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The Travel Episodes

Eine Odyssee in den Philippinen

Ich, die Liebe und andere Katastrophen

Frisch getrennt begibt sich Marco Buch auf eine Berg- und Talfahrt in den Philippinen. Er trifft tätowierte Mädchen, tanzende Mörder und testet Tinder.

Hahnenkämpfe, Schweine am Spieß und ein Friedhof, auf dem Menschen leben in einer Hauptstadt voller Gegensätze.

Manila. Es ist abnorm heiß. Am Flughafen wuselt es. Ich kann es noch nicht fassen: Philippinen. Vor drei Tagen wusste ich noch nicht, dass ich hier enden würde.

Ich bin frisch getrennt von meiner langjährigen Partnerin. Für diese Reise (und fürs erste auch für mein Leben) soll der Plan lauten: Kein Plan. Ich will meiner Intuition folgen und mich einfach treiben lassen.

Mein Hostel liegt am anderen Ende der Stadt. Ein Haufen Taxifahrer umringt mich am Ausgang des Flughafens. Nach einigem Verhandeln finde ich einen jungen Filipino, der mich günstig nach Santa Cruz bringt.

Auf einer großen Straße fällt mir auf, dass sich hier riesige Bordelle mit Kirchen abwechseln.

Nach der ersten, ziemlich schlaflosen Nacht im Vierzehnbett-Zimmer sitze ich müde in der Küche und beobachte ein paar Hippie-Typen, die Obst in ihr Müsli schneiden. Ein spanischer Lockenkopf herrscht mich an: „The tour starts now, get ready!“ Ich kann mich nicht erinnern, eine Tour gebucht zu haben, aber ich bin zu schwach zum Opponieren.

Kurz darauf überquere ich mit einem Haufen unbekannter Menschen die geschäftige Straße und stehe plötzlich mitten im North Cemetary. Ich glaube, ich bin noch nicht mal wach.

Erst jetzt dämmert mir, dass dies genau jener Ort ist, den ich schon seit Jahren sehen wollte. Ein Friedhof, so groß wie eine kleine Stadt – und ziemlich lebendig: In den Gruften leben Menschen. Zwei Stunden lang werden wir von einer freundlichen alten Dame über das Gelände geführt, meist begleitet von einer Schar Kinder.

Eine Freundin unserer Führerin öffnet uns die Tür in ihre vier Wände. Ihre aufgeräumte Küche ist direkt neben den Gräbern ihrer Verwandten aufgebaut, in einer Art Abstellkammer liegen ein paar Matratzen. Doch die alte Frau wirkt zufrieden. Hier gibt es Strom und Wasser, das könne man nicht von allen Wohngebieten in Manila behaupten.

 
 

Ich lasse ein Stück Papier hinter meiner Hand verschwinden und dann aus meinem Ohr wieder auftauchen. Die Kids sind clever und durchschauen meinen Zaubertrick bereits beim zweiten Mal.

Ich lasse ein Stück Papier hinter meiner Hand verschwinden und dann aus meinem Ohr wieder auftauchen. Die Kids sind clever und durchschauen meinen Zaubertrick bereits beim zweiten Mal.

In der Mittagspause gibt es Lechon Baboy, es ist köstlich. In der Schweine-Bräterei werden ganze Tiere am Spieß zubereitet.

In der Mittagspause gibt es Lechon Baboy, es ist köstlich. In der Schweine-Bräterei werden ganze Tiere am Spieß zubereitet.

Den Nachmittag verbringen wir, zurück auf dem Friedhof, mit einer französischen Hilfsorganisation.

Den Nachmittag verbringen wir, zurück auf dem Friedhof, mit einer französischen Hilfsorganisation.

Ich finde mich mit dem Australier Joshua beim Ausschneiden von Buchstaben für ein Spiel wieder. Um die unbarmherzige Sonne zu vermeiden, sitzen wir in einer kleinen Gruft. Das Bastelmaterial liegt auf dem Sargdeckel.

Ich finde mich mit dem Australier Joshua beim Ausschneiden von Buchstaben für ein Spiel wieder. Um die unbarmherzige Sonne zu vermeiden, sitzen wir in einer kleinen Gruft. Das Bastelmaterial liegt auf dem Sargdeckel.

 

Joshua hat noch etwas vor, und ich schließe mich ihm kurzerhand an: Die beliebte Volksbespaßung Hahnenkampf. Wir betreten einen voll besetzten Ring.

Auf den Rängen schreit das Publikum aus vollem Halse; hauptsächlich Männer, aber auch einige Frauen. Geldscheine wechseln bündelweise den Besitzer. Der Lärmpegel ist unbeschreiblich und wir fühlen uns wie an einem Filmset. Dann lässt man die Hähne aufeinander los. Man hat ihnen an einem ihrer Füße eine etwa fünf Zentimeter lange Klinge befestigt. Und so ist der Kampf oft bereits nach Sekunden entschieden.

“Sometimes I lose, sometimes I win.“

Unser Sitznachbar weiht uns stolz und mit einer Marlboro im Mundwinkel in die Feinheiten des Hahnenkampfes ein. Wir wetten nicht. Der Mindesteinsatz liegt bei etwa dreißig Euro.

Oft sterben beide Hähne. Es ist ein grausames Schauspiel, dessen Unterhaltungswert sich mir nicht erschließt. Wir sehen innerhalb einer Stunde bestimmt zwanzig Hähne ihr Leben aushauchen. Wir verabschieden uns.

Am Abend findet ein kollektives Essen auf dem Dach des Hostels statt. Neben den Travellern sind auch einige Einheimische da, alle aus der Couchsurfing-Community. Mir fällt ein Unterschied zu anderen Ländern, wie beispielsweise Thailand, auf: Die Filipinos begegnen den Reisenden auf Augenhöhe.

Das Essen geht angenehmerweise in ein Besäufnis über. Schon bald habe ich eine Gitarre in der Hand und unterhalte die gesamte Meute. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht und ich genieße jede Sekunde. Bei einer Zigarettenpause lerne ich eine sehr schöne Französin, Aurelie, kennen, die mich sofort in ihren Bann zieht. Ich müsse unbedingt nach Bohol, sagt sie, und nach Dumaguete ebenfalls. Ich versuche, diese Informationen irgendwo in meinem angetrunkenen Hirn abzuspeichern.

Irgendwann gehen alle außer uns in einen Club.

Gleich werden Aurelie und ich uns küssen, denke ich gerade, da taucht ein anderes Mädchen auf.

Die Beiden verstehen sich auf der Stelle, ich bin überflüssig. Ich nehme es pragmatisch. Früh am nächsten Morgen geht mein Flug.
 

* * *

Zweites Kapitel / Cebu

Liebeslieder

Walhaie, ein dunkles Dorf und Herzschmerz-Karaoke.

Fliegen ist auf den Philippinen die einfachste Transportmethode, hatte mir jemand erzählt. Und so sitze ich nun, keine 36 Stunden nach meiner Ankunft, wieder in einem Flugzeug. Dieses spuckt mich in Cebu City aus, seines Zeichens Hauptstadt der gleichnamigen Insel.

Ich teile mir ein Taxi, welches mich am Busbahnhof raus lässt. Als Proviant für die Fahrt in den Süden der Insel besorge ich mir noch Wasser und frittierte Schweinehaut. „Chicharron“ – das Zeug steht hier hoch im Kurs! Nicht zum ersten Mal finde ich es lustig, dass viele Produkte, aber auch Straßen, spanische Namen tragen, aber fast niemand auch nur ein Wort Spanisch spricht.

Auf dem Bildschirm im Bus läuft ein Action-Film, draußen beginnt es zu regnen. Neben mir stopfen zwei übergewichtige Filipinos Pizza mit Mayonnaise und scharfer Sauce in sich hinein. Ich döse weg.
 
 
Bus
 
 
Als ich wieder zu mir komme, läuft bereits Teil 2 der Action-Schmonzette. Wenig später schlägt die äquatoriale Dunkelheit zu. Dann schreit jemand „Oslob“ und ich schnappe meine Sachen.

Es ist interessant, wie man ohne Guidebook nicht mal weiß, wie Ortsnamen geschrieben werden. Man hat nur einen Klang dazu im Kopf.

Es ist stockdunkel und der Bus verschwindet in der Schwärze. Plötzlich taucht ein Moped aus dem Nichts auf. Der Fahrer trägt ein Grinsen im Gesicht und möchte mein persönlicher Tourguide sein. Nur zu, ich bin wahrlich schon mit schrägeren Gestalten mitgegangen!

Daniel bringt mich direkt zu einem Guesthouse, in dem ich der einzige Gast bin. Noch auf dem Moped hat er mir erzählt, was man hier alles unternehmen kann. Ich buche eine Whaleshark-Tour und eine anschließende Weiterfahrt zum Fährhafen. Er kommt morgens um 5, sagt er. Ich gehe dann besser mal schlafen.

Kaum habe ich mich hingelegt, merke ich, dass Schlafen keine Option ist. Mein Fenster grenzt direkt an einen Karaoke-Laden, die Party ist in vollem Gange. Ich ziehe mich wieder an und gehe nach nebenan, um mir das anzusehen.

Schnitt, ein paar Minuten später: Ich habe ein paar Flaschen Bier und Menthol-Zigaretten aus dem Kiosk nebenan geholt und singe mit fünf jungen Studenten Karaoke. Stundenlang.

Es ist bisweilen so emotional, dass ich fast weinen möchte.

Nachdem die Jungs erfahren haben, dass ich frisch getrennt bin und mein Herz noch schmerzt, singen wir nur noch Liebeslieder und liegen uns in den Armen.

Am nächsten Morgen bin ich natürlich unendlich müde und verkatert.

So kann das nicht weitergehen. Heute werde ich auf Alkohol verzichten.

Daniel packt meinen Rucksack auf seinem Moped zwischen die Beine und ab geht es in Richtung Sonnenaufgang. Küstenstraße, leichte Wellen, die Menschen wachen gerade auf. Wow, ist das schön hier!

Die Walhaie sind hier ein gut organsiertes Touristenziel. Bezahlen, Nummer bekommen, Zeug in die Spinde werfen, ab aufs Boot. Zum Glück ist noch nicht so viel los.
 
 

Was für ein unvergleichliches Erlebnis!

Was für ein unvergleichliches Erlebnis!

Ich teile mein Boot mit zwei Holländern, die mir erzählen, dass ihre Lieblingsattraktionen auf den Philippinen die Betten einheimischer Mädels sind. Sie tindern sogar noch auf dem Boot.

Ich teile mein Boot mit zwei Holländern, die mir erzählen, dass ihre Lieblingsattraktionen auf den Philippinen die Betten einheimischer Mädels sind. Sie tindern sogar noch auf dem Boot.

Mein nächstes Ziel! Negros, von Cebu aus gesehen.

Mein nächstes Ziel! Negros, von Cebu aus gesehen.

Zwei Holländer sind unterwegs in Richtung Norden, ich will nach Dumaguete. „Hell’s Inn!“ rufen sie mir noch zu, zumindest ist es das, was ich verstehe. Ich bin sofort interessiert!

Ein leckeres Frühstück aus Huhn und Reis später sitze ich auch schon auf einer kleinen Fähre. Und schon bin ich auf der dritten Insel dieser Reise – wohlgemerkt an Tag vier.

 

* * *

Drittes Kapitel / Negros

Lottes Schulter

Ein halbentwickeltes Entenküken, eine forsche Holländerin und die Frage, warum ich überhaupt hier bin.

Am ‚Hell’s Inn‘ angekommen bemerke ich meinen Irrtum (es heißt eigentlich „Harold’s Inn“) und klopfe dem Motorradtaxifahrer anerkennend dafür auf die Schulter, dass er mich trotzdem an den richtigen Ort befördert hat. Ich checke in ein kleines, spottbilliges Zimmer ein und schlafe den Rest des Tages mit dem Ventilator auf höchster Stufe.
 
 
Bild-12b,-Harold's-Inn
 
 
Am Abend mache ich es mir auf der Dachterrasse gemütlich. Schnell lerne ich eine Menge Leute kennen. Zunächst sehen sich noch alle den wundervollen Sonnenuntergang über den Bergen an, dann startet jemand die Musik.

Es herrscht hier ein Vibe wie bei meinen ersten Rucksack-Reisen vor 15 Jahren und ich genieße es.

„The small beers are really a waste of money. Shall we share a big one?“ fragt mich Cumhur, ein sehr netter türkischer Geschäftsmann auf Durchreise. So viel zum Nichttrinken.

Von 18 bis 3 Uhr trinken Cumhur und ich ein Liter-Bier nach dem anderen, reden über Gott und die Welt, vergessen zu essen und haben eine höllisch gute Zeit.

Menschen kommen und gehen, ein Filipino spielt mit seiner Gitarre ein tolles Konzert, ich verliere haushoch im Billard, da ich mittlerweile zwei Tische sehe. Als die Leute beginnen mich schräg anzuschauen, wenn ich mit ihnen spreche, gehe ich schlafen.

. . .

So schlecht wie am nächsten Morgen ging es mir schon lange nicht mehr. Ich stolpere auf die Terrasse, lasse mich von ein paar Leuten für die Eskapaden der letzten Nacht auslachen, und trinke drei Kaffee hintereinander.

Dann überkommt mich ein völlig unerklärlicher Drang, Dumaguete sofort wieder zu verlassen. Dabei habe ich außer der Dachterrasse noch absolut nichts gesehen!

Aber warum war ich überhaupt noch mal hergekommen? Ja, Dumaguete, das war eine Empfehlung von vor ein paar Tagen gewesen. Aber warum noch mal?

Ich checke aus und warte vergeblich auf ein Motorradtaxi. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mal, wohin ich eigentlich will. Und warum zur Hölle muss ich mir immer so einen Stress machen? Kann ich nicht mal irgendwo bleiben? Ist doch nett hier! Doch immer habe ich das Gefühl, woanders noch etwas zu verpassen. Good old FOMO – Fear of missing out! Und besonders seit der Trennung gönne ich mir im Grunde nicht eine ruhige Minute.

Ich gehe wieder rein, zahle für eine zweite Nacht, und bitte die Angestellten darum, meine vom Schweiß durchweichte Bettwäsche zu wechseln. Nun sitze ich wieder auf der Dachterrasse. Und muss grinsen.

So idiotisch bin ich vermutlich noch nie gereist.

Der Kater lässt langsam nach und ich lerne ein paar neue witzige Leute kennen. Die draufgängerische Lotte aus Holland, die verhuschte Lore aus Frankreich. Ein paar dänische Mädels vom letzten Abend sind auch wieder da, und zögerlich sprechen auch sie wieder mit mir. Sie haben eine Motorradtour zu den Twin Lakes gemacht, die sie sehr empfehlen, aber so viel Action steht gerade für mich nicht zur Debatte.

Etwas später schlendere ich ins Zentrum des Studentenstädtchens Dumaguete. Süß hier! Ein paar koloniale Gebäude, überall klebrig-süße Kokos-Shakes, ein toller Markt, auf dem ich mir ein riesiges Essen für weniger als einen Euro reinfahre. Nun bin ich wieder guter Dinge und habe den Alkohol offenbar ausgeschwitzt.
 
 
Bild-13a,-Dumaguete-Altstadt
 
 
Doch auf der Dachterrasse wird schon wieder gebechert und mir schwant, dass das hier die Hauptattraktion des Städtchens ist. Ich versuche mich an einem kleinen Bier. Schmeckt. Lotte und ich beschließen, uns den Fressmarkt an der Promenade anzusehen, und verabreden uns mit all den Anderen für später in einer Bar.

Auf dem Markt an der Promenade gibt es hauptsächlich frittierte Seafood-Schnipsel, nicht gerade eine kulinarische Sensation. Doch dann bietet mir die Köchin die wahre Spezialität an: Balut, ein halb entwickeltes Entenküken im Ei.

Ehe ich mich versehe, pelle ich auch schon das Ei mit seinem schwarzen Inhalt voller Federn. Obwohl ich den Würgreiz unterdrücken muss, tunke ich eine Hälfte des Eis in Essig und mampfe es herunter, so schnell es eben geht. Ganz schön eklig. Und den leicht vergammelten Geruch bekomme ich nicht mehr von meinen Fingern. Angewidert blicke ich mich nach einem Tricycle um.

Ich muss schleunigst in eine Bar!

 
 
Bild-15,-Balut
 
 

In der Strandbar im Angebot: Cocktail-Pitcher – große Karaffen voller knallbunter Flüssigkeit. Lottes Blick lässt keinen Widerspruch zu. Wir essen mit Käse überbackene Austern und trinken dazu in Rekordzeit erst zwei neonblaue, dann zwei knallgelbe Pitcher aus.

Ich finde, sie sieht mittlerweile aus wie Nora Tschirner. Das scheint ein potentes Getränk zu sein!

Unten treffen wir die Anderen, die ebenfalls schon gut bedient sind. Es spielt nun ein DJ und er macht das überraschend gut. Eine philippinische Biker-Gang hat einen Narren an meiner Frisur gefressen und gibt mir permanent Schnäpse aus. Ich habe keinen Schimmer, über was wir reden, aber es scheint, als ginge den Jungs das ganz ähnlich.

Im Eifer des Gefechts küsse ich Lottes Schulter, was sie dazu veranlasst, von nun an mit den Bikern herumzuhängen.

Man kann nicht behaupten, dass das gerade gut läuft mit den Frauen.

. . .

Während ich am nächsten Morgen einen Liter Orangensaft auf Ex trinke, entdecke ich Cumhur. Er wirkt wie das blühende Leben. Ich hasse ihn dafür.

Als ich ihm erzähle, dass ich hier weg muss, klopft er mir auf die Schulter und ruft:

„Bohol, man! Bohol!“

Ich frage kurz, was es mit dieser Insel auf sich hat, von der ich glaube schon mal gehört zu haben. Cumhur erzählt von weißen Stränden, seltsamen kleinen Äffchen und Hügeln aus Schokolade.
 
 
Bild-16,-Tricycles-in-Dumaguete
 
 

* * *

Viertes Kapitel / Bohol

Grüne Augen und ein Knutschmund

Selbstmordgefährdete Koboldmakis, Sextouristen und eine Portion Verknalltheit.

Ein Jeepney, endlich, es ist ein Jeepney! Schon seit Jahren von diesem Gefährt fasziniert, sitze ich nun plötzlich in einem drin. Mit etwa 40 anderen Menschen. Gemütlich. Eine Stunde lang knattern wir in die untergehende Sonne und halten dabei an jeder einzelnen Kreuzung. Dann bin ich endlich da: Alona Beach.
 
 
Bild-17,-Jeepney
 
 

Hatte ich hier hingewollt? Egal, Beach klingt erst mal gut.

Ich werfe meine Sachen in ein schmuckloses, aber sauberes Zimmer und laufe gleich wieder hinaus.

Alona Beach ist das neue Boracay, sagt man. Das hätte mir zu denken geben sollen. Alles ist hier zugebaut, alles ist voller Touristen. Klar, der Sand ist weiß und die dümpelnden Boote bunt. Aber so was habe ich schon zu oft gesehen, um mich jetzt zu begeistern.
 
 
Bild-19,-Alona-Beach
 
 
Neben Horden übergewichtiger alter Menschen in Taucherklamotten schlurfe ich durch den Sand und spiele mit ein paar wilden Hunden. Dann trinke ich einen überteuerten Kaffee und laufe auf der Hauptstraße zurück zu meiner Herberge. Das ist wirklich nicht so schön hier. Deutsche Biergärten, Rotlichtkneipen, notgeile alte Säcke aus dem Westen.

Die Schilder der Kneipen: „Bei Hans“, „Schnitzelwirt“, „Paulchens Eck“.

Auf dem Rückweg sehe ich eine komplett tätowierte Frau und frage mich, wie man sich nur so verunstalten kann.

Fünf Minuten später treffe ich genau dieses Mädchen, sie heißt Kat, an der Rezeption meiner Unterkunft. Der Anblick ihrer unfassbar grünen Augen und ihres wundervollen Knutschmundes lässt mich die ganze Tinte auf ihrem Körper umgehend vergessen. Ich bin hypnotisiert. Als Kat mich nach fünf Minuten fragt, ob wir die nächste Woche zusammenreisen wollen, höre ich mich ohne Zögern „Ja!“ sagen.

Was?! Ich? Ich wollte noch nie mit jemandem zusammenreisen.

Wir unterhalten uns lange. Über Trennungen, Ex-Partner, das Leben, Gott und die Welt. Wir haben sehr verschiedene Leben und doch fast unheimlich viele ähnliche Probleme. Dann habe ich endlich mal eine ganze Nacht lang Schlaf.

Ich träume von meiner Exfreundin. Wir haben uns im Traum versöhnt.

. . .

Nachmittags treffe ich wieder auf Kat und ein weiteres Mal sitzen wir für Stunden vor der Rezeption und reden und reden. Ich bin ein bisschen verknallt. Doch das kann ich mir abschminken. Wie auch ich bevorzugt sie Frauen.

Am nächsten Tag sitze ich schon früh auf einer 125er Enduro. Kat springt hinter mir auf und wir knattern in unser Abenteuer.

So frei habe ich mich lange nicht gefühlt. Das alte Motorrad fühlt sich gut an, die Sonne kracht vom Himmel, die schöne Frau schmiegt sich von hinten an mich.

Alles schreit: Abenteuer!

 
 
Bild-21,-Kirche-bei-Taglibaran
 
Erster Halt: Eine alte Kirche nördlich von Taglibaran.
 
Der Verkehr ist nicht so schlimm wie erwartet. Kats Hände ruhen auf meinem Bauch. Ihre Brüste drücken in meinen Rücken, was sich wundervoll anfühlt. Let’s face it: Trotz unserer zahlreichen Unterschiede bin ich längst verknallt in dieses seltsame Mädchen.

Wir cruisen weiter über die bildhübsche Insel. Küste, Hügel, Urwald, überall lächelnde Gesichter. Immer wieder zeigen Filipinos auf Kat. Frauen sind hierzulande nicht tätowiert. Sie ist der Star, wo immer wir hinkommen, und ich finde sie gleich noch ein bisschen besser.
 
 
Bild-22,-Strassenszene-auf-Bohol
 
 
Tiefer und tiefer dringen wir in den Dschungel vor. Am Straßenrand trocknen die Filipinos Früchte. Nach einer Weile erreichen wir ein kleines Haus im Dschungel. Hier leben die Kobold-Makis, winzige Äffchen, die stets aussehen, als hätten sie gerade drei Tage Party hinter sich. Wir checken fünf mal, ob der Blitz ausgeschaltet ist, bevor wir sie fotografieren. Kleinste Dinge stressen diese Spezies so sehr, dass sie nicht selten Selbstmord begehen, indem sie ihren Kopf immer und immer wieder irgendwo dagegen schlagen. Kein Witz.

 
 
Bild-23,-Koboldmaki-auf-Bohol
 
 
Weiter nach Loboc. Beim Anblick der Touristengruppen zögern wir etwas, buchen dann aber doch eine Lunch-Cruise auf einem der Kähne. Am Pier spielt eine blinde Mariachi-Band. Ich komme mir vor wie in einem Film.

Wir passieren Bäume, von denen Kinder ins kühle Nass springen, Häuser, die vom letzten Zyklon in der Mitte gespalten wurden und fahren durch unberührten Urwald.
 
 
Bild-24-b,-Boatcruise-in-Loboc
 
 
Kat und ich grinsen um die Wette und sind sehr glücklich. Plötzlich spielt eine 30-köpfige Ukulelen-Band. Noch schräger kann es jetzt eigentlich nicht mehr werden…

Auf dem Rückweg erspähe ich ein großes Kreuz auf einem Berg. Mit fragendem Blick zeige ich hin, Kat nickt sofort euphorisch. Also trete ich unsere Kiste wieder an und wir schießen los. Wir sind on fire, eine beknackte Idee jagt die nächste!
 
 
Bild-26,-Blick-vom-Gipfelkreuz
 
 
Auf dem Weg den Berg herunter bekomme ich mein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Ich könnte platzen vor Glück!

Dann haben wir genug für heute. „Irgendwas mit Nüssen“, sagt Kat zu mir, als ich frage, wo wir eigentlich schlafen werden. „Nuts Huts?“ Ja, das könnte es tatsächlich sein. Aurelie, die schöne Französin in Manila – unsere Begegnung war trotz des verpassten Kusses nicht umsonst.

Die ‚Nuts Huts‘ liegen weit ab vom Schuss. Und sind fantastisch. Eine ewige Treppe führt vom Aussichtspunkt runter zum Restaurant und dann noch viele weitere Stufen zu den Bungalows, die direkt am smaragdgrünen Fluss liegen. Wir checken ein und setzen uns dann ins Restaurant. Der Ausblick ist magisch. An die schönste Stelle hat man ein Himmelbett gestellt und ein Pärchen räkelt sich dort, als gäbe es keine Welt außerhalb dieser zwei Quadratmeter.

 
 
Bild-27-c,-Nuts-Huts
 
 
Nachdem Kat und ich uns gegenseitig mit Leckereien gefüttert haben und von Bier auf Gin Tonic umgestiegen sind, lässt sie sich vor unserer Hütte zu einem Kuss hinreißen, bei dem sie mir fast den Kopf abreißt. Während ich noch überlege, ob ihre Brutalität als Leidenschaft zu deuten ist, oder als Ärger darüber, sich überhaupt auf diesen Kuss eingelassen zu haben, ist er auch schon wieder vorbei.

Das wird so mit uns nichts werden…

Immerhin kuscheln wir die ganze Nacht und unterhalten uns im Stundentakt über die erstaunlich lauten Geräusche der Natur, die uns immer wieder aufwecken.

. . .

„Geheimtipp gefällig?“, werde ich am nächsten Morgen gefragt. „Immer!“, sage ich. Zielgenau deutet der Chef des Ladens auf eine an der Wand hängende Landkarte und sagt: „This waterfall.” Ich schüttle ihm die Hand und wir schwingen uns aufs Motorrad.

Der Geheimtipp ist so geheim, dass wir ihn lange nicht finden. Doch nach ein wenig herumirren, sowie einigen Unterhaltungen mit Einheimischen, wissen wir, warum er diesen Ort empfohlen hat. Ein Wasserfall, fast unwirklich in seiner Schönheit. Fast zwei Stunden verbringen wir einfach nur damit, dort zu staunen, dass solche Orte tatsächlich existieren.
 
 

Dann ist es Zeit, zurückzufahren. Wir zieren uns ein bisschen, denn weder Kat noch ich wollen, dass dieser Ausflug jemals endet. Wir fahren direkt in die untergehende Sonne. Das Meer glitzert neben der Straße. In einem kleinen Ort halten wir kurz an und beobachten eine Big Band bei der Probe. So langsam fehlen mir die Worte.

Wir fahren direkt in die untergehende Sonne. Das Meer glitzert neben der Straße.

 

* * *

Fünftes Kapitel / Palawan

In guten wie in schlechten Tagen

Ein Moped, viel Staub und eine Menge Tränen.

Kurz vor unserer Mopedtour haben wir uns noch Flüge nach Palawan gekauft. Und beide betont, dass wir jederzeit die Freiheit haben müssen, dort alleine weiterzuziehen.

Eine Band, die ausschließlich aus Blinden besteht, spielt Cover-Songs von REM in der Wartehalle des Flughafens.

Auf dem Flug holt mich mal wieder meine Trennung ein, als ich altbekannte Musik höre. Mit Blick von oben auf wundervolle Strände heule ich wie ein Schlosshund. Kat tröstet mich verständnisvoll, was ich sehr süß finde. So langsam wird mir klar, was uns verbindet: Ein kürzlich erfolgter Einschnitt im Leben.

Am späten Vormittag frühstücken wir ausgiebig in unserem Hostel und ich frage an der Rezeption, ob man Palawan auch mit dem Moped erkunden kann. Kann man. Der Plan steht. Der größte Teil unseres Gepäcks ist im Hostel eingelagert und eine Landkarte haben wir auch aufgetrieben.
 
 
Wir passieren uralte Gefährte, kleine Dörfer und Menschen, die Wasserbüffel an Leinen hinter sich herziehen.
 
 

Irgendwann rollen wir ins flache Land an der Westküste, das auch in der Dunkelheit noch dampft vor schwüler Hitze. Sabang.

Wir schlafen in einer Bambus-Hütte. Draußen rumort der nächtliche Dschungel und ich denke beim Wegdösen an die Geschichte der Python, die hier neulich den Haushund verspeist hat.

. . .

Ich erwache mit der Sonne und einem wundervollen Ausblick. Noch lange, muss ich in Richtung der dampfenden Berge starren.

Am Nachmittag cruisen wir mit unserem Moped durch die unbarmherzige Hitze und finden ganz in der Nähe des Dörfchens einen Strand, der eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Denn obwohl er riesig und mit weißem Sand versehen ist, sind wir die einzigen Menschen. Das Schicksal meint es gut mit uns.
 
 

Am Nachmittag cruisen wir mit unseren Mopeds durch die unbarmherzige Hitze und finden ganz in der Nähe des Dörfchens einen Strand, der eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Denn obwohl er riesig und mit weißem Sand versehen ist, sind wir die einzigen drei Menschen. Ein starkes Freiheitsgefühl macht sich breit.

Am Nachmittag cruisen wir mit unseren Mopeds durch die unbarmherzige Hitze und finden ganz in der Nähe des Dörfchens einen Strand, der eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Denn obwohl er riesig und mit weißem Sand versehen ist, sind wir die einzigen drei Menschen. Ein starkes Freiheitsgefühl macht sich breit.

Die Umgebung von Sabang ist geradezu magisch.

Die Umgebung von Sabang ist geradezu magisch.

Immer wieder halten wir an winzigen Kiosken, um Cola oder Kaffee zu trinken. Doch Kat kommt nicht aus ihrer Gedankenspirale raus und nervt mich ohne Ende. Ich bin immer froh, wenn ich meinen Helm wieder aufziehe und sie nicht mehr hören kann.

Immer wieder halten wir an winzigen Kiosken, um Cola oder Kaffee zu trinken. Doch Kat kommt nicht aus ihrer Gedankenspirale raus und nervt mich ohne Ende. Ich bin immer froh, wenn ich meinen Helm wieder aufziehe und sie nicht mehr hören kann.

Nach fast acht Stunden in der Hitze kommen wir am späten Nachmittag in Port Barton an und sehen aus, als hätte man uns durch eine Wüste geschleift. Erschöpfung macht sich breit. Die Konzentration und das Rütteln des Mopeds haben mich komplett ausgelaugt.

Am Strand suchen wir nach einem Guesthouse. Als wir schließlich eines finden, teilt uns eine junge Filipina mit, dass gerade heute wegen eines Familienfestes geschlossen ist. Dann beäugt sie interessiert Kats Tattoos.

Nach ein paar Sekunden sagt sie, dass wir beide vielleicht ausnahmsweise doch bleiben können. Vorausgesetzt, wir nehmen an der Familienfeier teil.

Guter Deal! Ich bin mal wieder überrascht, in welche Situationen uns Kats Körperkunst bringt.

Die junge Frau stellt sich als Cindy vor. Es sei ihr Geburtstag und zur Feier des Tages wird ein ganzes Schwein gegrillt. Dazu gibt es noch mehrere große Fische und allerhand Beilagen.
 
 

Gemeinsam sitzen wir noch lange am Strand, hören philippinischen Pop und haben eine Menge Spaß. Cindy und ihr Freund James sind wirklich herzliche Menschen. Sie erzählen uns von ihrem Plan zu heiraten und genau dort, wo wir gerade sitzen, ein Restaurant zu eröffnen.

Gemeinsam sitzen wir noch lange am Strand, hören philippinischen Pop und haben eine Menge Spaß. Cindy und ihr Freund James sind wirklich herzliche Menschen. Sie erzählen uns von ihrem Plan zu heiraten und genau dort, wo wir gerade sitzen, ein Restaurant zu eröffnen.

Der kleine Seisei hat den größten Spaß von allen.

Der kleine Seisei hat den größten Spaß von allen.

Zu guter Letzt laden uns Cindy und James ein, mit ihnen tags drauf die Inseln zu erkunden.

. . .

Am nächsten Morgen gehen wir am bildhübschen Strand frühstücken. Gegen Mittag brechen wir mit einer kleinen Spelunke auf, die Stimmung ist super.
 
 

Mit uns an Bord: Mehrere Familienmitglieder von Cindy.

Mit uns an Bord: Mehrere Familienmitglieder von Cindy.

An einer flachen Stelle gehen wir alle schnorcheln.

An einer flachen Stelle gehen wir alle schnorcheln.

Nächster Stopp ist ein Wasserfall, in dem wir alle schwimmen gehen.

Nächster Stopp ist ein Wasserfall, in dem wir alle schwimmen gehen.

Von der einzigen Familie vor Ort bekommen wir Baby-Schildkröten gezeigt.

Von der einzigen Familie vor Ort bekommen wir Baby-Schildkröten gezeigt.

Am Schluss fahren wir zur sogenannten German Island, eine Insel, die nach dem Deutschen benannt wurde, der hier für ein paar Jahre ganz alleine lebte. Ich verstehe sofort warum. Die Insel ist wundervoll. Ich glaube, ich möchte der nächste Deutsche sein, der auf dieser Insel lebt.

Auf der Rückfahrt fehlen uns schon wieder die Worte für diesen fantastischen Tag. Wir liegen uns in den Armen und tuckern zum dampfenden Strand. Zu allem Überfluss teilt uns Cindy noch mit, dass sie alle sich abgesprochen und beschlossen haben, dass wir für diese Tour nicht wie vorher vereinbart etwas Spritgeld zahlen sollen. Sie sagt, dass ihre Familie uns so gern hat, dass wir ihre Gäste waren.

Ich habe Tränen in den Augen.

 
Bild-55,-Kat,-James,-ich-und-Cindy
 

Tags drauf geht es weiter Richtung Norden. Die Strecke ist ziemlich anstrengend und lang. Und Kats Beschwerden über ihren Rücken und meinen Fahrstil beginnen mich zu nerven. Es fühlt sich an, als hätten wir eine Beziehung im Schnelldurchlauf durchlebt. Noch dazu eine völlig platonische, was meine Toleranz zusätzlich auf die Probe stellt.

 

* * *

Sechstes Kapitel / Palawan

Was Tinder mit Ameisen zu tun hat

Trennungen, Krankheiten, Dating-Apps und eine Tanzgruppe voller netter Mörder.

El Nido ist wegen der unzähligen vorgelagerten Inseln und verstecken Traumstrände berühmt.
 
 

Kat beschliesst, den Rest der Strecke mit dem Bus zu fahren.

Kat beschliesst, den Rest der Strecke mit dem Bus zu fahren.

Als ich endlich alleine auf der Straße bin, lasse ich buchstäblich Freudenschreie heraus. So macht das Ganze deutlich mehr Spaß.

Als ich endlich alleine auf der Straße bin, lasse ich buchstäblich Freudenschreie heraus. So macht das Ganze deutlich mehr Spaß.

Über Hügel und durch Wälder arbeite ich mich ins nördliche Palawan vor. Ich halte im kleinen Städtchen Tay Tay und esse ein paar Grillspieße. Hier könnte ich tatsächlich bleiben. Ein entzückender Ort und weit und breit kein einziger Touri.

Über Hügel und durch Wälder arbeite ich mich ins nördliche Palawan vor. Ich halte im kleinen Städtchen Tay Tay und esse ein paar Grillspieße. Hier könnte ich tatsächlich bleiben. Ein entzückender Ort und weit und breit kein einziger Touri.

Motorradfahren – ich muss das wirklich öfter machen! Ich bin unglaublich erschöpft und doch sehr glücklich. Gerade als die Sonne spektakulär im Meer versinkt, erreiche ich Corong Corong.

Motorradfahren – ich muss das wirklich öfter machen! Ich bin unglaublich erschöpft und doch sehr glücklich. Gerade als die Sonne spektakulär im Meer versinkt, erreiche ich Corong Corong.

Alles ist voller Backpacker, was natürlich erst mal nett ist.

Alles ist voller Backpacker, was natürlich erst mal nett ist.

Der hammer Ausblick von unserer Terrasse!

Der hammer Ausblick von unserer Terrasse!

Ich habe eigentlich gar keine Lust etwas zu unternehmen, ich bin leider emotional nicht so ganz bei mir. Aber hier in El Nido kommt man um eine weitere Schnorcheltour nicht herum.

Auf einem Holzboot cruisen wir von einer wundervollen Bucht zur nächsten. Doch immer wieder trifft mich in periodischen Abständen der Trennungsschmerz. Und so liege ich, während die Anderen im Kayak das türkise Wasser erkunden, auf dem Deck des Bootes, höre vertraute Musik und heule.

. . .

Am nächsten Morgen bin ich fit und voller Tatendrang. Wir fahren Richtung Nacpan, wo es nun wirklich gar keine Straßen mehr gibt. Doch Kat bekommt schon bald wieder Rückenprobleme und ich merke förmlich, wie die Stimmung auf dem Sozius von Minute zu Minute schlechter wird. Dann verfahre ich mich auch noch. Ich persönlich finde das eigentlich jedes Mal toll.

Sie nicht.

Wir sind wie ein altes Ehepaar.
Ich kann das nicht mehr!

 
 
Bild-63,-Bei-El-Nido
 
 
Als wir nachmittags nach El Nido zurückkommen, bin ich rastlos. Irgendetwas muss heute noch passieren. Ich lade mir Tinder herunter, versuche es zu verstehen, und finde dann schnell ein paar hübsche Mädels, denen ich auch gefalle. Alle drei ‚Matches‘ wollen sich in der Reggae Bar treffen. Praktisch, denke ich, und gehe noch schnell vor der Hütte schwimmen.

Erst im Wasser fällt mir wieder ein, dass ich schon mehrere Abwasserrohre gesehen habe, die direkt hier reingehen. Ich schaue mich um und bin auch tatsächlich allein…

Die Reggae Bar ist eigentlich ganz okay. Es spielt eine recht gute Band und alle sind in Feierlaune. Alle, nur ich nicht. Was zum Teufel ist eigentlich mit mir los? Es wäre zu einfach, alles nur auf Kat zu schieben. Sie ist zum Glück zu Hause geblieben. Und wir haben beschlossen, dass sie morgen alleine weiterfährt.

Doch ich bin auch ohne sie nicht ich selbst.

Ich trinke Rum-Cola aus Marmeladengläsern, um in Stimmung zu kommen. Als es gerade einigermaßen geht, bekomme ich aus heiterem Himmel schrecklichen Durchfall und schaffe es gerade noch in unsere Hütte. Vielleicht die Kloake, in der ich kurz zuvor geschwommen bin?

Nachdem es mir wieder besser geht, laufe ich noch mal zur Bar am Strand. Ich entdecke in der Menge eine der Frauen von Tinder, die mich offenbar verzweifelt sucht. Sie hat jedoch einen fast wahnsinnigen Gesichtsausdruck, sodass ich mir die Kappe tief ins Gesicht ziehe und mich an ihr vorbei zur Tanzfläche schleiche. Jetzt oder nie, denke ich.

Doch als ich gerade ein paar Tanzbewegungen gemacht habe, trete ich in ein Ameisennest.

Die Viecher zerbeißen mir die ganze Wade und jetzt habe ich wirklich die Schnauze voll. Wütend und enttäuscht stampfe ich zurück zu unserem Bungalow.

Ich sitze noch eine Weile auf unserer Terrasse und heule. Dann verbringe ich den größten Teil der Nacht auf der Toilette.
 
 
flughund
 
 

. . .

Mir geht es ziemlich schlecht am nächsten Tag, mein ganzer Körper schmerzt. Ich kann nichts essen und will nichts unternehmen. Bewölkt ist es auch schon wieder.

Zum Magenvirus hat sich noch eine depressive Verstimmung gesellt.

Ich rappele mich dennoch auf und fahre Kat zum Busbahnhof. Das war eine ganz schöne Berg- und Talfahrt mit uns beiden. Sieht sie auch so und wir lachen gemeinsam. Nach einer langen Umarmung steigt sie in den Jeepney und verschwindet im Staub.

Der Rest des Tages ist pure Qual. Ich spaziere ein wenig durch die Straßen, fahre etwas Moped, versuche zu schlafen. Abends kann ich zumindest ein paar Bananen essen.

Hätte ich die Möglichkeit, würde ich genau jetzt nach Hause fliegen.

Geradewegs ins kalte Deutschland. Ich bin seit fast drei Monaten unterwegs, und irgendwie reicht es mir gerade einfach. Die wahnsinnige Tinder-Frau schickt mir alle paar Minuten explizite Nachrichten, was mich dazu veranlasst, die App wieder zu löschen.

. . .

Es geht mir wieder besser. Glücklicherweise, denn ich habe einen langen Tag vor mir. Allerdings kündigt sich eine Erkältung an. Ich frühstücke viel und schnalle dann meinen Rucksack vorne auf mein Moped.
 
 
Bild-68,-Aufbruch
 
 
Leicht fiebrig kämpfe ich mich in einer zehnstündigen Fahrt zurück nach Puerto Princesa. Ich vergleiche das Foto des Tachos vom Abfahrtstag mit dem jetzigen Stand.

Ich bin tatsächlich 900 Kilometer gefahren!

. . .

Tags drauf liegt noch eine letzte Fahrt an: Etwa eine Stunde ans andere Ende der Stadt, ins Iwahig Prison. Schon am ersten Abend auf Palawan habe ich aufgeschnappt, dass man dieses Gefängnis auf eigene Faust besuchen kann. Das kann ich mir nicht entgehen lassen.
 
 

Das Gefängnis ist gleichzeitig ein Bio-Bauernhof, und viele der Häftlinge bewegen sich frei auf dem Gelände. Ich lasse mich von einem herumführen und schenke ihm zum Dank ein paar Zigaretten.

Das Gefängnis ist gleichzeitig ein Bio-Bauernhof, und viele der Häftlinge bewegen sich frei auf dem Gelände. Ich lasse mich von einem herumführen und schenke ihm zum Dank ein paar Zigaretten.

Dann folge ich ihm in den großen Saal des hölzernen Gebäudes, wo eine Gruppe von Häftlingen für Touristen Tanzchoreographien einstudiert hat.

Dann folge ich ihm in den großen Saal des hölzernen Gebäudes, wo eine Gruppe von Häftlingen für Touristen Tanzchoreographien einstudiert hat.

Es stellt sich heraus, dass alle Mitglieder der Tanzgruppe Mörder sind, zum teil mehrfache. Und, dass sie wahnsinnig herzlich sind.

Es stellt sich heraus, dass alle Mitglieder der Tanzgruppe Mörder sind, zum teil mehrfache. Und, dass sie wahnsinnig herzlich sind.

Ich verbringe den Rest des Nachmittags mit ihnen und sie erzählen mir ihre haarsträubenden Geschichten. Einer hat drei Leute getötet, die vorher seine Mutter vergewaltigt und umgebracht haben. Ein anderer hat kaltblütig ein befeindetes Gangmitglied abgestochen.

Viele sitzen hier schon seit mehr als fünfzehn Jahren ein. Das Tanzen aber lässt sie jeden Tag die Motivation finden aufzustehen und darüber hinwegsehen, dass ihre Kinder ohne sie aufwachsen. Für mich ein ungewöhnlicher und eindrücklicher Nachmittag.

. . .

Warum bin ich so planlos und intuitiv gereist?

Die Reise auf die Philippinen hatte sich nur durch einige unvorhergesehene Ereignisse in den Monaten zuvor ergeben, allen voran das überraschende Ende meiner Beziehung. All das hatte mich dazu bewegt, alles einfach so zu akzeptieren, wie es ist. Die Zügel aus der Hand zu geben und darauf zu vertrauen, dass das Schicksal es schon richten wird.

Die Blitzbeziehung mit Kat hat mir im Zeitraffer gezeigt, wie sich Partnerschaften entwickeln können. Oftmals habe ich zwischen uns Parallelen zu meiner gescheiterten Beziehung zu Hause erkannt.

Ich hatte mich unmittelbar nach der Trennung auf diese Reise aufgemacht, in der Hoffnung, so schneller über alles hinwegzukommen. Doch zum Einen habe ich während der Reise sehr oft an die Trennung gedacht, was einige der Reiseerlebnisse deutlich getrübt hat. Zum Anderen bekam ich, wieder zu Hause angekommen, das Gefühl, mich um drei Monate wertvoller Trennungsarbeit betrogen zu haben.

War die Reise nur eine erfolglose Flucht?

Jetzt, ein Jahr nach der Trennung, bin ich bereit, meinem Leben wieder etwas mehr Struktur zu geben. Das Reisen nach Intuition möchte ich dennoch wiederholen.

Bye bye, ihr Philippinen!
Es war intensiv mit Euch!

* * *

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Marco Buch

Marco Buch ist Filmschaffender, Autor dreier Bücher, Blogger, Weltreisender. Er ist ein neugieriger Mensch und viel unterwegs. Marco hat in über 130 unterschiedlichen Jobs gearbeitet und 60 Länder dieser Welt bereist. Er liebt es, Erfahrungen zu sammeln und später Anderen davon zu erzählen. Mit seinem Blog möchte er die Tradition des Geschichtenerzählens am Lagerfeuer ins digitale Zeitalter hinüberretten.

Leserpost

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  • Alex Sefrin on 8. November 2015

    Einfach nur wunderschön!
    Auf diese Art zu Reisen ist wie das Leben im Zeitraffer. Man durchlebt in nur kurzer Zeit so viele Höhen und Tiefen, unendlich viel neue Eindrücke, aber dennoch ist man irgendwie immer auf der Flucht und gönnt sich nicht die Zeit in sich hineinzuhören und Eindrücke zu verarbeiten.
    Auch wenn es vielleicht nicht die perfekte Methode war, den Herzschmerz zu überwinden, es war auf jeden Fall ein unvergessliches Erlebnis, dass Dich weitergebracht hat.

    Antworten
    • Marco on 10. November 2015

      Danke Dir, Alex!
      Leben im Zeitraffer trifft die Sache ziemlich gut!

  • Lena on 8. November 2015

    Hallo Marco,

    ich bin gerade am „Ich, die Liebe und andere Katastrophen“ hängengeblieben. Und habe mit jedem Abschnitt mitgefiebert, mitgelacht, mitgelitten und mitgefreut. Ich habe dieses Jahr selbst das Erlebnis auf Gili Air gehabt, im Momenten der absoluten NaturSchönheit und nach körperlichen Strapazen und Entbehrungen, alles aus mir herauszuweinen.
    Dein Bericht gibt mir das gute Gefühl nicht allein damit zu sein und dass es kein Frauending ist, sondern einfach nur menschlich, Gefühle zu leben, über die Stränge zu schlagen, Wege auszuprobieren, manche Grenzen zu akzeptieren und dafür andere zu öffnen.
    Vielen Dank.
    Nächstes Jahr März geht es auf die Philippinen.

    Liebe Grüsse
    Lena

    Antworten
    • Marco on 10. November 2015

      Danke, liebe Lena!
      Wenn man irgendetwas Gutes über Trennungen sagen kann, dann, dass sie alle Eindrücke wahnsinnig intensivieren.
      Und nein, sich auf all die unterschiedlichen Gefühle, die einen zur gleichen Zeit bestürzen, einzulassen, ist auf keinen Fall nur ein Frauending!
      Ich wünsche Dir ne tolle Zeit auf den Philippinen!
      Liebe Grüße,
      Marco

  • todayis Magazin on 12. November 2015

    Was für ein emotionaler Artikel. Durch die Videos und die verschiedenen Kapitel fühlt es sich an als wäre man live dabei gewesen. Ich hoffe die Reise hat dir geholfen dich zu Ordnen! Ich bin auf jeden Fall gespannt auf den nächsten Bericht :)

    Lieben Gruß,

    Sabrina

    Antworten
    • Marco on 17. November 2015

      Liebe Sabrina, das ist ein tolles Kompliment! Denn genau das möchte ich erreichen: Der Leser soll sich fühlen, als sei er direkt neben mir.
      Danke und liebe Grüße!
      Marco

  • Wibke on 12. November 2015

    Phänomenal!!!
    Dieses Format und vor allem die Geschichte ist wirklich einmalig klasse. Ich hatte beim Lesen fast das Gefühl dabei zu sein :-) Vielen Dank dafür!

    Antworten
    • Marco on 17. November 2015

      Danke, Wibke, das freut mich sehr!!

  • Oli on 14. Januar 2016

    Maroc, die Geschichte ist grandios!
    An einigen Stellen musste ich laut lachen, besonders bei deiner ersten Begegnung mit Kat. Bei anderen Passagen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie du dich fühlst. Im Nachhinein ist es schon erstaunlich, wie du diesen Trip überhaupt gemeistert hast. Neues Jahr, neues Glück! Ich wünsche dir mehr Erfolg mit der Liebe und mir mehr Geschichten von dir ;)

    Bestestens
    Oli

    Antworten
    • Marco Buch on 14. Januar 2016

      Danke Dir, Oli!! Dein Lob freut mich sehr!
      Ich habe so ein Gefühl, dass weniger Liebe die besseren Geschichten hervorbringt. Was die Frage, was ich mir für 2016 wünschen soll, zu einem kleinen Dilemma macht… ;-)
      Hoffe wir sehen uns mal wieder, sei es nun in der Berliner Tram oder auf einem französischen Fluss!
      Liebe Grüße,
      Maroc

  • Samira Streit on 26. Januar 2016

    Hallo Marco,
    in Moment mache ich noch meine Ausbildung, die dieses Jahr abgeschlossen ist. Ich war vor 4 Wochen in ein Buchladen und habe zufällig das Buch ,,The Travel Episodes“ hinter den versteckten Büchern aus dem Bereich ,,Asien“ entdeckt. Wahrscheinlich hat es dort jemand abgelegt weil diesem jemand es doch nicht so gereizt hat. Ich konnte nicht anders und musste dieses Buch kaufen.
    Du musst wissen ich liebe die Welt, und habe schon für mich selbst ein Buch erstellt wo alle Länder reingeschrieben sind die ich gern einmal in mein Leben sehen möchte, darunter auch Indien Philippinen etc.
    Mein Freund und ich lieben fremde Kulturen , ich besonders lerne gern leidenschaftlich Sprachen, einer meiner Hobbys.
    Als ich das Buch innerhalb von 4 Tagen verschlungen habe musste ich es nochmal durchlesen und nochmal bis ich es dreimal hintereinander durchgelesen habe. Und rate mal was mir am besten gefallen hat? Dein Artikel über Philippinen. Es hat mich sehr sehr sehr inspiriert, und ich hab es zu meinen Lieblingskapitel auserkoren aus diesem Buch!!!

    Mittendrin musste ich doch auch mal tatsächlich weinen, weil es mich einfach auch sehr berührt hat.

    Mein Freund und ich wollen wenn wir reisen, Kinder helfen vor allem medizinisch weil ich aus einem sozialen Beruf komme. Mitten drin ist es mein größter Traum mit Kindern aus anderen Länder Kultur zu erleben und jeden von ihnen eine individuelle Zukunft zu geben.

    Deswegen sind wir , mein Freund (der es natürlich auch ratzfatz verschlungen hat) durch dein Arikel noch motivierter geworden und deine Reiseorte in Philippinen stehen nun auch alle in mein Zukunftsreisebuch! Danke das du uns die Welt noch näher bringst!

    Antworten
    • Marco Buch on 3. März 2016

      Liebe Samira,
      Deine Worte haben mich wirklich sehr gefreut! Danke dafür!
      Ich bin sehr stolz, dass ich mit meinen Worten solche Emotionen in Menschen auslösen kann.
      Ich wünsche Euch weiterhin tolle Reisen!
      Liebe Grüße,
      Marco

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