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The Travel Episodes

Off-Road to Istanbul / Teil 2

Über Bock und Stein

Unser erstes Ziel ist die Benediktenwand im Voralpengebirge. Einer alten Volkssage nach ruht der mächtige Bergrücken auf vier goldenen Säulen und birgt im Innern unermessliche Schätze. Das wollen wir uns genauer anschauen.

Mit 1801 Höhenmetern und einer Lage direkt am Alpenrand verspricht die Besteigung atemberaubende Aussichten und Bilder. Wir erreichen das kleine Dörfchen Arzbach gegen Abend und verbringen unsere erste Nacht ausnahmsweise auf dem Campingplatz. Das mag zwar nicht so abenteuerlich sein, garantiert uns aber für die Zeit unseres Aufstiegs einen sicheren Ort für unser Hab und Gut.

Aufgewacht!

Acht Uhr morgens. Nachts hämmerten die dicken Tropfen des Alpenregens gegen unsere Zeltwände. Es war zwar eine lange Nacht, aber kaum ein erholsamer Schlaf. „Hoffentlich sind wenigstens die Schuhe unter dem Anhänger nicht völlig durchnässt“, dachten wir. Diese kleine Hoffnung wurde mit dem Blick aus dem Zelt vernichtet. Wir hatten es tatsächlich geschafft, unseren Anhänger über einer schmalen Bodensenke auf dem Rasenplatz aufzubauen, sodass sich darunter eine große Wasserlache ansammelte.

Doch für Trübsal blasen bleibt bei unserem Plan, die Benediktenwand zu besteigen, keine Zeit. Wir wollen gegen Mittag auf dem Gipfel sein und so früh wie möglich aufbrechen.

Mit drei schweren Rucksäcken, in denen sich unter anderem etwa neun Liter Wasser und unser Kameraequipment befinden, machen wir uns um neun Uhr auf den Weg. Die ersten hundert Meter sind unheimlich idyllisch. Mit jedem Atemzug saugen wir den Geruch des dichten Waldes in uns auf.

Das leise Knirschen des Kieses unter unseren Füßen. Die Gesänge der Vögel in den Baumwipfeln.

Nach etwa einer Stunde lichtet sich der Wald und macht Platz für eine weite, flache Grasebene mit einem schmalen, geschotterten Weg. Vorbei an einer Alm, zahlreichen Kühen und bayerischen Warmblütern wird dieser Weg uns zunächst bis zum Fuß der Benediktenwand und ab dann hinauf zum Gipfel führen.

Mit suchenden Griffen nach stabilen Ästen steigen wir den schmalen, steinigen Pfad empor. Nach ein paar hundert Höhenmetern wartet ein kleiner Gebirgswasserfall auf uns – ein geeigneter Platz, um kurz durchzuatmen und unsere Flaschen mit dem kristallklaren Wasser aufzufüllen. Wir brauchen für die ersten 1500 Höhenmeter drei Stunden länger als geplant, weil es entlang des Weges viel zu fotografieren gibt. Eigentlich sollten wir den Gipfel bereits nach zwei Stunden erreicht haben.

Gegen 14 Uhr mittags verdichten sich die Wolken, nur wenige Zentimeter über dem Boden schweben Nebelschwaden. Die Wolken bewegen sich rasant. Wir finden einen geeigneten Ausblick auf den knapp 200 Meter entfernten Gipfel, bauen Stativ und Kamera auf, positionieren die Kamera in Richtung Gipfelkreuz, um einen Zeitraffer aufzunehmen. Klick. Klick. Klick. Während unsere Kamera eifrig im Intervall Bilder schießt, teilen wir uns einen halben Laib Brot, ein großes Stück Bergkäse und eine Salami.

Wir packen unsere Sachen und erklimmen die letzten Meter zum Gipfel. In den Wolkenlöchern bietet sich uns eine unbeschreibliche Aussicht auf die Voralpen. Wir empfinden grenzenlose Freiheit.

Für den Rückweg wählen wir eine andere Route, um in einer nahegelegenen Alm einzukehren. Beim Abstieg stoßen die Zehen unangenehm vorne an den Schuh, es drückt und brennt. In Gedanken an das kühle Bier auf der Alm beißen wir die Zähne zusammen.

Steinböcke!


Peter und Robin geben den Schritt vor. Plötzlich raschelt es rechts neben uns im Gestrüpp. Wir drehen langsam unsere Köpfe. Bedächtig, da es womöglich ein Tier sein kann, das wir nicht verscheuchen wollen. Und tatsächlich stehen keine zehn Meter von uns entfernt in dem dichten, dunkelgrünen Nadelgeäst drei große, prächtige Steinböcke, die uns neugierig anschauen. Lucas packt behutsam seine Kamera aus und nähert sich den Tieren vorsichtig. Die Steine unter Lucas Sohlen knirschen leise, wir halten den Atem an. Die gewaltigen Hörner der Steinböcke ragen aus dem dichten Geäst heraus und bieten einen prachtvollen Anblick. „Klack“ ein Foto, „Klack“ dann noch eines. So eine Gelegenheit kommt selten, wir verbringen eine gute viertel Stunde mit Fotografieren. Bis die Steinböcke uns den Rücken kehren und sich in das Felsenmeer am Hang zurückziehen.

Steinbock Foto

Zischhhhhhh! Frisches Bier, eine warme Stube erwarten uns auf der Alm. Wir essen, trinken und lachen bis sich der frühe Abend ankündigt. Wir haben die Zeit vollkommen vergessen. Wir vermuten, dass uns noch ungefähr drei Stunden Tageslicht bleiben und brechen sofort auf. An einer Kreuzung, nicht weit von der Alm entfernt, findet sich ein Wegweiser, der uns mitteilt, dass wir voraussichtlich fünf Stunden hinunter ins Tal brauchen. Wir haben weder Taschenlampen noch sonst eine Lichtquelle dabei. Auch keine Karte. Unsere Kleidung ist für eine warme Sommerwanderung ausgelegt und nicht für eine Übernachtung im Wald. Wir haben keine Wahl: Wir müssen zurück zu unserem Auto und das möglichst noch vor Sonnenuntergang.

Robin fällt nach einiger Zeit von der Gruppe ab. Seine Beine schmerzen nach knapp zehn Stunden Wanderung unerträglich, er kann den Rucksack nicht mehr tragen. Nach unserer Zeitrechnung haben wir noch drei Stunden zu laufen. Wir sind mitten in den Bergen. Der Pfad vor unseren Füßen ist so schmal, dass man ihn in der Dämmerung kaum wahrnehmen kann, die von zahlreichen Wanderern vor uns abgelaufenen Steine sind durch den abendlichen Tau rutschig. Peter trägt Robins Rucksack, während Lucas versucht sich zu orientieren. Robin reißt sich zusammen und so gelangen wir auf einen großen Waldweg und folgen ihm bergab.
 
 
Alpen_6
 
 

„Seid nicht mehr in der Dunkelheit am Berg“

Wir haben keine Ahnung, wo wir sind. Wir wissen nicht mal, ob wir auf dem richtigen Hang sind und ob wir wirklich in das richtige Tal laufen. Die Wirtin hatte uns zwar noch ein paar helfende Worte auf den Weg geben wollen, aber ihre Mahnung „Seid nicht mehr zur Dunkelheit am Berg, ihr könnt sonst nicht gefunden werden“ ist jetzt das Einzige, das in unseren Köpfen herumschwirrt. In Endlosschleife zieht dieser Satz durch unsere Gedanken, denn langsam können wir uns auch nicht mehr einreden, dass die Nacht noch lange nicht beginnen würde. Wir sind mitten drin. Der Mond entpuppt sich als unsere einzige Lichtquelle und der Wald beschallt uns mit seinen nächtlichen Gesängen. Die Nacht treibt uns an und lässt uns unsere Schmerzen vergessen. Hatten wir im Aufstieg noch Stunden mit unseren Kameras verbracht und die Schönheit der Natur genossen, so sind wir jetzt gänzlich auf das Laufen konzentriert. Wir wollen nur noch eines: ankommen.

„Da! Ein Schild!“, ruft Lucas.

„Zwei Stunden noch! Wir sind richtig.“ Unsicher, ob erleichtert über den richtigen Weg oder ernüchtert über die Zeitangabe, setzen wir unseren Weg fort. Es beginnt zu regnen. Der Weg unter uns wird zu einer breiten Waldstraße, die Steigung nimmt ab. Der Wald um uns herum lichtet sich und mehr Mondlicht dringt durch die Baumwipfel. Endlich erreichen wir eine Kreuzung, die wir wieder erkennen. „Hier sind wir vorhin rechts abgebogen. Wir sind eine große Schlaufe gelaufen“, stellt Peter fest. „Wir haben es fast geschafft.“ Unser Abenteuer ist glimpflich ausgegangen. Das hätte es aber nicht müssen. Wir waren naiv und hatten einfach Glück.

Nach einer weiteren Stunde erreichen wir völlig durchnässt das Auto, es ist halb elf. Wir waren insgesamt dreizehn Stunden unterwegs. Vermutlich hat sich niemand zuvor so sehr über eine nächtliche, durchnässte Autofahrt zurück zum Camp gefreut, wie wir an diesem Abend.

* * *

Die Reise geht weiter! Teil 3: Hinterhalt an der Grenze

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Hinterhalt an der Grenze

3. Kroatien

Hinterhalt an der Grenze

Wir fuhren durch Bosnien Herzegowina und wollten nach Kroatien – und kamen wir nicht nur an eine Landesgrenze, sondern auch an unsere persönlichen Grenzen. ((Eine Geschichte über Lug und Betrug, leider.))

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Das große Ziel

1. Deutschland

Das große Ziel

Jonas, Robin, Lucas und Peter reisen auf einem Off-Road-Trip quer durch Osteuropa. Ihr Auto: ein Geländewagen. Ihr Ziel: Istanbul. Ein großes Abenteuer vierer Freunde, in dem Freiheit und Ungewissheit nah beieinander liegen.

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Off-Road to Istanbul

Peter, Lucas, Robin & Jonas

Peter Hartlieb, Lucas Körner, Robin Bugdahn und Jonas Hermann kennen sich schon ziemlich lange, schon seit der guten, alten Schulzeit. Wenn die vier Freunde nicht gerade durch die Weltgeschichte reisen, studieren sie oder arbeiten zusammen an kreativen Projekten unter dem Namen Jvgnd Stijl.

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