Loading...

The Travel Episodes

Day One

Rocky Mountain High

Dirk Rohrbach sucht in den berühmten Bergen von Colorado den besonderen Kick. Er möchte mit dem Fahrrad einige der höchsten Pässe der Rocky Mountains bezwingen…

Erst vor ein paar Tagen bin ich in Cortez ganz im Südwesten Colorados angekommen. Unweit liegt das Four Corners Monument, wo vier Staaten zusammentreffen und sich Touristen gerne in skurrilen Posen fotografieren lassen. Während die Hände den Boden von Arizona und Utah berühren, stehen die Füße gleichzeitig in New Mexico und Colorado. Auf solche Akrobatik verzichtete ich.

Mein vierzig Jahre alter Truck war kurz zuvor im Navajo Reservat liegen geblieben. Lichtmaschine. Zum Glück hatte ich Handyempfang und eine gute Stunde später brachte mich der Abschleppwagen im Sonnenuntergang zu meinen Freunden Judy und Gay nach Cortez.

Foto

Die Mesas brannten im warmen Abendlicht, das durch tief hängende Wolken schnitt.

Ich fragte den indianischen Fahrer, ob sein Job angesichts dieser Szenerie jemals zur Routine werde.

„Never“, antwortete er knapp.

Ich kenne die Gegend seit meiner Durchquerung Amerikas mit dem Rad vor zwei Jahren. Damals wollte ich die USA von Ost nach West, von New York bis Los Angeles erkunden, auf Nebenstrecken das Small Town America, das mich seit jeher fasziniert. Es sind die kleinen Städtchen auf dem Lande, ihre Beschaulichkeit, die Freundlichkeit seiner Bewohner und die unzähligen Geschichten, die mich immer wieder hierher führen.
 
 
alma
 
 
So wie die von Gay, der in den 1990er-Jahren als ‚Präriehunde-Staubsauger’ Schlagzeilen machte. Damals hatte er einen alten Abwassertruck umfunktioniert, um damit Präriehunde aus ihren Löchern zu saugen und umzusiedeln. Vor allem Bauinvestoren nahmen seine Dienste gerne in Anspruch, denn die kleinen Nager ruinieren mit ihren über Gänge verbundenen Kolonien das Land und gefährden die Statik eines jeden Hauses. Seit der Immobilienkrise schlägt sich Gay mit Jobs als Schweißer durch und hat in seinem Keller einen kleinen Gun Shop eingerichtet, in dem er Gewehre und Munition für Jäger verkauft.
 
 

Gay Balfour, der Erfinder des „Präriehundesaugers“, ist ein beeindruckender Mann von  uramerikanischer Tugend: „Der einzige Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist die Länge der Zeit, die man es versucht!“

Gay Balfour, der Erfinder des „Präriehundesaugers“, ist ein beeindruckender Mann von uramerikanischer Tugend: „Der einzige Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist die Länge der Zeit, die man es versucht!“

Gay mit seiner Frau Judy. Geheiratet haben sie schon in der Highschool.

Gay mit seiner Frau Judy. Geheiratet haben sie schon in der Highschool.

Mit diesem umfunktionierten Abwassertruck fing Gay bis zu 1.000 Präriehunde pro Auftrag.

Mit diesem umfunktionierten Abwassertruck fing Gay bis zu 1.000 Präriehunde pro Auftrag.

Die integrierte Bremseinrichtung drosselte die Einfallgeschwindigkiet, zusätzliche Polster sorgten für eine weiche Landung...

Die integrierte Bremseinrichtung drosselte die Einfallgeschwindigkiet, zusätzliche Polster sorgten für eine weiche Landung…

... der possierlichen Nager.

… der possierlichen Nager.

Während Nachbar Bob sich in den nächsten Tagen um meinen Truck kümmern will, möchte ich mit dem Rad auf dem San Juan Skyway in die Berge fahren.

Der gut 400 Kilometer lange Rundkurs führt durch spektakuläre Schluchten, über einige der höchsten Pässe der Rocky Mountains zu historischen Minenstädtchen aus dem 19. Jahrhundert. Damals lockten Bodenschätze die Glückssucher hierher. Gold, Silber, Erze. Restaurierte Häuserfronten erinnern plakativ an die Blütezeit. Durango, Silverton, Ouray, Telluride – klingende Namen seit dem großen Silberrausch.

Auch wenn die Tour dieses Mal nur ein paar Tage dauert, ist das Rad wieder ordentlich beladen. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Wechselkleidung, Waschzeug, Reparaturset, Proviant. Den Campingkocher lasse ich zurück, will mich lieber in den Dorfläden frisch eindecken und dabei vielleicht auch die Gelegenheit für das eine oder andere Gespräch nutzen.

Eine Stunde nach meinem Start erreiche ich Dolores – und mir geht das Herz auf. Schlagartig weicht die Halbwüstenlandschaft, und ich rolle durch ein beschauliches Tal, das den alpinen Winter gerade erst abschüttelt. Die Pappeln und Espen am Dolores River zeigen erste Knospen, aber in schattigen Winkeln hält sich noch der letzte Schnee.
 
 
IMG_0454-Edit
 
 
Die Sonne wärmt schon ganz ordentlich vom nahezu wolkenlosen Himmel. Nur eine kühle Brise von hinten erinnert daran, dass der hier gewöhnlich heiße, trockene Sommer wohl noch eine Weile auf sich warten lässt. Im Food Market gibt es frisch aufgebrühten Biokaffee, Selbstgebackenes und eine übersichtliche, aber gut sortierte Auswahl in den Regalen, die kaum Wünsche offen lässt. ‚You find everything you’re looking for?’, fragt mich der Kassierer, und bei ihm klingt es gar nicht abgespult, wie manchmal in den Filialen der Supermarktgiganten. Ich kaufe zwei Bananen, ein gebackenes Welsfilet ‚Cajun Style’, hausgemachten Kartoffelsalat, einen Himbeer-Shortbread-Riegel, einen Brownie und einen kleinen Laib Bananen-Nuss-Brot fürs Frühstück.

Mit Country Music von der lokalen Radiostation im Ohr rolle ich weiter. Autofahrer grüßen, in dem sie die Hand kurz vom Lenkrad heben. Hier fährt man mit Allradantrieb und Radträger auf dem Dach. Später überholen mich zwei Motorradfahrer, einer streckt seine Faust respektzollend gen Himmel. Die Freundlichkeit und Rücksicht der anderen Verkehrsteilnehmer ist auffällig. Ich genieße das Unterwegssein.

Vielleicht ist Radfahren sogar die schönste Form des Reisens.

 
 
IMG_0631-Edit
 
 

Entschleunigt und aus eigener Kraft unterwegs zu sein, lässt einen die Umwelt viel intensiver wahrnehmen. Es bleibt Zeit und Gelegenheit für die Details am Wegesrand. Ich passiere jetzt immer wieder Campgrounds und Restaurants, deren Saison erst im Juni beginnt. In Rico, einem 200-Seelen-Dorf mit einer Reihe von historischen Gebäuden aus dem Silberrausch des vorletzten Jahrhunderts stocke ich noch mal den Getränke-Vorrat auf, Wasser und Cola. Ein paar Meilen weiter finde ich dann den ersten Lagerplatz, fünf Meter unterhalb der Straße, direkt am Fluss gelegen.

Eine halbwegs ebene Fläche, gerade ausreichend, um mein Zelt aufzustellen. Die Sonne ist längst hinter Bergen verschwunden, eisige Kälte legt sich übers Tal. Ich schlinge mein Abendessen runter und verkrieche mich bald in den Schlafsack.

 

* * *

 

Day Two

Kitzbühel im wilden Westen

Raureif auf dem Zelt, dünnes Eis auf den Pfützen neben dem Fluss, kalte Füße in der Nacht: 2.700 Meter Höhe. Von Rico nach Telluride. 70 Kilometer. 650 Höhenmeter.

Habe schlecht geschlafen, auch wegen der kalten Füße, trotz mehrerer Lagen und dicker Socken. Auf den Berghängen wärmt schon die Sonne, aber mein schattiges Camp bleibt noch eine Weile frostig. Mit klammen Händen nage ich ein wenig lustlos am Bananenbrot.

Aber den Campingkocher habe ich zurückgelassen, will lieber regelmäßig frisch einkaufen, zumal genug Läden an der Strecke liegen sollten. Gegen 9 Uhr breche ich auf. Inzwischen flutet die Sonne das gesamte Tal, inklusive des Highways, der weiter graduell ansteigt. Ganz anders als in den Appalachen im Osten der USA oder den heimischen Alpen mit ihren brutalen Anstiegen, die oftmals in Serpentinen verlaufen, klettert man hier in den Rocky Mountains meist stetig, für viele Stunden Richtung Pass, um dann auf der anderen Seite eine ganze Weile rasant ins Tal zu stürzen.

Mit manchmal nicht mehr als sechs oder sieben Stundenkilometern geht es im Wiegetritt aufwärts.

Auf der anderen Seite mit 60, 70 Sachen wieder runter.

Glücklicherweise scheint mir die dünne Höhenluft dieses Mal nichts auszumachen, zumindest verfalle ich nicht in Schnappatmung. Kilometer um Kilometer geht es bergauf, bei abermals besten Bedingungen, auch wenn es hier oben inzwischen deutlich kühler ist. Mit Arm- und Beinlingen und gelber Warnweste geschützt erreiche ich schließlich den Lizard Head Pass, gut 10.000 Fuß hoch, über 3.100 Meter.

Foto Lizard

Vor lauter Begeisterung vergesse ich glatt ein Foto vom namensgebenden Lizard Head zu machen, einem prominenten Berggipfel in der Nähe, dessen Form an den Kopf einer Eidechse erinnern soll. Mit sehr viel Fantasie.

Kurze Verschnaufpause, dann die erste Abfahrt. Das Wetter zeigt sich hier weniger freundlich als auf der anderen Passseite. Viele Wolken, aus denen es auch mal schauern könnte, verdecken die Sonne immer wieder. Also fahre ich weiterhin in voller Montur, greife zwischenzeitlich sogar zur zweiten Jacke.

Erst in Telluride, am Ende einer langen Sackgasse und tiefer gelegen, steigen die Temperaturen wieder, und die Sonne setzt sich länger durch. Auch hier haben viele Geschäfte an der sonst so belebten Hauptstraße noch geschlossen.

Zwischensaison.

Tellurides Name strahlt seit dem 19. Jahrhundert einen schillernden Glanz aus. Als Minensiedlung gegründet, raubte der legendäre Gangster Butch Cassidy schon 1889 die örtliche Bank aus. Zwei Jahre später kam die Eisenbahn nach Telluride und sorgte für einen ersten Boom. Die Minen in den umliegenden Bergen bescherten der kleinen Stadt und ihren Bewohnern bis in die 1970er-Jahre Arbeitsplätze und Wohlstand. Als die Ressourcen schwanden, bauten findige Investoren die ersten Skilifte. Zeitgleich zogen Hippies in die Gegend und verdrängten die Minenarbeiter, die mit ihren Familien auf der Suche nach Arbeit in andere Regionen zogen.

Die neuen Einwohner lockten vor allem die grenzenlosen Outdoor-Möglichkeiten – Klettern, Drachenfliegen, Paddeln. Und die Aussicht auf einen entspannteren Lebensstil im abseits allen Trubels gelegenen Taleinschnitt. Die inzwischen legendären Film- und Musikfestivals wurden ins Leben gerufen. Parallel entstand eines der besten Skigebiete Nord-Amerikas. Aber auch der Ruf, das Bergdorf sei ein Umschlagplatz für Drogenschmuggler und Rückzugsort für deren gut betuchte Bosse. Glenn Frey thematisierte das sogar in einer Zeile seines 1980er-Jahre-Hits ‚Smuggler’s Blues’. Dieses Wild-West-Image schien dem Ruf von Telluride aber keineswegs zu schaden, sondern seine Attraktivität noch zu steigern. Die ersten Promis kamen, Schauspieler, Regisseure, Fernsehstars. Heute ist der Ort im Sommer noch immer ein Outdoormekka und im Winter ein Tummelplatz für Skifans aus dem ganzen Land.

Dann weht ein Hauch von Kitzbühel durch die historische Hauptstraße.

 
 
telluride
 
 
Ich kaufe einen Kaffee im einzigen Laden, der für die Einheimischen im Moment geöffnet hat und bin total überfordert. Hochbetrieb in der Mittagszeit. Überall Mütter in Yoga-Outfits, die sich beim Lunch-Klatsch lautstark austauschen, während ihre Kleinkinder, kaum dem Kinderwagen entwachsen, über die Dielen toben.

Ich melde mich telefonisch bei Joanna, bei der ich mich über warmshowers.org für eine Nacht angekündigt hatte.

Warmshowers vernetzt Radfahrer weltweit und hat als Plattform so innerhalb weniger Jahre eine bunte Community geschaffen. Man erstellt ein Profil und findet anschließend auf der Website Gleichgesinnte und Gastgeber, die neben einer warmen Dusche meist auch noch Unterkunft und Verköstigung anbieten. Alles unentgeltlich, denn der Gastgeber von heute ist vielleicht schon morgen der Radler, der sich über die Gesellschaft und Gastfreundschaft der anderen auf seiner Tour freut.

Joanna lebt mit ihrem Mann Daniel und zwei Töchtern ein paar Meilen außerhalb von Telluride. Ich solle einfach dem Highway bergab folgen.

Vorher decke ich mich im kleinen Supermarkt noch mit ein wenig Proviant für die nächste Etappe ein und studiere bei einem Schokocroissant im Visitor Center die Broschüren. Ich erfahre vom Wiederentdeckten Ski-Eldorado Colorado, nachdem die angesagten Gebiete in den Küstengebirgen im Westen und in Alaska zuletzt immer wieder über Schneemangel klagten, während die Rockies Rekordschneefälle verbuchten. Ich lese über John Denver, selbst leidenschaftlicher Abfahrer, der zwar in New Mexico geboren, sich aber Colorado so verbunden fühlte, dass er seinen Künstlernamen der Hauptstadt entlehnte und nach Aspen zog.
 
 

 
 
In seiner später vom Staat Colorado als offiziell deklarierten Hymne ‚Rocky Mountain High’ singt er von einem, der auszog, sein altes Leben hinter sich zu lassen und in den Bergen zu sich selbst fand. Der Titel ist längst zu einem Schlagwort für Gegner und Befürworter der Legalisierung von Cannabis als recreational use, also für den nicht-medizinisch begründeten Konsum von Marihuana, geworden. Colorados Bevölkerung entschied sich im Jahr 2012 mit einer knappen Mehrheit von 55 Prozent für die Freigabe. Ein Novum, weltweit.

Überhaupt hat man den Eindruck, die Menschen hier übernehmen gerne die Vorreiterrolle. Colorado scheint überdurchschnittlich viele progressive Quer- und Vordenker zu beheimaten. Die Häuser hier sind keine sterilen Retortenkolonien, sondern kreative Eigenbauten aus Adobe, Holz und Stein. Selbst auf dem Land finden sich hier Bioläden, in denen lokal angebautes Obst und Gemüse angeboten werden.
 
 
IMG_0448-Edit
 
 
Und nirgendwo sonst sind die Menschen so aktiv. Mountainbiken, Raften, Wandern, überall Radwege. Ja, hier ließe es sich leben, denke ich, und rolle bei inzwischen 25 Grad zu Tal, wo die Bäume und Sträucher schon längst in saftigem Grün treiben.

 

* * *

Day Three

Siesta in the Sierra

Über traumhafte Nachtruhe, liberale Freigeister und amerikanische Gastfreundschaft. Von Telluride nach Ouray.
50 Kilometer. 650 Höhenmeter.

Habe herrlich geschlafen auf Daniels Erfindung, der Schafmatte Siesta Rest. Besser als auf jeder Luxusmatratze mit Federkern oder aus Latex.

Die Idee zu den komfortablen Schlafmatten kam Daniel schon vor einer Weile, nach vielen Nächten auf extrem dünnen, sehr spartanischen Isomatten. Statt auf Luft setzt Daniel bei seinen Matten auf eine ordentliche Lage memory foam, einen hochwertigen Schaumstoff, der sich den individuellen Konturen des Körpers anpasst.

Mit flauschigem Fleece als Liegefläche und verpackt in einer robusten, waschbaren Hülle aus Kunststoffgewebe ist die Siesta Rest zwar weder ein Leichtgewicht noch ein Platzwunder, aber auf Touren mit dem Kanu, Auto oder Motorrad gibt es nichts Bequemeres. Wenn Daniel seine Matte endlich zur Serienreife bringt.

Ursprünglich kommt der 44-Jährige aus Kalifornien, wo er Rucksacktouren geführt hat und auch seine spätere Frau Joanna kennenlernte. Er studierte Kunst in Taos, New Mexico, und landete schließlich in Telluride. ‚Wenn es irgendwo mehr Menschen als Bäume gibt, werde ich schnell klaustrophobisch’, scherzt er.

Warum er und Joanna sich bei Warmshowers als Gastgeber registriert haben, ohne selbst jemals den Service genossen zu haben, will ich noch wissen. ‚Es ist doch toll, wenn Reisende mit ihren Geschichten zu uns kommen. Das bringt Spannung in unseren Alltag!’.

Der sicher nicht langweilig ist, denke ich mir. Mit den beiden Töchtern Ayla (11) und Shay Ann (7) und Hund Breezy soll es demnächst auf eine erste Tour gehen. Mit dem gerade restaurierten Wohnwagen, der für die letzte Nacht meine behagliche Zuflucht gewesen ist. Bevor wir uns verabschieden, tauschen wir noch Adressen aus. Ich will unbedingt auf die Vorverkaufsliste für die ersten Siesta Rest-Matten.

Sonne verwöhnt mich auf der Weiterfahrt, und leichter Rückenwind.

Die gut 20 Kilometer Anstieg bis zur Dallas Divide, meinem nächsten Pass, sind sehr erträglich. Am Gipfel treffe ich Teddy, die nahezu zeitgleich mit ihrem Rennrad von der anderen Seite eintrifft. Wir plaudern kurz, sie erkundigt sich nach meiner Route, fragt, wo ich heute übernachten will und lädt mich spontan zu sich ein. Die ohnehin immer wieder überwältigende Gastfreundschaft der Amerikaner wird unter Radlern noch übertroffen.

Bei der rasanten Abfahrt nach Ridgway überlege ich. Teddys Haus liegt kurz vor Ouray, eigentlich wollte ich es heute deutlich weiter schaffen, mindestens über den Red Mountain Pass bis nach Silverton. Aber der Wetterbericht verheißt Sturm und Regen, die ersten Wolken verdichten sich schon bedrohlich über den schneebedeckten Gipfeln. Also beende ich meine Tagesetappe nach gerade mal 50 Kilometern und nehme Teddys Einladung an.
 
 
IMG_0518-Edit
 
 
Eigentlich heißt sie Mary Edna, aber so nenne sie seit der Kindheit niemand mehr. Vor vier Jahrzehnten kam Teddy nach Telluride, war dort verheiratet, nach der Trennung entwarf sie ihr großzügiges Haus ganz nach eigenen Vorstellungen. Ich bin beeindruckt von den unkonventionell kombinierten Stilen. Europäische, asiatische und amerikanische Elemente vermischen sich zu einer einzigartigen Fusion, die ganz offensichtlich Teddys vielschichtigen Charakter widerspiegelt. Bei gebackenen Hähnchenfilets, Gemüse und Quinoa unterhalten wir uns angeregt über amerikanische Ignoranz, die Spaltung des Landes und das am Ende vielleicht doch freiere Europa.

Auch typisch für Colorado. Ausländer, die über die konservativen Fundamentalisten und die amerikanische Politik der Überlegenheit wettern, finden hier in den Bergen reichlich liberale Mitstreiter, die Reizthemen wie Einwanderung, Waffengesetze und den Kampf gegen den islamistischen Terror sehr viel komplexer analysieren und dabei Amerikas rationales Gewissen formen. Balsam für die gebeutelte europäische Seele, die angesichts von Militarismus, evangelikaler Wertevorstellungen und bigotter Prüderie den amerikanischen Traum anzweifelt – und ihn tief im Inneren doch selbst gerne ausleben möchte.

 

* * *

Day Four

Königsetappe

Drei Pässe, mehr als 2.000 Höhenmeter, fast 100 Kilometer Strecke vor mir. Hat was von Alpe d’Huez bei der Tour de France. In meinem Fall allerdings im Schneckentempo.

In schier endlosen Serpentinen windet sich der Million Dollar Highway immer weiter in die Höhe. Die Herkunft des Spitznamens der Straße, die offiziell als Federal Highway 550 beschildert ist, bleibt übrigens umstritten. Die einen behaupten, die immensen Baukosten stecken dahinter. Die anderen, der für den Bau verwendete Schutt aus den umliegenden Gold- und Silberminen hätte reichlich wertvolles Erz enthalten.
 
 
IMG_0416-Edit
 
 
Teddy, die mich nach dem Frühstück eigentlich bis zum Red Mountain Pass begleiten wollte, bricht nach wenigen Kilometern ab, als brutale Fallwinde sie fast von der nur zwei Autos breiten Fahrbahn in den Abgrund geblasen hätten.

Immer wieder warnen Schilder vor Steinschlag, keine Strecke für Menschen mit Höhenangst.

Leitplanken sichern nur an wenigen, besonders brenzligen Stellen. Das Wetter ist umgeschlagen, die Sonne von dichten Wolken verdeckt. Weiter oben überraschen mich Schnee- und Graupelschauer, das Thermometer sinkt auf fast 0 Grad. Nach 20 äußerst zähen Kilometern aber stehe ich auf dem Red Mountain Pass, dem höchsten Pass meiner Tour, weit über 3.300 Meter.

Ich lege zusätzliche Lagen Kleidung an, hole sogar die Daunenweste aus der Packtasche. Aber aus der vermeintlich entspannten 16 Kilometer langen Abfahrt nach Silverton wird der körperlich härteste Teilabschnitt der Tour. Schon nach kurzer Zeit spüre ich vor Kälte meine Hände nicht mehr, halte an und umwickle sie mit einem T-Shirt und einem Halstuch. Das hilft zwar etwas, aber der Fahrtwind kühlt meinen Körper so sehr aus, dass meine Zähne schließlich unkontrolliert aufeinanderklappern wie bei einem Schlossgespenst in der Geisterbahn. Erste Zeichen von Hypothermie? Ich halte immer wieder, um der Kälte Einhalt zu gebieten, ohne merklichen Erfolg. Am Ende lasse ich es nur noch laufen, um möglichst bald Silverton zu erreichen.

Im Dorfladen versuche ich mich bei dünnem Kaffee aufzuwärmen. Selbst eine Stunde später zittere ich noch, aber die Regenwolken haben sich verzogen, und die Sonne versöhnt für den Rest des Tages. Nach einem kurzen Abstecher bis zum Ende der Hauptstraße zieht es mich weiter. Aber schon jetzt ist klar, bis zum Städtchen Durango werde ich es heute nicht mehr schaffen. Es warten heute noch zwei weitere Pässe auf mich, auch beide deutlich über 3.000 Meter gelegen. Und so bleibt nur Zeit für ein paar Schnappschüsse vom historischen Silverton, das ähnlich wie Telluride vom Minenstädtchen zum Tourismusort mutierte, mit deutlich rauerem Charme, was nicht nur der beachtlichen Höhenlage von 2.800 Metern geschuldet ist.

Day Five

Zielgerade

Ein herrlicher Morgen. Um mich herum rote Felswände, und in der Ferne zeichnen sich wieder die vertrauten Tafelberge ab. Von Hermosa nach Cortez. 110 Kilometer. 1.000 Höhenmeter.

Meinen Zeltplatz habe ich letzte Nacht in der Dunkelheit gefunden. Am weitgehend verwaisten Durango Mountain Ski Ressort hatte mich zunächst noch einer der verbliebenen Bewohner meine leeren Trinkwasserflaschen auffüllen lassen und mir von einer Tankstelle ein paar Meilen die Straße runter erzählt, wo ich sicher auch ein paar Snacks fände. Als ich eintraf, war sie längst geschlossen. Statt dessen kehrte ich schräg gegenüber im zum Saloon umfunktionierten alten Schulhaus ein und bestellte ein Meatball Sub mit überbackenem Käse und Chips.

Nach den schweißtreibenden Pässen gierte ich nach Salz. Den schummrigen Raum dominierte ein mächtiger Poolbillard-Tisch in der Mitte, an dem sich die Guides und Skilehrer der vergangenen Saison die Zeit vertrieben. Zumindest interpretierte ich die Gruppe bärtiger Jungs in Canvashosen und Ballcaps so. Die Bar war dicht besetzt, überall Fernseher, auf denen der Boxkampf des Jahrhunderts angekündigt wurde. Als ich mein Rad nach einer Dreiviertelstunde wieder bestieg, war es längst dunkel. Ein paar Meilen talwärts folgte ich einem Hinweisschild und entdeckte bald einen kleinen Hügel zwischen zwei Reiterpfaden, gerade groß genug für mein Zelt. Gute Nacht…

Nach ein paar Chocolate Chip Cookies zum Frühstück rolle ich weiter zu Tal. Am linken Straßenrand sehe ich bald eine bunte, sonderbar gefärbte Felspyramide, aus deren Spitze Wasser zu fließen scheint. Ein Hinweisschild erklärt die Pinkerton Hot Springs, benannt nach James Harvey Pinkerton, der im 19. Jahrhundert hier siedelte und ein Hotel mit Pool und Ferienanlage um die heißen Quellen baute. Später soll sogar Marylin Monroe hier gebadet haben. Die Pyramide wurde dann vor rund 15 Jahren von der Straßenbehörde aus Steinen errichtet, durch die ein Rohr das 38 Grad warme Wasser an die Oberfläche leitet.

Beim Fotografieren höre ich das Pfeifen der historischen Schmalspur-Eisenbahn, die seit 1882 ununterbrochen zwischen Durango und Silverton verkehrt. Gebaut wurde sie ursprünglich, um Silber und Gold aus den Bergen zu transportieren.

Foto Zug

Heute ist sie eine der größten Touristenattraktionen der Region. Leider erkenne ich nur die dunkelgraue Rauchfahne der Dampflokomotive zwischen den dicht stehenden Kiefern auf dem gegenüberliegenden Hügel.

Eigentlich wollte ich in Durango Daniel treffen. Nicht den mit den Schlafmatten, einen anderen. Daniel und seine Frau Diana waren vor zwei Jahren bei der langen Tour meine ersten Warmshowers-Gastgeber. Daniel ist allerdings gerade beim Mountainbiken, wie er mir übers Handy erklärt. Also besorge ich in der Stadt nur ein paar Snacks und mache mich auf den langen Anstieg Richtung Westen. Die Landschaft wirkt jetzt wieder weiter und wüstenartiger, der Bewuchs ist spärlicher, Steine und Felsen dominieren den Straßenrand vom Highway 160. Habe das Gefühl, irgendwie überhaupt nicht voranzukommen.

Dann auch noch kurz vor Mancos die erste Panne im unplattbaren Reifen. Ich erkenne kein Loch und wechsle rasch den Schlauch, denn um mich herum brauen sich Unwetter zusammen. Einem letzten Anstieg folgt die rasante Abfahrt nach Mancos, und mit den ersten, schweren Tropfen flüchte ich mich in den Zuma Market, einen Bioladen mit kleinem Cafe. Dustin aus Connecticut hat ihn erst vor sechs Monaten gekauft. Er kam wegen der Berge nach Colorado, erklärt er mir, will aber mit dem Rad selbst in ein paar Jahren auf große Tour nach Patagonien. Die Ausrüstung steht schon in der Garage, wir fachsimpeln. Nach einem dreifachen Americano mit Milch ziehe ich weiter, wie die Wolken, die längst nicht mehr drohen. Farmland kündigt Cortez an. Ich passiere die Abzweigung zum Mesa Verde National Park und trete noch einmal ordentlich in die Pedale.

Zielgerade.

 
IMG_1059-Edit
 
 
Zwei Stunden später sitze ich bei Dairy Queen in Cortez und gönne mir zum Abschluss der Tour einen Blizzard, eine Kalorienbombe aus Softeis, Cookie Dough, Pekannüssen, Schokosauce und Butterkaramell.

Bloß am Ende der Tour nicht noch in Unterzucker verfallen. Fünf Tage, 400 Kilometer, 5.300 Höhenmeter. Hätte noch Lust und Energie weiterzufahren, freue mich aber auch auf die Dusche bei Judy und Gay. Und auf die nächste Tour.

 
 
JA6B9396-Edit
 
 

* * *

Infos & Empfehlungen

highway-junkie
Highway Junkie: Mitten durch Amerika
Dirk Rohrbach fühlt sich in keinem anderen Land so zuhause wie in Amerika. 40 Reisen hat er dorthin unternommen, Zehntausende von Meilen zurückgelegt: zu Fuß, im Kanu, auf dem Fahrrad und mit seinem 74er Ford Truck Loretta. Nun wird er erneut zum Highway Junkie, süchtig nach der endlosen Weite, fasziniert von den Menschen in Small Town America.
americana
Americana: In 180 Tagen mit dem Rad einmal um die USA
Dirk Rohrbach erzählt Skurriles, Spannendes, Melancholisches und Überraschendes von seiner sechsmonatigen Radtour einmal rund um die USA. Kaum ein Land meinen wir so gut zu kennen. Wer es selbst noch nicht bereist hat, weiß zumindest aus Fernsehen und Kino Bescheid. Was aber stimmt von den Klischees? Was bewegt die Menschen, was denken sie?

Weiterlesen

Sechs Paar Schuhe

Weltreise als Familie

Sechs Paar Schuhe

»Ihr seid verrückt«, sagen einige. Thor & Maria Braarvig reisen mit ihren vier kleinen Kindern ein ganzes Jahr um die Welt – auch auf der Suche nach dem Leben, das sie führen wollen.

Episode starten

Kids of Tehran

Skateboarding im Iran

Kids of Tehran

Wie dreht man einen Film im Iran? Daniel Asadi Faezi reist nach Teheran, um drei Skateboarder zu begleiten. Die Geschichte einer zarten wie mutigen Rebellion.

Episode starten

Eine Episode von

Highway Junkie

Dirk Rohrbach

Dirk Rohrbach ist Reisender, Fotograf, Journalist und Arzt. Er erzählt von seinen Reisen in preisgekrönten Livereportagen, bloggt Weltgeschichten, schreibt Bücher und engagiert sich für die Rettung der Sprachen der amerikanischen Ureinwohner. Seit 25 Jahren bereist er intensiv Nordamerika. Gerade befährt er im Kanu den Yukon. Dirk pendelt ohne festen Wohnsitz zwischen Amerika und Europa.

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Ina on 2. Juli 2015

    Eine wirklich coole Geschichte! Ich träume auch davon, einmal mit dem Rad so eine Tour zu unternehmen … (Vielleicht eines Tages mal ;-)

    Antworten
    • Dirk on 17. Juli 2015

      …nicht träumen, Ina, machen ;-) Viel Spass ! Dirk.

  • Lydia on 2. Juli 2015

    Wahnsinn! Da will man am liebsten selbst losradeln. :) Zwar wäre ich dann nach den ersten 30 km (ohne Steigung wohlgemerkt) schon k.o., aber trotzdem! Sind solche Radtouren für dich eigentlich immer noch etwas besonderes?

    Antworten
    • Dirk on 17. Juli 2015

      Liebe Lydia,

      sorry fuer die spaete Antwort, komme gerade erst zurück vom Beringmeer, wieder mit dem Birkendrindenkanu. Und ja, jede Reise bleibt besonders für mich, und ich freue mich schon darauf, im Herbst die neuen ‚Freunde‘ in Colorado wieder zu besuchen. Dann allerdings vielleicht mit dem Truck ;-) Dirk.

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis
Ozeanien