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The Travel Episodes

Überquerung der Pyrenäen von Ost nach West

Ungezähmte Berge

Es ist Sommer. Wie viele andere Urlauber bade ich im Mittelmeer und springe in die Wellen des Atlantiks. Aber den Weg zwischen den Meeren, den lege ich zu Fuß zurück: In 35 Tagen überquere ich die Pyrenäen, das Gebirge, das sie miteinander verbindet. Von Ana Zirner

Ankommen in der Gegenwart

Die Nacht ist kalt. Nicht wegen der Temperaturen, sondern weil der Wind an meinem Schlafsack zerrt. Als ich davon aufwache und die Augen öffne, sehe ich eine Weile den Wolkenfetzen dabei zu, wie sie über den funkelnden Sternenhimmel jagen. Dazwischen geben sie kurz die prächtig helle Milchstraße frei, die im Gegensatz dazu eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Ich nehme diese mit in meinen Kopf, lasse den Wind weiter zerren und schließe wieder die Augen.

Am Morgen ist die Landschaft in zartrosa Licht getaucht. An den Sturm der vergangenen Nacht erinnert nur noch wage ein zarter Wind, der mich und die Wiesen um mich herum sanft streichelt. Das Wasser des kleinen Flusses neben meinem Schlafplatz plätschert fröhlich. Trotz aller mich umgebenden Unschuld erkenne ich an den hohen Cirrus-Wolken schon jetzt die gewittrigen Absichten des Tages. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und mit dem ersten Sonnengruß meiner täglichen Yogasession fließt der hellblaue Himmel durch die Fingerspitzen in mich hinein und verleiht mir Kraft und prickelnde Vorfreude. Die Sonne kitzelt mein Gesicht, wie um mich zusätzlich anzustacheln und schon bald mache ich mich wieder auf den Weg, tief atmend, und immer weiter einen Schritt vor den anderen setzend. Glücklicherweise geht es steil bergauf, sodass mir schnell warm wird.

Nachdem ich etwas mehr als einer Woche unterwegs bin, merke ich, wie viel Energie mein Körper hat.

Ich bin fit, und es macht mir Spaß, das zu spüren und auszukosten. Ich merke, dass in mir ein Kampf stattfindet: Der Ehrgeiz, »schnell« sein zu wollen, und »Strecke zu machen«, ist stark. Gleichzeitig sehne ich mich nach dem Gefühl der Einfachheit, das nur in der Gegenwart spürbar ist. Und ich weiß aus Erfahrung, dass ich in dieser Gegenwart nur ankomme, wenn ich meinen Ehrgeiz ziehen lasse.
 
 

 
 
Nach dem Pic de Noufonts (2861m) folgt ein steiler Abstieg durch ein Geröllfeld und dann ein feiner Pfad, der sich den Wiesenhang hinabwindet. Farblich dominieren die Pastelltöne, die mich auch bisher durch die Pyrenäen begleitet haben. Das Hellbraun der Felsen, und die von der Sonne angesengten Wiesen. Hier fließen tief im hohen Gras zahlreiche kleine Bäche, es ist als würden sie sich vor den Strahlen der Sonne verstecken. Ich merke, dass die Morgensonne nun langsam der Mittagshitze gewichen ist.

Weiter unten, wo die vielen kleinen Bäche sich zu einem Fluss vereint haben, tritt das Wasser an die Oberfläche, es rauscht nun kräftig über die Felsblöcke. Es dauert nicht lange und der Sog des energischen Wassers wird so groß, dass ich ihm nicht mehr widerstehen kann. Ich suche mir einen tiefen Pool und tauche unter.

Auf meinem Weg bergab renne ich. Ich liebe das Gefühl körperlich und mental vollständig von der unmittelbaren Gegenwart gefordert zu sein, indem ich ganz schnelle Entscheidungen treffen muss, um jeden Tritt präzise zu setzen. Und da ist sie plötzlich, zum ersten Mal auf dieser Tour: Die ungefilterte Beschäftigung mit dem Jetzt.
 
 

Besessenheit als Motor, Verbissenheit als Bremse

Ein paar Tage später klettere ich in dem verbissenen Ehrgeiz, immer am höchsten Punkt der Gebirgskette entlangzugehen, in der sengenden Mittagshitze über staubige Hügel voller Kakteen. Ich kämpfe mit dichten Büschen und sauge mit meinem Wasserfilter die letzten Tropfen aus dreckigen kleinen Pfützen. Als ich mich schließlich auch noch verlaufe, erkenne ich endlich, dass die verbissen verfolgten Ziele mich den eigentlichen Weg versäumen lassen. Ich ärgere mich über mich selbst. Denn eigentlich weiß ich ja schon, dass ich kaum wahrnehmen kann, was um mich und in mir passiert, wenn ich nur stumpf meinem Willen hinterherrenne. Also schalte ich jetzt ganz bewusst einen Gang runter, zwinge mich zu einem moderateren Tempo.

Außer mir und ein paar Schmetterlingen ist hier heute scheinbar niemand unterwegs, ich genieße die Stille. Als ich auf eine Anhöhe komme, sehe ich einen großen Hirsch, der bei meinem Anblick galant, aber schnell zwischen den Bäumen verschwindet.

Ich setze mich an das Ufer eines kleinen Flusses, der unterhalb des Pic Carlit plätschert. Ich bemühe mich, einfach nur ins Wasser zu schauen, halte es aber nicht lange aus. Ich bin einfach zu unruhig und mein Bewegungsdrang ist stärker als mein Ruhebedürfnis. Immer wieder geht es über Schneefelder bis zum Grat hinauf, wo ich spontan entschließe, ein bisschen zu klettern. Das Gelände ist gut einsehbar, der Fels ist schön griffig und es ist zudem eine Abkürzung zum Gipfel. Es tut gut, meinen ganzen Körper zum Einsatz bringen zu können und ist eine willkommene Abwechslung zum reinen Gehgelände der letzten Tage.
 

Ich filtere immer mein Wasser

Ich filtere immer mein Wasser

Auf dem Weg zum Pic Carlit

Auf dem Weg zum Pic Carlit

In den Pyrenäen liegt dieses Jahr noch viel Schnee, hier auf dem Weg zum Pic Carlit

In den Pyrenäen liegt dieses Jahr noch viel Schnee, hier auf dem Weg zum Pic Carlit

 
Am Gipfel angekommen hole ich tief Luft, atme bis in die Magengrube hinein und lasse das Glücksgefühl des Oben-Seins dann weiter durch meinen ganzen Körper strahlen. Ich schaue mich um und sehe tief unter mir im Westen einen kleinen See glitzern, in dem große Eisbrocken schwimmen. Es ist ein bizarres Bild, das an den Nordpol erinnert. Überall ist die Landschaft weiß gesprenkelt von kleinen Schneefeldern.

Das Gipfelplateau füllt sich sukzessive. Eine Truppe sehr bunter französischer Bergläufer feiert, sich gegenseitig abklatschend, das Ziel. Fröhlich werden zahlreiche Selfies geschossen, ich mache noch ein lustiges Gruppenfoto, schon ziehen sie wieder von dannen. Nun erreicht eine großen Familiengruppe den Gipfel, unter ihnen ein vor Stolz strotzender Jungen, und zuletzt schnaubend, aber entschieden die Mutter, die von allen anderen beklatscht wird, während sie sich auf einen Felsblock setzt und strahlt. Was für eine schöne Szene.
 
 

Foto See

Der längste Tag

Meine Matte hat ein Loch. Alle zwei Stunden werde ich davon wach, dass es recht hart ist unter mir, dann blase ich die Matte wieder auf und schlafe wieder ein. Das Spiel wiederholt sich die ganze Nacht, richtig erholsam ist das nicht. Frühmorgens kapituliere ich schließlich und nehme den harten Untergrund in Kauf. Tatsächlich schlafe ich daraufhin noch ein paar Stunden am Stück. Als ich aufwache, ist der Himmel blau und die Sonne hat sich längst auf den Weg gemacht. Meine Etappe heute ist lang, ich packe also schnell meine Sachen und mache mich auf den Weg, um die Sonne wieder einzuholen. Im Tal zieht der Nebel vorbei, ich habe trotz wenig Schlaf ein gutes Tempo. Heute denke ich nicht viel nach, ich gehe einfach, konzentriere mich auf meine Schritte und meinen Atem.

Gegen 15 Uhr beginne ich meinen Aufstieg zum Grat beim Pic de Tristagne, hinter dem, etwas weiter unten, aber nicht weit entfernt das Refuge de Fourcat liegt, und der See, an dem ich heute biwakieren will.

Bevor ich aufsteige, schaue ich noch einmal aufs Wetter. Die App hatte für 14 Uhr ein Gewitter angesagt, das aber nicht gekommen ist. Der Himmel ist weitgehend blau, nur im Süd-Westen sind ein paar verdächtige Wolken, aber die sind weit weg und bevor daraus ein Gewitter werden kann, habe ich die 500 Höhenmeter und paar Kilometer Richtung Nord-Ost bestimmt geschafft.

Der Aufstieg ist zunächst nicht allzu anspruchsvoll, später geht es steiler durch Geröll und ich muss gut achtgeben, dass ich die spärlichen Markierungen sehe. Langsam zieht etwas Nebel aus dem Tal herauf. Als ich keine Markierung mehr erkennen kann, folge ich meinem GPS-Track, der den Weg deutlich anzeigt. Am Grat angekommen finde ich ein Steinmännchen, ich bin also sicher richtig – denke ich.

Inzwischen hat sich der Nebel deutlich verdichtet. Ich sehe nur noch einige Meter weit, der Himmel verbirgt sich irgendwo hinter einer weißgrauen Decke. Ich suche den Weg, eine Markierung, irgendetwas, das auch nur an einen Pfad erinnert, aber auf der anderen Seite des Grats ist es einfach nur steil und felsig. Nach ein paar Metern verliert sich alles im weißen Nichts und ich habe keine Ahnung, wie steil es darunter weiter geht.

Ich rufe auf dem Refuge de Fourcat an, und erkläre meine Situation. Der Wirt, Guillaume, fragt mich nach dem Steinmännchen und sagt dann, dass der Weg direkt dahinter nach rechts abzweigt und markiert ist. Ich weiß, dass ich dort kein Handynetz mehr habe, wir vereinbaren also, dass ich mich wieder melde, sollte ich zurück zum Grat kommen, um dort zu biwakieren. Ich hoffe, dass ich das vermeiden kann und versuche an verschiedenen Stellen den Abstieg. Im immer dichter werdenden Nebel suche ich konzentriert nach Markierungen. Dann höre ich zum ersten Mal ein berstendes Donnern. Bald darauf blitzt es, was ich durch den dichten Nebel nur diffus erkennen kann. Bei solch einem Gewitter ist es mit Sicherheit keine gute Idee, am Grat zu bleiben. Ich rufe Guillaume also nochmal an, und sage, dass ich zwar nicht glaube, dass ich hier richtig bin, dass ich aber wegen des Gewitters trotzdem versuchen will, hinunterzuklettern. Ich verspreche, kein allzu großes Risiko einzugehen, was mir unter den Umständen etwas absurd vorkommt. Guillaume sagt, dass er mir entgegenkommen will, aber erst später losgehen kann, weil er die Hütte allein bewirtschaftet.

Die folgenden Kletteraktionen meinerseits sind gefährlich.

Der Fels ist locker, einzelne Griffe und Tritte beginnen sich plötzlich zu lösen und brechen weg. Ich bin hochkonzentriert und bewege mich ruhig und langsam. Als ich eine Nische im Fels erreiche, in der ich sitzen kann, mache ich eine kurze Pause. Es fängt an zu regnen. Und damit ist klar, dass hier erstmal Schluss ist. Der jetzt auch noch nasse bröckelige Fels, der in das weiße Nichts unter mir führt, ist jetzt vollends unbegehbar.

Ich ziehe mich also warm an und packe mich in den Biwaksack. Die Metallgegenstände deponiere ich so weit von mir entfernt wie möglich – weit ist das nicht – und lege meinen Rucksack darauf. Als würde mir das Wetter beweisen wollen, was es kann, fängt es schließlich auch noch an zu hageln. Von oben fallen jetzt immer wieder kleine Steine herab, und so setze ich meinen Helm auf und entschließe, einen Notruf abzusetzen. Ich nehme mein Garmin InReach GPS-Gerät in die Hand, hebe die Klappe auf und drücke »SOS«. Keine zwei Minuten später bekomme ich eine Antwort auf das Gerät, dass mein Notruf eingegangen ist, und dass man die lokale Bergwacht informiert. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als einfach in meinem Biwaksack zu sitzen, und dem Trommeln auf meinem Helm zuzuhören.

Als es nachlässt, wage ich einen Blick nach draußen. »Ich kann sehen!« sage ich laut, und fühle mich wie geheilt. Der Nebel ist weg und keine zehn Meter unterhalb meines Sitzplatzes beginnt ein Schneefeld, das unten flach ausläuft. Ich sehe sogar das Refuge Fourcat, das auf der anderen Seite des Sees auf einer Anhöhe thront. »Ich muss da runter, dass muss gehen!« sage ich zu mir selbst, und stelle meinen Rucksack so hin, dass man ihn mit seinem grell blauen Regenüberzug mit einem Fernglas von der Hütte aus sehen kann, damit ich ihn morgen hier holen kann – denke ich. Ich beginne, weiter hinunterzuklettern, es ist so nah! Aber bald wird deutlich, dass das viel schwieriger ist, als es im ersten Moment aussah und zudem kommt langsam aber stetig der Nebel zurück.

Die Aussicht, die Nacht hier in der Wand zu verbringen, in der es immer rutschiger wird, ist wenig attraktiv.

Und so treffe ich eine schwierige Entscheidung: Weil die Sicht momentan noch okay ist, will ich so schnell wie es unter diesen Umständen machbar ist, zum Grat zurückklettern um nochmal zu versuchen, den Weg zu finden oder auf der anderen Seite wieder abzusteigen. Ich präge mir das Gelände um mich herum gut ein, falls der Nebel wieder dichter wird.

Die Kletterei zum Grat zurück ist sehr unangenehm, obwohl ich nur mein Handy mit Akkupack, eine Stirnlampe und das GPS-Gerät dabeihabe. Ich bekomme Nachrichten vom Notfallservice, aber ich kann sie jetzt nicht lesen.

Oben angekommen kauere ich mich auf den Grat, es ist inzwischen ziemlich kalt und ich bekomme die ersten Krämpfe in den Unterarmen und Beinen. Die Sicht ist nach wie vor schlecht und das Gewitter hat zwar nachgelassen, aber der Wind ist stark. Ich bin mir sicher, dass in diesem Wetter kein Helikopter fliegen kann. Ich rufe wieder auf der Hütte an und als ich informiert werde, dass der Wirt Guillaume unterwegs ist zu mir ist, stoppe ich den Notruf.
Ich rufe jetzt alle paar Minuten auf der Hütte an. Pascal, der selbst eigentlich Gast auf der Hütte ist, kommuniziert von dort aus mit Guillaume über Funk und ich gebe meine GPS-Koordinaten durch. Ich gebe Lichtzeichen und rufe, sehe selbst aber keine und höre nichts.

Weil ich wieder Handynetz habe, bekomme ich jetzt auch eine Nachricht von meiner Schwester: »Ana, ruf an!« Mist – jetzt wird mir klar, dass der Notrufdienst vermutlich meine Familie informiert hat. Es tut mir schon jetzt unendlich leid und ich sehe meine Eltern und Schwester vor mir, wie sie völlig besorgt in der Küche sitzen. Ich rufe an und gebe eine kurze Entwarnung, sage, dass Hilfe unterwegs ist. Ich bemühe mich, dass man nicht hört, wie sehr meine Zähne klappern.

Ab jetzt wird es rapide dunkel und immer kälter. Die Krämpfe sind schmerzhaft und nehmen zu. Ich würde mich gerne bewegen, traue mich aber wegen der wieder und wieder auftauchenden Blitze nicht, auf dem Grat herumzuturnen. Als ich es zwischendrin mal versuche, merke ich wie steif mein ganzer Körper geworden ist und wie schwer es ist, mich kontrolliert zu bewegen.

Endlich sehe ich Guillaumes Licht und er sieht mich. Wir rufen und hören einander – endlich. Der Wind muss unsere Rufe vorher verweht haben. Ich versuche mich langsam und in kleinen Bewegungen zu mobilisieren, denn der Abstieg liegt ja noch vor mir. Als Guillaume unterhalb von mir ankommt, klettere ich ihm entgegen. Es sind nur ein paar Meter, aber die sind echt hart. Wir umarmen uns, er sagt »Mann, das ist gut, dich zu sehen.« Mir geht es genauso. Guillaume hat seinen Hund Django dabei, der aufgeregt vorausläuft. Wir steigen langsam und behutsam ab. Dank dem nun zurückgekehrten Adrenalin habe ich wieder genug Kraft, um den Abstieg zu meistern. Wir sind bald auf dem Weg, zu dem ich gelangen wollte, ein bequemer, gut markierter Steig.
Kurz vor Mitternacht erreichen wir die Hütte. Ein paar Gäste sind wach geblieben und klatschen als wir reinkommen. Puh. Mit dem Klatschen fällt plötzlich eine große Spannung von mir ab. Wir bedanken uns, werden umsorgt und ich bekomme trockene Sachen. Wir telefonieren noch mit der PGHM, der französischen Bergwacht. Guillaume hatte mit ihnen Kontakt gehabt, sie hatten auch ihm gesagt, dass sie bei dem Wetter nicht fliegen können, weshalb er dann angeboten hatte, nach mir zu suchen.

Die Gäste gehen schlafen, Guillaume und ich sind beide noch zu aufgeregt, um müde zu sein. Wir sitzen in der Küche, essen Suppe und trinken Bier. Er erzählt, wie krass es auch für ihn war. Er ist kein Bergführer, geschweige denn bei der Bergwacht, und er hatte ja auch keine Ahnung wie ich unterwegs bin. Er hatte Angst, dass ich vielleicht Panik bekommen könnte, oder dass ich dem Abstieg nicht mehr gewachsen bin. In dem Fall hätte er mir nicht wirklich helfen können.

Ich bin ihm unendlich dankbar für seinen Mut, seine Ruhe und seine Freundlichkeit.

Er hat für mich ein großes Risiko auf sich genommen.

Im Zimmer staple ich viele Decken auf mich, mir ist noch immer sehr kalt. Aber innerlich wird mir jetzt warm und ich weiß, dass diese Wärme bald auch meine Fingerspitzen erreichen wird. Ich schlafe schlecht, rekapituliere jede Entscheidung, frage mich, ob und wo ich Fehler gemacht habe. Immer wieder tauchen Bilder auf, von rutschigem Fels, bröckelnden Griffen, fallenden Steinen. Aber ich bin hier, unter den Decken, und alles ist gut gegangen. Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, in jedem Moment der letzten Stunden einen kühlen Kopf zu bewahren und danke meinem Körper für seine Zuverlässigkeit.
Als am nächsten Morgen alle Gäste weg sind, machen Guillaume und ich gemeinsam die Lager in den Gästezimmern zurecht und putzen. Dann setzen wir uns ins Kajak, um auf der anderen Seite des Sees aufzusteigen und meinen Rucksack zu holen. Wie eine Gallionsfigur steht Guillaumes Hund Django am Bug, während wir uns durch die dicken hellblauen Eisschollen pflügen, die auf dem See schwimmen.

Auf der anderen Seite angekommen, entdecken wir mit dem Fernglas meinen Rucksack. Der Anblick seines Standorts jagt mir einen ordentlichen Schrecken ein: Keine Ahnung, wie es möglich war, an dieser steilen Wand, ohne Sicherung und mit Rucksack auf dem Rücken, so weit nach unten zu klettern. Und das im nassen und bröckeligen Fels – was Adrenalin nicht alles möglich macht …

Am Fuß der Wand angekommen wird deutlich, dass wir nicht ohne zusätzliche Ausrüstung zu meinem Rucksack gelangen können. Wir sind uns einig, dass uns das Risiko von gestern Abend gereicht hat und kehren um. Über Funk ruft Guillaume bei der Bergwacht an. »Vielleicht können sie heute mal vorbeifliegen«, meint er, während wir auf die Antwort warten. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber tatsächlich, sie sagen einfach: »Jaja, kein Problem, wir haben eh gerade einen Notfall in der Nähe und kommen auf dem Rückweg vorbei, dann können wir ihn einsammeln.« Sie sind dankbar, dass wir die Situation gestern allein gemeistert haben.
 
 

 
 

Und so wird doch tatsächlich am Nachmittag mein triefender Rucksack von der Bergwacht geborgen. Ich verteile den Inhalt zum Trocknen in der Sonne. Es wird eine Weile dauern bis das alles trocken ist, aber das macht mir nichts. Ich will sowieso ein paar Tage bleiben und Guillaume kann ein bisschen Hilfe gut gebrauchen.

Die folgenden Tage sind insbesondere von drei Erkenntnissen geprägt. Erstens hat die Notsituation wieder einmal bewiesen, dass trotz aller Vorbereitung, tausender Apps und Wettervorhersagen, Karten und GPS-Geräten immer etwas Unerwartetes passieren kann, das innerhalb kürzester Zeit alles verändert. Es ist gleichzeitig genau das, was für mich eine wesentliche Qualität des Bergsteigens ausmacht, und wodurch ich als Mensch so viel lernen kann: Ich bin hier oben niemals völlig Herrin der Lage. Ich bin sehr klein. Das so hautnah zu erleben hat mich wieder ein ganzes Stück demütiger gemacht. Und Demut dem Berg gegenüber ist etwas, wovon man nie genug haben kann.

Was diese Erfahrung dabei gleichzeitig überwältigend macht, ist, in dieser Kleinheit die eigene Kraft zu spüren und den eigenen Körper so zum Einsatz bringen zu können, dass ich am Ende heil herauskomme. Das bringt mich zu zweitens: Ich bin froh und auch stolz, dass es mir gelungen ist, in jedem Moment der nebligen Stunden einen kühlen Kopf zu bewahren. Nie hatte ich auch nur den Anflug von Panik und die aufsteigende Angst konnte ich direkt in einen klaren Pragmatismus kanalisieren. In all der Demut gibt es mir Zuversicht und Vertrauen zu wissen, dass mein Körper und meine Psyche einer solchen Situation gewachsen sind.

Drittens denke ich viel darüber nach, dass ich die Menschen, die mir am wichtigsten sind, durch meine Aktionen und Entscheidungen großen Sorgen ausgesetzt habe. Auch für mich selbst war in der Notlage am Berg der schlimmste Moment, als ich festgestellt habe, dass meine Familie von meiner Situation weiß, und jetzt um mich Angst haben muss. Es gibt mir nachhaltig zu denken, dass das etwas ist, was mir bisher nicht so deutlich war: Ich trage bei meinen Alleingängen am Berg mehr Verantwortung, als nur für mich. Das ist eine essenzielle Erkenntnis, um die ich durch diese Erfahrung reicher geworden bin.
 
 

Pausen machen

Ich wache neben einem Coca-Cola Automaten auf dem Parkplatz der Talstation des Skigebiets auf. Es ist kalt, aber das Wetter ist gut. Neben mir steht ein weißer VW-Bus, dessen Tür mit Schmackes aufgeht. Heraus springen Lola und Carla, zwei Katalaninnen, die schon jetzt, um halb sechs, ein Tempo draufhaben, das beeindruckend ist. Wir haben uns gestern Abend kurz kennengelernt, als ich meinen Schlafplatz unter dem Vordach des Ticketcounters aufgebaut habe. Sie meinten sofort, ich solle einfach klopfen, wenn ich was brauche, oder wenn mir zu kalt wird, dann würden wir schon auch zu dritt reinpassen.

Jetzt springen sie herum, machen Kaffee und Frühstück, stellen mir einen Klappstuhl an den Campingtisch und ziehen sich gleichzeitig an und um. Ich bin wach. So viel Energie wie die beiden habe nicht einmal ich um diese Zeit, und eigentlich bin ich ein Morgenmensch.

Der Kaffeeduft tut aber das Übrige, und natürlich bekomme ich eine Tasse ab. Gefühlt fünf Minuten später sprinten die beiden los. Sie haben dieselbe Tagesetappe vor wie ich, aber anstatt in 11 Stunden wollen sie es offensichtlich in der Hälfte der Zeit schaffen …

Ich lasse also Lola und Carla laufen, und gehe selbst eher langsam los. Beim gemütlichen Aufstieg telefoniere ich mit meiner Schwester, die gerade im Zug Richtung Arbeit sitzt. Immer wieder habe ich in den letzten Tagen an ihre besorgte Stimme gedacht, als sie am Mittwochabend bei meinem ersten Anruf das Telefon abgenommen hat. Ich hatte gerade erst wieder Empfang, es war mitten in meiner »Notlage« und bis zu der SMS »Ana ruf an!« hatte ich nicht auf dem Schirm, dass meine Familie von dem SOS-Dienst über den Notfall informiert wurde.

Als ich auflege, sehe ich mich zum ersten Mal richtig um. Es ist noch morgendlich kühl, das Licht ist noch leise. Aber schon jetzt merke ich, wie wunderschön es hier ist. Heute und morgen gehe ich durch den Parc Nacional Aigüestortes, der voller Bäche und Seen ist, und in dem alles grün ist und blüht.

Schon nach zwei Stunden habe ich Lust auf eine Pause, nicht weil ich müde bin, sondern einfach, weil es so schön ist.

Ich lege mich vor die knallorangene Biwakschachtel des Refugi Mataro und mache die Augen zu. Die Sonne wird langsam wärmer und ich genieße es, ein bisschen zu dösen. Es ist so wohltuend diese frische Luft tief einzuatmen. Ich will heute lieber einfach das Wetter und die Landschaft genießen, und so entscheide ich spontan, meine Tagesetappe zu halbieren und lieber noch auf einen Gipfel zu klettern. Ich habe gestern per Autostopp vier Tagesetappen übersprungen, auch um nicht das Gefühl zu haben, ich müsse jetzt meine Zeit auf dem Refuge Fourcat »reinholen« und viel schneller gehen. Das war sicher eine gute Entscheidung, denn auch wenn es schade ist, dass ich so ein Stück der Pyrenäen verpasse, so kann ich doch ab jetzt wieder richtig eintauchen.

Am Coll de l’Estany Gelat kommt mir bimmelnd eine Ziegenherde entgegen. Die Tiere sind ziemlich neugierig, stupsen mich an und schauen geduldig dabei zu, wie ich sie fotografiere. Als ich meine Kamera auf einem hohen Felsblock aufstelle, um sie zu filmen, dauert es nicht lange, bis eine Ziege hochklettert und sie runterwirft. Als ich um den Felsen herumkomme, um sie zu holen, wird die Linse gerade abgeleckt. Das wird bestimmt ein lustiger Film und ich freue mich schon jetzt darauf, das Material zu schneiden …

Ich lasse meinen Rucksack liegen und klettere zusammen mit ein paar Ziegen hoch zum Pic d’Amitges (2848m). Die Kletterei ohne Gepäck macht Spaß und die Aussicht vom Gipfel ist fantastisch. So schön es war, mit den Ziegen zu klettern – ich bin doch ganz froh, dass ihnen die letzten Meter zum Gipfel wohl zu grasarm waren, und sie den Rückzug angetreten haben.

»Amitges«, das bedeutet vielleicht so etwas wie »Freundschaft«. Demnach wäre ich also auf dem Gipfel der Freundschaft, wie schön. Ich bleibe lange oben, schaue mich um und denke an meine Freunde. Es tut gut zu wissen, dass sie da sind und ich bin dankbar für jeden Kontakt mit ihnen.

Das Alleinsein lässt mich noch mehr schätzen, was ich an ihnen habe.

Im Westen sehe ich die schneebedeckten hohen Berge der Pyrenäen. Ich freue mich darauf, ihnen jetzt immer näher zu kommen. Aber ja, da liegt wirklich noch sehr viel Schnee und ich bin gespannt, was vor Ort alles allein machbar sein wird.

Unterhalb sind ringsum Seen, und kaum komme ich vom Gipfel herunter, tauche ich auch schon in den erstbesten hinein. Eiskalt, aber wunderbar. Die Sonne hat noch genug Kraft, um mich mit ihren Strahlen zu trocknen, und so liege ich heute zum dritten Mal eine ganze Weile nur herum. Einfach großartig.
Schon um fünf Uhr finde ich einen traumhaften Biwakplatz, leicht geschützt unter einem großen Felsblock, aber auf einer Wiese und direkt neben einem schönen Wasserfall. Besser geht es kaum. Nur die Mücken machen mir im Verlauf des Abends etwas Ärger, aber es gibt Schlimmeres. Ich will heute wieder früh schlafen gehen und morgen den Tag nochmal so ausführlich auskosten wie heute. Es gibt noch viele Seen hier, in die ich tauchen kann. Vielleicht finde ich einen, der sogar warm genug ist, um richtig zu schwimmen.
 
 

Foto

Zerowaste

Ich bewege mich hier ständig inmitten einer wilden Schönheit, die tief in mir nachhallt. Gedanklich führt sie mich immer wieder zu einem Thema, das mich bereits im letzten Jahr bei meiner Alpenüberquerung begleitet hat: die Möglichkeiten und Maßnahmen diese Natur nachhaltig zu schützen. Was Umweltschutz am Berg bedeutet, und wie die Menschen sich in den verschiedenen Regionen von Europa damit auseinandersetzen, darüber rede ich unterwegs viel mit Leuten, die mir begegnen.

Ich versuche, selbst konsequent zu sein und bemühe mich seit einigen Monaten, weitgehend verpackungsfrei oder zumindest plastikfrei zu leben. Auch im Rahmen dieser Tour versuche ich das fortzusetzen, also selbst keinen Müll zu produzieren. Mit großen Vorsätzen ging es los. Ich wollte meine Leser und Follower zu einem Leben ohne Müll inspirieren und am liebsten sagen wie einfach es ist, eine lange Bergtour ganz verpackungsfrei zu unternehmen. Aber zu meinem Ansatz gehört es eben auch, ehrlich zu kommunizieren, wo ich hier auf (meine) Grenzen stoße. Was ich unterwegs esse, kommt zum Großteil aus meiner eigenen Herstellung. Wochenlang habe ich Gemüse, Obst, Fleisch und Soßen gedörrt, um den Verpackungsmüll von herkömmlicher Trekkingnahrung zu vermeiden. Zudem habe ich im verpackungsfreien Supermarkt Couscous, Reisnudeln, Kartoffelbrei, Trockenmilch und Müsli gekauft.

Die erste Einschränkung war die Verpackung der Nahrung für unterwegs. Glas ist zu schwer, unendliche Brotzeitdosen ebenso, Stoffbeutel eignen sich nicht für alles. So kam es, dass ich doch ein paar Zip-Lock-Tüten aus Plastik verwendete. Ich benutze sie zwar immer wieder, aber das war ein erster Dämpfer. Unterwegs liebe ich es, jeden Tag meine vielen Zutaten neu kombinieren zu können, und es ermöglicht mir eine gesunde, vielseitige und vitaminreiche Ernährung bei minimalem Gewicht. Aber bald schon beginne ich Ausnahmen zu machen, und kaufe mir hier und da doch eine Tüte Gummibärchen oder eine Tafel Schokolade. Ich merke, wie wichtig mir dieses Zuckerzeug unterwegs ist, auch wenn es vielleicht nur eine schlechte Angewohnheit ist. Ich erkenne wieder eine Schwäche und gleich machen die Gummibärchen weniger Spaß und ich freue mich, als ich in meinem nächsten Verpflegungspaket getrockneten Rhabarber finde, der schön sauer und trotzdem süß genug ist, um sie zu ersetzen. Ein paar Wochen später, als sich mein Körper umgestellt hat, merke ich, dass ich kaum genug essen kann, um meinen Energiebedarf zu decken. Ich gestehe, dass mir die Energie für das Projekt wichtiger ist, als die Konsequenz in meinen Vorsätzen. Also kommen mit dem nächsten Paket nun doch wieder ein paar Energieriegel mit in den Rucksack.

Etwas besser funktioniert es mit dem zweiten Teil meines Vorsatzes: allen unterwegs gefundenen Müll einzusammeln. Ich tue das wirklich und jeden Tag und immer und überall. Dabei bin ich überrascht, wie wenig Müll ich in den meisten Regionen der Pyrenäen finde. Ich würde sagen: weniger als in den Alpen. Natürlich mag das mitunter daran liegen, dass hier weniger Menschen unterwegs sind, aber insgesamt erlebe ich bei den Wanderern hier ein großes Umweltbewusstsein. Und warum überrascht mich das? Vermutlich, weil ich unbewusst das Vorurteil hatte, besonders in Spanien wäre man da achtloser. Im Kontext meines Europaerlebnisses auf dieser Reise finde ich das spannend: Wo kommt dieses Vorurteil her? Ist es ein deutsches Vorurteil? Ist es meine »Alpenarroganz«, dass wir nicht nur die höheren Berge, sondern auch vermeintlich die bessere Umweltpolitik haben?

Wenn ich hier weiter oben Abfall finde, so ist es meist offensichtlich Verlorenes, nicht aber achtlos weggeworfenes Zeug. Ein Stückchen Sohle, eine noch volle Plastikflasche mit Wasser, eine alte Schnalle von einem Rucksack oder der Teller von einem Wanderstock. Sobald ich jedoch weiter nach unten und damit in das Einzugsgebiet der weniger bewussten Touristen komme oder auch in ein Skigebiet, sieht es ganz anders aus. Hier bekommt die Landschaft immer mehr weiße Tupfer: Überall liegen Taschentücher und Klopapier. Aber besonders in den Flüssen liegt auch eine ganze Menge anderer Müll. Wenn je wieder jemand fragt, wie unser Plastikmüll ins Meer gelangt, kriege ich vermutlich einen Tobsuchtsanfall. Jedenfalls kosten mich diese Wege und die spätere Entsorgung meiner Fundsachen viel Zeit und Laune. Um den Humor nicht zu verlieren, küre ich täglich einen »Fund des Tages«. Das ist dann das skurrilste Stück Abfall, oder der seltsamste Fundort. Eine noch geschlossene Dose Leberpastete, die 1996 abgelaufen ist, und die Haltbarkeit von Metalldosen hier draußen noch unterstreicht, ein Kindershirt auf dem »Save the Ocean« steht oder eine Plastiktüte, die so mit einer Wurzel verwachsen ist, dass ich der Pflanze vermutlich mehr schaden würde, wenn ich sie ganz entferne, als wenn ich sie ihr lasse.

Ich denke mir Geschichten zu den Sachen aus und fantasiere darüber, sie in einem Museum auszustellen – am Besten in einem Tourismuszentrum, in das ich explizit dann auch die Jäger einladen würde, bei denen einige aus »alter Gewohnheit« überall ihren Müll fallen lassen, als wären die Berge ihr Eigentum. Obwohl: Ließe man in seinem Eigentum einfach seinen Müll fallen?
 
 

Wild und frei, Freundschaft und Grenzen

Ich nehme von meinem Weg über die Pyrenäen eine ganze Menge mit. Immer wieder begegnete mir das Thema Freundschaft und überhaupt haben zwischenmenschliche Themen meine Gedanken geprägt. Vielleicht liegt das auch daran, dass hier wenig Menschen unterwegs sind und ich dadurch viel Zeit hatte, über sie nachzudenken, und dass andererseits dadurch die einzelnen Begegnungen umso intensiver waren.
 
 

Das Wetter wechselt schnell hier ist der Gipfel des Aneto in den Wolken versteckt

Das Wetter wechselt schnell hier ist der Gipfel des Aneto in den Wolken versteckt

Sonnenaufgang über dem Pic d‘Aneto

Sonnenaufgang über dem Pic d‘Aneto

Lac Coronas

Lac Coronas

Blick zurück zum Lacs Coronas vom Gipfel aus

Blick zurück zum Lacs Coronas vom Gipfel aus

 
 

Intensiv, das beschreibt auch den Charakter der Pyrenäen ganz treffend: Sie sind viel wilder als die Alpen, weniger besiedelt und die Wege sind weniger ausgebaut. Über weite Strecken war ich in unmarkiertem Gelände unterwegs und bin über große Schneefelder durch tiefe Stille gegangen. Außerhalb der Nationalparks ist zudem (noch) fast überall das Zelten oder Biwakieren erlaubt, wodurch man sich sehr frei bewegen kann und es gibt viele offene unbewirtschaftete kleine Hütten oder Unterstände. Obwohl die Pyrenäen insgesamt weniger hoch sind als die Alpen – der Pico de Aneto ist mit 3.404 Metern der höchste Berg – wirkt die Landschaft vielerorts schon auf geringerer Höhe hochalpin. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Massive größtenteils aus Granit bestehen, obwohl hier auch der höchste Kalksteinberg Europas, der Monte Perdido (3355 m) liegt. Vielleicht war aber auch das Jahr 2018 besonders, denn nach dem starken Winter lag auch im August noch viel Schnee.

Nicht nur der häufige Wechsel zwischen den Ländern hat mich oft über Grenzen nachdenken lassen. Die Pyrenäen haben mich auf andere Weise gefordert als die Alpen, und ich ahne, dass es mir mit jedem weiteren Gebirge, das ich noch entdecke, ähnlich gehen wird. Man sagt, dass man mit jedem neu entdeckten Gebirge als Bergsteigerin von vorne anfängt. Daran musste ich unterwegs immer wieder denken. Denn das bedeutet für mich auch, dass jeweils neue persönliche Prozesse ausgelöst werden können. Schon längst weiß ich, dass die Berge mit unserem Inneren korrespondieren.

Für mich bedeuten die Berge nicht nur unermessliche Naturerlebnisse, sondern sie bieten durch Reflektion, Inspiration und die Auseinandersetzung mit Grenzen und immer wieder auch ihrer Überschreitung, wertvolle Möglichkeiten zur menschlichen Weiterentwicklung. Ich jedenfalls bin gespannt welche Welten sie mir noch eröffnen werden und ich freue mich auf meine nächsten Projekte.
 
 

 
 

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Nach Süden

Ein Esel zum Pferdestehlen

Eigentlich stand Lotta Lubkoll nie der Sinn nach Wandern: Warum zu Fuß gehen, wenn man auch mit dem Longboard fahren kann? Doch gemeinsam mit Jonny, einem grau-weißen Bilderbuchesel, macht sie sich eines Sommers auf den Weg, von München immer Richtung Süden.

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Ana Zirner

Ana Zirner, Jahrgang 1983, ist freiberufliche Autorin und Bergwanderführerin, die insbesondere durch (über) ihre langen Solotouren in den Bergen und zuletzt auch auf dem Colorado River auf sich aufmerksam machte. Aufgewachsen im Bayerischen Voralpenland, zieht es sie immer wieder in die Berge, wo sie leidenschaftlich gern Mehrtages- und Gipfeltouren unternimmt. Ana Zirner hält zahlreiche Vorträge zu ihren Reisen und dem nachhaltigen Leben unterwegs und engagiert sich, auch als Mitglied in der POW Riders Alliance, für Klimaschutz. Zuletzt erschien der Band „Rivertime“, in dem sie packend von ihrer 90-tägigen Reise am Colorado River erzählt. Derzeit lebt sie in Oberaudorf im oberbayerischen Inntal.

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