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The Travel Episodes

#10Tage: In 10 Tagen um die Welt

Speed-Dating mit Neuseeland

Christoph Karrasch trifft auf Hobbits, Erdlöcher mit Verdauungsproblemen, halbnackte Zahnlose und springt vom höchsten Turm der südlichen Hemisphäre.

»Zwei Tage?« Der Einreisebeamte stutzt.

Er ist das Murmeltier, das täglich grüßt. Nichts, was ich auf dieser Reise zum ersten Mal erleben würde. Aber diesmal klingt die Frage des Mannes hinter der Scheibe besonders ungläubig.

Aus Sicht eines Neuseeländers, der genau weiß, wie weit abgelegen sein Land ist, muss es wirklich lächerlich wirken, schließlich stehe ich nicht an dem Schalter, der Einheimische und Australier empfängt, sondern an dem für »All other countries«. Das heißt, egal, woher ich komme, ich habe bei meiner Anreise mindestens ein Weltmeer überquert. Warum sollte man sich diesen Stress für zwei Tage Aufenthalt antun?

Ich hingegen sehe das ganz anders: Neuseeland wird mit 42 Stunden Aufenthalt der längste Stopp meines Trips sein. Zwei Tage auf ein und demselben Kontinent? Wie wunderbar entschleunigend!
 
 
01 - Karrasch in Neuseeland
 
 
Ich befinde mich zur Zeit auf der kürzesten und interaktivsten Weltreise der Welt namens »In zehn Tagen um die Welt« oder einfach: #10Tage.

Mal kurz die Welt erobern.

Gemeinsam mit meinen Followern habe ich diese Weltumrundung kreiert, die mich in 240 Stunden auf alle fünf Kontinente führt. Sie haben die Route bestimmt: 18 Stunden Lima – 28 Stunden Las Vegas – 42 Stunden Auckland – 30 Stunden Kathmandu – 30 Stunden Kapstadt. Und sie haben mir für all diese Orte Aufgaben gestellt, die ich unterwegs erfüllen soll. So hing ich in Lima schon unter einem Paraglidingschirm über dem Pazifik, wurde mit Perus knopfäugigem Grundnahrungsmittel Meerschweinchen konfrontiert und bin in Las Vegas in einer Show am Strip aufgetreten. Jetzt ist das andere Ende der Welt dran, Deutschlands (Fast-)Antipode.

Neuseeland ist die Halbzeit von #10Tage.

Vorrangig besteht Neuseeland aus zwei Hauptinseln (die rund 700 kleineren drumherum klammere ich mal aus) und ist um ein Viertel kleiner als Deutschland.

Viele schwärmen von der Südinsel, die mit den Neuseeländischen Alpen im Westen und den Fjorden im Süden traumhaft sein muss.

Am Fuße der Alpen liegt die Abenteurerstadt Queenstown, in der man unzählige adrenalinreiche Dinge erleben kann: Jetbootfahren, Wildwasserrafting, Bungee- oder Fallschirmspringen und sogar Schaukeln in der angeblich weltgrößten Schaukel in 300 Metern Höhe.

Und an der Ostküste befindet sich Christchurch, die größte Stadt der Südinsel, deren Zentrum im Februar 2011 bei einem schweren Erdbeben stark beschädigt wurde.

Doch all dies wird mir auf diesem Trip verborgen bleiben, denn meine Follower haben mich auf die Nordinsel geschickt – die Insel, auf der drei Viertel der 4,5 Millionen Einwohner Neuseelands leben...

... weil sie nicht nur die Hauptstadt Wellington, sondern mit Auckland auch die größte Stadt des Landes beherbergt.

Hinter der automatischen Schiebetür des Zolls wartet eine junge Frau auf meinen Mitreisenden Thomas Niemann, einen Filmemacher aus Leipzig, und mich. Das muss Amy sein. Sie begrüßt uns mit einer herzlichen Umarmung.

»Das macht man hier so«, sagt sie grinsend und spielt auf das Klischee der immerfreundlichen Neuseeländer an.

Man muss sich nur mal durch die Rankings der freundlichsten Menschen der Welt klicken – da haben die Kiwis einen festen Platz in den Top fünf.

Amy ist Tourguide und wird mir in den nächsten 42 Stunden bei der Erfüllung meiner Aufgaben unter die Arme greifen. Per Mietwagen werden wir eine kleine Reise über die Nordinsel unternehmen, denn es hat sich bei den Aufträgen, die ich bekommen habe, schon früh herausgestellt, dass ich über die Stadtgrenzen Aucklands hinausschauen muss. Neben der Maori-Kultur drehen sich die Aufgaben unter anderem um jene kleinen Wesen mit riesigen haarigen Füßen, die vermutlich noch nie eine Millionenstadt wie Auckland zu Gesicht bekommen haben. Sie leben draußen im weiten saftigen Grün, das Neuseeland berühmt gemacht hat und das ich zum ersten Mal hautnah erlebe, als die Landstraße hinter Auckland immer einsamer wird und wir schließlich von unzähligen weich geschwungenen immergrünen Hügeln umgeben sind.

Irgendwo da haben sie ihre Höhlen – auf ihrem Heimatkontinent, den sie Mittelerde nennen.

 

* * *

Zweites Kapitel

Mein dunkles Hobbit-Geheimnis

Durchs Auenland mit Hobbitohren, einem übereifrigen Kauf im Internet. Für vier Euro bei eBay.

Die Hobbits, J. R. R. Tolkien, Herr der Ringe, Sir Peter Jackson – all dies ist seit über einem Jahrzehnt untrennbar mit Neuseeland verbunden. Filmregisseur Jackson ist selbst Kiwi und offenbar der Meinung, Tolkien habe in seinen Büchern stets sein Heimatland gemeint, wenn er über das Auenland und Hobbingen, Mordor und Bruchtal geschrieben hat.

Also begab er sich Ende der Neunziger auf eine Reise durch Neuseeland, um die Orte zu finden, die sich für seine geplante Film-Trilogie eignen würden. Dabei stieß Jackson unter anderem zwei Stunden südlich von Auckland auf eine Farm in der Nähe von Matamata und ließ seine Scouts an der Tür des Bauernhofs klopfen.

Foto

»Guten Tag, wir kommen aus Hollywood und wollen auf Ihrer Farm gerne ‚Der Herr der Ringe‘ verfilmen. Wir würden hier neun Monate lang alles umbauen, dann drei Monate drehen und danach wieder alles abreißen.

Geht das vielleicht?«

Zu dem Zeitpunkt war das Stück Land eine ganz normale Farm mit knapp 18.000 Schafen und Rindern, und der Besitzer Russell Alexander hatte keine Ahnung, dass sein kleines Zuhause wenige Jahre später unter dem Namen Hobbiton zu einem der meistbesuchten Filmsets der Welt zählen wird.

Mein Follower Björn hat mir aufgetragen, mich dort einmal umzuschauen. Er sei ein großer Herr-der-Ringe-Fan und würde so einiges dafür geben, selbst einmal hierhin zu reisen, schrieb er mir. Ich hingegen trage ein dunkles Geheimnis in mir, was den Kult um dieses Fantasy-Epos angeht.
 
 

Inzwischen kann man sich das auenländische Hobbiton, das in der deutschen Übersetzung Hobbingen genannt wird, im Original angucken.

Inzwischen kann man sich das auenländische Hobbiton, das in der deutschen Übersetzung Hobbingen genannt wird, im Original angucken.

Für die Dreharbeiten der Herr-der-Ringe-Trilogie wurden 1999 lediglich provisorische Hobbitlöcher errichtet sowie viele künstliche Bäume und Pflanzen aufgestellt, die nach getaner Arbeit wieder entfernt wurden.

Für die Dreharbeiten der Herr-der-Ringe-Trilogie wurden 1999 lediglich provisorische Hobbitlöcher errichtet sowie viele künstliche Bäume und Pflanzen aufgestellt, die nach getaner Arbeit wieder entfernt wurden.

Als das Set 2011 für die Dreharbeiten zu »Der Hobbit« wieder hergerichtet wurde, entschied man sich dafür, dieses Mal etwas Dauerhaftes zu erschaffen.

Als das Set 2011 für die Dreharbeiten zu »Der Hobbit« wieder hergerichtet wurde, entschied man sich dafür, dieses Mal etwas Dauerhaftes zu erschaffen.

Die Hobbitlöcher und das ganze Drumherum bekamen ein stabiles, haltbares Dasein, von dem Russell Alexander ziemlich gut leben kann.

Die Hobbitlöcher und das ganze Drumherum bekamen ein stabiles, haltbares Dasein, von dem Russell Alexander ziemlich gut leben kann.

»In den letzten zwölf Jahren waren fast eine Million Besucher hier«, erzählt Tourguide Ethan, als wir auf den engen Pfaden durch das Hobbitdorf laufen. Eine zweistündige Tour kostet pro Person 75 Dollar. Ich überschlage die Zahlen im Kopf und stelle fest, dass man für das Geld wirklich so einige Schafe scheren muss.

»Erkennst du, wo wir gerade stehen?«, fragt Ethan.

»Hmmmm, nein«, antworte ich zögerlich und merke, dass ich mein Geheimnis nicht mehr lange für mich behalten kann.

»Das hier ist Gandalfs Schneise. Hier sind Gandalf und Frodo am Anfang des ersten Films mit Pferd und Wagen durchgeritten.«

Ich könnte an dieser Stelle jetzt »Ach ja!« rufen, mich noch einmal ganz genau umschauen, so tun, als würde ich den Weg tatsächlich erkennen, und schließlich ein aufgeregtes »Wow!« von mir geben. Aber ich entscheide mich doch lieber für die Wahrheit.

»Es tut mir leid, Ethan. Ich werde leider nicht einen einzigen Ort erkennen. Ich habe die Filme nämlich nie gesehen.«

Stille.

Auch Amy und Thomas, die die ganze Zeit unauffällig hinter uns herlaufen, halten inne und schauen mich verständnislos an.

»Oh«, entfährt es Ethan. Er überlegt kurz.

»No worries«, fällt ihm schließlich ein. »Dafür bin ich ja da.« Dann fängt er an zu lachen und klopft mir auf die Schulter wie ein Vater seinem Sohn, um ihm zu versichern, dass schon alles gut werden wird.

Ich laufe an einem großen grünen Baum vorbei, der für mich nicht mehr ist als ein großer grüner Baum. Für die anderen Besucher hingegen ist er der berühmte Festbaum, unter dem Bilbo Beutlin nach der Rede auf seiner Geburtstagsfeier verschwindet, um das Auenland für immer Richtung Bruchtal zu verlassen. Sie erkennen genau das Hobbitloch, vor dem Sam in der allerletzten Szene der Trilogie seiner Tochter entgegenläuft und Rosie mit ihrem Baby aus der gelben Tür kommt. Ich hingegen entnehme diese Infos lediglich dem deutschsprachigen Tourprospekt, den Ethan mir gegeben hat.

Für mich könnte das hier auch genauso gut das Dorf der Schlümpfe oder der Gummibärenbande sein.

Darüber ärgere ich mich ein wenig. Vermutlich kennt jeder das Gefühl, zum ersten Mal an einem Ort zu stehen, den man aus dem Fernsehen kennt – oder zumindest die Vorstellung, wie es wäre, einmal dort zu sein. Das Empire State Building aus »Schlaflos in Seattle«, der Beatles-Zebrastreifen in der Londoner Abbey Road, die Bars in Havanna, durch die sich Ernest Hemingway einst gesoffen hat. Ich ärgere mich, weil ich dieses Gefühl hier haben könnte, wenn ich mir irgendwann in den letzten zehn Jahren nur mal neun Stunden Zeit genommen hätte, um den mächtigen Dreiteiler zu sehen. Von den weiteren neun Stunden für die Hobbit-Trilogie mal abgesehen.

So erlebe ich Hobbingen fernab des Kults und stelle fest, dass es ein wirklich zauberhafter verträumter Ort ist. Die Vorgärten der Häuschen werden gepflegt, überall blühen Blumen, im lauen Wind flattert Wäsche auf der Leine, ein paar Bienchen summen, Arbeitsgeräte liegen herum – so als ob die Hobbits nur mal kurz in den Urlaub gefahren wären.

Entlang der alten Wassermühle laufen wir über die Brücke am Wasserauer See auf die Hobbitwirtschaft Zum grünen Drachen zu. Auf meinem Teller landet etwas, das aussieht wie Schinkenbrot mit überbackenem Käse. Aber ich frage lieber vorsichtig nach: »Ist das auch eine berühmte Hobbitspeise?« Ethan legt seine Stirn erneut in Falten und zieht die Augenbraue hoch. »Come on, nicht mal das Essen kennst du?« Dann aber erlöst er mich: »Keine Sorge, ich wollte nur noch mal dein verstörtes Gesicht sehen. Das hier ist einfach nur Schinkenbrot mit Käse.« Wir lachen uns kaputt.

»Du hättest mir heute alles geglaubt, oder?«

Ja, vermutlich hätte ich das.

* * *

Drittes Kapitel

Generation Maori

Ein Erdbeben, rassistische Großeltern und eine Jugend, die stolz auf ihre Multikultur ist.

Unser Roadtrip über die Nordinsel führt uns weiter nach Süden. Im Radio läuft »How Bizarre« von OMC, der wahrscheinlich erfolgreichste Song, den Neuseeland je hervorgebracht hat. Mitte der 90er, Nummer eins in Amerika, Australien und Europa.

»Ooh, baby«, singt Amy laut mit.

»Ooh, baby«, stimme ich mit ein. Dann singen wir alle zusammen:

»It’s making me crazy. Everytime I look around…«

Amy ist ein fröhliches Mädel. Mitte 20, dunkle kurze Haare. In ihrer Gesellschaft fühlt man sich unglaublich witzig, weil sie gerne und viel lacht. Nur einmal wird sie wirklich ernst, als sie von ihrer Herkunft erzählt.

»Ich komme von der Südinsel, aus Christchurch. Mein Elternhaus stand dort, wo das schlimme Erdbeben stattfand.«

»Was heißt stand?«

»Es ist nichts mehr davon übrig. In unserer Straße mussten fast alle Häuser abgerissen werden.« Viele ihrer Sandkastenfreunde waren – wie sie selbst auch – zu dem Zeitpunkt schon aus Christchurch weggezogen.

»Kurz nach dem Beben sind wir alle nach Hause gekommen und saßen abends bei einem Bier zusammen, acht Schulfreunde und ich. Unseren Eltern ging es glücklicherweise gut. Aber wir alle hatten von jetzt auf gleich kein Elternhaus mehr. Einfach ausgelöscht. Bei einigen hat es sehr lange gedauert, bis sie das verkraftet haben. Für mich ist aber das allerwichtigste gewesen, dass ich meine Whanau noch habe.«

»Deine was?«

»Meine Familie. Whanau ist das Maori-Wort für Familie.« Amy erklärt mir, dass viele Begriffe der indigenen Bevölkerung in den normalen Sprachgebrauch übergegangen sind. »Liebe heißt zum Beispiel Aroha. Das ist für uns ein ganz normales Wort wie für euch Computer. Es heißt halt einfach so.«

An den Straßenschildern und Ortsnamen erkenne ich, dass hier fast alles in der Sprache der Maori benannt ist: Rangitanuku Road, Kuranui Park, Waikato. Ich muss an die australischen Aborigines denken und daran, dass die europäischen Siedler über Jahrhunderte versucht haben, die Kultur und Sprache des indigenen Volkes auszulöschen. Heute ist man bemüht, diese Kultur wieder herzustellen.

»Wie war es denn hier bei euch zwischen den Siedlern und den Maori?«, frage ich Amy.

»Wir waren nicht ganz so schlimm.« Natürlich habe es wie bei vielen Kulturclashs auch hier Probleme zwischen Maori und Pakeha, den anderen, gegeben.

»Ich liebe meine Großeltern über alles, aber ich muss aus heutiger Sicht leider sagen, dass sie Rassisten waren.« Doch dann habe es in der Gesellschaft eine starke Entwicklung gegeben. »Bei meinen Eltern hat sich schon etwas in Gang gesetzt – und meine Generation ist unheimlich stolz auf die Multikultur unseres Landes.«

 

* * *

Viertes Kapitel

Fauchende Erde

»Ich war das nicht!«, ruft Amy und lacht.
Ein Gestank wie von tausend verfaulten Eiern steigt mir in die Nase.

Ein großer, scheinbar kreisrunder See kommt zum Vorschein, leuchtend blau und spiegelglatt. Lake Rotorua. Am Ufer des Sees liegt die Stadt Rotorua, eine der größten Maori-Communities in Neuseeland. »Der Bevölkerungsanteil ist mit über 30 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt«, erzählt Amy.

Die Erstbewohner Neuseelands nutzten seit jeher die natürlichen Ressourcen ihres Landes. So war es kein Zufall, dass sie sich um 1830 hier niederließen: Die Nordinsel befindet sich in aktivem Vulkangebiet, und rund um Rotorua gibt es viele natürliche heiße Quellen, die die Maori zum Kochen, Baden und Waschen nutzen konnten. Die Stadt liegt inmitten eines Vulkankraters. Der Kraterrand zieht sich als eine Art bewachsener Hügelkamm um die Stadtgrenze.

Alle halbe Stunde spuckt der Geysir Pohutu für etwa eine halbe Stunde Wasser aus der Erde – bis zu dreißig Meter hoch!

In der ganzen Stadt raucht und dampft es an allen Ecken. Das ist auch aus heutiger Sicht noch äußerst praktisch, weil mit der natürlichen Erdwärme sämtliche Gebäude kostenlos beheizt werden können. Nur leider resultiert daraus auch eine eher unangenehme Tatsache, die ich bemerke, als wir parken und die Autotüren aufmachen.

»Ich war das nicht!«, ruft Amy und lacht.

»Das beruhigt mich sehr«, antworte ich. »Sonst würde ich dich auch sofort zu einem Arzt schicken.«
Ein Gestank wie von tausend verfaulten Eiern steigt mir in die Nase. Es ist der Schwefel, der aus den heißen Quellen austritt und sich als unangenehme Duftwolke über die ganze Stadt legt.

»Ich muss mich auch jedes Mal wieder dran gewöhnen«, sagt Amy. »Auf der Südinsel haben wir keine vulkanische Aktivität. Aber glaub mir, irgendwann riecht man es nicht mehr.«

Ich hoffe, dass sie Recht hat!
 
 
07 - Dampf Rotorua
 
 
Immerhin: Das Blubbern und Brodeln der Erdlöcher, die Geysire und Schlammbecken haben die Stadt zu einem Kurort gemacht. Rotorua gehört – im übertragenen und Wortsinn – zu den touristischen Hotspots der Nordinsel. Der Vulkanschlamm enthält viele Minerale, die die Poren öffnen, die Durchblutung fördern und die Haut ganz zart machen sollen. Ein bisschen Wellness hat noch niemandem geschadet – und so lande ich wenige Minuten nach unserer Ankunft in Rotoruas größtem Geothermalpark (mit dem freundlichen Namen Hell’s Gate) in einem 38 Grad warmen grauen Matschbad.

Am selben Ort gibt es die kleine Maori Carving School, eine offene Hütte, in der ich die Aufgabe von meinem Follower Eumel in Angriff nehmen kann: die Schnitzkunst der Maori lernen.
»Früher gab es bei uns Maori keine Buchstaben und keine Schriftsprache«, erklärt Te Mataa, mein Schnitzlehrer – ein schüchtern wirkender kleiner Mann mit schwarzem Pferdeschwanz. »Also haben wir unsere Geschichten und unser Wissen so weitergegeben, wie wir uns damals ausdrücken konnten.« Ich erkundige mich nach einem äußerst detailreichen Kunstwerk mit drei Köpfen und jeder Menge Verzierungen, das auf einer Werkbank hinter Te Mataa liegt.

»Wie lange brauchst du für so etwas?«, frage ich.

»Oh, das dauert«, antwortet er. »Bestimmt ein bis zwei Wochen.«

Wir sind uns einig, dass das für mich ein wenig zu zeitintensiv (und technisch womöglich einen Tick zu anspruchsvoll) ist, und verständigen uns darauf, dass ich mich lieber an einem Symbol versuche, das lediglich aus ein paar dünnen Strichen besteht und wie ein Tannenzweig aussieht.

Mein Schnitzergebnis kann sich durchaus sehen lassen, finde ich. Bis auf ein paar kleine Splitter, die aus dem Holz ragen, habe ich einen richtig schönen Tannenzweig geschnitzt – bis Te Mataa mich aufklärt, dass es sich überhaupt nicht um einen Tannenzweig handelt.

»Das ist Ponga, ein Silberfarn«, korrigiert er mich. »Ein wichtiges Symbol für die Maori. Sie haben den Silberfarn früher zur Orientierung benutzt, wenn sie nachts von der Jagd zurückgekommen sind. Sie markierten ihren Weg mit der silbernen Unterseite, die das Mondlicht reflektiert, und konnten so wieder zurück nach Hause finden.«

Die Pflanze ist über die Jahrhunderte zum Nationalsymbol Neuseelands geworden – entsprechend verwundert es nicht, dass sämtliche Sportler, die bei internationalen Wettkämpfen für Neuseeland antreten, Ponga auf ihren Trikots tragen. Angefangen hatte damit die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft, die berühmten All Blacks. 1884 trugen sie bei ihrem ersten internationalen Spiel auf australischem Boden ein Farnsymbol auf ihren Shirts. Das ist vor allem deshalb interessant, weil die All Blacks nicht erst einmal als Trendsetter in Erscheinung getreten sind.

Sie waren es auch, die den Haka weltweit bekannt gemacht haben. Vor jedem Länderspiel treten die Spieler als geschlossenes Rudel an die Mittellinie und führen ihren Angst einflößenden Maori-Tanz auf, um den Gegner einzuschüchtern. Viel lautes Geschrei, viele böse Posen und viel Zunge rausstrecken – das werde ich nun auch lernen, um den Auftrag von Stephan (»Lerne Haka tanzen«) zu erfüllen.
 

* * *

Fünftes Kapitel

Zeltlager-Feeling beim Kriegstanz Haka

Plötzlich stehe ich halbnackt in einem knielangen Naturrock auf der Bühne des Veranstaltungshauses.

Die erste Begegnung mit meinen Lehrmeistern ist überraschend friedlich, ja fast romantisch. Auf der Bühne des 100jährigen reich verzierten Zeremonienhauses von Te Puia, einem Kulturzentrum für die Kunst und das Handwerk der Maori in Rotorua, treffe ich Laurence, Chadwick und Te Whawhanga. Die drei halbnackten Männer sind nur mit Baströckchen und einigen Maori-Tattoos bekleidet, sie geben Interessierten Haka-Schnupperkurse. Was mir außerdem gleich auffällt: Zusammengerechnet fehlt ihnen ungefähr eine Handvoll Schneidezähne.

Chad zieht mich an sich heran und drückt seine Stirn und Nase zweimal gegen meine.

»Was war das?«, möchte ich wissen.

»Wir nennen unsere Begrüßung Hongi – riechen«, erklärt er. »Mit dieser Geste teilen wir den Atem des Lebens miteinander. Die Berührung unserer Nasen verbindet uns.« Maori scheinen also überaus höflich zueinander zu sein, bevor sie sich schließlich anschreien.

Eigentlich bedeutet Haka nichts Anderes als Tanz, weshalb auch andere Festtänze der Maori als Haka bezeichnet werden. International bekannt geworden ist der Haka aber vorrangig als Kriegstanz, ein Aufwärmritual, um dem Gegner das Fürchten zu lehren und sich mental für den Kampf aufzuputschen.

»Eines der zentralen Elemente des Haka ist Pukana«, erklärt Chad. »Augen aufreißen und Zunge rausstrecken, eine Geste der größten Missachtung des Gegners – und eine unmissverständliche Warnung, ihn nach dem gewonnenen Kampf zu verspeisen.«

Ich bekomme einen Taiaha, meinen Kampfstab, in die Hand gedrückt und gehe wie meine Vortänzer Chad und Laurence, die sich links und rechts von mir positioniert haben, auf die Knie. Te Whawhanga steht hinter uns. Unsere Startformation ist hergestellt. Als Leader der Truppe ruft uns Te Whawhanga nun zu, was wir machen sollen. Weil er das in Te Reo Maori, der Sprache der Maori, tut und meine Sprachkenntnisse dahingehend eher überschaubar sind, bleibt mir nichts Anderes übrig, als meine Augen an die Bewegungen von Chad und Laurence zu heften, während mein Körper versucht, ähnliche Figuren zu bilden.

Am Ende der Tanzstunde habe ich das Gefühl, den Spirit des Haka zumindest ein wenig gespürt zu haben. Die Bewegungen habe ich jetzt drauf, und mein Körper hat ein gewisses Rhythmusgefühl für die Abläufe entwickelt. Allerdings sollte ich wohl noch etwas an meinem Gesichtsausdruck während des Tanzes arbeiten. Wie mir Thomas’ Kameraaufnahmen später deutlich vor Augen führen, würde mein Gegner vor mir wohl eher den Campingstuhl ausklappen, sich hinsetzen und gemütlich seine geschmierten Käsestullen essen, anstatt vor Todesangst winselnd vor mir zu liegen.
 
 
08 - Gruppenbild Haka
 

* * *

Sechstes Kapitel

Aucklands Superheld

Was hilft gegen Jetlag und Erschöpfung?
Ein Sprung aus 200 Metern.

»Und?«, fragt Thomas am nächsten Morgen, als wir uns unten in der Hotellobby treffen und vor der Rückfahrt nach Auckland auschecken. »Was haben wir heute noch vor, bevor wir weiterfliegen?«

»Nichts weiter«, lautet meine Antwort. »Eigentlich.«

»Was heißt eigentlich?«, hakt er nach.

»Na ja.« Ich druckse rum. »Mir geht diese eine Sache nicht aus dem Kopf.«

»Was meinst du denn? Nun sag schon!«

Es ist immer das gleiche mit mir: Ich weiß, dass ich es nachher furchtbar finden werde, weil ich wahnsinnige Höhenangst habe – aber es reizt mich jedes Mal wieder ungemein, herauszufinden, ob es diesmal vielleicht doch nicht so ist. Meine kleine masochistische Ader.

Es gab da so einen Aufgabenvorschlag von Matze…

Als wir drei Stunden später zurück in Auckland sind, stehen wir vor ihm: dem Sky Tower. Meine Güte, was für ein Gerät! In 192 Metern Höhe befindet sich eine Absprungplattform. Was dort oben stattfindet, ist kein klassischer Bungeesprung – und das ist auch der Grund, warum ich überhaupt in Erwägung ziehe, es zu versuchen. Aktiv einen Schritt ins Leere machen und danach ohne Halt frei fallen, das könnte ich niemals tun. Aber ich hatte mich vorher schlau gemacht: Der sogenannte »Skyjump« funktioniert ein wenig anders.
 
 
09 - Sky Tower in Auckland
 
 
Das System ist so programmiert, dass es sein Opfer mit kontrollierten 85 km/h den Turm hinunterschickt und man auf einem genau definierten Punkt am Boden landet. Kein Bungee, kein freies Rumbaumeln, sondern ein berechneter Basejump – für Schisser wie mich.

Wenige Minuten später habe ich einen blauen Ganzkörperanzug an. Dank eines gelben Blitzes auf der Brust sieht der Overall aus wie das Outfit eines Superhelden. Wie passend.

Ich lasse kurz meinen Blick in Richtung Plattform schweifen. Das ist tatsächlich einfach nur ein schmaler Steg, der nach ein paar Metern im Nichts endet. Genau da werde ich gleich stehen.

»Bist du bereit?«, fragt Andy.
»Überhaupt nicht«, antworte ich.
»Cool, dann geht’s los.«

Um die letzten Karabiner an meinem Rücken befestigen zu können, zitiert mich Andy ganz nach vorne. Mir dreht sich der Magen um. Ich kralle mich am Geländer fest, starre geradeaus und tue, was er mir sagt.

Dann kommt der schrecklichste Moment: Ich soll mich um 90 Grad drehen – mit dem Gesicht zum Abgrund, zum Ende des Stegs, an dem es kein Geländer mehr gibt. An der Stelle hört die Plattform einfach auf. Wenn ich jetzt einen falschen Schritt mache, bin ich weg.

Und schließlich schallt der erbärmlichste Schrei durch Auckland, den jemals jemand in einem Superheldenkostüm von sich gegeben hat.

Mein Körper zittert noch immer, als ich aus dem Overall steige. Es hätte wirklich nichts dagegen gesprochen, meine 42 Stunden in Neuseeland so entspannt ausklingen zu lassen wie sie anfingen: ein bisschen roadtrippen, Haka tanzen, Schinkenbrot mit überbackenem Käse essen. Aber es hatte doch mal wieder die Neugier gesiegt, wie so oft. Wie drückte es einst Heinrich Harrer, der Autor von »Sieben Jahre in Tibet«, aus:

»Die Frage, warum man etwas Ungewöhnliches unternimmt, stellt sich gar nicht. Die Begründung könnte ganz einfach die Lust am großen Abenteuer sein.«

In diesem Sinne: Auf nach Kathmandu, meine nächste #10Tage-Station!

 

* * *

Den #10Tage-Film gibt es hier!

Und jetzt…

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Leserpost

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  • Geertje on 15. Juni 2015

    Eine wunderbare Episode aus dem Süden! Vielen Dank für Unterhaltung, Nervenkitzel und Spaß!

    Antworten
    • Christoph Karrasch on 16. Juni 2015

      Schön, dass sie dir gefällt, Geertje – danke!

  • Johanna Stöckl on 16. Juni 2015

    Was ein Vergnügen, diese Episode zu lesen.
    Und jetzt? Muss ich gleich das ganze Buch lesen :-)
    Danke für den tollen Beitrag,

    Johanna

    Antworten
    • Christoph Karrasch on 17. Juni 2015

      Jaaaa, mach das! :) Ich freu mich, Johanna!

  • Lara on 4. März 2017

    Bei deinem Sprung in Auckland habe ich tatsächlich mitgefiebert. Eigentlich ganz geil. ich werde wohl trotzdem nicht den gleichen Mut haben und dort hinunter springen.

    Klasse Beitrag.

    Antworten

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