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The Travel Episodes

Alaska – mit dem Kanu bis zum Beringmeer

Großer Fluss

Großer Fluss, so nennen den Yukon die Athabasken-Indianer. Er ist einer der mächtigsten Ströme unserer Erde.
Dirk Rohrbach bereist ihn mit einem selbst gebauten Kanu bis zum Beringmeer …

Bis heute ist er die Lebensader für die Siedlungen im Herzen Alaskas, zu denen keine Straße führt. Der Goldrausch des 19. Jahrhunderts hat ihn legendär gemacht, durch die Bücher von Jack London, Robert Service und Pierre Berton wurde er zum Mythos. Es ist meine dritte Reise auf dem Großen Fluss zum Beringmeer. Wieder mit meinem Kanu aus Birkenrinde, das ich für meinen Solo-Trip vor ein paar Jahren gebaut habe. Dieses Mal starte ich nicht an den Quellseen des Yukon in Kanada, sondern an einem monumentalen Bauwerk mitten in Alaska.

 

Vollbeladen stoße ich das Kanu in die Fluten. Regen in den Bergen hat den Pegel des Yukon deutlich ansteigen lassen. Und leider soll das Wetter auch bald wieder umschlagen, der hochsommerlichen Hitze der letzten Tage werden kühle Temperaturen und Sturm folgen, sagen die Prognosen.

Wann immer möglich will ich auf meiner Reise auf Flussinseln kampieren. Sie sind der beste Schutz vor Moskitos und Bären. Für die einen sind sie meist zu windig, für die anderen zu uninteressant, zumindest in der naiven Vorstellung der Kanuten.

Auf eine Begegnung mit Vertretern beider Spezies bin ich jedenfalls nicht sonderlich scharf, wobei ein hübsches Bärenfoto schon nett wäre, mit Teleoptik, versteht sich.

Mein Fokus soll aber auf den Siedlungen am Fluss liegen, mich interessiert das Leben der Dorfbewohner, das ich dokumentieren möchte. Und so erreiche ich nach drei Tagen einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt in der Abgeschiedenheit der nordischen Wildnis.

Am Zusammenfluss der beiden größten Flüsse Alaskas, Yukon und Tanana River, handelten früher schon die Ureinwohner. Das heutige Dorf entstand wie so viele erst im 19. Jahrhundert aus einem Handelsposten und Fort. Obwohl gerade mal 250 Menschen in Tanana leben, gilt der Ort als Zentrum für das Hinterland von Alaska. Das liegt an der strategisch günstigen Flusslage und am Elliott Highway, der gerade verlängert wird. Nach der Fertigstellung soll er Tanana ans karge Straßennetz Alaskas anschließen und die Metropole Fairbanks auch mit dem Auto erreichbar machen. Viele Bewohner versprechen sich Vorteile und günstigere Preise, auch für den Laden am Fluss. Geführt wird er von Dale und Cynthia Erickson.
 
 

 
 
„Das Leben in der Stadt ist einfacher als hier im Dorf“, erklärt Cynthia den Wegzug vieler aus dem Busch. „Das Wohnen kostet weniger, man muss kein Holz schlagen oder Wasser holen.“ Sie freut sich über den neuen Highway. „Der wird uns eine neue Welt eröffnen, billigere Lebensmittel, billigeren Sprit, vielleicht ein bisschen Tourismus.“ Bislang werden die Güter zu einem großen Teil mit dem Flugzeug nach Tanana gebracht. Entsprechend hoch sind die Kosten, und bei schlechtem Wetter fallen die Flüge aus und der Nachschub an frischen Waren kann für Tage ausbleiben.
 
 

 
 

Am Abend sitzen wir vor der großen Fensterfront im Obergeschoss ihres Ladengebäudes, in dem auch die örtliche Poststelle untergebracht ist, und plaudern über Cynthias deutsche Wurzeln. “Die Deutschen sind hinter meiner Großmutter her gewesen. Hallo?”, scherzt sie. Außerdem hat sie athabaskische Vorfahren. “Und ein bisschen Yup’ik Eskimo. Wir sind hier alle irgendwie verwandt, bis runter nach Holy Cross am Ende des Yukon.” Wenn sie stur ist, dann käme das Deutsche durch, sagt Cynthia. Fast alle Bewohner von Tanana seien Athabasken, fährt sie fort. “Wir fühlen uns indianisch, weil wir indianisch aufgewachsen sind. Trotzdem gehe ich in den Laden und kaufe Mikrowellen-Sandwiches, Pizza und Pepsi. Wenn deine Kultur aber darin besteht, sich vom Land zu ernähren, zu jagen, zu fischen, Wasser zu holen, Holz zu sammeln, dann ist das ein Verlust deiner Identität. Du lebst plötzlich von Sozialhilfe, wohnst umsonst in einem Haus, alles wird dir geschenkt. So nimmt die Regierung dir die Selbstachtung und den Stolz und zerstört die Familien.”

Dabei mögen die vermeintlichen staatlichen und privaten Hilfsprogramme ja gut gemeint sein, vielfach führen sie jedoch in eine Abhängkeit. Die Folgen sind bekannt und mitunter dramatisch: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt in der Familie, Kindesmissbrauch. An kaum einem anderen Ort sei die Selbstmordrate so hoch wie im Busch von Alaska, sagt Cynthia und entschloss sich, etwas dagegen zu unternehmen. Sie organisiert jetzt regelmäßige Treffen für Kinder und Jugendliche, Spieleabende, Handarbeiten. Aus der improvisierten Zufluchtsstätte wurde eine feste Institution.“Wir nannten es ‘Grandma’s House’, weil jeder von uns in der Regel eine gute Großmutter hatte. Elchsuppe, frisches Brot und Großmutters Liebe, ein glücklicher Ort zum Wohlfühlen.”
 
 

 
 
Am Ufer des Yukon reihen sich die smokehouses aneinander. Hier werden die gefangenen Fische verarbeitet und zum Trocknen oder Räuchern aufgehängt. Die Konstruktion der Schuppen ist einfach, ein paar Sperrholzplatten, Wellblech und die in Alaska allgegenwärtige blaue Bauplane, fertig. Die meisten Lachse werden mit zum Teil riesigen fish wheels, Fischrädern, aus dem Yukon geholt. Die gigantischen Drahtschaufeln rotieren auf einem Floß in Ufernähe, fixiert und angetrieben vom Yukon selbst, wie ein perfektes Perpetuum mobile. Hunderte von Fischen lassen sich so täglich aus dem Fluss holen, bestätigen mir die Einheimischen den Erfolg der archaischen wie genialen Fangmaschine.
 
 

 
 
Der Yukon ist bei Tanana über einen Kilometer breit, die Strömung stark. Mit den schlammigen Wassermassen des Tanana River, mit denen er sich ein paar Kilometer stromaufwärts vereint, wird er zu einem noch mächtigeren Strom und endgültig zu Alaskas Fluss, auch wenn seine Quellseen in Kanada liegen.
Wenn die Menschen hier vom Yukon sprechen, beginnen ihre Augen zu strahlen.

Es ist eine Mischung aus Respekt, Ehrfurcht und Dankbarkeit, die in ihren Worten mitschwingt. „Er ist wie das Blut, das durch deine Adern fließt, ein Teil von dir. Du kannst eine Zeitlang weggehen, aber der Ruf der Wildnis holt dich immer wieder zurück”, meint Cynthia, und ergänzt in ihrer trocknenen Art: “Das sieht man doch schon bei dir. Dich werden wir ja auch nicht mehr los.”
 
 

 
 
Bei strahlendem Sonnenschein und absoluter Windstille verlasse ich Tanana am nächsten Tag. Trotz der perfekten Bedingungen paddle ich nah am rechten Ufer entlang. Dort kann ich zwar nicht immer die stärkste Strömung ausnutzen. Aber der Yukon ist inzwischen so riesig, und das Wetter kann so schnell umschlagen und gefährlicher Wind einsetzen, dass ich das unter Umständen rettende Land lieber rasch erreichen möchte. Tatsächlich zieht am Nachmittag eine Gewitterfront über den Fluss. Innerhalb von Minuten verwandelt sich das gerade noch ruhige Wasser in eine tosende Flut, über die die Sturmböen peitschen.

Am Ende muss ich acht Stunden warten, bevor der Wind abflaut und ich im warmen Licht der Abendsonne weiterpaddeln kann. Als später erneut leichter Regen einsetzt, finde ich einen passablen Uferstreifen an einer großen, bewaldeten Insel fürs Nachtlager. Nachdem das Zelt steht, bringe ich auf dem kleinen Campingkocher Wasser für ein Pastatütengericht zum Kochen und lasse mich zum Essen in den Campingstuhl fallen. Während ich in meiner Regenkleidung die Nudeln aus dem Topf löffle, schwimmen zwei Otter am Ufer vorbei.

Alaska begeistert auch bei Sauwetter.

 
 

 

* * *

Zweites Kapitel

Menschen am großen Fluss

Die Begegnungen an seinen Ufern machen das Reisen auf dem Yukon so einzigartig. Von einem Musiker im Herzen und einem gestrandeten Russen, der eigentlich ein Philosoph ist.

Die laute Musik ist weithin hörbar, als ich frisch geduscht aus der washeteria, dem öffentlichen Bade- und Waschhaus von Ruby komme. Statt zurück zum Ufer zu laufen, wo ich das Kanu vor ein paar Stunden an Land gezogen habe, entschließe ich mich zu einem kleinen Umweg und folge mit Waschbeutel und feuchtem Handtuch unterm Arm den Klängen der Musik. Nach ein paar Minuten ist die Quelle ausgemacht: Auf der Veranda eines der Häuser, die sich an den Hang schmiegen, jammt ein Mann mit Sonnenbrille und Baseball-Kappe. Neben ihm wuchtige Lautsprecher, aus denen ein permanentes Feedback-Brummen wummert, auch wenn der Musiker eine kurze Pause macht, zur offenen Bierflasche auf dem Geländer greift und einen tiefen Schluck nimmt. Dann folgt der nächste Riff.

„I met a gin soaked, bar room queen in Memphis…”, schmettert der Gitarrist im nächsten Moment ins verbeulte Mikro, das vor ihm im Stativ klemmt. Fast möchte ich mir ungläubig die Augen und Ohren reiben. Die Stones, live am Yukon, von einem leicht angeschickerten, barstrumpfigen Musiker interpretiert ? „Heute ist mein letzter Abend.“, erklärt John, als ich ihn anspreche. Morgen geht’s zur Arbeit zurück auf den North Slope.“ Für viele Wochen wird er dann weit entfernt von seiner Familie Geld für den Unterhalt verdienen. „Meine Frau weiß, dass ich tief im Herzen ein Musiker bin. Deshalb lässt sie mich hier spielen“, sagt John noch und stimmt dann einen selbstgeschriebenen Song an, den er für seine verstorbene Mama geschrieben hat.
 
 

Keine Frage, die Begegnungen am Yukon machen das Reisen auf ihm so unvergesslich.

Und in Ruby fallen sie besonders interessant aus. Am Nachmittag, kurz nach der Ankunft, hatte ich beim Cola-Kaufen im Dorfladen den Vater von Cynthia aus Tanana getroffen. Er erzählte mir von seinem deutschen Vater, den er nie kennengelernt hat. Und von Billy McCarty Jr., einem der besten Hundeschlittenbauer Alaskas, den ich am nächsten Tag in seiner Werkstatt besuche. Dort erfahre ich nicht nur, wie die Schlitten aus Birkenholz entstehen, sondern auch wie Billys Vater 1925 am legendären Serum Run teilnahm. Mit einer Hundeschlittenstaffel wurde damals lebenswichtiger Impfstoff nach Nome an die Westküste gebracht, wo gerade eine Diphterie-Epidemie wütete. Als Erinnerung an die heroische und am Ende erfolgreiche Aktion findet seit den 1970er Jahren das inzwischen ebenso legendäre Iditarod-Hundeschlittenrennen von Anchorage nach Nome statt. Das hat 1975 ausgerechnet ein junger Mann gewonnen, der in Ruby geboren wurde, Emmitt Peters.

Am meisten hat mich auf meinen Yukon-Reisen aber Jake aus Galena beeindruckt, den sie alle nur ‚The Mad Russian’, den verrückten Russen, nennen. Eine Erkenntnis, die er bei unserem ersten Zusammentreffen formulierte, geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. „Die Art und Weise, wie wir jeden Tag auf unseren Horizont blicken, beeinflusst unsere Psyche“, sagte Jake.

„Und je weiter der Blick schweifen kann, desto größer sind das Herz, die Seele und der Geist der Menschen.“

 
 

 
 
Jake haust noch immer mittellos direkt am Ufer des Yukon, dessen Eisaufbruch und nachfolgende Flut vor ein paar Jahren ihm auch noch das letzte Hab und Gut geraubt haben. „Der Fluss ist trotzdem gütig. Er gibt großzügig“, ist Jake überzeugt und bezieht das vor allem auf die Nahrung, die er schenkt. „Der Yukon verteilt quasi seine Ressourcen an dich. Und wenn du so beschenkt wirst, wirkt sich das auf deinen Charakter aus, und darauf, wie du mit anderen umgehst.“
 
 

 
 
In seiner Heimat Russland ist Jake nicht mehr gewesen, seit er das Land in den 1980ern als Teenager mit seinem Vater verlassen hat. „Es ist mir fremd geworden, extrem fremd. Ich kann nicht begreifen, wie sehr die Menschen dort die Tyrannei lieben.“ Er habe sich für den Yukon entschieden, weil er genau das Gegenteil vom ‚Zarentum’ Putins sei. „Der Yukon ist so mächtig, er verändert sich ständig, steigt an, nimmt wieder ab. Gleichzeitig ist er solide, man kann ihm nichts anhaben. Der Fluss macht sein Ding, und mir gibt es große Sicherheit, ihn dabei zu beobachten und erinnert zu werden, was für eine unaufhaltsame Kreatur er ist. Na ja, und in jedem Fall ist er besser als Putin.“

Ich nutze die Pause in Galena für bitter nötige Reparaturarbeiten am Kanu. Kurz vor meiner Ankunft hier bin ich in einem Seitenarm wieder über eine Untiefe gerutscht und hatte sofort Wasser im Boot.

Außerdem wirken beim Paddeln und Tragen konstante Kräfte auf die Strukturen des Kanus. Als Folge reißen seit Beginn der Reise die Nähte an unterschiedlichen Stellen auf. In den Wäldern um Galena sammle ich frisches Harz von den Bäumen, das ich später um altes Bärenfett ergänzt großzügig auf die Nähte schmiere.

Das Bärenfett gab mir eine Dorfbewohnerin bei der ersten Reise in Fort Yukon, seitdem führe ich es in einem Plastikbeutel im Reparaturset, das sonst aus ein paar aufgerollten Kieferwurzeln, kleinen Flicken Ersatzrinde und einer umfunktionierten Fleischdose aus Blech für Harz besteht. So ein Kanu aus Birkenrinde mag anfälliger als ein Boot aus Plastik oder Alu sein, aber reparieren kann man eigentlich entlang der gesamten Strecke mit dem, was die Natur so hergibt.

Am Nachmittag verabschiede ich mich wehmütig von Jake und steche mit dem frisch versiegelten Boot zurück ins Yukonwasser. Die Hitze des Tages steht heute förmlich über dem Fluss, keine kühlende Brise wie sonst. Meine Versuche, dass ich wie beim Radeln durch meine Geschwindkeit wenigstens ein bisschen Fahrtwind produzieren kann, gebe ich bald wieder auf. Der Yukon und ich sind einfach zu lahm geworden. Träge erreiche ich Stunden später eine Sandinsel mitten im Fluss und beschieße, hier zu kampieren. Beim Ausladen dann eine freudige Überraschung.

* * *

Drittes Kapitel

Smoke on the water

Von nutzlosem und nützlichem Getier. Und einer Parade zum amerikanischen Unabhängigkeitstag.

Es dauert nur Minuten nach dem Blitzeinschlag, bis eine dunkle Rauchsäule in den Himmel steigt. In der weiten Landschaft fällt es mir schwer, die Entfernung zu schätzen, aber mit einem Blick auf die Karte wird die Nähe zu Nulato offensichtlich. Zum Glück liegt der kleine Ort auf der anderen Uferseite, trotzdem muss er ein paar Tage später evakuiert werden, wie ich flussabwärts erfahre. Die gesundheitliche Belastung durch die anhaltende, dichte Rauchentwicklung ist vor allem für Kinder und alte Menschen zu gefährlich, ein wiederkehrendes Problem im alaskanischen Sommer, vor allem wenn er so heiß und trocken ausfällt wie in diesem Jahr.

 

 
 
Weniger bedrohlich, dafür umso nerviger sind im alaskanischen Sommer natürlich die unzähligen Moskitos und, fast noch schlimmer, die black flies, die in Holy Cross auf mich zu warten scheinen. Die kleinen Kriebelmücken beißen zwar nicht so selbstverständlich wie die Moskitos stechen, hüllen den Paddler aber gerne in eine dichte Wolke aus Hundertschaften von Artgenossen, die mit ihrem hochfrequenten Surren und der penetranten Distanzlosigkeit das Hirn zermürben. Sie kriechen in Mund, Nase, Ohren und Augen, verfolgen einen bei Windstille selbst auf dem Fluss und beißen dann hin und wieder eben doch zu.

Ja, an dieser Stelle stelle ich die Schöpfung in Frage, wünsche mir kurzzeitig den Sturm zurück und greife zur Moskitonetzhaube. Mistviecher, nutzlose.

 
 

Spätestens mit der Siedlung Russian Mission erreiche ich den Lower Yukon und das Gebiet der Yup’ik Eskimos. Und ursprünglich das der Russen, die ihre Kolonie Alaska im 19. Jahrhundert erst besiedelten, dann aber doch 1867 für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauften. Der Zar brauchte Geld für seine Kriege, und die Wälder und Gewässer waren auf der Suche nach wertvollen Pelzen offenbar ohnehin leergejagt. Russian Mission wurde um 1836 als russischer Handelsposten gegründet. Russisch-orthodoxe Missionare gaben ihm dann seinen Namen, der bis heute geblieben ist. Die alte Dorfkirche auf einem Hügel am Ortsrand erinnert an die Geschichte. Doch das Wahrzeichen von einst verfällt im rauen Klima des Nordens.
 
 

 
 
Ein paar Kilometer stromabwärts finde ich eine sandige Landzunge zum Kampieren und will morgen früh starten, um rechtzeitig zum 4. Juli in Marshall zu sein. Die Kultur der Yup’ik mag für den Alltag hier draußen größere Relevanz haben, aber den amerikanischen Unabhängigkeitstag feiert man selbstverständlich auch im Busch von Alaska.

 

 
 
Gegen Mittag beginnt die Parade durch den Ort. Während in den Städten des Südens zeitgleich aufwändig dekorierte Flotten durch die Hauptstraßen ziehen, angeführt von der örtlichen Feuerwehr, den Highschool Cheerleaders oder den Oldtimern der Kriegsveteranen, knattert hier ein einsames Quad in Schrittgeschwindigkeit über die Schotterpisten von Marshall. Der Fahrer steuert nicht nur routiniert, gleichzeitig hält er auch auch den Fahnenmast mit der obligatorischen Flagge in die Höhe und sichert das Kleinkind auf dem Gepäckträger vor sich. Dem bunten Gefolge schließen sich immer mehr Dorfbewohner zu Fuß an, viele tragen stars & stripes, als Kopftuch, Mütze oder Gesichtsmaske. “Happy 4th!”, schallt es von überall, kleine amerikanische Fähnchen werden herumgereicht, Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Nach der Parade treffen sich alle vor dem Gebäude der Stammesverwaltung zum ebenfalls obligatorischen Barbecue. Hot Dogs mit Nudel- und Kartoffelsalat inlusive Limodose für fünf Dollar, unwiderstehlich.
 
 

 
 
Der Wind hat inzwischen wieder Sturmstärke erreicht. Es ist kühl und nieselt. Die Prognose für die nächsten Tage sei nicht vielversprechender, erfahre ich und will trotzdem weiter, nach Pilot Station.
 
 

 
 
„Viele sagen, Pilot sei einer der schönsten Orte am Yukon. Wir leben in einem netten kleinen Tal, jetzt im Juli ist alles grün, im Herbst dann rot, gelb, orange, es ist so schön. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben.“ Hat sie auch nie, Vivian Peters ist in Pilot Station aufgewachsen und will bis zum Ende hier bleiben. Rund 600 Menschen leben hier, das Delta ist nicht mehr weit. Die Schönheit, von der Vivian schwärmt, bezieht sich ganz sicher nicht auf die Häuser oder öffentlichen Gebäude, denn die sind im besten Fall funktionell, oft schäbig, aber immerhin vielfach bunt angemalt. Und sie schmiegen sich sanft zwischen zwei Hügelketten, die schroff in den Yukon abbrechen. „Ich liebe den Fluss, die Seitenarme, die Tundra. Das Land schenkt uns Blaubeeren, Lachs, Elchfleisch, alle Arten von Fisch. Und Muscheln kriegen wir auch, auf der anderen Flussseite.“ Vivian und ihr Mann Terry haben mich am Morgen aufgelesen. Mitten in einem heftigen Regenschauer steuern sie ihr Boot aufs Ufer zu, wo ich die letzte Nacht verbracht habe und bieten mir ihr Haus als Zuflucht an. Bei Kaffee wärme ich mich im Wohnzimmer auf. Anschließend begleite ich die beiden hinters Haus, wo sie den Fang des Tages verarbeiten: Königslachse.
 
 

 
 
„Ich schneide hier am Hals, über den Bauch, so, dass ich diese Teile dann noch halb-trocknen kann und sie sich über den Winter halten.” Vivian beugt sich über einen groben Holztisch, den Terry gezimmert hat, genauso wie das Smokehouse zum Räuchern, dessen Dach er nach vorne hin verlängert hat, damit seine Frau im Trockenen arbeiten kann. Das Zerlegen und Schneiden der Lachse ist ihre Aufgabe. „Ich habe meiner Mutter dabei zugeschaut und so gelernt. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich es zum ersten Mal probiert.” Vivian arbeitet konzentriert, sie setzt die Schnitte mit ihrem für die Region typischen Eskimomesser mit einer halbrunden Klinge. „Mein Messer heißt Ulu, es ist aus Eisen, aus dem Blatt einer Kreissäge.” Im Yukon River leben viele Fischarten, aber für Vivian und die Menschen am Fluss dreht sich alles um den Lachs. „Die meisten essen den ganzen Sommer lang Lachs. Davon kann man nie genug bekommen. Du kannst ihn ja auf verschiedene Arten zubereiten, du kannst ihn kochen, frittieren, backen, grillen. Viele Familien sitzen draußen ums Feuer, grillen ihn und reden miteinander. Das gehört einfach dazu. Wir leben von ihm, ich kann mir nicht vorstellen, die ganze Zeit nur Fleisch zu essen. Sogar meine Kinder mögen kein Fleisch mehr. Sie wollen Fisch, sie wollen Lachs.“
 
 

 
 
Und am liebsten den Chinook, den Königslachs, keiner ist größer, gesünder, aber auch seltener. Seit Jahren nimmt die Zahl der Kings ab, so sehr, dass sie niemand mehr fischen durfte, weder kommerziell noch für den Eigenbedarf. Fangzeiten und –quoten werden in Alaska vom Department of Fish and Game festgelegt. Die Behörde überwacht die Wanderung der Lachse und entscheidet in Abhängigkeit von der Zahl der Fische im Fluss, wann der beste Zeitpunkt zum Fischen ist. Lachse ziehen in der Regel pulsartig in Schwärmen flussaufwärts. Der Königslachs ist eine von drei Arten, die im Yukon leben, oder besser unterwegs sind. Nach dem Schlüpfen in den Laichgebieten geht es Richtung Meer, wo die Fische bis zu ihrer Geschlechtsreife leben. Nach ein paar Jahren schwimmen sie dann zurück zum Geburtsort, manchmal mehr als 3000 Kilometer stromaufwärts. Dort laichen die Lachse ab und sterben. Warum gerade die Zahl der Königslachse so dramatisch gesunken ist, weiß niemand so genau.
 
 

“Ich glaube, es gibt keine einfache Antwort”, meint Biologe Kyle Schumann von der Fischereibehörde. “Es ist wahrscheinlich eine Kombination vieler verschiedener Ursachen. Nicht nur im Süßwasser, auch im Meer. Denn obwohl wir genügend Chinooks durch Alaska nach Kanada in die Laichgebiete bekommen, scheinen die sich dann nicht genügend zu reproduzieren. Das deutet auf ein Problem im marinen Umfeld hin.”

Kyle leitet die Sonarstation der Fischereibehörde in Pilot Station. Jedes Jahr im Sommer ziehen er und sein Team für Monate in ein Zeltcamp und kontrollieren den Weg der Lachse im Yukon River. “Unser Sonar-Computer läuft gerade. Er ist unten bei der Boje mit dem Echolot verbunden.” Die Schallmessgeräte liefern rund um die Uhr Daten, wie viele Fische sich gerade im Yukon tummeln. Zusätzlich werden Testnetze im Fluss platziert und täglich kontrolliert. Erst dann läßt sich hochrechnen, welche Fische in welcher Zahl wann flussaufwärts ziehen. Kyle wirft für mich einen Blick auf die bisher gesammelten Daten.
 
 

 
 
“Also, bis zum 6. Juli kamen hier knapp 1,25 Millionen Summer-Chums, Ketalachse, vorbei. Das ist ein bisschen wenig für Yukon-Verhältnisse. Ich glaube, die Vorhersage lag urprünglich zwischen 1,6 und 2,2 Millionen oder so. Da werden wir also am Schluss eher am unteren Ende liegen. Es reicht aber immer noch, damit die Manager kommerzielles Fischen und für den Eigenbedarf erlauben.”

Die Behörde und ihre Mitarbeiter werden nicht überall geschätzt, denn die Strafen für das Nichtbeachten der Beschränkungen sind drastisch und reichen von Geldzahlungen über Konfiszieren von Ausrüstung inklusive des Bootes bis hin zu Gefängnisstrafen. Aber wohin unkontrollierte Jagd und Fischerei führen können, hat die Geschichte wiederholt gezeigt, gerade in Alaska, wo Pelzjäger schon früh die Seeotterpopulation bis zur Ausrottung dezimiert hatten.

Viertes Kapitel

Bis zum Meer

Der Yukon ergießt sich in drei Armen in den Ozean. Ich erreiche das Beringmeer zum Sonnenuntergang. Vor mir nur noch Wasser.

Die vier Windräder kündigen Emmonak schon aus der Ferne an, viele Stunden, bevor ich die Stadt tatsächlich erreiche. ‚Stadt’ – das erste Mal seit Wochen passt der Begriff wieder, obwohl in Emmonak gerade mal 800 Menschen leben. Aber der Ort ist das Zentrum der Fischerei im Yukon-Delta. Überall werkeln Menschen geschäftig an ihren Booten, be- und entladen sie, oder rasen im Affenzahn mit ihren Skiffs über den Fluss. Zerbeulte Trucks poltern auf holprigen Pisten, und der Lärm der Fischfabrik ebbt erst in den frühen Morgenstunden ein wenig ab. In der Hochsaison der Lachswanderung wird fast rund um die Uhr gearbeitet.
 
 

 
 
„Der Staat hat eine Studie gemacht und dabei kam raus, das es in Emmonak normalerweis nur 41 Vollzeitjobs gibt. Das sorgt für große soziale Probleme, das hier ist die ärmste Region nicht nur in Alaska, sondern in den gesamten USA”, erklärt mir Jack Schultheis, als ich ihm in seinem Containerbüro gegenübersitze. Er ist der general manager der Kwikpak Fischfabrik. Lange Zeit war die Königslachsfischerei ein Millionengeschäft, ihr Zusammenbruch hatte dramatische Folgen für die Menschen in den Dörfern. “Früher konnte eine Familie dadurch 40.000 Dollar im Jahr verdienen, heute vielleicht nur noch zehn oder zwölf Tausend. Das ist ökonomisch ein Riesenproblem.”
 
 

Kwikpak wurde im Jahr 2001 von fünf Gemeinden im Yukon Delta gegründet. Während der Lachssaison im Sommer arbeiten mehr als 300 Menschen hier, plus derzeit rund 440 Fischer, die ihren Fang verkaufen. Damit ist Kwikpak der größte private Arbeitgeber in der Gegend. „Letztes Jahr haben wir den Fischern 3,6 Millionen Dollar gezahlt, glaube ich. Und noch mal zwei Millionen an Gehältern hier. Insgesamt also über fünf Millionen Dollar, das mag nicht nach viel klingen, aber hier draußen ist das viel Geld, bei gerade mal rund 3500 Einwohnern.”
 
 

 
 
Auch Ron Jennings zählt zu den Fischern, die ihren Fang an Kwikpak verkaufen. Ich treffe ihn am Tag vor meiner Ankunft in Emmonak. Wir unterhalten uns am Tisch in seiner kleinen Hütte am Ufer des Yukon, gegenüber habe ich am Strand mein Zelt aufgeschlagen. Als Ron nach der Nachtschicht auf dem Yukon zurückkehrt, winkt er mich für einen Kaffee zu sich und seiner Familie. „Ich brauche nicht viel, nur die Freiheit tun zu können, was wir wollen. Im Winter stelle ich Fallen. Ich versuche für niemanden zu arbeiten, nur für mich selbst.“ Ursprünglich kommt Ron aus Spokane, Washington, in den 70er Jahren folgte er seinem Vater nach Alaska, erst nach Valdez im Südosten, dann ging er nach Nome zum Goldschürfen und schließlich traf er seine Frau, deren Familie aus Emmonak stammt.
 
 

 
 
Letzte Nacht war Ron mit zwei Helfern draußen auf dem Fluss. Seit das Fischen nach Königslachsen verboten ist, bilden Silber- und vor allem die Ketalachse die einzige Einnahmequelle für die Fischer am Unterlauf des Yukon. Mit dem Fang ist Ron zufrieden. „Wir haben 107 Fische gefangen, bei durchschnittlich 6 bis 7 Pfund Gewicht und 60 Cents pro Pfund macht das drei, vierhundert Dollar. Nicht schlecht für einen Zwölfstundentag. Aber es läuft nicht jeden Tag so gut.” Ron braucht mindestens hundert Fische pro Fahrt, um die Kosten, vor allem für den Sprit wieder hereinzuholen.

Benzin kostet hier am Ende der Welt locker das Dreifache als im Rest der USA.

“Schau dir doch an, was sie mit uns machen, sie lassen die Leute hängen. Wir können uns ja nicht mal mehr richtig selbst versorgen.“ Das habe ich immer wieder gehört bei meinen Reisen auf dem Fluss. Die Menschen verlieren ihre Kultur, deren essenzieller Teil die Selbstversorgung ist. Und je mehr die Möglichkeit dazu eingeschränkt wird, desto perspektiv- und nutzloser fühlen sie sich. Vielleicht ist die Arbeit in der Kwikpak Fischfabrik von Emmonak deshalb so wichtig, nicht nur als Beschäftigungs- und Einnahmequelle, sondern auch, weil sie Hoffnung schenkt.
 
 

 
 
Ein Gewitterschauer verzögert am Abend meine Weiterfahrt zum Meer. Knapp 20 Kilometer sind es von Emmonak bis ganz raus an die Küste. In der bewährten Gummikleidung gegen den Regen warte ich am Ufer neben dem Kanu und der verpackten Ausrüstung, bis sich das Wetter beruhigt. Erst nach 20 Uhr breche ich zu meiner letzten Etappe auf. Ich versuche den Gedanken an den viel zu nahen Abschied vom Fluss und seinen Bewohnern zumindest für den Moment zu verdrängen. Denn noch habe ich eine Nacht vor mir, und die möchte ich dieses Mal direkt am Beringmeer verbringen. Ich peile das Südufer an, kreuze den Fluss ein letztes Mal und umschiffe die Untiefen, die die Mündung ankündigen. Der Yukon ergießt sich in drei Armen in den Ozean, der mittlere Kwiguk Pass, an dem auch Emmonak liegt, bildet dabei den kleinsten Kanal. Zahlreiche Inseln blocken die Sicht aufs Meer, nach gut drei Stunden aber öffnet sich der Fluss zunehmend und im Sonnenuntergang lande ich schließlich an. Vor mir nur noch Wasser.

Ich wuchte die Ausrüstung übers Steilufer, stelle mein Zelt auf den überraschend unebenen Boden und sichere mit allen Abspannleinen gegen einen möglichen Sturm, der jederzeit aufziehen könnte. Drei Yup’ik besuchen mich nach Mitternacht mit ihrem Boot. Sie sind auf dem Rückweg von der Robbenjagd, leider ohne Erfolg. Wir freuen uns gemeinsam über die Pastellfarben am Abendhimmel, durch den jetzt Hunderte von Moskitos surren. Die Familie zieht weiter, ich flüchte mich in den Schutz des Zeltes, lausche im Schlafsack noch den Wellen, die sanft ans Ufer schwappen.

„Der untere Yukon ist einer der gewaltigsten Plätze, die es gibt”, erinnere ich mich an die verklärten Worte von Ron Jennings, dem weißen Fischer aus Washington. “Du wirst keinen besseren Ort finden. An manchen Stellen kannst du nicht mal das andere Ufer sehen, so wie im Ozean. Aber es ist ein Fluss.“

Ein großer Fluss.

 
 

 

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Infos & Empfehlungen


3.000 Kilometer im Kanu
Dirk Rohrbach paddelt in einem selbst gebauten Kanu aus Birkenrinde von den Quellseen des Yukons bis zu seiner Mündung ins Beringmeer. Per alter Goldsucher-Eisenbahn lässt er das Kanu über den White Pass transportieren, trifft einen indianischen Totemschnitzer, gelangt über die berüchtigten Five Finger Rapids in die alte Goldgräberstadt Dawson und verbringt Zeit bei Andy, der im Winter mit seinen zwölf Huskys über den gefrorenen Fluss zieht.

Termine für die Multimedia-Tour von Dirk Rohrbach gibt es hier. Noch mehr grandiose Bilder, Filme und Geschichten vom großen Fluss!

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Dirk Rohrbach ist Reisender, Fotograf, Journalist und Arzt. Er erzählt von seinen Reisen in preisgekrönten Livereportagen, bloggt Weltgeschichten, schreibt Bücher und engagiert sich für die Rettung der Sprachen der amerikanischen Ureinwohner. Seit 25 Jahren bereist er intensiv Nordamerika. Gerade befährt er im Kanu den Yukon. Dirk pendelt ohne festen Wohnsitz zwischen Amerika und Europa.

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  • feli on 24. Januar 2017

    Ich bin so beeindruckt von den Bildern und Videos! Herzlichen Dank für diese wundervolle Episode!

    Liebe Grüße von einer anderen Weltreisenden aus Argentinien :)
    feli

    Antworten
  • Belinda on 26. Januar 2017

    Es sind schöne Bilder, ja, aber was mich etwas störte, waren die teilweise sehr un-
    natürlichen Kommentare bzw. Erklärungen und die Betonung der Sätze dazu. Ein wenig wie, wenn man einem Kind was erzählt.
    Einfach mal ohne Kontrolle reden oder nicht darüber nachdenken, wie man vielleicht am besten rüber kommt, täte gut ;-). Es wirkte auf mich irgendwie nicht authentisch.
    Trotzdem Respekt…so ganz allein…, Belinda.

    Antworten

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