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The Travel Episodes

Kapitel 1: Rios Nachtleben, die Treppe der Welt und Cristo

Rio de Janeiro

Es ist die cidade maravilhosa, die fabelhafte Stadt. Sandstrände, Regenwald, Hügel und Berge. Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma feiern Silvester am Strand von Copacabana und durchstreifen die einst gefährlichsten Favelas der Stadt.

Mit unserem Host Diogo durchstreifen wir die Stadtteile Santa Teresa und Lapa. Vollkommen ruhig geht es zu. Von Großstadtlärm und Hektik im nimmermüden Rio ist hier nichts zu spüren. Stattdessen schlendern wir über kopfsteingepflasterte Straßen vorbei an kleinen Cafés und Restaurants bis hinauf zu einem Aussichtspunkt. Dort liegt sie nun vor uns, die fabelhafte Stadt, die für ein paar Tage unser zuhause sein wird. Der Zuckerhut, die Skyline – bereits hundertfach auf Fotos gesehen, wirkt bestens vertraut, ohne, dass wir jemals zuvor hier waren.
 
 

 
 
Weiter spazieren wir durch Lapa, Downtown Rio de Janeiro. Von der Bucht strömt ein kühler Wind durch die Gassen und obwohl die Sonne das Quecksilber bis auf 40°C in die Höhe schnellen lässt, ist es nicht unerträglich heiß. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Lapas enge Sträßchen versprühen Kleinstadtcharme inmitten der Metropole. Hier wohnt Diogo in einer Studenten-WG. Wir teilen uns ein kleines Zimmer mit ihm und seinem Mitbewohner Mauricio, das wir nachts fast vollständig ausfüllen.

Hier ist es so heiß, dass selbst der Ventilator, der während des Schlafes Abkühlung verschaffen soll, nicht im Entferntesten hält, was er verspricht. Doch schlimm ist das nicht, denn eigentlich schlafen wir kaum. Stattdessen lernen wir von Diogo alles, was es über Rio zu wissen gibt: ein Leben in Boardshorts und Bikini, ein Leben im Strandlook mit zerzaustem Haar und Sonnenbrille, ein Leben im Rhythmus der Samba, zu der man hier in Flip-Flops tanzt, ein Leben für den Karneval.

Diogo, der selbst ein Jahr in England lebte, ist dabei nicht ganz zufrieden mit seiner Stadt. Die entspannte „Hanging loose“-Einstellung vieler Cariocas nervt ihn gelegentlich und viel lieber würde er in São Paulo leben, in der Stadt, deren Bewohner sich nicht einfach treiben lassen, sondern selbst anpacken. Für viele andere Carioca ist diese Vorstellung jedoch absolut unverständlich und nicht wenige von ihnen weigern sich sogar, auch nur ein Wort mit einem arbeitswütigen Paulista zu wechseln. So vergehen Stunden um Stunden in denen wir immer mehr das Lebensgefühl der Carioca verstehen lernen. Warum Stress und Eile, wenn der Strand vor der Tür liegt und ganzjährig Sommer herrscht?

Rio ist eine sehr entspannte Stadt.

 

 
 
Die ruhigen Gässchen Lapas, die sonst so viel Charme versprühen, verwandeln sich in vier Tagen der Woche zu Rios Ausgehviertel. Cariocas und Touristen erwecken die Nacht zum Leben. Tausende Feierfreudige bevölkern Lapa. Bars öffnen ihre Türen, fahrende Händler verkaufen Snacks und Getränke auf der Straße, Kleinkünstler bieten den Schaulustigen ihre Shows an. Ein junger Mann steppt in seinen beschlagenen Lackschuhen über eine Holzplatte auf dem Boden.

Wenige Meter weiter unterhalten ein Beatboxer und ein Violinist die umstehende Menge mit ihrem Mix aus klassischer und subkultureller, urbaner Musik. Am anderen Ende der Straße sitzen ein paar Männer auf dem Gehweg, trinken Bier und schlagen unermüdlich Rhythmen auf die Trommeln zwischen ihren Beinen. Daneben dröhnen aus den vielen Bars und Clubs Samba, Bossa Nova, Funk, MPB (musica popular brasileira – brasilianische Pop-Musik, die eigentlich gar nicht besonders populär ist) und Reggae.
 
 

 
 

Vor den Clubs stehen Schränke aus Fleisch und Blut in Anzug und Krawatte und regeln den Einlass am Eingang. Nur ein paar Meter weiter liegen halb nackte Gestalten, vom Crack betäubt, auf dem immer noch heißen Asphalt, während betrunkene Europäer in kurzen Hosen und verschwitzten T-Shirts mit silbrigem Blick hübschen Brasilianerinnen in aufregenden Kleidern hinterher starren. Rio ist ein Schmelztiegel und so ist es auch Lapa – nichts, was es hier nicht zu sehen gibt. Caipirinha schlürfend schlendern wir durch die Gassen bis zur Escadaria do Selarón.

Diese Treppe, vom chilenischen Künstler Jorge Selarón entworfen, ist über und über mit bunten Kacheln aus aller Welt besetzt. Ständig verändert der Künstler ihr Aussehen und so entdecken Besucher tagsüber immer wieder etwas Neues. Nachts ist die Treppe ein beliebter Treffpunkt der Schlaflosen, die die Stufen und die vielen Ecken und Nischen der Treppe bevölkern. Das sich wandelnde Kunstwerk ist dann fest in der Hand von Drogendealern. Der Marihuanarauch, der über den Köpfen der meist Jugendlichen schwebt, stört selbst die Polizei, die regelmäßig durch Lapas Partyszene patrouilliert, nicht im Geringsten.

Gegen ein bisschen schmutziges Geld ist diese, kaum an der Treppe angelangt, auf beiden Augen blind.

 
 

 
 
Am nächsten Morgen eilen wir früh zur Treppe, um uns die vielen Kacheln näher anzuschauen. Ein paar Betrunkene taumeln noch immer auf ihr herum, während wir Stück für Stück, Stufe für Stufe, die Treppe untersuchen. Aus aller Herren Länder finden wir Keramikstücke. Deutschland ist dabei auffällig oft vertreten und so finden wir viele Orte mit denen uns einige Erinnerungen verbinden: Hamburg, Bremen, Rügen, Rostock, Essen, Berlin. Die Treppe mit ihren mehr als 200 Stufen ist ein einziges Sammelsurium an Erinnerungsstücken, Kitsch und Liebesschwüren an jeden einzelnen Ort, der hier verewigt wurde. Wir brauchen lange, um auch nur die ersten zehn Stufen zu erklimmen.

Der Künstler Selarón selbst, den wir in seinem Atelier auf halber Höhe der Treppe antreffen, widmet dieses Projekt dem brasilianischen Volk, wie er selbst sagt. Grün, gelb und blau, die Farben der brasilianischen Flagge, bestimmen seine Arbeit. Ein bisschen kauzig wirkt er schon mit seinem gezwirbelten, buschigen Schnauzbart. In einer Ecke seines Studios sitzend, beobachtet er eindringlich alle Besucher, die seine heiligen Hallen betreten.
 
 

 
 

Etwas verrückt scheint er zu sein, aber zwischen Genie und Wahnsinn liegt ja bekanntlich ein schmaler Grat. Als wir nach etwa einer Stunde das obere Ende der Treppe erreichen, dreht sich uns von den vielen verschiedenen Kacheln bereits der Kopf. Doch schon beim Abstieg entdecken wir mit jedem Schritt neue Kacheln, Bilder und Zeichnungen, die uns zuvor nicht aufgefallen waren. Die Treppe scheint zu leben, zu atmen, sich ständig zu verwandeln und neu darzustellen.

Ganz in der Nähe findet jedes Wochenende die Feira do Rio Antigo statt. Ein Flohmarkt, der alles hat – von antikem Schrott bis zu kleinen Schätzen. Designer und Sammler treffen hier aufeinander und kaufen und verkaufen jede Menge Brauchbares und Nutzloses. Bestecksets aus Silber wechseln hier ebenso den Besitzer wie hängende Frösche aus Stoff, deren Bauch mit allerlei Kram gefüllt werden will. Fabelhafte Straßenmusiker und Kleinkünstler verwandeln diesen Markt außerdem in einen Zirkus, der in den Abendstunden mit einem obligatorischen Caipirinha als Vorbereitung für die verrückten Nächte in Rio genutzt werden kann.

Wir können es uns natürlich nicht nehmen lassen bereits an unseren ersten Tagen Rios Cristo zu bewundern. Eines der vielen oder vielleicht sogar das Wahrzeichen der Stadt. Eine Zahnradbahn bringt uns früh morgens den Corcavado, den Hügel von dessen Spitze der Cristo Redentor (Christus der Erlöser) seine schützenden Arme über die Stadt ausbreitet, hinauf.

Natürlich sind wir nicht allein. Niemand ist das, der Cristo besuchen möchte. Die Aussichtsplattform unterhalb der Statue ist ständig überfüllt. Hunderte Menschen drängeln sich mit ihren schweren Spiegelreflexkameras durch die Massen, werfen sich auf den Boden, um die beste Perspektive zu ergattern und kämpfen um jeden Zentimeter, den sie bekommen können. Es ist Wahnsinn. Jeder möchte seine Arme wie das 38 Meter hohe Vorbild strecken. Dass man dabei nicht selten anderen Touristen mit der flachen Außenseite der Hand blind ins Gesicht schlägt, wird in Kauf genommen.
 
 

 
 

Nebeneinander aufgereiht liegen die Hobbyfotografen auf dem Rücken, um ein Foto ihrer Freundin, ihres Sohnes oder sonst wem in dieser Geste, mit Cristo im Hintergrund, zu schießen. Dabei ist es beinahe unmöglich, ihn ohne weitere dutzende Bewunderer auf ein Bild zu kommen. Die drängelnde Masse tut ihr Übriges, um die Situation noch verzwickter zu gestalten. Ständig wird geschubst, gedrückt und gequetscht – Bewegungen ohne Körperkontakt mit anderen sind nicht möglich.

Wenn der richtige Winkel endlich gefunden und so viele Menschen wie möglich aus dem Fotoausschnitt verbannt sind, dann, ja dann zieht wahrscheinlich eine Wolke vor die Statue und alles Drängeln, Kämpfen und Fluchen war vollkommen umsonst. So geht es nicht wenigen, die auf das perfekte Foto hoffen.

Ein Besuch bei Cristo erfordert Geduld.

 
 

Wem das alles zu stressig ist, der lässt den Blick von hier oben einfach über die Stadt gleiten. Die weltberühmten Strände Copacabana und Ipanema liegen in unmittelbarer Nähe und auch der Pão de Açúcar, der Zuckerhut, ist greifbar nah. Natürlich heißt stressfrei nicht, dass es diese Aussicht ohne Kampf zu genießen gibt, aber zumindest das ‚Auf-den-Boden-werfen‘ entfällt dabei. Nach zwei Stunden haben wir genug vom Tourigequetsche und machen uns an den Abstieg.

 

* * *

Kapitel 2

Eine berauschende Nacht und Rios neue Reiche

Copacabana und Ipanema: Hier treffen die Reichen und Schönen auf Touristen aus aller Welt, nur die neue reiche Schicht ist hier nicht zu finden. Sie bleibt unter sich und frönt dem Konsum.

Zurück bei Diogo bleibt jedoch wenig Zeit zur Erholung, denn schon bald nach unserer Ankunft machen wir uns auf den Weg nach Copacabana. Es ist der 31. Dezember und in wenigen Stunden überschreiten wir die Jahresgrenze. Silvester in Rio und wir sind mitten drin.
 
 

 
 
Zwei Millionen Menschen tummeln sich jedes Jahr auf dem weichen, feinen, 4,5 Kilometer langen Sandstrand von Copacabana, um hier das Neue Jahr willkommen zu heißen. Nationale und internationale Musiker geben Konzerte, das Bier fließt in Strömen und auch der Caipirinha darf nicht fehlen. Bereits ab dem späten Nachmittag ist der gesamte Stadtteil Copacabana für den Privatverkehr gesperrt und nur noch Busse und Taxis dürfen passieren.

Ab 21 Uhr geht dann gar nichts mehr. Copacabana ist eine einzige Fußgängerzone voller freudiger, tanzender und berauschter Menschen. Am Strand zeigt Diogo auf die riesigen Apartmenthäuser in Ufernähe. Die obersten Stockwerke sind hell erleuchtet und auch darunter strahlen einige der riesigen Fensterfronten im Glanz bunter Lichter. VIP-Partys. Wer einmal im elften Stock über dem Strand von Copacabana Silvester feiern möchte, der braucht ungefähr 1.000 US-Dollar – nur für den Eintritt, versteht sich.
 
 

 
 
Unten am Wasser versammelt sich die Normalbevölkerung. Cariocas und Touristen warten, im Sand sitzend oder zu den Rhythmen der Musiker tanzend, auf das große Feuerwerk. Jugendliche aus den nahegelegenen Favelas streunen scherzend und lachend durch die Gegend, Familien sitzen mit Proviantkörben in persönlich abgesteckten Strandbereichen und jeder trinkt und schwatzt mit seinen Nachbarn. Der Strand, breit und langgezogen, ist übersät von Menschen. Die meisten Besucher sind, wie es die Tradition will, weiß gekleidet. Sie erhoffen sich Glück für das nächste Jahr.

Zusammen mit Diogo und seinen Freunden schlendern wir barfuß am Strand entlang und erwarten, Caipirinha trinkend und uns in den Wellen des Atlantiks erfrischend, auf den Countdown. Nach ein paar Stunden ist es dann endlich soweit. Riesige Feuerringe explodieren am Himmel, Raketen sausen kreischend durch die Luft, gigantische Smileys erleuchten den Nachthimmel, krachend steigen hunderte Sternschnuppen auf und sinken langsam wieder zur Erde herab. Eine halbe Stunde dauert die Vorstellung. 30 Minuten Getöse, leuchtende Farben und ungläubige Begeisterungsrufe.
 
 

 
 

Noch lange nach dem Feuerwerk bin ich völlig aufgedreht. Was für eine Show.

Auch Diogo kommt aus dem Staunen nicht heraus. Jedes Jahr, so sagt er, ist das Feuerwerk länger und besser als im Vorherigen. Als wir uns in den frühen Morgenstunden auf den Rückweg nach Lapa machen, kommen wir in eine regelrechte Völkerwanderung. Tausende Menschen verlassen Copacabana und füllen die ausladenden Straßen der Stadt, wie sie zuvor den Strand bevölkerten. Sie strömen in die benachbarten Stadtteile Botafogo und Ipanema, um sich von dort mit Bussen und Taxis in weiter entfernte Stadtviertel zu ergießen. Das neue Jahr beginnt für die meisten von ihnen mit einem ordentlichen Kater.

Auch für uns beginnt der erste Tag des neuen Jahres spät. Nur langsam kommen wir aus den Betten. Ein verlorener Tag, bis Diogo eine beinahe geniale Idee durch den Kopf schießt: Wir fahren zum Strand. Doch nicht etwa Ipanema oder Copacabana heißt unser Ziel, sondern der Strand von Barra da Tijuca. Nicht, dass er besonders hervorstehen würde durch seine Schönheit, Abgeschiedenheit oder sonstige Muster nach denen Strände üblicherweise ausgewählt werden. Nein, dafür ist er jedoch der Strand der Neureichen in Rio. Manager, Broker, Fußballspieler, TV-Sternchen: Sie alle leben in Barra, das vor etwa 30 Jahren westlich des Zentrums Rios aus dem Boden gestampft wurde. Private Wohnviertel – riesige Hochhaussiedlungen, eingerahmt von meterhohen Wänden, Stacheldraht, elektrischen Zäunen und überwacht von unzähligen Kameras und Sicherheitspersonal – reihen sich aneinander. Die neue reiche Schicht bleibt gerne unter sich.
 
 

 
 

Anders als die traditionell wohlhabenden Familien, die in Ipanema zuhause sind und dem dortigen Strand der Reichen und Schönen das Image verleihen, zieht es die neue Wohlstandsgeneration hinaus aus der alten Stadt und hinein in eine moderne Welt. Riesige Shoppingmalls prägen das Bild. Reichtum definiert sich hier nicht mehr über den Körperkult, wie in Ipanema, sondern durch Konsum. Die neuen Reichen bleiben in Barra und erfreuen sich an ihrer luxuriösen Scheinwelt, die gar nichts mit dem quirligen, lebendigen Rio zu tun hat, das wir bis jetzt kennenlernten. Dabei erinnert Barra da Tijuca ein wenig an Brasília, die Hauptstadt des Landes. Es gibt keine Fußgängerwege, nur breite Straßen und keinen öffentlichen Personenverkehr. Das ist auch nicht notwendig. Die Bewohner Barras fahren mit ihrem Auto zum Supermarkt, zum Bäcker und zur Wäscherei, zum Restaurant, ins Kino und zur Arbeit.

Das Auto: Statussymbol und erstes Fortbewegungsmittel.

Wir treffen uns mit ein paar Freunden von Diogo und Mauricio. Lorenço, einer von ihnen, lässt es sich nicht nehmen uns ausführlich über die Vorteile Barras zu informieren. Vor allem läuft seine Argumentation auf das Thema Sicherheit hinaus. Da wir uns in Rios Downtown aber keineswegs unsicher fühlen, überzeugt er uns nur mäßig. Zusammen mit ein paar Freunden sitzen wir wenig später am Strand. Das heißt: Eigentlich sitzen wir nicht am Strand, sondern in einer Bar in Strandnähe. Die Tische um uns herum sind voll besetzt. Muscheln werden geschlürft und gegen die Hitze hilft natürlich nichts besser als ein kühler Cocktail. Trotz herrlichem Sonnenschein befinden sich nur wenige Unerschütterliche im Sand. Ein Phänomen, das wir bereits mehrfach beobachten konnten. Es gibt so viel Strand in Brasilien, dass es die Brasilianer anscheinend überhaupt nicht mehr juckt. So trinken wir fröhlich schwatzend einen Caipirinha nach dem anderen und schauen sehnsüchtig auf die mannshohen Wellen, die nur wenige Meter von uns entfernt ans Ufer branden.
 
 

 
 

Doch irgendwann schaffen wir es uns von den Plastikstühlen der Bar zu lösen und springen in die wilden Fluten.

Den Abend verbringen wir in einem Apartment in Barra. Aus dem elften Stock schweift der Blick über die feine Wohngegend und trotz allen Reichtums ist das Viertel nichts anderes als sterbenslangweilig. Als sich plötzlich allgemeiner Hunger breit macht, besuchen wir eine Pizzeria, mit all-you-can-eat Angebot. Riesige goldene Ringe und Ketten, Designer-Hemden mit großem sichtbarem Logo und wertvolle Handtaschen zieren die meisten Gäste. Understatement ist nicht die Sache der neuen reichen Schicht. Kellner in schwarzen Hosen und weißen Hemden tragen ununterbrochen riesige Bleche durch die Tischreihen und servieren leckere Pizzen in den verschiedensten Geschmacksrichtungen. Nach all diesen schmackhaften Pizzastücken, jedes einzelne ein Genuss, dann das Nachtischbuffet. Nicht Pudding oder Fruchtsalat, sondern weitere Pizzen befinden sich in der Auslage. Schokoladenpizza mit Erdbeeren oder Bananen, Calzone gefüllt mit Brownies und Eis, Pizza belegt mit karamellisierter Ananas und Zimt – jedes Stück unverschämt gut.

Unsere Erkundungsreise der ‚Sehenswürdigkeiten, die wir schon lange vor Rio kannten‘, führt uns zum Zuckerhut, einem kegelförmigen, 396 Meter hoch aufragenden Felsen in der Guanabarabucht vor Rio. Wie auch der Cristo muss der Zuckerhut mit vielen anderen geteilt werden. Eine Seilbahn befördert die Besucher hinauf auf den Berg, von wo sich ein atemberaubender Blick auf die Stadt bietet. Der lange Strand von Flamengo und der geschützte Strand von Botafogo mit seinen unzähligen Yachten liegen uns zu Füßen. Daneben erkennen wir Copacabana mit seinen luxuriösen Hochhaussiedlungen und dem davor befindlichen leicht geschwungenen Sandstreifen und dem Vermelho-Strand am Fuß des Zuckerhuts. Auch Cristo grüßt in einiger Entfernung auf uns herab. Der einzige Nachteil dieses spektakulären Panoramas ist der Umstand, dass wir es nicht auf ein Foto bekommen.
 
 

 
 

Angeregt von so viel Strand entlang Rios Küste, beschließen wir einen ausgiebigen Spaziergang von Ipanema nach Copacabana zu unternehmen. In Ipanema, dem Viertel der Reichen und Schönen, treffen wir vor allem auf braungebrannte und durchtrainierte Körper am Strand. Knappe Bikinis und enge Shorts sind die beliebtesten Kleidungsstücke. Junge Männer stählern ihre Körper an Fitnessgeräten und attraktive Frauen räkeln sich im Sand. Andere üben sich in den vielen aufgereihten Netzen an Volley-Fußball. Mit Füßen, Beinen und dem Kopf spielen sie immer wieder einen Ball über ein Volleyballnetz. Ein Mix aus Ballbeherrschung und Akrobatik. Der Strand, in nummerierte Abschnitte gegliedert, ist klar in Zielgruppen unterteilt. Da gibt es den Strand der Reichen und Schönen, den Strand der Schwulen, den Strand der Familien und, ganz inoffiziell, sogar einen Couchsurfing-Strand.

In Copacabana herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Ipanema. Nur sind die Menschen nicht mehr ganz so schön, nicht ganz so gut gebaut, nicht ganz so braun gebrannt. Copacabanas Strand ist vor allem bei Touristen beliebt. Zwischen all den internationalen Gästen tummeln sich Strandtuchverkäufer und professionelle Sandburgenbauer, die ihre Kunstwerke gegen einen kleinen Obolus zum Fotografieren freigeben. Der Copacabana Palace, das teuerste Hotel Rios, stammt noch aus der Zeit, als die High Society der Stadt hier über die Promenade flanierte. Mittlerweile ist sie nach Ipanema abgezogen, weshalb Copacabana etwas an Glanz verloren hat. Die internationale Strahlkraft ist jedoch noch immer vorhanden und so lassen sich Stars und Sternchen aus der ganzen Welt weiterhin im Copacabana Palace nieder. Als wir nach Hause kommen hat Diogo eine Überraschung für uns geplant. Wir gehen aus. Karneval steht vor der Tür.

 

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Kapitel 3

Die Samba, der Karneval und gut gebaute Kurven

In Rio herrscht das ganze Jahr Karneval. Einen Monat vor der fünften Jahreszeit befindet sich die Stadt bereits in Ekstase.

Da richtige Cariocas nie bis zum Beginn der fünften Jahreszeit warten können, gibt es bereits einen Monat zuvor sogenannte Vor-Karneval-Partys. In einem der Nachbarviertel Lapas machen wir uns auf den Weg zum Pedra do Sal, einem winzigen Platz, dessen Mitte ein riesiger Stein ziert. Hunderte Schaulustige drängen sich um die Band, die wir aufgrund der Menge nicht zu Gesicht bekommen und tanzen zu den erklingenden Sambarhythmen. Der enge Platz, umringt von Wohnhäusern und Treppen, ist zum Bersten gefüllt. Es geht weder vor noch zurück. Alle drängen zur Mitte um die Band Escravos da Mauá, eine der bekanntesten Samba Bloquos Rios, zu sehen. Sie tanzen, trinken und lachen – Karneval hat für sie schon lange begonnen. Samba Bloquos sind Musikgruppen, die während des offiziellen Karnevals musizierend durch die Straßen der Stadt ziehen. Sie versammeln tausende Feierfreudige um sich, die ihnen tanzend auf ihrem Weg durch Rio folgen.

Doch damit nicht genug. Nach dem Konzert am Pedra do Sal machen wir uns auf zum Sambódromo, der neu gestalteten Paradestrecke des Karnevals. Vier Tage lang zeigen Rios Sambaschulen hier seit einigen Jahren ihr Können. In unterschiedlichen Klassen treten sie gegeneinander an. Den Gewinnern winken vor allem Ruhm und Ehre, denn für viele Cariocas und Mitglieder der Sambaschulen ist der Karneval mehr als nur eine Auszeit von der Routine. Es ist ihr Lebensinhalt, dem sie sich ganzjährig widmen. Elf Monate lang proben sie ihre Tänze, entwerfen und konstruieren die Paradewagen, schreiben Lieder für den Karneval, um dann während des Festes ihre Arbeit zu präsentieren. In den Wochen vor Karneval haben alle teilnehmenden Sambaschulen einmal die Möglichkeit, im Sambódromo aufzulaufen und öffentlich zu proben.
 
 

 
 
Wir sehen gleich drei Sambaschulen tanzend und musizierend die Paradestrecke ablaufen. Hunderte Tänzer schwingen ihre Hüften zu den Rhythmen der Musiker, die in einiger Entfernung hinter ihnen laufen. Sie tanzen vor und zurück, drehen sich im Kreis, springen, klatschen und singen. Die Lebensfreude der Cariocas zeigt sich hier wohl am besten. Sie sind in ihrem Element – den feurigen und fröhlichen Sambarhythmen. Auch wenn die wenigstens ihre Kostüme tragen, ist die Show jetzt schon beeindruckend. Doch sind nicht nur Tänzer und Musiker auf der Strecke.

Jede Sambaschule präsentiert mindestens eine attraktive und kaum bekleidete junge Frau. Sie bringen das Extra an Erotik mit, was Rios Karneval so besonders macht. Das Publikum rastet bei jeder Schule vollkommen aus. Auf den Rängen wird ununterbrochen geklatscht und lauthals werden die Lieder mitgesungen. Die Tänzer und Showgirls spielen mit dem Publikum, das beim Anblick einer der gutgebauten Frauen oder eines attraktiven Tänzers in völlige Ekstase ausbricht und mit dem Johlen gar nicht mehr aufhören kann. Bereits jetzt, in den Proben, hält es die Cariocas nicht lange auf ihren Sitzen. Auch auf den Tribünen werden standesgemäß die Hüften geschwungen. Eine Stimmung, wie sie zur eigentlichen Veranstaltung nicht besser sein könnte.
 
 

 
 

Die ursprünglich in den Favelas angesiedelten Sambaschulen, die auch heute noch ihre Wurzeln in der armen Bevölkerungsschicht haben, sind mittlerweile zu einem Zahnrad der großen Tourismusmaschinerie geworden. Tickets für die entscheidenden Präsentationen während des Karnevals kosten etwa 200 bis 300 US-Dollar und sind für die meisten Carioca unerschwinglich. Rios Karneval ist mehr und mehr ein Karneval für Europäer und Nordamerikaner geworden. Dennoch scheint dies wenig zu stören, denn die Cariocas feiern sowieso das ganze Jahr ihren Karneval.

Von Rio aus überqueren wir die Bucht Guanabara und legen am gegenüberliegenden Ufer in der Stadt Niterói an. Rios kleine Schwester lebt ganz im Schatten der großen Metropole und nicht wenige Cariocas sagen, dass das Beste an Niterói, der Blick auf Rio sei. Unser Ziel ist jedoch nicht die wirklich schöne Aussicht über die Bucht. Vielmehr zieht uns ein alter Bekannter hierher: Oskar Niemeyer. Der Architekt Brasílias entwarf das MAC, das Museum für zeitgenössische Kunst, in Niterói. Wie aus der Hauptstadt bekannt, geben auch hier viel freie Fläche und Beton den Ton an. Aus einem kleinen See wächst eine sich nach oben hin öffnende Blüte aus Metall, Glas und Beton, die in ihrem Inneren das Museum beherbergt. Separate Räume gibt es nicht und nur ein paar Wände deuten die Trennung in verschiedene Bereiche an. Die Außenwände des kreisförmigen Museums bestehen aus einer einzigen Fensterfront, die einen sagenhaften Rundumblick auf das Wasser und Rio bietet. Eine Rampe verbindet den Eingangs- mit dem Ausstellungsbereich. Weiche Rundungen statt harter Kanten: Angelehnt an die Hügel Rios und die geschwungenen Körper der Frauen am Strand von Ipanema. Niemeyer, der Genussmensch.
 
 

 

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Kapitel 4

Favelas in Rio de Janeiro

Der Wandel vom gesetzlosen Viertel zum Überwachungsbezirk ist vollzogen. Und doch schlägt das Herz in Rios Favelas noch immer ein bisschen schneller. Ein Spaziergang zwischen Schachpartien und Twerking.

Es ist eine Geschichte, die Rio erschüttert: Tim Lopes sitzt in einer Bar in einer Favela im Norden Rios. Vor ihm steht ein Bier, das er mit abwesendem Blick anstarrt. Eigentlich braucht er eine Auszeit. Doch die Erfolge und Auszeichnungen seiner Arbeit motivieren ihn, lassen ihn weiter machen. Tim Lopes leert sein Glas und geht hinaus auf die Straße. Wenige Stunden später ist er tot – hingerichtet und zerstückelt von der Drogenmafia.

Tim Lopes ist Journalist und dokumentiert 2002 den Drogenhandel in den Favelas Rio de Janeiros. Er filmt Dealer beim Verkauf von Kokain, zeichnet motorisierte Milizen auf, zeigt, wie die Favelas von den Drogenkartellen beherrscht werden. Seine Reportagen und Dokumentationen sind mit Preisen ausgezeichnet und führen zu mehreren Verhaftungen. Gleichzeitig flackert das Bild Tim Lopes‘ über alle Fernsehkanäle. Diese Berühmtheit wird ihm zum Verhängnis: Auf der Straße vor der Bar, nach seinem letzten Bier, erkennen ihn zwei Mitglieder des Drogenkartells wieder. Der Rest ist Geschichte. Wochen später wird die verstümmelte und verbrannte Leiche Tim Lopes‘ auf einem Hügel in der Favela Complexo do Alemão von der Polizei gefunden.

Damals, vor fünfzehn Jahren, berichten Rios Medien beinahe täglich über Gewalt und Mord. Der Schrecken tobt in den Favelas, nur wenige Meter abseits der touristischen Sehenswürdigkeiten. Mitten in Rio liegen diese Armenviertel dort, wo sonst niemand leben will: an den steilen Hängen der Berge, die der Stadt ihre unverwechselbare Silhouette geben. Drogenkartelle beherrschen die Viertel der sozial Schwachen. Nicht einmal die Polizei traut sich noch in die Favelas. Die Regeln des Staates gelten hier nicht mehr.

In den Favelas herrschen andere Gesetze.

Die Bosse regeln das Leben in den Favelas neu, geben Hierarchien und Ordnungen vor. Drogenverkäufe auf offener Straße gehören ebenso zum Straßenbild wie mit Maschinengewehren bewaffnete Dealer. Kokain und Marihuana werden tonnenweise umgeschlagen. Die Favelas sind das Zentrum eines blühenden Drogenverkehrs, der vor allem in die wohlhabenden Stadtviertel Rios fließt.

Jedoch bringt das Drogengeschäft auch Vorteile für die Bewohner der Favelas. Mit den Einnahmen finanzieren die Kartelle die Wasserversorgung, die Müllabfuhr und das Transportwesen innerhalb der Favelas. Die Elektrizität wird von Stromleitungen abgezapft und gratis an die Bewohner der Favelas weitergegeben. Die Energiekonzerne bleiben machtlos. Der Zugang zu den Favelas bleibt ihnen untersagt.

Die Favelas sind isoliert. Bewaffnete Milizen bewachen die Ein- und Ausgänge. Die Mafia regiert mit eiserner Faust. Sie bestimmt das Zusammenleben in den Favelas, stellt Regeln auf. Diebstähle, Überfälle und Gewalt werden bestraft – je nach Ermessen der Bosse reicht das Strafmaß von einer ordentlichen Tracht Prügel bis hin zu Verstümmelungen und Mord. Paradoxerweise entsteht durch die Angst vor der Mafia ein friedliches Zusammenleben innerhalb der Favelas.

Nichtsdestotrotz ist die Bevölkerung immer wieder Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Kartellen. Auch Schusswechsel mit der Polizei fordern ihre Opfer in den Favelas. 2007 sterben bei einer Polizeiaktion im Complexo do Alemão 19 Menschen. Der Vorfall geht als Massaker des Complexo do Alemão in die Geschichte Rios ein.

Ein Jahr später ändert sich das politische Interesse. Vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 in Rio herrscht ein neues Sicherheitsdenken. Die Weltöffentlichkeit schaut auf Rio de Janeiro.

2008 formiert sich der erste sogenannte ‚Befriedungstrupp‘ der Polizei am Fuß der Favela Santa Marta. Mit Panzern und schwerem Gerät wird die Favela gestürmt – live übertragen von Hubschrauberkameras. Trotz einiger entkommener Mafiabosse: Die Erstürmung der Favela ist erfolgreich. Rund um die Uhr patrouillieren nun 120 Polizisten in der Favela und sorgen für den Schutz der Bewohner.

Nach der erfolgreichen Befreiung Santa Martas, weitet die Polizei ihre Einsätze auf weitere Favelas aus. Im Jahr 2010 dringt sie in den Complexo do Alemão ein und besetzt ihn dauerhaft. Ein Jahr später gelingt die Befreiung der größten Favela des Landes, Rocinha.

Bis heute sind alle Favelas in Rios touristischem Zentrum unter Polizeikontrolle.

Wir besuchen drei Favelas in Rio de Janeiro: Den Complexo do Alemão, den größten Zusammenschluss mehrerer Favelas des Landes (70.000 Einwohner); Rocinha, die größte Favela Rios (65.000 Einwohner), nur einen Steinwurf vom luxuriösen Ipanema entfernt und die mitten im Zentrum der Stadt gelegene Favela Santa Marta (7.000 Einwohner), deren Berühmtheit nicht zuletzt auf Michael Jacksons Musikvideo zu „They don’t care about us“ beruht.

Complexo do Alemão

Der Complexo do Alemão, ein Zusammenschluss 25 verschiedener Favelas, die in ihrer Fläche den größten Slum Brasiliens bilden, liegt im Norden Rios. Aus der Seilbahn heraus, nach der Erstürmung durch staatliche Mittel finanziert, bietet sich uns ein Blick über die Dächer des Viertels. Soweit das Auge auch reicht: Überall stehen die niedrigen, improvisierten Häuser und Hütten. Bis an den Horizont reicht das Meer aus Wellblechdächern. Hang auf und Hang ab drängen sich die Häuser auf den umliegenden Hügeln eng aneinander.
 

Die Seilbahn verbindet alle Hügelkuppen des Complexo miteinander und gilt als einziges öffentliches Transportmittel innerhalb der Favela. Von den Kuppeln, auf jeder thront ein Polizeigebäude, haben wir einen besonderen Blick auf die windschiefen Gebäude, die aus allen möglichen Materialien zusammengeschustert sind. Sie stehen so nah beieinander, dass die schmalen Gänge und Treppen dazwischen lediglich Platz für einer Person zulassen. Riesige Wassertanks stehen auf den Dächern und einige Bewohner besitzen dort oben sogar einen kleinen, eigenhändig gebauten Pool. Jungen lassen selbstgebastelte Drachen steigen. Ein paar Männer stehen um einen voll belegten Grill – aufgrund von Platzmangel findet das BBQ auf dem Dach des Hauses statt.
Die Hügel des Complexo, früher Schauplatz von Folter und Mord, sind heute beliebte Aussichtspunkte. Nicht nur Einheimische lehnen hier an den Geländern, sondern auch brasilianische Touristen. Mit der Seilbahn geht es sicher von Polizeistation zu Polizeistation mitten durch den undurchdringlichen Dschungel aus menschlichen Behausungen.

1.800 Beamte des polizeilichen Befriedungstrupps sind im Complexo do Alemão im Einsatz. Oben auf den Hügeln patrouillieren sie zu zweit zwischen den Bewohnern der Favelas und den interessierten Besuchern hin und her. Auch wir schlendern ein bisschen durch die Gegend. Hier befinden wir uns in einer anderen Welt, ganz weit weg von Traumstränden, Körperkult und Touristenströmen. Zwischen den unverputzten Häuserwänden um uns herum steht plötzlich ein ausgewachsenes Pferd. Mitten in der Favela, eingequetscht zwischen den Gebäuden.

Die Ausmaße des Complexos sind kaum in Worte zu fassen. In alle Richtungen drängen sich kleine Häuschen aneinander. Es ist kein Ende auszumachen in dem Meer aus improvisierten Hütten und dem Labyrinth aus Pfaden, Stufen und Schleichwegen. Bei diesen Dimensionen und dem undurchschaubaren Gewirr aus Treppen und Gängen erscheint uns ein tieferer Einblick in die Favela unmöglich. Diogo beschleicht dazu noch ein ganz anderer Gedanke: Orientierungslos und mit zwei Gringos an seiner Seite hält er uns für ein gefundenen Fressen. Er bevorzugt es in Sichtweite der Polizisten zu bleiben.

Rocinha

Auch Rocinha, die größte eigenständige Favela Rios, erweckt unser Interesse. Vor der Erstürmung durch die Polizei gilt sie als eine der gefährlichsten Gegenden überhaupt. Die Bosse der Bosse waren hier zuhause. 2011 vertreibt die Polizei, begleitet von Videokameras, die Drogendealer und die Gesetze des Staates ziehen ein. Nicht wenige meinen, dass sich die Zustände in der Favela damit verschlechterten. Mittlerweile seien Prügeleien und Diebstahl innerhalb der Favela keine Seltenheit mehr. Ein Zustand, der unter den Augen der Mafia undenkbar gewesen wäre.
 
 

Nur wenige vertrauen hier der Polizei. Zu groß ist die Angst vor Korruption und Parteilichkeit. 700 Polizisten sind in Rocinha im Einsatz. Seit kurzem werden sie von Schwenkkameras unterstützt, die an strategischen Punkten auf bis zu 300 Metern Entfernung gestochen scharfe Bilder aufnehmen. Nach erfolgreicher Testphase wird ihr Einsatz auf alle weiteren Favelas ausgeweitet.

Der Übergang vom gesetzlosen Viertel in den Überwachungsbezirk scheint vollzogen.

Mit dem Bus fahren wir bis zur Spitze des steilen Hügels, auf dem sich Rocinha befindet. Der Weg hinunter zum Fuße des Hügels führt über eine breite Straße, die gesäumt ist mit Wohnhäusern, Kiosken, Supermärkten und Geschäften. Wir passieren einen kleinen Markt, Kirchen und Kindergärten. Die ganze Zeit über haben wir eher das Gefühl, durch ein Viertel der brasilianischen Mittelklasse zu schlendern, als durch einen gefährlichen Armutsbezirk, den man als Tourist lieber meiden sollte. Rechts und links der Hauptstraße beginnen die für die Favelas so typischen kleinen Gänge und Schleichwege. Das Problem der nicht vorhandenen Postadresse wird umgangen. Das Haus an der Hauptstraße teilt sich die Adresse einfach mit all den dahinter liegenden Häusern. Als Briefkästen für die sich auftürmenden Briefe dienen vor dem Haus aufgestellte Wäschekorbe oder übereinander gestapelte Schubladen.

Von der Hauptstraße biegen wir in eine der vielen schmalen Gassen ab. Für Ortsfremde ist die Favela ein einziges Labyrinth und auch wir verlieren schnell den Überblick. Zwischen den unverputzten, feuchten und dunklen Häuserwänden, die keinen Blick auf die Umgebung zulassen, versagt unsere Orientierung. Immer wieder stehen wir plötzlich vor einer Haustür oder in einer Sackgasse. Zu viele Wege und Treppen zweigen zwischen den laienhaft gebauten Häusern ab.

Wir orientieren uns nur noch an der Richtung: Abwärts soll es gehen. Ein älterer Herr mit Brille und nacktem Oberkörper bietet uns offensichtlich Verwirrten seine Hilfe an. Er hat gerade eine Partie Schach mit dem Nachbarsjungen beendet und versucht sich nun an unserem Mix aus Spanisch und Portugiesisch.
 
 

 
 
Er verspricht uns sicher zurück zur Straße zu führen, nicht jedoch ohne uns den Stolz des Viertels zu zeigen: eine neu errichtete Schule für die Kinder der Nachbarschaft. Auch ein Krankenhaus gäbe es, erklärt er lächelnd. Wir durchqueren ein paar Gänge, biegen einige Male ab und stehen plötzlich wieder mitten auf der lebendigen Hauptstraße Rocinhas. Feucht und dunkel ist hier nichts mehr. Die Häuser erstrahlen in farbenfrohem Glanz. Geschäfte und Restaurants reihen sich aneinander, Klimaanlagen rattern vor den Fenstern. Die Favela wirkt hier beinahe bürgerlich.

Dieser neue Mittelstand in der Favela hat Auswirkungen. Hinter Rocinha, auf der Rückseite des Hügels, wohnen immer mehr ausländische Studenten. Sie genießen den Blick auf die Bucht vor Ipanema und die moderaten Wohnpreise in der Favela, die mittlerweile nur noch „Favela Gringa“ genannt wird.

Santa Marta

Samstagabend zieht es uns in die Favela Santa Marta, die wir schon aus Michaels Jacksons Musikvideo kennen. Wir wollen feiern. Es ist bereits nachts, als wir vor dem Hügel am Fuß der Favela stehen. Ein bisschen mulmig ist uns schon. Trotz aller Sicherheitsversprechen: Wir betreten fremdes Land und auch für Diogo ist der nächtliche Besuch Santa Martas etwas unheimlich.

Wir steigen die steile Straße hinauf, die bereits nach wenigen Metern an einem kleinen Platz endet, von dem aus nur noch schmale Gassen ins Innere der Favela führen. Auf Plastikstühlen sitzen hier mehrere Jugendliche. Die Stimmung ist ausgelassen, das Bier fließt in Strömen. Sie tragen kurze Hosen, Muskelshirts, Basecaps. Keine Gangsterattitude, keine Ganzkörpertätowierungen, keine bösen Blicke. Lediglich die umherstehenden Polizisten verunsichern ein bisschen mit ihrem strengen Auftreten.

Heute steigt in Santa Marta eine „Baile Funk“ Party. Baile Funk, auch Funk Carioca genannt, hat jedoch nichts mit dem Funk zu tun, der außerhalb Brasiliens bekannt ist. Es geht um heiße Rhythmen und dreckige Texte, bei denen Alice Schwarzer wahrscheinlich das Herz stehen bliebe.
 
 

 
 
Noch haben wir Zeit bevor wir in den Club gehen und so durchstreifen wir die Gassen von Santa Marta. Die engen Treppen und Wege winden sich an den kreuz und quer umherstehenden Häusern vorbei. In der Dunkelheit der Nacht, die nur selten von einer Wegbeleuchtung durchbrochen wird, wirkt die Favela unheimlich. Endzeitcharakter herrscht in den Gängen. Von den Wänden der Häuser blättert der Putz, feucht und schimmelig sind die Mauern. Unser Pfad windet sich mal nach links, mal nach rechts. Immer wieder beendet eine unerwartet auftauchende Häuserwand unseren Weg, so dass wir einen anderen Gang suchen müssen, um unsere Erkundungstour fortzusetzen. Ab und an treffen wir auf einen Bewohner Santa Martas, der uns, den Fremden, interessiert hinterher schaut.

Auf einem Vorplatz, eine kleine Party. Eine Band zollt ihren Tribut und interpretiert Songs von Michael Jackson. Wir huschen schnell vorbei und die steilen Treppen weiter hinauf. Auf einem Balkon wagen wir den Blick auf die uns umgebende Favela. Ein paar Jugendliche werden gerade in unmittelbarer Nähe von einer Polizeipatrouille, mit schweren Maschinengewehren ausgerüstet, angehalten. Die Jugendlichen müssen sich einer gründlichen Leibesvisitation bis unter die Basecaps gefallen lassen. Gefunden wird jedoch nichts. Die Spezialkräfte sind hier verhasst. Die selbst ernannte Friedenstruppe gilt nur als eine andere Form der Besatzungsmacht.

Wir erklimmen weitere Stufen. Vorbei an Häusern, einer Kirche, Kakerlaken, einem Schönheitssalon und einer fetten Ratte, die quietschend aus dem Dunkeln an uns vorbei läuft. Wenige Schritte weiter versperrt uns ein Straßenhund Zähne fletschend und knurrend den Weg. Wir kehren um. Zurück auf dem Platz erwarten wir, wie die anderen auch, auf Plastikstühlen Bier aus dem Kiosk trinkend, den Einlass zur Funk-Party. 2 Uhr morgens öffnet der Club seine Türen und ist zur gleichen Zeit zum Bersten gefüllt.

Die Tanzfläche ist voller junger Menschen. Eine Altersbeschränkung gibt es offensichtlich nicht. Vor uns steht ein etwa 15-jähriger, der wie selbstverständlich jedem vorbeikommenden Mädchen auf den Hintern klatscht. Junge Männer tanzen perfekt einstudierte Choreographien und Mädchen lassen halb auf dem Boden hockend, die Hände auf den Knien abgestützt, mit laszivem nach hinten gerichtetem Blick ihre Hintern kreisen.

Den Höhepunkt bildet ein kleiner Wettstreit auf der Bühne. Dabei führen Mädchen (und ein Transvestit) die Kunst des Hinternkreisens, Twerking im Fachausdruck, vor der grölenden Menge auf. Den Gewinner in dieser fraglichen Disziplin entscheidet das Publikum.

Der Complexo do Alemão, Rocinha und Santa Marta: Nur drei der mehr als 500 Favelas in Rio, die Schlagzeilen machten. Die Berichte über Brutalität, Folter und Mord in den Favelas legten sich wie ein Schatten auf das strahlende, sonnenverwöhnte Image Rios.

Heute, trotz des Einsatzes der Spezialtrupps, trotz der Vertreibung der Drogenkartelle: Ein Besuch in Rios Favelas löst noch immer einen erhöhten Herzschlag aus. Zu präsent sind die Schreckensmeldungen, die bis vor wenigen Jahren regelmäßig an die Öffentlichkeit drangen. Die Angst vor einer Rückkehr der Kartelle ist groß und die wichtigste Frage lautet: Was passiert nun ein Jahr nach den Olympischen Spielen in Rio? Viele Bewohner Rios fürchten einen erneuten Machtkampf zwischen der Polizei und der Drogenmafia, sobald die Weltöffentlichkeit den Blick von Rio abwendet.
 
 

 
 
Unsere Zeit in Rio de Janeiro neigt sich dem Ende. Nach knapp zwei Wochen verlassen wir schweren Herzens die fabelhafte Stadt und unseren Host und neuen Freund Diogo.

Wir ziehen weiter durch Südamerika, doch es gibt keinen Zweifel: Wir kommen wieder.

Post Scriptum: Nur wenige Tage nachdem wir Rio verlassen haben, wird der chilenische Künstler Jorge Selarón, der die mosaikreiche, bunt gekachelte Treppe Escadaria do Selarón in Lapa gestaltete, tot vor seinem Haus, auf eben dieser Treppe, gefunden. Noch vor kurzem kamen wir mit ihm in seinem Atelier ins Gespräch. Selaróns Körper weist Verbrennungsspuren auf und die Polizei kann nicht ausschließen, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Freunde von Selarón geben an, dass er zuletzt an Depressionen litt und Drohbriefe erhalten haben soll. Es herrscht viel Raum für Spekulationen.

 

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