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The Travel Episodes

Die Transpirenaica Wanderung

Zu Fuß ins Herz der Pyrenäen

Die Pyrenäen spannen sich vom Atlantik bis ans Mittelmeer und gehören zu den schönsten Hochgebirgslandschaften Europas. Johanna Stöckl wandert in den Provinzen Lleida und Huesca die zentralen Etappen von Cellers bis Torla.

Die Hitze ist gerade noch erträglich. Ein Grad mehr – das ist eine Drohung an das Universum – und ich verweigere, gehe keinen Schritt weiter, sondern lege mich in den Schatten eines Baumes und warte. Wenn es sein muss bis zum Untergang! Die Sonne sticht seit Stunden gnadenlos auf meinen Kopf. Mein Körper glüht von innen. Jede Pore schwitzt. Die dünnen Socken in den schweren Schuhen qualmen. Anmerken lasse ich mir freilich nichts. Ich gehe weiter. Schritt für Schritt. Aufwärts durch die imposante Schlucht, in deren Steilwänden sich sechs Gänsegeier gerade einen riesen Spaß aus der Hitze machen. Sie nutzen die tolle Thermik und schweben lautlos durch die aufgeheizte Luft. Des einen Freud’, des anderen Leid.

Das Gute am Wandern in der Gruppe ist der Druck, der unausgesprochen von ihr ausgeht. Zu heiß? Keine Lust mehr? Ich doch nicht! Warum?
 
 
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Noch prekärer und zugleich effektiver wird es, wie in meinem Fall gerade, wenn man seine Mitwanderer noch gar nicht richtig kennt. Keiner meiner acht Mitstreiter will sich am ersten Tag schon eine Blöße geben. Niemand eine Schwäche zeigen.

Und so steigen wir im Gänsemarsch weiter auf.

Diszipliniert und der Wärme wegen wortlos. Wäre ich jetzt mit meinem Freund unterwegs, reichte eine klitzekleine Bemerkung und die hitzige Atmosphäre könnte sich entladen. In einem Streit. Mit einem „Was ist los, nicht fit heute?“ würde er mich – da bin ich mir ganz sicher – provozieren und endgültig zur Weißglut bringen.
Jammern, fluchen würde ich, stehen bleiben, ihn ganz nebenbei für alles, auch die spanische Hitze, verantwortlich machen: Zu spät aufgestanden, zu lange beim Frühstück gebummelt etc. pp. Ich muss schmunzeln. Im Zustand meines körperlichen Unbehagens vermisse ich ihn plötzlich richtig stark.
 
 
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Ich gehe jetzt weiter, zum Trotz. Wild entschlossen, den höchsten Punkt der Tagesetappe möglichst rasch zu erreichen. Der bloße Gedanke an meinen Freund zu Hause wirkt beflügelnd. Wie absurd: Obwohl er gar nicht hier ist, will ich es gerade ihm beweisen. Meine eben erfundene Mentaltechnik gegen Hitzekoller in den Pyrenäen erheitert, lenkt mich mindestens 30 Minuten ab und wirkt Wunder. Denn irgendwann bleibt Harry endlich stehen. Trinkpause, verordnet vom Bergführer höchstpersönlich.

Rucksack von den Schultern nehmen, Aluflasche raus und trinken. Ganz viel trinken. Apfel essen. Verschnaufen und den Blick auf die hinter uns liegende Schlucht Barranc del Bosc genießen, die wir eben in einem cirka dreistündigen Marsch ab Terradets durchquert haben.

Da es laut Harry auf dem Rundkurs ab nun nur noch abwärts geht, bin ich selig.

Schöner kann ein Auftakt zu einer Wanderreise eigentlich nicht sein. Wetter bestens, Gruppe nett, Landschaft prächtig. Die Vorstellung, bald in den nahegelegen See Pantà de Terradets oder Hotelpool springen zu können, beflügelt uns alle. Dass wir in etwa zwei Stunden an einem üppigen Buffet stehen werden, ahnen wir noch nicht. Paradiesisch: Es wird Artischocken mit Knoblauchöl, Muscheln satt, gegrillte Salatherzen, Käse, Oliven, frische Tomaten und köstlichen Weißwein geben.

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PS.: Meine Gruppe besteht aus insgesamt neun Personen. Wir kommen, Bergführer Harry Ebinger ausgenommen (er lebt seit 30 Jahren nicht mehr in Karlsruhe, sondern in Spanien) aus ganz Deutschland und haben über den Summit Club, das Reisebüro des Deutschen Alpenvereins, eine geführte Wanderreise in den spanischen Pyrenäen gebucht. Auf Hütten schlafen wir nicht, sondern in ausgesuchten Unterkünften ohne Luxus, aber – was sich noch herausstellen wird – mit sehr viel Charme. Wir wandern täglich zwischen vier und neun Stunden. Und sind uns am ersten Tag schon ziemlich sympathisch. Von unseren Wanderschuhen einmal abgesehen, scheint kein Stinkstiefel dabei zu sein.

 

* * *

Zweites Kapitel

Askese

Das Schöne an einer geführten Wanderreise ist: Du kannst dich voll dem Trekkingmodus hingeben. Der Rhythmus, der mich bestimmt, beschränkt sich im Wesentlichen auf Gehen, Essen, Schlafen.

Klingt monoton? Ist es aber nicht.

Kurze Tagesetappen etwa schenken einem wertvolle Zeit am Ankunftsort, den man nach Lust und Laune selbständig erkunden kann. Sie erlauben einem auch – was vor allem mit fortschreitender Dauer der Tour wirklich wichtig wird – sich dem Thema Regeneration und Pflege entsprechend ausgiebig zu widmen. Außerdem braucht der Mensch Auszeiten von der Gruppe, mit der er wandert, also Zeitinseln für sich alleine.

Für mich als Kaffee-Junkie zusätzlich sehr wichtig: Ich liebe es, Bars oder kleine Cafes zu besuchen um dort mindestens einen Espresso oder zwei zu konsumieren. Ein kurzes Gespräch am Tresen, für ein paar Minuten wenigstens in den Alltag Einheimischer einzutauchen, das ist es wohl, worum es mir dabei wirklich geht.

In València d’Àneu etwa nehme ich mir gemeinsam mit Achim Zeit für einen Bummel durch den zauberhaften Ort, in dem nur ein paarhundert Einwohner leben. Im Bergdorf herrscht gespenstische Stille. Außer ein paar Katzen, die es sich in der Nachmittagssonne gemütlich machen, sehen wir vorerst keine Spur von Leben. An den Steinhäusern, deren Dächer mit Schieferplatten gedeckt sind, zeugen bunt bepflanzte Blumenkästen vor den Fenstern aber davon, dass sie sehr wohl bewohnt sind. Ein schmuckes Dorf.

Ein Traumziel, um vorübergehend auszusteigen, um sich in einem der zwei Hotels vor Ort einzumieten und einen Kriminalroman zu schreiben, denke ich mir insgeheim.

Wir folgen den Stimmen, die wir leise hören. Da! Eine kleine Bar. Vor dem Eingang stehen ein paar unbesetzte Tische und Plastikstühle. Durch einen kitschigen Fransen-Vorhang treten wir ein. Der winzige Laden ist ausschließlich von älteren Männern in Arbeitskleidung besucht. Hinter der Theke steht eine Frau. Ein Jammer, dass unsere Spanischkenntnisse so dürftig sind. Hier könnten wir interessante Gespräche führen, da bin ich mir ganz sicher.

In einer dunklen Ecke hängt ein Fernseher an der Wand. Wir sehen Bilder aus der Heimat. Angela Merkel und Präsident Obama beim G7-Gipfel auf Schloss Ellmau, was hier niemanden zu interessieren scheint. Und ehrlich: Uns gerade auch nicht. Achims kleinen Weißwein und meinen kräftigen Cortado genießen wir daher im Freien. 30 Minuten lang passiert nichts, rein gar nichts auf der Straße.
 
 
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Dann kommt aus im Vakuum der Zeit ein Traktor lautstark um die Ecke getuckert. Der knorrige Mann, der ihn steuert – Zigarette im Mund, speckige Schirmmütze auf dem Kopf – ,winkt uns ausgesprochen freundlich zu und wir natürlich gleich zurück. Der bloße Gruß, nichts weiter als eine flüchtige Geste, wird zu meinem Höhepunkt am späten Nachmittag.

Dieser Wink, er macht mich plötzlich richtig glücklich.

Lange Wanderetappen hingegen schlauchen. Wenn man acht Stunden aktiv auf den Beinen unterwegs ist, dabei bis zu 1.000 Höhenmeter absolviert, muss man andere Prioritäten setzen. Nach der Ankunft im Hotel sehnt man sich dann in erster Linie nach einer Dusche oder einem Vollbad. Kleiner Luxus, der einen richtig selig machen kann. Warum ich liebend gerne lange gehe und nicht fahre, ist leicht erklärt. Beim Wandern komme ich total zur Ruhe, während mich Autofahren beispielsweise stresst. Da sich beim Gehen mein Fokus auf das Steigen an sich beschränkt, rückt das Körperliche in den Vordergrund. Schritt für Schritt. Rauf wie runter.

Weil ich im Job hauptsächlich vor dem Computer sitze, ist das Aktivsein draußen eine Sehnsucht, nein regelrecht ein Drang, in jedem Fall aber ein wunderbarer Ausgleich in der Freizeit. Und dann passiert beim monotonen, stundenlangen Gehen ja auch einiges im Kopf. Man hat Zeit für mitunter kuriose Gedankenspiele und erreicht im Idealfall einen beinahe meditativen Zustand. Nicht selten kreiere ich beim Wandern wunderbare Ideen oder Lösungsansätze für Probleme, die es daheim im Alltag zu stemmen gilt.

Das lange Gehen kostet Kraft, setzt aber auf einer anderen Ebene sehr viel Energie frei.

Die Kulisse, in der man sich bewegt, wirkt zudem Wunder. Das moderate Tempo, mit dem man sich bewegt, schenkt einem die Möglichkeit auf Details in der Natur zu achten. In den spanischen Pyrenäen durchwandere ich Abschnitte, die landschaftlich so reizvoll sind, dass ich ernsthaft in Erwägung ziehe, noch einmal an einen bestimmten Ort zurückzukehren, um mehr Zeit zu haben oder um die Region in einer anderen Jahreszeit, im Winter etwa, zu erleben.
 
 
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Nicht zu vergessen, das große Thema „Essen“, welches man auf einer Wanderreise reuelos genießen darf. Kalorien verbraucht man schließlich garantiert mehr als man zu sich nehmen kann. Kulinarisch haben die Pyrenäen einiges zu bieten. Anders als in den schicken Städten Spaniens oder an den Küsten dominiert in den Bergen eine eher deftige Küche. Abseits von Tapas und Paella genießen wir köstliche Linsen- und Kichererbseneintöpfe, täglich frischen Salat, Würste in allen Variationen, viel Kartoffeln, reichlich Wirsing, gegrillte Blutwurst und – da wir uns nahe an der Grenze zu Frankreich bewegen – immer wieder selbstgemachte Fleischpasteten, die man vor der eigentlichen Mahlzeit zu Baguette reicht.

Dass nach einer langen Wandereinheit das Abendessen regelrecht herbeigesehnt wird, tut der Stimmung in der Gruppe gut. Mit jedem Tag werden die Gespräche am Tisch lustiger, ausgelassener und zugleich intensiver. Das gemeinsam Erlebte schweißt uns Stück für Stück zusammen. Über die Tage formieren wir uns zu einer eingespielten Truppe.

Wir schlafen täglich an einem anderen Ort, was nach ein paar Tagen die lustige Folge hat, dass ich unmittelbar nach dem Wachwerden nie genau weiß, wo ich eigentlich gerade bin. Manchmal muss ich kurz ans Fenster gehen, um mich wieder einzuordnen. Das Wochenprogramm mit den einzelnen Etappen- und Unterkunftsbeschreibungen habe ich mir ausgedruckt. Es liegt jede Nacht neben mir im Bett.

Wo war ich heute? Wo geht’s morgen hin?

 

* * *

Drittes Kapitel

Piepshow

Pyrenäen und Vögel – das gehört irgendwie zusammen. Vorhang auf! Bühne frei! Für spektakuläre Flugshows vor gigantischen Kulissen und eine bezaubernde, frühmorgendliche Vogelhochzeit.

Auf einer Trekkingreise trägt man seine Habseligkeiten ja bekanntlich in einem Rucksack auf dem Rücken und beschränkt sich bei der Wahl der Garderobe daher auf ein notwendiges und vor allem möglichst leichtes Minimum. Die Reduktion spart nicht nur Gewicht, sondern auch Zeit. Mangels Auswahl muss man nie überlegen, was man denn nun anzieht. Außerdem fällt lästiges Kofferpacken aus. Trifft man sich etwa um 7 Uhr zum Frühstück, kann man getrost bis 6.40 Uhr schlafen. 20 Minuten für Waschen, Zähneputzen, Anziehen und Rucksackpacken reichen locker. Geduscht wird ja am Vorabend. Mit jedem Tag werden wir in der Disziplin „Zeitschinden“ effektiver und sind trotzdem pünktlich. Möglichst lange zu schlafen wird das oberste Gebot für alle. Nur so gelingt es, unsere müden Körper Tag für Tag zu regenerieren.

Um 4.40 Uhr – also ganze zwei Stunden vor dem erwarteten Piepton meines Handys – öffne ich schlaftrunken die Augen, weil, … tja, eben weil der Wecker klingelt. Schnell ausmachen! Noch fünf Minuten…

…Weiterdösen.
Das Fiepen hört nicht auf.
OK. Langsam. Licht anmachen.
Orientierungsphase: Wo bin ich eigentlich? Ach ja, Spanien, Pyrenäen.
Panik: Habe ich verschlafen?

Wie spät ist es überhaupt?

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich immer, auch im Winter, bei offenem Fenster schlafe. Langsam realisiere ich: Hier fiept nicht mein Handy! Ein ganzes Vogelorchester tiriliert nur für mich! Ich schließe die Augen noch einmal ganz bewusst und lausche mit Vergnügen dem kostenlosen Naturkonzert, während ich meinen Kopf erneut in das weiche Kissen sinken lasse. Dominante Stimmen im Vordergrund, andere, die eher krächzen, ergeben so etwas wie einen Bass. Und horch! Da! Ganz lieblich, ein zauberhaftes Trällern. Nichts hält mich mehr im Bett.

Vorhang auf! Bühne frei!
The Birds live in concert!

Ich muss aufstehen, im Schlafshirt auf den Balkon treten und die Pyrenäen-Sinfonie genießen. Im Konzertsaal zu dösen ist schließlich ein Fauxpas.

Im Blau der Dämmerung stehend falle ich förmlich aus der Zeit, kippe in eine – tja wie nenne ich das jetzt am besten? – Beinahe-Trance. Während mich die vielen unterschiedlichen Vogelstimmen in der Totenstille des frühen Morgens regelrecht bezirzen und gleichermaßen einlullen, richtet sich mein Blick im Schein der einzigen Straßenlampe auf das gegenüberliegende Gebäude. Der Schriftzug „Hostal Cortina“ lässt sich auf dem desolaten Leuchtreklameschild im frühen Morgenlicht gerade noch ausmachen. Was das leerstehende Haus mitten in den Pyrenäen wohl für eine Geschichte hat, frage ich mich während eine Fledermaus unmittelbar an meinem Kopf vorbeischwirrt. Warum gehen hier, anders als im Hotel La Morera, in dem wir wohnen, keine Gäste mehr ein und aus? Was für eine grandiose Kulisse dieses alte Hotel für einen spannenden Thriller geben würde! Ein kleiner Mord vielleicht?
 
 
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Zurück zum Gefieder. Vögel und Pyrenäen – lerne ich in den kommenden Tagen – irgendwie gehört das zusammen. Nun bin ich aber, was ich im Übrigen seit dem konzertanten Balkonerlebnis in Valènica d´Àneu ernsthaft bedauere, alles andere als ornithologisch bewandert. Ich weiß nicht, welcher Vogel sich mir mit welcher Stimme präsentiert. Rein optisch kann ich eine Amsel, eine Schwalbe und einen Finken erkennen, das schon. Aber majestätisch in der Luft schwebend kann ich einen Steinadler nicht wirklich von einem Falken unterscheiden. Schade eigentlich. Ich will das lernen!
 
 
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In den Pyrenäen jedenfalls sind Vögel ein großes Thema. Sie finden in der Abgeschiedenheit der Berge ideale Brut- und Lebensräume vor. Und so sehen auch wir während unserer Wanderungen spektakuläre Flugshows: Imposante Greifvögel wie Falken, Gänsegeier und Habichte kreisen gelegentlich am Himmel. Auch Steinadler, Auerhuhn und Bussard sind in den Pyrenäen heimisch. Aber auch deutlich kleinere Vögel segeln plötzlich an einem vorbei: Ringdrossel, Zitronenzeisig, Mauerläufer und Bergpieper. Manch einen, wie den Weißrückenspecht, hört man zwar, sieht ihn aber nie.

Zahlreiche Agenturen haben sich auf den Markt der „Birdwatcher“ spezialisiert und organisieren für Vogelkundler aus der ganzen Welt besondere, auch mehrtägige Touren. Claudia aus München, Hobby-Ornithologin, sie ist mit uns auf Wanderschaft, flippt in Torla plötzlich völlig aus. Beim Abendessen im Hotel Bujaruelo sieht sie einen Mann am Salatbuffet stehen, den sie aus diversen Fachmagazinen und Publikationen kennt: Eindeutig. Er ist es: Roberto Cabo! Man muss sich die Situation in etwa so vorstellen, wie wenn ich im Speisesaal gerade auf Lionel Messi treffen würde.

Roberto wer? Für uns, die Ahnungslosen, ornithologisch Unbefleckten, ist Herr Cabo, der mich rein optisch ein bisschen an Richard Gere erinnert, ein Hotelgast so wie wir. Dabei ist der deutsche Naturkundler eine ziemlich große Nummer innerhalb der Szene, sein Buch „Naturreiseführer Spanien“ eine Art Bibel für Menschen, die sich für Spaniens Flora und Fauna interessieren. Roberto ist als Reiseleiter mit einer Gruppe aus Deutschland unterwegs. Sie erkunden die Pyrenäen ebenfalls zu Fuß. Schwerpunkt: Botanik, Ornithologie und Naturkunde. Natursightseeing für Experten also.

Sofern das Gelände es erlaubt, schaue ich ab nun beim Wandern auch gelegentlich in die Luft …

 

* * *

Viertes Kapitel

Für die Ewigkeit

Landschaften, die so atemberaubend schön sind, das wir uns daran nicht satt sehen wollen. Kulissen, die so intensiv wirken, dass wir ewig darin verweilen möchten.

Manche Etappen haben es in sich, obwohl sie gar nicht lang sind. Sie ziehen sich trotzdem. Weil wir alle Nase lang stehenbleiben, um tolle Fotos zu schießen, verrückte Selfies zu produzieren oder um amateurhafte Videos zu drehen. Mitwanderer Olaf zückt sogar – ganz analog – regelmäßig seinen Schreibblock, um sich Notizen zu machen und Szenen schriftlich festzuhalten, weshalb wir ihn innerhalb der Gruppe nur noch den „Wanderpoeten“ nennen.

Jeder in der Gruppe versucht auf seine Art beinahe zwanghaft, das Erlebte für die Ewigkeit zu konservieren.

Gelegentlich aber werden wir alle still, vergessen die Kameras und Facebook, verharren, halten inne und genießen das, was sich vor unseren Augen auftut. Man sehnt sich einen Picknickkorb herbei, eine flauschige Decke, ein Kissen vielleicht dazu und möchte sich selbst in die Szene einbinden, sich ihr hingeben, mit ihr verschmelzen.

Das erste Wow-Erlebnis dieser Art erfahre ich im Nationalpark Aigüestortes, dem einzigen Nationalpark Kataloniens. Mehr als 250 Seen bündeln sich in einer Höhe zwischen 1700 und 2700 Metern auf engstem Raum und bilden die größte hochalpine Seenplatte Europas. Wer hätte das gedacht: Ein Lake-District mitten in den Bergen! Während unserer Tour auf die 2380 Meter hoch gelegene Hütte Refugi d’Amitges gluckst und gurgelt es unentwegt. Wir erleben die reinsten Wasserspiele in den Pyrenäen: Passieren sanft mäandernde Bäche, ruhige Bergseen, in denen sich die umliegenden Gipfel spiegeln, morastige Tümpel, blühende Hochmoore, tosende Wasserfälle, ungestüme Bäche, die vom Schnee gespeist mit voller Wucht ins Tal rauschen.
 
 

Zu guter Letzt ergießt sich am Ende des Tages der Himmel über uns. Als wir in Espot, einem kleinen Dorf in der Provinz Lleida, das entzückende und über 100 Jahre alte Hotel-Restaurant Roya verlassen, schüttet es aus Eimern, was zur Folge hat, dass wir doch noch einen Cortado nehmen … und einen guten Zirbenschnaps dazu.

Im nordöstlichsten Zipfel Kataloniens, im Herzen der spanischen Pyrenäen, liegt das Val d’Aran. Im Norden grenzt das Hochgebirgstal an Frankreich. Aus diversen Wander- und Skimagazinen wusste ich um die Schönheit der Region, welche touristisch im Vergleich zu anderen Gegenden, die wir auf unserer Wanderung erkunden, mittlerweile sehr gut erschlossen ist. Das ist insofern verblüffend, weil das Bergtal während der Wintermonate über viele Jahre regelrecht isoliert war. Von Spanien aus konnte man das Tal schlicht nicht erreichen, da man bis zu 2450 Meter hoch gelegenen Pässe überwinden musste. Lediglich ein Übergang nach Frankreich war auch im Winter offen. Erst seit dem Bau eines Tunnels ist das Arantal nach beiden Seiten ganzjährig passierbar.

Vielleicht ist es gerade diese lange Abgeschiedenheit, die das Tal so manchen Schatz bewahren ließ?

In der Region hütet man nicht nur ein weltweit bedeutendes Ensemble romanischer Kirchen, die im 11. und 12. Jahrhundert von lombardischen Architekten, Künstlern und Steinmetzen geschaffen wurden.

 
 

Bei einer Führung lernen wir Elisa Ros, die Hüterin des Kulturerbes im Val d’Aran kennen und erfahren ganz nebenbei, dass man im Tal zwar Spanisch, selbstverständlich auch Katalanisch, aber hauptsächlich Aranesisch spricht. Die Sprache, die kein Dialekt ist und zum Okzitanischen gehört, wird seit vielen Jahren kultiviert. Von den 6000 Einwohnern des Arantals sprechen immerhin 65 Prozent Aranesisch, eine Sprache, auf die man sonst nur im Süden Frankreichs trifft.

Treppe

Wirklich sprachlos bin ich in der Schlucht von Mont-Rebei. Geformt wurde dieses spektakuläre Naturjuwel in den Vorpyrenäen vom Fluß Noguera Ribagorzana, der sich in vielen Millionen Jahren regelrecht durch das Montsec-Gebirge gefräst und das Kalksteingebirge so geteilt hat. Wer wie wir durch die acht Kilometer lange Schlucht wandert und dabei einmal über eine Hängebrücke läuft, marschiert dabei im Übrigen von Katalonien nach Aragón. An manchen Stellen wird die Schlucht so eng, dass sich die 500 Meter hohen Felswände beinahe touchieren. An anderen öffnet sich der rötlich gefärbte Canyon und macht Platz für den türkisschimmernden Stausee Canelles.

Nicht nur die Natur hat hier ein Meisterwerk hinterlassen.

Von Menschenhand geschaffen wurden auch zwei Himmelsleitern.

 
 

Schwindelfreiheit vorausgesetzt, kann man als Besucher vertikale Wände durchsteigen. Man muss dafür kein Kletterspezialist sein. Über Holztreppen, die mit Handläufen aus dicken Drahtseilen gesichert sind, windet sich der konstruierte Wanderweg wie ein Wurm durch die senkrecht abfallende Felswand. Was für ein Erlebnis!

Manchmal überwältigt einen die Natur recht unsanft.

Wer glaubt, Regen könnte unsere Stimmung oder gar Leistung drücken, irrt gewaltig. Will man trockenen Fußes das Etappenziel erreichen, sorgt angekündigter Niederschlag während einer Trekkingreise sogar gelegentlich für richtig schnelle Beine. Auf dem Sendero de Cazadores, einem Jägerpfad im Nationalpark Ordesa y Monte Perdido, geben wir zwar Gas, verlieren aber schlussendlich gegen die Natur das Rennen. Im Talschluss, einer von schroffen Bergspitzen eingerahmten Hochebene, begrüßt uns ein Wolkenbruch, der uns ins Tal begleitet.
 
 
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Triefnass erreichen wir unsere Herberge für die folgende Nacht, das Hospital de Benasque. Während unsere Schuhe vor dem Kamin trocknen, genießen wir gebratene Ente auf Orangenjus. Verlieren sähe aber anders aus, oder?

Obwohl wir auf dem Heimweg bereits im Kleinbus sitzen, der uns wieder nach Barcelona bringt, eröffnen uns die Pyrenäen, als wir im 100-Seelen-Dorf Riglos für eine Pinkelpause einen Stopp einlegen, einen finalen Höhepunkt zum Abschied. An den senkrechten Konglomeratfelstürmen Mallos de Riglos, die sich in einer Ebene aus dem Nichts erheben, wurde bereits Klettergeschichte geschrieben.
 
 
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In der Bar El Puro genehmigen wir uns wehmütig einen letzten Drink. An der Wand hängt ein signiertes Bild meines Idols. Alexander Huber ist hier auf den Mallo Pisón bereits free solo geklettert, was mir jetzt, wo ich die überhängenden Wände in echt gesehen habe, noch mehr Respekt abringt. Zu gerne würde ich die imposanten Felstürme wenigstens einmal auf dem leichten Wanderweg umrunden.

Es ist wohl die Vielfalt, die mich an den Pyrenäen nachhaltig betört.

Landschaftlich, kulinarisch, kulturell, ja sogar sprachlich wird einem auf relativ kleinem Raum so viel Kontrast geboten, dass es wirklich etwas Zeit braucht, um die Überdosis an Eindrücken überhaupt zu ordnen, geschweige denn zu verarbeiten. Oder aber, man setzt noch einen drauf, fährt wieder hin und wandert weiter. Wer die Berge mag, wird die Pyrenäen lieben. Auf dem GR 11, dem Fernwanderweg durch die spanischen Pyrenäen, könnte ich rein theoretisch vom Mittelmeer über die Berge an den Atlantik laufen.

800 Kilometer und 40.000 Höhenmeter müsste ich dann meistern. Vielleicht sollte ich es versuchen?

 

* * *

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Johanna Stöckl

Als freie Journalistin schreibt Johanna Stöckl für diverse Tageszeitungen und Magazine. Ihre Themen: Sport und Reise. In ihrer Freizeit zieht es die gebürtige Österreicherin zu allen Jahreszeiten regelmäßig in die Berge. Johanna lebt in München. Sie liebt die Natur, gute Bücher und spannende Sportreportagen. Hobby: Auf ihrem iPhone Fotocollagen zu erstellen.

Leserpost

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  • Birgitta & Alex on 1. Mai 2016

    Liebe Johanna,

    man spürt, mit welcher Leidenschaft du über deine persönlichen Erfahrungen berichtest. Du solltest das hauptberuflich mit deinem eigenen Blog machen. :-)

    Saludos desde München

    Birgitta & Alejandro

    Antworten
    • Johanna Stöckl on 3. Mai 2016

      Liebe Brigitta,
      lieber Alejandro,

      danke für euer nettes Feedback. Ja ich schreibe gerne, vor allem, wenn ich mich nicht einschränken oder an strenge Vorgaben halten muss. Ich lebe vom Schreiben und beliefere Tageszeitungen und Magazine. Einen eigenen Blog? Daran habe ich irgendwie noch nie gedacht ;-) Mir reicht es, wenn ich ab und an was für die Travel Episodes liefern darf. Lieben Gruß nach Spanien! Johanna

  • Christian Kuhn on 16. Mai 2016

    Unglaublich toller Bericht. Ich liebe den Norden Spanien und vor allem die Pyrenäen. Eine Freundin von mir wohnt dort auf einem Einsiedlerhof und ich war völlig begeistert von der dortigen Natur. Danke für die tollen Bilder und den sehr schön geschriebenen Bericht!

    Antworten
    • Johanna Stöckl on 20. Mai 2016

      Lieber Christian,

      da du die Pyrenäen kennst, freue ich mich ganz besonders über dein Feedback hier. Das mit der Freundin und dem Einsiedlerhof klingt spannend. Wo genau lebt die Dame denn? Dir wünsche ich eine gute Zeit und dass du hoffentlich bald wieder in die Pyrenäen aufbrechen kannst.

      Lieben Gruß vom Schreibtisch in München von der
      Johanna :-)

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