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The Travel Episodes

 

 

Von Ushuaia nach Kapstadt

Unter Segeln im südlichen Ozean

von Carolin Mecus

 

Menschen ziehen an mir vorbei. Lachen, unterhalten sich. Es ertönt Musik von allen Seiten, Straßenhändler versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Jede Brise bringt einen anderen Duft mit sich. Alles wirkt so farbenfroh im Sonnenschein fast schon grell. Irgendwie bin ich nicht hier. Wie in Trance bewege ich mich durch die Menschenmenge entlang der Hafenpromenade an der Waterfront in Kapstadt. Ein Ziel habe ich nicht, befinde mich irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Noch immer spüre ich das Schaukeln der Wellen, schmecke das Salz auf meinen Lippen, höre das Flattern der Segel und sehe die Weite des Ozeans vor mir.

Antarctica – der weiße, wilde, mystische und einzige Kontinent, den ich noch nicht betreten habe – war es, der mich mit meinen eher bescheidenen eigentlich nicht vorhandenen Segelkenntnissen, dazu veranlasste dieses Schiff zu betreten.

Meine Reise ging vom südlichsten Punkt des amerikanischen zum südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents – vom Kap Hoorn zum Kap der guten Hoffnung. Ich ging im argentinischen Ushuaia an und etwa zwei Monate später, nach etwa 5.400 Seemeilen (ca.10.000km), in Kapstadt von Bord. Ich segelte in den rauesten Gewässern unserer Erde – der berühmt berüchtigten Drake Passage, dem Scotia-Meer und dem Südatlantik. Ich besuchte das ewige Eis der Antarktis, das tierreiche Südgeorgien und den abgelegensten bewohnten Ort unserer Erde, die Insel Tristan da Cunha.

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Wie ist es wohl wochenlang nur vom Wasser umgeben zu sein? Kann ich das aushalten? Was, wenn ich den Gruppenkoller bekomme? Flüchten kann ich dieses Mal nicht. Nervös und aufgeregt, voller Vorfreude, aber auch mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch betrete ich sie zum ersten Mal, die Bark Europa. Eine alte Lady aus dem Jahr 1911, bis dato, das einzige historische Segelschiff, das regelmäßig die Antarktis ansteuert. Eine wacklige Rampe führt mich in eine andere Welt – eine Welt der Seefahrer und Entdecker. Was für ein Gefühl, dieses wunderschöne Schiff endlich in voller Pracht zu sehen. Vom morschen Holzboden schweift mein Blick hoch zu den mächtigen etwa 30m hohen Masten, drei davon gibt es. Mit einem Mal sind meine Bedenken weg. Ein Glücksgefühl überkommt mich und irgendwie kann ich es immer noch nicht fassen.

Vorsichtig mustere ich meine Mitreisenden. Wir, die voyage crew, sind eine Gruppe von 38 abenteuerlustigen Reisenden jeglichen Alters, manche mit mehr andere mit weniger Segelerfahrung, die von der permanenten Crew gezeigt bekommen, wie man segelt. Da ist zum Beispiel der Reiseblogger Martin, Schlossbesitzerin Maryse, der pensionierte adrenalinsüchtige Pilot Andy, die fröhliche Fotografin Marion oder ich, Lehrerin im Sabbatjahr. Kapitänin Janke sammelte im Alter von 10 Tagen ihre ersten Segelerfahrungen, Matrosin Mille segelte mit ihren nicht mal 20 Jahren über sämtliche Ozeane, Guide Rich war das Jahr zuvor noch als Passagier auf der Europa unterwegs oder Guide Sarah wohnt in Spitzbergen in einem Zelt. So unterschiedlich wir auch sind, so teilen wir die Lust dieses Abenteuer gemeinsam anzugehen, denn auf einem Großsegler wie der Europa müssen alle mitanpacken.

Während der erste Tag im Schutz des Beaglekanals ziemlich ruhig verläuft, Albatrosse majestätisch über unser Schiff kreisen und Schwarzdelfine ausgelassen mit der Strömung des Schiffes spielen, werden wir am zweiten Tag ins kalte Wasser geworfen. Wir erreichen die offene See. Wie viele youtube Videos ich mir wohl über diese berühmt berüchtigte Drake Passage angeschaut habe? Die Meerenge, welche die Antarktis von Südamerika trennt. Gerechnet habe ich mit dem Schlimmsten, aber nicht, dass ich pudelwohl und quietschfidel hinter dem Steuer dieses wunderschönen Schiffes stehe, während Tag für Tag immer mehr Passagiere von der Seekrankheit überwältigt mit kleinen gelben Plastikeimern in den Tiefen ihrer Kajüten verschwinden.

Richtig gelesen, ich stehe am Steuerrad und schippere Richtung Süden. Ab und an schlägt eine Welle über das Schiff und gibt mir einen kleinen eisigen Vorgeschmack auf das was noch kommen soll. Warum ich am Steuer dieses Schiffes stehe? Das hat alles mit dem Watch-System zu tun, in das die ganze Mannschaft hier eingebunden ist und das unseren Tagesablauf an Bord während längerer Überfahrten bestimmt. Alle sechs bis acht Stunden haben wir Dienst – Tag und Nacht, bei jedem Wetter. Dazu gehört, dass wir am Bug des Schiffes Ausschau halten, das Steuer übernehmen und bei Segelarbeit helfen. Das funktioniert gut, wenn alle Passagiere einsatzbereit sind, wird aber zur Tortur, wenn mehr als die Hälfte seekrank in der Kajüte liegt. Teilweise sind wir bis zu zwei Stunden am Stück draußen im Einsatz. Meine Handschuhe erweisen sich als nicht antarktistauglich, durchdrängt vom eisigen Polarwasser, sitzt mir die Kälte tief in den Knochen. Bei etwa 60°S überqueren wir die antarktische Konvergenz. Das ist die Übergangszone, die das subantarktische Wasser vom kalten antarktischen Wasser trennt, was sich in einem rapiden Fall der Wassertemperatur bemerkbar macht. Täglich erhöht sich die Anzahl meiner Schichten und die Sorge, dass ich nicht genügend Klamotten habe. Ich habe Schwierigkeiten meine Regenjacke über den acht Schichten, die ich darunter trage zu schließen. Täglich werden wir zugeballert mit neuen Informationen über das Segeln – main course, fore course, lower top sail, upper top sail, clewline, bountlines, braising,… Eine Sprache, die ich noch nicht spreche. Die Nachtschichten und Kälte kosten mich Energie und ich bin kontinuierlich müde und hungrig. Da stellt man sich doch zwischendurch die Frage, warum man dafür auch noch Geld bezahlt?

Trotz Kälte, Nässe und Schlaflosigkeit – ich liebe jeden Tag. Manche Nächte sind klar und offenbaren einen unglaublichen Sternenhimmel. Ich genieße das Gefühl, vom Meer umgeben zu sein, mich dem Schwanken der Wellen hinzugeben, in die Weite zu blicken, mit dem Wissen, dass ein paar hundert Kilometer vor mir der weiße Kontinent liegt und ich meinen Teil dazu beitrage ihn zu erreichen. So wie die alten Seefahrer es vor etwa 200 Jahren auch gemacht haben.

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Eine Schneeschicht begrüßt mich an Deck. Der Himmel ist für antarktische Verhältnisse relativ klar, die See ruhig. Vor mir baut sich eine Silhouette aus schneebedeckten Gipfeln auf, in den schönsten Weiß- und Grautönen, die ich mir nur vorstellen kann. Immer mehr und größere Eisberge in den unterschiedlichsten Formationen begegnen uns. Begleitet werden wir von einer Gruppe Buckelwale, die den Tag genauso zu genießen scheint wie wir.

Bevor wir in den Antarctic-Sund einfahren, der ins Weddellmeer führt, haben unsere Guides die Küste im Blick. Noch nie zuvor war die Europa hier gelandet. „Wenn wir heute noch an Land gehen möchten, dann jetzt!“ ertönt eine Stimme voller Aufregung. Und schon cruisen unsere Guides die Küstenlinie nach einer Stelle ab, wo der Wellengang eine Landung zulassen könnte. BINGO! Es geht an Land – auf antarktisches Festland.

Wir landen am Cape Dubouzet. Das ist nicht nur der nördlichste Punkt des Kontinents, sondern liegt auch abseits der regulären Antarktisrouten und Landungsstellen für Passagierschiffe. Voller Euphorie gehen wir diesen Landgang an. Janke kämpft gegen die Strömung und das Eis und hält die Europa auf Kurs während wir ein Stück Neuland entdecken. Eine Stelle, wo nur wenige Menschen zuvor waren und für uns alle das erste Mal ist. Was für ein besonderes Gefühl meine ersten antarktischen Fußstapfen hier auf diesem sehr selten besuchten Stück Land zu setzen. In einem Zustand völliger Zufriedenheit stampfe ich durch den knirschenden Schnee. 7/7 – mein letzter Kontinent – unglaublich!

Haben meine ersten Schritte auf Antarctica ein Glücksgefühl ausgelöst, so ist es jedoch die unberührte Landschaft des Weddellmeers, die mich sprachlos macht. Noch nie hat mich eine Landschaft so tief berührt und noch nie habe ich in einem lebensfeindlichen Gebiet mehr Leben gesehen. Hunderte Zügel- und Eselspinguine planschen im eiskalten Wasser, erfreuen sich an den verschiedenen Eisformationen, hüpfen von Scholle zu Scholle, watscheln, schnattern, taumeln, stolpern, rutschen glücklich um uns herum, Pelzrobben mustern uns misstrauisch und verteidigen eisern ihr Territorium. Unzählige Buckelwale füttern sich am Krill und planschen ausgelassen im Wasser.

Vor etwa 200 Jahren gelang es dem Robbenjäger James Weddell erstmalig in das eisige, eigentlich undurchdringbare Weddellmeer an der Westseite der antarktischen Halbinsel bis 74°S vorzustoßen. Etwa 100 Jahre später fanden die Schiffe Antarctic der Nordenskjöld Expedition sowie die Endurance der Shackleton Expedition ihr Ende in dessen Packeis. Und etwa weitere 100 Jahre später stehen wir auf der Europa der dicken unendlich wirkenden Packeisschicht gegenüber und finden bei etwa 64°S unser südlichstes Ende. Es ist faszinierend und beängstigend zugleich, das Packeis zu beobachten, wie es immer näherkommt, das Schiff umkreist und langsam versucht einzunehmen. Es ist für mich ein einzigartiges Erlebnis, Nordenskjölds und Shackletons Spuren im Weddellmeer zu folgen, um Teile ihre epischen Reisen nachzuvollziehen. Größten Respekt zolle ich Shackletons Männern, die mehrere Monate den lebensfeindlichen Bedingungen auf Elephant Island ausgesetzt waren, als ich den über 50 Knoten starken, eisigen katabatischen Winden der Gletscher gegenüberstehe und aufpassen muss, dass ich nicht weggeblasen werde. Außerdem ist es ein besonderer Moment am Grab Shackletons in Grytviken auf Südgeorgien zu stehen, und ihm, dem letzten großen Polarforscher unserer Zeit – dem Boss – meinen letzten Schluck Whiskey zu widmen.

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Südgeorgien, zu nördlich um im Antarktisvertrag Bestand zu haben, aber südlich genug, um innerhalb der antarktischen Konvergenz und damit in der Antarktis zu liegen. Obwohl er nicht der Erste war, der die mächtigen Gipfel Südgeorgiens sichtete, war James Cook der Erste, der davon 1775 Besitz ergriff. Der Insel gab er den Namen Isle of Georgia nach seinem König Georg III. Die mächtigen Eisberge, die vor der Insel treiben, mussten seine Euphorie verstärkt haben. Umso größer war wohl seine Enttäuschung gewesen, als er herausfand, dass es sich nicht um den bis dahin unentdeckten antarktischen Kontinent handelte, nach dem er suchte, sondern ‚nur’ um eine Insel im Südpolarmeer. So gab er dem südlichsten Punkt der Insel den Namen Cape Disappointment. Südgeorgien, die britische Perle im Südpolarmeer – eine Enttäuschung?

Da wir bis dahin hauptsächlich die antarktische Welt in Schwarz-, Grau- und Weißtönen sahen, überraschte Südgeorgien plötzlich mit einem Farbenmeer. Schneebedeckte steile Gipfel vor blauem Himmel, leuchtend grüne Grasbüschel und Moose entlang der Hügel, Bäche mit glasklarem Gletscherwasser wecken fast schon alpine Heimatgefühle. Wären da nicht unsere kleinen Freunde, die auf Südgeorgien übrigens ziemlich groß, und vor allem neugierig sind. Neben den schon bekannten Zügel- und Eselspinguinen gibt es hier Königspinguine. Mit ca. 80 bis 90cm die zweitgrößten Pinguine der Erde. Sie haben aufgrund ihrer Größe und ihren gelben Farbflecken große Ähnlichkeit mit den Kaiserpinguinen. Auch die kleinen Goldschopfpinguine, die mit ihrem gelben trendigen Federbüschel perfekt in das Farbenmeer Südgeorgiens passen, fühlen sich hier wohl.

Südgeorgien beherbergt aber nicht nur Millionen von Pinguinen, auch zahlreiche Kolonien großer Pelz- und noch viel größerer Elefantenrobben sind hier beheimatet. Das fiel auch James Cook auf, der damals mit dem Verkünden des Robbenreichtums den Startschuss zum großen Töten gab. Beim Anblick der millionenschweren Kolonien ist es schwer zu glauben, dass vor etwa 100 Jahren nur etwa 170 Pelzrobben übrig waren. Die Jagd auf Wale erfolgte in derselben rücksichtlosen Art und Weise, aber mit folgenschweren Auswirkungen, denn Wale können sich nicht so schnell reproduzieren. Bis zu 40.000 Wale wurden während des Booms im Jahr 1931/32 getötet. Zum Vergleich: Heute gibt es insgesamt im südlichen Ozean nur noch etwa 25.000 Buckelwale. Wenn eine Art am Aussterben war, wechselte man zur nächsten. Zum Glück wurde der kommerzielle Walfang 1986 endgültig verboten. Erschreckend ist nur, wie lange die Menschen gebraucht haben um zu dieser Einsicht zu gelangen. Die Walstationen wirken heute wie Geisterstädte. Besetzt von Robben, die sie für sich beanspruchen. Pinguine watscheln über die verrosteten Überbleibsel – Skelette getöteter Wale, alte Tanks und Harpunen. Wie grausam der Mensch in seiner Geldgier sein kann.

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„Zählt nicht die Tage bis nach Kapstadt, sondern genießt sie so, als wären sie die letzten eures Lebens.“ Immer wieder versuche ich mir Sarahs Worte in Erinnerung zu rufen, die sie nach dem Verlassen Südgeorgiens an uns richtete. Sechs Tage ist das nun her. Seitdem haben wir 745 Seemeilen (ca. 1.400km) zurückgelegt. Wir befinden uns auf halbem Weg nach Tristan da Cunha. Das nächste Festland liegt fast 5.000km entfernt. Mein Crewmate Andy stellt fest, dass wir seit Südgeorgien keinem Schiff mehr begegnet sind und man daher mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten kann, dass die ISS, die etwa 400km über uns ihre Kreise zieht, zeitweise unsere nächsten Nachbarn sind. Wir sind wirklich abgeschieden – irgendwo im südatlantischen Ozean. Wie die Besatzung der ISS leben wir hier völlig uns selbst überlassen – in einem Gefährt, das uns vor einer Umgebung schützt, die eigentlich nicht für menschliches Leben vorgesehen ist. Außer, dass die ISS mit modernster Technologie und einigen Knoten schneller unterwegs ist als wir, die seit Südgeorgien nur unter Segeln über die Wellen ‚fliegen’. Aber ehrlich gesagt, das Leben hier an Bord ist ziemlich hart.

Abgesehen davon, dass wir seit mehreren Wochen keine Klamotten mehr waschen konnten, ist man hier grundsätzlich immer nass. Entweder es regnet, hagelt, schneit, ist neblig oder man wird mal wieder von einer Welle überrascht. Überall hängt feuchte Kleidung zum Trocknen und dieser allgegenwärtige Dunst führt dazu, dass sogar die trockene Kleidung feucht wird. Langsam fängt alles an zu stinken. Was mich am meisten stresst ist, dass die für mich ‚normalen’ Dinge des Alltags plötzlich so schwer werden – essen, trinken, schlafen, gehen, stehen, sitzen – sogar im Bett liegen wird zu einer Herausforderung. Cornflakes an der Wand, Suppe auf der Sitzbank, Kaffee auf dem Boden. Nicht zu vergessen die Landung in der Käseplatte mit meinem letzten frischen Oberteil. Immer wieder hört man Geschirr das zu Bruch geht, beißt auf Scherben im Brot. Ich weiß nicht, wie oft ich inzwischen von der Bank gerutscht, die Treppen runtergestolpert, aus meinem Bett gestiegen und im Bett meiner Kabinengefährtin gelandet oder überhaupt überall von steuerbord nach backbord und zurück geschlittert bin. Und wenn man sich mal dazu aufrafft zu duschen, dann finden sich immer neue blauen Flecken an den absurdesten Stellen und ja, es kommen dabei neue hinzu. An einem gewissen Punkt habe ich beschlossen zusammengerollt wie ein Fötus im unteren Drittel meiner Koje zu schlafen, weil ich es leid bin im Fünf-Minuten-Takt runterzurutschen und wieder hoch zu krabbeln. Und ist die See mal einigermaßen ruhig, dass schlafen ansatzweise möglich wäre, verhindert das Watch-System einen tiefen zusammenhängenden Schlaf. Die beim Seilziehen benutzten Kommando gebenden Zahlen 2 und 6 stehen inzwischen auf meiner Tabu-Liste. Auch wenn wir die antarktische Konvergenz wieder überschritten haben, demnach nicht mehr in antarktischen Gewässern unterwegs sind, es nicht mehr ganz so kalt ist und die Kleidungsschichten weniger werden, zehrt dieser Rhythmus an meinen Nerven. Man befindet sich in einem Zustand, in dem man weder richtig wach ist noch richtig schlafen kann. Lesen und schreiben werden unmöglich, sogar zuhören ist anstrengend. Man sitzt stundenlang da, starrt ins Leere und hofft, dass der nächste Tag besser wird.

Ich nehme mal an, dass das Leben in der ISS auch nicht immer einfach ist. Aber ich denke sowohl die Crew der ISS als auch wir haben ein besonderes Privileg. Nämlich unsere Erde von einem sehr abgelegenen und besonderen Standpunkt zu betrachten, wie sie nur wenige Menschen zuvor gesehen haben. Und wieder überkommt mich ein Gefühl der Dankbarkeit, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die das erleben können. Und dann plötzlich, nach 14 nervenzehrenden Tagen – Land in Sicht. Mein Herz macht Luftsprünge.

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Zärtlich zerläuft sie auf meiner Zunge und hinterlässt einen süßen nussigen Geschmack im Mund. Wie habe ich das vermisst. Mein erstes Stück Schokolade seit fast zwei Monaten. Und das auf der abgelegensten bewohnten Insel der Erde, bei strahlendem Sonnenschein, mitten im atlantischen Ozean, etwa 2.500 km vom nächsten Festland entfernt – auf Tristan da Cunha. Wie habe ich gebibbert und sehnlichst auf eine Landung gehofft. Das ist auf Tristan nämlich gar nicht so einfach. Selbst bei strahlendem Sonnenschein kann nicht gewährleistet werden, dass die Brandung eine Landung zulässt. Stolz betrachte ich meinen Stempel im Pass. Das war harte Arbeit!

In Tristan leben derzeit 246 Menschen und es gibt genau neun Nachnamen. Die Insel gehört zum britischen Überseegebiet St. Helena, Ascension und Tristan da Cunha. Tristan wurde 1506 von dem portugiesischen Seefahrer Tristão Da Cunha gesichtet, aber erst 1816 besiedelt. Die Briten wollten nämlich den sich im Exil befindenden Napoleon im etwa 2.000km benachbarten St. Helena im Auge behalten. Einige Männer des britischen Militärs blieben anschließend auf der Insel zurück und im Laufe des Jahrhunderts kamen eine Handvoll Siedler dazu. Schiffbrüchige aus Italien, Großbritannien und den Niederlanden sowie amerikanische Walfänger. Außerdem wurden einige Frauen aus St Helena auf die Insel gebracht. Seefahrer erhielten einen Sack Kartoffeln pro Frau, die bereit war auf Tristan umzusiedeln. Einen Flugplatz gibt es nicht. Wer in Tristan ankommen oder die Insel verlassen möchte, muss die etwa einwöchige Schifffahrt von beziehungsweise nach Kapstadt in Kauf nehmen. Etwa zehn Mal im Jahr kommen Versorgungsschiffe, die die Insulaner mit Lebensmitteln, Kleidung und Post beliefern.

Leicht ‚landkrank’ schlendere ich durch die einzige Ortschaft ‚Edinburgh of the Seven Seas‘ oder kurz ’the settlement’ genannt. Kleine Einfamilienhäuser umgeben von süßen Gärten und kleinen Mauern aus Vulkangestein zieren den Straßenrand. Ein freundliches ‚Hallo‘ eröffnet aufschlussreiche Gespräche mit den Einheimischen, die sich hier sichtlich wohl fühlen. Eine Schule, eine Kirche, ein Supermarkt, ein Krankenhaus, ein Swimming Pool und das abgelegenste Pub der Welt – das Albatross Inn. Wenn man möchte, kann man auch eine Partie Golf spielen, Hochseefischen gehen oder über die felsige Lava zum Krater des letzten Vulkanausbruch 1961 wandern. Ich spaziere über die grünen Hügel, die die Siedlung umgeben zu den Kartoffelfeldern, seit jeher eine wichtige Nahrungsquelle für die Inselbewohner. Dort haben die Insulaner kleine Ferienhütten errichtet, ihr Wochenend-Getaway. Verbrechen gibt es hier nicht, Scheidungen auch nicht. Auch wirkt die Ortschaft nicht arm. Subsistenzwirtschaft, ein bisschen Einnahmen durch die Touristen und insbesondere der Hummer- und Langustenfang sichern den Lebensunterhalt. Jeder hilft jedem. Auf der gesamten Insel herrscht heile Welt, eine Idylle wie im Bilderbuch.

Zurück auf dem Schiff gönnen wir uns zum Sonnenuntergang eine kleine Abkühlung. Wir springen ausgelassen von Bord in den angenehm kühlen Atlantik. „Mutig, mutig – bei all den Haien im Wasser“, meinen die Bewohner am nächsten Tag.

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Habe ich vor etwa einer Woche diesen Tag noch herbeigesehnt, so will ich heute nicht, dass er endet. Der letzte Tag an Bord. Die Silhouette des Tafelbergs baut sich langsam vor uns auf. Wehmut liegt in der Luft und dann ist da noch ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe. Ich erinnere mich an einen Tag zurück in der Antarktis, als ich in eisiger Kälte, aus Angst erstarrt, an der ersten Plattform des Hauptmasten hing.

Richtig schwindelfrei bin ich nicht, richtig Höhenangst habe ich aber auch nicht. Ich gewöhne mich eigentlich schnell an die Höhe, solange der Untergrund auf dem ich stehe einigermaßen stabil erscheint. Ich springe beziehungsweise falle nicht gerne und mag es nicht, wenn es wackelt. Irgendwie ist mein Gleichgewichtssinn nämlich nicht der beste. Da ich lange Zeit geklettert bin, dachte ich jedoch nicht, dass ich mit diesen Masten solche Schwierigkeiten haben könnte. Ein bisschen Adrenalin ausschütten ja, aber Angstblockaden – nein!
 

 
Leider löst der Blick, ja sogar alleine die Vorstellung da rauf zu müssen Herzklopfen, Angstschweiß und Schwindel aus. Dabei sieht es so einfach aus. Immer wieder beobachte und bewundere ich die Crew, die in den Masten turnen, als wäre es das einfachste überhaupt. „Du musst das nicht machen“, wird mir immer wieder zugesprochen. „Ich will es aber,“ erwidere ich meist patzig und werde langsam richtig sauer auf mich, dass ich das nicht hinbekomme. Dabei wollte ich doch die Antarktis von ganz da oben betrachten. Der Versuch scheiterte. Die Kälte und vereisten Stahlleitern machen es mir nicht angenehmer. Ich verstehe einfach nicht, warum ich so blockiere und gab mir selbst das Versprechen, bis zum Ende der Reise zumindest die zweite Plattform zu erreichen. Und dem Ende sind wir nun ziemlich nah.

Auf den Befehl hin, das Hauptsegel zu setzen, nimmt Dirk mich am Arm. „Jetzt oder nie“ meint er. Seit Wochen lag ich ihm damit in den Ohren die Segel im Rigg ausrollen zu wollen, aber jedes Mal habe ich mich wieder davor gedrückt. Nun zwänge ich mich zum (vor-)letzten Mal in diesen Klettergurt. Zwei richtig große Schritte mit einmal Umklippen und ich stehe im Rigg. Mit zittrigen Fingern rolle ich das Segel aus. Irgendwie war es gar nicht so schwer. Hätte ich mich doch vorher schon mal getraut. Bleibt jetzt noch die zweite Plattform. Ein letztes Mal ziehe ich diesen Klettergurt an. Inzwischen weiß ich wie ich meine Hände und Füße setzen muss, um den Überhang zu meistern. Erste Plattform erreicht. Die zweite Plattform besitzt keinen Überhang. Man muss durch ein Stahlgerüst klettern, was es einerseits einfacher macht, andererseits aber bedeutet, dass eine Ebene fehlt. Langsam gewöhne ich mich an das Gefühl auf einem Stahlbalken in über 20m Höhe zu stehen und über den atlantischen Ozean zu blicken. Mit der Zeit färbt sich der Himmel. Ich stehe immer noch oben und beobachte, wie sich die Sonne langsam am Horizont verabschiedet.

Ich lasse die letzten beiden Monate Revue passieren. Ich bin stolz auf mich. Auch wenn ich anfangs kleine Schwierigkeiten hatte am Steuer den Kurs zu halten, ich bin wahnsinnig stolz auf mich, dass ich mir die Antarktis richtig erarbeitet habe, dass ich bei Wind und Wetter einsatzbereit war, auch wenn es mich manchmal Überwindung kostete, dass ich trotz aller Strapazen positiv blieb und meine gute Laune meist bewahrt habe.

Ich denke zurück ans ewige Eis. An diesen Zauber, der es umgab, an diese Magie und atemberaubende Schönheit. Ich denke an den südlichen Ozean zurück. An dessen unendliche Weite und wie ich stundenlang einfach nur in die Ferne blickte. Ich denke an Tage, wo sich die Sonne kinoreif von uns verabschiedete, und die frühen Stunden an Deck, wo wir sehnlichst auf ihre warmen Strahlen warteten. An Nächte, in denen wir am Ausguck unter klarem Sternenhimmel wetteiferten, wer die meisten Sternschnuppen am Himmel zählt. Selten habe ich mich so frei gefühlt und das obwohl ich in einem Gefährt ‚gefangen’ war, aus dem ich nicht flüchten konnte.

Ich fühle Demut. Demut vor unserer Natur und wie klein und zerbrechlich wir doch darin sind. Ich denke an die Kraft der Wellen und des Eises. Und ich fühle Respekt gegenüber all den Seefahrern und Entdeckern, deren Überfahrten weit weniger luxuriös waren als unsere.

Ich fühle aber auch etwas Angst und Sorge. Angst, dass diese wilden Orte bald nicht mehr so wild sein könnten und Sorge, dass wir alles kaputt machen. Immer mehr Kreuzfahrtschiffe laufen die Antarktis an. Und leider auch immer mehr Flugzeuge. In St. Helena (Tristans Nachbarinsel) wurde kürzlich ein Flughafen gebaut. Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann auch Tristan nachzieht. Ich weiß, dass mein ökologischer Fußabdruck auch nicht so rein ist. Ich bemühe mich um Besserung. Aber ich hoffe und wünsche mir, dass wir mit diesen letzten wilden Flecken nicht denselben Fehler machen wie mit vielen anderen Orten, die einst mal Paradiese waren.

Vor allen Dingen bin ich dankbar. Ich bin aus ganzem Herzen dankbar dafür, dass ich das erleben durfte. Mir kamen die Tränen, manchmal vor Erschöpfung, aber viel öfter vor tiefster Freude. Selten hat mich ein Reiseerlebnis so intensiv und emotional mitgenommen und gleichzeitig so zufriedengestellt wie die Tage auf offener See. Es ist fast so als wäre ein Teil von mir dort geblieben. Liebe Europa, ich danke dir dafür.

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Eine Episode von

Carolin Mecus

Carolin Mecus reist für ihr Leben gern durch die ganze Welt. Mit dabei ist stets ihre Kamera Ida. Dabei zieht es die beiden häufig in unbekannte und touristisch-unerschlossene Gebiete. Wenn Carolin nicht unterwegs ist, arbeitet sie als Lehrerin. Sei es bei Eingeborenen Stämmen in Afrika, auf einem Segelschiff im Südpolarmeer oder im Klassenzimmer in Freiburg im Br.: Hauptsache der Tag startet mit einem guten Kaffee, dann kann sie nichts erschüttern.

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