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The Travel Episodes

Bild Belka

Es war Meile 1 auf dem Weg nach Bagan. Zug „64 Up“. Die Kalifornier und ich trafen uns zufällig am Bahnhof von Yangon. Sie waren zu dritt: Ein Kluger, ein Großer und ein Sensibler, dessen Augen noch nicht alles gesehen haben, wovon sein Herz längst wusste. Nun saßen wir zusammen in einem Abteil und warteten ungeduldig auf die Abfahrt. Auf das Pfeifen des Schaffners. Auf das rhythmische Schlagen der Räder auf den Gleisen.

Draußen auf dem Bahnsteig wurde es voller. Das Stimmengewirr summte jetzt wie ein Bienenstock, dem sich ein Imker nähert. Der burmesische Laufjunge kam und brachte uns das Bier, das wir durch das offene Fenster unseres Waggons in Auftrag gegeben hatten. Vier Flaschen „Myanmar“, vier Flaschen Wasser und eine Packung getrockneter Früchte – das war unser gesamter Proviant für die nächtliche Durchquerung des Landes. Wir feilschten im Scherz mit dem Jungen, weil es das war, das die Augen der kleinen Verkäufer zum Leuchten brachte. Er sprach kein Englisch bis auf die Zahlen und Floskeln, die für das Florieren seines Geschäfts unabdingbar waren. Doch er schlug sich tapfer und faltete währenddessen seine Plastiktüte wieder ordentlich zusammen. Der Zug setzte mit einem heftigen Ruck zur Fahrt an. Wahrscheinlich haben wir das obligatorische Pfeifen verpasst. Der Junge rief: „Senk you, Sir!“, und sprang dann mit einem breiten Lächeln, das seinem satten Trinkgeld galt, in letzter Sekunde aus unserem Abteil und blieb auf dem Bahnsteig zurück.
 
 

 
 

Wir verließen Yangon – diese Stadt, in der die Pagoden in echtem Gold glänzen und am Straßenrand Pferdekutscher auf Kundschaft warten, in der Mönche in langen Reihen zur Morgenspeisung schreiten und Nonnen Almosen bei den Bewohnern einsammeln. Jede Ecke verbarg hier eine Geschichte. Jeder Passant schien ein Botschafter einer längst vergangenen Zeit zu sein. Die Kalifornier sahen in Yangon vor allem die Exotik der Bazare und fremdartige Riten, die nichts mit ihrem Leben in San Francisco zu tun hatten. Ich stolperte über die aus den Bürgersteigen ragenden Pflastersteine und atmete Heimat ein – den Smog, das feuchte Grün der von dichten Baumkronen behangenen Alleen, den Hauch des Morbiden. Nichts davon war mir fremd, alles erinnerte an Zuhause. An Alma-Ata. Rob fragte, wo das läge. Ich sagte: „in Kasachstan“. Rob gab zu, es nicht auf der Karte zeigen zu können. Ich antwortete, die Golden Gate Bridge hätte ich auch gar nicht so beeindruckend gefunden. Wir lachten.

Langsam und unsicher wie ein Tier, das gerade aus der Narkose erwacht, kämpfte die Lokomotive mit den Gleisen unter ihren Gussrädern. Die Schienen leisteten Widerstand und gaben an der Stelle, wo sie miteinander verschweißt waren, ein lautes Protest-Poltern von sich. Die Burmesische Staatseisenbahn hat ihre besten Jahre lange hinter sich. Die hellgrünen abgewetzten Samtsitze unseres Erste-Klasse-Abteils waren nur noch lose im Fußboden verankert. Es gab kaum eine Lehne, auf die man sich hätte stützen könneb – die meisten gaben unter dem Gewicht des Körpers nach. Irgendwoher tropfte Wasser auf den Boden und bildete Pfützen. Woher, wollten man nicht so genau wissen. Fenster gab es nicht mehr – nur Rahmen waren geblieben. Man konnte sie mit einer Blech-Jalousie in der Nacht notdürftig verschließen. Wir taten es nicht, weil der Wagen dann etwas von einem Viehtransporter hatte. Nicht nur einmal waren wir uns sicher, dass der Zug jede Sekunde entgleisen würde, weil sein qualvolles Stöhnen wie ein letztes Lebewohl klang. Aber der Zug kämpfte weiter, Kurve um Kurve, Meile um Meile. Auf keiner meiner bisherigen Zugreisen durch Asien habe ich den zurückgelegten Weg, das Surren und Krächzen der Maschinen, so deutlich im eigenen Körper gespürt. Nirgendwo sonst war man mehr unterwegs.

Dies war der elendeste Zug, dies war der beste Zug von allen.

Die Häuser rechts und links von den Gleisen wurden immer seltener, bis irgendwann die große Stadt und alles, was zu ihr gehörte, vollständig in der Ferne verschwand. Vor unseren Fenstern trieben nun Hirten ihre Kuhherden auf die Wiesen zwischen den Tempeln und von dort nach Hause. Mütter badeten Kleinkinder am Ufer des Irrawaddy. Schwestern und Töchter wuschen Spuren schweißtreibender Feldarbeit von ihren Körpern und ihrer Kleidung. Söhne und Väter schürten Feuer, über denen dampfende Töpfe mit Reis hingen. Büffel grasten. Kinder kreischten. Burma lebte am Ende des Tages noch einmal auf. Mit jeder Meile, die der Zug an Fahrt zunahm, wurden wir öfter und heftiger in unseren Sitzen herumgeworfen. Das ohrenbetäubende Quietschen der Bremsen, wenn der Zugführer eine Kurve nahm, verschluckte die Sätze, die wir einander zuwarfen. Wir hielten unsere Köpfe aus dem Fenster, kniffen die Augen zusammen und schluckten heißen Gegenwind – so wie man das macht, wenn man jung und hungrig ist. Wir waren euphorisch. Wir tranken. Und wir alle spürten die elementarste aller Freuden. Die Freude darüber, dass wir am Leben waren – hier an diesem Ort, den zuhause keiner kannte, und der uns zu jenen Abenteurern machte, als welche wir uns selbst gerne sahen.

Die Melancholie kam erst später. Sie kam den weiten Weg vom Horizont – dort, wo die Sonne langsam unterging – und schlich sich leise zu uns ins Abteil. Es dämmerte. Durch die offenen Fenster strömte der Rauch von den Feldern. Für eine Weile sagte niemand etwas. Wir starrten nur in den Sonnenuntergang, der für uns alle etwas anderes bedeutete. Dann begann Julien von seiner Kindheit zu erzählen. Er sagte, er hätte keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder. Seine Stimme klang heiser und leise. Er stockte. Ich antwortete, ich habe meinen Bruder nie kennengelernt. Rob hielt sich an der Bierflasche fest, seine Lippen waren fest aufeinander gepresst. Greg starrte noch immer in den Sonnenuntergang, als würde der letzte Sonnenstrahl ihm eine Antwort geben können, die er sonst nirgends fand. Jeder von uns dachte an zurückgelassene Orte und verlorene Freunde, an Versprechen, die man einander gab und nicht einhielt, an Briefe, die nie geschrieben wurden. Julien sprach weiter. Sein Gesicht war nur noch schemenhaft zu erkennen – ein dunkler Fleck mit wenigen hellen Linien. Nur manchmal, wenn der Zug an einer Station vorbeifuhr, sah man seine Augen in der Schwärze der Nacht aufblitzen. Ab und zu nickte einer von uns. Ab und zu heulten wir lautlos zusammen. Hier saßen wir – drei US-Amerikaner und ein Kind der Sowjetunion – vier Menschen, deren Eltern die Sprache der jeweils anderen nie sprechen würden und deren Kulturen sich im ewigen Streit miteinander befanden. Hier saßen wir, teilten miteinander die letzte Flasche Bier und unsere Schrammen. Die Nacht hing jetzt über Burma. Es gab kein elektrisches Licht, das unsere Reise erhellte – nur den Mond, der die Landschaft in ein dumpfes Grau hüllte. Wir haben schon lange zu reden auf-gehört. Alles, was in der Dunkelheit übrig blieb, war das Schwanken des Zuges und unsere Erinnerungen. Die Gesichter der anderen sahen wir nur noch als Abdruck vor unserem inneren Auge. In meinen Kopfhörern sangen die Kings of Leon:

„I walked a mile in your shoes, now I’m a mile away and I’ve got your shoes.“

Als der Morgen kam, war der Zauber vorbei. Mit dem lauten Hupen der Lokomotive, das die Ankunft in Bagan ankündigte, verabschiedete ich mich hastig und ging. Ich flüchtete. Ich musste es tun, denn das war alles, wonach man beim Reisen sucht und worauf man bei Begegnungen wie diesen hofft: dieser kurze Augenblick – das geteilte Leben. Im Bruchteil der Zeit haben wir mehr voneinander erfahren als von Freunden, die wir zu Hause zurückgelassen haben. Jeder weitere Abend, jedes weitere Gespräch würde nur noch ein Weniger sein, eine blasse Kopie von diesem Moment. Also schnappte ich die Schuhe von jemand anderem oder lief ganz barfuß hinaus. Wer weiß es schon so genau. Wie immer auf Reisen, ließ ich etwas von mir zurück und nahm doch mehr mit, als ich vorher besaß.

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Mit 5 Jahren wurde Belka als blinder Passagier an Bord einer sowjetischen Il-86 geschleust und leidet seitdem an Fernweh. Heute ist sie Mit-Herausgeberin und Redakteurin des Print-Magazins „The Fernweh Collective“. Sie lebt in Berlin und träumt von einer Hütte auf Sansibar.

Leserpost

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  • Norah on 21. Juni 2017

    Die Freude, von der du da erzählst, die Freude darüber am Leben zu sein und die Gewissheit zu spüren an genau dem richtigen Ort zu sein, im hier und jetzt, diese Freude ist mir auf Reisen auch schon begegnet. Meist urplötzlich und unerwartet, in den banalsten Momenten, immer bewegend und intensiv. Für mich die wichtigsten und besten Momente.

    Sehr schön war es, das Lesen dieser Geschichte. Danke Belka!

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  • Rainer Feichter on 21. Juni 2017

    Liebe Belka,

    noch nie war ich so mit unterwegs, so tief mittendrin im Erlesen und Erleben einer Reise, wie beim Lesen deiner Zeilen. Ohne Übertreibung: das ist Weltklasse.
    Erinnerst du dich noch an Nick Kershaws Worte: „Wouldn’t it be good to be in your shoes? Even if it was for just one day? Wouldn’t it be good if we could wish ourselves away?“

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  • Philipp on 21. Juni 2017

    Große Beobachtungen, große Sätze. Danke!

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  • Anika on 22. Juni 2017

    Ich liebe es – ich liebe es so sehr!!!

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  • Finja on 30. Juni 2017

    Was für ein toller Artikel, Belka du schreibst du unglaublich schön!!
    X finja / http://www.effcaa.com

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