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The Travel Episodes

Indiens Mega-Spektakel

Simhasth – Die Kumbh Mela in Ujjain

Ich bin Tamuna Markgraf und zwölf Jahre alt. Im April war ich mit meinem Papa auf einer ziemlich aufregenden Reise. Wir sind zum größten Fest der Welt gereist, zur Kumbh Mela in Indien.

Die Reise zum größten Fest der Welt

Gestern kam endlich das OK von der Schule. Yesss!! Jetzt kann’s richtig losgehen. Wir fahren nach Indien zur Kumbh Mela. Das Lesen hat sich also gelohnt. Ein paar Millionen Leute kommen da hin, so steht’s in der Broschüre drin, die Papa von der Reisemesse mitgebracht hat. Auf den Fotos sieht das alles ziemlich komisch aus. Viele nackige Männer mit langen Bärten und Haaren, die in einem Fluss baden.

Eintauchen in die Ewigkeit, steht auf dem Heft.

Na dann wollen wir mal sehen, wie das funktioniert. Ich bin gespannt. Die Simhastha, so wird das Fest auch genannt, fängt heute schon an. Am Dienstag geht unser Flieger.
 

Eine beschwerliche Reise

Gestern nach der Schule war ich noch in meiner Tischtennis-AG, ganz gemütlich bis vier. Zuhause dann, meine Mutter total im Stress. Papa ist rumgehüpft wie ein Känguru. Um 16:30 Uhr sind wir endlich los zum Bahnhof. Mit dem Zug sind wir über Mannheim zum Flughafen in Frankfurt gezuckelt. Dort haben wir uns nach dem Koffer abgeben, die Zeit mit Essen vertrieben. Anschließend mussten wir zur Sicherheitskontrolle. Alles Metallische ausziehen – meine Zahnspange durfte ich natürlich drin lassen – danach Hände hoch in einer Kabine, irgendwie wie beim Röntgen. Und um ganz sicher zu gehen, dass ich keinen Sprengstoff bei mir habe, wurde ich hinterher auch noch von einer Frau abgetastet. Als wir endlich im Flieger waren, war ich so müde, dass ich das Abendessen verschlafen habe. Erst fürs Frühstück wurde ich wieder geweckt. Da war’s schon hell draußen. Auf meiner Uhr war’s aber erst 3:30 Uhr, mitten in der Nacht. Diese Zeitverschiebung hat mich den ganzen Tag fertiggemacht. In Delhi am Flughafen hatte ich keine Lust auf Frühstück, und die Zeit bis zum Weiterflug wollte gar nicht rumgehen. Im Flieger nach Indore habe ich die ganze Zeit gepennt, das waren aber nur anderthalb Stunden. Am Flughafen hat uns ein Mann mit dem Auto abgeholt, um uns nach Ujjain zu fahren. Der Schlaumeier hat uns dann zwei Stunden durch die Stadt gefahren, zigmal angehalten und telefoniert und Polizisten gefragt, bis wir endlich das Camp gefunden haben.
 

Unser Luxuscamp

Das Camp ist wie ein Zeltlager, nur mit richtig großen Zelten mit Fußboden, echten Betten, Toilette, Waschbecken und Dusche. Und das Beste: Im Zelt war es schön kühl, weil’s auch eine Klimaanlage gibt. Papa sagt, unser Camp ist ein Volltreffer, weil es direkt am Fluss liegt, genau gegenüber von einer Badestelle. Dort kommt man hin über eine schwimmende Brücke, die extra für das Fest aufgebaut worden ist. Überall sitzen Polizisten rum und ein Mann hat uns Tee, Kekse und einen salzigen Joghurtdrink gebracht. Unser Abendessen wurde in einem richtig großen Zelt serviert. Wir durften uns einen Tisch aussuchen, verrückt war nämlich, dass wir anscheinend die ersten und einzigen Gäste im Camp sind. Zu Essen gab es Chapati, Tomaten, Gurken, Reis und Dhal, Blumenkohl mit anderem Gemüse gemischt und als Nachtisch irgendwelche supersüßen Kugeln. Jetzt ist es gleich 21 Uhr und für heute bin ich total im Eimer. Ab ins Bett. Gute Nacht.
 

Kleider kaufen

Heute war Girl’s Day. Wer hätte mit so einer Hitze gerechnet. In kurzen Hosen rumlaufen ist nicht so schlau, hat mir Papa erklärt. Es guckt mich eh schon jeder blöd an, wenn ich in der Stadt rumlaufe. Und voll krass: wir wurden schon ein paar Mal gefragt, ob wir ein Selfie machen können mit wildfremden Leuten.

So, als ob ich berühmt wär, wie Dagi Bee.

Also waren wir Tarnkleider kaufen. Ein Punjabi-Dress aus einem dünnen Baumwollstoff und ein paar Sandalen. Aber genutzt hat es nicht viel, kaum aus dem dem Geschäft raus haben mich gleich wieder drei Jungs nach einem Selfie gefragt. Jetzt sitzen wir gut versteckt in einer Seitengasse unter dem Ventilator und trinken Tee. Von oben kommt kühle Luft, dafür verbrennt man sich an dem Tee die Zunge. Aber wenigstens starren mich hier nur eine Handvoll Leute an.
 

Morgens am Ghat

Papa ist voll gemein. Heute morgen hat er mich um fünf Uhr geweckt. Er wollte noch vor dem Frühstück zu den Badestellen am Fluss gehen. Auf den Straßen war noch nicht viel los, aber man hat überall Gesang gehört. Also sind wir in die Richtung spaziert. Zuerst sind wir durch riesige Zeltstädte gekommen, bis wir irgendwann am Fluss waren. Dort war alles voller Menschen. Was komisch war: Die Männer waren in Unterhosen am Baden, aber die Frauen in voller Montur. Keine Ahnung, ob das in der Hindu-Religion so sein muss.

Vielleicht wollen sie ja auch einfach nicht, dass sie jemand nackig sieht.

 
 
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Simhasth: Die Kumbh Mela in Ujjain

Es macht wahrscheinlich Sinn, wenn ich kurz erkläre, warum die Menschen überhaupt im Fluss baden. Das hat mit der Religion zu tun. Die Hindus glauben, dass an vier Stellen in Indien heiliger Nektar auf den Boden gefallen ist. Und je nachdem wie die Sterne stehen, haben diese Orte eine besondere Kraft. Wenn man dann dort badet, kann man all seine Sünden abwäschen. Wenn man keine Sünden mehr hat, muss man auch nicht mehr wiedergeboren werden. Deswegen steht auf den Postern für die Simhasth-Kumbh-Mela in Ujjain auch drauf: Eintauchen in die Ewigkeit. Weil’s gerade so heiß ist in Indien, hat das Bad im Fluss natürlich noch einen Sinn: Es ist eine hervorragende Abkühlung.
 

Die Sadhus

An den Straßenrändern neben den Zeltstädten sitzen manchmal Gruppen von Männern, die sind ganz nackt und weiß angemalt. Die haben ihre eigenen kleinen Tempel aufgebaut und verbrennen dort Holz und getrocknete Kuhfladen. Es gibt auch Gruppen, die haben orangene Kleider und Turbane an. Zwei Männer hab ich entdeckt, die hatten eine Schürze aus nachgemachten Tigerfell umgebunden. Papa hat mir erklärt, dass das alles Sadhus sind, sowas wie heilige Männer oder Mönche. Die sehen manchmal gruselig aus, aber sind eigentlich ganz freundlich. Ein paar haben sogar Fotos mit mir machen wollen und andere haben mich mit Pfauenfedern auf den Kopf geklopft. Das bringt wohl Glück.
 

Im Tempel

Zuerst war das ein komischer Gedanke, als Papa gesagt hat, wir gehen einen Tempel. Man muss schon vor dem Tor die Schuhe ausziehen, weil man nur barfuß reindarf. Drinnen gibt es kleine Häuschen, wo die Götterbilder drin sind. Bevor man dort reingeht, läutet man eine Glocke, die von der Decke hängt. So haben das die anderen gemacht, also hab ich das auch so gemacht. Auf dem Boden neben den Götterbildern sitzen Männer und denen geben die Leute dann Geld oder Blumen oder so kleine weiße Kügelchen. Das sind anscheinend Opfergaben. Außerdem verbeugen sich die meisten vor den Statuen. Vor dem Tempel hat mir ein Mann mit einer orangenen Paste ein Zeichen auf die Stirn gemacht. Und natürlich musste ich wieder ein paar Selfies mit Leuten machen.
 

Prasad – Götterspeise

Die meisten Leute, die in den Tempel gehen, kaufen vorher irgendwelche Sachen, die sie den Göttern mitbringen oder fürs Beten brauchen. Vor den Tempeln gibt es dafür extra Geschäfte oder es stehen Händler auf der Straße. Verkauft werden Blumen, Zuckerkügelchen, Puffreis, Cashewkerne und Kokosnüsse, kleine Töpfe aus Edelstahl, Kupfer oder nachgebaut aus Plastik. Das nehmen die Leute mit in den Tempel und geben es dort den Männern, die die Götter bedienen. Die legen es entweder vor die Statuen oder geben es den Leuten wieder als heiliges Souvenir. An einem Tempel haben sie auch Milch verkauft, die wird drinnen über einen großen Stein geschüttet. Die heiligen Süßigkeiten isst man dann nach dem Besuch bei dem Götterbild. Ein Mann im Tempel hat mir die Zuckerkugeln in die Hand gelegt, damit ich die essen soll. Danach hat er mir auch von der Milch in die Hand geschüttet, die vorher über den Stein gelaufen war.
 
 
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Essen und Trinken

In Indien essen die Leute oft scharfe Sachen, oder zumindest gut gewürzte. Viele Restaurants sind einfach auf der Straße aufgebaut, dort kriegt man Snacks. Manche sind total lecker wie zum Beispiel so frittierte Teigkügelchen. Andere sind nicht so köstlich. Gestern hab ich was probiert, das musste ich ausspucken. Das waren so Bälle aus Teig, die innen hohl waren, und dort rein kamen Kartoffeln. Der Verkäufer hat eine saure Brühe drübergemacht und die war furchtbar. Am liebsten mag ich Mangosaft und Lhassi, das ist so was wie flüssiger Joghurt, entweder süß oder salzig. Und Süßigkeiten haben wir probiert. Eine war so wie ein kleiner runder Schwamm aus Milch und Käse, eine andere Teigkugeln in Zuckerwasser. Man muss das wohl probieren, um zu wissen, was gut schmeckt. Heute Mittag hat uns ein amerikanisches Pärchen gefragt, ob wir ihnen beim Bestellen helfen können. Wenn Papa nicht dabei wäre, wüsste ich wahrscheinlich auch nicht, was das auf der Speisekarte alles bedeutet.
 

Heilige Kühe

Gestern haben wir was Lustiges gesehen. Da hat eine Kuh aus einem Geschäft einen Beutel mit Zuckerkugeln geklaut. Der Ladenbesitzer hat die dann so lange gejagt, bis sie ihn wieder ausgespuckt hat. Kühe laufen hier wirklich überall rum. Manchmal liegen sie nur faul in der Sonne, manchmal stehen sie am Straßenrand und fressen Müll, sogar Plastiktüten. Ein paar Mal hab ich welche gesehen, die sind mitten im Verkehr zwischen den Autos rummarschiert.

Als Fußgänger muss man höllisch aufpassen, dass einen niemand über den Haufen fährt, aber für die Kühe bremst irgendwie jeder.

Warum die heilig sind, weiß ich auch nicht. Aber in den Tempeln sind oft Bilder und Statuen von Kühen. Wahrscheinlich hat das damit zu tun.
 

Viele Götter

Hier gibt es so viele Götter, dass man erstmal gar nix mehr versteht. Einfach ist es mit Ganesha, der hat einen Elefantenkopf und man findet ihn in jedem Tempel. Ein anderer sieht aus wie ein Affe, das ist Hanuman. Hier in Ujjain dreht sich während der Kumbh Mela fast alles um Shiva. Das ist der Papa von Ganesha und man erkennt ihn an seinem Dreizack und einem Auge, das auf die Stirn gemalt ist. Die Mama von Ganesha heißt Parwati, die aber aber schwer zu erkennen. Außer natürlich, wenn sie den Elefantengott auf dem Schoß hat. Gestern am Ghat haben wir einen kleinen Jungen gesehen, den hatte seine Mama als Gott Krishna verkleidet. Das Kind war am ganzen Körper und sogar im Gesicht komplett blau angemalt. Das sah aus wie ein Faschingskostüm.
 

Armut

Ich hab ja viele Bilder gemacht oder der Papa hat mich fotografiert. Aber manche Sachen, die ich gesehen hab, haben wir nicht geknipst. Auf dem Weg heute zu einem großen Tempel waren überall Bettler. Manchmal waren das Frauen mit Kindern oder alte Leute und machmal auch kranke Menschen. Einige hatten schlimme Krankheiten, denen haben die Finger oder Zehen gefehlt oder die hatten große Wunden. Die Menschen, die zum Tempel gegangen sind, haben denen Geld gegeben. Ob das was nützt, weiß ich nicht. Vielleicht gehen die Kranken mit dem Geld ja zum Arzt. So manches in Indien hab ich noch nicht verstanden. Ich muss wohl noch mal wiederkommen.
 

* * *

 
 
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Tamuna Markgraf (12) geht in Homburg zur Schule und ist von klein auf mit Eltern und Bruder abseits der breiten Touristenpfade gereist. Auf der Reise nach Indien hat Tamuna mit einem Blog erste Schreiberfahrung gesammelt.

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