Loading...

The Travel Episodes

Lappland

Sehnsucht nach Schnee

Der Wunsch nach den Wintererinnerungen ihrer Kindheit treibt Adriane Lochner nach Finnisch-Lappland. Jenseits des Polarkreises erwartet sie eine Welt, die so frostig ist, dass sogar die Eiskönigin bibbern würde.

Mir reicht’s! Von Dezember bis Februar nur noch Schmuddelwetter. Wo ist er nur, der Winter meiner Kindheit? Damals, als wir in riesige Schneewehen Iglus gruben, am Hausberg Schlitten fuhren und fast täglich einen Schneemann bauten. Vor meinem inneren Auge sehe sich sie noch, die bauschigen Schneeflocken, die früher zur Weihnachtszeit vom Himmel fielen. Sie sind zur Rarität geworden. Frau Holle hat uns vergessen.

Und so wächst sie, meine Sehnsucht nach dem wahren Winter.

Während ich wieder einmal missmutig durch den Graupelregen stapfe, fällt sie mir plötzlich ein, eine Begegnung am russischen Baikalsee. Vor Jahren habe ich dort die Finnin Johanna getroffen. Sie hat mir von ihrer Heimatstadt erzählt, nördlich des Polarkreises. Da wo der Winter in seiner pursten Form haust. Eis und Schnee in Hülle und Fülle. „Da muss ich hin!“ schießt es mir durch den Kopf. Mit Johanna hatte ich seither kaum Kontakt, doch einen Versuch ist es wert. Ich schreibe ihr, dass ich sie gern besuchen würde, und bin ganz baff, als prompt die Antwort kommt: „Klar, passt’s dir in zwei Wochen?“ Spontan buche ich den Flieger ins nordfinnische Oulu. Dort holt mich Johanna ab. Mehr Planung gibt es nicht.

Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.

 

* * *

Zweites Kapitel

Auf dem Polar-Highway

Auf der Straße gen Norden überkommt mich ein angenehmes Gefühl von Einsamkeit.

„Rentiere!“, rufe ich begeistert, als wir am Straßenrand die typisch nordischen Hirsche sehen. Die erste Live-Rentiersichtung meines Lebens. Hier schlägt die Amerikanisierung zu und ich muss sofort an Santa Claus und seinen Rentier-Schlitten denken, der Inbegriff der Weihnachtszeit. Johanna schüttelt nur den Kopf „Was ihr Touristen bloß alle an diesen Rentieren findet?“, sagt sie, „die sind nicht die Hellsten und noch dazu sind sie überall.“ Hm, für Johanna sind Rentiere wohl, wie für uns daheim Rehe. Sehnsüchtig blicke ich Santas treuen Zugtieren nach, die nun gemächlich am Straßenrand entlang trotten.

 
 

 
 

Die lange Asphaltstrecke gen Norden erinnert mich an einen amerikanischen Highway: Schnurgerade führt sie durch die Einsamkeit, eine angenehme Einsamkeit, die man im dicht besiedelten Deutschland vergeblich sucht. Verschneite Nadelwälder säumen den Weg, der Himmel glüht konstant in einem kräftigen Rosa. Die Szenerie verschlägt mir den Atem. Johanna erklärt, dass es bereits Anfang Dezember keinen richtigen Tag mehr gibt, eher einen langen Sonnenaufgang, der nahtlos in den Sonnenuntergang übergeht. Hell ist es nur noch zwischen 10.00 Uhr morgens und 14.00 Uhr nachmittags. Zuhause werden die Tage im Dezember zwar auch unverschämt kurz, aber solche Farben habe ich noch nie gesehen. Es ist fast so, als wollte sich der Winter für die langen finsteren Nächte entschuldigen und den Menschen etwas geben, worauf sie sich jeden Tag freuen können.

 
 

Die Temperaturen sind, was man bei uns zu Hause als „ganz schön schattig“ bezeichnen würde.

Das Thermometer im Armaturenbrett zeigt immer zwischen minus 20 und minus 30 Grad Celsius. Ich kuschle mich in den beheizten Autositz und überlege, was denn passieren würde, wenn man auf diesem einsamen Highway eine Panne oder einen Unfall hat. Wahrscheinlich ist man ruck zuck erfroren. Bei den Temperaturen machen die Autos ziemlich was mit. Doch die Finnen sind ausgerüstet. Vor dem Losfahren heizen wir den Motor via Steckdose vor – alle Autos hier haben so eine Art Motorheizung. Metallspikes in den Reifen sorgen für festen Grip. Salz streuen wäre vergebliche Liebesmüh – hier oben werden die Straßen regelmäßig gefräst. Unser Roadtrip verläuft ganz ohne Panne oder Unfall und wir kommen sicher in Johannas Heimatort an, Pelkosenniemi, etwa 140 Kilometer nördlich des Polarkreises.

 

* * *

Drittes Kapitel

Unterwegs mit Elchjägern

Auf der Suche nach Elchen pirschen wir durch die verschneiten Nadelwälder.

Das Lagerfeuer knistert. Wir schnitzen uns Spieße aus Ästen und grillen Würstchen. Dazu gibt es warmen Kaffee aus der Kuksa, einer traditionellen finnischen Holztasse. „Ja, an die Elchjagd könnte ich mich gewöhnen.“ Während ich gestern noch im verregneten Bayern am Flughafen saß, pirsche ich heute durch finnische Wälder auf der Suche nach Jagdbeute. Das kam so: Johannas Eltern, Mati und Lea, hatten uns am Vorabend herzlich empfangen. Wir saßen noch eine ganze Weile in der Küche und haben uns unterhalten. Mati ist Jäger und ich fand seine Geschichten so wahnsinnig spannend, dass wir prompt beschlossen, ihn und seine Freunde am nächsten Morgen zu begleiten. Jagen ist hier etwas ganz Alltägliches. Die großflächigen Nadelhölzer sind ein wahres „Elchdorado“. Elchschaufeln als Gartendeko, Speisekammern voller Elchschinken und Elchwürstchen als Pausensnack für die Kinder – alles nichts Besonderes.

Doch wie jagt man eigentlich Elche, noch dazu im tiefsten Winter?

 
 

Schon bald lerne ich, dass der wichtigste Aspekt ein Hund ist, nicht irgendein Hund, sondern ein Elchhund. Das sind ganz spezielle Hunderassen, die darauf gezüchtet wurden, einen Elch auf große Distanzen aufzuspüren und dann so lange anzubellen, bis ein Jäger kommt und ihn erschießt. Diesen Job hat in unserem Team Noppe, ein schwedischer Jämthund, der ein bisschen aussieht wie ein Husky. Obwohl Noppe ein ganz harter Kerl ist, der bei Minusgraden stundenlang durch den Wald läuft und sich mit Wildtieren anlegt, die so groß sind wie Pferde, hat er das Gesicht eines Welpen und will ab liebsten die ganze Zeit schmusen. Sofort schließe ich ihn ins Herz und kraule ihn ausgiebig am Hals, an dem schon das GPS-Gerät hängt. Solbad Noppe im Wald verschwindet, können die Jäger auf dem Tablet jeden seiner Schritte nachverfolgen. Mati erklärt, dass die Technologie auch anzeigt, wenn Noppe bellt. Das bedeutet, er hat einen Elch gefunden.
 
 

 
 

Tatsächlich. Nach etwa einer halben Stunde ruft Mati aufgeregt: „Jetzt hat er einen!“ Er schultert das Gewehr und pirscht los. Ich folge ihm so leise wie möglich. Das ist gar nicht so einfach, der Schnee liegt bereits kniehoch und knirscht ganz laut bei jedem Schritt. Man kommt nur langsam voran. Schon bald hören wir Noppe bellen. Mati bleibt stehen und zieht ein Streichholz aus der Tasche. Er zündet es an und beobachtet die Flamme. Die Windrichtung ist wichtig. Wittert uns der Elch, wird er davonlaufen. Der Wind steht ungünstig und wir müssen einen großen Bogen machen. Das Gebell zieht in die Ferne. Als wir ankommen, finden wir nur noch die Spuren von Hund und Elch. Dass wir den Elch nicht einmal gesehen haben, stört mich nicht. Allein das winterliche Lagerfeuer war den Ausflug wert. Als Trostpflaster kocht Johannas Mutter Lea am Abend noch Hirvenlika, ein traditionelles Gericht aus hauchdünn geschnittenem Elchfleisch und Kartoffelpüree.

 

* * *

Viertes Kapitel

Der kälteste Skilift der Welt

Bibbernd bei minus 30 Grad Celsius frage ich mich nach dem Sinn dieser Reise.

Zentimeterdicke Eiskristalle hängen am Metallgestänge. Seile und Sitze sind komplett eingefroren. Gespenstisch schaukeln sie im Wind. Ich kann mich nicht sattsehen an dem wohl kältesten Skilift der Welt, so einzigartig scheint er mir. Freilich wird er nicht mehr benutzt. Das Pyhä-Skiresort ist ziemlich modern, mit ganz normalen Liftanlagen, wie wir sie aus den Alpen kennen. Mit so einem beheizten Sessellift sind wir zum Gipfel des 540-Meter-hohen Fjell Pyhätunturi gefahren. Dort oben fühlt man sich wie in einer Märchenwelt. Eingeschneite Tannenspitzen sehen aus wie weiße Statuen, als hätte die Schneekönigin ihren gesamten Hofstaat zu Eis erstarren lassen. Am Horizont glüht ein rosa Streifen in einem türkis-bauen Nachthimmel. Zu unseren Füßen leuchten die Lichter aus den umliegenden Dörfern. Man möchte schwelgen in der Romantik dieser magischen Kulisse, doch lange hält man es nicht aus. Bei minus 15 Grad ist Draußensein bereits unangenehm, bei minus 30 Grad so gut wie unerträglich.

Finger und Nase fühle ich schon lange nicht mehr.

 
 

In die Serie „die kältesten Wandertouren meines Lebens“ gehört auch der Rundgang auf einem idyllischen Naturpfad namens Karhunjuomalampi Trail rund um den Fjell Pyhätunturi oder unser Ausflug nach Suvanto, ein abgelegenes kleines Dörfchen im Gemeindegebiet von Pelkosenniemi. Das finnische Wort „Suvanto“ bezeichnet eine Stelle des Flusses, an der das Wasser ruhig und langsam fließt. Deshalb ist der Fluß Kitinien wahrscheinlich auch so dick gefroren, dass wir darauf spazieren gehen können. Im Dorf Suvanto selbst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Einige der kleinen, bunten Holzhäuser stammen sogar noch aus dem 18. Jahrhundert. Trotz Daunenjacke bibbere ich. Lange halte ich es nicht mehr aus. Ich muss ins warme Auto zurück. Ein bisschen ärgert mich das, denn hier gäbe es so viele schöne Fotomotive.
 
 

 
 

Zu einem typischen Finnland-Urlaub gehört natürlich die Übernachtung im Mökki. Das Erlebnis will mir Johanna nicht vorenthalten, schließlich besitzt auch ihre Familie – wie die meisten hier – eine Ferienhütte im Wald. Zu dritt machen wir uns auf den Weg. Johannas Schwester Jenni ist auch mit von der Partie. Zufällig ist sie diese Woche daheim. Normalerweise reist sie als Profi-Skifahrerin durch die ganze Welt, von Skigebiet zu Skigebiet…. „Hm, ein ganzes Leben im Schnee“, überlege ich. Das wäre dann vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Ich bin steif gefroren von unseren Tagesaktivitäten. Jenseits des Polarkreises bekommen Worte wie „Wärme“ und „Zentralheizung“ plötzlich einen ganz anderen Stellenwert, ähnlich wie „Wasser“ in der Wüste. Ich wollte Winter, jetzt habe ich ihn. „Was habe ich mir da nur eingebrockt?“, seufze ich innerlich, als wir im Mökki die Kerzen anzünden und mit klammen Fingern das Holz in den Kamin stapeln.

 
 

Schon bald brennt das Feuer lichterloh. Langsam wird es mollig warm in der Hütte. Johanna, die es sich mit ihrer Schwester und deren Laika-Hündin Nyyti auf der Couch bequem gemacht hat, reicht mir ein Dosenbier. Ich lehne mich im Sessel zurück, lege die Beine hoch und lasse den Verschluss zischen. Jetzt ist das Leben wieder gut. Wir unterhalten uns über das Skifahren, über regionale Biersorten und über verrückte finnische Wettbewerbsportarten wie Gummistiefelweitwurf, Mückenklatschen oder Eisloch-Schwimmen. Ich schüttle grinsend den Kopf und freue mich über meine neuerdings wieder gut durchblutete Nasenspitze. Gerade als mein Körper komplett im Wohlfühlbereich angekommen ist, ruft Jenni: „Die Sauna ist soweit!“ Klar, Strom muss nicht sein, aber eine Hütte ohne Sauna, das geht bei den Finnen gar nicht. Wir ziehen also um in die super-heiße Schwitzkabine. Unser Bier nehmen wir mit. Ich mitteleuropäisches Weichei fühle mich von einem Extrem ins nächste katapultiert. Mit hochrotem Kopf und Schweißtropfen auf der Stirn nippe ich vom beinahe schon glühenden Rand meiner Bierdose. Und als ich denke „mehr Leiden geht nicht“, ruft meine leicht beschwipste Freundin Johanna voller Begeisterung:

„Hey, lass uns draußen im Schnee wälzen!“

 

* * *

Fünftes Kapitel

Tierischer Winterspaß

Ob auf dem Husky-Schlitten oder beim Rentier-Streicheln, mir gefällt der nordische Winter immer besser.

Die Hunde legen sich ins Zaumzeug. Ich gehe in die Knie und verlagere mein Gewicht auf die innere Kufe. Mit Karacho flitzt der Schlitten um die Ecke. Wie ein kleines Kind muss ich kichern. Ich liebe Hunde und ich liebe Geschwindigkeit. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, ich bin geboren zum Husky-Schlitten-Fahren. Heute macht der Winter wieder gut, was er mir letzte Nacht eingebrockt hat. Splitterfasernackt sind wir nächtens bei minus 28 Grad in die Kälte gerannt und haben uns im Schnee gewälzt… Zweimal! – Alter Schwede! Beziehungsweise, Finne! Ich dachte, mein Herz bleibt stehen. Heute hat es versöhnliche zwölf Grad minus und Johanna hatte beim Frühstück die Idee, die Arctic Husky Farm in Luosto zu besuchen. Gute Idee!
 
 

Auf der Arctic Husky Farm gibt es knapp 200 Schlittenhunde. Regelmäßig finden mit Schneemobilen begleitete Fahrten für Touristen statt, von der zehnminütigen Waldrunde bis zur stundenlangen Tagestour. Meiner Meinung nach ist das dort zweitweise eine ziemliche Massenabfertigung. Die kurze Fahrt macht lediglich Lust auf mehr. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als tagelang mit einem Hundeschlitten durch eine verschneite Landschaft zu reisen – vielleicht ein andermal. Als Trostpflaster gibt es auf der Farm gerade Nachwuchs. Wir dürfen sogar mit den frechen Welpen spielen. Husky-Guide Katri Nikko erklärt uns, worauf es beim Schlittenfahren ankommt.

Mit zerrissenen Hosen und angefressenen Schnürsenkeln nehmen wir Abschied von den süßen, blauäugigen Teufeln und ziehen weiter. Gleich um die Ecke liegt der Reindeer Park Kopara. Johanna hat all mein Bitten und Betteln erhört und eingewilligt, mit mir die „langweiligen“ Rentiere zu besuchen. Wie eine Dreijährige stürme ich zum Gatter. Die Rentiere kommen mir freudig entgegen. Sie wissen, dass Touristen gleichzusetzen sind mit Futter. Sie stecken ihre pelzigen Nasen durchs Gatter und fressen mir aus der Hand. Ich bin ganz geflasht von so viel Niedlichkeit.

Am liebsten möchte ich eines mit nach Hause nehmen.

 
 

 
 

Meine Kuschelversuche mit einem Rentier, das vor einen Schlitten gespannt ist, stoßen allerdings nicht auf gegenseitige Begeisterung. Dem flauschigen Zeitgenossen mit dem großen Geweih ist die Nähe eines Zweibeiners wohl etwas suspekt. Mit aufgerissenen Augen dreht er den Kopf zur Seite. Letzten Endes sind die nordischen Hirsche doch nicht ganz so domestiziert wie unsere Pferde und Kühe. Die meisten Rentiere in Lappland leben als freie Nutztiere in den Wäldern. Im Winter kommen ihre Besitzer auf Schneemobilen und treiben sie zusammen. Bei sogenannten „Reindeer Roundups“ werden die Tiere gezählt, markiert und das Schlachtvieh aussortiert. Rentierfleisch ist in ganz Finnland eine Delikatesse.
 
 

Traditionell als Rentierhirten bekannt sind die Saami, ein indigenes Volk, das hoch oben im Norden Skandinaviens lebt. Obwohl wir schon 140 Kilometer nördlich des Polarkreises sind, müssten wir noch einmal mindestens drei Stunden lang fahren, um sie zu treffen. „Schade“, denke ich, das wäre interessant gewesen. Doch der Zufall ist wieder einmal wohlgesonnen und setzt mir eine waschechte Saami direkt vor die Nase. Ursula ist Rentierhirtin und lebt im Dorf Angeli. Jeden Winter kommt sie nach Pyhä, um im Skiressort zu arbeiten und das Rentierfleisch zu verkaufen. Ich bin neugierig und möchte am liebsten alles über ihre Rentiere wissen. Doch sie sagt nur: „Frage niemals einen Saami, wie viele Rentiere er hat. Das ist so, als würde ich dich fragen, wie viel Geld du in der Bank hast.“

Ich bin beeindruckt von der charismatischen Frau, die sich mit ihrem treuen Hütehund an der Seite so selbstverständlich durch Eis und Schnee bewegt. Ursula ist zudem eine der wenigen, die noch auf der traditionellen Schamanentrommel spielen können. Mit ihrer Band Angelit war sie schon in Europa auf Tour. Später höre ich mir das Lied „Ruojain ruoktot“ von Angelit auf Youtube an. Zu meiner Überraschung versprüht es richtig gute Laune, spritzig-fröhlich, ganz und gar nicht wie man sich Musik von Menschen vorstellt, die ihr halbes Leben in völliger Dunkelheit verbringen.

Kaum zu glauben, dass ich nur fünf Tage in Lappland war, mir kommt es vor wie eine halbe Ewigkeit, so viel erlebt habe ich. Doch es hilf nichts, am nächsten Morgen geht mein Flieger. Wir müssen zurück nach Oulu. Schweren Herzens verstaue ich mein Gepäck im Auto. Doch Johanna hat noch ein Ass im Ärmel.

 

* * *

Sechstes Kapitel

Wo der Weihnachts- mann wohnt

Am Polarkreis bekommen wir ein Exklusivinterview mit Santa Claus höchst persönlich und treffen den magischen Fuchs.

„Was machst du eigentlich im Sommer?“ frage ich Santa Claus. Der stämmige Mann mit dem weißen Rauschebart, der neben mir im Sessel sitzt, antwortet mit tiefer Stimme: „Manchmal gehe ich Fischen, zwar fange ich nie was, aber ich fische trotzdem gern.“ Dann lacht er.

Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, dass in Rovaniemi der Weihnachtsmann wohnt.

Johanna hat mich auf dem Rückweg ins Santa Claus Village chauffiert. Das ist ein großes, leuchtendes Weihnachtsdorf direkt am Polarkreis. Briefe an den Weihnachtsmann aus der ganzen Welt kommen hier an, bisher 17,5 Millionen aus 199 Ländern, allen voran China, Polen, Italien und Großbritannien. Aber auch „Germany“ ist auf einer der Kisten zu lesen. Es scheint, als kennen auch hierzulande die Kinder die Adresse: Weihnachtsmann, Joulupukin Pääposti, FI-96930 Napapiiri. In der Weihnachtszeit treffen bis zu 32.000 Briefe täglich ein.
 
 

 
 
Mitten zwischen zahlreichen Souvenir- und Werkstattläden befindet sich, wie ein wohlgehütetes Heiligtum, die Kammer des Weihnachtsmannes. Dort sitzt der beleibte Mann mit dem weißen Rauschebart und empfängt Kinder und Erwachsene aus aller Welt, um sich ihre Fragen und Weihnachtswünsche anzuhören. Die Schlange vor dem dunkelroten Samtvorhang ist lang, jeder hat nur etwa fünf Minuten, um sein Anliegen loszuwerden und von den Wichteln ein Foto knipsen zu lassen. Wie schon die Tage zuvor habe ich unverschämtes Glück und bekomme sogar ein exklusives Interview mit Santa persönlich.

In seeliger Weihnachtsstimmung machen wir einen Abstecher in die benachbarte Eisbar. Sie ist Teil eines nagelneuen Eishotels mit Restaurant mit bunter Beleuchtung, kuscheligen Fellen und beeindruckenden Eisskulpturen. Dort begießen wir das Ende des Trips mit einem Zitronenwodka aus dem gefrorenen Schnapsglas. Trotz der vielen Glückfälle bin ich ein wenig traurig, weil eine berühmte Sehenswürdigkeit des hohen Nordens noch fehlt. Bisher habe ich noch kein einziges Polarlicht gesehen. Die Saami sagen, die grünen Leuchtstreifen im Nachthimmel sind die Seelen der Toten, die zurückkommen und tanzen. Die Finnen sagen, ein magischer Fuchs male mit seiner Rute die Lichter in den Himmel – daher der englische Ausdruck „Fox Fire“. Zufällig ist unser Barkeeper Polarlichtexperte. Er prophezeit, dass sie heute Nacht erscheinen werden. Darauf stoßen wir erst mal an.
 
 

 
 
Auf der Heimfahrt nach Oulu, fallen Johanna plötzlich die Worte des Barkeepers wieder ein. „Das müssen wir überprüfen“, sagt sie und hält an. Wir steigen aus und blicken nach Norden. Nein! Tatsächlich! Hinter uns spannt sich wie ein grüner Neon-Regenbogen ein Polarlicht von Fjell zu Fjell. Der magische Fuchs sagt „Auf Wiedersehen“. Am liebsten möchte ich Weinen aus Dankbarkeit. Plötzlich kann ich Johanna, Jenni und auch die Rentierhirten Usula verstehen. Vielleicht habe ich nicht den Winter meiner Kindheit gefunden, aber dafür etwas anderes, ganz Großartiges. Denn trotz der Dunkelheit und bitteren Kälte wohnt diesem Ort eine außergewöhnliche Magie inne. Es ist, als ob man aufwacht und sich in einem Märchen wiederfindet. Alles scheint möglich. An Zufall mag man hier überhaupt nicht mehr glauben. Ganz bestimmt war es der Weihnachtsmann, die Schneekönigin oder der magische Fuchs, der mir diese unglaubliche Serie aus Glückfällen beschert hat. Und die hat bereits vor Jahren begonnen, nämlich als ich Johanna zum ersten Mal getroffen habe. Hiermit ergeht ein Knicks der Wertschätzung an die tollste „Reiseführerin“ Finnisch-Lapplands.

Dank ihr habe ich den Märchenwinter gefunden, den ich mir schon als Kind gewünscht hätte.

 

* * *

Weiterlesen

The Big Five

Safari im Krüger-Nationalpark

The Big Five

Johannes Klaus reist in den Garten Eden Südafrikas, den Krüger Nationalpark. Doch dies ist nicht das Paradies. Denn der Mensch ist ein wildes, tödliches Tier.

Episode starten

Traumschiff

Kreuzfahrt in der Karibik

Traumschiff

Ich wollte ausprobieren, ob ich ein normaler Urlauber sein kann. Der sich in die Sonne legt, all inclusive isst und trinkt, sich wohlfühlt im Wohlfühlprogramm des Reiseanbieters. Dem Abenteuer zu anstrengend ist. Ich mache eine Kreuzfahrt in der Karibik. Von Philipp Laage.

Episode starten

Eine Episode von

globestories.com

Adriane Lochner

Adriane Lochner wagt gerne den Kopfsprung ins Unbekannte. Nach ihrem Biologiestudium hat sie eine Weiterbildung zur Journalistin gemacht und sich auf die Suche begeben, nach Freiheit, Abenteuern und neuen Geschichten. Selten läuft alles nach Plan, Humor und Selbstironie gehören mit in die Reisetasche. Darüber und einiges mehr bloggt Adriane auf globestories.com.

Leserpost

Schreib uns, was Du denkst!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Übersicht

Alle Inhalte der Travel Episodes hübsch sortiert

Antarktis
Ozeanien