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The Travel Episodes

Ein Brunnen für Uganda

Der lange Weg zum Wasser

Ein Projekt, das den Menschen Hilfe verspricht und Kräfte zehrt. Ein Dasein zwischen Lethargie und Leistungsdruck.
Steven Hille reist nach Afrika, um einen Brunnen zu bauen.

Als ich das Flugzeug in Entebbe verlasse, ist es in Uganda angenehm warm. Es riecht nach Heu, genauso wie damals in den Ferien, wenn ich bei Tante Hilde im tiefen Brandenburg zu Gast war. Oft sind es Gerüche, die mich innerhalb von wenigen Sekunden an Jahre zurückliegende Ereignisse erinnern und in mir ein wahnsinniges Wohlbefinden auslösen.

Doch dieses Mal ist es anders. Ich war den ganzen Flug über wach und habe über das Leben nachgedacht. Ich bin unausgeglichen und beunruhigt, daran kann auch der altbekannte Geruch nichts ändern. Vor ein paar Monaten habe ich meinen Job an den Nagel gehängt. Ich wollte keine Werbung mehr für Unternehmen machen, hinter denen ich nicht stehe. Ich erkannte darin keinen Nutzen. Stattdessen wollte ich Projekte umsetzen, die mir am Herzen liegen, die mich interessieren und die etwas bewegen. Genau deshalb bin ich nun hier. Ich werde in der Natur Ugandas arbeiten und mich für die Menschen eines Dorfes einsetzen.

Ich bin bereit für einen neuen Lebensabschnitt.

 

* * *

Kampala

Welcome to Uganda

Ich werde von einer himmlischen Gesandtschaft empfangen, die mich im Höllentempo durch Kampala chauffiert. Wenn wir nicht im Stau stehen.

Am Ausgang des Flughafengebäudes empfangen mich zwei Männer und eine verträumt wirkende Frau mit einem Schild. Lila auf weiß ist dort der Name meiner Volunteering-Organisation Karmalaya zu lesen. Ich bin glücklich über den Transportservice, denn ich bin todmüde und kaum in der Lage klar zu denken.

Einer der beiden Herren muss der Priester Father Joseph der Kirchengemeinde sein, in der ich bald leben werde. Ich weiß nur noch nicht, welcher. Doch ich frage nicht nach, lasse mich wortlos zum Auto führen und nehme auf dem Beifahrersitz Platz. Auch meine Begleiter reden nicht. Komisch.

Im Highspeed fahren wir durch die Nacht.

Während unserer eineinhalbstündigen Fahrt finde ich heraus, dass Father Joseph neben mir sitzt und mit ungeheurer Geschwindigkeit und einer ungeduldigen Kombination aus Blinkersetzen und Hupen durch die afrikanische Nacht saust. Gott sei Dank ist der Mann ein Priester. Er wird für seine nächtliche Fahrt eine Armee an Schutzengeln angefordert haben. Father Joseph ist Ende dreißig, trägt ein rosafarbenes Poloshirt und hat eine kleine Plauze. Sein vollständiger Name ist Father Joseph-Mary Kavuma. Vor mir auf dem Armaturenbrett steht eine Figur der Muttergottes, an der Frontscheibe wedelt die Flagge Ugandas unruhig in den Innenraum des Fahrzeugs.

Nach einer Stunde Raserei durch Ugandas Finsternis erreichen wir einen Hinterhof in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Roannie, der zweite Begleiter, springt von der Rückbank, öffnet ein düster knarrendes Metalltor und wir fahren hinein. Nur drei Stunden verbleiben, bis der Wecker klingeln wird und wir zur Messe gehen werden. Ich bin aufgeregt, freue mich auf die Zeit, die vor mir liegt und kann nicht einschlafen…

Nur ein paar Tage bleibe ich in der Hauptstadt, dann geht es auf staubigen Straßen Richtung Norden.

 
 

 

* * *

Nandere

Zeit, Ugandas größter Reichtum

Ameisenverkostung, Ungeduld, unmögliche Aufgaben und der erste Regen.

Zwei Stunden brauchen wir für eine Strecke von nur vierzig Kilometern. Auf unserem Weg ins Dorf Nandere fahren wir auch am Dorf Bwaise vorbei. Es liegt sehr ungünstig in einem kleinen Tal. Jedes Jahr, wenn die Regenzeit beginnt und das Wasser aus den Hochplateaus abfließt, kommt es in Bwaise zu starken Überflutungen und Schlammlawinen. Daher pflegen die Ugander den Spruch:

»Wasser ist Leben, aber nicht für die Menschen in Bwaise.«

Father Joseph zeigt mir, wie hoch das Wasser dann steht. Es ist wie ein Fluch: Da warten die Menschen monatelang auf den Regen und bekommen dann so viel, dass sie die Wassermassen nicht kontrollieren können und der Boden das viele Wasser kaum aufnehmen kann.

Im Dorf Nandere leben etwa 500 Menschen. Es gibt zwei Grundschulen, eine Priesterschule, ein Schwesternhaus, ein ganz kleines Krankenhaus und das Gemeindehaus, in dem ich mein Zimmer habe. Für die Verhältnisse vor Ort lebe ich sehr komfortabel. Ich habe mein eigenes Zimmer, samt Bett, Schreibtisch und einem kleinen Schrank. So viel Komfort haben in Uganda nur die Wenigsten. Am ersten Tag nach meiner Ankunft schaue ich mir in Begleitung von Colline das Dorf an. Die Häuser, die zu einer der Grundschulen gehören, sind alt und heruntergekommen. Die Kinder leben hier zu acht in kleinen Zimmern. Sie schlafen auf dem Boden, ohne Decken. Einige von ihnen nächtigen sogar auf blanken Bettgestellen – ohne Matratze. Und dennoch geht es ihnen hier oftmals besser als zu Hause. Hier bekommen sie drei Mahlzeiten am Tag und die so notwendige Schulbildung.

Bild 1

Die Menschen in Nandere haben kein fließendes Wasser. Wasser gibt es in einem Brunnen in der Dorfmitte. Bis zu dreißig Minuten muss ich anstehen, um meine Flasche zu füllen.

Bild 2

Der Brunnen ist Jahrzehnte alt und funktioniert nur noch mit Einschränkungen. Aus vierzig Meter Tiefe fördert eine quietschende Handpumpe das Grundwasser ans Tageslicht. Verschnaufe ich für wenige Sekunden, stürzt das Wasser wieder im Brunneschacht hinab. Es ist mühselig.

Bild 3

Das Gemeindehaus besitzt einen großen Wassertank. Er wird vom Regenwasser der umliegenden Dächer gespeist. Doch in der Trockenzeit ist er fast immer leer.

Mein Zimmer ist zwei Steinwürfe von der Kirche entfernt. Kurz vor fünf Uhr werde ich jeden Morgen vom Läuten der Kirchenglocken geweckt. Die Kinder der Grundschulen hasten dann in schicken Kleidern mit Liederbüchern unter dem Arm in die Kirche. Um sieben Uhr beginnt der zweite Gottesdienst des Tages, den vor allem ältere Schüler und die erwachsenen Dorfbewohner besuchen.

Ich bin beeindruckt vom starken Glauben der Menschen. Fast 95 Prozent der Bevölkerung in Uganda sind gläubige Christen.

Im Vergleich zu meiner Zeit in Kampala ist hier vieles anders. Ich stehe zeitig auf, wasche mich in einem winzigen Duschraum mit etwas Wasser aus dem Eimer und gehe dann in einen Gemeinschaftsraum der Pfarrei zum Frühstück. Oft esse ich katogo, Kochbanane mit Soße, oder eine Scheibe Toast. Meistens treffe ich beim Frühstück Father Joseph Balikuddembe. Ja, es ist wie verhext. In dieser Pfarrei leben drei Pfarrer mit dem Namen Joseph.

Hin und wieder erlaube ich mir einen kleinen Scherz und rede einfach alle Dorfbewohner mit dem Namen Joseph oder Josephine an. Man lacht darüber und nennt mich ebenfalls Joseph.
 
 
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Father Joseph
 
 
Gleich am ersten Tag treffen wir uns mit dem Förster der Region. Vor zwei Jahren hat Father Joseph damit begonnen, mit der NFA (National Forestry Authority) zusammenzuarbeiten und bezieht fachliche Hilfe von ausgebildeten Förstern. William ist ein schlaksiger, groß gewachsener Mann Mitte fünfzig. Auf seinem Kopf kräuselt sich graues Haar. Er ist ruhig und geduldig. Für sieben Uhr morgens sind wir mit ihm verabredet. Er kommt fast pünktlich, mit nur sieben Stunden Verspätung. Eine Entschuldigung hat er am Nachmittag nicht auf den Lippen. »That´s African time«, versucht man mir zu erklären.

William zeigt mir den Kiefernwald am anderen Ende des Dorfes. Er ist sieben Jahre alt, seine Pflanzung gehörte zu den ersten Amtshandlungen Father Josephs, der schnell erkannte, dass mehr Bäume gepflanzt als gefällt werden sollten. Vor zwei Jahren wurde dieser Wald erstmalig ausgedünnt. Nun steht eine Höhenbeschneidung der Bäume an. Damit die Kiefern dickere Stämme entwickeln, müssen kraftraubende Äste abgeschnitten werden. Easy, denke ich, und sehe mich nach einer Säge um. Nichts. Niemand der Anwesenden hat an Arbeitsmaterial gedacht? – Nein, denn heute sind wir nur zum Erkunden im Wald.

Ich werde unruhig. So viel Zeit habe ich nicht mitgebracht.

Schon während der ersten Tage in der Hauptstadt langweilte ich mich und wollte endlich loslegen, etwas machen, etwas bewirken. Und jetzt? Wieder nichts.

Am nächsten Tag ist es dann aber soweit. Ich frage Emma, bis in welche Höhe wir die Äste abschneiden müssen.
»Eight.«

Eight? Also eight, wie acht? Bis in acht Meter Höhe? Wie sollen wir das schaffen? Eine Antwort bekomme ich nicht. Stattdessen pfeift Emma in die Finger und ruft zwei Arbeiter herbei, die hinter kleinen Büschen in sichtbarer Entfernung Backsteine produzieren. Zusammen mit den beiden Arbeitern und zwei Macheten gehen wir in den Wald und schlagen ein paar junge Bäume. Die Stämme bauen die jungen Ugander schnell zu einer dreibeinigen Leiter zusammen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, mit meinen fast hundert Kilogramm auf dieser selbst gebauten Leiter zu stehen. Sie erweist sich jedoch als sehr stabil.
 
 

Zusammen mit den beiden Arbeitern und zwei Macheten gehen wir in den Wald und schlagen ein paar junge Bäume.

Zusammen mit den beiden Arbeitern und zwei Macheten gehen wir in den Wald und schlagen ein paar junge Bäume.

Die Stämme bauen die jungen Ugander schnell zu einer dreibeinigen Leiter zusammen.

Die Stämme bauen die jungen Ugander schnell zu einer dreibeinigen Leiter zusammen.

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, mit meinen fast hundert Kilogramm auf dieser selbst gebauten Leiter zu stehen. Sie erweist sich jedoch als sehr stabil.

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, mit meinen fast hundert Kilogramm auf dieser selbst gebauten Leiter zu stehen. Sie erweist sich jedoch als sehr stabil.

Aber zwei Meter Steven und drei Meter Leiter ergeben immer noch nicht acht Meter.

Aber zwei Meter Steven und drei Meter Leiter ergeben immer noch nicht acht Meter.

Aber zwei Meter Steven und drei Meter Leiter ergeben immer noch nicht acht Meter.

Also suchen wir einen weiteren Stamm, den Emma mit einem kräftigen Machetenschlag durchtrennt. Auf diesen Stamm setzen wir unsere Säge – fertig ist der Teleskopstab.

Die Beschneidung eines einzigen Baumes dauert in dieser Höhe fast zehn Minuten. Macht sechs Bäume in der Stunde, 48 am Tag. Doch in diesem Waldabschnitt stehen etwa 500 Bäume. Also heißt es, keine Zeit verlieren.

Mein Alltag wird in den nächsten Tagen vom Beschneiden der Kiefern geprägt sein. An den ersten Tagen schaffe ich nur fünfzehn bis zwanzig Bäume, bis mir die Arme schmerzen und ich vor Erschöpfung am liebsten am Waldboden zusammensinken möchte. Doch meine Kondition nimmt zu. Immer mehr Bäume schaffe ich in immer kürzerer Zeit zu beschneiden. Nach zwei Wochen habe ich die Arbeit vollendet. Ich habe tatsächlich den ganzen Wald beschnitten!

Ein paar Tage später befinde ich mich mit vier weiteren Männern aus der Region in einer nahe gelegenen Buschlandschaft, die wild mit bis zu zwei Meter hohen Büschen zugewachsen ist. Ich habe eine Machete in meiner rechten Hand, Father Josephs Strohhut auf dem Kopf und schwitze und keuche in der brennenden Vormittagssonne. Mit kraftvollen Machetenhieben schneiden wir alles ab, was uns in den Weg kommt. Gräser, Sträucher, junge Bäume, einfach alles trennen wir vom staubigen Boden. Die Männer, mit denen ich arbeite, sind nicht aus Nandere. Sie reisen durch die Region auf der Suche nach Arbeit.

Gerade einmal 7000 bis 10.000 Schilling verdienen sie pro Tag. Etwa 2,50 Euro.

Frühstück bekommen sie im Dorf. Die Köchin der Pfarrei bereitet schwarzen Tee und Porridge zu. Über den restlichen Tagesverlauf versorgen sie sich selbst. An fünf von sechs Arbeitstagen essen sie Jackfruits, die sie von den umliegenden Bäumen ernten.

Doch heute gibt es eine Delikatesse zu Mittag: Weiße Ameisen! In der Nacht zuvor sind die Ameisen ausgeflogen. Was ich am Morgen nach dem Aufstehen erlebte, war ein wahres Naturschauspiel. Millionen von weißen Ameisen flogen durch die Luft, sodass die Umgebung ganz neblig erschien. Viele Ameisen, die wahrscheinlich schon Stunden unterwegs waren, lagen kraftlos am Boden und wurden von Schulkindern und Dorfbewohnern in schwarze Plastiktüten gesammelt. Einer der Männer zeigt mir seine Tüte. Uff, bestimmt ein halbes Kilogramm hat er gesammelt. Er hat die Tüte gut verschlossen und in die Sonne gelegt. Durch die schwarze Farbe der Plastiktüte garen die Ameisen nun vor sich hin. Und natürlich bietet er mir an, eine weiße Ameise zu probieren. Mit dem ersten Bissen töte ich das Tier, sie schmeckt nach nichts. Davor, dass die Ameise auf meiner Zunge rumkrabbelt, hatte ich am meisten Angst.

Einen Tag darauf treffe ich William. Er ist gekommen, um uns bei der Pflanzung eines Eukalyptus-Waldes zu helfen. Wir besprechen den Ablaufplan. Zunächst müssen wir warten, bis die Regenzeit beginnt, sagt er mir. Es ist inzwischen Ende März und der Regen wird in Uganda schon sehnsüchtig erwartet. Und dann? Dann wird gepflanzt. Das war‘s schon. Ende der Besprechung. Erst brauchen wir den Regen, dann kann gepflanzt werden. Leuchtet mir ein.

Die nächsten beiden Tage verbringe ich in der Pfarrei. Ich helfe im Garten, in der Küche, wische mein Zimmer durch und lese viel. Ich genieße die Abgeschiedenheit eines 500-Seelen-Dorfes in Uganda. Hier ist nichts, was mich ablenkt. Seit Jahren fühle ich mich zum ersten Mal wieder ausgeglichen. Und ich lerne mal wieder das Gefühl von Langeweile kennen.

Auf meinem Telefon entdecke ich zu meiner Überraschung einige Musiktitel. Das ist ungewöhnlich, da ich sonst überwiegend Musik aus dem Radio höre. Aus welchen Gründen auch immer befindet sich unter anderem der Song Africa von Toto auf meinem Handy. Ich höre den Song rauf und runter, liege mehrere Nachmittage hintereinander lethargisch in meinem Zimmer und starre die Decke an.

Und plötzlich, kurz bevor der Refrain des Songs mit »… I bless the rains down in Africa …« wieder einsetzt, beginnt es zu regnen. Die Kinder rennen aus der nahe gelegenen Schule, ich öffne meine Tür zum Vorhof des Gemeindehauses. Die Temperaturen sinken auf einen Schlag um fünf Grad. In der Luft hängt der Duft von Sommerregen, den ich schon seit meiner Kindheit so unheimlich liebe.

Endlich, ja endlich beginnt die Regenzeit und wir können den Wald pflanzen. Ganz aufgeregt und in der Hoffnung, in den nächsten Augenblicken starten zu können, renne ich durch die Pfarrei und suche Father Joseph. Er sitzt mit den Feldarbeitern zusammen. Vermutlich besprechen sie die Einsatzplanung. Aufgeregt und hastig frage ich nach den nächsten Schritten.

»Leider hat der Regen jetzt eingesetzt, Steven. Wir können nicht weitermachen.«
»Leider? Wir haben doch eine halbe Woche darauf gewartet! Wieso geht es nicht weiter?«
»Wir müssen noch die alten Pflanzenreste verbrennen, bevor wir mit dem Pflanzen der Bäume anfangen können.«

Ich bin sprachlos. Eine halbe Woche warten wir auf den Regen. Nun, wo er endlich da ist, fällt den Herrschaften ein, dass wir die alten Pflanzenreste noch verbrennen müssen. Unfassbar, dieses Uganda. Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück und höre den Song an der Stelle weiter, an der ich aufgehört hatte.

… I bless the rains down in Africa
Gonna take some time to do the things we never had …

Zu meinem Glück ist der Regen schnell vorbei und die Sonne am darauffolgenden Tag stark genug, um die letzte Feuchtigkeit zu vertreiben. Die kontrollierte Brandrodung erfolgt an nur einem Tag. Trotzdem werde ich nicht einen einzigen Baum pflanzen. Das wird erst zwei Monate später erledigt werden. Unser Förster hat es versäumt, die 10.000 Setzlinge für die Pflanzung des Waldes zu bestellen.

In den folgenden Tagen denke ich viel über den Ansatz des Volunteerings nach. Wird mein Einsatz langfristig etwas für die Menschen in Nandere bewirken? Oder war mein Volunteering ein reines Abenteuer für mich selbst?

Ich bin mal eben die Welt retten. Hab aber nur vier Wochen Zeit.

Ich bin nach Nandere gekommen, um den Menschen zu helfen und mich für sie zu engagieren. Mein Einsatz in der Natur macht Spaß. Es ist ein Abenteuer und ich lerne vermutlich mehr über die Natur und Kultur Ugandas, als ich Wissen vermitteln kann. Lediglich der interkulturelle Austausch kann vielleicht als Bereicherung für die Menschen gesehen werden. Doch ich habe nicht wirklich den Eindruck, etwas Wertvolles bewirken zu können. Schlimmer noch. Ich habe das Gefühl, einem Menschen den Arbeitsplatz wegzunehmen. Also fasse ich einen folgenschweren Entschluss. Ich will über mein Volunteering hinaus etwas ausrichten und den Menschen langfristig helfen.

Ich habe das Gefühl, dass das Dorf Nandere sich ganz gut selbst versorgen kann. Die umliegenden Felder liefern ausreichend Obst und Gemüse, und die Holzwirtschaft bringt etwas Geld in die leeren Kassen des Dorfes und der Kirche. Leider mangelt es in der Trockenzeit an Wasser.

Das Grundwasser kann gar nicht so schnell in den Brunnenschacht nachlaufen, wie es hinausbefördert wird.

Das Regenwasser vom Dach der Kirche und der umliegenden Häuser läuft in einen 25.000 Liter fassenden unterirdischen Wassertank. Doch wenn es nicht regnet, steht die Pfarrei ohne Wasser da. Colline geht jeden Morgen vor der Schule und jeden Abend nach der Schule mehrmals zur Handpumpe und trägt Hunderte Liter Wasser in die Pfarrei. Es gibt ein Rohrsystem in den Häusern. Doch das nützt natürlich nichts, wenn sich kein Wasser in den Rohren befindet.

 
 
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Colline
 
 

Wenn Colline zum Wasserholen aufbricht und ich gerade in der Nähe bin, helfe ich ihm. Hier lerne ich die Härte dieses Knochenjobs erst richtig kennen.

Eines Tages komme ich verschwitzt und staubig vom Fußballtraining zurück. Ich nehme mir den letzten Eimer Wasser aus der großen Tonne und wasche mich unter der Dusche. An das Duschen mit kaltem Wasser habe ich Warmduscher mich endlich gewöhnt. Im Anschluss will ich das verbrauchte Wasser nicht nur auffüllen, sondern mehr besorgen als ich verbraucht habe. Also schnappe ich mir zwei große Zwanzig-Liter-Kanister und gehe zum Brunnen. Da man mich hier ungern alleine lässt und Collines Gang zum Brunnen sowieso ansteht, begleitet er mich mit zwei weiteren Kanistern der gleichen Größe.

Am Brunnen angekommen, müssen wir eine Weile warten. Als wir an der Reihe sind, stelle ich einen der Kanister unter den Auslauf und beginne zu pumpen. Zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal bewege ich den langen Metallhebel nach oben und unten. Kein Wasser. So schlimm war es noch nie. Ein kleiner Junge meint, dass ich mich gedulden soll. Ein Dutzend Pumphiebe später kommt das erste Wasser aus dem Erdreich. Ein schöner Moment, aber es ist viel zu wenig. Pro Pumpstoß plätschert nur eine Handvoll Wasser in den Kanister.

Um einen der vier Kanister zu füllen, brauchen wir 25 Minuten. Für nur zwanzig Liter!

Ich bin erschöpft und demotiviert. Da ich in den letzten Tagen immer fleißig beim Pumpen geholfen habe, kommen jetzt einige Kinder und Jugendliche und eilen mir zur Hilfe. Nach über einer Stunde gehe ich mit zwei gefüllten Kanistern zurück, um meine Wäsche zu waschen.

Als ich wiederkomme, erfahre ich, dass die Kinder bereits die anderen beiden Kanister gefüllt und zu uns in die Pfarrei gebracht haben. Ich bin sprachlos, denn ich weiß ganz genau, wie anstrengend sowohl das Pumpen als auch das Tragen von vierzig Liter Wasser sind. Ich bin gerührt und frage mich, ob mir das in Deutschland auch passiert wäre.

Fest entschlossen, etwas bewegen zu wollen, verlasse ich das Dorf Nandere nach über drei Wochen intensiven Zusammenlebens. Ich komme wieder, keine Frage.

 

* * *

Planung

Versprochen ist versprochen

Der Wunsch nach Wasser, Milchmädchen und Rückschläge. Und darf ich überhaupt helfen?

Noch vor Ort habe ich drei Ingenieure aus der Region getroffen. Sie wollen für mich in Erfahrung bringen, ob man einen der drei Brunnen Nanderes reparieren kann. Daraus ergibt sich ein anderer Plan: Da Nandere auf einem kleinen Hügel liegt, soll ein neuer Brunnen am Fuße des Hügels gegraben werden. Über eine elektrische Pumpe und fast 500 Meter Rohrleitungen soll das Wasser in das Dorf hinaufbefördert werden. Ich fordere die Kostenvoranschläge der drei Ingenieure an, erhalte nach einigen Wochen jedoch nur zwei.

»Wenn du nur einen Wunsch hättest, was würdest du dir wünschen?«, habe ich die Menschen im Dorf vor meiner Abreise gefragt. Fast alle antworteten mit »Wasser« oder »Regen«. Dieser Wunsch der Menschen ist seitdem mein Ansporn. Um ihn zu erfüllen will ich viel arbeiten und alles tun, was in meiner Macht steht. Im Juni 2015 nimmt das Projekt Gestalt an. Ich launche die Spendenseite auf betterplace.org.

Vorher rechne ich hoch, wie ich das Spendenziel erreichen kann. »Auf Facebook hat mein privates Profil 707 Freunde. Spendet nur jeder zehn Euro, so haben wir das Spendenziel überschritten«, schreibe ich auf meinem Blog.

»Und mal ehrlich: Wie viel sind zehn Euro? Drei Bier in der Kneipe? Ein Cocktail in der Bar? Ein kleines Abendessen im Restaurant? Zwei Schachteln Zigaretten? Worauf kannst du einen Tag verzichten?«, führe ich meine Worte fort. Ich bin davon überzeugt, dass wir bis zum nächsten Jahr den notwendigen Geldbetrag sammeln können.

Meine Rechnung geht nicht auf.

In den Monaten Juni (1466 Euro), Juli (185 Euro) und August (373,50 Euro) sammeln wir insgesamt 2024,50 Euro. Das Projekt ist im Juni sehr gut gestartet, besonders die Leser meines Blogs, Freunde und Familienmitglieder spenden großzügig. Doch irgendwann ist die Reichweite meines Blogs erschöpft und ich muss neue Wege gehen. Ich muss das Projekt größer machen. Also schließe ich mich mit Katrin, einer befreundeten Bloggerin, zusammen. Sie hat bereits einige Male geäußert, wie gut sie das Brunnenprojekt findet, und ihre Hilfe angeboten. Mit ihrem Freundeskreis, der Geschenkalternative »Spenden statt schenken« an Geburtstagen und der Reichweite ihres Blogs werden neue Spender gefunden.

Ich mache mich auf die Suche nach einem Verein. Damit will ich dem Projekt in der Außenwirkung die Relevanz geben, die es verdient. Außerdem brauche ich dringend fachliche und rechtliche Unterstützung. Ein gemeinnütziger Verein ist zudem in der Lage, Spendenbescheinigungen auszustellen, denn bisher gelten alle Spenden als Schenkung an mich als Privatperson. Mithilfe des Vereins will ich eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln, um langfristige Unterstützung garantieren zu können, denn niemandem ist geholfen, wenn die Pumpe des Brunnens nach einem Monat reparaturbedürftig ist und keine finanziellen Mittel bereitstehen, um sie zu warten.

Die Suche verläuft schwierig. Viva con Agua ist das Projekt zu klein. Ingenieure ohne Grenzen e.V. hat keine freien Kapazitäten. Erst Technik ohne Grenzen e.V. äußert Interesse an dem Projekt, warnt mich vor langwierigen bürokratischen Herausforderungen und stellt mir mit Hannes einen tatkräftigen und erfahrenen Projektleiter zur Seite. In Leipzig lerne ich ihn und seine Regionalgruppe kennen. Ich gebe mich bei dem Treffen etwas enttäuscht, denn zu diesem Zeitpunkt habe ich erst 2.328,50 Euro von 7015 Euro gesammelt. Die Mitglieder des Vereins verstehen meinen Frust nicht, klopfen mir auf die Schulter und meinen, dass das ein sehr großer Erfolg sei.

Doch mir geht es nicht schnell genug, ich wollte das Geld längst zusammenhaben.

Vor einigen Jahren war Hannes bereits in Ghana aktiv und hat dort ein Recyclingprojekt aufgebaut. Gemeinsam stecken wir uns neue Ziele und suchen zunächst einen Ingenieur, den wir nach kurzer Zeit in Steffen finden. Hannes und Steffen kennen sich bereits von früher.
 
 
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Unter die vielen positiven Reaktionen mischen sich auch kritische Stimmen, mit denen ich lernen muss, umzugehen. Die Nachhaltigkeit des Projektes wird hinterfragt, die Umsetzung und sogar seine ganze Berechtigung. Außerdem wird meine Motivation in Frage gestellt. Ich werde als Kolonialist abgestempelt, der sich durch Spendenhilfe in Afrika profilieren will.

Doch dann meldet sich Father Joseph über eine Nachricht auf Facebook:

Hello Friends from Berlin,
I salute you all and I thank you for all the work you are doing. I am Fr. Joseph-Mary Kavuma from Nandere Parish, in Uganda. And I take this chance to thank you very heartily for accepting to be part of us by sharing in our suffering. You have done us great through the generous contributions towards our water project.

I am most grateful to you all, most especially Steven, who took charge to mobilise and sensitise you on this great need for water. Nandere is the oldest Parish in Kasana-Luweero Diocese, having been founded by the Missionaries of Africa way back in 1899. We wish to provide water to the 5 communities at the Parish Headquaters; namely the Parish Community, the Sisters and the orphanage, 2 Primary schools and the Health Center. Members from all the 5 communities share one borehole which was built 15 years ago, it keeps breaking down due to old age and excessive pressure. The situation becomes unbearable during the school going days coupled with prolonged dry spells as a result of climate change.

We really need your support to go out of this mess!
Wishing you God’s Choicest blessings in all.

Fr. Joseph-Mary.

Diese Nachricht macht mir wieder Mut und erinnert mich und alle Beteiligten daran, für wen das Spendenprojekt bestimmt ist. Die Monate November (2083 Euro) und Dezember (3087,09 Euro) werden damit die erfolgreichsten Spendenmonate.
 
 

Mittendrin das böse Erwachen.

Ich muss den Projektbedarf von 7015 Euro auf 9215 Euro erhöhen. Bei meiner ersten Kalkulation im Juni hatte ich einige Kostenpunkte, wie etwa die Anreise und medizinische Versorgung der Projektbeteiligten, nicht berücksichtigt.

Dank meinem Freund David, der zu seinem Geburtstag ebenfalls um Spenden statt Geschenken bittet, einem Radiointerview und meinem ehemaligen Kollegen Ecki gelingt es, das Funding am 10. Februar abzuschließen. Rettung in letzter Sekunde, denn in elf Tagen geht mein Flug nach Uganda.
 
 
betterplace-org
 
 

Meine Freude mindert sich fünf Tage später. Ich erfahre vom plötzlichen Tod des Vertreters meiner damaligen Volunteeringorganisation. Am frühen Morgen des 15. Februars hatte Godfrey einen tödlichen Autounfall.

Ich werde nie vergessen, wie er mich zum Abschied zum Bus brachte, mir alles Gute für die Zukunft wünschte und verschwand. Zehn Minuten später tauchte er neben meinem Busfenster wieder auf und fragte, ob er mich nach Kampala begleiten solle. Er sorge sich um den 1,92 Meter großen und fast 100 Kilogramm schweren Mzungu.

In Österreich hatte Godfrey studiert und hätte die Chance gehabt, in Europa zu bleiben. Doch er entschied sich für Uganda. Weil er sein Land liebte und niemanden zurück lassen wollte. Godfrey war einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich jemals getroffen habe.

* * *

Finale

Vom Geben und Geben

Ich treffe alte Bekannte, erhalte neue Dämpfer, verlasse Uganda, bevor unser Projekt beendet ist – und bin am Ende doch erfolgreich.

Uganda, 21. Februar 2016. Es ist vieles wie beim ersten Mal. Der gleiche Heugeruch steigt am Flughafen Entebbe in meine Nase. Es ist angenehm warm. Und ich bin mal wieder ziemlich aufgeregt.

Ich schnalle meinen etwa zehn Kilogramm schweren Rucksack auf den Rücken und nehme ein weiteres Gepäckstück vom Band, das randvoll mit Kleiderspenden gefüllt ist. Ich weiß nicht, wie es werden wird, ich weiß nicht, ob wir unser Ziel erreichen werden, aber nun stehe ich hier und es gibt kein Zurück mehr. »Los geht‘s!«, sage ich zu mir selbst und stürze mich in das vorerst letzte Kapitel dieses Abenteuers, das mich ein weiteres Mal an meine Grenzen bringen wird.

Zu meiner Überraschung kommen mich gleich drei alte Bekannte am Flughafen abholen: Father Joseph, Father Joseph Balikuddembe und Emma stehen am Ausgang des Flughafens bereit. Ich umarme alle drei herzlich. Es ist ein Wiedersehen, das mich zu Tränen rührt. Alle Erinnerungen des letzten Aufenthalts sind plötzlich wieder da. So präsent, als wäre ich gestern erst weggefahren.

Wir machen dort weiter, wo wir aufgehört haben. Während der wilden Fahrt durch Ugandas Nacht, bei der Father Joseph keine Spur langsamer fährt als damals, tauschen wir uns ausführlich aus. Vor ein paar Tagen fand die Präsidentenwahl statt. Yoweri Museveni ist erneut im Amt bestätigt worden. Bereits seit 1986 ist er Präsident von Uganda. Die Unterdrückung seiner politischen Gegner wird international kritisiert, auch im Land selbst gibt es viel Kritik. In den nächsten Tagen werden viele Menschen auf die Straßen gehen und wegen Wahlbetrugs demonstrieren. Museveni gilt als korrupt. Ich frage mich, wie sich ein Land voller Korruption weiterentwickeln soll.

Gegen sieben Uhr morgens erreichen wir den Hof der Pfarrei. Zu diesem Zeitpunkt bin ich seit 24 Stunden wach. Ich bin müde, die steigenden Temperaturen zehren an meinen Kräften und ich will nur noch ins Bett. Doch die halbe Pfarrei erwartet meine Ankunft. Ich sehe viele vertraute Gesichter wieder. Agnes und Colline stehen bereit, um mich zu begrüßen. Ich werde umarmt, bekomme Zeichnungen geschenkt und man wünscht mir Gottes Segen bei unserem Vorhaben. So herzlich wurde ich wohl noch nie empfangen. Dann kann ich endlich ins Bett. Leider nur für zwei Stunden.
 
 
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Viel ist im letzten Jahr passiert. Der Eukalyptus-Wald, dessen Pflanzung ich vor einem Jahr mit vorbereitet habe, ist stellenweise schon zwei Meter hoch. Wahnsinn, wie schnell die Bäume gewachsen sind. Eine Schwester kommt mir bei einer ausführlichen Runde durch das Dorf entgegen. Ich erinnere mich sofort an sie. »Oli otya, nyabo?«, rufe ich ihr zu. Ein breites Lächeln strahlt aus ihrem Gesicht während sie mit »Gendi« antwortet. Ich erwidere zunächst ein leichtes Stöhnen, wie ich es oft in Uganda gehört habe und antworte mit »Ni bulunge«, dass es mir auch gut geht. Ich fühle mich wohl.

Es ist, als wäre ich nach einer langen Reise endlich wieder nach Hause gekommen.

Neben den menschlichen Freuden stelle ich aber auch negative Veränderungen fest. Die Grundschule, die sich in unmittelbarer Nähe zum Brunnen befindet und deren Zustand ich schon vor einem Jahr als katastrophal empfunden hatte, wurde geschlossen. Die geringe Wasserversorgung hatte einen großen Einfluss auf die Entscheidung. Streitigkeiten unter den Lehrkräften spielten eine weitere Rolle. Das alte Schulgebäude ist verlassen und soll in den nächsten Monaten saniert werden. Es ist nun viel stiller im Dorf. Viel weniger Kinder treffe ich. Nachmittags habe ich manchmal das Gefühl, ganz alleine zu sein.
 
 
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Natürlich interessiert es mich, wie es durch den »Bevölkerungsrückgang« nun um den Brunnen steht. Meine ersten Pumpstöße sorgen für eine Überraschung: Jede Menge Wasser strömt aus dem rostigen Metallrohr der Handpumpe, die sich im Vergleich zum letzten Jahr viel einfacher bedienen lässt. Würde das Wasser nun für das Dorf reichen? Colline, ein weiterer Junge und ich tragen ein paar Wasserkanister zum Brunnen. Ich möchte herausfinden, wie viel Wasser sich im Brunnenschacht befindet. Mehrere Stunden brauchen wir, um über 200 Liter Wasser zu pumpen. Dann folgt die Gewissheit: Jetzt ist der Brunnen nahezu leer. Nur noch ganz wenig Wasser plätschert in unsere gelben Kanister.

Die Entscheidung, den Brunnen zu bauen, ist also nach wie vor richtig. Außerdem ist der Bau des neuen Brunnens Voraussetzung für die Neueröffnung der Grundschule.

Noch am gleichen Tag erwarte ich Moses zur Mittagszeit. Er ist der Projektleiter von Busoga Trust, jenem Unternehmen, das für den Brunnenbau verantwortlich sein wird. Nach zwei Stunden Verspätung ist er schon da. Er hat einen Ingenieur im Gepäck. Barfuß schlüpfe ich in meine Gummistiefel und wir machen uns auf den Weg zum Fuß des Hügels.

Nachdem wir die Bananenplantagen hangabwärts passiert haben, erreichen wir nach einem halben Kilometer die Stelle, an der unser Brunnen gegraben werden soll. Der Ingenieur nickt, ohne ein Wort zu sagen. Hier wollen wir graben. Unser Plan steht. Doch dann sprechen wir über den Vertrag und die Kosten.

Moses bietet mir an, fünf Prozent der Kosten einzusparen. Dafür will er das Projekt selbstständig umsetzen. Ohne Busoga Trust, ohne dreißig Jahre Brunnenbauerfahrung, ohne Vertrag, ohne Absicherung. Den mühsam gesammelten Betrag für den Brunnenbau soll ich einfach auf sein privates Konto überweisen. Ich muss nicht lange überlegen, um mich gegen diesen Plan zu entscheiden. Natürlich will ich das Projekt, wie kalkuliert, über das Unternehmen Busoga Trust durchführen lassen. Moses ist nicht zufrieden mit der Entscheidung. Natürlich nicht, denn so landet kein Geld in seiner eigenen Tasche. Er droht mir einen Projektverzug an.

Enttäuscht kehre ich an diesem Nachmittag des 22. Februars in mein Zimmer der Pfarrei zurück. Übermüdet und verunsichert lege ich mich auf mein Bett und denke nach. Nun heißt es stark bleiben. Genau für diesen Fall haben wir uns dazu entschieden, den Bau des Brunnens vor Ort zu betreuen. Nur so können wir versuchen, Korruption zu vermeiden und das Timing zu halten.

Unabhängig von den weiteren Absprachen mit Moses treffe ich am folgenden Tag eine wichtige Entscheidung: Das Dorf Nandere soll mit unserer Hilfe den Graben, der vom Brunnen bis zum Zentrum des Dorfes führen soll, selbst graben. Damit sparen wir Kosten und beziehen das Dorf in die Arbeit mit ein. Zudem sparen wir Zeit, da wir jederzeit beginnen können.

Ein Graben mit einer Länge von 470 Metern, sechzig Zentimetern Tiefe und dreißig Zentimetern Breite muss geschaufelt werden. Gleich am nächsten Morgen fangen wir an. Aus der Nachbarschaft haben wir ein paar Arbeitsgeräte geliehen. Wozu wir die Spitzhacke brauchen, wird mir ziemlich schnell klar. Der Boden ist knochenhart und besteht nur in der obersten Schicht aus Erde. Danach folgt eine massive Gesteinsschicht, die nur mit der Spitzhacke zu lockern ist. Ist die oberste Schicht abgetragen, schaufeln wir die losen Gesteine mit der Schippe aus dem Graben. Ich habe die Anstrengungen unter- und unsere Arbeitsleistung überschätzt, wird mir nach der ersten halben Stunde klar. Mit klitschnassem T-Shirt und staubigen Händen stehe ich im Schatten eines Mangobaumes und keuche wie ein pensionierter Esel.

Nur dreißig der hundert geplanten Meter schaffen wir am ersten Tag. Am zweiten Tag sind es weniger und am dritten verlässt mich das positive Denken. Von Tag zu Tag helfen weniger Dorfbewohner mit. Es ist schwierig, die Menschen zu motivieren. Und habe ich es einmal geschafft, sind sie von der harten Arbeit so schnell überanstrengt, dass sie nie mehr wiederkommen. Viel Frust mischt sich mit Enttäuschung und Traurigkeit. Ich bin ratlos und kann die Menschen in Nandere nicht verstehen. Die Idee des Brunnens war nicht meine. Es waren die Dorfbewohner, die sich das Trinkwasser so sehr wünschten. Aber dafür arbeiten wollen sie offensichtlich nicht. Ich lerne in diesen Tagen eine andere Arbeitskultur kennen. Für die Menschen hier in Nandere scheint es komfortabler, täglich eine halbe Stunde zu einem Brunnen außerhalb des Dorfes zu laufen, dort eine halbe Stunde lang Wasser zu pumpen und dann eine weitere halbe Stunde zurückzumarschieren, als mit dem verrückten Deutschen in der afrikanischen Hitze einen 470 Meter langen Graben zu schaufeln.

Für die Schulkinder der bereits geschlossenen Grundschule war das Wasser allem Anschein nach elementar wichtig. Ihre Schule wurde geschlossen. Ihnen widme ich meine Arbeit in den nächsten Tagen.

Für sie will ich mich engagieren. Sie sind mein Ansporn.

Foto Kinder Schule

Emma und Raphael helfen jeden Tag und werden zu meinen besten Freunden in Nandere. Beide haben es im Dorf zu etwas gebracht. Sie bewirtschaften ihre eigenen Felder, produzieren landwirtschaftliche Produkte und verkaufen sie auf den Märkten der Region. Beide können sich ein kleines Häuschen leisten und haben täglich etwas zu Essen. Ihnen geht es gut. Und obwohl sie auf ihren eigenen Feldern ordentlich zu tun haben, sind sie beim Ausheben jeden Tag mit von der Partie.

 
 
emma-portrait
Emma
 
 

Eines Nachmittags stehen Raphael und ich hintereinander im Graben. Die Sonne brennt; Raphael lockert mit der Spitzhacke den steinigen Boden, ich schaufle die Steine aus dem Graben. Dabei fragen wir uns gegenseitig Vokabeln ab.

»Wie heißt du?« – »Erinnya lyo gweani?«
»Ich hätte gern ein Wasser.« – »Njagala mazzi.«
»Wie viel kostet das?« – »Sente mekka?«
Es macht mir Spaß, die Sprache Ugandas zu lernen. Irgendwann dreht Raphael sich um und meint, dass es bei all dem Interesse für die Kultur Ugandas und der Hilfe im Dorf endlich an der Zeit sei, dass ich einen ugandischen Namen bekomme.
»Ab heute sollst du Kasali heißen«, sagt er und beendet damit seinen kleinen unerwarteten Redeschwall. Ich bin verdutzt.

Kasali? Klingt gut. Ja, so soll ich heißen.

Meine Laune hebt sich in den folgenden Tagen spürbar. Meinen deutschen Namen lege ich übergangsweise ab. Die meisten nennen mich nun Mr. Kasali, auch Father Joseph. Von Tag zu Tag wird der Graben länger. Mal schaffen wir an einem Tag über vierzig Meter, mal weniger als zwanzig. Ich habe mich den afrikanischen Uhren angepasst, werde gelassener und habe Spaß bei der Arbeit.

Auch die ewigen Abstimmungsrunden mit Busoga Trust kümmern mich nicht mehr. Ich bin zuversichtlich und glaube, dass wir den Brunnen fristgemäß fertigstellen werden. Hannes und Steffen haben inzwischen in der Heimat einen Vertrag ausgearbeitet, der alle für uns wichtigen Bauabläufe, Kosten und das Timing enthält. Den Vertrag können wir eine Woche nach meiner Ankunft endlich finalisieren. Als Tag für die Fertigstellung des Brunnens legen wir den 29. März fest. Gelingt es uns nicht bis zu diesem Datum, gibt es kein Geld für Busoga Trust. Das ist ein gutes Druckmittel.
 
 
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Etwa die halbe Distanz des Grabens schaffen wir, bis Hannes und Steffen in Nandere ankommen. Ich freue mich sehr darüber, die beiden Berliner am Flughafen in Uganda zu empfangen. Endlich müssen wir nicht mehr über endlose WhatsApp-Chats diskutieren und Pläne schmieden. Wir können uns unterhalten, Vor- und Nachteile abwägen und gemeinsame Entscheidungen treffen. Nach ihrer Ankunft machen wir eine außerordentlich große Runde durch das Dorf. Ich fühle mich wie jemand, der seinen Freunden stolz die erste eigene Wohnung präsentiert. Ein paar Dorfbewohner grüßen, als sie uns sehen. Spielende Kinder rufen aus der Ferne »Mzungu«, Kiswahili für »Weißer«.

 
 
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Mit Hannes und Steffen erarbeiten wir eine Nachhaltigkeitsstrategie. Niemandem bringt es etwas, wenn ein Defekt am Brunnen in der Zukunft nicht repariert werden kann. Jemand muss sich um den Brunnen kümmern und dafür verantwortlich sein. Ein Professor der Universität Hohenheim gibt uns den Tipp, ein Wasserkomitee zu gründen und eine Gebühr für die Brunnennutzung zu erheben. Von der Gebühr halte ich im ersten Moment nichts. Doch nach und nach wird uns klar, dass sie absolut notwendig ist. Von den Dorfbewohnern sollen nur ganz kleine Centbeträge gefordert werden. Die Kirche, die Schulen und das Krankenhaus hingegen sollen eine größere monatliche Abgabe leisten.

Foto Abschied

Schon nach zwei Wochen verlasse ich Uganda. Es zerreißt mir das Herz, dass ich nun abreisen muss. In den Brunnenbau habe ich so viel Arbeit und Herzblut gesteckt, zu gerne hätte ich das Projekt bis zur Fertigstellung betreut. Doch ich muss los. Ich habe keine andere Möglichkeit. Den ganzen Rückflug mache ich kein Auge zu. Ich schreibe Gedanken und Erinnerungen in mein Notizbuch und denke über Lethargie, Fleiß, Burnout und Armut nach. Die fehlende Hilfe beim Schaufeln des Grabens hat mich schwer enttäuscht.

Aber vielleicht geht es einem grundsätzlich besser, wenn man alles gelassener nimmt?

Hannes und Steffen übernehmen ab diesem Zeitpunkt in Nandere und kämpfen mit den gleichen Problemen. Aber sie sind zu zweit und können sich gegenseitig motivieren. Fast täglich stehe ich mit den beiden in Kontakt. Sie berichten mit Bildern von den Fortschritten. Ich bin zurück in Deutschland, zurück im Alltag. Mein Leben saust im Eiltempo an mir vorbei und ich habe keine Chance, die Erlebnisse in Nandere richtig zu verarbeiten.

Dann, urplötzlich, ist es am Gründonnerstag so weit. Die elektrische Pumpe wird im Brunnenschacht angeschlossen. Als am späten Abend mein Telefon summt und ich ein Video von Hannes und Steffen abspiele, bin ich den Freudentränen nahe. Es läuft Wasser. Fließendes Trinkwasser in Nandere!

Foto Kinder

Sie haben es vollbracht. Sie haben das zu Ende geführt, was ich mit einer spontanen Entscheidung initiiert hatte. Es fließt Wasser. Wahnsinn! Von diesem Augenblick an fördert die elektrische Pumpe sauberes Trinkwasser 420 Meter hinauf in den Wassertank der Pfarrei. Von dort aus läuft das Wasser weitere fünfzig Meter direkt in die Mitte des Dorfes. Endlich haben die Menschen in Nandere fließendes Trinkwasser. Und endlich haben sie auch genug Wasser, um das ganze Dorf zu versorgen.

Um das Timing zu halten, arbeiten die Männer von Busoga Trust auch am Karfreitag. Sie schließen den Graben, den wir in mühevoller Arbeit geöffnet haben. Strom- und Wasserleitungen wurden zuvor unter Steffens kritischen Augen verlegt. Am Dienstag nach Ostern findet die offizielle Eröffnung des Brunnens statt. Der Bischof von Kasana-Luweero führt die Zeremonie durch. Ich konnte ihn bei einem Besuch dafür gewinnen.

Hannes und Steffen senden mir Bilder der Eröffnungszeremonie. In ihren Händen halten sie erschöpft, aber glücklich ein Schild, in Erinnerung an Godfrey. Er ist ein Vorbild, auch nach seinem Tod.
 
 

Inzwischen habe ich von vielen Seiten gehört, wie dankbar die Menschen für unsere Hilfe sind und wie sehr sich ihre Lebensqualität seitdem verbessert hat. Obwohl es zwischen der Idee des Brunnenbaus und dem ersten Wassertropfen einige Herausforderungen gab, bereue ich keine Sekunde, mich derart für das Projekt eingesetzt zu haben.

Es war eine kraftzehrende, aber unglaublich lehrreiche Zeit mit einem perfekten Happy End.

Am frühen Nachmittag des 2. Mai empfange ich Father Joseph am Flughafen Berlin-Tegel. Er hat eine Einladung der katholischen Kirche nach Chicago bekommen. Zum ersten Mal verlässt er Afrika. Ein Flug über Berlin ist wesentlich günstiger, und so wird er einige Tage bei mir zu Hause verbringen. Ich bin aufgeregt und freue mich, dass ich ihm meine Familie und meine Freunde vorstellen kann. Direkt nach der Begrüßung ist alles beim Alten. Wir bringen unsere Running Gags und flachsen herum. Ich zeige ihm, wie unsere Wasserhähne funktionieren und dass es auch heißes Wasser aus der Leitung gibt.

Wie glücklich können wir uns schätzen.

 

* * *

Fotos: Steven Hille & Hannes Schwessinger

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Steven Hille liebt die Natur, verrückte Ideen, Lissabon und den Fahrtwind auf seinem Rennrad. Und er liebt es, immer wieder seine Grenzen auszutesten. Dafür läuft er zum Beispiel den einen oder anderen Marathon und besteigt den Mount Fuji. Irgendwann dachte er sich, dass er nur noch Projekte realisieren sollte, die einen guten Nutzen haben. Daher sammelte er Spenden für ein Tigerbaby, unterstützte ein nationales Bienenprojekt und baute einen Brunnen in Uganda.

Leserpost

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  • Guido on 4. Dezember 2016

    Nach der Hälfte des Artikels hatte ich gedanklich bereits einen Totalverriss als Kommentar formuliert: Was für ein Schwachsinn, als wenn man Westler einfliegen müsste, um einen Baum zu beschneiden oder den Busch zu mähen. Als wenn die Locals diese Arbeit nicht erledigen können. Der Volontärtourismus ist mittlerweile ein Geschäft, bei dem Unternehmen im Westen mit Menschen auf dem Selbstfindungstrip Milliarden verdienen. Den Menschen vor Ort in Afrika hilft das nicht.

    Aber Du hast das selbst reflektiert: «Doch ich habe nicht wirklich den Eindruck, etwas Wertvolles bewirken zu können. Schlimmer noch. Ich habe das Gefühl, einem Menschen den Arbeitsplatz wegzunehmen.» Soweit kommen die meisten Volontäre nicht. Und danach wird der Artikel ganz großartig. Auch der Brunnenbau schadet vielerorts in Afrika mehr als er nützt. Aber das hier hört sich nach einem sinnvollen Projekt an. Großer Respekt!

    Antworten
    • Steven on 6. Dezember 2016

      Hallo Guido,
      ganz lieben Dank für dein sehr ehrliches Kommentar. Der Text spiegelt das ganze Projekt in chronologischem Ablauf wieder. Anfangs bin ich an die Sache natürlich ganz anders rangegangen.

      Besonders nach der Rückkehr habe ich mich viel mit dem Thema der Entwicklungshilfe beschäftigt. Ja, Volunteering ist oftmals ein reines Abenteuer für den Volontär. Der Erfahrungsgewinn für die Einheimischen ist minimal oder gar nicht vorhanden. Auch das war in meinem Fall anders – weil wir es fortgesetzt haben. Father Joseph war ja im Mai bei uns in Berlin. Da konnte er viele Eindrücke und Erfahrungen mitnehmen. Es ist geplant, dass er wieder kommt. Dann macht er auch Praktika im Land- und Forstwirtschaftsbau und nimmt Wissen mit, das sicherlich nicht von mir kommt. :D

      Meine damalige Volunteeringorganisation Karmalaya schätze ich dennoch sehr positiv ein. Sie planen Projekte langfristig, schaffen Arbeit und Verdienstmöglichkeiten für Einheimische und informieren rundum gut.

      Beste Grüße,
      Steven

  • Fr. Joseph-Mary Kavuma on 6. Dezember 2016

    Steven is a Great Man, he has a big heart and a lot of love for other people. He gave us the chance to live and work with a ‚Mzungu‘ for the very first time and our life here in Nandere will never be the same again! May God bless you Steven, your Family and Friends for the love and care you extended to my people!

    Antworten
    • Steven on 7. Dezember 2016

      Thanks Father!
      But it wasn´t just me. We did it together.
      Steven

  • Max on 16. Februar 2017

    Ein wundervoller Bericht. Der ziemlich lang ist, und mich – ähnlich wie bei Guido – am Anfang etwas zweifeln ließ, was denn „der weiße Mann“ da zu suchen hat.
    Und sehr schade, dass du am Ende weg musstest. Aber ein unglaubliches Engagement, und am Ende sogar ein Happy End.
    Wirst du noch einmal hinfliegen?
    Gruß, Max

    Antworten

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