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The Travel Episodes

Burma

Goldene Zeiten

Burma von Nord nach Süd. Martin Schacht und Ken Schluchtmann nehmen diesmal den Landweg von Yangon zum Golden Rock bis nach Hpa An.

Der Zug ist einer der wenigen Orte, in dem Burma noch so ist wie früher. Früher, das klingt, als sei es zwanzig, dreißig Jahre her, in Wahrheit sind es gerade mal fünf Jahre, seit Burma sich von einem tropischen Schurkenstaat in ein ganz normales Land zu verwandeln begann. Vermutlich ist Burma die Blaupause zu dem, was Kuba in den nächsten Jahren blüht. Natürlich ist es purer Egoismus, malerisches Elend verspiegelten Hochhäusern, LED-Werbe-Tafeln, Straßenbeleuchtung und dem Stau vorzuziehen, aber auch den Burmesen dämmert langsam, dass der Fortschritt seine Tücken hat. Vor nicht allzu langer Zeit wurden alle alten Busse Yangons an einem einzigen Tag durch neue, abgasarme Modelle ersetzt – davon allerdings nur die Hälfte an der Zahl. Seitdem dauert die Anfahrtszeit zur Arbeit für die Bevölkerung in Yangon deutlich länger. Immerhin gibt es inzwischen genug Taxen, auf die man ausweichen könnte, hätten diese nicht den Verkehr der zuvor fast autofreien Stadt, durch die ein paar Oldtimer fuhren, auf das Stauniveau von Jakarta gehoben. Statt einer Viertelstunde braucht man jetzt von Downtown zum Flughafen anderthalb Stunden.

Aber genug des Klagens, im Zug ist alles noch wie immer.

Die Bahn verkehrt nach wie vor auf einem Schienennetz aus britischen Tagen und ruckelt auch in entlegene Landesteile, Reisende und Fracht in blechernen und hölzernen Waggons, die ebenfalls aus der kolonialen Vorzeit stammen. Unten flitzen die Mäuse, oben sitzen die Passagiere, und manchmal kann man durch die Rostlöcher im Boden das Gleisbett sehen.

Nachdem wir im Vorjahr die Road to Mandalay im Dampfer auf dem Ayeyarwaddy erkundet haben, soll es in diesem Jahr von Yangon Richtung Süden gehen. Wir, das sind Fotograf Ken, seine Frau Suse und ich.
 
 

 
 
Suse bevorzugt eigentlich Massagen und Shopping in Bangkok und guckt ein wenig wie ausgestopft, sobald sie ihre Komfortzone verlassen muss, so, als begebe sie sich in eine Art innere Emigration, ein imaginiertes Shangri-La aus Boutiquen und Fünf-Sterne-Hotels. Sie isst fast ausschließlich Fried Rice und trockene Kekse, weil ihr die meisten anderen lokalen Nahrungsmittel suspekt sind. Dafür mag sie den einheimischen Whisky „Grand Royal“ umso mehr. Und natürlich behauptet sie, kein Wort davon sei wahr.

Der Bahnhof mit seinen goldenen Türmchen sieht aus wie die Kulisse aus dem Musical „The King and I“, Fahrkarten besorgt man sich am besten einen Tag im Voraus. Wir entscheiden uns für die Upper Class: weiche, leicht durchgesessene Polstersitze mit angejahrten, weißen Überzügen, erinnert mich an die Mitropa-Speisewagen der ehemaligen DDR.
 
 

Wer mehr vom einheimischen Leben mitbekommen möchte, sollte die Holzklasse nehmen. Die heißt nicht nur so, sondern hat tatsächlich Bänke aus Teak. Eigentlich spannender, aber wir wollen es bequem haben. Nur ein paar Soldaten sitzen in der ersten Klasse, ein chinesischer Geschäftsmann bellt unwirsch in sein Handy, hin und wieder balanciert eine Verkäuferin ein Tablett mit Snacks, Obst und Getränken durch den Zug. Die Landschaft zieht vorbei, Zuckerpalmen, sattgrüne Reisfelder und Hütten aus Bambusgeflecht. Als wir den Zug in Kyaikto am frühen Nachmittag verlassen müssen, tun wir das eher unwillig. Alles, was jetzt kommt, wird anstrengender.
 

* * *

Golden Rock

Beim Haar des Buddha

Der Golden Rock ist eine der heiligsten buddhistischen Stätten in Burma. Drei Visiten sollen dem Pilger ewigen Reichtum bringen. Da müssen wir hin!

Eine halbe Stunde braucht der Pick up nach Kin Pun, das Basecamp für die Fahrt zum Golden Rock. Ich war schon einmal hier und habe alles in ziemlich chaotischer Erinnerung, Hunderte von Pilgern, die durch das Dorf drängeln – aber da muss ich durch. Denn dies ist mein zweiter Besuch, und irgendwann muss auch ein dritter folgen.

Drei Visiten am heiligen Berg sollen dem Pilger nämlich ewigen Reichtum bringen, und den kann ich im Hinblick auf die jährlichen Bescheide der deutschen Rentenversicherung gut gebrauchen.

Im Basecamp werden wir auf bergtaugliche Lastwagen gepfercht. Gar nicht so einfach, auf die Ladefläche hochzukommen, schließlich haben wir das ganze Gepäck dabei, und die Plätze in der Fahrerkabine sind ausgebucht. Man muss sich nämlich vorher entscheiden, wo man übernachtet, oben oder unten, aber was soll der dumme Felsen ohne Sonnenuntergang? In Kin Pun herrscht das Recht des Stärkeren und Ken ist mit seinen fast zwei Metern ungefähr einen halben Meter größer als der durchschnittliche Burmese. Er zerrt Suse hoch, ich hieve die Taschen hinterher und dann mich selbst, schon brettert der Wagen los. Eine Kolonne von oben ist gerade angekommen, unser Aufbruchzeichen. Die Strecke ist einspurig, ein wilder Ritt auf der Ladefläche über abschüssige Hänge, durch Serpentinen und um Haarnadelkurven. Immerhin bringt einen der Wagen inzwischen auch bis zum Plateau. Vor ein paar Jahren noch wurden Pilger an einer Art spirituellen Shopping Mall mit Devotionalien und Kräutermedizin ausgesetzt und mussten die letzten Kilometer zu Fuß gehen.

Foto lastwagen

Der Goldene Felsen ist ein Findlingsblock aus Granit, der jeden Augenblick in den über tausend Meter tiefen Abgrund hinabzustürzen droht, gekrönt von einer über fünf Meter hohen Pagode.

Ein einziges Haar von Buddha hält ihn im Gleichgewicht, so erzählt die Sage.

Der Mon-König Tissa, Sohn eines Magiers und einer mythischen Prinzessin, soll dieses Haar im 11. Jahrhundert von einem Eremiten bekommen haben. Der hatte ihm offenbart, dass er etwas Wunderwirkendes in seinem Haarknoten versteckt trage. Wenn es dem König gelänge, einen Felsen in der Form seines Kopfes zu finden, gehöre die Reliquie ihm. Tissa suchte überall im ganzen Land und fand schließlich auf dem Meeresgrund einen Felsen, der dem Schädel des Einsiedlers glich. Dank magischer Kräfte schaffte er den Felsen mit einem Schiff hinauf zum Gipfel des Berges über dem Dorf Kyaikto, wo das Schiff versteinerte. Da steht es bis heute, man kann die bootsähnliche Steinstruktur von der Aussichtsplattform aus sehen.

Foto Rock

Geologisch betrachtet klingt das Ganze weniger romantisch. Die Felsformation ist Ergebnis der sogenannten Sackverwitterung.

Durch Witterungseinflüsse wird Granit in einer Weise abgeschliffen, dass sich ein sackartiger Felsbrocken bildet, der auf kleiner Fläche mit dem Untergrund verbunden bleibt, bis er irgendwann abbricht. Zum Glück haben die Pilger überall Gold aufgebracht, das den Felsen fixiert. Immerhin hat er erst im Jahr 2005 einem Erdbeben der Stärke 4,8 standgehalten.

Als wir näher kommen, sehe ich Männer, die sich dicht an der Unterkante des Felsens drängen und Blattgoldplättchen aufrubbeln. Frauen ist das versagt. Sie gelten als unrein und dürfen den Felsen nicht berühren. Suse muss deshalb auf der Aussichtsplattform bleiben und sich mit Blumengaben zufriedengeben. Die Frauen knien betend an einem Altar, der überquillt von Früchten und Wunschzetteln, eingehüllt in den Rauch von Kerzen und Räucherstäbchen, es riecht leicht scharf nach Frangipani und verwesenden Blüten. Ich stehe in der Warteschlange, während der Fels in der sinkenden Sonne orangerot zu glühen beginnt. Dann bin auch ich an der Reihe.

»Nicht zu stark drücken«, kichert ein Pilger.

Angeblich soll eine Kinderhand ausreichen, um den Stein ins Wanken zu bringen. Vorsichtig rubble ich mein Blattgold auf. Aber der Stein steht. Felsenfest.

Auf der Treppe unter dem Felsen geben sich Heerscharen von Mönchen ihrer wenig spirituellen Lieblingsbeschäftigung hin: Sie machen Selfies von sich oder auch mit mir oder Ken. Ganz Burma ist seit ein paar Jahren auf Facebook, Viber oder Line, und das mobile Netz ist besser und billiger, als es das veraltete Festnetz vermutlich jemals sein wird.
 
 

Nur ein unheimlicher Mönch in schwarzer Robe, der eine seltsam geformte, hohe Lederkappe trägt, scheint das wenig andächtige Treiben zu missbilligen. Wortlos und grimmig zieht er mit einer Spendenbox und einem Werkzeug, das aussieht, als würde er damit sich selbst oder andere geißeln, seine Runden. Plötzlich fällt mir ein, woher ich seine Kopfbedeckung kenne. Sie erinnert an die Krone eines Pharaos.
 
 

 
 

Zum Sonnenuntergang endet der exquisite Farbverlauf von Orange zu Lila und Rosa in einem tiefen Nachtblau, anläßlich eines Feiertages flackern Tausende von Kerzen. So beleuchtet hat der Goldene Felsen wirklich etwas Magisches. Nur der barfüßige Parcours durch den Müll bis ans Ende des marmornen Plateaus, wo unsere Schuhe warten, zwingt uns den Boden der Tatsachen zu beachten.

 

* * *

Mawlamyine

The Kings Suite

Burmas drittgrößte Stadt Mawlamyine ist tiefenentspannt, ganz wie es sich gehört für einen Ort, an dem es zu heiß ist, um zu arbeiten und zu schön, um an morgen zu denken.

Am nächsten Morgen zurück in Kin Pun wartet niemand, zumindest nicht auf uns, und vor allem kein Bus. Ken und ich klappern mehrere Shops ab, die uns übereinstimmend versichern, das nach Mawlamyine nur Pick-ups fahren. Für mich klingen drei Stunden auf der Ladefläche nach einer Menge Spaß. Gut eingecremt mache ich es mir auf den Taschen gemütlich. Dass es am Ende sechs Stunden werden ist kaum eine Überraschung – damit muss man rechnen.
 
 

 
 
Gelegen an der Mündung der Flüsse Salween und Gyaing, ist Mawlamyine umrahmt von sanften Hügeln, in denen goldene und weiße Pagoden glitzern. Chinesische Dschunken und Passagierschiffe kreuzen auf dem Fluss und zu den Inseln im Golf von Martaban. Die Burmesen behaupten gern, Mawlamyine sei wie Yangon vor fünfzig Jahren. Auch wenn das wohl eher nur so eine Idee ist, weil die meisten von ihnen damals noch gar nicht gelebt haben dürften. Man stellt sich halt vor, dass diese Atmosphäre hitzegeschwängerter Trägheit mit Menschen, die eingehakt unter knorrigen Tamarindenbäumen und Palmen flanieren, typisch gewesen ist für eine Stadt im Süden.

Foto Flusslandschaft

Passend zur nostalgischen Atmosphäre gibt es in Mawlamyine viele alte Bauten, und so ziemlich jeder Reisende liebt Kolonialhotels. Renoviert sind sie allerdings oft unbezahlbar, im Originalzustand ein Risiko, da sie oft jahrzehntelang als Regierungshotels gedient haben. Das äußert sich in Bädern mit gesprungenen Waschbecken, Hocktoiletten und der großflächigen Verwendung von Teppichböden. Diese Auslegeware, unter der sich meist noch die originalen und sehr schönen Marmorfliesen oder Teakparkett verbergen, ist entweder völlig verschlissen oder so hochflorig, dass man gar nicht wissen möchte, welche Biotope sich dort im Lauf der Jahre angesiedelt haben.

Trotzdem liebe ich persönlich diese morbide Atmosphäre und: es gibt ja Badelatschen.

Wir haben uns in einem Hotel einquartiert, in dem man wunderbar einen kolonialen Horrorfilm drehen könnte. Das Than Lwin Hotel wirkt im Internet prächtig und hat die typische Architektur Mawlamyines mit großer Treppe zum Fluss, einer mehrstöckigen Lobby, durchbrochenen Gittern, Schnitzereien und einem Wandelgang mit farbigen Glasfenstern. Ich habe wohlweislich das billigste Zimmer in einem Anbau gebucht, welches zwar von oben bis unten gekachelt, aber nagelneu ist. Die Suite von Ken und Suse hingegen entpuppt sich als eine düstere Höhle mit staubigen Samtvorhängen und Original-Mobiliar. Ein knarrendes Bett, dick lackierte Teak-Paneele an den Wänden, cognacfarbenes Interieur und tonnenschwere Massivholzmöbel. Und natürlich möglichst wenig Licht. Je näher man dem Äquator kommt, desto mehr verabscheuen die Einheimischen Sonnenlicht in ihren vier Wänden. So auch hier: das einzige Fenster lässt sich nicht öffnen, ist zugestrichen und vergittert. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Ich finde die Suite sensationell, aber Ken und Suse finden die Aussicht, hier ihren Hochzeitstag zu verbringen, wenig prickelnd. Schließlich ziehen sie auch in den neuen Flügel, aber die meiste Zeit verbringen wir damit, die unverschlossenen Zimmer des alten Teils zu inspizieren, wobei wir immer wieder von dem uralten Butler erwischt werden, dessen Uniform genauso verschlissen ist wie alles andere. Er ist uns als den einzigen Gästen ständig auf den Fersen und versteht überhaupt nicht, was wir dort suchen und kichernd fotografieren. Leider hindert er uns daran, in den wegen Einsturzgefahr gesperrten Turm vorzudringen.

 
 

 
 

Nach zwei Nächten in Mawlamyine werden wir bei Sonnenaufgang von einem Mini-Bus abgeholt, der uns zum Jetty am Salween River bringt. Das System der Mini-Busse funktioniert wie in anderen asiatischen Ländern auch in Burma nahezu perfekt. Selbst bei größeren Verspätungen braucht man kaum Angst zu haben, einen Anschluss zu verpassen, da alle ständig per Mobiltelefon miteinander in Kontakt sind. Zeitangaben sind damit zwar sehr fließend, aber es passiert selten, dass einem das nächste Verkehrsmittel vor der Nase wegfährt.

Das ist in diesem Fall ein Boot. Zwei Longtail-Boote mit jeweils sechs Stühlen und einem Verdeck aus Plastikplane warten auf uns am Ufer. Ken schießt auf das erste Boot zu, bleibt im Schlamm stecken und verliert kurz einen seiner Latschen. Dafür sichert er uns die vorderen Plätze: Höflichkeit könne er sich nicht leisten, meint er, er sei schließlich zum Arbeiten hier. Eine Gruppe Koreaner mit extralangen Foto-Objektiven wird ins Heck verwiesen, zwei von ihnen fangen kurz nach dem Ablegen laut an zu schnarchen, der dritte wippt für Rest der Fahrt mit geschlossenen Augen zum Heavy Metal, der leise aus seinen Kopfhörern wummert.
 
 

Mawlamyine ist durch die längste Brücke Burmas mit der Stadt Mottama verbunden. Die imposante, etwa drei Kilometer lange Stahlkonstruktion ist ein Wahrzeichen der Stadt, und es gehört sicher zu den unangenehmsten Erfahrungen, an ihren Pfeilern vorbei aufs offene Meer getrieben zu werden, wenn man ahnt, dass das nächste Festland Indien ist und das Handynetz nicht funktioniert. Schon kurz nach dem Ablegen fängt der Motor an zu stottern und während das zweite Boot an uns vorbeizieht, gelingt uns nach einer halben Stunde die Notlandung auf Shampoo Island, das wegen eines historischen königlichen Haarwäsche-Rituals so heißt. Hier funktioniert zum Glück das Mobilfunknetz wieder, und die Mannschaft ruft nach Hilfe.

Foto Brücke

Eine weitere Stunde später erscheint am Horizont ein anderes Boot, das genauso zweifelhaft wirkt wie unseres, und endlich geht es flussaufwärts. Vor Hpa An erscheinen in den saftig grünen Reisfeldern schroffe Karstberge, malerische Gesteinsformationen, wie man sie sonst aus dem Norden Vietnams oder dem chinesischen Guilin kennt. Sie entstehen durch großflächige Verwitterung von Kalkstein im Laufe der Jahrtausende und formen oft geheimnisvoll aussehende, natürliche Kunstwerke.

 

* * *

Hpa An

Alles soll so bleiben wie es ist

Warum man rückwärts ans Ziel kommt und am Ende der Welt von Helmut Kohl überrascht wird.

Die Hauptstadt des Karen-Staats hat heute noch den Charme einer schläfrigen Kleinstadt, doch mit der Fertigstellung der vielspurigen Schnellstraße, die Hpa An mit Mae Sot hinter der thailändischen Grenze und mit Yangon verbindet, dürfte sich das rasch ändern. Die Stadt liegt am Südufer des Flusses, auf der anderen Seite ist schon von Weitem der Mount Zwekabin, der heilige Berg der Karen, zu sehen. Ein Aufstieg auf den über siebenhundert Meter hohen Felsen ist eine Herausforderung, der wir uns stellen wollen.

Bei Sonnenaufgang stehen wir an der angeblich bequemeren Westseite. Der Aufstieg beginnt hinter einem Kloster mit hunderten von Buddhastatuen und führt zuerst durch einen Wald. Dann zieht er sich an der Flanke des Berges bis auf dessen Rücken hoch, der Pfad ist unbefestigt und voller Stolperfallen in Form von Wurzeln und Löchern. Während Ken und ich schwächeln, macht sich Suses jahrelanges Stepper-Training bezahlt. Sie zieht an uns vorbei, und ist bald auch von hinten nicht mehr zu sehen. Mit Tempo, so behauptet sie, sei der Aufstieg weniger anstrengend. Belohnt werden wir mit dem spektakulären Ausblick in die Ebene und über dunstverhangene Gipfel. An der Spitze erwartet den Besucher ein Tempel mit Horden frecher Affen, die man sich nur schwer vom Leib halten kann. Ich habe große Respekt vor den tückischen Makaken, vor denen nichts sicher ist, alles Essbare und besonders auch herumliegende Kameras. Vollkommen angstfrei fletschen sie die Zähne, wenn man sie verscheuchen will.

Foto Berg

Wer glaubt, die mit Stufen und Geländern versehene Ostseite des Zwekabin sei der einfachere Weg, wird eines Besseren belehrt. Tatsächlich fällt mir wieder ein, warum ich seit Jahren keine Bergwanderungen mehr mache: Das Schlimme für die Kniegelenke ist nämlich der Abstieg. Die gekachelten Stufen sind dermaßen steil, dass ich alle paar Meter pausieren muss und nach ein paar hundert Metern schmerzen meine Knie dermaßen, dass ich mich an einer Hütte gern von ein paar Mönchen auf eine Suppe und einen Tee einladen lasse, eine nette Unterbrechung für schwächelnde Pilger und Reisende. Die Mönche kennen es, dass die Touristen schlappmachen und nutzen deren Besuche, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern.

Ich komme mir sehr alt und degeneriert vor, als ich junge Burmesen in Longyi und Flip Flops an mir vorbeisprinten sehe.

 
 

 
 
Gerade an Feiertagen ist der Zwekabin ein beliebtes Ausflugsziel. Den Rest des Weges lege ich auf Anraten der Mönche rückwärts hangelnd am Geländer zurück. Das sieht zwar albern aus, schont aber die Knie.

Weniger anstrengend, sondern angenehm kühl ist ein Besuch der Höhlen, Hpa Ans zweites Highlight. Je nach Jahreszeit und Wasserstand sind sie geschlossen oder zugänglich. Als größte und beeindruckendste gilt die Saddar-Höhle. Neben dem riesigen, ruhenden Buddha gibt es in der kathedralenhaften Eingangshöhle eine ganze Reihe kleinerer Statuen sowie einen Goldenen Felsen mit gemeißeltem Gesicht, der auf dem Kopf einen kleinen Stupa trägt. Natürlich zeigt er einen Mönch, doch seine Ähnlichkeit mit Altkanzler Helmut Kohl ist verblüffend. Vielleicht ein Symbol für die Vergeblichkeit, seiner Vergangenheit und Herkunft zu entfliehen: Am Ende der Welt erwartet einen die Helmut-Kohl-Pagode!
 
 

Es empfiehlt sich, die Schuhe, die man im Tempelbereich ausziehen muss, in einer Tasche mitzunehmen, denn der etwa halbstündige Spaziergang durch das feuchte und am Boden mit Fledermauskot bedeckte Höhlenlabyrinth ist barfuß nicht jedermanns Sache. Es ist dunkel und feucht, spärlich verteilte Glühbirnen weisen den Weg, und das einzige Geräusch ist das Zwitschern der Fledermäuse, das durch die Dunkelheit hallt. Schließlich öffnet sich die Höhle zu einem zweiten Eingang an einem See mit Reisfeldern und schroffen Felsen im Hintergrund. Durch diese schon fast kitschige Bilderbuchlandschaft staken Reisbauern mit Kegelhüten die Besucher in kleinen Booten, und nach einem kurzen Spaziergang findet man sich wieder am ersten Eingang. Dort in Nähe kann man sich auch in einem natürlichen Felsenpool erfrischen, um den auch mehrere Restaurants stehen.

Fast unwirklich und wie ein surrealistisches Gemälde mutet die Kyauk Ka Lat Paya Pagode an, die als Reminiszenz an den bekannten James-Bond-Felsen in der thaländischen Phang Nga Bucht (dort lebte im Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“ der namensgebende Bösewicht) auch James-Bond-Pagode genannt wird. In der Mitte des Sees erhebt sich auf einem Klostergelände über ein Lotusfeld eine Felsnadel aus Kalkstein, die an eine umgedrehte Flasche erinnert. Auf ihr balanciert eine goldene Pagode. Mit einer etwas wackeligen Holzkonstruktion lässt sich der Felsen ersteigen, besonders bei Sonnenuntergang ist das Szenario mit den Bergen im Hintergrund und dem glitzernden See fast unwirklich schön.

Bis vor ein paar Jahren noch war Hpa An Sperrgebiet und die Anreise beschwerlich. Wir nehmen einfach ein Taxi, das uns über die Berge und den halbfertigen Highway an die thailändische Grenze bringt. Noch ist er als Sandpiste nur alle paar Tage in einer Richtung zu befahrbar, doch die Busroute direkt zur Khao San Road in Bangkok ist schon angekündigt.

Zurück in Bangkok höre ich, dass Karen-Rebellen im Grenzgebiet thailändische Touristen entführt haben. Diese wurden zum Glück gleich wieder freigelassen, aber eine Reisewarnung ist eigentlich das beste, was Hpa An passieren kann. Vielleicht bleibt dann alles noch ein paar Jahre so wie es ist.

 

* * *

Infos & Empfehlungen

Gewinnspiel!

Wir verlosen unter allen Kommentierenden (bis einschließlich 27.5.2017) einen einmaligen Preis: Der Fotograf Ken Schluchtmann hat für euch sein Lieblingsmotiv dieser Reise ausgesucht.


„Brücke über den Kan Thar Yar Lake, Hpa An“
Als edler Fineart-Print (30 x 45 cm) und vom Fotografen signiert kommt das Foto per Post zu euch.
 

Buchtipp


Reise durch das goldene Land
Lange Zeit geheimnisvoll und verschlossen, wurde Myanmar über Nacht zur boomenden Reiseregion. Martin Schacht streift durch das zauberhafte Reich der Stupas und Pagoden, zu verwunschenen Stränden und durch die Millionenstadt Rangun. Er ergründet das Wesen eines Landes, in dem 135 Völker leben, und in dem Bankautomaten und Shoppingmalls aus dem Boden schießen – während Ochsenkarren, Pferdekutschen und Trishaws noch immer gängige Verkehrsmittel sind.

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Road to Mandalay

Burma

Road to Mandalay

Ein Flottenschiff aus dem Britischen Empire. Ein Kapitän, der Karaoke singt. Geister im Morgengrauen.
Martin Schacht und Ken Schluchtmann befahren den Ayeyarwady von Nord nach Süd, bis nach Mandalay.

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Eine Episode von

Gebrauchsanweisung für Burma

Martin Schacht & Ken Schluchtmann

Martin Schacht lebt in Bangkok und Berlin, erkundet oft Südostasien, dreht Reportagen fürs Fernsehen, arbeitet als Reisejournalist und schreibt Bücher, etwa die „Gebrauchsanweisung für Burma“. Ken Schluchtmann arbeitet als Fotograf. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2012 und 2013 als World Architectual Photographer of the Year. diephotodesigner.de.

Leserpost

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  • Viktor on 20. Mai 2017

    Danke für die Kopfweltanleitung! Hat Spaß gemacht zu lesen.

    Antworten
  • Claudia on 21. Mai 2017

    Toller Bericht und super Fotos…..macht Lust gleich den Rucksack zu packen und loszuziehen.
    Für mich als Tempeldepp steht Burma auch noch auf der Liste……..
    Freue mich auf weitere Berichte

    Antworten
  • Sabine Brinkmann on 21. Mai 2017

    Beeindruckende Bilder!
    Wie wird das Land in 10 Jahren aussehen?

    Antworten
  • HAKUNA matata on 21. Mai 2017

    Ein sehr gelungener Abriss Eures Trips durch Burma.

    Vor allem die super getroffenen Fotos verdienen von mir ein außerordentliches Extralob. Da bekomm ich dann gleich wieder akutes Fernweh.

    Bleibt nur für Burma wirklich zu hoffen, dass die anstehenden Veränderungen das Ursprüngliche in Burma nicht zu stark verändern und die leuchtenden LED-Werbetafeln dann nicht alles Schöne überstrahlen und überdecken. Denn die Ursprünglichkeit macht für mich Burma aus und macht es so liebenswert für mich – egal welche Strapazen man selbst für dessen Erkundung aufnehmen muss. Ich hoffe inständig, dass sich die „alte Patina“ nicht so schnell einfach „wegpolieren“ lässt und über weitere viele Jahre noch so ursprünglich erhalten bleibt.

    Dafür entzünde ich an dieser Stelle jetzt ad hoc ein Räucherstäbchen und rubble etwas Blattgold – ja wohin nur soll ich das Eckchen Blattgold hier bei mir in Good Old Germany rubbeln? VERSCHWENDUNG – denke ich! Na gut ich verwahre es gut bei mir und warte geduldig, bis auch ich mich am Goldenen Felsen einfinde und mich dann ganz sachte verewigen kann.

    PS: Meine triste weiße Wand im Flur gibt mir just in diesem Moment zu verstehen, dass sie sich auf den ersten Blick in den Fineart-Print „Brücke über den Kan Thar Yar Lake, Hpa An“ verliebt hat. Die Wangen der Wand erröten auch schon ganz leicht. Sachen gibt’s. ;-)

    Antworten
  • Ulrike on 21. Mai 2017

    Danke, so kann man sich im Kopf hinträumen! Die Bilder sind ja so lebendig und scharf, als wär man vor Ort.

    Antworten
  • Chris Kaiser on 21. Mai 2017

    Bei den Bildern und dem Text, da will man ja sofort zum Flughafen. Echt klasse

    Antworten
  • Manja on 21. Mai 2017

    Ein Artikel, der sich gut weg liest und wo man die Reise sehr schön nachvollziehen kann.
    Auch die Bilder und Videos sind gut gelungen und geben einem den Einblick zwischen Leben und Tourismus.

    Vielen Dank für die Reise nach Burma

    Antworten
  • Mathias on 21. Mai 2017

    Ein toller und sehr ausführlicher Bericht, der Lust auf einen Besuch in dem aufregenden und aufstrebenden Land macht. Hier ist noch viel zu entdecken!
    Viele Grüße

    Antworten
  • Daniela Jungmeyer on 21. Mai 2017

    Ein toller Bericht, der echt Lust darauf macht, gleich dorthin zu starten – da wird echt die Reiselust geweckt!

    Antworten
  • Alexandra on 22. Mai 2017

    Unglaublich schöne Bilder von einem noch unglaublicheren Land!
    Ich liebe die Art, wie Martin schreibt, da sie sofort ein geistiges Bild vor Auge zeichnen und tiefes Fernweh in mir wecken.
    Wer weiß, wie lange man noch auf diese Art und Weise durch Myanmar reisen kann?!

    Antworten
  • Bjoern on 24. Mai 2017

    Perfekt in Wort und Bild, eine wahre Freude für Reise-Fans, hab´s all meinen Freunden gesendet. Vielen Dank an Travel Episodes!

    Bjoern Hartge

    Antworten
  • Oliver Wiegand on 24. Mai 2017

    Das ist ja eine super Bericht!

    Antworten
  • Joachim on 24. Mai 2017

    Muss eine tolle Reise gewesen sein.
    Mein letzter Asientrip liegt 20 Jahre zurück. Der Bericht weckt wieder die Sehnsucht

    Antworten
  • Brigitte H. on 24. Mai 2017

    Tolle Bilder.Würde mich über den Gewinn sehr freuen.

    Antworten
  • webbra on 24. Mai 2017

    Tolles Land , das man bei diesen Bilder , am liebsten sofort bereisen will .

    Antworten
  • Astrid on 24. Mai 2017

    Ein sehr, sehr schöner Bericht mit super Bildern. Da glaubt man fast man war selber dabei :-)

    Antworten
  • Dominik on 24. Mai 2017

    Das das Reisen in diesem Fall bildet, liegt wohl auf der Hand.
    Weiter so!

    Antworten
  • Diana on 24. Mai 2017

    Sehr interessanter Bericht mit tollen Bildern. Danke für die Einblicke …..

    Antworten
  • Christof on 24. Mai 2017

    Ein hochinteressanter Bericht mit tollen Fotos

    Antworten
  • Alexandra on 24. Mai 2017

    Geniale Inspirationen – wenn die Kinder erst aus dem Haus sind, kann es los gehen

    Antworten
  • Renate on 24. Mai 2017

    Der Bericht und die Bilder machen Lust aufs Reisen!

    Antworten
  • Franzi on 24. Mai 2017

    Ein wunderschönes Foto! Irgendwie ruhig und lebendig zugleich. Mehr solche Berichte und Reportagen bitte! Und vor allem viele solche schönen Bilder!

    Antworten
  • Norbert Wild on 24. Mai 2017

    Traumhaft schöne Fotos, Bilder aus einer anderen Welt, die einen berühren.

    Antworten
  • Marga on 25. Mai 2017

    Ein traumhaftes Land.EIne andere Welt.
    Da hat man sofort Lust hinzufahren.
    Leider bin ich zu schissig für solche Touren.
    Ich kuck und lese lieber so tolle und informative Blogs wie diesen hier.

    Antworten
  • Stefan on 25. Mai 2017

    Wahnsinns Bilder und instant Fernweh.

    Antworten
  • Steffi H. on 25. Mai 2017

    Interessanter Reisebericht. Hat mich sehr inspiriert

    Antworten
  • Sandy on 25. Mai 2017

    Ein toller Bericht und vorallem sehr schöne Bilder <3 vielen Dank dafür! :)

    Antworten
  • Kai on 26. Mai 2017

    wow, noch nie dort gewesen, das aber macht extrem viel Lust darauf, hinzureisen… sehr schöne Bilder!

    Antworten
  • Reinhard on 26. Mai 2017

    Großartig!!!!!!

    Antworten
  • Stefan on 26. Mai 2017

    Hallo is ne schöne Gegend

    Antworten
  • Julia on 26. Mai 2017

    Einfach wow !
    Bin auf den nächsten Trip gespannt

    Antworten
  • Thomas on 26. Mai 2017

    Macht Lust direkt wieder den Koffer zu packen – und Los…..

    Antworten
  • Diana on 26. Mai 2017

    Tolle Bilder. Traumhaft schön, die die Lust am Reisen und entdecken wecken

    Antworten
  • Martina on 26. Mai 2017

    Wenn man schon nicht diese atemberaubenden Gegenden bereisen kann, so ist es doch schön wenigsten anhand der Bilder davon zu träumen

    Antworten
  • Barbara on 26. Mai 2017

    jetzt hat mich das Reisefieber wieder mal gepackt!

    Antworten
  • Andrea Braun on 26. Mai 2017

    Ich würde sehr gerne das Fineart-Print „Brücke über den Kan Thar Yar Lake, Hpa An“ gewinnen.
    Liebe Grüße,

    Andrea Braun

    Antworten
  • Simon on 26. Mai 2017

    Allerdings ist jedes Landschftsbild auf der Seite sehr schön

    Antworten
  • Petra on 27. Mai 2017

    Eine sehr schöne Reiseepisode durch eine wenig besuchte Region dieses wunderbaren Landes! Mit ganz tollen Bildern! Danke!
    Trotz der Öffnung Myanmars und dem Anstieg der Besucherzahlen ist zum Glück noch kein Massentourismus in das „Goldene Land“ eingefallen. Die beschriebene Route kann man nun übrigens auch von Thailand aus kommend überland bereisen. Über den Grenzort Mae Sot ist die Einreise mit Online-Visum problemlos möglich. Eine vollkommen neue Erfahrung, wenn man die ehemals strengen Reisebedingungen Myanmars betrachtet.

    Antworten
  • Oliver W. on 5. Juni 2017

    Seit ein paar Wochen wieder zurück aus Myanmar, konnte ich die Reiseepisode mit einigem Schmunzeln/ Lachen und Zustimmung nachvollziehen.
    Ob es die Zugfahrt In der Holzklasse war, die Fahrt auf dem Ayawaddy oder die ganz normalen Begegnungen. All das wird dauerhaft in Erinnerung bleiben. Hilft es doch sich von Zeit zu Zeit neu zu erden.

    Antworten

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