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The Travel Episodes

 

 

Togo

Voodoo, ein Ananasbauer und das heilige Krokodil

von Britta Franke

 

„Warum gerade Togo?“, fragten mich meine Freunde als ich von meinem Entschluss berichtete, nach Afrika zu gehen. „Zufall“, entgegne ich. Togo hat mir zur richtigen Zeit den passenden Job offenbart. Von dem Land wusste ich damals nicht viel mehr, als dass es irgendwo in Afrika liegt.

Heute, nach zwei Jahren in dem kleinen westafrikanischen Staat, fragen mich meine Freunde „Und wie ist Togo?“ Ein simple Frage, die so schwer zu beantworten ist. „Togo ist bunt, laut, chaotisch. Und impulsiv. Die Leute sind so herzlich und voller Leben, auch wenn sie oft nicht viel haben“, beginne ich. Und verstumme. Denn Togo ist so viel mehr. „Die Landschaften sind toll. Abwechslungsreich. Aber vor allem die Menschen haben mich begeistert…“ setzte ich erneut an. Und verstumme abermals.
Togo setzt sich für mich aus unzähligen kunterbunten Szenen zusammen, die ich beim Smalltalk nicht mal eben so in Worte fassen kann. Wie bei dem Blick durch ein Kaleidoskop, das bei jedem Drehen ein neues einzigartiges Bild entstehen lässt, kommen mir beim Gedanken zurück an zwei Jahre Togo immer wieder neue Sequenzen in den Sinn. Kleine Geschichten und Begegnungen, über die ich mal Schmunzeln muss und teilweise noch immer verwundert den Kopf schüttele. So wie diese…

Szene 1: In einem Taxi zum Fetisch-Markt

Es ist mein erstes Wochenende in Togo. Ich sauge die Hauptstadt mit all ihren Bildern, ihren Gerüchen und Geräuschen förmlich in mir auf: Die kunterbunten, intensiven Farben. Das herzliche Willkommen, das mir an jeder Ecke von völlig Unbekannten mit einem lächelnden „bonne arrivé“ entgegengeworfen wird. Ich probiere Bissapsaft, teste Kochbananen vom Grill und lutsche den Saft aus einer frisch aufgeschnittenen Orange auf dem Markt.

Es ist heiß. Der Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Die Kühle nach dem gestrigen Gewitter ist schnell verflogen. Ich stehe an der Straße und beobachte den Verkehr. Hunderte Mototaxen kurven hupend an mir vorbei. Zemijan oder kurz Zem heißen sie hier. Benannt nach ihrem Ursprung in Benin. In der dortigen Sprache bedeutet Zemijan „Nimm mich schnell mit“. Beim Anblick der wild kreuzenden Motos zwischen riesigen Lastern ist mir weniger nach „schnell“. Ich bevorzuge „sicher“ und halte nach einem Taxi Ausschau. Mein Ziel ist der Fetisch-Markt, laut meines Reiseführers eines der wenigen „touristischen“ Attraktionen in Lomé.

Aber woran erkenne ich ein Taxi?

Noch weiß ich nicht, dass es die gelben Nummernschilder sind, die ein Taxi signalisieren. Und auch nicht, dass sowieso kaum andere Autos in Lomé unterwegs sind. Abgesehen von den großen, klimatisierten 4×4 der Expats oder der sich langsam entwickelnden togoischen Mittelschicht. Keinesfalls zu verwechseln mit den verbeulten, rostigen Taxen – mal ohne Licht, mal ohne Blinker oder mit Folie zugeklebter Scheibe.

Unwissend lasse ich so einige Taxen an mir vorüber fahren, bis ich ein Auto mit einem Taxi-Schild auf dem Dach entdecke. Na, das ist mal eindeutig! Glück gehabt, denn wie ich später feststelle sieht man solch ein Taxi selten in Lomé.

„Zum Fetisch-Markt.“

Ich nenne dem Fahrer mein Ziel und blicke durch das offene Fenster in ein rundes, fragendes Gesicht. „Marché aux fétiches“, wiederhole ich noch einmal. Er lacht mich an. Ich deute es als Verständnis und frage nach dem Preis. „Wo ist das?“ entgegnet mir daraufhin der Fahrer. Aus meinem Reiseführer habe ich mir das Viertel Akodessewa eingeprägt. „Hinter dem Markt“, ergänze ich. Das scheint ein Begriff zu sein. Wir einigen uns auf einen akzeptablen Preis und ich steige ein.

Interessiert fragt mich der Taxifahrer aus. Wo ich herkomme, was ich in Togo mache und wie lange ich bleibe, will er wissen. Als er Deutschland hört, erhellt ein breites Lächeln sein Gesicht. Gerade im Süden des Landes, ist die ehemalige Kolonialmacht hoch angesehen. Doch ein wirkliches Gespräch scheitert schnell an meinen spärlich vorhandenen Französisch-Kenntnissen.

Ab und an zeigt mein Fahrer nun auf ein imposantes Gebäude am Wegesrand mit dem Hinweis „Allemand“. Nur kurz registriere ich das koloniale Erbe, bevor mein Blick erneut vom tiefblauen Meer hinter den grünen, langstieligen Palmen gefangen wird. Den Horizont kreuzen riesige Frachter. Wie auf einer gigantischen Autobahn warten sie auf die Einfahrt in den Hafen. Es ist der größte in ganz Westafrika – das habe ich bereits in meinem Reiseführer gelesen. Bunte Holzboote liegen am Strand. Dutzende Männer ziehen gemeinsam an einem langen Seil, das ins Meer reicht. „Fischer“ gibt mir mein Fahrer zu verstehen als ich stirnrunzelnd auf die Menschen deute.

Dann wird es wuselig um uns herum. Unter staubigen Sonnenschirmen türmen sich Obst und Gemüse, knallige Schüsseln, in bunte Plastikfolien verpacktes Waschpulver, Gewürze und Klamotten auf improvisierten Holzpritschen. Frauen balancieren grazil hohe Stapel von Stoffen und Silbertablettes mit getrocknetem Fisch auf ihren Köpfen durch das Gedränge. Ein fliegender Händler hält mir Männersocken durchs offene Fenster vor die Nase als wir kurz stoppen und mein Taxifahrer nach dem Weg fragt.

Zwei Ecken weiter und wir biegen ein, auf das kleine, umzäunte Gelände des Fetisch-Marktes. Ich öffne die Tür des Taxis und sogleich schreien mir die Händler entgegen und bieten ihre Waren feil: Schädel, Haut, Zähne, Knochen und Fell von toten Tieren. Der Dunst halb verwester Kadaver liegt in der Luft.

Da mein Französisch doch sehr viel stärker eingerostet ist als ich dachte, hat mein Taxifahrer mir schnell einen englischsprachigen Guide organisiert. Mein Fahrer selbst schließt sich spontan meiner Tour an. Während ich noch darüber nachdenke, was ich dem Taxifahrer nachher schulde, legt der Guide los.
Er führt mich von toten Mäusen zu Schädeln von Katzen und Hunden, vorbei an Salamandern und lebenden Geckos bis hin zu Pferdeschweifen. Vorsichtig entrollt er mehrere Meter fast transparenter Schlangenhaut vor mir. Dabei erläutert er die verschiedenen Wirkungen. Zu Tinkturen gemischt, träufeln die Schamanen sie zum Beispiel in kleine Schnitte in die Haut der Patienten. Ich frage mich noch, ob das heute noch gängige Praxis sei, da zieht mein Taxifahrer schon sein T-Shirt hoch. Stolz zeigt er auf seine Brust. Drei kleine, säuberlich gezogene Narben zeichnen sich neben dem Brustbein ab. Sie zeugen von der Zeremonie der traditionellen Heilung.
Es ist mein erster Kontakt mit Voodoo.

Auf der Rückfahrt hänge ich meinen Gedanken nach. Bislang habe ich Voodoo lediglich mit schwarzer Magie und mit Nadeln bespickten Puppen in Verbindung gebracht. Hier erfahre ich, dass es sehr viel mehr bedeutet. Eine Naturreligion, die zunächst einmal auf das Gute ausgerichtet ist. Auf dem Fetisch-Markt kaufen Kunden wie in einer Apotheke der traditionellen Medizin die von den Schamanen verordneten Heilmittel. Sie sollen Leiden lindern, Schutz und Segen bringen und schlechten Wünschen begegnen.
Währenddessen macht mein Taxifahrer mich erneut auf den modernen Tiefseehafen und die kolonialen Gebäude am Wegesrand aufmerksam. An meinem Hotel angekommen, drücke ich ihm einen Geldschein in die Hand. Er zögert, nimmt ihn dann dankend an. Viel zu wenig, wie ich später erfahre.
Cut!

Szene 2: Ananasbauer aus Leidenschaft

Während meiner Urlaube und Wochenenden in den letzten Monaten erkundete ich die Umgebung rund um mein neues Heim in Kpalimé. Bei den offenen Togoern fand ich schnell Anschluss und neue Freunde im Land. Dieses Wochenende fahren wir aufs Plateau nach Badou. Das satte Grün und die Frische der Berge sind für mich wie eine Auszeit für die Seele.
Ein letztes Mal drehen wir uns um einen Berg und biegen nach Badou ein. Die Kleinstadt zeigt sich in der für Togo typischen Chaotik. Im Vorbeifahren finden meine Augen keinen Halt – zu viele kleine Details sind wie in einem bunten Suchbild verteilt. Ich erhasche nur einzelne Szenen. Ein völlig überladener Minibus biegt vor uns auf die Straße und neigt sich gefährlich zur Seite. Jugendliche kurven auf dem Motorrad hupend auf der Suche nach Kundschaft um die Ecke. Kinder laufen winkend an den Straßenrand und rufen mir aufgeregt und laut lachend Jovo, jovo entgegen.

Wir quartieren uns in einem der zwei Hotels der kleinen Stadt ein. Komfort und Charme sind hier Fehlanzeige. Die Zimmer wenig geschmackvoll, aber funktional. Die Speisekarte besteht aus wahlweise Reis oder Couscous mit Tomatensoße und wahlweise Fleisch oder Hühnchen.
Das Standardgericht, das es immer gibt, wenn es sonst nichts gibt.
Wir bevorzugen einen Snack am Straßenrand. Bei einer netten Dame erstehen wir Reis mit Bohnen, vermischt mit Gari (Mehl aus Maniok) und rotem Palmöl. Veyi, nennen es die Togoer. Ich mag es besonders mit etwas Avocado untergemischt. Doch die ist nirgends zu finden, also reichen als kleines Schmankerl obendrauf auch ein paar Stücke frittierter Vangash, des lokalen Weichkäses.

Mit den bunten Plastiktellern in der Hand und dem Versprechen auf den Lippen diese wieder zurück zu bringen, ziehen wir weiter. Auf der Suche nach einer passenden Sitzgelegenheit. In einem der wenigen Bar-Restaurants lassen wir uns auf Plastikstühlen nieder. Eine kühle Cola dazu bestellt, nimmt uns niemand übel, hier unser mitgebrachtes Essen zu verzehren. Trotz Mittagszeit dröhnt die Musik laut aus den Boxen.
Zufrieden schaue ich mich um. Was braucht es mehr?

Von der Terrasse aus beobachte ich das Treiben auf der Straße. Eine meiner liebsten Zeitvertreibe in Togo. Mit etwas Abstand und wenn zumindest ich selbst mich nicht bewege, sondern nur die Welt um mich herum, kann ich mich in die Details vertiefen.
Vor dem Restaurant hocken zwei alte Männer auf kleinen Schemeln in langen Boubous und der für den Islam typischen Takke auf dem Kopf. Eine junge Frau kommt vorbei, grüßt respektvoll. Unter ihren Armen lugen die kleinen Füßchen des auf den Rücken gebundenen Babys hervor. Gegenüber reihen sich einige Holzstände auf. Unter den Schatten spendenden Blechdächern warten Marktfrauen auf Kundschaft. Oder einfach auf einen Plausch mit einem Bekannten, der sich für einen Moment zu ihnen gesellt. Um sie herum balgen sich Kinder. Ein Junge treibt einen Reifen mit einem Stock vor sich her. Andere kicken einen Ball über die Straße. Eine ganz normale togoische Kleinstadt eben.

Am Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach einer Ananas-Kooperative, von der ich irgendwo gelesen habe. Doch niemand in Badou scheint diese zu kennen. Dafür hören wir immer wieder von einem Bio-Ananasbauern. Er ist für seine Früchte bekannt. Von weit her reisen die Leute an, um diese bei ihm zu kaufen. Ok, dann soll das unser heutiges Ziel sein.

Wir setzen uns ins Auto und schleichen im niederprasselnden Regen langsam über die holprige Piste. Wie eine Sintflut bricht das Wasser über uns herab. Nach etwa einer halben Stunde durchqueren wir einige kleine Dörfer, verborgen im grünen Wald. Neben den einfachen Lehmhütten geben vereinzelte koloniale Gebäude und die imposante Kirche von Tomegbé ein bizarres Bild ab.

An einer Weggabelung sehen wir das Hinweisschild auf den Wasserfall Akloa – das Highlight der Region und unser Ziel für morgen. Wir holen schon einmal ein paar Informationen ein und kommen ins Plaudern. Bei unserer Frage nach dem Ananasbauern springt zugleich ein Junge zu uns ins Auto. Beim ersten Mal war ich etwas verunsichert, als ein Fremder kurzerhand in den Wagen steigt, um mich zum Ziel zu begleiten. Heute nehme ich die Geste der Hilfsbereitschaft dankend an. Ohne ein Entgelt zu erwarten, schenkt uns der Junge seine Zeit.

Am Ananasfeld angekommen, ist der Regen vollends versiegt. Die Wolken lösen sich langsam aus den Bergen und ziehen über das Feld. Erst jetzt frage ich mich, was ich mir eigentlich von dem Besuch erwarte? Ein paar leckere Ananas vielleicht…

Als ich mich umdrehe, hat der Junge auch schon den Besitzer herbeigerufen. Eilig kommt der Ananasbauer angelaufen. Hinter ihm seine Frau. Beide vielleicht um die 60 Jahre alt. Drahtig. Quierlig. Sie lachen uns an und scheinen sich ungemein über unseren spontanen Besuch und das mitgebrachte Interesse zu freuen. Mit Stolz präsentiert uns der hagere Bauer sein Feld. Seine Haut ist ledrig, von der Sonne gegerbt. Seit vier Jahren pflanzt er hier seine Ananas. Er ist aus Ghana über die nahegelegene Grenze gekommen. In Notsé hat er das Nötige für den Ananasanbau in einer Fortbildung gelernt. Nun ist er leidenschaftlicher Ananasbauer.

Gerne gibt er sein Wissen auch an uns weiter. Eifrig läuft er voran durch seine Pflanzungen und zeigt uns, wie er die Blätter entfernt und die Ananasköpfe in die Erde setzt. Wie er umgekippte Früchte mit Stöcken stützt, damit sie nicht verfaulen. Und wie er nach vier bis sechs Monaten mit der Machete erntet. Auf Pestizide verzichtet er komplett. 100 Prozent Bio, betont er immer wieder.

Auch auf die Frage nach der Sorte, bekomme ich nur „Bio“ zu hören. Jede weitere Einordnung scheint überflüssig. Klein und rund ist die Ananas. Und zuckersüß. Für meinen Geschmack übertrifft sie sogar die berühmten Brazaville aus Notsé. Für die sei es hier zu feucht, stellt der Bauer klar.
Es ist die beste Ananas, die ich bislang gegessen habe.
Verschmitzt lachend hüpft seine Frau bei der Verköstigung um mich herum und redet ununterbrochen in der Lokalsprache auf mich ein. Dass ich kein Wort verstehe, scheint sie nicht zu stören. Sie amüsiert sich köstlich und besteht auf ein gemeinsames Abschiedsfoto. Noch einmal umarmt sie mich herzlich, bevor wir weiterziehen. Natürlich nicht ohne einige der köstlichen Ananas zu kaufen.
Doch anstatt als kleines Dankeschön das entgegen gereichte Geld zu akzeptieren, läuft der Ananasbauer erneut aufs Feld, schlägt weitere Früchte und stapelt sie in unseren Kofferraum. Genug, um einen Verkauf zu starten oder eine eigene Bio-Ananas-Züchtung anzulegen.

Cut!

Szene 3: Die Suche nach dem heiligen Krokodil

Seit anderthalb Wochen reisen wir durch den hohen Norden Togos. Wir, das sind mein Freund Exonam, Togoer, und ich. Meine Arbeit habe ich beendet. Zwei große Koffer sind bereits vor einem Monat mit meinen Brüdern zurück nach Deutschland geflogen. Die restlichen Habseligkeiten sind im Kofferraum meines Autos verstaut. Bald geht es weiter durch Ghana in die Elfenbeinküste. Doch zunächst steht die Savanne von Togo auf dem Programm.

Der heiße Wind weht durch das offene Fenster. An mir zieht die weite Savannenlandschaft Togos vorbei. Niedrige Büsche huschen vorüber. Ab und an hebt sich ein gigantischer Baum aus der Ebene. Ich umklammere den Griff über der Tür. Immer wieder rutscht Koffi in ein Loch und schlägt unsanft auf. Koffi, das ist mein Auto. Ich habe es – wie es in Togo üblich ist – nach dem Wochentag benannt, an dem ich es bekam. Einem Freitag. An der Straßenkreuzung von Bangeli, einem kleinen Ort an der Nähe zu Ghanas Grenze, döst ein Junge im Schatten. Wir halten an, um nach dem Weg zu fragen. Laut unseres Herbergsvaters sollen wir den traditionellen Chef aufsuchen.
Die Wegbeschreibung des Jungen bleibt vage. Auf die Frage, ob er uns zum Chef begleiten könne, steigt er bereitwillig ein. Er ist vielleicht 15 oder 16 Jahre alt und scheint an diesem Morgen nichts anderes vor zu haben.

Nächster Halt ist der Dorfgemeinschaftsplatz einer nahe gelegenen Siedlung. Wir parken unter einem ausladenden Baobab und fragen erneut nach dem Chef. Ein alter Mann, einer seiner engsten Berater, kommt herbei. Wir schildern ihm, dass wir zum heiligen Krokodil von Kankassi möchten. Ein Tipp aus der letzten Herberge in Bassar. Es sei nicht weit, hieß es. So haben wir auf unserem weiteren Weg in den Norden einen Stopp eingeplant.

„Ah, das heilige Krokodil“, erwidert der Vertraute des Chefs. „Ja, das ist richtig. Der Dorfchef erteilt die Erlaubnis zum Besuch“. „Normalerweise“, ergänzt er, denn der Chef sei verreist. Was nun? „Meldet euch beim Inhaber des Landstücks“, rät der alte Mann. Eine weitere vage Wegbeschreibung folgt. Der Junge scheint annähernd die Richtung zu kennen und bietet sich an, uns zu begleiten.
Wir folgen einer staubigen, buckeligen Piste. Die Hitze im Auto ist drückend. Das Thermometer hat die 40 Grad überschritten. Der Fahrtwind wirbelt Staub ins Innere des Wagens. Hinter einer einfachen Brücke über ein Bächlein, den Kankassi, erreichen wir den kleinen Ort Bapuré.
Ein weiterer Dorfplatz unter einem anderen großen Baobab. Im Schatten haben sich einige Männer versammelt. Erneut schildern wir unser Anliegen. „Ah, das heilige Krokodil“, erwidert ein Mann im langen Boubou. „Ja, da seid ihr hier richtig.“ „Doch ihr müsst zunächst den Chef von Bangeli um Genehmigung fragen“, ergänzt ein runzeliger Greis und will uns zurück schicken. Als wir erläutern, dass wir gerade von dort kommen, beraten sich die Männer. Sie scheinen sich uneinig, was sie mit uns anfangen sollen. Schließlich holen sie den Sohn des Landbesitzers, Dodzi, herbei.

Ein Mann, vielleicht Mitte 20, vielleicht auch älter, kommt angeschlurft. In seinen schlabberigen, dreckigen Klamotten und mit seiner dürren, schlaksigen Gestalt wirkt Dodzi wie ein großer Schuljunge. Beim Reden zeigt er seine schwarzen, verfaulten Zähne. Eine Alkoholfahne weht mir entgegen.
Noch einmal erzählen wir von unserer Suche nach dem heiligen Krokodil. „Ja, das heilige Krokodil, das lebt auf dem Land meines Vaters am Fluss“. Bei ihm seien wir richtig. Das hören wir nun zum dritten Mal denke ich, während Exonam bereits nach den Kosten fragt. „Nicht so schnell“, meint Dodzi. „Setzen wir uns erst einmal und reden“. Eine erneute Alkoholfahne stößt mir entgegen. Sein Französisch ist schlecht verständlich. Er nuschelt und sucht nach Worten.
Also setzen wir uns und reden.

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass die Uhren in Togo anders Ticken. Es geht nicht darum, ein Ziel möglichst schnell zu erreichen. Es geht um die Menschen, die man dabei kennen lernt. Um Beziehungen, die entstehen. Um Hierarchien und um traditionelle Werte.
Dodzi klagt uns sein Leid und erzählt von Streitigkeiten zwischen dem traditionellen Chef und seinem Vater bezüglich des heiligen Krokodils. Wer darf die Erlaubnis erteilten? Und wer kassiert das Geld von den Touristen? Aber da der Chef nun verstorben ist, sei es jetzt er, der das Prozedere in die Hand nimmt, erklärt uns Dodzi.
Bei seinen Worten fällt mir wieder ein, dass für Autoritäten wie den traditionellen Chefs die Redewendung „er ist verreist“ verwendet wird, um den Tod zu umschreiben. Exonam, inzwischen sichtlich ungeduldig, hat die Verhandlungen des Preises für den Besuch des heiligen Krokodils wieder aufgenommen. Eins ist sicher, neben dem variablen Eintrittsgeld brauchen wir eine Flasche Schnaps und ein Huhn. Ein schwarzes Huhn. Für die Zeremonie.

Wie praktisch, dass in dem Ort zahlreiche schwarze Hühner herum laufen. Auf ein Zeichen von Dodzi beginnen die Kinder des Dorfes den Hühnern hinterher zu jagen. Mit seinem glücklichen Fang kommt ein kleiner Junge schließlich bei uns an. Während Exonam für das Huhn zahlt – nicht ohne den Preis zu verhandeln – überlege ich kurz, ob wir das Ganze nicht lieber absagen. Das Huhn tut mir Leid. Schuldgefühle machen sich breit. Doch beim Blick in die Runde erkenne ich, dass hier niemand für meinen plötzlichen Sinneswandel Verständnis hätte. Ich schlucke. Es ist das Spiel des Lebens, denke ich. Und wir ziehen los.

In der Hitze der sengenden Sonne, die inzwischen den Zenit erreicht hat, folgen wir Dodzi durch die Felder. Er weist auf die Äcker und stammelt etwas von Reisanbau. Mein Blick wandert skeptisch über das stoppelige Stroh der verdorrten Landschaft. Nach einigen Minuten erreichen wir den mickrigen Fluss.
Unter den Schatten spendenden Bäumen lümmeln ein Dutzend Männer auf dem Boden. Dodzi stellt uns vor und präsentiert die mitgebrachten Gaben: den Schnaps und das schwarze Huhn.
Wir sollen uns setzen.

Also kauern wir uns zu den Männern in den Schatten, während die Schnapspulle die Runde macht. Ein junger Mann stellt sich uns vor. Er ist Guide. Fraglich, wie viele Touristen hier in der Einöde landen? Aber welche Alternativen gibt es in der ländlichen Gegend? So versucht jeder irgendwie über die Runden zu kommen.
In gutem Französisch erzählt der Guide uns von dem im Fluss Kankassi lebenden Krokodilpärchen. In der Regenzeit kommen sie hervor und verlassen das Flussufer. Das ganze Tal, das wir hier sehen, sei dann mit Wasser gefüllt. Die Felder sind sumpfig und grün vom Reis. In der Trockenzeit verkrieche sich das heilige Krokodil in die kühle Erdhöhle.
Gefährlich? Nein, gefährlich sei das Krokodil nicht.

Ein paar Tropfen des guten Schnaps werden auf dem Boden vergossen, dann führt uns Dodzi um die Ecke. Er zeigt auf ein Erdloch. Vorsichtig beuge ich mich herab und spähe hinein. Und tatsächlich, in der Tiefe der Höhle erblicke ich den sandig-braunen Kopf eines Krokodils. Erschrocken weiche ich ein paar Schritte zurück.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Junge, der uns aus Bangeli begleitet hat, noch immer an unserer Seite steht. Neugierig und geduldig verfolgt er das Geschehen. Ich denke zurück an die Worte des Herbergsvaters. Es stimmt, weit war es nicht zum heiligen Krokodil, aber langwierig.
Ich solle näher kommen und mich in den Ausgang knien. Damit ich gut sehen könne, wenn er das Huhn opfere, fordert Dodzi mich auf. Skeptisch nähere ich mich ein wenig. Hin knien? Nein, danke. Da könnte ich mich ja gleich selbst opfern, denke ich. Ich beuge mich erneut gerade soweit hinunter, dass ich mit einem Auge in das Innere der Höhle spähen kann. Dodzi wirft das Huhn in den Eingang. Blitzschnell sehen ich ein Maul aufblitzen. Es knack. Und schon ist das Krokodil wieder im Dunklen verschwunden.

Cut!
„Und wie ist Togo nun?“

Diese einfachen Dinge, Geschichten und Begegnungen sind es, die Togo für mich ausmachen. Sie ergeben ein Gesamtbild, zu komplex, um als Antwort auf eine simple Frage zusammenzuschmelzen. Es sind die Herzlichkeit der Menschen, ihre Werte und Traditionen, die mein Bild von Togo prägen. Zu anders für jemanden, der noch nie in Afrika gewesen ist – so wie ich vor noch drei Jahren (mit Ausnahme von Marokko und Tunesien, aber das zählt in den Augen der Togoer nicht). Ich bräuchte ein ganzes Buch, um wiedergeben zu können „wie Togo ist“.

In Kürze kann ich nur antworten „Togo musst du erleben. Fahr hin! Und lass dich von dem Lächeln seiner Bewohner verzaubern, so wie es mich in den zwei Jahren verzaubert hat.“

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Tatsächlich sogar sechs. Die Bewertungen der Jury lagen so eng beieinander, dass wir etwas mehr Platz im Buch schaffen werden und sechs Autoren und ihre Geschichte mit hinein nehmen!

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Britta Franke

Britta Franke gab 2017 ihre Heimat in Norddeutschland und ihren Job im Tourismusmarketing auf, um nach Togo zu gehen. 2 Jahre arbeitete sie als Entwicklungshelferin in Kpalimé. In zahlreichen Reisen durchquerte sie das ganze Land und die Nachbarländer Ghana, Benin, Burkina Faso. Schließlich verschlug es sie in die Elfenbeinküste. Von hier schreibt sie den ersten deutschsprachigen Reiseführer über Togo. Über ihre Reisen berichtet sie auf ihrem Blog traveloskop.de.

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