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The Travel Episodes

An Frankreichs Atlantikküste

Yoga und Surfen

Jedes Jahr locken die hohen Wellen des Atlantiks Surfer nach Biscarrosse in Frankreich. Noch vor einer Woche wusste ich nichts von diesem Ort, geschweige denn, dass es hier Surfschulen gibt. Jetzt arbeite ich für eine, als Yogalehrerin. Mein Arbeitsplatz: Das Familien-Surfcamp, direkt hinter der Düne, mitten in einem duftenden Pinienwald. Von Karin Lochner

Video oben: Darius Metzler

Ankunft

Jedes Jahr locken die hohen Wellen des Atlantiks Hunderttausende Surfer nach Biscarrosse. Noch vor einer Woche wusste ich nichts von diesem Ort, geschweige denn, dass es hier Surfschulen gibt. Mehrere deutsche, eine holländische, ein Dutzend französische sowieso. Jetzt arbeite ich für eine, als Yogalehrerin. Vor fünf Tagen erreichte mich die Mail einer Kollegin: Ob ich Lust hätte, für sie einzuspringen? Ich sagte zu.

Mein Arbeitsplatz: Das Familien-Surfcamp, direkt hinter der Düne, mitten in einem duftenden Pinienwald.

Profi-Surfer wie Kelly Slater, Gerry Lopez, Jamie O’Brian oder Rochelle Ballard schwören auf Yoga. Deshalb gibt es in Surfcamps fast immer auch Yogaunterricht: Sowohl beim Surfen als auch beim Yoga sind Ausdauer, Kraft, Flexibilität und Körperspannung gefordert. Für Surfer ist Yoga außerdem eine Möglichkeit, mental und körperlich in Balance zu bleiben. Zentriertheit, Gelassenheit und Geduld wird so trainiert. Soweit die Theorie.

Wir sind sieben Teammitglieder und leben innerhalb des Campingplatzes in einer Art Wagenburg, die aus Zelten und zwei Wohnwägen besteht. Die Kollegen sind Surfassistenten, Surfpraktikanten, Campleiter oder Kinderbetreuer und haben alle ihr privates Board mitgebracht, um in ihrer Freizeit so viel wie möglich auf den Wellen zu reiten. Wie fliegen sei Surfen, sagen sie mit einem Funkeln in den Augen: Freiheit, Glück. Naturerlebnis. Verschmelzen mit Urgewalten. Ein paar haben sogar zwei oder drei Bretter mitgebracht, Shortboards, Longboards, denn jedes offenbart andere Höhenflüge. „Mit den einen kannst du besser navigieren, mit den anderen bist du schneller auf dem offenen Meer“ erklärt Kinderbetreuerin Vanessa und streichelt verträumt eins ihre Boards.

Die beiden Surfpraktikanten haben den Job, dem Chef-Surflehrer zu helfen. Wie so oft bei Praktikanten bekommen sie kein Geld und müssen unbeliebte Pflichten erledigen – wie die Neoprenanzüge (Wetsuits) waschen. Keine schöne Arbeit, denn die Surfer urinieren hinein. Das in Surferkreisen allseits bekannte Spezialwaschmittel heißt dementsprechend „Piss off“. Außerdem gibt es Surf-Assistenten als Unterrichts-Unterstützung für den Chef-Surflehrer und unsere Campleitung, Hannah, die sich um die Organisation kümmert. Hannah residiert in einem geräumigen Wohnwagen, Chef-Surflehrer David sogar in einem Wohnwagen mit Vorzelt und eigenem Kühlschrank. Alle Kollegen bekommen 5 Euro Essenszuschuss pro Tag. Nein, entschuldigt sich Hannah, die Yogalehrerin als einzige nicht. Damit ist klar, dass ich auf der untersten Hierarchiestufe des Surfcamps stehen werde. Zudem habe ich das kleinste Zelt zugeteilt bekommen, zur Straße ausgerichtet. Isomatte und Schlafsack musste ich selbst mitbringen. Bevor ich einziehe, putze ich eine Stunde. Wer es aufgebaut hat, war auch kein Könner. Französische Teenager schlendern während meiner Putzaktion vorüber und rümpfen die Nase: „Ein Zelt wie im Flüchtlingslager.“ Als ich sie anspreche, helfen sie mir aber wie eifrige Gentlemen, mein wackeliges Zelt stabiler zu machen – wenigstens über meinem Schlafplatz.

Erste Versuche auf dem Board

Chef-Surflehrer David erklärt: Meine Aufgabe ist es, die Surfschüler an Land auf die Erfahrungen im Wasser vorzubereiten. Und zwar mit gezielten Konzentrations-, Kraft- und Entspannungsübungen sowie Dehnungen, die ihnen auf dem Brett helfen. David ist das fleischgewordene Surfer-Klischee: ein braun gebranntes Gute-Laune-Paket mit struppig-blonden Haaren und Klamotten von angesagten In-Firmen, die ein paar Nummern zu groß um seine Muskeln flattern. „Fun, fun, fun“ singen in meinem Kopf die Beach Boys, wenn ich ihn erblicke.

„Hammer!“ höre ich von David oft, oder „nice“, wenn er lobt.

Ich gestehe ihm, dass ich keine Ahnung vom Surfen habe, weil ich kurzfristig für eine Kollegin eingesprungen bin. David zieht eine Augenbraue hoch und studiert seinen Surf-Stundenplan. Dann überreicht er mir einen feuchten Neoprenanzug wie einen Hauptgewinn. Ich quetsche mich hinein, denn – keine Widerrede – ich soll den Anfängerkurs mitmachen. Den Wetsuit brauche ich zwingend, der Atlantik ist kalt. Trotzdem prophezeit mir David, ich werde süchtig werden. So war es bei ihm, so war es bei allen Teammitgliedern, mit denen ich jetzt vier Wochen zusammenarbeite.

Am nächsten Morgen ist Sunnyboy David von den kristallklaren Wellen begeistert: „Nice, nice, nice!“ Der Himmel ist azurblau, die Gischt zischt uns an. Wenn ich mir über die Lippen lecke, schmecken sie bereits jetzt nach Salz. Die anderen Surfer können uns sofort als blutige Anfänger erkennen, denn wir Erstklässler müssen uns ein quietschgelbes Shirt über den Neoprenanzug ziehen. Und wir stellen uns linkisch an beim gegenseitigen Auftragen des Sunblockers. Mit unseren schneeweiß bemalten Gesichtern sehen wir aus wie eine Mischung aus Vampir und Kanarienvogel. David schmunzelt: So können wir nicht verloren gehen – im Fall der Fälle wird ein Assistent aufs offene Meer geschickt, um uns herauszufischen. Aber so weit ist es lange noch nicht. Wir blicken ehrfurchtsvoll auf die Wände aus Grün und schäumendem Weiß, die ans Ufer rollen. Bevor wir Kanariensurfer überhaupt dorthin dürfen, kommt das Einmaleins des Wellenreitens dran. Zum Beispiel, wie wir bei einem Sturz unseren Kopf vor dem Board schützen: Indem wir den einen Arm in den Nacken legen und die andere Hand vors Gesicht halten. Es folgen Yogaübungen: einbeinig im Sand stehen, um das Gleichgewicht zu schulen. Dann Ausdauer. Mein Atem geht schwer bei den fünf Runden, die wir in unseren Wetsuits durch den Sand joggen müssen.
 
 

 
 
Nach weiteren Dehnübungen steht noch Theorie auf dem Stundenplan. Etwa, was Weißwasser ist: Die schaumigen Restwellen, die sich Richtung Strand brechen. Und Grünwasser, die Wellenfronten dahinter. Obwohl wir uns wie eingeschweißtes Gemüse in der Sonne fühlen und uns der Schweiß in den Wetsuits herabrinnt, geht es immer noch nicht ins Wasser. Erst die Trockenübungen! Wir paddeln in Bauchlage auf unseren Brettern und werfen dabei mit den Händen Sand hinter uns. Zwei tiefe Gräben rechts und links neben mir habe ich schon gebuddelt, als ich endlich aufhören darf. Jetzt, als es bäuchlings auf den Boards ins Wasser geht, ist genau dieses Paddeln eine Herausforderung. Denn wir sollen unser Surfbrett immer im rechten Winkel zur herannahenden Weißwasserwelle halten.

Entlang unserer Sandbank brechen die Wellen in Perfektion, ermahnt uns David. Genau richtig für Anfänger!

Und: Surfen zu lernen sei eine Lektion in Demut. Ich höre kein einziges „nice“ mehr aus seinem Mund, stattdessen ohne Pause das laute Zischen des Ozeans. Sogar zwei athletische Mitstreiter, die gerade noch in Bauchlage übers Weißwasser glitten, plumpsen von ihren Brettern. Trotzdem stellen sie sich geschickter an als ich. Ich kann mich kaum auf das Brett hieven, rutsche herunter, sobald es schwankt – praktisch unaufhörlich – und wenn es mir gelingt, oben zu bleiben, paddle ich hilflos und hektisch Slalom. Die Wellen donnern auf mich nieder. Was am Strand sanft meine Füße umspülte, ist hier draußen gnadenlos. Endlich pfeift David und klatscht in die Hände – unser Signal. Alle wieder an Land! Ich schnaufe erleichtert. Schaffe es gerade noch rechtzeitig, mich zu duschen, um dann meinen Yogakurs im Pinienwald zu halten.
 
 

Alltag im Surfcamp

Als ich vom Yogakurs zurückkomme, ist mein Zelt voller Ameisenstraßen. Ich hatte den Reißverschluss versehentlich offengelassen. Entnervt greife ich zum Putzeimer und schrubbe alles nochmal. Dann gehe ich zu Campleitung Hannah und frage, ob ich eine Plastikfolie für den Platz vor meinem Schlafsack bekommen kann, wie alle anderen. Sobald ich mein Moskitonetz verlasse, stehe ich auf dem Waldboden. Klingt romantisch, aber dort lebt auch allerlei Getier. Einmal kam schon ein aufgescheuchter Vogel herangeflattert; wir erschreckten uns beide sehr. Es gibt keine Plastikfolie mehr, sagt Hannah genervt. Die gehört zwar eigentlich zur Zeltausstattung, sei aber beim „Yogazelt irgendwie verloren gegangen.“ Ich behelfe mir mit übrigen Yogamatten und decke damit den Waldboden so gut es geht ab.

Außerdem übernehme ich freiwillig das Abspülen. Ich rechne im Kopf und sinniere, dass ich wohl älter bin als die Mütter der meisten Teammitglieder. Wenn die jüngste Kollegin, Praktikantin Bernie, in 37 Jahren mein Alter hat, werde ich 93 sein. Vielleicht gar nicht mehr leben. Hannah ist mit ihren 25 Jahren 31 Jahre jünger als ich. Ich bin hier zweifellos die Oma. Und dann stelle ich mich auch noch so linkisch beim Surfen an! Eigentlich geht das Abspülen reihum, aber ich schätze meine Hilfsbereitschaft als gute Möglichkeit ein, den „Jungen“ zu zeigen, dass ich „Alte“ mich integrieren will. Denn Hannah hielt zu Beginn unserer vier gemeinsamen Wochen eine Brandrede, wie „siffig es im Küchenzelt immer aussieht“ – und dass wir uns wie in einer großen Familie verhalten sollten, in der alle zusammen helfen.
 
 
Foto: Darius Metzler
 
 
Abgesehen von den Geschirrbergen, die ab jetzt morgens auf mich warten, und den Ameisen, die sich gelegentlich in mein Zelt verirren, freunde ich mich immer mehr mit unserem Pinienwald an. Mein Zelt sieht zwar mitleidserregend aus. Von Tag zu Tag neigt es sich mehr zur Seite. Sei’s drum. Jeden Abend spaziere ich zum kinoreifen Sonnenuntergang am Strand. Ich kann mich nicht satt sehen. Nachts liege ich entspannt auf meiner Isomatte, eingekuschelt in meinen Schlafsack und höre die Brandung rauschen.

Die wundervollste Einschlafmusik, die ich mir denken kann.

Unterricht: mal Surfen, mal Yoga

Unser Anfängerunterricht geht am Morgen in die nächste Runde. Surfgott David zeigt uns die magische Choreographie, um auf dem rutschigen Brett im Wasser aufzustehen. Hopp, linker Fuß fest auf das Board, husch, rechter Fuß dahinter, blitzschnell beide fest verwurzeln, zack, „tief runter mit dem Allerwertesten“ und in die Hocke. Wir machen den Dreierschritt brav als Trockenübung – und dann: Zurück ins Wasser. Hopp, hopp, weist David an.
 
 
Foto: Darius Metzler
 
 
„Achte darauf, dass du nicht zu weit hinten auf dem Brett liegst!“ brüllt David in meine Richtung. Mache ich doch, brülle ich mental zurück. Hilft aber nichts. Alle herannahenden Wellen verschlingen mich, wirbeln mich fauchend umher, tauchen mich unter und spucken mich wieder aus. Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, sah mich souverän übers Wasser gleiten. Genussvoll und sicher die Atlantikwellen reiten, mein Herz zum Himmel erhoben, meine Arme weit geöffnet, um die Natur an meinem Busen willkommen zu heißen. Ich bin doch Yogalehrerin, denke ich kleinlaut. Ich kann doch sogar einen Kopfstand auf dem Surfboard, wenn keine Wellen sind. Ich habe doch Kraft in den Beinen? Kann mein Gleichgewicht halten? Eigentlich. Und an Land.

Meine Würde ist auf den Grund des Atlantiks gesunken.

Ich schaffe es in letzter Minute, mein Board zurück zu schleppen, mir das Salzwasser blitzschnell vom Körper zu waschen und rechtzeitig zu meiner eigenen Yogastunde im Pinienwald zu erscheinen. Mein Atem geht noch schnell, der Schweiß rinnt trotz Dusche schon wieder in Strömen, aber meine Teilnehmer liegen brav auf dem Boden, die Augen geschlossen. Während das Zwitschern der Vögel sie darauf einstimmt, tief in den Bauch zu atmen, trockne ich mir die tropfnassen Haare und schlinge einen Turban um den Kopf. Als ich fertig bin, dürfen meine Eleven aufstehen. Heute sind Gleichgewichtsübungen dran. Die fördern das Durchhaltevermögen.
 
 

 
 

Durchbruch

Durchhaltevermögen ist am nächsten Tag auch mein persönliches Thema. Immer wieder raffe ich mich zum nächsten Versuch auf. Wälze ich mich wie eine Seekuh aufs Brett, an Aufstehen ist nicht zu denken. Ich falle. Schleudere durchs Wasser, mein Rücken schleift über den Sandboden vor diesem unbarmherzigen Strand in Biscarrosse. Das ist der Moment, von dem David gesagt hat, in dem man nicht in Panik geraten darf. Auf keinen Fall.

Ich schlucke Unmengen Salzwasser, bekomme gefühlt Minuten keine Luft. Dann tauche ich prustend wieder auf.

Wie lange noch? Ich blicke zum Strand. David macht Handzeichen und pfeift: Raus! Mit gesenkten Köpfen und unseren Brettern unterm Arm trotten wir zu ihm. Jeden Schüler korrigiert er einzeln. Als er mich zu sich winkt, drückt er mir ein größeres Board in die Hand. Kein Brett, sondern eine abgeschabte, platt gewalzte Schwimmhilfe. Das größte Board weit und breit. „Mehr Fläche gibt dir mehr Auftrieb“, raunt er verschwörerisch. Die besonders dick gepolsterten Ränder („Rails“) sollen verhindern, dass ich versehentlich jemanden aus meinem Kurs erschlage.

Unsere letzte halbe Stunde bricht an. Wieder zurück in den kalten Atlantik. „Gebt jetzt alles! Ich will jeden von euch surfen sehen!“ ruft David. Mit meinem neuen Zauberboard werde ich mir meine Würde vom Grund des Meeres zurückholen. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte. Rauf aufs Brett, Füße ausrichten. Sprung auf die Fußsohlen, immer wieder. Nach einem Dutzend kläglicher Versuche schreit David: „Karin! Jetzt! Das ist deine Welle!“ Ich gehorche, paddle bäuchlings, schaue zum Strand, ich bin im rechten Winkel, aber die Welle ist viel zu groß. Für mich.

Jetzt hilft nur noch paddeln wie im Zeitraffer, zum Strand schauen, nicht nach hinten, sonst verliere ich meinen Kurs. Fürs Ausweichen ist es zu spät. Gleich reißt die Welle ihre wütende Fratze auf und verschluckt mich. Wie sie es immer gemacht hat. Aber nein! Diesmal verschlingt sie mich nicht, obwohl sie wie alle ihre Vorgängerinnen ihr Maul öffnet. Sie faucht nicht, sie flüstert. Ich weiß nicht, was passiert, aber ich hopse aus der Bauchlage hoch und fühle beide Fußsohlen auf dem Board. Sie rutschen nicht ab. Die Welle verwandelt sich in eine gnädige Weißwasserlady und erlaubt es mir, auf ihr bis zum Strand zu surfen. Ich stehe, schwebe, gleite, vielleicht fünf Sekunden lang, vielleicht auch kürzer. Mein Freudenschrei dauert mindestens doppelt so lang.

Ich erlebe ihn: mein kurzen Augenblick in Schwerelosigkeit.

„Hammer!“ ruft David. Dann lande ich wieder gurgelnd im Wasser.
 
 

Foto

Foto oben: Darius Metzler

Gelassen bleiben

Meine Würde habe ich zurück. Am nächsten Tag erkläre ich meinen Yogateilnehmern, was beim Surfen wichtig ist: gelassen bleiben. In jeder Situation beherrscht und ruhig, besonders wenn es einen länger unter Wasser drückt. Gleichgewicht, Körperspannung. Ich höre mich an wie ein Profi, denke ich verwundert. Alle lauschen mir genauso verzückt, wie sie es bei David tun. Selbst Yoga in einem Surfcamp zu unterrichten, überzieht einen offenbar mit einer Aura aus Sexappeal und Coolness. Wenn ich ehrfürchtig von den Frischlingen gefragt werde, ob ich weiß, wie es ist, über die Wellen zu gleiten, kann ich jetzt wahrheitsgemäß und aus vollem Herzen „Ja!“ sagen. Ich werde dafür respektiert, geradezu angehimmelt. (So also ist das für David den ganzen Sommer lang.)

Dass das Gefühl der Schwerelosigkeit höchstens fünf Sekunden gedauert hat, verschweige ich.

Am Abend, beim Theorie-Unterricht, sitzen wir Teammitglieder mit unseren Firmen-Shirts am Rand – bereit dem Chef-Surflehrer jederzeit etwas zu bringen. Ein Kabel für den Laptop beispielsweise, auf dem er Filmaufnahmen zeigt. Oder die Teilnehmerliste, um Plätze zu tauschen. Den Stundenplan, damit er die Änderungen laut vorlesen kann. David steht an der Tafel, kritzelt Wellen, erklärt ihre Entstehung, nickt erst wissend zu uns, senkt dann seinen Blick in die Runde der Schüler und proklamiert wie ein Naturgesetz: „Wir Surfer sind Adrenalin-Junkies.“ Andächtiges Raunen. In der Pause fragt er mich, ob ich morgen wieder beim Surfen dabei sein werde. Nachdem ich es jetzt schaffe, auf dem Board zu stehen, dürfe ich mir aussuchen, in welchen Kurs ich gehe. Dann könne ich den Yogaunterricht besser koordinieren und hätte nicht immer so eine Hetzerei. Danke, sage ich – und verneine. Ich habe mein Ziel erreicht: Einmal stehen und ans Ufer surfen. Mehr will ich gar nicht. Schade, meint David. Tja, rechtfertige ich mich, mit Adrenalin habe ich es nicht so. Und erkläre, dass mir Serotonin und Oxytocin in meinem Körper einfach lieber sind. David schaut mich fragend an, er hat keine Ahnung, wovon ich spreche. Genau wie ich vor drei Tagen, als es um Weißwasser, Grünwasser, Off-Shore, On-Shore, Cross-Shore, Lip, Face und Shoulder ging. Ich weiß jetzt dafür genau, was ich sagen kann, wenn wieder Fachchinesisch erklingt:

„Nice, nice, nice.“
Und gelegentlich eingestreut: „Hammer!“

In den restlichen vier Wochen verbringe ich meine Freizeit in einer Hängematte, die ich zwischen zwei Pinien aufspanne. Wenn ich ans Meer gehe, spaziere ich gemütlich barfuß am Ufer entlang und sammle Muscheln. Auf ein Surfboard steige ich nicht mehr.

Freiheit, Glück. Verschmelzen mit der Natur. Das erlebe ich genauso gut, wenn ich beim Sonnenuntergang für mich alleine Yoga mache.

 
Foto: Darius Metzler
 

* * *

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Eine Episode von

karinlochner.de

Karin Lochner

Karin Lochner bastelte sich mit 13 Jahren ein Faschingskostüm als Rasende Reporterin. Fünf Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Artikel im Münchner Merkur. Seither schreibt sie über Reisen, Essen und Brauchtum. 2013 gewann sie den Walliser Medienpreis (1. Platz). Wenn sie nicht unterwegs ist, unterrichtet sie Yoga und andere Bewegungskünste, die dabei helfen, sich biegsam in einen überfüllten Ochsenkarren zu schmiegen (Senegal), das Rütteln bei einer Überlandfahrt ohne Blessuren zu überstehen (Jamaica) oder das Schaukeln auf einem bockigen Kamel (Katar) mit Würde zu genießen. Die nächste Reise mit einem unkonventionellem Transportmittel kommt gewiss.

Leserpost

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  • Ines on 22. Oktober 2020

    Herrlicher Bericht zum Surfcamp im Atlantik!

    Antworten
  • Annette Metz on 22. Oktober 2020

    Der Artikel von der surfenden Yogalehrerin Karin Lochner ist grandios und echt witzig geschrieben, zusammen mit den Filmen und Fotos von Darius Metzler und ihr spürt man den Sand vom letzten Sommer zwischen den Zehen und riecht das Meer.

    Antworten
  • Angelika on 22. Oktober 2020

    Sehr anschaulicher Bericht, direkt zum Miterleben, aufregend, sehr spannend!

    Antworten
  • Ingrid on 22. Oktober 2020

    der Artikel von Karin Lochner ist sehr amüsant geschrieben. Ich kann mich richtig reinversetzten.
    Ausprobieren möchte ich das im Atlantik allerdings nicht.
    Hab’s mal am Gardasee probiert und bin kläglich gescheitert. Da bleib ich doch lieber beim Yoga :-).

    Antworten
  • Sonia on 22. Oktober 2020

    Ich liebe diesen Artikel – bin genauso alt wie Karin Lochner und mir ging es mit dem Surfversuch ganz genauso wie ihr. Musste herzhaft lachen und konnte es absolut nachvollziehen.
    Danke für den kurzen literarischen Ausflug an den Atlantik!

    Antworten
  • Juliane Braun on 22. Oktober 2020

    Ich liebe diese Selbstironie! Da spürt man die gestandene Yogini mit Witz und Lebensweisheit! Was für ein lebendiger Text!

    Antworten
  • Camilla on 22. Oktober 2020

    Super! Vielen Dank für diesen interessanten und vorallem amüsanten Bericht vom Surfcamp! Ein sehr emotionaler und nachvollziehbarer Blick hinter die Kulissen und in die Mühsal vor dem „Flow“.

    Antworten
  • Elisabeth on 22. Oktober 2020

    Dein Artikel erinnert mich wieder an Ferien in Biscarosse vor langer Zeit und die von dir beschriebenen unbeschreiblichen Sonnenuntergänge. Einmal bin ich auch die Wanderdüne hochgeklettert, ich weiß gar nicht, ob es damals schon Surfer gab. Leider kenne ich auch das Thema Abspülen im Zusammenleben mit den jungen Leuten, in meiner Arbeit hätten die meisten meiner Kollegen meine Kinder sein können und wenn ich nicht wollte, daß es mir graust in der Teeküche, mußte ich sie eben selber sauber machen. Aber: Es ist doch ein sehr gutes Gefühl auch im Oma-Alter noch Anerkennung bei jungen Leuten zu finden und das bestimmt nicht wegen dem Abwasch, den man macht. Respekt für deinen Mut und „Demut“!

    Antworten
  • Sigrun on 22. Oktober 2020

    Nach Karin Lochners Bericht bekomme ich große Lust, endlich mal wieder an die Atlantikküste zu fahren. Oh, diese wunderbaren Sonnenuntergänge!

    Antworten
  • Siglinde on 22. Oktober 2020

    Hammer, man spürt beim Lesen förmlich das Salz auf der Haut, fühlt das Weißwasser über einem einstürzen und kämpft mit gegen die Ameisen und die Geschirrberge. Packender Bericht aus dem richtigen Leben.

    Antworten
  • Jessica on 22. Oktober 2020

    Ich werde heute beim Einschlafen das Rauschen der Wellen hören… Danke!

    Antworten
  • Regine on 22. Oktober 2020

    Hoffentlich bleibt der Lesekreis überschaubar, damit dieser Ort ein Geheimtipp bleibt. ;-) sehr schön berichtet von Frau Lochner!

    Antworten
  • Brigitte on 22. Oktober 2020

    Ich finde es einfach unterhaltsam….. ich glaube ich werde keinen Surfkurs mehr buchen, lieber Muscheln sammeln ;-))))

    Antworten
  • Vanessa on 22. Oktober 2020

    So eine schöne reportage! Ich war quasi dort!

    Antworten
  • Susanne on 22. Oktober 2020

    Toller Bericht, schöne Fotos und Videos, kurzweilig zu lesen. Danke!

    Antworten
  • Angela on 23. Oktober 2020

    Ich versuche mich gerade hier in San Diego mit dem Surfen. Die Wellen des Pazifik scheinen nicht ganz so erbarmungslos wie die Wellen des Atlantik zu sein. Wenn sie mich verschlingen lassen sie mich auch schnell wieder los. Das mit dem Yoga und Surfen finde ich sehr interessant- bisher konnte ich mich noch nicht lange auf dem Brett verwurzeln, aber vielleicht hilft mir der Gedanke ans Yoga dabei. Ich werde es am Wochenende gleich mal ausprobieren ;)

    Antworten
  • U.B. on 23. Oktober 2020

    Auch wenn Surfen sicher kein Sport für meine alten Knochen ist, so habe ich doch den Artikel von Karin Lochner mit großem Interesse gelesen.
    Ihr lockerer Schreibstil macht einfach Spaß, egal welchem Thema sie sich gerade widmet.
    Danke für das Lesevergnügen!

    Antworten
  • N. on 23. Oktober 2020

    Oh super! Ein sehr unterhaltsamer Bericht. Beeindruckend, was für ein unglaublicher Mut die Autorin (wohlwissentlich um ihr Alter) mit sich bringt! Sich ganz alleine in so eine hierarchische Surf-Community einzulassen und bei den Anfängern mitzusurfen… Das nennt man wohl Verlassen der Komfortzone! Bewundernswerte Neugier aufs Leben und die Demut und Dankbarkeit, die darauf folgten, bedeutet schlicht Lebensweisheit. Wunderbar. Ein vorbildhafter Mutmacher für alle Frauen, etwas „alleine“ zu unternehmen. Und sei es auch nur „alleine“ ins Konzert, „alleine“ sich in einen Sportkurs anmelden oder eben auch „alleine“ in den Urlaub. Denn das hat man an Karin Lochners Bericht gemerkt: Man lernt alleine niemanden besser kennen, als sich selbst.

    Antworten
  • maria on 23. Oktober 2020

    Hammer! Bitte weiter so

    Antworten
  • maria on 23. Oktober 2020

    Hammer! Bitte weiter so

    Antworten
  • Elke Seeberger on 23. Oktober 2020

    so lebhaft geschrieben…… großer Lesespaß

    Antworten
  • Sabine on 23. Oktober 2020

    Herrlich, die Episode von Karin Lochner. Ich muss auch mal wieder an die Atlantikküste und Pinien schnuppern.

    Antworten
  • Ilona on 23. Oktober 2020

    Danke für diesen unterhaltsamen Bericht. Interessant diese hierarchische Parallelwelt. Ach ja, und die Sehnsucht nach dem Atlantik kommt wieder….

    Antworten
  • Gerda on 23. Oktober 2020

    Karin, Du schreibst so überwältigend gut
    ich habe mich köstlich amüsiert über deinen Bericht
    – mehr kann ich dazu nicht sagen.

    Antworten
  • Isa on 24. Oktober 2020

    Toller Bericht! Hammer! Macht total Lust, den nächsten Urlaub im Surfcamp am Atlantik zu verbringen! Und man fühlt sich beim Lesen, als wäre man dabei, ist also für ein paar Minuten im Urlaub :-))) Danke, Karin!

    Antworten
  • Andreas on 24. Oktober 2020

    Danke für diese lebendigen, witzigen und ironischen Impressionen. Verlockend, deser Spannungsbogen zwischen Surfen und Yoga. Als ein dem Yoga Zugewandter halte ich es aber lieber wie die Autorin in der Schlusspassage: Yoga solo, ganz entspannt.
    Andreas

    Antworten
  • Cara on 24. Oktober 2020

    Sehr interessanter und toll zu lesender Beitrag.

    Antworten
  • silke on 25. Oktober 2020

    Ein herrlicher Ausflug an den Atlantik!!! Spannend geschrieben, als wenn ich kurz mit dabei war! Auf dem Board ,in den kalten Wellen! In dem Zelt mit den Ameisen! Karin Lochner schreibt so mitreißend und witzig, und kann mich dabei großartig aus dem Alltag entführen! Nice :) Danke!!!

    Antworten
  • Annette on 27. Oktober 2020

    Danke für den Kurzeinblick in die Surferwelt. Ich finde es faszinierend den Surfern zuzuschauen und bin voller Eherfurcht, wie man auf dem Brett stehen bleiben kann. Ich glaube ich bleibe auch bei den Strandspaziergänge und Sonnenuntergängen…
    Im nächsten Leben, wenn ich jung bin würde es mich schon jucken:-)
    Danke für den amüsanten Beitrag.

    Antworten
  • Angelika on 29. Oktober 2020

    Der Surfartikel einfach herrlich, witzig, unterhaltsam geschrieben.

    Antworten
  • Heide on 1. November 2020

    Dein Bericht erinnert mich an unsere Urlaube, die wir vor 35 in dieser schönen Ecke Frankreichs verbrachten. Wunderbare Wellen, Sand so weit das Auge reicht, Campingpllatz im Pinienwald, Essen vor unserem kleinen Zelt, traumhafte Sonnenuntergänge… Du hast das so wunderbar und erfrischend beschrieben, ich war richtig dabei. Freue mich schon auf die nächste Travelepisode von Dir. Bis dahin eine gute Zeit.

    Antworten
  • Dotzine on 1. November 2020

    Super geschrieben, fast als wäre man dabei:)

    Antworten
  • Wolfgang Hagner on 1. November 2020

    Klingt sehr interessant.
    Würde es gerne mal ausprobieren.

    Antworten
  • Véronique on 1. November 2020

    Herrlicher Beitrag! So lebendig beschrieben das ich dachte selbst dabei gewesen zu sein.

    Antworten
  • S. Manson on 2. November 2020

    Hammer! Nice!!! :-)
    Echter Lesespass
    Danke, Sabine

    Antworten
  • Britta on 3. November 2020

    Ein toller Bericht! Man kann direkt mitfühlen und hat das Gefühl dabei zu sein. Wunderbar und humorvoll geschrieben!

    Antworten
  • Irene on 10. November 2020

    Ein total witziger Bericht, und ich konnte mir die Stimmung richtig gut vorstellen. Ich glaub ich war vor ca 40 Jahren Mal in Biscarosse und da gab’s noch keine surfer.

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