent. Hier liegt ja echt der Hund begraben. Der Bahnhof liegt etwa eineinhalb Kilometer entfernt vom Zentrum und so mache ich mich auf einen Marsch durch die Dunkelheit gefasst. Alleine hätte ich diese Aktion nie im Leben gewagt. Doch zu zweit fühle ich mich halbwegs sicher. Was soll schon passieren? Eine Horde wilder Straßenhunde? Irgendeine kleinkriminelle Straßengang? Südamerikanische Mafia? Schlafen auf einer Bank gemeinsam mit ein paar Ratten?
Doch am Ende ist es halb so wild und wir entdecken bereits nach der ersten Kurve ein leuchtendes Hotelschild. Im Erdgeschoss befindet sich ein kleiner, für Bolivien ganz typischer Laden, der ein riesiges Sammelsurium an Krimskrams anbietet, ohne dass ein bestimmtes System dahinterstehen würde. In dem kleinen Familienbetrieb herrscht noch reges Treiben und für knapp neun Euro die Nacht bekommen wir ein Zimmer in der ersten Etage. Das Zimmer ist in etwa so luxuriös wie der Expreso Oriental, aber in diesem Moment ist es für mich der Himmel auf Erden.
Am Ende des Flurs entdecke ich einen kleinen Balkon und zwei Plastikstühle. Perfekt für ein stilvolles Bierchen aus der “Hotel-Bar” im Erdgeschoss. Das Zischen des Dosenöffners durchbricht die Stille des Dorfes. Prost!

Planlos durch Roboré

Neuer Morgen, neue Herausforderung. Man muss dazu wissen, ich wache eigentlich immer super früh auf – viel früher als mein liebster Reisebegleiter – und brauche dann erstmal einen Kaffee. Und zwar pronto! Da ich auf dieses morgendliche Ritual auch nicht mitten im entlegensten Örtchen Boliviens verzichten möchte, tapse ich barfuß hinunter zum Laden. Problem: die Familie versteht kein Wort Englisch und ich habe auch nicht plötzlich über Nacht Spanisch gelernt.
Mit Händen und Füßen erkläre ich, dass ich nicht nur ein Tütchen Instantkaffee kaufen möchte, sondern auch noch einen Becher mit heißem Wasser brauche. Doch statt des vermeintlich naheliegenden Bechers, zeigt die Kioskbesitzerin nacheinander auf beinah jeden Artikel des Sortiments. Als ich auch bei Wischmopp und Bügelbrett verzweifelt den Kopf schüttel, löst sie das Rätsel meiner unbeholfenen Erklärungsversuche und nimmt mich mit in ihre Küche. Während ich mir meinen Kaffee mit kochendem Wasser anrühre lachen wir uns gemeinsam kaputt. Ein köstlicher Moment, der keiner Übersetzung bedarf.
Auf dem Balkon schlürfe ich das feine Gesöff in der Morgensonne. Unter mir erwacht die staubige Straße langsam zum Leben. Knatternde Roller und rostige Karren fahren vorbei. Ich bin gespannt, was wir heute erleben werden.

Später stiefeln wir zum Dorfzentrum. Wie viele Städte Südamerikas, ist auch Roboré ganz klassisch im Kolonialstil aufgebaut: eine Kirche mit hübschem Platz in der Mitte und ringsherum die Wohnhäuser. Das macht das Finden des Zentrums zum Glück auch ohne Reiseführer und Spanischkenntnisse recht einfach. Dort angelangt, entdecken wir wider Erwarten ein kleines Tourismus-Info-Häuschen, an dem wir eine Broschüre über die Sehenswürdigkeiten in und um Roboré erhalten. Ausgestattet mit dem Infomaterial, begeben wir uns erstmal auf die Suche nach einem Frühstücksrestaurant. Nachdem wir sämtliche Läden rund um den Platz abgeklappert haben ist jedoch klar: hier gibt es nur ein Gericht. Hühnchen mit Reis und Pommes. Guten Appetit!

Während sich Huhn Nummer zwei zu Huhn Nummer eins aus dem Zug gesellt, wählen wir die hübschesten Ziele aus der Broschüre und schmieden einen Plan: drei Wasserfälle wollen wir erkunden: den “Totaizales“, die “Cascada de los Helechos” und den “Chorro de San Luis”. Zu guter Letzt möchten wir zum Sonnenuntergang an den See “Laguna Sucuará”. Laut Broschüre insgesamt 2 Stunden Fußweg und knapp 17 Kilometer Autofahrt. Machbar an einem Tag – denken wir jedenfalls.

Als wir der Gruppe Taxifahrer, die gemütlich auf einer Parkbank im Schatten sitzt, unseren Plan unterbreiten, löst sich dieser leider schlagartig in Luft auf. Sämtliche Fahrer schütteln schlichtweg den Kopf, als wir auf die jeweiligen Orte der Infobroschüre zeigen. Irgendwann verstehen wir dann auch, was sie versuchen uns zu erklären: Die Straße zu den jeweiligen Startpunkten der Wanderungen ist für normale Autos nicht befahrbar. Nur für Jeeps. Überraschung – einen Jeep hat gerade keiner parat.
Wir können unsere Wunschziele nicht einmal bei Google Maps finden und so lassen wir uns von zwei Motorradtaxen wenigstens in die richtige Richtung bringen. Über Sand und Stein heizen sie ihre Motorräder hinaus aus der Stadt. Zum Glück sind wir seit Südostasien auf dem Zweirad alte Hasen. Sie setzen uns vor einem Schild ab, auf dem “Totaizales” steht. Dahinter befindet sich ein schmaler Weg. Klasse, das sieht doch richtig aus – los geht’s!

Wanderung zu einem einsamen Wasserfall

Wir starten unsere Wanderung auf dem sandigen Pfad, marschieren vorbei an Feldern und ein paar kleineren Bäumen. Nach einer Weile wird der Weg steiniger und führt uns zu einer kleinen Anhöhe mit schönem Blick auf die umliegenden Wälder. Eigentlich sieht es hier gar nicht viel anders aus als in Deutschland.
Nach etwa einer Stunde Wanderung wird die Umgebung grüner – hohe Gräser, die saftig grün im Sonnenlicht leuchten und ein paar Palmen dazwischen. Wir erreichen einen kleinen Zaun mit einer Pforte und auch zwei verlassene Häuser entdecken wir. Ist das ein Privatgrundstück? Haben wir den falschen Weg genommen oder irgendwo eine Abzweigung verpasst? Immerhin sollten wir mittlerweile fast am Ziel sein. Nach Wasserfall sieht das hier aber nicht aus. Einfach umkehren ist allerdings auch keine Option und so schleichen wir durch das Tor und verschwinden in den hüfthohen Gräsern.
Die Gräser werden bald zu einem kleinen Dschungel mit hohen Bäumen, riesigen Farnen und dunkelgrünen Blättern. Ein kleiner Trampelpfad führt uns hinab in eine Schlucht. Über rutschigen Matsch und steile Stufen arbeiten wir uns Stück für Stück voran. Baumstämme werden zu Geländern – manchmal auch zu Hindernissen. Nach insgesamt etwa eineinhalb Stunden Wanderung lichtet sich der Pfad und wir können nach ersten Zweifeln endlich das ersehnte Rauschen hören.

Neugierig trete ich aus dem Dickicht. Vor mir liegt ein kleiner Bach, der fröhlich vor sich hin plätschert. Ich folge seinem Ursprung, hopse über nasse Steine und stehe bald vor einem kleinen See. Über mir ragen zu beiden Seiten hohe Felswände auf, überwuchert mit Moos und den Pflanzen des Dschungels. Zwischen einer Felsspalte am anderen Ende des Sees rauscht ein kleiner Wasserfall in mehreren Etagen hinab und füllt den natürlichen Pool mit glasklarem Wasser. Weit und breit keine Menschenseele – hinein ins kalte Nass!
Die ersehnten Sonnenstrahlen gelangen kaum in die schmale Schlucht und so kuschel ich mich bald schon in mein Handtuch. Ein paar Momente auf die großen Kiesel legen, dem Rauschen des Wasserfalls lauschen und die Papageien beobachten, wie sie kreischend über mir hinweg fliegen. Wir haben ein kleines Paradies gefunden – und haben es ganz für uns allein.

Sonnenuntergang mit ménage à trois

Am Nachmittag wird es ganz schön frisch in unserem Paradies und wir machen uns auf den Rückweg. Im goldenen Licht der Nachmittagssonne spazieren wir zurück nach Roboré und entdecken in den fernen Baumwipfeln einige Affen, wie sie von Ast zu Ast hüpfen. Zurück am Dorfplatz suchen wir erneut die Taxifahrer auf und treffen ausgerechnet auf den einen Fahrer, der uns bereits vom Vormittag ganz besonders in Erinnerung geblieben ist. Er sieht ein bisschen aus wie der mexikanische Schauspieler Danny Trejo und trägt seinen wohl geformten Kugelbauch bei aufgeknöpftem Hemd stolz zur Schau. Mit seinen halblangen, strähnigen Haaren und der Sonnenbrille wirkt er wie ein Mafioso der B-Liga.
Wir steigen in seinen klapprigen und im Zerfall befindlichen Kombi und brettern mit ihm über die staubige Straße hinaus aus der Stadt. Wieder begegnen wir niemandem – außer einigen Kühen, die uns auf der Straße entgegenkommen. Nach gut 15 Minuten Autofahrt erreichen wir unser Ziel, einen idyllischen See mitten in der Natur. Außer zwei Anglern weit und breit kein Mensch.

Wir wollen uns gemütlich ans Ufer setzen und der Sonne beim Untergehen zuschauen – doch so richtig werden wir unseren Mafioso nicht los. Wenig begeistert von der Vorstellung einer ménage à trois, vereinbaren wir mit ihm, dass er uns eine Stunde später abholen würde und sehen ihn kurz darauf in der Ferne verschwinden. Zurück bleiben wir beide, eine Staubwolke und das Bewusstsein, dass das womöglich nicht die klügste Idee war.
Während wir bei Dosenbier den Sonnenuntergang genießen und die Angler bei ihrer meditativen Arbeit beobachten, dämmert uns so langsam, dass das echt in die Hose gehen könnte. Sind wir mittlerweile schon zu verwöhnt mit unserem Glück und dadurch unvorsichtig geworden?
Unser Vertrauen wird jedoch abermals nicht enttäuscht. Tatsächlich kommt unser Fahrer – sogar pünktlich auf die Minute – zurück zum See.

Das dritte Huhn wird geteilt

Zurück am Hauptplatz in Roboré, setzen wir uns an einen der kleinen Imbisse und essen wieder einmal die lokale „Spezialität“, Huhn mit Reis und Pommes. Klappe die dritte.
Plötzlich setzt sich ein kleiner Junge auf den freien Plastikstuhl an unserem Tisch. Wir schauen uns verwirrt an – ein ratloser Moment ohne Worte. Der kleine Junge durchbricht die Stille und fragt, ob er etwas von unserem Essen haben könne. Wir sind schon lange satt und schieben ihm einen der Teller hin. Der Kleine verputzt die Reste in Windeseile und sitzt dabei mit einer Selbstverständlichkeit neben uns, die tief blicken lässt. Diese Situation ist für uns offensichtlich weitaus ungewöhnlicher als für ihn.
Es gesellt sich ein etwas älterer Junge dazu. Er ist vielleicht neun Jahre alt und zeigt auf unseren zweiten Teller. Ich nicke nur und er füllt sich die Reste in einen Plastikbeutel. Er zieht schnell weiter, doch unser kleiner Tischnachbar bleibt sitzen, packt ein Spielzeug aus und vertieft sich neben uns in seine eigene Welt.
Hinzu kommt ein etwa zehnjähriges Mädchen mit einem Baby auf dem Arm. Essen haben wir keines mehr und so fragt es nach Geld. Wir schütteln den Kopf. Natürlich könnten wir etwas entbehren – ein für uns kleiner Betrag würde bereits ausreichen um der Familie ein Abendessen zu finanzieren. Helfen würden wir dem Mädchen damit langfristig aber nicht – im Gegenteil. Wenn sie lernt, dass sie vom Betteln leben kann, würde sie vielleicht nicht mehr zur Schule gehen. Ein Teufelskreis, aus dem sie später kaum noch herauskommen würde. So wird es jedenfalls erklärt und leuchtet irgendwie auch ein.
Dass es natürlich überhaupt nicht leichtfällt, hart zu bleiben und Nein zu sagen, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. So eine Situation – eine Horde verwahrloster Kinder, die von Tisch zu Tisch geht und die Hände aufhält – löst in mir ein Gefühl von Traurigkeit und vor allem Machtlosigkeit aus.

Gestrandet in Santiago de Chiquitos

Am nächsten Morgen teilen wir uns mit einem bolivianischen Paar ein „Micro“ ins Nachbardorf Santiago de Chiquitos. Micros sind kleine Vans ins Südamerika, die wie ein Sammeltaxi funktionieren. In diesem Fall verdient es diesen Namen sogar tatsächlich, denn unser Fahrer sammelt unterwegs nicht nur Fahrgäste sondern auch allerhand andere Dinge ein. Mal holt er sich etwas zu trinken, das andere Mal kommt er mit einer großen Gasflasche zum Auto zurück. Diese wird dann im Nachbarort wieder bei einer Familie abgeliefert und eine leere mitgenommen.
Als wir den Startpunkt unserer Wanderung erreichen, vereinbart unser Fahrer mit dem anderen Paar, sie um 15 Uhr wieder abzuholen. Wir fragen ihn, ob er uns dann noch zu einem anderen Startpunkt bringen könne. Leider stellt sich heraus, dass dieser wieder nur mit einem Jeep erreichbar ist. Doch diesmal haben wir Glück! Er kennt jemanden mit Jeep und verspricht, ihn um 14 Uhr zum Abholen zu schicken.
 

 

Unsere Wanderung führt uns hinauf auf ein Felsplateau mit einem herrlichen Blick auf die umliegende Landschaft. Wieder einmal sind wir neben einer Familie, der wir einmal kurz begegnen, alleine unterwegs. Einzige Gesellschaft bildet noch eine Felsformation, die mit ihren einzelnen Kegeln aussieht wie eine Armee Ritter, die ihre Burg beschützt. Hinter der Skyline der Felsen breitet sich die weite Landschaft Ostboliviens aus. Es ist wunderschön!
Doch so schön es auch ist, verlassen wir überpünktlich den einsamen Weg um nicht unseren Jeep um 14 Uhr zu verpassen. Am Treffpunkt angelangt, machen wir es uns auf einer Holzbank mit Keksen bequem. So langsam können wir allerdings auch diese nicht mehr sehen, haben sie doch das obligatorische Hühnchen mit Reis und Pommes abgelöst und sind nunmehr unser Hauptnahrungsmittel geworden. Um uns herum surren anhängliche Mücken und halten uns auf Trab. Fuchteln, im Kreis gehen – nichts will helfen.

13:55 Uhr. Gespannt schaue ich die staubige Schotterstraße hinab (deutscher Maßstab für Pünktlichkeit)

14:00 Uhr. Jetzt müsste er langsam kommen (juristischer Maßstab für Pünktlichkeit)

14:10 Uhr. Jetzt vielleicht? (europäischer Maßstab für Pünktlichkeit)

14:20 Uhr. Diese blöden Mücken nerven!

14:30 Uhr. Jetzt aber wirklich! (südamerikanischer Maßstab für Pünktlichkeit)

14:40 Uhr. Ein Jeep kommt angefahren, wir springen von der Bank auf. Zwei Männer sitzen darin und brausen – ohne Notiz von uns zu nehmen – an uns vorbei. Enttäuschung macht sich breit.

14:50 Uhr. Vielleicht hat unser Taxifahrer doch keinen Jeepfahrer auftreiben können? Blöd, dann müssen wir die andere Wanderung wohl abhaken. Immerhin kommt ja gleich der Taxifahrer um das andere Paar abzuholen.

15:00 Uhr. Komisch, das andere Paar kommt gar nicht…

15:20 Uhr. Diese SCH*** MÜCKEN!

15:30 Uhr. *******!

15:40 Uhr. Wir kapitulieren und laufen los. Zu Fuß zurück nach Santiago de Chiquitos.

Anfangs noch enttäuscht und genervt, stiefeln wir über die staubige Straße. Nach einigen Minuten wandelt sich der Ärger jedoch in Humor – ein bisschen absurd ist die ganze Aktion ja schon. Außerdem ist die Landschaft einfach herrlich idyllisch, wir sind nach wie vor die einzigen Menschen weit und breit und nur zwei Mal begegnet uns ein Auto. In einem davon sitzt übrigens unser Taxifahrer. Er bleibt verwundert neben uns stehen und fragt was aus unserer zweiten Wanderung geworden sei. Er hatte tatsächlich einen Jeepfahrer geschickt und ist deshalb selbst nicht mehr zum Abholen gekommen. Es tut ihm sichtlich leid – und unser Vertrauen in die Hilfsbereitschaft der Bolivianer ist wiederhergestellt.

Später nehmen wir den Expreso Oriental mit Zwischenstopp in einer Jesuitenmission zurück nach Santa Cruz de la Sierra, wo wir unsere Reise Richtung Westen fortsetzen. Wir wissen noch nicht, dass wir in der Hauptstadt Sucre am „falschen“ Flughafen ankommen und von einer fremden, bolivianischen Familie abgeholt werden würden. Wir haben keine Ahnung, dass wir uns in der Westernstadt Tupiza in den Anden verirren und einer Horde wilder Straßenhunde entkommen würden. Doch bereits jetzt können wir sagen: „Das war ein tolles Erlebnis!“

Im Verlauf unserer Reise gelangen wir natürlich trotzdem noch auf dem „Gringo Trail“ zum Salar de Uyuni, nach La Paz und über den Titicacasee nach Peru. Nicht ohne Grund sind diese Ziele in Bolivien so beliebt. Trotzdem – unser kleines Abenteuer abseits des Tourismus war etwas ganz Besonderes. Vielleicht haben wir dort nicht besonders viele Sehenswürdigkeiten besucht und einige Zeit mit Warten verbracht. Doch wir haben viel „echtes“, ursprüngliches Bolivien gesehen, haben gelernt Pläne über den Haufen zu werfen und zu improvisieren.
Vor allem aber haben wir uns getraut aus der „Komfortzone“ hinauszutreten und einfach zu vertrauen – in fremde Menschen und darauf, dass schon alles klappen wird. Wir wurden nicht enttäuscht! Und das sollte die schönste Erfahrung unserer Reise bleiben.

Weiterlesen

Die Fischodyssee

Kasachstan

Die Fischodyssee

Eine kleine Geschichte von einem Ort namens Balkhash
Von Rebecca Himmerich

Episode starten

Eine Episode von

katetravels.de

Katharina Schmidtke

Katharina Schmidtke arbeitet eigentlich als Anwältin in Hamburg. Immer wieder bricht sie aber aus der durchstrukturierten Jura-Welt aus um kleine und große Abenteuer zu erleben. Egal ob mit dem Rucksack in ferne Länder oder ihrem ausgebauten Minivan zu den schönsten Küsten in Europa. Reisen verbindet sie am liebsten mit Surfen und Yoga und schreibt über ihre Erlebnisse auf ihrem Blog. >katetravels.de

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis